Das Versprechen - Nadine Ahr - E-Book

Das Versprechen E-Book

Nadine Ahr

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Beschreibung

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich Ria und Edwin 1945 kennenlernen. Doch das Schicksal trennt sie und lässt sie erst Jahre später zueinanderfinden. Von da an bleiben sie 39 glückliche Jahre zusammen. Dann erkrankt Ria an Demenz. Sie verwechselt Edwin mit ihrem ersten Ehemann, der sie geschlagen hatte. Und Edwin verliert die Liebe seines Lebens ein zweites Mal, nun an eine tückische Krankheit, die die Erinnerung an das glückliche Leben zunichtemacht.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Nadine Ahr

Das Versprechen

Eine Geschichte von Liebe und Vergessen

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich Ria und Edwin 1945 kennenlernen. Doch er hat sich einer anderen versprochen. Ria sitzt weinend in der Kirche, als Edwin seiner Braut das Jawort gibt. Die beiden verlieren sich aus den Augen, vergessen können sie einander nie. Viele Jahre später treffen sie sich erneut – und schwören diesmal, nie mehr auseinanderzugehen. Und sie bleiben zusammen, 39 glückliche Jahre lang. Doch dann erkrankt Ria an Demenz. Sie erkennt ihren geliebten Mann nicht mehr, leidet unter der Wahnvorstellung, er wolle sie schlagen. Wenn Edwin sich seiner Frau zu nähern versucht, beginnt sie zu schreien. Rias Zustand verschlechtert sich immer mehr – und Edwin erkennt: Er wird die Liebe seines Lebens ein zweites Mal verlieren, an eine tückische Krankheit, die die Erinnerung an das glückliche gemeinsame Leben zunichtemacht.

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Epilog

Danksagung

Für Edwin

Prolog

Als der Organist die ersten Töne anschlägt, muss ich schlucken. Ich werde nicht weinen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Edwin hätte es nicht gewollt. »Weine nicht, wenn ich gehe. Ich hatte doch ein so schönes Leben«, hat er immer gesagt. Oder hatte sie es immer gesagt? Ich weiß es nicht mehr, und es bedeutet letztlich auch nichts, denn jetzt weine ich doch. Warum auch nicht? Ich bin auf seiner Beerdigung.

Es ist ein Dienstagmorgen im Februar. Ein kalter Wintertag. Kurz nach elf Uhr in einer Sechziger-Jahre-Kapelle in Hannover. In dicken Mänteln sitzen wir in einem schmucklosen Raum mit Backstein an den Wänden und schwarzen Fliesen auf dem Boden. Durch die kleinen Fenster dringen Sonnenstrahlen. Bei Beerdigungen wünscht man sich Regen. Es ist der erste schöne Tag seit Wochen.

Unsere Abschiedsgemeinde ist klein, der Verstorbene hat lange gelebt, 91 Jahre alt ist er geworden, die meisten, die ihn kannten, sind vor ihm gestorben. In der vorderen Reihe rechts sitzen seine Schwiegertochter, sein Enkel. Sein Sohn ist bereits vor ihm gegangen. Herzinfarkt vor sieben Jahren. Links vorne sitzen meine Eltern, meine Patentante und ich. Streng genommen ist keiner aus der linken Reihe mit ihm verwandt. Auch ich nicht.

Edwin Ludwig, der Mann in dem Sarg, war mein Großvater. Der einzige, den ich je kannte. Der beste, den ich mir wünschen konnte. Nur blutsverwandt waren wir eben nicht.

Als die letzten Töne der Orgel verklingen und der Redner, der kein Pastor ist, ans Pult tritt und über die Akzeptanz des Todes spricht, monoton und unpersönlich, betrachte ich zum ersten Mal den Sarg, in dem Edwin jetzt liegt und der auf einer weinroten Decke vor mir steht. Es ist ein kleiner Sarg, denke ich. Und dann: Passt er da überhaupt rein? Schließlich war er, mein Großvater, ja ein stattlicher Mann. Wie soll ein so großer, starker Mann in so einen kleinen Sarg passen? Oder liegt er jetzt mit angewinkelten Beinen in dieser Kiste? Ich schüttele den Kopf, verwerfe den Gedanken. Er erscheint mir unpassend. Stattdessen schaue ich auf die Blumengestecke, die den Sarg schmücken. Bunt sind sie. So wie er es mochte. Bunt hatte er gern. »Ein letzter Gruß« steht auf dem Band an dem Gesteck, das auf dem Sarg liegt, dazu die Namen von seinem Enkel und seiner Schwiegertochter. Links und rechts auf dem Boden zwei weitere Blumengestecke, weitere Grüße, »in liebender Erinnerung«, Namen von Wegbegleitern. Gestecke wie tausend andere auch. So wie man es eben macht. Nur ein Gesteck, links neben dem Sarg, sieht anders aus. Blumen in Orange, Lila und Weiß, ohne Namen auf dem Band. Es hätte ihm gefallen. Ich habe es gekauft.

»Nun sind alle gekommen, um Edwin Ludwig den letzten Gruß zu erweisen«, sagt der Redner am Pult und holt mich aus meinen Gedanken. Es stimmt nicht, was er sagt. Nicht alle sind gekommen. Sie ist nicht gekommen. Die Frau, in deren Namen ich das Gesteck gekauft habe. Sie fehlt. Sie, die Einzige, die ihm wichtig gewesen wäre. Marie, die alle nur Ria nennen. Meine Großmutter. Blutsverwandt mit mir. Sein Mädchen.

Die Geschichte meiner Großeltern ist eine Geschichte wie so viele. Und doch ist es eine wie keine.

Hier an einem Dienstagvormittag im Februar, in einer Sechziger-Jahre-Neubau-Kapelle, in einem schmucklosen Raum, mit einem Redner, der nicht reden kann, und einer Enkelin, die keine ist, endet die Geschichte von Edwin und Ria. Eine Geschichte, die vor 68 Jahren, im August 1945, begann.

1

August 1945. Mit einem letzten Ruck kam der Wagen zum Stehen. Edwin saß auf der Ladefläche, gemeinsam mit den anderen. Drei Tage waren sie nun schon unterwegs, losgelaufen an der Küste im Norden Deutschlands. Dann weiter bis Hamburg mit dem Zug. Gegen Abend hatten sie die Hansestadt erreicht, hatten die Kerzen in den Fenstern und Ruinen gesehen. Angezündet für sie. Für die Heimkehrer. Die Soldaten.

Vier Jahre hatte Edwin im Zweiten Weltkrieg für Hitler gekämpft. Im Norden Frankreichs war er gewesen, dann in Russland. Er hatte Glück gehabt. Dem Kessel von Stalingrad war er knapp entkommen. Mit seiner Einheit war er immer tiefer nach Russland vorgedrungen. Nur zwei, vielleicht drei Tagesmärsche trennten sie von jenem Ort, der eigentlich für Ruhm und Erfolg des Deutschen Reiches stehen sollte. So hatte man es ihnen gesagt. Doch die Geschichte hatte etwas anderes vor. Stalingrad wurde zum Massengrab.

Der Streifschuss hatte Edwin am Oberschenkel getroffen. Wochenlang lag er im Lazarett, das Bein wollte nicht heilen. Als Edwin wieder kampffähig war, gab es seine Einheit nicht mehr. Sie saß fest. In Stalingrad. Lebende Tote. Edwin hatte Glück gehabt.

Nun, anderthalb Jahre später, war er hier. In Hannover. Mit nichts als einem kleinen Zettel in der Hand, Unterwäsche und ein wenig Hoffnung im Gepäck. »Absteigen«, schrie jemand von vorne. In wenigen Sekunden waren sie von der Ladefläche gesprungen, junge und alte Männer, gewohnt, Befehle auszuführen. Der Lastwagen fuhr los, zurück blieb nur eine Wolke aus aufgewirbeltem Staub, der sich auf die schmutzverkrusteten Uniformen legte. Edwin klopfte seine Kleidung ab. Nach ein paar unbeholfenen Versuchen ließ er es sein. Es brachte doch nichts. Seit Wochen, gefühlt seit Jahren, trug er diese Uniform. Schon längst sah er darin aus wie ein Lumpensack und nicht wie ein Soldat. Ein paar Minuten standen sie unschlüssig herum, die Männer und er, als könnten sie es nicht fassen, dass sie es doch, warum auch immer, geschafft hatten. Suchend, ein wenig hilflos blickten sie sich um. Eine Gruppe Heimkehrer. In einer Heimat, die nicht mehr nach Heimat aussah. Nicht nach dem, was sie kannten. Woran sie gedacht hatten, wenn sie nachts keinen Schlaf finden konnten.

»Hat sich einiges verändert«, sagte ein junger Soldat.

»Kann sein«, brummte Edwin, »ich weiß es nicht. Ich komm nicht von hier.« Seine Finger umklammerten das kleine Stückchen Papier, das er vier Kriegsjahre lang bei sich getragen hatte. Die Buchstaben waren schon verblasst, nur mit Mühe konnte man die Schriftzeichen lesen. Edwin hatte die Wörter im Kopf. Hatte sie sich fest eingeprägt.

»Du«, fragte er den jungen Soldaten, der ihn angesprochen hatte. »Weißt du, wie ich …« – er blickte noch einmal auf den Zettel, nur um sicherzugehen – »… zur Helenenstraße 4 komme?«

Der junge Soldat, ein schmaler, fast dürrer Mann mit blonden, kurzen Haaren, grinste. »Ja, das weiß ich ganz genau. Ich wohne nämlich in der Helenenstraße 8. Komm einfach mit mir.« Und dann: »Wie heißt du eigentlich?«

»Ich bin Edwin.«

»Ich bin Otto. Woher kommst du?«

»Thüringen«, sagte Edwin.

 

Am 19. April 1921 wurde Edwin in Katzhütte, einem kleinen Dorf in Thüringen, geboren. Das zweite Kind seiner Eltern. Der Vater ein einfacher Arbeiter, der im Eisenwerk schaffte, die Mutter Hausfrau. Leute vom Dorf, die keine Reichtümer hatten, doch genug zum Leben. Ein einfaches, ein gutes Leben. Selbst Ende der zwanziger Jahre, als Freunde und Nachbarn ihren Job verloren und man am Gartenzaun von Hitler sprach – ein beherzter Mann, mit dem nun endlich alles besser werden würde –, hatte sein Vater Arbeit gehabt. Das Eisenwerk ging gut. Vielleicht war auch das ein Grund, warum Arno, Edwins Vater, stets ein überzeugter Kommunist blieb. Selbst dann, als man das schon nicht mehr laut äußern durfte. »Arno«, sagte Edwins Mutter immer, wenn der Vater einen über den Durst getrunken hatte und gegen die Faschisten, »diese Elenden«, hetzte. »Arno, sei still. Du bringst uns noch in Teufels Küche.« »Ich? Die werden uns in Teufels Küche bringen. Die, nicht ich!«

Edwin, damals kaum älter als zehn Jahre, hatte nur wenig verstanden von den Reden seines Vaters. Von Proletariern, die sich vereinigen sollten, und all dem politischen Kram. Er zog lieber durch den Thüringer Wald. Ein Abenteuerspielplatz, in dem sie Räuber und Gendarm spielten und später die Mädchen hinters Gebüsch zogen für den ersten heimlichen Kuss. Die Welt in Katzhütte, Edwins Welt, war lange heil geblieben. Selbst dann noch, als »heil« schon für etwas ganz anderes stand. Als Hitler Polen überfallen hatte und der Krieg etwas war, das nicht mehr nur in der Luft lag, sondern Realität geworden war. Da hatte Edwin gerade seine Lehre zum Eisenformer beendet, in der Gießerei, in der auch sein Vater schaffte. Hatte seine erste große Liebe kennengelernt, Nächte in den Scheunen getanzt, sich einen Kuss und auch noch mehr erstohlen.

Es war im Winter 1940, Edwin war gerade 19 Jahre alt, als der Einberufungsbefehl kam. Vier Jahre hatte er, der Sohn eines Kommunisten, danach für den Endsieg gekämpft. Hier, in Hannover, weit weg von Daheim, auf einem Schotterplatz, ging seine Zeit als Soldat zu Ende.

 

Im Marschtempo setzten sich Otto und Edwin in Bewegung. Ein Stück geradeaus, dann rechts um auf eine Hauptstraße, an einem künstlich angelegten See entlang.

»Das ist der Maschsee«, sagte Otto und deutete mit einem Kopfnicken auf das Wasser. »Naherholungsgebiet. Hitler hat den See bauen lassen.«

Edwin brummte. Der Frieden war noch zu frisch, es waren nicht die Tage, in denen man über Hitler sprechen wollte. Man wollte gar nichts mehr. Nur Ruhe. Frieden. Und irgendwie nach Hause.

Als hätte er Edwins Gedanken erraten, fragte Otto: »Warum bist du hier und gehst nicht nach Hause?«

»Die Russen«, sagte Edwin.

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Otto nickte stumm. Kein Soldat, der noch bei Verstand war, wollte in eine russische Besatzungszone gehen. Edwin hatte selbst Russen getötet, hatte gesehen, was die Männer der SS und andere in Russland angerichtet hatten. Er wusste, dass es in fast jeder russischen Familie Tote gegeben hatte. Wusste, wie groß der Hass auf sie, die deutschen Soldaten, die Nazis war. Deshalb war er nicht nach Hause gefahren. In seinen Thüringer Wald, in sein Dorf, mit dem kleinen Bach hinter dem Elternhaus, der im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze kam, zu einem reißenden Fluss wurde.

»Und was willst du hier?«

»Mein Onkel wohnt hier«, sagte Edwin und tastete nach dem Zettel in seiner Tasche mit der Adresse, die ihm sein Vater zugesteckt hatte. Helenenstraße 4. »Für alle Fälle«, hatte der Vater gesagt.

Sie brauchten kaum mehr als eine halbe Stunde, bis sie in die Helenenstraße einbogen. Die meisten Häuser in der Straße waren unversehrt. Nur hinten links, da wo früher ein Haus gestanden hatte, war nun nichts mehr. Nur Schutt und Asche.

Sie verabschiedeten einander mit einem Handschlag. Otto und er. Gefährten auf dem Weg in ein neues Leben.

»Da vorne, das ist die Nummer 4«, rief Otto ihm noch zu, bevor er im Hauseingang verschwand.

Edwin lief die letzten Meter zum Haus seines Onkels allein.

Die Haustür stand offen. Draußen dämmerte es bereits. Der Flur, in den Edwin eintrat, war dunkel und kühl, es roch nach einem Gemisch aus Eintopf und Schweiß. An der Wohnung im Erdgeschoss kein Name an der Tür, also weiter, die Treppen hoch. Im ersten Stock, gleich links, ein kleines Schild. »Acker« war darauf zu lesen. Der Nachname seines Onkels. Stimmengewirr von drinnen. Edwin klopfte. Einmal. Zweimal. Dann öffnete sich die Tür.

Eine rundliche Frau mit Falten um die Augen und einer Schürze um die Hüfte sah ihn an. Schweigend standen sie sich gegenüber. Ein paar Sekunden vielleicht. Dann brach es aus ihr heraus. »Edwin«, schrie die kleine Dicke und drückte den Soldaten, ein großer stattlicher Mann, etwas ausgemergelt zwar, doch immer noch breitschultrig, an ihre Brust. Drückte fest. Erdrückte ihn fast, bevor sie ihn endlich losließ und sich umdrehte. »Vater, du glaubst es nicht, komm her, der Edwin ist hier! Hol den Selbstgebrannten aus dem Keller! Edwin, wie schön! Komm rein, mein Junge! Edwin, nun komm doch!«

Der Onkel trat aus einem der Zimmer. Er sah älter aus, als Edwin ihn in Erinnerung hatte. Zuletzt hatten sie sich zu Hause in Katzhütte gesehen. Aber das war lange bevor der Krieg ausgebrochen und sein Onkel mit seiner Familie nach Hannover gezogen war. Nur seine Augen waren unverändert. Wach und listig. Dieselben wie die seines Vaters. Von der Mutter, seiner Großmutter, hatten sie die Augen geerbt. Zweimal war sie verheiratet gewesen, je einen Sohn, erst seinen Onkel, in der zweiten Ehe dann seinen Vater, hatte sie ihren Ehemännern geschenkt.

Edwin folgte den beiden in die Küche. Am Herd stand Lene, die älteste Tochter. »Marie, unsere Jüngste ist noch unterwegs«, sagte seine Tante. »Hamstern beim Bauern. Na, du weißt ja, wie das ist. Furchtbare Zeiten.«

»Ach Else, jetzt hör auf«, fuhr Erwin ihr über den Mund. »Furchtbare Zeiten. Wir leben doch noch! Jetzt trinken wir erst einmal einen, Edwin. Darauf, dass du gesund zurückgekehrt bist, mein Junge.« Erwin schob ihm ein Glas mit Schnaps zu.

Sie hatten schon das eine oder andere Glas getrunken, als die Haustür knarrte. Eine junge Frau, grüngraue Augen, langes, etwas dünnes Haar, trotz der Entbehrungen des Krieges nicht dürr, sondern an den richtigen Stellen kurvig, stand auf der Türschwelle.

»Da ist sie ja!«, rief Edwins Tante. »Junge, das ist unsere Ria. Kannst du dich noch an sie erinnern? Du hast sie früher immer an den Zöpfen gezogen. Damals in Katzhütte. Da warst du noch ganz klein. Weißt du noch?«

Edwin wusste es nicht mehr. Er lächelte. Marie, die alle nur Ria nannten, lächelte zurück.

 

Die Tage und Wochen vergingen, ohne dass sie von Bedeutung waren. Als der Sommer fast vorüber war, hatte Edwin Arbeit gefunden. In einem Eisenwerk in Wülfel, einem Ortsteil von Hannover. Er hatte mal wieder Glück gehabt. Das Werk war im Krieg kaum beschädigt worden, sie brauchten jeden Mann, den sie nur finden konnten. Tagsüber malochte Edwin in der Fabrik, nachts schlief er auf dem Sofa in der Küche direkt neben dem Ofen.

Es war an einem Sonntag im Herbst, als das erste Laub schon bunt wurde und die Sonne noch einmal schien, bevor sie sich in den Winter verabschiedete. Das Mittagessen war vorüber. Eintopf. Nur sonntags mit Fleisch, nicht mehr als eine Brühe mit ein paar Brocken Huhn und ein bisschen Kartoffeln. Ria hatte den Abwasch gemacht, Onkel und Tante hielten Mittagsschlaf. Edwin hatte ihr zugesehen, wie sie die Teller spülte, sie abtrocknete und in das wackelige Holzregal räumte. »Es ist so schön draußen, wollen wir nicht spazieren gehen?«, hatte er sie gefragt, bemüht, möglichst beiläufig zu klingen.

Sie waren zum Maschsee geschlendert, jenem künstlich angelegten See, an dem Edwin am Tag seiner Ankunft vorbeimarschiert war. Ria trug ein schlichtes Kleid, ihr Haar fiel offen auf ihre Schultern. Edwin hatte alte Sachen von Onkel Erwin an, er hatte ja noch nichts Eigenes. Und die Auslagen in den Geschäften, in denen er sich etwas hätte kaufen können, waren so kurz nach dem Krieg noch leer.

So liefen sie am Ufer entlang. Edwin links, Ria rechts von ihm. Anfangs hatten sie nicht viel miteinander gesprochen, fast wortlos waren sie nebeneinander hergegegangen. Manchmal schauten sie sich an, scheu, verlegen, bis einer den Blick wieder senkte.

»Kennst du eigentlich noch den alten Wilhelm aus Katzhütte?«, hatte Edwin sie gefragt und damit die Stille durchbrochen. Es war eine blöde Frage, fand Edwin, aber er wusste nicht, was er sonst sagen sollte.

»Der, der immer Selbstgespräche führte?«

»Genau«, hatte Edwin gesagt und ihr eine von Wilhelms Geschichten erzählt. Ria hatte ihm zugehört und an den richtigen Stellen gelacht. Edwin hatte sie angesehen, beobachtet, wie sie erst den Kopf zurückwarf, wenn sie lachte, und dann, als wäre es ihr peinlich, die Hand vor ihren Mund hielt. Wie ein kleines Mädchen, fand Edwin. Ria hatte seiner tiefen Stimme gelauscht. Ihm, immer einen Moment zu lang, in seine grünen Augen geschaut. So lange, dass sie nicht mehr auf den Weg achtete und stolperte. Beinahe wäre sie gefallen. Aber Edwin hielt sie fest. Mit seinen Händen. Groß und stark. Wie Schaufeln, fand Ria.

Den See hatten sie nicht einmal zur Hälfte umrundet, da waren sie schon eine Stunde gelaufen. Mit jedem Schritt waren Edwin und Ria langsamer geworden, so als wollten sie den Spaziergang hinauszögern, als wollten sie verhindern, dass er endete. Mit jedem Schritt war der Abstand zwischen ihnen weniger geworden, von weitem hätte man meinen können, sie seien ein Paar, das an einem der letzten Sommertage spazieren geht. Manchmal berührten sich ihre Hände. Wie durch Zufall.

Mit jedem Schritt war auch ihr Gespräch lebendiger geworden. Nachdem einmal die Stille durchbrochen war, fiel es Edwin nicht mehr schwer, er plapperte und plapperte. Redete über Wilhelm, den Verrückten, über alte Bekannte, an die Ria sich noch aus ihrer Kindheit in Katzhütte erinnerte. Ria erzählte von dem Bach, gleich hinter Edwins Elternhaus, in den sie als kleines Mädchen einmal gefallen und fast ertrunken war. Edwin von seinen abenteuerlichen Nachtwanderungen im Thüringer Wald, bei denen er sich als kleiner Junge immer verlaufen hatte. Sie redeten über dieses und jenes. Stundenlang. So lange, bis sie nicht mehr wussten, was sie sagen sollten. Bis es nichts mehr zu sagen gab. Am Südufer, dort, wo das Laub dichter war und die Bäume enger zusammenstanden, küssten sich Ria und Edwin zum ersten Mal.

2

65 Jahre später. An einem Nachmittag im September.

Als Edwin klarwird, dass es keinen Ausweg mehr gibt, trinkt er sich Mut an. Zwei Gläser Wein. Oder waren es drei? Edwin wankt, als er aus seinem Fernsehsessel aufsteht und durch die Wohnstube in den Flur geht. Ein paar Minuten verharrt er unschlüssig vor der kleinen Kommode, auf der das Telefon steht.

Tue ich auch wirklich das Richtige?, fragt er sich und blickt zum Schlafzimmer am Ende des Flures. Hinter der Tür schläft sie. Die Frau, mit der er die schönsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Ria. Sein Mädchen. Edwin weiß, wenn er jetzt das Telefon in die Hand nimmt, wird sich ihr Leben für immer verändern. Seines und ihres.

Er greift zum Hörer.

 

Es ist halb neun am Abend, als mein Handy klingelt. Ich sitze gerade in der S-Bahn in Berlin, bin auf dem Weg nach Hause.

»Nadine, hier ist Opa.«

Als ich seine Stimme höre, werde ich nervös. Er ruft nie so spät an. Es muss etwas passiert sein, denke ich.

Dann sagt er: »Mit Ria, also mit deiner Oma. Ich schaff das nicht mehr.«

Es lärmt um mich herum. Ein Straßenmusikant spielt Gitarre, neben mir unterhält sich lautstark eine Gruppe Touristen. Edwin spricht leise. »Ich schaff das nicht mehr.« Trotzdem höre ich das Zittern in seiner Stimme. Dieses leichte Vibrieren, wenn man krampfhaft versucht, nicht zu weinen, und spürt, dass man doch weinen wird.

Für einen Moment bin ich wie erstarrt, schweige. Was soll ich auch sagen? Ihm widersprechen? Ihn trösten? Belügen? Ich starre aus dem Fenster der S-Bahn, schaue zu, wie die Häuser an mir vorbeiziehen, die Spree, der Ostbahnhof. Ich sehe nichts.

»Es ist besser so«, sage ich schließlich. Laut, um die Touristen zu übertönen, den Straßenmusiker. »Es ist besser so, Opa. Wir finden ein Heim.«

Doch Edwin antwortet nicht mehr. Er hat bereits aufgelegt.

*

In Hannover, 287 Kilometer entfernt von mir, steht Edwin neben der kleinen Kommode im Flur und weint. Einen Moment verharrt er noch in der Dunkelheit, dann geht er ins Schlafzimmer, schließt die Ziehharmonikatür hinter sich, zieht Hemd und Hose aus und seinen hellblauen, verwaschenen Schlafanzug an. Er wird Ria nicht wecken, sie hat die Schlaftablette schon vor zwei Stunden genommen. Er legt sich neben sie, atmet den vertrauten Duft ein. Aus ihrer Seife und seinem Aftershave. Ein Gemisch aus ihr und ihm. Ich werde sie verlieren, denkt er noch. Dann schläft er ein.

*

Angekommen in meiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg mache ich mir eine Flasche Wein auf. Eigentlich wollte ich damit warten, bis meine Freundin Jana da ist. Aber jetzt? Der erste Schluck tut gut. Beruhigt. Es ist besser so, hatte ich ihm am Telefon gesagt. Ist es das?

Während ich den Wein trinke und meine Zunge langsam pelzig wird, frage ich mich, was richtig und falsch ist. Was gut ist. Gut, denke ich, ist es schon lange nicht mehr. Das weiß ich ja. Aber wann zum Teufel hatte es eigentlich aufgehört gut zu sein? Wann fing das alles an?

Ich drehe mir eine Zigarette. Grüble. Suche nach Antworten und finde Erinnerungsfetzen. Ein Besuch bei Oma und Opa. Ich war noch Studentin. Ich hatte Kuchen mitgebracht. Opa war in seinem Schrebergarten. Oma und ich tratschten bei Kaffee und Apfelstreusel. Als ich gehen wollte, steckte Oma mir Geld zu. Mehr als sonst.

»Oma, danke, aber ist das nicht zu viel?«

Sie grinste. »Ich hab es neulich in meinem Bademantel gefunden, ich hatte ganz vergessen, dass ich es da versteckt habe.« Sie versteckte immer ihr Geld. Es war ganz normal. Ich dachte mir nichts dabei. Wir lachten darüber, dass man 500 Euro verstecken und vergessen konnte, und freuten uns wie kleine Kinder über den Fund.

»Aber erzähl es nicht Opa«, sagte sie. »Du weißt ja, Männer müssen nicht alles wissen.«

Ich nickte. Opa sagte ich kein Wort. Warum auch? Oma hatte Geld verlegt. Konnte das nicht jedem passieren? Oder hatte es da schon angefangen?

 

Es klingelt. Jana kommt. Sie und ich in der kleinen WG-Küche. Der Rotwein schmeckt. Das zweite Glas. Ich bin wortkarg. Jana kennt mich.

»Geht es dir gut?«, fragt sie vorsichtig.

»Meine Großeltern werden sich trennen«, sage ich. Schweigen. Mehr Wein.

»Warum?«

»Meine Oma ist dement.« Ich schlucke schwer. Nicht vom Wein, es sind meine Worte.

»Seit wann ist sie schon krank?«, fragt Jana. Ich denke an das Geld, das Oma nicht mehr finden konnte. An Nachmittage, an denen ich bei ihr war und sie Namen verwechselte. An all die hundert Kleinigkeiten, die ich nicht gesehen habe. Nicht sehen wollte?

»Ich weiß es nicht«, sage ich.

*

Edwin hat den Vormittag in seinem Sessel verbracht. Er fühlt sich müde, fast angenehm schläfrig. Die Valium, die er heute Morgen geschluckt hat, tut ihren Dienst. Seit er vor Jahrzehnten einen Herzinfarkt erlitten hat, bekommt er die Tabletten nach Bedarf. Seit Monaten hat er keine mehr genommen. Wenn, dann höchstens eine halbe. Aber heute, hat er sich gesagt, heute braucht er sie. Er hat gleich eine ganze geschluckt.

Zwei Wochen ist es her, seit Edwin seinen Entschluss gefasst hat. Seit er seine Enkelin angerufen hat, an jenem verhängnisvollen Tag. Jetzt hört er, wie Rias Sohn Horst gemeinsam mit seiner Frau Kartons packt. Für Rias Umzug. Ins Pflegeheim. Nur kurz hat er Horst und seine Frau begrüßt. Ihnen kühl die Hand gegeben – »Ria ist in der Küche« –, bevor er sich wieder hinter seiner Zeitung verschanzt hat. Jetzt ignoriert er sie. Edwin will nicht sehen, wie sie in den Schränken wühlen, und erst recht nicht, wie Rias Sachen eingepackt werden. Überhaupt, der Auszug, das alles, das geht ihm viel zu schnell. Edwin ist noch nicht so weit. Er erträgt es nicht, dass Ria geht. Er erträgt es nicht mit ihr.

Am Morgen war die Pflegerin noch einmal gekommen. Ria waschen, Ria anziehen. »Heute letzter Einsatz«, steht im Pflegeprotokoll. »Frau Ahr kann Gesamtsituation nicht wirklich erfassen. Sie spricht vom Umzug ins Heim und davon, bis Ende des Jahres in der Wohnung zu bleiben.« Die Pflegerin blieb eine halbe Stunde. Dann Kaffee alleine mit Ria in der Küche. Ein Lächeln. Ihr Lächeln. Fünf Minuten Glück. Trotz allem.

»Sind sie jetzt eigentlich weg?«, hat sie ihn gefragt.

»Wer? Die Pflegerin?«

»Deine Weiber.«

Edwin schloss für einen Moment die Augen. Er kannte das hier. Nur zu gut. Hör auf!, dachte er. Bitte.

»Ria, welche Frauen? Hier sind nur du und ich.« Edwin lächelte, griff sanft nach ihrer Hand. Breit und knubbelig. Von Rheuma und Arthrose. »Du und ich. Wie immer.«

»Du Lügner! Ich hab sie doch gesehen, deine Weiber! Hab doch gesehen, wie sie auf deinem Schoß saßen! Meinst du, ich sehe das nicht, wie sie …?«

Edwin hörte nicht mehr, was Ria sagte, was sie zeterte. Er war aufgestanden und gegangen. Hatte sich mit Kaffee und Zeitung in seinen Sessel zurückgezogen. Wie immer. Seitdem saß er hier. Er hörte, wie Rias Sohn – er hat einen eigenen Schlüssel – die Wohnung betrat. Edwin öffnete die Augen, begrüßte ihn kurz, schloss sie wieder. Er hörte, wie sie die Schränke auf- und zumachten, Koffer packten.

Irgendwann muss er eingedöst sein, die Valium wirkte.

»Edwin, wir sind jetzt so weit. Willst du dich noch verabschieden?«

Horsts Stimme klingt weit weg.

»Nein«, sagt Edwin. Die Augen lässt er zu. Verschließt sie vor dem, was er nicht sehen will. Nicht sehen kann. Die Augen geschlossen, die Beine hoch, liegt er da. Fast entspannt sieht er aus. Nur seine Hände verraten ihn, krallen sich in die Armlehnen, suchen Halt. Einen Moment bleibt Horst noch unschlüssig im Türrahmen stehen, gibt Edwin Zeit, es sich anders zu überlegen. Edwin schweigt. Horst seufzt. »Na gut«, sagt er schließlich, dann macht er auf dem Absatz kehrt, holt den ersten Koffer aus dem Schlafzimmer. Nach und nach tragen sie die Koffer nach draußen, die Kisten. Edwin hört, wie sie den Rollstuhl an seinem Zimmer vorbeischieben. Stumm. Ohne anzuhalten. Als sie fast an der Tür vorbei sind, öffnet Edwin die Augen, blickt zur Tür. »Ria …«, sagt er. Einen Moment lang will er aufspringen, sie aufhalten. Er will ihr sagen, dass er sie liebt und dass er das nicht gewollt hat. Aber Edwin findet keine Worte, er macht es doch nicht. Und die Augen wieder zu.

Als die Tür ins Schloss fällt, weint er. Nicht leise, Edwin schluchzt. Apathisch sitzt er da. Dann weint er wieder. Ein Hin und Her, stundenlang, so lange, bis es draußen dämmert und er einschläft. Edwin wird im Sessel schlafen. Die ganze Nacht. Das Schlafzimmer, den Flur entlang, elf Schritte von Edwins Sessel entfernt, wird leer bleiben. Edwin wird sich nicht in ein Bett ohne sie legen. Ihr Bett, ihr gemeinsames, das noch nach ihr und ihm duftet. Er kann es nicht.

3

Berlin-Ostbahnhof, im Zug nach Hannover. Vor einer Woche haben sie Ria abgeholt, mein Vater und seine Frau. Seit einer Woche wohnt sie in einem Pflegeheim in Hannover-Laatzen. Ich erfuhr es am Telefon. Im Nachhinein. Gestern erst. »Warum habt ihr mir nicht vorher Bescheid gesagt?«, habe ich gefragt.

»Es ist ganz plötzlich ein Platz frei geworden im Pflegeheim«, sagte mein Vater. »Und außerdem, du bist doch in Berlin.«

Seit drei Jahren wohne ich in Berlin. Mit jedem Jahr sind meine Fahrten nach Hause weniger geworden. Zuerst alle zwei Wochen. Dann einmal im Monat. Zum Schluss nicht mal das. Und wenn ich daheim war, war immer alles andere wichtiger. Die Großeltern besuchen? Nur wenn es gerade passt. Wenn Freunde und Eltern abgehakt sind.