Das versprochene "Morgen" - Bernhard Schaffrath-Pramme - E-Book

Das versprochene "Morgen" E-Book

Bernhard Schaffrath-Pramme

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Beschreibung

Andy ist tot und alle die, die noch überlebt haben, treffen sich an seinem Grab. Mit seinem Tod beginnt die Erinnerung an die Zeit der 70er Jahre, an die Versuche der jungen Generation, eigene Orientierungspunkte zum Leben zu finden, und ihr allzu oft klägliches Scheitern. Eine Homage an das Neue und die Versprechen der Siebziger und gleichzeitig beißende Kritik an der Gesellschaft, die ihre Kinder damals für ihre Hoffnung auf ein besseres Leben bestraft hat. Liebe und Sex, Feten und Drogen, Protest und Frust in einer Zeit, die alles versprach und nichts hielt, sind Inhalt der Geschichte von Andy und seinem letztendlich gescheiterten Leben. Die Enttäuschung darüber, dass auch heute noch versucht wird, der Jugend ihre Vernunft und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, abgesprochen wird, ist dabei nur ein Punkt der großen Traurigkeit über das Ende einer so lebensfrohen und die Herzen überflutende Zeit, die die Siebziger geprägt hat.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Das versprochene "Morgen"

© 2019 Bernhard Schaffrath-Pramme

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover: 978-3-7497-3084-1

ISBN Hardcover: 978-3-7497-3085-8

ISBN E-Book: 978-3-7497-3086-5

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Das versprochene „Morgen“

Andy

2. Bruno und der Jugendversuch

3. Jugendzentrum

4. Erste Liebe

5. Einfach Sex

6. Ungewollt schwanger

7. Gewalt

8. Gruppendynamik und Seminare

9. Bruno und Elfi

10. Flüchtlinge aus Chile

11. Widerstand

12. Eigene Zerstörung

13. Abrechnungsversuch

14. Protest und Demonstration

15. Feten

16. Die Bauwagenbewohner

17. Rolle des Dritten Reiches

18. Horrortrips

19. Epilog

Das versprochene „Morgen“

1. Andy

Das Wetter zeigte sich seit Wochen sommerlich warm nach etwas trüben Frühlingstagen, weckte Tote, wie man sagt, ließ einen herrlichen Zeitabschnitt erwarten. Saftiges Grün löste in vielen Bereichen das Grau des verregneten Vorfrühlings ab und verwöhnte uns mit fast sommerlichen Tagen. Alles deutete auf das beginnende Leben hin, vor Kraft strotzend. Und dann die für uns alle unfassbare Nachricht, dass Andy tot war.

Das mittelgroße Dorf war inzwischen schon deutlich erweitert durch Zugezogene gegenüber der Zeit, in der sich die Hauptgeschichte abspielt. Es beheimatete zwar nach wie vor die paritätisch verteilten politischen Gegensätze der Junge-Union-Anhänger und der erklärten Jusos, die sich damals bis aufs Blut bekämpft und keine Gelegenheit der Demütigung und auch Verletzung der gegnerischen Gruppe ausgelassen hatten. Die Auseinandersetzungen waren nicht unbedingt weniger aggressiv geworden in den vergangenen Jahren, aber sie hatten angesichts der vielen Unglücksfälle, die den Ort heimgesucht hatten, an Schärfe etwas verloren. Man wünschte dem anderen nicht mehr den Tod und man riskierte auch nicht sein unbeabsichtigtes Ableben. Vielleicht waren auch alle Beteiligten erwachsener geworden, stritten mit Worten und drohenden Fäusten, ließen aber die Messer stecken. Vielleicht aber waren viele auch nur traurig oder gar entsetzt über die Vorfälle der letzten Jahre, die sich wie ein roter Faden des „Sensemannes“ durch das dörfliche Leben zogen und keinen unberührt ließen, auch nicht die dokumentierten Gegner.

Und nun der Tod von Andy, unfassbar und unvorhersehbar, ein Arbeitsunfall in dem mit einer kleinen Gruppe von Freunden gegründeten Transportunternehmen - jede Hilfe kam zu spät.

Er sei sofort tot gewesen, weinend berichtete sie am Telefon, informierte alle, die ihn gekannt, gemocht, geliebt hatten, von denen sie annahm, dass sie ihm die letzte Ehre erweisen wollten. Meist Schweigen am anderen Ende der Leitung, manchmal auch ein unpassendes Aufziehen der Nase, hin und wieder ein Schluchzen - sie kämen. Aufgestellte Pressspanplatten seien plötzlich aus den Fugen geraten, hätten ihn unter sich begraben und ihm das Genick gebrochen, einfach so und ohne Schmerz, er sei sofort tot gewesen.

Andy habe einen Moment nicht aufgepasst, seine eigenen Regeln missachtet, niemals ungesichert schwere Holzplatten aneinander zu reihen und dem Aufbau dann den Rücken zuzuwenden, dann sei der errichtete Berg umgekippt. Und ehe er es noch gemerkt hätte, hätten sich die Platten tonnenschwer über ihn gestürzt. Jede Hilfe, nachdem es den herbeieilenden Helfern endlich gelungen war, die Last von ihm zu stapeln, sei zu spät gekommen.

Das Transportunternehmen hatte Andy zusammen mit zwei Brüdern aus der Klicke aus der Taufe gehoben und es lief eher schleppend, aber es brachte Gewinn und für einen hätte es reichen können. Für drei allerdings mussten auch Aufträge her, die andere Unternehmen mit entsprechenden Maschinen erledigten. Andy investierte Körperkraft, seine beiden Kollegen zogen das Fahren bzw. die Buchführung vor, aber Andy konnte schon immer zupacken und ließ dann auch schon mal ein für ihn zu berechnendes Risiko zu.

Jetzt hatte er sich offensichtlich verrechnet, es hatte ihn erwischt. Dabei war es Andy sicherlich nicht um das Mehr an Geld gegangen. Er half einfach und setzte alles ein, um zum Erfolg der Gruppe beizutragen. Dabei hatte er leider ein Mal im Leben zu viel riskiert, einen Moment nicht genug aufgepasst, eigentlich untypisch für ihn. Und der Tod ließ diese Unvorsichtigkeit nicht ungesühnt.

Wir trafen uns alle in der Totenkapelle zur angegebenen Zeit, eine große Zahl junger Menschen, viele weinten, konnten ihre Tränen nicht stoppen, versuchten zu wischen mit Taschentüchern, die längst durchnässt waren. Viele standen einfach nur da, als ob sie ins Leere schauten, nicht begreifen wollten und konnten, was geschehen war. Altbekannte Gesichter, die man Jahre nicht mehr gesehen hatte, darunter auch viele aus der Gegenpartei, die einfach nicht begreifen konnten, was geschehen war.

Sigurt fehlte, auch Aron und Keil und Selina, wir wussten, dass sie tot waren, gestorben an Drogen und Leid über eine Zeit, mit der sie nicht fertig geworden waren. Sie hatten Freiheit und erstickten daran, sie trieben in unendliche Höhen und bekamen keinen Sauerstoff mehr, sie tauchten zu tief und vergaßen das Luftholen, bis Wasser ihre Lungen füllte. Und sie redeten dabei vom Sinn des Lebens, von der Erkenntnis über Himmel und Hölle, von hörbaren Farben und duftenden Geräuschen. Sie waren aus unserer Partei, aus unserer Denkecke von Freiheit und Abenteuer, von Liebe und Lust. Sie hatten geträumt, gehofft und verloren.

Aber auch Karel und Dingo fehlten, die zwei von der politisch anderen Seite, zwei Brüder, Mörder an zwei Mädchen, die nicht machten, was sie wollten, obwohl sie Gehorsam von Frauen kannten, so hatten sie es zumindest gelernt. Und auch Gert fehlte, ihm war es gelungen, sich sauber umzubringen, ein Regionalzug zermalmte ihn auf den Gleisen, ließ nur noch Reste für die Sammeltüten übrig. Er hatte sich in seinem Abschiedsbrief bei allen entschuldigt für seine radikale Entscheidung und die daraus erwachsenen Konsequenzen für die Andersdenkenden. Dabei war gerade er allen als Hardliner in Erinnerung, der kaum Gefühle zeigte, wenn es darum ging, seine politischen Gegner zu vernichten.

Und dann kam Aila, ihr Bruder musste sie führen, da sie seit der letzten Selbstmordattacke blind war, sich verzweifelt die Augen ausgestochen hatte. Es mutete entsetzlich an, als Pero sie an den Rand des Grabes führte und sie fast hineingefallen wäre, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Neben Aila kniete Berfa nieder, gestützt durch einen Pfleger, der sie einfach nur in der Spur hielt, weil sie nicht mal mehr annähernd war, was wir von ihr kannten. Berfa und Aila schafften es später tatsächlich, die Verrückte führte die Blinde zum Bahnübergang des Ortes und wählte einen vollbesetzten Arbeiterzug am Spätabend, soweit ihr trauriges Finale.

Die Totenmesse ertrank im Schluchzen, wir weinten alle, erschrocken über den Tod von Andy, und begaben uns auf die Verwesungswiesen des Friedhofes.

Dann erklang fast wehmütig das erste Solo der Platte, die wir so oft gemeinsam gehört hatten, betrunken, bekifft, gut drauf oder auch schlecht in Stimmung. Die Gitarre erhob sich in ihrem Solo zum Himmel, verband sich mit den kleinen Wolken, umgarnte das Licht und schwebte zurück zur Erde wie aus einer anderen Welt. Dann setzte das Orgelsolo ein, umtanzte uns unwirklich, trieb Löcher in die Köpfe, bevor das typische Gitarrenthema dieses Liedes mit seinen nur vier Tönen fast die Luft zerriss. Andy hatte sich Musik aus seinem Leben gewünscht, Pink Floyd begleitete uns zu seinem Grab, ließ uns den Sarg in die Grube senken. Eine Blume, die vielen Tränen, dann die Schippe mit Erde. Wir weinten in Gruppen und einzeln, wir umarmten einander wie Brüder und Schwestern, obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten. Wir fühlten die Familie, die wir lange Zeit vorher mal gewesen waren, wir spürten Verantwortung für das Unglück. Wir erlagen den Erinnerungen der Gemeinsamkeit vieler nächtlicher Diskussionen und Feiern.

Und Andy hatte sich seine und unsere Musik gewünscht, das Lied, was wir Stunden um Stunden gemeinsam gehört hatten, erlebt hatten im Träumen, gelebt hatten im Rausch, „Shine on you grazy diamonds“ von Pink Floyd. Es schwebte in eindringlichen Waben über den Todesacker, setzte ein, als die gegangen waren, die kommen mussten. Und es erfasste die, die zurückgeblieben waren, um sich in der Einsamkeit von ihm zu verabschieden. Und obwohl die Tränen längst vertrocknet waren, konnten wir aus dem Herzen weinen und waren eins mit ihm, seinem Lieblingssong und seinem Signal an uns, die gemeinsame Zeit nicht zu vergessen

Wir haben lange auf dem Friedhof verbracht, in kleinen Gruppen, dann wieder in unterschiedlichen Begegnungen, weinten über das Unfassbare und über uns, die wir neben so viel tragischen Toten übrig geblieben waren, fühlten uns mitschuldig. Mitschuldig nicht nur am Tode Andys, sondern auch mitschuldig am Leid des Lebens, über das wir so viele Stunden gesprochen und hitzig diskutiert hatten.

Aber es war uns offensichtlich nicht gelungen, alle Zweifel so auszumerzen, dass sie nicht zu noch größerem Leid führten, als sie es ohnehin schon für uns bedeuteten. Hatten wir nicht ausführlich gelebt, geliebt, uns den neuen Freuden hingegeben, der Zeit, in der „make love, not war“ noch eine Bedeutung hatte, der Zeit, in der Gefühle auch Sex bedeuteten, bedeuten durfte, weil es die Pille gab. In einer Zeit, in der man sich nicht schämen musste für seine anderen Ansichten, seine andere Frisur, sein anderes Outfit.

Aber aufpassen musste man, weil die Gegenbewegung mit aller Macht versuchte, die Gegner des etablierten Systems nicht nur bloßzustellen, sondern auch, wenn möglich, zu vernichten. Die Protestgruppe gegen das Establishment funktionierte, sie provozierte, sie schützte, sie unterstützte. Aber sie verwirrte auch, weil sie die Alten gegen die Jungen und ihre neuen Ideen aufbrachte. Und die zunächst Verständnis heuchelnden, selbsternannten Heilsbringer der Nachkriegszeit wollten dieses zunehmend nicht mehr akzeptieren.

So hatten wir damals nebeneinander gelebt, die zu Feinden des eigenen Status erklärten Langhaarigen, die Kiffer und Träumer, die Sozis und Kommunisten auf der einen Seite und die zu allem bereit stehenden Verteidiger des konservativen Establishments auf der anderen Seite. Und manchmal hatten wir uns wie Jesus gefühlt, der den Herrschenden, Juden wie Römer, in die Quere gekommen war mit seinen revolutionären Ansichten des Weltfriedens, wenn man nur seinen Nächsten liebte. Dabei befanden wir uns im Fadenkreuz der der Pharisäer und Verräter, die uns auszuliefern versuchten, um uns zu kreuzigen, nur weil wir unsere Ideen lebten.

Oft hatten wir nächtelang darüber diskutiert, getrunken, geliebt, gekifft, gesprochen, wieder geliebt und gekifft, um endlich selig Ruhe zu finden in den Armen unseres erlebten Glücks. Und am nächsten Tag empfanden wir keine Scham, weil wir vom Frieden träumten und uns als große Familie fühlten. Aber offensichtlich hatte es nicht ausgereicht, um das Entsetzen über die Macht und die Angst vor der Integration in diese Gesellschaft für die ertragbar zu machen, die glaubten, die Welt zu beherrschen und zu verstehen.

2.Bruno und der Jugendversuch

Bruno, Mitarbeiter des Jugendamtes und Mitte Zwanzig, stand eines Tages im Ort, um den Jugendlichen die Idee eines Jugendzentrums zu bringen und ihnen beim Aufbau einer solchen Einrichtung zu helfen. Im Gepäck hatte er Wochenendangebote für Interessierte mit außerschulischen Inhalten, Theater, Musik und natürlich auch Feiern ohne Endzeiten. Der Ansturm in einer Zeit des geistigen Aufbruchs ohne wirkliche Freiheiten war enorm. Viele entflohen für ein paar Tage der bürgerlichen Enge und der Verbote ihrer Elternhäuser und genossen fröhlich feuchte Wochenenden voll Partys und Spaß.

Der enorme Aufwand, den die vom Amt ausgebildeten Teamer trieben z.B. Aufnahmerecorder, Projektoren, Lehrfilme und Musikinstrumente, aber auch vorbereitete Unterrichtseinheiten über Selbstbestimmung und Organisation von Jugendzentren oder politisch orientierte Vorführungen und Lernpakete über Demokratie und Grundgesetz rundeten solche Seminare ab. Und abends saß man zusammen, um zu diskutieren, zu spielen, zu lachen. Dabei wurde auch getrunken, offiziell aber nie gekifft, denn dies war verboten und gefährdete, wenn es denn öffentlich geschehen wäre, das gesamte Projekt. Alle Teilnehmer akzeptierten diese Vorgaben, weil sie sich für die Gruppe verantwortlich fühlten.

Viel später hörte ich von Bruno, dass viele junge Menschen später ganz andere Verhaltensweisen zeigten. Als ich ihn lange nach Andys Tod mal wieder traf, erzählte er mir, dass die heutige Jugend, also seine inzwischen zur Zielgruppe gewordene Klientel, ganz anders reagiere. Hauptsache, es mache Spaß, egal, was mit der Gruppe passiere, auch wenn Polizei und Beendigung einer Maßnahme anstanden. Die Erfahrungen, die Bruno offensichtlich in öffentlichen Gymnasien in der Oberstufe gemacht hatte, entsprächen keineswegs dem, was man von gebildeten Menschen erwartet hätte. Man saufe sich gnadenlos voll, randaliere und provoziere, und reagiere auf rationalen Zuspruch knallhart mit absolut egoistischen Tendenzen. Die Gruppe interessiere überhaupt nicht, nur der eigene Spaß gelte, und das meist auch noch in völlig betrunkenem Zustand. Das Verantwortungsgefühl für alle mit Verzicht auf die eigenen Bedürfnisse blieb offensichtlich den jungen Menschen der siebziger Jahre vorbehalten.

Bruno litt unter dieser systematischen Zerstörung der Verantwortungsübernahme, denn auch wenn in den Siebzigern vieles vielleicht nicht ganz so systemimmanent lief, es war meist getragen von Eigenverantwortung für das, was man tat. Und bei vielen hatte man den Eindruck, dass die Gemeinsamkeit und das gemeinsame Gelingen einer Planung eine übergeordnete Rolle spielte, auch wenn dies nicht immer uneingeschränkt den eigenen Interessen entsprach.

Manchmal trugen zwar die jungen Menschen auf den Seminaren ihre Betten zusammen und bildeten geschlechtsspezifische Schlafräume. Meist aber war der Beweggrund, die Nähe und Gemeinsamkeit zu erleben, die sie zu Hause oft in dieser emotionsarmen Zeit vermissten. Und wenn sich mal ein Pärchen bildete, so gab es genügend Zimmer, die frei blieben und in die man sich zurückziehen konnte.

Ein eigener Raum für ein Jugendzentrum aber, wie es das Jugendamt des Landkreises plante, wurde von der Gemeinde nicht bereit gestellt. Es gab zwar einen privaten Raum, in dem man sich treffen konnte, aber die Entscheidungen der Gemeindevertreter gingen immer mehr in die Richtung derer, die in den Planern der Jugendzentren zunehmend eine Bedrohung ihrer Macht sahen.

So entwickelten sich Strömungen, die anfänglich noch abwartend und beobachtend, später aber zunehmend ablehnend und aggressiv wurden und letztendlich in Feindschaften und offenen Angriffen mündeten.

Neben angstgeschürten Vorwürfen, man treibe in diesen nach außen geschlossenen Kreisen systemerschütternde und zerstörerische Umtriebe, dies seien die Geburtsstätten des Kommunismus voll der Komsolmolzen der Sowjetunion, wie es damals Franz – Josef Strauß bezeichnete, fielen auch Vorwürfe und gar böse Nachreden, man habe ständig im Rausch der verbotenen Gifte Geschlechtsverkehr miteinander, jeder mit jedem, ohne Zucht und Ordnung, offensichtlich das eher perverse Wunschdenken einiger entgegen der Realität dessen, was wirklich passierte. Das Unwort Kommune wurde als Vorwurf formuliert und das offen ausgesprochene Hauptargument, „wenn`s euch nicht passt, dann geht doch rüber“, machte die Runde und erstickte jeden Versuch, vernünftig über politisch fragliche Dinge wie den Vietnamkrieg oder den Nato-Doppelbeschluss zu diskutieren. Und schließlich landeten wir alle in der Ecke der kriminellen RAF und gehörten „an die Wand gestellt“.

Nicht selten hörte ich dabei die Aussage, dass es so etwas unter Hitler nicht gegeben hätte, und er hätte die Nichtsnutzer und Langhaarigen mit Sicherheit in Arbeitslagern untergebracht. Dabei war ich damals davon ausgegangen, dass diese Zeit endlich überwunden war, ein lächerlicher Irrtum, wie ich später feststellen musste.

Dabei formulierten die Jugendlichen, einige davon waren tatsächlich erst 14 Jahre alt, in den Diskussionen erstaunlich überlegte Argumente. Sicherlich verletzte der eine oder andere auch mal die Grenzen des guten Geschmacks oder gar der Zulässigkeit von Inhalten, aber sie alle waren fähig zuzuhören und ihre Äußerungen zu hinterfragen. Eine Basis also, die sehr fruchtbar war für die Herausbildung politisch verantwortlicher Personen, die gemeinsam jegliche Gewalt ablehnten.

Und die schmachvollste aller Vorwürfe der sogenannten älteren Generation, die in den Vierzigern den Krieg aktiv mitgemacht hatte, war dann „macht doch erst mal einen Krieg mit, bevor ihr darüber urteilen könnt.“ Unklar blieb, ob man sich dann gegen einen Krieg äußern würde oder eher verstehen würde, dass es Krieg als notwendiges Mittel der politischen Auseinandersetzung geben musste. Vielleicht war es aber auch nur die Hilflosigkeit dieser Generation, an den Krieg als Mittel der Politik geglaubt zu haben, weil man mit irrwitzigen Versprechen getäuscht und mit diktatorischen Vorgehensweisen gezwungen worden war, daran teilzunehmen und auch noch an einen Endsieg zu glauben.

Aber allein diese Vorstellung des Endsieges des Nationalsozialismus rief bei den Jugendlichen schon Ablehnung und Ängste hervor und keiner wollte sich auch nur vorstellen, wie Deutschland nach einem solchen Sieg ausgesehen hätte.