Das verwunschene Zepter - Anron Coris - E-Book

Das verwunschene Zepter E-Book

Anron Coris

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Beschreibung

Während des alljährlichen Festes zu Ehren der altvorderen Könige kommt es zur Revolte, doch der rachsüchtige König überlebt und Aaron, sein ehemaliger Berater, muss fliehen. Bei den Elben sucht er Unterschlupf, um von dort aus mit ihnen, den Zwergen und den anderen Menschenvölkern zusammen seinem Volk zu helfen. Erkundungen werden eingeholt und Vorbereitungen getroffen, um den König zu stürzen. Dabei decken sie eine unglaubliche Intrige auf... Begeben Sie sich auf eine Reise ins ferne Ambar und begleiten Aaron in die Schlacht der vereinten Völker gegen Orks, Trolle und Schwarzalben, die nicht weniger, als die Herrschaft über die Welt begehren.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Anron Coris

Die Schlacht um Ambar

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright: © 2019 Anron Coris

Herstellung und Verlag:BoD – Books on Demand, Norderstedt

ebook-Erstellung: Silvio Römer

Cover- und Zeichnung:Carmen Klär (www.alles-klaerchen.de)

Covervorlage: www.Pixabay.com

ISBN:978-3-7528-5719-1

Sie finden Anron Coris im Internet unter:

www.facebook.com/anron.coris

 

 

Für Byron und Carmina

PROLOG

Es war Frühling. Die Vögel zwitscherten schon in den Bäumen und die ersten Blumen blühten im Garten. Die Tage wurden langsam wärmer und sonniger, doch die Nächte waren noch immer kalt. Es war erst einige Tage her, dass der letzte Schnee getaut war. Der dritte Mond des Jahres war gerade voll und erhellte die Nacht. Der Himmel war klar — Sterne leuchteten vom Firmament. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf. Durch das Fenster schien blass das Licht einer Laterne. Im Kamin brannte ein Feuer und tauchte den Raum in behagliche und wohlige Wärme. Kerzenlicht flackerte über sein Gesicht. Der restliche Raum war in Dunkelheit gehüllt. Der Lüster, der von der Decke hing, leuchtete nicht. Zu viele Kerzen waren nötig, um den Raum ganz zu erhellen. Dabei war er keineswegs arm und hätte die Kerzen sparsam verwenden müssen. Reich war er aber auch nicht. Er bezeichnete sich selbst gern als wohlhabend und dies wurde er nicht, indem er sinnlos Kerzen brennen ließ. Nur seiner Sparsamkeit war es zu verdanken, wie er immer betonte, dass er sich und seiner Familie ein ansehnliches Haus, weiche Betten und eine Kutsche mit zwei Pferden leisten konnte. Die fünf Kerzen im Leuchter, der vor ihm auf dem Tisch stand, war ausreichend, um in dem Buch zu lesen, welches jetzt vor Aaron lag. Er las seinen Kindern vor.

»... und so ging der dunkle Zauberer dahin. Sein toter Leib verdorrte, wie eine Blume in der Wüste. Der große Krieg war vorbei – die Macht des Zepters beendet.

Die übrigen Orks, Trolle und Schwarzalben, die nicht getötet wurden, flohen nach Osten ins Gebirge.

Das Bündnis aus Menschen, Elben und Zwergen löste sich auf. Sie alle kehrten in ihre eigenen Länder zurück. Die Zwerge blieben in den Bergen von Amonbair zwischen hier und dem dunklen Land. Die Elben gingen in ihre Heimat nach Norden und die Völker der Menschen begaben sich nach Westen.«

Aaron schlug das alte, schwere, in Leder gebundene Buch zu. Es hatte schon mehr Winter erlebt, als er selbst. Die Seiten waren vergilbt, der Ledereinband abgegriffen. Auf der Vorderseite stand in goldenen Lettern:

DER GROSSE KRIEG - UNTERGANG EINES ZAUBERERS.

Er schaute zu seinen drei Söhnen, die mit an dem großen, aus Eiche gezimmerten, runden Tisch saßen. Die Ellenbogen auf den Tisch gestemmt – die Köpfe in ihren Händen vergraben, hörten sie ihm aufmerksam zu. Sie mochten die Geschichten, die ihnen ihr Vater während des letzten Jahres immer wieder vorlas. 

»Das alles ist jetzt eintausend Jahre her«, sagte Aaron.  

»Damals begann eine Zeit des Friedens und der Glückseligkeit. Seitdem gab es keinen Krieg mehr unter den Völkern Ambars. Morgen feiern wir das Millennium dieses Zeitalters zu Ehren unserer Könige, die uns seit jeher gerecht regierten.«

Wie er wirklich über den König dachte, verschwieg er.  

»Papa, hast Du jemals Elben oder Zwerge gesehen?«, fragte Cellyn, sein ältester Sohn. Er zählte erst zwölf Jahre, war jedoch von den Geschichten seines Vaters über Zwerge und die anderen Völker der Menschen, ganz besonders aber von Elben fasziniert. Viel mehr aber würde er, wie die beiden zwei Jahre jüngeren Zwillinge, gerne mal die Stadt verlassen, irgendwo anders hin reisen. Jeden Tag dasselbe sehen, war ihnen auf Dauer zu langweilig. Klar kannten sie andere Gegenden in Thalatrién, wie den Berg Arnamon, südlich von Caras-Harán, ihrer Heimatstadt, aber das war nicht dasselbe, wie andere Völker zu bereisen. Sie wollten Elben sehen und Zwerge.

»Ja, auf meinen Reisen mit dem König habe ich viele Länder bereist, auch die der Elben und Zwerge«, sagte Aaron.

»Ich möchte auch Elben sehen, und Zwerge und die anderen Völker der Menschen.«

»Das wirst du, mein Sohn.«

»Wann, Papa?«

Aaron dachte daran, dass er schon zu lange nicht mehr bei den Elben gewesen war, um seinen Freund zu besuchen. Zu viel war in letzter Zeit zu tun gewesen. Seit einem Jahr – seit er aus den Diensten des Königs entlassen wurde ‑ hatte er oftmals bis tief in die Nacht über alten Büchern gesessen. Zu viel war in letzter Zeit mit der Stadt, dem König und sogar dem ganzen Land geschehen. Es wurde Zeit, dass er seinem Freund einen erneuten Besuch abstattete. Warum nicht einen Familienausflug nach Erynbar planen und so das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden? Er konnte wahrlich Urlaub vom Alltag gebrauchen.

»Schon bald, mein Sohn… schon bald… aber nun ist es Zeit ins Bett zu gehen, damit ihr morgen früh ausgeruht seid, für die große Parade.«

Die Kinder verließen mit mürrischem Blick das Zimmer. Aaron stand auf, nahm das Buch und stellte es zurück ins Regal, welches die gesamte rechte Seite des Raumes einnahm und voll mit Büchern war, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Dann setzte er sich an seinen massiven, aus Nussbaum gefertigten Schreibtisch, an dem er sonst immer saß, wenn er in seinen Büchern las und sich Notizen machte oder einen Brief zu schreiben hatte, lehnte sich zurück, streckte die Beine aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. Er ahnte noch nicht, wie bald der Wunsch der Kinder in Erfüllung gehen sollte.

1. Das große Fest

Am nächsten Morgen – es war Sonntag – ging Aaron direkt nach dem Frühstück mit seiner Familie zum Fest. Die Sonne stand schon hoch über dem Horizont und schien strahlend gelb vom Himmel. Trotz der noch immer vorherrschenden Kälte versprach es ein schöner Tag zu werden. Die Stadt Caras-Harán war zum Bersten voll, denn auch aus benachbarten Städten und Dörfern kamen die Menschen in die Stadt des Königs, um die Parade zu sehen und einen Blick auf den König erhaschen zu können. Dicht gedrängt sammelten sich die Menschen an der großen Prachtstraße südlich des Palastes, die von Westen nach Osten einmal quer durch die Stadt verlief. Ein Durchkommen, um einen Platz mit guter Sicht auf die Parade und den König zu haben, war nur sehr schwer möglich.

Der Palast stand auf einem Hügel, so dass er die ganze Stadt überragte. Die weißen Marmorplatten, mit denen der Palast verblendet wurde, waren rundum gereinigt worden und erstrahlten im Sonnenlicht. Vom Eingang wurde ein roter Teppich unter dem auf Säulen gestützten ovalen Vorbau bis zum Podest der Palasttreppe ausgerollt. Dort wurde der Thron des Königs unter einem Pavillon aufgestellt.    

Auf dem Palastvorplatz standen Händler, die für das leibliche Wohl der Menschen sorgten. Es gab gebratenes Wildschwein, Hasen, Rehe, allerlei Obst, auch exotische Früchte aus fernen Ländern und natürlich reichlich Bier und Wein, um die durstigen Kehlen zu besänftigen.

Junge Frauen tanzten in prächtigen Gewändern um einen eigens aufgestellten Holzpfahl. In den Händen hielten sie bunte Bänder, die an der Spitze des Pfahles befestigt waren. So bildete sich mit der Zeit ein buntes Muster um den Pfahl herum.

Etwas Abseits standen Musiker, die mit fröhlichen Weisen die Menschen unterhielten und zum Tanzen einluden.

Der König saß auf einem Stuhl in seinen Gemächern. Seine Beinkleider und seinen Wams hatte er sich schon angezogen. Jetzt half ihm sein Diener in die Stiefel, die mit goldenen Ornamenten versetzt waren, bevor er ihm den goldenen Harnisch sowie den roten, samtweichen königlichen Umhang anlegte, der so lang wie eine Schleppe an ihm herunter hing und über den Boden schleifte. Der Diener prüfte noch einmal den Sitz des Pelzkragens, dann verbeugte er sich und verließ die königlichen Gemächer.

Den Harnisch trug der König nur, weil die Tradition es verlangte und weil er der Oberbefehlshaber über seine Streitkräfte war und dann auch nur zu offiziellen Anlässen. Ihm war der Harnisch zu unbequem und schränkte ihn in seiner Bewegungsfreiheit ein.    

Er würde bald mit dieser Tradition brechen. Wozu sollte ein König sich wie ein gemeiner Soldat kleiden? Er hatte zwar im Jugendalter das Kämpfen erlernt, weil man es von ihm verlangte, doch er würde sich jetzt, da er König war, nicht einem Kampf stellen. Wozu hatte er seine Leibgardisten? Die wurden schließlich auch dafür bezahlt, dass sie ihr Leben für ihn riskierten.

Seine Krone setzte er sich stets selbst auf. Niemand außer ihm durfte sie berühren. Er hatte die Krone nach seinen Wünschen anfertigen lassen, weil ihm die Krone der altvorderen Könige, die auch sein Vater noch getragen hatte, für einen König nicht angemessen erschien. Die alte Krone hatte zu viele Rundungen und strahlte nicht genug Härte aus. Seine Krone musste genau diesen Erwartungen gerecht werden. So ließ er vom Goldschmied eine Krone anfertigen, die acht senkrechte Spitzen besaß, die aussahen wie Pfeile. In diese Spitzen wurde das Wappentier, der Drache, eingraviert. Und auf dem Kopfreif stand:

EIN VOLK EIN KÖNIG EIN LAND

AMBAR

Der Text der Gravur wurde in der Stadt bekannt, noch bevor die Krone vollendet war. Der Goldschmied erzählte dies seinen Angehörigen und diese sagten es weiteren Bekannten. Unter vorgehaltener Hand wurde getuschelt, was für ein König dieser Leuemar sein würde. Die Menschen fanden es seltsam, dass »EIN KÖNIG« um so vieles größer dargestellt wurde, als der Rest der Inschrift. Und wieso stand darunter »AMBAR« und nicht »THALATRIÉN«. Sah er sich als König von ganz Ambar und nicht nur diesen Landes?    

Sein Vater war gerecht und gütig, doch dieser hier würde es wohl nicht sein – die Menschen sollten Recht behalten.

Als die Krone perfekt auf des Königs Kopf saß, nahm er sein Zepter und ging aus dem Palast, schritt über den roten Teppich, schaute auf sein Volk herab, hob einmal die Hand zum Gruß und nahm auf dem Thron Platz.

Um ihn herum standen Bedienstete und Mägde, die ihn mit Köstlichkeiten für Leib und Seele versorgten. Jeweils vier Soldaten seiner Leibgarde standen links und rechts von ihm verteilt. Der Neunte der Garde stand einige Stufen unterhalb des Königs und präsentierte den königlichen Drachenschild, der so groß war, dass er kaum darüber hinwegsehen konnte.

›Was für eine Zeitverschwendung‹, dachte der König. ›Ein Fest zu Ehren der altvorderen Könige, die schon seit langer Zeit zu Staub zerfallen sind. Mich sollten sie ehren. Ich bin ihr König. Wenigstens werden die Händler viele Steuern zahlen nach diesem Tag, dann kommt wenigstens Geld in die Schatzkammer.‹ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Zur Mittagsstunde begann die Parade. Die Armee des Königs stolzierte in schwarzen Parade-Livrees mit blank polierten Brustharnischen und Waffenröcken, die das Wappen des Königs – einen roten Drachen – trugen, am Palast, dem König und den Besuchern des Festes vorbei.

Aaron blieb mit seiner Frau und den Kindern etwas abseits des Palastvorplatzes stehen. Er versuchte nicht bis ganz nach vorn durchzudringen. Dort standen die Menschenmassen derart gedrängt, dass Aaron befürchtete, einige würden – weil sie keine Luft mehr bekommen – in Ohnmacht fallen. Er blieb mit seiner Familie ein Stück die Straße runter, wo die Parade dann ihr Ende finden würde. Hier hatte er trotzdem einen Blick über den gesamten Platz. Von hier aus würde er auch schneller und auf direktem Weg durch die hinter ihm verlaufende Gasse nach Hause finden und dem Trubel entrinnen können, ohne sich durch die Massen der Menschen kämpfen zu müssen.

Die Fußsoldaten bildeten den Auftakt der Parade. Im Gleichschritt marschierten sie am Palast vorbei. Direkt vor dem Thron des Königs hielten sie kurz an, drehten sich nach links, um den König zu sehen, zogen ihre Schwerter aus den Scheiden und hielten diese stolz dem König zum Gruße entgegen. Danach drehten sie sich wieder zurück und marschierten weiter.

Es folgte eine Gruppe von Musikanten mit verschiedenartigsten Trommeln. Die Trommeln waren lang und schmal, kurz und breit, wurden mit Händen oder Stöcken geschlagen. Einige sahen gar nicht aus, wie Trommeln, wurden aber trotzdem mit einem Stock geschlagen. Und da waren dann noch kleine, kugel- oder hülsenförmige Instrumente, die geschüttelt wurden und ein Rascheln von sich gaben. Ein solches Getrommel hatte Aaron noch nie gehört. Es klang fremdartig, aber schön.

›Sicher wurden diese Musiker extra aus dem fernen Süden her bestellt‹, dachte er sich. In Wahrheit waren diese Musiker gerade zufällig im Land und man hatte sie gebeten, zu Ehren des Königs aufzuspielen. Und da es eine Ehre sein sollte, wurden sie natürlich auch nicht dafür bezahlt. Nur widerwillig stimmten sie zu.

Danach folgten die Stadtwachen. Sie gehörten nicht zum Militär, sondern bildeten eine Miliz. Trotzdem waren sie Bedienstete des Königs und nahmen somit an der Parade teil. Ihre Hellebarden hielten sie senkrecht vor der Brust. Mit der rechten Hand wurde die Hellebarde am unteren Ende der Stange gefasst und mit der linken Hand vor der Brust, wobei der Oberarm im rechten Winkel zum restlichen Körper ab stand und sich der Ellenbogen auf Schulterhöhe befand.

Gaukler warteten mit einigen Kunststückchen auf. Einer der Gaukler jonglierte mit brennenden Fackeln, die er ab und an benutzte, um aus seinem Mund Feuerfontänen auszuspucken oder er steckte sich eine brennende Fackel in den Mund, um die Flamme zu löschen. Ein anderer lief auf seinen Händen, stand auf, machte aus dem Stand einen Salto oder andere Sprünge aus unterschiedlichsten Positionen heraus. Der dritte wirbelte eine junge Frau durch die Luft, wobei die Frau fast nicht als solche zu erkennen war, so steif machte sie sich, wenn sie durch die Luft geschleudert wurde. Nur wenn sie abgesetzt wurde und einige Schritte lief, konnte man sehen, dass es sich hier um einen echten Menschen und keine Puppe handelte.

Es folgte die Reiterei, deren Waffenröcke so lang waren, dass sie wie eine Decke über den Rücken der Pferde gelegt wurden und noch deren Gesäß bedeckten. Einer der Reiter erkannte Aaron in der Menge und grüßte ihn mit einem kurzen Kopfnicken.

Aaron grüßte auf gleiche Weise zurück. ›Wie hieß er doch gleich?‹ Er hatte den Soldaten schon öfters im Palast gesehen, ein netter Mann, aber seinen Namen hatte er vergessen. Er war schon zu lange nicht mehr im Palast gewesen.

Jetzt folgte eine Gruppe Narren, die sich bewusst ungeschickt benahmen, als sie die Gaukler nachahmten und so für Gelächter im Publikum sorgten. Einer ließ regelmäßig beim Versuch zu jonglieren einen Kegel fallen, ein anderer stürzte, als er auf den Händen laufen wollte. Ein streunender Hund hatte scheinbar Gefallen an den Narren gefunden und schlich zwischen ihnen umher, schnupperte an dem einen, der versuchte, auf Händen zu gehen, sich momentan aber nicht bewegte. Er wollte schon dazu ansetzen, sein Bein zu heben, doch der Narr versuchte, mit der Hand den Hund zu vertreiben, was unweigerlich dazu führte, dass er zur Seite weg kippte und unsanft auf der Straße liegen blieb. Das Publikum hatte seine wahre Freude an dem unfreiwilligen Missgeschick und lachte aus vollem Halse. Selbst der König konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Die Bogen- und Armbrustschützen, die ihr Kriegsgerät locker in der Hand hielten, blieben kurz stehen, als sie vor dem Palast aufmarschierten, drehten sich in Richtung König, legten Pfeile auf Bögen sowie Bolzen auf die Armbrüste und zielten auf zwei über dem Palastvorplatz hängende Zielscheiben. Die Scheiben hingen an zehn Fuß hohen Pfählen, damit niemand verletzt wurde, sollte ein Schütze das Ziel verfehlen.    

Neben den Schützen lief ein Offizier, der jetzt den Bogenschützen den Befehl zum Abschuss der Pfeile gab. Einhundert Pfeile zischten gleichzeitig durch die Luft und gaben ein pfeifendes Geräusch von sich. Sie beschrieben einen Bogen, bevor sie in der rechten Zielscheibe einschlugen. Jetzt wurde der Befehl zum Abschuss der Armbrüste gegeben und einhundert Abzugshebel klickten, bevor die Bolzen in geradem Flug auf die linke Zielscheibe zusteuerten. Das Pfeifen, das dabei entstand, war um einiges lauter, als das der Pfeile, weil die Armbrüste den Bolzen beim Abschuss soviel Kraft und Geschwindigkeit mitgaben, dass sie nur einen Wimpernschlag nach Auslösen des Abzugshebels die Zielscheibe erreichten und diese durchschlugen. Von einigen Bolzen waren nur noch die Federn zu sehen.    

Nicht einer der Schützen verfehlte die Zielscheibe. Die Massen jubelten ihnen zu. Einige Frauen warfen ihnen Blumen zu, um sie zu ehren.

Weitere Musikanten spielten auf Flöten und Geigen. Dazu tanzten junge Frauen, die sich in traditionellen Gewändern über die Straße drehten und dabei grölten und jauchzten.

Den Abschluss der Parade bildeten die Drachenbändiger. Kerzengerade saßen die Reiter auf den mächtigen Tieren mit ihren ausladenden Flügeln, die so breit waren, dass die Besucher regelmäßig ihre Köpfe einziehen mussten, damit sie nicht von ihnen erwischt wurden. Die Zügel wurden kurz gehalten, so dass die Hälse der Drachen gerade nach oben ragten, als würden sie mit stolz geschwellter Brust am König vorüberziehen. Außerdem wurde so verhindert, dass ein Drache in den Flug überging. Die Mäuler waren mit Lederbandagen zugebunden. Die Tiere sollten nicht ausversehens oder weil sie sich vor irgendetwas erschreckten, die Mäuler aufreißen und ihren feurigen Atem versprühen.    

Die Soldaten, die bereits am Palast vorbeimarschiert waren, stellten sich vor dem Palast in Reih und Glied auf.

Aaron bemerkte, dass jeweils ein Teil der Streitkräfte nicht vor dem Palast Aufstellung nahm. Etwa die Hälfte aller Fußsoldaten, Reiter sowie Schützen fehlten. Er beachtete dies jedoch nicht weiter. Auf dem Palastvorplatz war zu wenig Raum für alle gewesen und das Gedränge war auch so schon groß genug. Sicher sammelten sich die restlichen Soldaten im Kastell.

Etwas allerdings störte ihn. Aber was? Er konnte es nicht sagen. Irgendetwas war hier nicht richtig.

Alle Drachen waren am König vorbeimarschiert und die Parade war zu Ende, als plötzlich der letzte Drache in luftige Höhen aufstieg, einen großen Bogen über den Palastvorplatz beschrieb und dann direkt auf den König zusteuerte. Auch die anderen Drachen stiegen jetzt auf und flogen über die Stadt.

Der erste Drache, der direkt auf den König zuhielt, spie eine riesige Feuerfontäne in dessen Richtung.    

Angst zeichnete sich auf dem Gesicht des Königs ab.    

»Meinen Schild, Gardist!«, brüllte er nach unten. Der König wäre zu Asche verbrannt worden oder hätte zumindest schwerste Brandverletzungen erlitten, wäre der Gardesoldat mit dem großen Drachenschild nicht blitzschnell die wenigen Stufen nach oben zum König gesprungen, um ihm Deckung zu geben. Dieser konnte zwar nicht über den Schild hinweg sehen, aber nach oben in den Himmel und so hatte er den anfliegenden Drachen bereits bemerkt. Er war die Treppe aufwärts gesprungen und hatte sich, den Schild hinter sich her ziehend, auf den König geworfen, um sie beide damit zu bedecken. Die Feuerfontäne prallte vom Schild ab und sprühte in alle Richtungen davon, so dass auch die Gardesoldaten links und rechts neben dem König in Deckung gehen mussten, aber trotzdem leichte Verbrennungen an ihren Uniformen zu beklagen hatten. Der Pavillon ging in Flammen auf und die Bediensteten rannten panisch und schreiend zur Palasttür, um im Inneren des Palastes Schutz vor dem Angriff zu suchen. Der König sprang aus seinem Thron und zog sich im Schutz des Drachenschildes zurück.

Aaron beobachtete, wie zur selben Zeit aus den beiden Türen unterhalb der Palasttreppe Fußsoldaten, die nicht mit angetreten waren von beiden Seiten der Palasttreppe in Richtung des Königs empor stürmten und sich ein Gefecht mit den Leibgardisten lieferten. Sie waren wohl durch einen Seiteneingang in den Palast gelangt und hatten sich einen Weg durch das Verlies bis zu den Türen gebahnt. Ein ungleicher Kampf entbrannte. Etwa fünfzig Fußsoldaten attackierten acht Gardisten. Die Gardisten hielten sich tapfer gegen die Angreifer, kamen aber einer nach dem anderen zu Fall. Trotzdem verschafften sie dem König genug Zeit, um im Palast Zuflucht suchen zu können. Zwei Stadtwachen, die am Eingang standen, zogen sich mit in den Palast zurück und schlossen augenblicklich die große Tür.

Unter der Bevölkerung machte sich Panik breit. Hatte man anfangs den Angriff auf den König für eine Vorführung gehalten, so wurde ihnen jetzt, da die ersten Soldaten blutend, vor Schmerz schreiend oder bereits tot auf der Palasttreppe lagen, bewusst, dass es sich um keine Inszenierung handelte, sondern um eine Revolte.

Die angetretenen Soldaten wurden unruhig und wollten den Gardisten zu Hilfe eilen, was sich jedoch als sehr schwierig herausstellte, denn auf dem Palastvorplatz herrschte unter den Besuchern großes Durcheinander. Sie rannten kreuz und quer über den Platz, suchten Schutz unter Ständen, in kleinen Gassen oder links und rechts der Palasttreppe. Angereiste Besucher drängten zu den Stadttoren und Einheimische suchten einen Weg nach Hause. Es wurde geschoben und getreten, um selbst einen Weg aus dem Tumult zu finden. So mussten sich die Soldaten gewaltsam einen Weg zur Palasttreppe hinauf bahnen, indem sie Besucher zur Seite schoben oder einfach überrannten.

Wer mitten im Gedränge gefangen war, hatte kaum eine Möglichkeit zu entkommen, da nun auch noch Reiter, die nicht mit Aufstellung genommen hatten, in Richtung Palastvorplatz preschten, um die dort Aufstellung bezogenen Soldaten und Reiter anzugreifen. Auf den Dächern der umliegenden Häuser erschienen Bogen- und Armbrustschützen und schossen auf die Schützen vor dem Palast.

Aaron bemerkte, dass die heraneilenden Soldaten und auch die Schützen auf den Dächern schwarze Tücher vor die Gesichter gebunden hatten, um nicht erkannt zu werden. Wahrscheinlich dienten die Tücher auch als Erkennungsmerkmal.    

Das Gefecht wurde zu einem Gemetzel. Reiter gegen Fußsoldaten, Stadtwachen gegen Reiter, Bogen- und Armbrustschützen gegeneinander. Schwerter krachten aufeinander, Pferde scheuten und stellten sich auf ihre Hinterläufe, Pfeile und Armbrustbolzen flogen durch die Luft – von den Dächern auf den Palastvorplatz und von dort auf die Dächer zurück. Schreie wurden laut, wenn Schwerter in Leiber gestoßen, Arme und Beine aufgeschlitzt wurden oder Pfeile ihr Ziel in Köpfen, Hälsen oder Leibern fanden. Nicht selten wurde ein Unglückseliger, am Kampf Unbeteiligter, der gerade im Weg stand von einem Schwert oder einem Pfeil getroffen und ging zu Boden.

›Irgendwann musste es ja soweit kommen‹, dachte Aaron, ›aber warum gerade heute, wo so viele Menschen hier sind?‹ Eine böse Vorahnung überkam ihn und er packte seine Frau und seine drei Söhne und eilte durch die Gassen, um in den Schutz seines Heimes zu gelangen.

2. Die Flucht

Aarons Haus lag in einem der wohlhabenderen Viertel im Südosten der Stadt.Vom Eingang führte ein Flur zum Hinterhof mit angrenzendem Garten, Pferdestall und einem Unterstand für seine Kutsche. Im unteren Geschoss befanden sich links der Wohnbereich und dahinter die Küche. Hinter der Tür auf der rechten Seite lag sein Arbeitszimmer. Neben der Hintertür führte eine Treppe ins Obergeschoss, wo sich das Schlafzimmer und die drei Zimmer der Kinder befanden, und in den Keller hinunter, wo Lebensmittel und Fässer mit Wein und Wasser aufbewahrt wurden.        

Zu Hause angekommen sagte er zu seiner Frau: »Pack einige Sachen und Proviant ein. Wir müssen hier verschwinden.«

»Was ist denn überhaupt los?«, fragte sie. »Wieso bekämpfen sich unsere eigenen Soldaten gegenseitig? Und warum müssen wir hier weg?«

»Das ist eine Revolte gegen den König. Die Menschen sind erbost über die stetig wachsenden Steuern der letzten Jahre. Selbst die Soldaten, Büttel und die Beamten müssen jetzt Steuern zahlen. Direkt nach Auszahlung ihres Soldes müssen sie einen zehnten Teil davon wieder abgeben, oder besser gesagt: er wird direkt einbehalten.«

»Aber was hat das mit uns zu tun?«

»Der König wird Vergeltung verlangen und all jene, die nicht in diesem Moment auf dem Palastvorplatz sterben, ins Verlies werfen und er wird glauben, dass ich den Aufstand anführe.«

Aaron war als enger Vertrauter und Berater des alten Königs Beogard auch für die Erziehung des Prinzen Leuemar verantwortlich und dessen Mentor. Nachdem vor drei Jahren König Beogard auf mysteriöse Weise zu Tode kam, hatte er Leuemar zum König gekrönt. Da der neue König das zwanzigste Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, blieb er Mentor und engster Vertrauter, bis er im vergangenen Jahr aus den Diensten des Königs entlassen wurde.

»Ich habe ihn wohl zu oft ermahnt, die Steuern nicht bis ins Unermessliche anzuheben und seine Soldaten nicht gegen aufbegehrende Bürger zu hetzen, um sie zu verprügeln oder gar ins Verlies zu werfen. Jedes Widerwort wurde mit Drohungen beantwortet und als er das zwanzigste Lebensjahr vollendet hatte, entließ er mich – mit der Warnung, mich still zu verhalten – aus seinen Diensten. Er ist nicht wie die altvorderen Könige. Ich habe in seiner Erziehung versagt.« Aaron machte einen resignierten Eindruck.

»Wo willst du denn mit uns hin?«, fragte seine Frau.

»Nach Norden zu den Elben. Ich werde meinem Freund Aerandir einen Besuch abstatten. Er weiß sicher auch Rat.«

»Zu den Elben!«, riefen die Kinder erfreut im Chor, denn sie hatten keine Ahnung, was da gerade auf dem Palastvorplatz geschehen war und verstanden auch nicht, dass sie flohen anstatt einen Ausflug zu machen.

»Wir werden Elben sehen.«

»Also geht schon. Schafft einige Vorräte und Klamotten zusammen und verstaut alles in der Kutsche. Morgen früh müssen wir weg sein.«

Er selbst ging in sein Arbeitszimmer und schnappte sich einige Bücher, die ihm wichtig erschienen und die nicht zu ersetzen waren. Klamotten, Bücher, seine Aufzeichnungen der letzten Jahre, einige Habseligkeiten, Proviant und je ein Fass mit Wein und Wasser sollten, für den Fall, dass sie irgendwo anhalten und sich stärken mussten, in die Kutsche verladen werden.

Nachdem der Aufstand niedergeschlagen wurde, die Sonne war bereits untergegangen, und alle Aufständischen tot oder gefangen genommen waren, verkündete König Leuemar, dass alle Helfer und Helfershelfer gefangen genommen werden sollten.

Um Mitternacht wurden Soldaten und Stadtbüttel ausgesandt um alle, die auf einer vorbereiteten Liste standen, zu verhaften. Türen wurden eingetreten, Tische, Schränke und Stühle wurden zerschlagen, die Menschen wurden aus den Betten gezerrt. Jedes Haus wurde durchsucht, niemand wurde verschont ‑ selbst Frauen und Kinder wurden mit Fäusten und Schwertern traktiert, um derer habhaft zu werden die verdächtig waren, die Revolte zu unterstützen. Tränen und Blut flossen in jener Nacht. Klagendes Wehgeschrei von Kindern und Ehefrauen sowie Schmerzensschreie der Getretenen und Geschlagenen erfüllten das Dunkel der Nacht.

Die Büttel kamen Aarons Haus immer näher.

Einige Stunden waren seitdem vergangen und die Sonne würde bald am Horizont auftauchen. Es hatte lange gedauert, die Sachen herbei zu schaffen und in die Kutsche zu verladen. Die Fässer mit Wein und Wasser schaffte Aaron allein aus der Vorratskammer in die Kutsche, denn seine Frau und die kleinen Kinder waren zu schwach, um helfen zu können. Die Fässer wurden hinter der Kutsche, wo sonst das Gepäck verstaut wurde, vertäut und mit einer Plane abgedeckt. Die Taschen mit dem Gepäck sowie der Korb mit Proviant musste vorn in der Kutsche verstaut werden, wo Aarons Frau und die Kinder sitzen würden.

Aaron stand neben der offenen Tür der Kutsche und schaute hinein. ›Es wird da drin sehr beengt sein‹, dachte er, ›aber es geht nicht anders.‹ Jetzt wünschte er sich, er hätte vor fünf Jahren doch die größere Kutsche gekauft. Diese hätte hundert Silberlinge mehr gekostet. Geld, das Aaron nicht ausgeben wollte. Jetzt verfluchte er sich dafür.

Er ging noch einmal in den Keller. Hinter einer geheimen Luke hatte er zwei Säckchen mit Goldstücken und Silberlingen versteckt. Diese holte er jetzt heraus und verstaute sie unter seiner Kutte. Dann eilte er wieder die Treppe hinauf, um nach seiner Frau und den Kindern zu sehen.

Aaron drängte zur Eile. Noch ein kurzer Blick aus dem Fenster und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass sie keine Zeit mehr hatten. Die Büttel waren nur noch drei Häuser entfernt. Aaron beobachtete, wie der Nachbar von zwei Bütteln grob auf die Straße gezogen wurde, ein dritter ihm seine Faust in die Magengrube stieß und der Nachbar einknickte. Seine Hände wurden hinter dem Rücken verbunden, dann wurde er grob auf einen Heukarren gestoßen. Dort standen zwei weitere Büttel und traten und schlugen weiter auf die gefangen genommenen ein und schon wurde die nächste Tür eingetreten.

Seine drei Söhne setzten sich in die Kutsche. Aaron und seine Frau eilten in den Stall, um die Pferde zu holen. Er spannte eilends die beiden Pferde vor die Kutsche. Seine Frau half ihm dabei. Sie hatte dies noch nie gemacht und wusste nicht, wie man die Pferde vor die Kutsche spannte, also hielt sie nur das Geschirr und Aaron zog die Gurte fest. Seine Hände zitterten. In dieser Eile ging ihm das Festzurren des Geschirrs nicht so leicht von der Hand, obwohl er dies schon viele Male getan hatte. Zum Schluss setzte er den Pferden vorsichtshalber Scheuklappen auf. Wer konnte schon sagen, was in den nächsten Tagen passieren würde. Wenn die Pferde aus irgendeinem Grund scheuen würden, wäre das vielleicht das Ende ihrer Reise. Aaron kontrollierte noch einmal den Sitz des Geschirrs und schloss die Türen im Haus ab. Dann stieg seine Frau hinten in die Kutsche und er nahm auf dem Kutschbock platz. Da wurde die Tür zu Aarons Haus aufgestoßen und drei Stadtbüttel stürmten herein. Einer stürmte direkt nach oben, der zweite rannte ins Arbeitszimmer und der Dritte wollte zur Hintertür raus. Er rüttelte und riss an der Tür, doch sie war verschlossen und zu stark, um sie mit dem Fuß einzutreten. Mit seiner Hellebarde schlug er einige Male auf die Tür ein und brach ein beträchtliches Stück heraus. Durch das Loch konnte er erkennen, wie Aaron gerade auf dem Kutschbock platz nahm.

»Hier entlang!«, schrie er. »Da ist er. Haltet ihn auf!«, und vergrößerte das Loch mit einigen Fußtritten. Die Drei zwängten sich durch das Loch und rannten auf die Kutsche zu.

Ein kurzer Ruck am Zügel und die Pferde preschten los – vom Hinterhof auf eine Nebenstraße. Ein Büttel rannte hinterher und unternahm den Versuch, mit seiner Hellebarde die Kutsche aufzuhalten, indem er sie von hinten an einer Kante einhaken wollte. Dabei geriet die Barte in die Speichen des hinteren, linken Rades. Die Hellebarde wurde dem Büttel aus der Hand gerissen und hing nun im Rad fest, wurde herum geschleudert und beim Aufprall des Schaftes wurde dieser zerbrochen. Der Rest fiel scheppernd zu Boden.

Aaron lenkte die Kutsche durch enge Straßen und verwinkelte Gassen. Die Kusche wankte, wenn ein Rad über einen Randstein holperte. Er rutschte auf dem Kutschbock hin und her, wenn die Kutsche in Schräglage geriet. Einmal wäre er fast herunter gefallen.

Er musste langsam fahren, weil die Gassen nicht viel breiter als die Kutsche selbst waren bis er zu einer Straße kam, die parallel zur Prachtstraße verlief. Diese Straße war breiter und niemand sonst war unterwegs. Hier konnte er die Pferde antreiben. Die Straße mündete nach einer Linkskurve kurz vor der östlichen Stadtmauer in die Prachtstraße in Richtung Stadttor.

Hier herrschte dichtes Gedränge. Alle Besucher, die angereist waren, wollten so schnell als nur möglich aus der Stadt heraus, doch jeder einzelne wurde kontrolliert und so standen die Menschen dicht gedrängt vor dem Stadttor ohne Hoffnung, schnell passieren zu können. Die Letzten in der Reihe mussten wohl die ganze Nacht hier angestanden haben, aber tausende Menschen waren nicht so schnell kontrolliert.

Aaron konnte sehen, wie einige von ihnen festgenommen wurden. Die Hände hatte man ihnen verbunden und brachte sie nun zu einem Haus, dass normalerweise den Stadtwachen zum Ausruhen diente.

Aaron musste da hindurch. Er konnte sich nicht hinten anstellen. Man hätte ihn sofort verhaftet, noch ehe er das Stadttor erreicht hätte.

›Wie soll ich da nur durch kommen‹, dachte er. Ich kann die Leute nicht einfach überrennen. Er hatte keine Wahl, er musste da durch.

Noch ein kurzer Ruck am Zügel und ein gezielter Schlag mit der Peitsche ließen die Pferde noch schneller werden. Sie rasten geradewegs auf die Menschen zu.

»AUS DEM WEG!«, schrie Aaron. Die Pferde wieherten und ihre Hufe schlugen hart auf dem Pflaster auf.

Es dauerte einen Moment, bis die Menschen begriffen. Sie drehten sich nur langsam um und erschraken angesichts der heran eilenden Kutsche.

Nach links und rechts sprangen sie auseinander. Einige direkt in den Straßengraben, andere warfen sich einfach nur zu Boden, um nicht von den Pferden umgerannt zu werden, wurden aber durch Hufe und Räder an Armen und Beinen verletzt. Wehgeschrei und empörte Rufe wurden laut.

»Halunke!« und »Bandit!« waren noch die harmloseren Worte, die er sich gefallen lassen musste.

Aaron trieb die Pferde weiter in die Massen vor ihm.

»AUS DEM WEG!«, schrie er erneut.

Wer nicht rechtzeitig zur Seite sprang, wurde von den Pferden nieder getrampelt. Entsetzte Blicke richteten sich auf ihn. Fäuste wurden ihm entgegen gestreckt und Flüche ausgesprochen.

»Entschuldigung!«, rief er von oben herab. »Ich habe es eilig! Lasst mich durch!«

Aaron konnte sich nicht weiter um die Verletzten kümmern, er hatte jetzt andere Probleme. Er musste weiter auf das Stadttor zu, dem einzigen Ausweg aus dieser Stadt. Um die Wachen würde er sich Gedanken machen, wenn es soweit wäre.

Das Gedränge vor ihm wurde dichter.

»MACHT DEN WEG FREI!«

Die Leute schrien, wurden umgerannt oder von den Rädern der Kutsche verletzt.

Er hatte das Stadttor fast erreicht.

Da stellten sich ihm zwei Stadtwachen in den Weg, ihre Hellebarden auf die Kutsche gerichtet.

»Anhalten! Im Namen des Königs!«, rief einer.

Die Pferde scheuten. Panik kam in ihnen hoch. Sie stellten sich auf ihre Hinterläufe und schlugen wild mit den vorderen Hufen. Einer der Stadtwachen wurde am Brustharnisch getroffen und zurück geschleudert, der andere bekam einen Tritt direkt ins Gesicht und ging blutend zu Boden.

Der Weg nach draußen war nun frei und die Pferde preschten weiter vorwärts. Gehetzt von der Peitsche eilten sie die Straße in Richtung Norden entlang.

»Gut gemacht«, rief er seinen beiden Pferden zu. Die Reaktion seiner Pferde hatte ihm gefallen. Hätten die Pferde nicht ausgeschlagen, Aaron hätte nicht gewusst, wie er sich verhalten sollte. So lobte er jetzt die Tiere für ihre Tat, obwohl er genau wusste, dass die Pferde rein instinktiv gehandelt hatten und ihn auch nicht verstehen konnten, aber er war erleichtert. Die erste Gefahr war vorüber und er konnte sich etwas entspannen. Trotzdem trieb er die Pferde an. In Kürze würden Soldaten hinter ihm her geschickt werden und je größer der Abstand war, den er jetzt herausholen konnte, umso besser.

Über die mit Steinen gepflasterte Straße holperte die Kutsche mehr, als dass sie seicht dahinfuhr. Aaron hüpfte auf dem Kutschbock auf und ab. Er dachte an seine Familie hinten in der Kutsche. Denen ging es sicher nicht besser, weil sie sich am Dach der Kutsche ihre Köpfe stoßen würden.

Ein Dreitagesritt würde es werden, bis zu den Elben und seinem Freund Aerandir. Die Sonne schien hell vom Himmel. Aaron trieb die Pferde an, wie er sie noch nie angetrieben hatte. Er rechnete mit Verfolgern und wollte seinen Vorsprung so weit wie möglich ausweiten, da er mit seiner Kutsche die Soldaten nicht abhängen könnte. Seine Pferde waren nicht für schnelle, ausdauernde Ritte trainiert. Außerdem mussten sie die Kutsche ziehen, was zusätzlich Kraft kostete.

***

Der Hofmeister kam in den Thronsaal gerannt und verbeugte sich eilends vor dem König, der gelangweilt in seinem Thron saß.

»Verzeiht, oh Herr, es gibt wichtige Neuigkeiten. Ein Stadtbüttel kam gerade zu mir gerannt und berichtete, dass Herr Aaron Estelon gesehen wurde, wie er mit seiner Kutsche das östliche Tor passiert hat. Er ist einfach durch die Menschenmenge hindurch geprescht und hat sogar zwei Büttel umgerannt. Danach ist er in Richtung Norden verschwunden.«

»Bring den Büttel zu mir.«, sagte König Leuemar sichtlich aufgebracht und erhob sich aus seinem Thron.

Der Hofmeister machte zwei Schritte rückwärts bis auf den Gang hinaus und winkte den Büttel heran.

Dieser betrat den Thronsaal und verbeugte sich sofort.

»Wieso habt ihr Aaron entkommen lassen? SPRICH!«, schrie der König den Büttel an.

»Verzeiht, oh Herr, aber ich war nicht zugegen, weil ich gerade einen anderen Mann in Gewahrsam genommen hatte. Die Beiden, die sich ihm in den Weg stellten sind tot. Sie hatten ihr Bestes gegeben aber Aaron Estelon hat sie einfach überfahren.«

»Ihr Bestes war wohl nicht gut genug!«, sagte der König lauter als nötig. »Nun gut, den Preis für ihre Unfähigkeit haben sie bereits bezahlt. Hofmeister! Holt mir den Obersten der Reitergarde her. RASCH!«

Der Hofmeister eilte aus dem Thronsaal.

»Und du… Verschwinde!«

Der Büttel schlich sich in vorgebeugter Haltung rückwärts aus dem Thronsaal.

Kurz darauf kam der Hofmeister zusammen mit dem Obersten der Reitergarde zurück. Wie immer nahm der Hofmeister eine unterwürfige Haltung ein. Der Anführer der Reitergarde blieb aufrecht stehen.

Der König unterhielt sich gerade mit einem anderen Soldaten der königlichen Garde. Es schien ein heiteres Gespräch zu sein. Als der König die beiden bemerkte, unterbrach er sofort das Gespräch und wendete sich dem Anführer zu.

»Ich habe einen Auftrag für Euch. Aaron Estelon ist nach Norden geflohen. Verfolgt ihn und bringt ihn mir tot oder lebend zurück.«

»Sehr wohl.«, sagte der Anführer, nickte mit dem Kopf und verließ den Thronsaal. Der Hofmeister folgte ihm.

»Könnt Ihr mir ein paar Informationen geben?«, erkundigte sich der Soldat beim Hofmeister. »Wie ist er geflohen? War er allein?«

»Die Büttel sagen, er sei mit seiner Kutsche geflohen. Er hat wohl seine Familie dabei und auch Proviant. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Danke, das reicht mir. Ich werde nur zwei Soldaten mitnehmen. Zwei von den Neulingen vielleicht. Dann können sie Erfahrungen sammeln. Erwartet mich in Kürze wieder zurück. Er drehte sich noch einmal zum Hofmeister um.

»Könnt Ihr mir sagen, mit wem sich der König da gerade unterhält? Irgendwoher kenne ich das Gesicht, kann mich aber nicht mehr erinnern.«

»Das ist der Anführer der Drachengarde, Herr.«

»Ja, genau, richtig. Daher kenne ich ihn.«

In Wahrheit kannte er diesen Mann nicht, hatte ihn aber gerade gestern erst gesehen. Ein Verdacht wuchs in ihm, war aber noch nicht greifbar. Er würde sich später Gedanken darüber machen. Jetzt hatte er einen Auftrag zu erfüllen.

***

Es ging auf Mittag zu, als die Straße bergan führte. Die Pferde wurden langsam müde. Aaron riskierte einen Blick über die Schulter nach hinten. Auf dem Gipfel des Hügels hinter ihnen sah er drei Reiter. Etwa eine Meile betrug der Vorsprung zu den Verfolgern. Er schaute nun immer wieder nach hinten. Der Abstand schrumpfte. Schon kurze Zeit später hatte sich der Vorsprung auf etwas mehr als eine halbe Meile verkürzt.

Vor ihnen, rechts neben der Straße, lag ein Wald. Aaron war früher oft hier gewesen. Eine halbe Meile hinter dem Waldrand, kurz hinter einer Rechtskurve, führte ein kleiner Pfad in den Wald hinein, der sich durch das Dickicht wandt und alles, was in ihn eindrang nach kurzer Zeit verbarg.

Vor dem Pfad wurde ein Platz angelegt, der ebenso wie die Straße mit Steinen befestigt war. Hier trafen sich reisende Händler, um untereinander Geschäfte zu tätigen, da sie hier nicht von Aufsehern der Städte beobachtet wurden und somit keine Steuern auf untereinander verkaufte Waren entrichten mussten.

Wenn sie hier in den Wald eindrangen, konnten ihre Verfolger dies nicht erkennen, da sie keine Spuren hinterließen.

Aaron drehte sich noch einmal zu seinen Verfolgern um. Eine viertel Meile Vorsprung hatte er noch.

Erneut ließ er die Peitsche knallen. Die Pferde schnauften, legten aber noch einmal an Geschwindigkeit zu. Lange würden sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten können.

Die Verfolger holten auf, bald würden sie sie eingeholt haben.

Aaron konnte die Kurve schon sehen. Vierhundert Fuß voraus.

In Gedanken und leise murmelnd flehte er seine Pferde an:

»Lasst mich nicht im Stich. Noch ein kurzes Stück weiter, dann könnt ihr euch ausruhen. Bitte.«

Endlich! Er hatte die Kurve erreicht...

Da war der Platz der Händler und der Pfad in den Wald hinein. Er lenkte die Pferde nach rechts und musste sie gleichzeitig zügeln, damit sie nicht geradeaus weiter hetzten oder geradewegs auf die Bäume zuhielten, was sie ausbrechen lassen würde. Dann würde die Kutsche vielleicht kippen und alles wäre umsonst gewesen. Die Verfolger hätten sie gefasst.

Der Pfad war schmal und gewunden. Aaron musste den Bremshebel anziehen, um die Pferde noch weiter zu verlangsamen. Je langsamer er hier war, umso geringer war die Gefahr, dass er mit seiner Kutsche an einem Baum hängen bleiben würde. Der Boden war uneben, die Kutsche schaukelte hin und her. Immer wieder streifte sie einen Baum oder einen Ast. Auch die Räder der Kutsche protestierten mit lautem Krächzen, wenn sie einen Baumstamm streiften.

›Die schöne Kutsche‹, dachte Aaron. ›Ich habe sie nur selten benutzt und jetzt bekommt sie schon ihre ersten Kratzer und Schrammen.‹

Die Baumkrone bildete ein Dach über ihm und die Äste hingen so niedrig, dass er sich ducken musste, um nicht mit dem Kopf im Geäst hängen zu bleiben.

Schon wenige hundert Schritt weiter waren sie von der Straße aus nicht mehr zu sehen. Aaron hörte das Schlagen der Hufe seiner Verfolger auf der Straße. Sie ritten vorbei, weiter die Straße entlang.

***

Aarons Verfolger ritten am Platz der Händler vorbei. Dass Aaron hier in den Wald eingedrungen war, hatten sie nicht bemerkt. Sie hetzten weiter die Straße entlang. Hinter der Kurve ging es noch ein Stück bergan bis zu einer Kuppe. Als die Verfolger die Kuppe passierten, hätten sie die Kutsche wieder sehen müssen. Doch sie war verschwunden.

»Wo ist die Kutsche«, rief der Anführer der drei und gab Handzeichen zum Anhalten.

Verwirrt schauten sich die drei um. »Irgendwo muss die Kutsche im Wald verschwunden sein«, sagte der Anführer.

»Wir reiten zurück und suchen danach.«

Sie ritten zurück bis zu der Kurve an der sie die Kutsche aus den Augen verloren hatten. Sie fanden den Platz der Händler.

»Hier führt ein Pfad in den Wald, den müssen sie genommen haben«, sagte einer der Drei.

»Zu schmal für eine Kutsche«, sagte der andere.

»Zu schmal für schnellen Galopp«, sagte der Anführer, »aber nicht, wenn man langsam hier entlang reitet. Also weiter, dem Pfad entlang.«

***

»Erstmal in Sicherheit«, sagte Aaron und ließ die Zügel jetzt locker. Die Pferde wurden langsamer. Die Fahrt wurde ruhiger. Noch ein Stück weiter, dann wäre Zeit für eine kurze Pause. Er ließ die Pferde anhalten, stieg von der Kutsche ab und tätschelte sie. Diese schnaubten vor Anstrengung. Dann ging er zur Kutsche nach hinten, um nach dem Rechten zu schauen. Seine Frau und seine Kinder hatten sich so krampfhaft im Inneren der Kutsche festgehalten, dass ihre Fingerknöchel nun weiß hervortraten. Durch das Geholper auf der Straße und das Schaukeln der Kutsche auf dem Waldpfad wurden sie wild hin und her geworfen. Sie hatten einige Prellungen an Beinen, Armen sowie an ihren Köpfen. Sein ältester Sohn hatte eine Platzwunde über dem Auge. Aleshia, seine Frau versorgte die Wunde, indem sie einige Kräuter darauf legte und mit einem Stück Stoff verband.

»Wie geht es euch?«, fragte Aaron und schaute beim Anblick seines Sohnes betrübt.

»Wir werden ein paar blaue Flecken bekommen, denke ich«, sagte Aleshia. »Aber Hauptsache ist, dass wir in Sicherheit sein werden. Wir sind doch in Sicherheit?«

»Ich weiß es noch nicht. Wir hatten Verfolger, aber ich denke, ich konnte sie abhängen. Durch den wilden Ritt in den Wald hinein bin ich vor ihren Augen verschwunden. Sie haben es nicht bemerkt. Aber sie werden bald feststellen, dass wir nicht mehr vor ihnen auf der Straße unterwegs sind und umkehren.«