Das vierte ägyptische Jahr - Abdel Moneim Laban - E-Book

Das vierte ägyptische Jahr E-Book

Abdel Moneim Laban

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Beschreibung

Ägypten als Kriegsschauplatz und als Herberge für Flüchtlinge. Juden, die nach Australien auswandern wollten, bleiben in Ägypten hängen. Gleichzeitig versucht eine Gruppe die Prophezeiung ihres Führer, der vor etlichen Jahrhunderten verstorben ist, zu beleben. Nämlich, dass er eines Tages auferstehen wird, um seine Anhänger als Führer einer neuen Welt zu erheben.

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Seitenzahl: 800

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Abdel Moneim Laban

Das vierte ägyptische Jahr

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Exposé

Das Attentat

Der Sensationsjournalist

Die Entführung

Boeringer

Rommel kommt

Naima

Bis Dezember 1941

Januar, Februar 1942

Frühjahr 1942

Sommer 1942

August 1942

September 1942

Oktober-November 1942

Ende 1942

Winter 1943

Impressum neobooks

Exposé

Das vierte ägyptische Jahr

Der Staatsanwalt Hefnawi wird damit beauftragt, die Ermordung des Innenministers zu untersuchen. Bald darauf wird der Arzt Ackawi, der in Deutschland studiert hat, entführt, kurz nachdem der Stellvertreter des Innenministers ermordet wurde. Die Einwohner glauben, dass ihr König, Turanschah, der im Jahr 1250 ermordet wurde, eines Tages nach Askour zurückkehren würde, um von da aus die ganze Welt zu erobern und Gerechtigkeit auf Erden zu errichten.

Der Journalist Azmi Allam, der in Paris ohne Abschluss studiert hat, ist der Überzeugung, dass die Staatsanwaltschaft und die Mörder in Askour gemeinsame Sache machen. Außerdem lehnt er die Religion der Askouris ab, weil die Anhänger von Turanschah mit den Ideen des Faschismus sympathisieren und denken, dass Hitler ein versteckter Anhänger der Lehre von Turanschah sei. Wie will er eine Verstrickung der Staatsanwaltschaft mit den Mördern beweisen? Allam engagiert eine Tänzerin und einen Privatdetektiv, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Nach seiner Entlassung wird der Arzt Ackawi erpresst. Er soll Schutzgeld zahlen. Als er sich weigert, wird sein Sohn entführt. Schließlich gibt er nach, verlässt Askour, zieht nach Mansoura um und arbeitet bei dem deutschen Arzt Blessner in einer gemeinsamen Praxis, um mehr Geld zu verdienen.

Die deutsche Abwehr verstärkt ihre Aktivitäten in Ägypten und schleust zwei Spione nach Kairo. Sie sollen mit ägyptischen Offizieren, die mit den Deutschen sympathisieren, Kontakt aufnehmen und eine mögliche Zusammenarbeit mit Rommel koordinieren. Die britische Abwehr verstärkt ihre Spionage ebenfalls.

Zidan, ein Ideologe der Turanschah-Bewegung, veröffentlicht ein Buch, in dem es heißt, dass Rommel nach Ägypten kommt, um das verlorene Buch des Turanschah nach Askour zu bringen.

Bei einem Unfall stirbt ein Mann, der bis dahin als schon längst tot gegolten hat. Sein Tod löst eine Welle von Verhaftungen aus, die das Ausmaß einer Verschwörung zeigt. Konservative Kräfte versuchen im Schatten der Turanschah-Bewegung, eine Hitler-freundliche Regierung an die Macht zu bringen. Sie nutzen die Stimmung der Bevölkerung gegen die Turanschah-Bewegung aus, um ihre Attentate zu kaschieren. Nach Rommels Niederlage in El Alamein verlassen die Menschen Askour fluchtartig. Die Epidemie, die in Askour ausgebrochen war, verbreitet sich im ganzen Land. Der Staatsanwalt Hefnawi, der verhaftet und damit beschuldigt wurde, den Turanschahis geheime Unterlagen geliefert zu haben, hofft vergeblich, dass er rehabilitiert wird.

Das Attentat

Was für eine furchtbare Nacht, dachte der Arzt Eberhard Blessner. Im Traum kam es ihm vor, als würde er auf seinen Sohn einschlagen. Erbarmungslos schlug er auf ihn ein. Sein Sohn Eduard hob beide Hände, um sich gegen die fallenden Fäuste über seinem Gesicht zu wehren. Eberhard wachte auf und begann leise zu weinen, als es ihm einfiel, dass Eduard seit einigen Jahren tot war. Manchmal kamen ihm Zweifel, ob er jemals seinen Sohn geschlagen hatte. Eduard litt unter Kinderlähmung, war an einen Rollstuhl gefesselt vom fünften Lebensjahr an. Als Eduard noch lebte und ihn an seine Rolle als hilfloser Vater erinnerte, blieb Eberhard nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen und zu üben, leise, sehr leise zu weinen.

„Papa, du bist doch Arzt, warum kannst du mir nicht helfen?“

Eberhard konnte die Frage nicht beantworten, konnte seinem Sohn nicht helfen und dachte schon, er könne überhaupt nichts, gar nichts.

Dieser Traum wiederholte sich manchmal in regelmäßigen und manchmal in nicht regelmäßigen Abständen. Er hat sich nie angekündigt, sonst würde er lieber eine schlaflose Nacht verbringen, als sich jenen qualvollen Momenten aussetzen zu müssen.

Eberhard Blessner konnte schwören, er hatte niemals solch eine abscheuliche Tat begangen. Diese Gewissheit beruhigte ihn nicht, wie er sich gewünscht hätte. Dieser Albtraum verfolgte ihn seit Jahren. Immer wieder diese Wut, die seine erbarmungslosen Schläge steuerte. Er kam sich niederträchtig, gemein und verbrecherisch vor. Vielleicht war dieses Gefühl der Grund dafür, dass er sich Themen einfallen ließ, die seine betrübte Stimmung verdeckten. Wie es an jenem Morgen geschah, als er sich verpflichtet fühlte, zu den Tagesereignissen Stellung zu nehmen.

Kommt es zum Krieg oder kommt es nicht zum Krieg! So lautete ‚Le Figaro's Schlagzeile. Er las weiter, aber eine eindeutige Antwort auf die Frage erhielt er nicht. Zurück blieb diese Angst, die ihn in den letzten Jahren begleitet hatte. Seit diesem verhängnisvollen Ereignis hatte er das Gefühl, dass ihm alles aus den Händen geglitten war. Er ließ sich einfach von einem unbekannten Wasserstrom tragen. Zu einem unbekannten Ziel, an einen unbekannten Ort. Angst um seine Frau Gertrud und seine Tochter Luise und natürlich Angst um sich selbst. Angst zu sterben. Nicht dass er Angst vor dem Tod hatte, aber die Angst, eine Tochter und eine Frau hilflos jener Welt zu überlassen. Ich darf nicht versagen, sagte er sich. März 1940 und die Rede war davon, ob Italien in den Krieg eintreten würde oder nicht.

Gertrud saß neben ihm auf dem Sofa, das ihm in den ersten zehn Jahren nicht gehörte hatte, denn er kaufte es gebraucht.

"Was hat das zu bedeuten?"

Wie viele Menschen saßen darauf mit Sorgen?

"Sollen wir hier bleiben oder nicht, das ist hier die Frage", meinte Eberhard.

Er schaute seine Frau verstohlen an. Ihr immer noch blondes Haar formte sich zu einer bescheidenen Mähne und gab sich vergeblich Mühe, dichten Wuchs vorzugaukeln. Sie beklagte sich, dass sie, seitdem die Familie sich in Frankreich aufhielt, an Haarausfall litt.

"Nein", ereiferte er sich, "dein Haar sieht immer noch wunderbar aus."

Sie glaubte ihm natürlich nicht, obwohl er seine Beschwichtigungen ernst meinte. Sie lebten in Marseille und hofften, das Kriegsende hier abwarten zu können. Vor einigen Jahren waren sie von Breslau gekommen, lange vor dem Einmarsch in Polen.

Eberhard Blessner konnte die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Krieg nur einige Monate dauern würde. Er hatte das prophezeit. In Wahrheit glaubte er selbst nicht daran, aber was tut man nicht alles, um dem Alltagsgeschehen ein Mindestmaß an Normalität zu verleihen.

In Marseille bewohnten sie eine Dreizimmerwohnung am Boulevard Mirabeau dicht am Güterbahnhof. Die Miete war zwar nicht gerade niedrig, aber woanders in der Stadt hätten sie immerhin das Doppelte bezahlen müssen. Eberhard sagte sich, in diesen Zeiten könne man nicht genug Geld in Reserve haben. Solche Gedanken konnte er vor seiner Frau nicht äußern. Sie befürchtete sofort das Schlimmste, fing dann das Kettenrauchen an, beklagte sich über Kopfschmerzen und zitterte am ganzen Körper. Und eines Tages erwischte er sie dabei, wie sie einige Haarbüschel vom Kopf riss.

"Gertrud, was machst du?", schrie er sie entsetzt an, als würde sie sein eigenes Haar ausreißen.

Sie sagte nichts. Gut, sinnierte er, dass ich mein Haar kurz halte. Dann war ihm klar, warum ihre Haarsträhnen überall vorzufinden waren.

Sollte er predigen: "Gertrud, so was tut man nicht. Lass deine Haare in Ruhe."

Stattdessen begann Eberhard, Überzeugungsarbeit zu leisten.

"Wie schön ist es, direkt am Hafen zu wohnen, wo man jeden Tag spazieren gehen kann, wenn man nur will. Und vor allem dieses Hafenpanorama, wo gibt es noch so was. Der Himmel so endlos wie das Wasser, unzählige Schiffe fahren in den Hafen, und eine frische Brise weht direkt vom Meer. Schau dir das an, Gertrud, ganz weit weg, wo Himmel und Meer ineinander übergehen, da denke ich manchmal, sie seien eine Einheit." Gertrud schaute nicht hin.

Eberhard zog seine Jacke an und stand vor dem Spiegel. Was wird aus mir und meiner Familie, sinnierte er. Sein schmales Gesicht empfing das schwache Licht der Lampe, die im Korridor über der Garderobe hing. Kantige Stellen von Licht und Schatten gingen ineinander über und deuteten auf die Falten hin, die er vergeblich zu glätten versuchte, indem er sich anstrengte, freundlich zu erscheinen. Das half nur vorm Spiegel. Lange gab er sich damit zufrieden. Nur Gertrud erinnerte ihn oft daran, dass er kein finsteres Gesicht machen sollte, da er dadurch um zehn Jahre älter aussehen würde.

"Ich mache kein finsteres Gesicht", wehrte er sich.

„Nachmittags Sprechstunde“, sagte er beim Gehen. Er wollte vermeiden, dass Gertrud ihn in ein Gespräch verwickelte, wodurch er verspätet in die Praxis käme.

Die Wohnung war in aller Eile eingerichtet worden. Ein Sofa, ein Doppelbett, vier Stühle, ein Kleiderschrank, ein Kohleherd und eine Stange versehen mit ein paar Haken, die als Kleidergarderobe diente. All diese Gegenstände waren bei einem Gebrauchtmöbelhändler erworben worden, um nicht zu sagen bei einem Trödler. Obwohl wiederum für viel Geld erworben war die Summe trotzdem nicht mit dem Preis zu vergleichen, den sie für neue Möbel hätten bezahlen müssen.

Sie wohnten im Erdgeschoss, trotzdem verzichteten sie am Anfang auf Vorhänge. Nach und nach mussten sie sich davon überzeugen, wie wichtig es war, die Kosten für gebrauchte Vorhänge aufzubringen. Voyeure, dachte Eberhard. Die Vorhänge waren auch nicht neu. Sie hatten ein langes Leben damit verbracht, ihm unbekannten Menschen, Sichtschutz zu gewähren. Da und dort weigerten sich einige Löcher im Textil, diesen ersehnten Sichtschutz zu bieten. Aber sie waren nicht groß genug, Voyeure anzulocken.

Das Allerschlimmste an dieser Wohnung war, dass sich das Klo im Treppenhaus befand und sich niemand für die Besorgung von Toilettenpapier zuständig fühlte (meistens lagen Zeitungen ganz oder zerschnippelt auf der winzigen Fensterbank). So verließ ein jeder seine Wohnung mit einer Toilettenrolle in der Hand, wie mit einem Kompass ausgestattet, und suchte die Einsamkeit. Gertrud hasste dieses Ritual und fühlte sich von jedem, den sie im Treppenhaus traf, angegafft. Sie wollte nicht, dass irgendjemand ihre Gedanken lesen könnte. Hier war es mehr als offensichtlich, was sie sich in nächster Zeit vorgenommen hatte. Einmal vergaß sie den Wohnungsschlüssel und musste einige Minuten im Morgenrock vor der Tür stehen (weil sie Luise nicht aus dem Schlaf reißen wollte), bis Eberhard nach einer Viertelstunde mit der Zeitung und frischen Brötchen zurückkam.

Ein Heidengeld hatte Eberhard bezahlen müssen, damit er vorläufig als Arzt in Marseille arbeiten konnte. Er war auch dankbar dafür, dass es so etwas wie korrupte Beamte gab; wie hätte er sonst seine Familie ernähren können? Als Deutscher im Feindesland.

Diese Vorläufigkeit dauerte an seit dem Tag, an dem er in Marseille zu praktizieren begann, mehr als drei Jahre. Seine Patienten waren hohe Beamte, die kurz vor der Pensionierung standen und, wohl aus Gründen der praktischen Vernunft, noch mitnehmen wollten, was noch mitzunehmen war. Alte, erfahrene Hasen, einige davon waren Kant-Kenner, die wussten, wann die theoretische und praktische Vernunft miteinander nicht im Einklang zu bringen waren und zogen trotzdem die notwendige Konsequenz daraus, und die hieß, nimm mit, was du gern dein Eigen nennen möchtest. Alte Beamte im hohen Dienst, die an Verengung der Lebensperspektiven und Vergrößerung der Prostata litten.

Eberhard musste sich immer wieder insgeheim eingestehen, dass es mit dem Krieg ernst war. Dabei hatte er Gertrud fest versichert, dass dieser Krieg sich auf Polnisches Territorium beschränken würde.

„Warten wir ab, ob Italien wirklich in den Krieg ziehen wird!", tönte er. Er wollte nur seine Frau beruhigen, aber Gertrud ging nicht darauf ein.

„Dann wandern wir nach Australien aus, und dort sind wir hundertprozentig sicher", versuchte Luise Stimmung zu machen. Freude kam nicht auf.

Zur selben Zeit, in der Eberhard die Zeitung aufschlug, versuchte ein ägyptischer Beamter die Zukunft zwischen den Zeilen der Zeitung "Al Ahram" zu lesen. Er war der Staatsanwalt Wagdi Hefnawi. Er saß im Bus, der zwischen Demiatta und Mansoura in Nord-Ägypten pendelte. Der Bus rüttelte und schaukelte. Sein ovales Gesicht verbarg er hinter der Zeitung. Nur sein Tarbusch, in dezentem Dunkelrot, verlieh seinem Kopf eine erhabene ägyptische Beamtenwürde. Bei näherem Hinsehen hatte Wagdi rötliche Wangen und für einen Ägypter hatte er übertrieben helle Haut. Seine schwarzen Augen trugen schwere Lider, und wer ihn betrachtete, musste den Eindruck gewinnen, diese Augen hätten den Kampf mit einer Last aufzunehmen, bevor sie in Erscheinung treten.

Er überflog die Schlagzeilen, aber die Zeitung gründlich zu lesen, war unmöglich. Die Sätze bildeten seismographisch das Rütteln und Schütteln des Busses ab und seine Augen hatten Mühe, die in Unruhe geratene Schrift zu lesen. Er faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche. In Askour stieg er aus.

Sechs Jahre hatte er in Demiatta verbracht, nie hatte er geglaubt, dort so lange bleiben zu müssen. Jedes zweite Jahr hatte er eine Petition an die Aufsichtsbehörde in Mansoura geschrieben und darum gebeten, ihn nach Alexandrien zurück zu versetzen. Jedes Mal war sein Antrag abgelehnt worden. Eines Tages meldete sich Besuch aus Kairo an: Der Staatssekretär Ibraschi erschien in seinem Büro und fragte, ob er nicht bereit sei, für eine Weile in Askour zu arbeiten. Wagdi fühlte sich geehrt, denn dass sich der Herr Staatssekretär persönlich zu ihm bemühte, wertete er als einen beachtlichen Vertrauensbeweis.

"Nach der Ermordung des Innenministers in Askour", erklärte Ibraschi, "müssen wir Flagge zeigen! Ich halte Sie für genau den richtigen Staatsanwalt, der dieser Aufgabe gewachsen ist!"

Erst später begann es Wagdi Hefnawi zu dämmern, worauf er sich eingelassen hatte. Was soll's, dachte er. Trotzdem überlegte er hin und her, ob er zustimmen sollte oder nicht. Es hatte schon früher die Möglichkeit gegeben, nach Askour zu gehen, aber er hatte immer gezögert. Erst nach dem Besuch des Staatssekretärs stand er dem Gedanken aufgeschlossen gegenüber. Jetzt, nach der Ermordung des Innenministers, ergab sich eine völlig neue Lage.

Alle Kollegen warnten ihn. Alle. Jeder versuchte auf seine Art, ihn zurückzuhalten. Aber vielleicht gab das den letzten Ausschlag dafür, der Versetzung zuzustimmen. Aus Trotz. Insgeheim gestand er sich ein, auf seine Kollegen wahrscheinlich lächerlich gewirkt zu haben.

Wieder musste er an den Staatsanwalt denken, den er ablösen sollte. Wie hieß er gleich noch? Er sah ihn vor sich, ein kleiner alter Mann, auffallend klein sogar.

Vielleicht verschaffte ihm gerade seine Kleinwüchsigkeit diese Autorität; ansonsten war der Mann immer übertrieben höflich gewesen. Er gestikulierte mit beiden Händen wie ein begnadeter Zeremonienmeister, machte kleine Verbeugungen und entwaffnete dadurch seinen Gesprächspartner. Gestern hatte er den Namen noch gewusst, er hätte ihn sich aufschreiben sollen.

Der Bus rüttelte und schüttelte. Bis Askour war es nicht mehr weit. Ein alter Bus mit abgenutzten Sitzen, die an den Rändern dunkler waren, und mit Dellen, die drückten. Der Sitz war groß genug, um die Spuren aller, die darauf Platz genommen hatten, in seinem Gedächtnis zu behalten. Der Bus fuhr mit Diesel, der Geruch war übel und pflegte seinen Magen dazu zu verleiten, sich zu drehen. Dann solidarisierte sich sein Kopf mit seinem Magen, wodurch er manchmal Kopfschmerzen kriegte. Er stieg aus. An der Haltestelle standen ein Zigarettenverkäufer, ein Zeitungsjunge und eine Frau, die lautstark Lotteriescheine an den Mann bringen wollte. Jedem Käufer wurde Glück und langes Leben versprochen, die außerdem von der staatlichen Lotteriestelle garantiert wurden. Die Verkäuferin gab dies in ermüdender Monotonie bekannt.

Neben der Haltestelle befand sich ein kleines Café mit verglasten Holzwänden; die Rahmen waren zersplittert und der weiße Lack abgeblättert. Offenbar diente das Café in den ersten Monaten seines Bestehens den Reisenden als Aufenthaltsraum. Später setzte das Zerstörungswerk von Mensch und Natur ein und entfremdete den ursprünglichen Zweck. Trotzdem saßen Menschen da, tranken Tee oder Kaffee und warteten auf den Bus.

Ein Kanal verlief parallel zur Straße. Die eine Seite des Kanals war dicht besiedelt. Einige überhängende Dächer spiegelten sich im Wasser wider. Auf der rechten Seite standen zwei Villen, die von Feldern umgeben waren. Die eine Villa gehörte, wie er später erfuhr, dem Bürgermeister, die andere dem Leiter des Polizeireviers. Wagdi Hefnawi musste über eine Brücke gehen, um in die Stadt zu gelangen. Bevor er die Brücke überquerte, sah er ein großes Gebäude - das Gymnasium. Gegenüber dem Gymnasium, auf der anderen Kanalseite, stand ebenfalls ein gewaltiger Bau. Es war das Polizeirevier, an das sich das Gefängnis anschloss. War es ein Zufall, dass das Gymnasium und das Gefängnis so dicht beieinander lagen? Er lächelte kurz.

Die Straße zog sich gerade hin. Ein Straßenfotograf mit einer dreibeinigen Kamera, ein Krämerladen und die Feuerwehr. Sonst überwiegend Wohnhäuser. Dann machte die Straße einen Bogen. An der Biegung war ein kleiner gepflegter Garten zu sehen. An einem Pfosten hing ein Brett, auf dem "Zutritt verboten" stand. Rechts zweigte ein Weg ab, der mitten durch die Felder zum Fluss führte.

Immer wenn er nach Mansoura gefahren war, hatte der Bus kurz in Askour angehalten. Nein, nach Askour wollte er nie. Er hatte die alten, hinfälligen Häuser aus dem Busfenster betrachtet und war froh gewesen, in dieser Stadt nicht arbeiten zu müssen. Auf keinen Fall hätte es ihn dorthin gezogen.

Der einzige, der ihm diese Versetzung, die er im Grunde doch als eine Art Erniedrigung empfand, hätte ersparen können, wäre dieser Staatsanwalt gewesen. Wie hieß er noch? Bekir, ja genau, Ibrahim Bekir, so hieß er. Wieso war ihm der Name nicht vorher eingefallen? Wie auch immer, jedenfalls wollte Bekir nicht länger im Dienste der Gerechtigkeit stehen. "Wissen Sie, ich habe lange genug vergeblich für die Gleichheit unter den Menschen gearbeitet. Nun sind Sie dran!"

Wagdi fand es absurd, den Mann von seinem Vorhaben abbringen zu wollen.

Er sagte bloß: "Ich sollte ohnehin nur zwei Jahre in Demiatta arbeiten!"

Aber Bekir schien nicht hingehört zu haben, jedenfalls äußerte er sich nicht dazu. Sie hatten sich ein paar Mal in Askour, Demiatta und Mansoura getroffen, immer nur dienstlich, um Wagdi in die neue Arbeit einzuführen.

"Wissen Sie, als ich damals angefangen habe, musste ich mir alles allein aneignen. Seien Sie froh, dass ich Ihnen zur Seite stehe!"

Wagdi war nicht froh. Wie sollte er auch? In den letzten sechs Jahren war weit und breit kein Zeichen von Erfolg zu sehen gewesen, ein Umstand, mit dem sich seine Arbeitskollegen längst abgefunden hatten.

"Was erwartest du? Was stellst du dir unter Erfolg vor?", fragten sie.

Keiner der letzten Morde war aufgeklärt worden. Wahrscheinlich hätte das Ministerium auch jetzt keinen sonderlichen Aufwand betrieben, wenn nicht der Innenminister unter den Ermordeten gewesen wäre, überlegte Wagdi. Schließlich war Mord nichts Außergewöhnliches in Askour.

Jedem Beamten, der sich etwas zuschulden kommen ließ, drohte die Versetzung nach Askour, Oberägypten oder in die Oasen. Er hatte sich aber nichts zuschulden kommen lassen. Er fühlte sich unbescholten, war ein friedlicher Typ, der auf keinen Fall auffallen wollte. Deshalb hatte er sich ja auch vom Staatssekretär Ibraschi überreden lassen, sagte er sich bedauernd.

Wer konnte ein Interesse daran haben, den Innenminister Gaafer zu ermorden? Gaafer hatte den Askouris die Rechte gegeben, die sie seit Jahrhunderten verlangten. Askouris durften Beamte werden, durften studieren, alle möglichen Berufe ergreifen, sich niederlassen, wo sie wollten. Das war früher nicht möglich gewesen. Und ausgerechnet diese Leute sollen den Innenminister auf offener Straße erschossen haben?

"Du glaubst wirklich, dass die Askouris ihn ermordet haben?", fragten seine Kollegen ungläubig.

Natürlich wussten sie wieder einmal alles besser. Es gab nichts Schlimmeres als Justizbeamte, besonders dann, wenn sie aus Demiatta kamen.

"Wenn ihr alles wisst, heraus mit der Sprache: Wer hat ihn ermordet?" fragte Wagdi.

"Wer den Innenminister ermordet hat? Denkbar ist alles, bloß nicht, dass es die Askouris waren!", antworteten sie.

Eine sehr plausible Antwort, dachte Wagdi. Manchmal hatte er Schwierigkeiten, seine Kollegen zu verstehen. Aber wen störte das schon. Wieder und wieder drängte sich ihm die Frage auf: Wer hat den Innenminister ermordet?

Von weitem sah er das Grabmal. Er kannte es bereits von Bildern, die sich hier, wo immer man ging und stand, einem aufdrängten. Ein Kollege aus Demiatta hatte ihm erklärt, was es mit dem Grabmal auf sich hatte: "Das ist die berühmte Gedenkstätte von Turanschah. Hier liegt jener Mann begraben, der der Justiz die meiste Arbeit gemacht hat. Wir können ihm nur dankbar sein, dass er einem Heer von Justizbeamten Arbeit und Brot gibt!"

Es waren nur einige Meter bis zum Grabmal. Sollte er hingehen? Er blieb noch stehen und überlegte. Einige Passanten schauten ihn neugierig an; arme Bauern, die ihn, den Beamten, mit seinem nagelneuen Anzug aus englischer Wolle, dem weißen Hemd und dem Tarbusch in dezentem Rot bewunderten. Er hatte sich diese Kleider kurz vor Kriegsausbruch gekauft, ungefähr im Sommer 1939 musste das gewesen sein. Ja, genau. Er hatte sich an seinem dreißigsten Geburtstag eine Freude machen wollen und sich vollständig neu eingekleidet. Ein Jahr später hätte er sich diesen Luxus nicht mehr leisten können, die Preise waren davongelaufen. Justizbeamte in exponierter Stellung sollten auf die Kleidung und die gesamte Erscheinung achten, hieß es in einer Dienstschrift für Staatsanwälte.

Er ging weiter. Es war noch kühl an diesem frühen Morgen. Die Sonne wärmte zwar bereits, aber er merkte beim Laufen, wie ihn eine kalte Brise streifte. Auf den Feldern lag ein Hauch von Nebel. An Spinnfäden kondensierte die Feuchtigkeit in kleinen, glasklaren Wasserkügelchen. Die Felder waren fast systematisch in Rechtecke geteilt. Die jungen Pflanzen ordneten sich der Macht der Geometrie unter; der optische Eindruck wechselte mit der Perspektive. Es schien, als änderten die Pflanzen bei jedem Schritt ihren Standort. Was für Pflanzen dies waren, wusste er nicht.

Bauern, die auf Pferdewagen saßen oder auf Eseln ritten, grüßten beim Vorbeikommen oder schauten ihn auch nur neugierig an. Der lehmige Weg war feucht, und Wagdi machte sich Sorgen um seine frisch polierten Schuhe. Lehmflecken hätten dem Glanz beträchtlich geschadet. Das wäre ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Kleidungs- und Erscheinungsvorschriften für Justizbeamte in "exponierter Stellung". Außerdem, das wusste er aus Erfahrung, ließen sie sich ziemlich schwer entfernen.

Rechts am Ende des Wegs stand eine Villa, oder das, was von ihr übriggeblieben war. Kletterpflanzen wucherten um das Haus. Wagdi hatte den Eindruck, als würde das Haus von ihnen zusammengehalten. Einige Flecken verrieten, dass das Haus früher mit gelber Farbe gestrichen wurde. Die Reichen in dieser Gegend bevorzugten für ihre Villen die Farbe Gelb. "As Saraya as-safra", die gelbe Villa, wer da wohnte, galt als vornehm. Was diese Villa hier betraf, so mag sie vielleicht vor hundert Jahren einen gepflegten Eindruck gemacht haben.

Nach altem Brauch wohnten alle Richter und Justizbeamte in Demiatta oder Mansoura. Nach Askour fuhr man nur dann, wenn die Amtsgeschäfte es verlangten. Lediglich dem Leiter des Polizeireviers war es vorbehalten, in Askour zu wohnen; den Polizisten natürlich auch.

Angeblich sollten die Einwohner von Askour unter Schlaflosigkeit leiden. Menschen, die in Askour die Nacht verbrachten, erfuhren nie den Segen des Schlafs, hieß es. Wagdi hatte einen Mitarbeiter gefragt, ob das stimme. Eine klare Antwort hatte er nicht bekommen. "Probieren Sie es doch mal", erklärte der Mann scherzhaft.

"Es gibt so viele Erklärungen, warum die Askouris den Segen des Schlafes nicht kennen. Wer kann da schon wissen, was stimmt und was nicht."

Da die Gegenwart vielen, die in Askour zu tun hatten, nicht gerade erquicklich erschien, hatten sich einige von ihnen lieber mit der Vergangenheit dieser Stadt befasst. Niemand konnte die Herkunft der Einwohner mit Sicherheit zurückverfolgen. Einige Geschichtsschreiber behaupteten, dass die Askouris von den Pharaonen abstammten, also von Vorfahren, die das Licht des wahren Glaubens nie erfahren hatten. In ihrer Religion seien bestimmte Elemente vorhanden, die noch der heidnischen Frömmigkeit der alten Ägypter verpflichtet sind. Die Kopten, die sich als die einzigen wahren Nachfolger der alten Ägypter verstanden, protestierten heftig dagegen. Andere Historiker meinten, sie seien die Nachfolger der alten Karthager, die sich nach dem Fall von Karthago in Askour niedergelassen und von Beutezügen gegen ihre Nachbarn gelebt hätten. Wieder andere glaubten, Beweise dafür gefunden zu haben, dass die Askouris Nachfahren der Kreuzzügler waren, die die Stadt im dreizehnten Jahrhundert belagert hatten. Diese Kreuzzügler hatten angeblich ihr Gedächtnis verloren und nicht gewusst, wie sie nach Hause kommen konnten.

Andere gingen mit ihren Thesen so weit, dass sie behaupteten, die Askouris wären nichts anderes als die Nachkommen der Zauberer, die der Pharao gerufen hatte, um Moses zu überlisten. Moses hatte sie verflucht und in die Wüste des ewigen Vergessens geschickt. Viele andere vertraten die Meinung, dass sie von den Afarits abstammten, die von König Salomon beauftragt worden waren, das Flussbett des Nils zu vertiefen. Da sie nicht immer gehorsam waren, bestrafte sie König Salomon so, dass er ihr Gedächtnis außer Kraft setzte.

Die Askouris wurden von den Muslimen abgelehnt; die Kopten distanzierten sich von ihnen, und die Juden wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Die Zentralregierung hatte etliche Versuche unternommen, die Askouris zu bekehren. Aber die Missionare kehrten von den vielen Versuchen, die alle zum Scheitern verurteilt waren, nicht zurück. Es hieß, dass jeder, der das Lebensgefühl der Stadt zu verändern suchte, vom Fluch der Vergesslichkeit heimgesucht würde. Es hieß auch, dass alle, die sich länger als drei Tage in der Stadt aufhielten, ihr Gedächtnis allmählich verlieren würden. Genaue Angaben über die Zeit, die verstrichen sein musste, bis die Menschen kein Erinnerungsvermögen mehr hatten, gab es nicht. Vorsichtshalber hatte die Zentralregierung die Errichtung und die Betreibung von Hotels und Pensionen verboten, damit ahnungslos Reisende nicht in Gefahr gerieten, Schaden zu nehmen.

"Tatsache ist, dass die Zentralregierung mit dem Hotelverbot erreichen will, dass Askour und Umgebung aus der jetzigen Isolation nicht befreit werden sollen. Gerüchte um die Vergesslichkeit der Askouris und ihre Schlaflosigkeit sollen den Eindruck erwecken, dass wir ein absonderliches Volk seien", schrieb ein Askouri namens Zidan.

Doch in den letzten Jahren hatte die Regierung diese Einschränkungen abgeschafft. Den Askouris war es endlich erlaubt, Hotels und Pensionen zu eröffnen. Aber niemand machte Gebrauch davon.

Wagdi blieb vor der einstmals gelben Villa stehen. Er sah, wie die Kletterpflanzen durch die Risse und Löcher im Mauerwerk drängten und ihr Werk der Zerstörung weiter trieben. Ja, das Haus war einstmals schön gewesen. Girlandenartige Ornamente rahmten die Fenster ein. Da und dort waren architektonische Dekors zu sehen, die aus vergangenen Epochen stammten. Er stand auf einem Weg, der früher als Damm gegen die Fluten des Nils gedient hatte; das Ufer des Flusses war nicht weit entfernt. Die alte Villa stand etwas tiefer. Auf diese Weise konnte er aus relativer Höhe die Zerstörung betrachten, die die Pflanzen im Lauf der Jahre verursacht hatten. Zweige, Sträucher, Kletterpflanzen und hohes Gras belagerten das Gebäude, und es sah so aus, als bereiteten sie sich auf den letzten Angriff vor.

Gleich beim ersten Besuch in Askour war ihm die Villa aufgefallen. Die Erinnerung an das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, drängte sich ihm auf. Es lag direkt am Mittelmeer. Wie oft hatte er am Fenster gesessen und staunend das Meer betrachtet, wenn mit dem Auf und Ab der Sonne und des Mondes die Farben der Wellen wechselten. Der Himmel spannte sich über das Meer und ließ seine Farben über das Wasser regnen. Im Nu nahm das Meer die himmlische Gabe an, und seine Wellen trugen die Farbfahnen weit bis an die Peripherie der in der Luft schwebenden Wolken. Vahe Amarlikian nahm eine Handvoll Wasser, um das Geheimnis der wunderlichen Farben zu erkunden. Es war kristallklares Wasser, frei von jenem vermeintlichen Zauber. Es sickerte durch seine Hand und gewann wieder die Farbe von Aquamarin.

Irgendwann hatte die Familie das Haus verlassen müssen. "Eines Tages kaufe ich euch so ein Haus!", erklärte sein Vater, als sie auf den Pferdewagen, der die Möbel transportieren sollte, warteten. Damals lebte seine Mutter noch.

"Ich will noch einmal das Meer vom Balkon sehen", sagte sie, während sie sich barfüßig vor die Balkontür stellte, die Hände in die Höhe hob und ihren von der Krankheit abgemagerten Körper ausstreckte.

Kurz danach wurde sie von einem Hustenanfall geschüttelt. Sie bekam kaum noch Luft und musste sich erschöpft und atemlos an den Küchentisch lehnen.

Sie zogen nach El-Ibrahimeyye, ein Viertel, das hauptsächlich von ärmeren Leuten bewohnt war. Eine benachbarte Familie kümmerte sich um ihn, als die Mutter ins Krankenhaus musste. Sein Vater hielt sich oft in der Küche auf und rechnete. Er saß barfüßig, hatte Hosenträger und Unterhemd an und zählte Geldscheine. Einmal sah Wagdi vom Korridor aus, wie sein Vater leise weinte. Das neue Haus lag weit vom Meer entfernt. Wann genau waren sie eigentlich vom Meer weggezogen?

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In Marseille befasste sich Eberhard Blessner mit Umzugsplänen. Alle Überlegungen kreisten um die Idee, wohin er mit Frau und Tochter Luise gehen konnte. Schon in Breslau hatte sich ihm der Verdacht aufgedrängt, dass er offenbar an Tuberkulose litt. Die Symptome waren nicht ganz eindeutig. Er spuckte Blut, hatte dann und wann Fieber, und nachts schwitzte er heftig. Da lag es auf der Hand, dass er mit Patienten nicht in Berührung kommen durfte. Aus diesem Grund war ihm der Schriftverkehr des Breslauer Krankenhauses übertragen worden. Nicht lange, und er musste sich mit dem "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" befassen. Eberhard sollte "Richtlinien zur Überwachung des Blutschutzgesetzes" ausarbeiten.

Nach zwei schlaflosen Nächten, da lebten sie noch in Breslau, wurde er von einem so heftigen Hustenanfall überrascht, dass seine Frau und seine Tochter dachten, es ginge mit ihm zu Ende.

"Wir hätten damals mit deinen Eltern nach Amerika gehen sollen", sagte er zu seiner Frau, Monate, bevor er den Entschluss gefasst hatte, nach Marseille umzuziehen.

"Wir wollten es nicht, du auch nicht", erinnerte ihn Gertrud.

"Wir wollten nach Australien, warum haben wir bloß so lange gewartet?", fragte Eberhard.

Ein befreundeter Arzt hatte ein Gutachten ausgestellt, das Eberhard Blessner ermöglichte, aus Deutschland auszureisen. So weit, so gut, doch Ribbentrops Reise nach Italien war kein gutes Zeichen. In Marseille wollte er nicht bleiben, aber so schnell wie möglich ein Schiff nehmen, das ihn nach Australien brächte. Das französische Ausländeramt erwog, ihn unter Quarantäne zu bringen. Aber wohin mit Frau und Tochter?

Eberhard las wieder einen Artikel im "Figaro", bevor er sich an seine Frau wandte und sagte: "Wenn wir Marseille jetzt nicht verlassen, werden wir es nie mehr schaffen."

"Wie stellst du dir das vor?", wollte Gertrud wissen.

"Zur Zeit fahren noch Schiffe nach Alexandrien. Von dort aus gehen wir nach Kairo, wo wir ein Visum für Australien beantragen."

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Herbert Boeringer war mit seiner Frau am 3. Dezember 1938 um 18 Uhr in Liverpool Street verabredet.

"Da, wo die große Bahnhofsuhr steht, da wirst du mich finden", hatte er ihr damals gesagt.

Das war mehr als ein Jahr her, und seitdem ging Boeringer mehrere Male am Tag zu der besagten Liverpool Street, und wer war nicht da und hatte nicht auf ihn gewartet?

Juden aus Frankfurt waren selten in London zu treffen. Die meisten, die sich in der Stadt aufhielten, waren reiche und arme Juden aus Polen. Sie sprachen kaum Englisch und kaum Französisch, und eine Sprache wie die polnische war ihm ein Buch mit mehr als sieben Siegeln. Auf Anraten eines flüchtigen Bekannten wandte er sich aus lauter Hilflosigkeit an Scotland Yard.

Er fuhr bis Victoria Station, fragte einen Passanten, wo das berühmte Gebäude sei, debattierte lange mit dem wachhabenden Polizisten, bis er ihn ins Gebäude einließ. Im Gebäude wartete ein anderer Wachtmeister, der auf die entsprechende Frage auf ein Zimmer am Ende des Korridors zeigte. Diese endlosen Hallen und die unzähligen verschlossenen Türen beruhigten ihn nicht. Von der Decke hingen zahlreiche Lampen mit unmodischen Schirmen, die das Licht daran hinderten, die Decke zu beleuchten.

Schließlich stand er vor der empfohlenen Zimmertür. Er klopfte an, wartete kurz, dann betrat er das Zimmer. Es war kein überschaubarer Raum, wie er dachte, sondern ein verschachteltes Archivlager mit vielen Schränken, Regalen und Aktenbehältern in Reih und Glied. Schicksale, die eine ewige oder vorläufige Bleibe im papierenen und verstaubten Dossier gefunden haben. Ein hagerer Beamter, kahlköpfig, bebrillt, der eine Weste und Ärmelschoner anhatte, kam auf ihn zu.

"Was kann ich für Sie tun, Sir?"

"Ich möchte Sie fragen, ob Sie mir vielleicht helfen können, wie ich meine Familie finden kann?" Der Mann schaute ihn kurz an, etwas entgeistert.

"Sie meinen, ob wir hier irgendwelche Angaben über ihre Familie haben", korrigierte ihn der Beamte.

Herbert nickte und schämte sich, dass er so ein Baby Englisch produzierte. Das Ganze hörte sich an, wie ein Kind, das lallt: „ Ich suche meine Mami.“

Der Beamte blätterte in einem riesigen Heft, nachdem er sich nach dem Namen der gesuchten Frau erkundigt hatte.

"Beringer, Beringer ... ,“ murmelte er. Herbert korrigierte: "Entschuldigen Sie, Boeringer heißt das ... B O E ringer."

Der Mann senkte seinen Kopf, so dass er seine Blicke von der Brille befreite und "Beringer" zwischen Brillenrand und Augenbrauen scharf fixierte. Schweigen. Dann wandte er sich seiner früheren Beschäftigung zu, murmelte nicht mehr, bewegte den Kopf auf und ab, als würde er sehr leise die Namen im Heft lesen.

"Der Name, den Sie genannt haben, ist nicht aufgelistet, es tut mir Leid", er sagte das, indem er das Heft zuklappte.

Herbert wollte noch etwas fragen, aber auf Grund der Abschiedsgeste sah er davon ab.

Hat es Sinn oder hat es keinen Sinn, vor der amerikanischen Botschaft zu warten und um ein Visum zu bitten? Vor der Botschaft stehen die Leute Schlange. Lauter Statisten, Londoner Arbeitslose, die angeheuert werden, um eine Warteschlange vorzugaukeln, damit kein Flüchtling auf die Idee käme, Eintritt zu begehren. Ein Visum für Amerika zu erhalten ist so gut wie ausgeschlossen, es sei denn, man ist mit Herrn Rockefeller persönlich verwandt, sagte ihm ein Landsmann aus Hamburg.

Boeringer wusste nicht, was war Dichtung und was Wahrheit und wurde entmutigt. Eines Tages entschloss er sich, zur Botschaft zu gehen. In aller Herrgottsfrühe verließ er sein möbliertes Zimmer in Holland Park. Es war kurz nach sechs Uhr, und er brauchte nicht länger als 30 Minuten, bis er die Botschaft erreichte. Doch trotz der frühen Morgenstunde bildete sich eine beträchtliche Schlange vor dem Eisentor des Gebäudes. Rund um ihn herum sprachen die Leute Deutsch, Französisch, Polnisch, Jiddisch, Italienisch und Spanisch. "Die Botschaft macht erst um zehn Uhr auf", gab einer der Wartenden bekannt.

Nur Amerikaner können heute bis zehn Uhr ruhig schlafen, fiel Boeringer ein, als er sich unter die Wartenden drängelte.

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Wagdi Hefnawi befand sich auf dem Weg zum Amtsgericht. Er warf einen Blick auf die Ruine der Villa, sah, wie sich das Wasser des Flusses schier ins Unendliche ergoss, und fand, dass er sich auf das Gespräch mit Ibrahim Bekir nicht sonderlich vorbereitet hatte. Eine Feluke glitt mit vollem Segel dahin. Eine große Barke lag am Steg. Einige Arbeiter waren damit beschäftigt, Säcke aus dem Bauch der Barke auf einen Pferdekarren umzuladen. Es war ein ruhiges und friedliches Bild. Der Wind war nicht stark, aber doch kräftig genug, um die Segel zu blähen. Die Bäume trugen schon das erste Grün. Vor einem Maulfeigenbaum blieb er stehen.

"Dieser Baum spendete König Salomon Schatten, als er die Afarits beim Graben des Flussbetts überwachte", stand auf einem Brett geschrieben, das an den Baum genagelt war.

Stamm und Zweige sahen tatsächlich sehr alt aus. In dieser Gegend ranken sich Märchen und Legenden um Gegenstände, ohne irgendwelchen historischen Gegebenheiten den erforderlichen Respekt zu gewähren. Was bürdet man hier dem König Salomon auf. Wann hatte König Salomon eigentlich gelebt, wunderte er sich.

Er kam an einem Straßencafé vorbei. Ein Kellner mit weißem Turban und langer, weißer Galabeyya trug Stühle und Tische ans Flussufer. Über dem Fluss hing ein dünner Schleier, als hätten sich weiße Wolken in diese Gegend verirrt. Ein Schiff schwebte sachte übers Wasser, und hier und da verschwand ein Segel im Nebel. Einige Kunden saßen auf der Terrasse und tranken Tee oder Kaffee. Schon von weitem konnte er das Gerichtsgebäude ausmachen; es war an seinen vielen Fenstern zu erkennen. Amtsstube lag neben Amtsstube, und jeder Raum hatte sein Fenster. Er schaute auf die Armbanduhr. Es war kurz nach zehn.

Gegenüber dem Gerichtsgebäude entdeckte er ein weiteres Café. Ein buntes Gemisch von Anwälten, Richtern und Gehilfen saß oder stand herum, deutlich unterscheidbar an ihren Roben und Akten, auch an ihrem Gang. Ein Polizist und ein Gefangener, beide aneinander gekettet, saßen an einem Tisch und tranken Tee - der Polizist mit der rechten Hand, der Gefangene mit der linken.

Vielleicht hätte er Turanschahs Grabmal besichtigen sollen. Aber er setzte sich hin und bestellte einen Kaffee. Er war kein Kaffeetrinker, doch in seiner Verlegenheit fiel ihm nichts Besseres ein. Kurz vor elf verließ er das Café und betrat das Gerichtsgebäude. Ein Portier saß an der rechten Seite des Eingangs und musterte ihn scharf.

"Ich möchte zu Staatsanwalt Bekir", sagte er.

"Gehen Sie die Treppe hoch, Zimmer 81!"

Wie alt mochte Bekir sein? Es war schwierig, sein Alter einzuschätzen. Der Mann war wirklich klein. Er sah aus wie ein alter Mann, aber Größe und Alter wollten irgendwie nicht zueinander passen. Bekir machte einen erstaunlich rüstigen und beweglichen Eindruck. Er war höchstens 150 cm groß. Nach heutigen Bestimmungen hätte er als Beamter nicht arbeiten dürfen. 165 cm war Vorschrift. Da hätte er sein Glück um 15 cm verpasst, dachte Wagdi. Seine Zwergenwuchs verlieh ihm wohl diese außerordentliche Beweglichkeit, da Beine, Hände und Kopf so dicht beieinander lagen.

Kaum hatte Wagdi in Bekirs Zimmer Platz genommen, stand der andere auf, nahm einen Packen schwerer Akten aus dem Regal, legte sie auf den Tisch und sagte: "Das ist das Ergebnis von dreißig Jahren Arbeit. Meine hauptsächliche Aufgabe bestand darin, den Inhalt von mehr als dreihundert Akten auf acht Ordner zu reduzieren und zusammenzufassen. Sie wissen, dass ich in Pension gehe, und nun hat man Sie auserkoren, diese Arbeit fortzusetzen."

Knallkopf, dachte Wagdi.

Acht schwere Ordner. Wer sollte das alles lesen, dachte er. Wahrscheinlich ahnte Bekir Wagdis Sorge, denn er sagte: "Um Ihnen die Arbeit zu erleichtern, habe ich den Inhalt jedes Ordners am Ende zusammengefasst. So können Sie sich einen Überblick über alle Ordner verschaffen."

Wagdi wollte sich bedanken, aber Bekir redete weiter. "Ich möchte mich zu diesen Vorgängen nicht äußern, damit Ihre Objektivität nicht unnötig beeinflusst wird. Ich schlage vor, Sie werfen einen Blick auf die Akten, und wenn Sie fertig sind, können wir alles besprechen. Wie lange brauchen Sie, um die Unterlagen zu studieren?"

Der Staatsanwalt überlegte, wie viel Zeit er brauchen würde.

"Ich weiß nicht genau ... vielleicht einen Monat, oder zwei."

Was für eine Frage, dachte Wagdi. Ich werde wohl mein ganzes Leben damit verbringen, mir diese poetischen Ergüsse zu Gemüte zu führen.

"Nehmen Sie sich soviel Zeit, wie Sie für nötig halten. Ich fahre für einen Monat weg. Vielleicht können Sie mir nach meiner Rückkehr über Ihre ersten Eindrücke berichten."

"Sie fahren weg?" Wagdi versuchte vergeblich, sein Entsetzen zu verbergen.

"Das hatte ich Ihnen bereits bei unserem ersten Treffen gesagt. Für einen Monat."

"Es gibt immer Fragen, wenn man neue Akten studiert. An wen kann ich mich in solch einem Fall wenden?"

"Warten Sie lieber, bis ich zurückkomme. Diese Unterlagen werden geheim gehalten. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass niemand außer Ihnen Einblick in diese Dokumente erhalten soll. Sie werden sehen, warum ich darauf bestehe."

Die Akten waren stark verstaubt. Der Staub aller Jahre fand eine Bleibe zwischen den behüteten Papieren der Staatsanwaltschaft. Wagdi musste hüsteln, Bekir auch.

"Sie können das Zimmer von heute an als das Ihrige betrachten. Wie gesagt, in vier Wochen bin ich wieder zurück. Dann habe ich noch zwei oder drei Wochen vor mir, bevor ich endgültig pensioniert bin. In dieser Zeit werde ich Ihnen gern zur Verfügung stehen."

Bekir stand auf und sagte: "Haben Sie noch irgendwelche Fragen?"

Mehr als eine rhetorische Frage war das nicht, dachte Wagdi.

"Nein!" erwiderte er.

"Ah!", rief Bekir, "ich hätte beinahe vergessen, Ihnen mitzuteilen, dass die Polizei das Versteck gefunden hat, in dem sich die Attentäter aufgehalten haben. Wir haben bisher nur die Staatsanwaltschaft in Mansoura davon unterrichtet, um den Verlauf der Untersuchung nicht zu stören."

Wagdi dachte an die Journalisten, die auf jede neue Information besessen waren, um daraus eine Sensation zu machen.

"Wo ist dieses Haus?"

"Das ist kein richtiges Haus. Es ist eher eine Ruine und nicht weit von hier entfernt. Sie müssten an ihm vorbeigekommen sein, als Sie sich auf dem Weg zum Gerichtsgebäude befanden. Die Leute hier nennen es das Turanschah-Haus."

"Die Ruine kann man nicht verfehlen", bestätigte Wagdi.

Gemeinsam verließen sie das Gerichtsgebäude und gingen den Fluss entlang.

"Damit Sie sich ein Bild über die Attentäter machen können", sagte Bekir, "habe ich den Polizeioffizier gebeten, Ihnen das Haus zu zeigen. Ich nehme an, er wartet dort auf uns."

Nicht der Polizeioffizier, sondern sein Stellvertreter wartete auf sie. Einige Polizisten lümmelten vor dem Haus herum. Standen sie schon da, als er vorhin vorbeigekommen war?

"Geh zum Kommandanten und melde, dass die Herren da sind!", rief ein Polizist einem anderen zu. Der Mann rannte los und verschwand im Haus.

Kurz danach erschien ein junger Polizeioffizier und rief: "Ahlan wa sahlan! Willkommen, willkommen!"

Bekir gab sich offensichtlich Mühe, besonders höflich zu erscheinen, als er die beiden einander vorstellte. "Das ist Herr Helmi Ayyas, stellvertretender Stationsoffizier." Dann wandte er sich an den Staatsanwalt und sagte freundlich: "Mein Nachfolger, Herr Wagdi Hefnawi!" Damit war die Vorstellungszeremonie zu Ende. Sie betraten das Haus. Es war nicht leicht für Wagdi, sich an die Dunkelheit in den Räumen zu gewöhnen. Alle Fenster waren geschlossen. Nur wenig Licht drang durch die Klappläden. Längliche Spalten, die ursprünglich in die Klappläden eingelassen worden waren, um für Belüftung zu sorgen, ließen soviel Licht in den Raum, wie ihre Fläche es erlaubte. So entstanden Lichtstäbe, die in der Dunkelheit an das Licht außerhalb des Hauses erinnerten.

Ayyas zeigte auf zwei alte Wolldecken, die auf dem Boden lagen, und sagte: "Hier haben sie geschlafen. Anhand der Zigarettenkippen können wir annehmen, dass es zwei Attentäter waren. Sie haben verschiedene Zigarettenmarken geraucht. Diese beiden Decken dienten als Bettlager. Andererseits könnte auf dem Sofa ein Dritter geschlafen haben. Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Schauen Sie sich das Sofa an, es ist so verstaubt und so verschmutzt, dass kaum jemand wagen würde, es zu benutzen."

"Sie meinen, es waren drei Attentäter?", fragte Wagdi vorsichtig.

Ayyas wurde unsicher, er schwieg. Als er wieder zu sprechen begann, hörten sich seine Worte wie eine Rechtfertigung an. "Es gibt einige Anhaltspunkte, die dafür sprechen, dass es sich nur um zwei handelt. Aber es könnten genauso gut drei Leute gewesen sein."

Wagdi schaute das Sofa an, dann die kümmerlichen Lappen, die einmal Vorhänge waren, dann die Gestelle, die ihn an Stühle erinnerten. "Wem gehört das Haus eigentlich?", fragte er.

Ayyas wandte sich hilfesuchend an Bekir. Der sah sich gezwungen, einige klärende Worte zu sagen. "Das Haus gehört angeblich einem Herrn Arosi." Er räusperte sich, dann fügte er hinzu: "Aber fragen Sie mich nicht, wer dieser Arosi ist."

Wagdi unterdrückte ein Lächeln. "Und wer ist dieser Herr Arosi?" Es war nicht seine Art zu witzeln. Er tat es aber, und als Bekir dabei keine Miene verzog, schämte er sich und hoffte, die anderen würden es nicht merken. Es fiel ihm ein, dass ihm dieser Name nicht ganz unbekannt war. Arosi. Irgendwann hatte er diesen Namen gehört, aber er konnte ihn nicht einordnen.

"Wir nennen es die gelbe Villa, die Askouris nennen es Turanschahs Haus!", warf Bekir ein.

"Ich weiß immer noch nicht, wer dieser Arosi ist", sagte Wagdi mit übertriebener Höflichkeit.

Wie auf Verabredung sahen sich Bekir und Ayyas an. "Wer Arosi war oder ist, das weiß keiner", erklärte schließlich Bekir. "Ich glaube, dass diese Person eines der vielen Rätsel ist, das uns die Askouris aufgebürdet haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Mensch niemals gelebt hat."

"Wer hat Interesse daran, einen Menschen zu erfinden?", wollte Wagdi wissen.

"Das frage ich mich auch", entgegnete Bekir.

Wagdi ärgerte sich über die Antwort. Er hatte das Gefühl, dass Bekir sich lustig über ihn machte. "Gesetzt den Fall, diesen Arosi gäbe es nicht. Wem gehört dann das Haus?"

Der Polizeioffizier hielt sich zurück. Bekir sah sich bemüßigt, die Situation zu erläutern.

"Wir wissen nicht, wem das Haus gehört. Wie Sie sehen, wohnt hier niemand. Für die Untersuchung spielt es sicherlich keine Rolle, wem das Haus gehört. Das kann man später klären. Wichtig ist nur herauszufinden, wer die Attentäter sind."

Die Luft ist unerträglich, dachte Wagdi. Überall lag eine dicke Schicht Staub, es war feucht und stickig wie Bekirs Belehrungen. Erst jetzt sah er, wie Efeu durch die Fenster und Ritzen des Mauerwerks ins Haus drang: Fahle und bleiche Blätter. Keine Helligkeit. Nur die schmutzigen, feuchten, kalten Reste des Lichts vergangener Jahre.

"Sie haben sich von Konserven ernährt. Corned Beef, Ölsardinen und Bohnen. Weit und breit kein Besteck. Wie haben sie das Essen aus den Dosen gekriegt? Wir haben die Zahl der Dosen genau registriert. Anhand ihrer Zahl können wir sagen, dass sie sich hier drei oder vier Tage aufgehalten haben. Das bedeutet, die Attentäter haben genau gewusst, dass der Innenminister nach Askour kommen würde. Es ist insofern erstaunlich, weil der Besuch des Ministers geheim gehalten wurde. Woher wussten sie, dass er nach Askour kommt?" fragte Ayyas.

"Konnten Sie irgendwelche weiteren Hinweise auf die Täter gewinnen?", fragte Wagdi.

"Leider nicht. Nur das, was man hier sieht, haben sie hinterlassen."

Bekir machte eine Handbewegung, als setzte er zum Sprechen an. Stattdessen nieste er. "Die Luft hier ist furchtbar stickig!", rief er.

"Wie konnten sie es hier drei Tage aushalten?", pflichtete ihm Ayyas bei.

"Die Frage ist, inwieweit uns diese Informationen Hinweise über die Täter geben", überlegte Wagdi laut.

"Die gerichtsmedizinische Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden in zwei oder drei Tagen nähere Informationen erhalten", erklärte Ayyas. Damit schien eine der Hauptfragen beantwortet zu sein, denn Bekir machte sich auf den Weg zum Ausgang.

Draußen warteten die beiden Polizisten. Einer von ihnen hielt ein Pferd am Zügel. Hatte das Pferd schon dagestanden, als sie ankamen? Es war ein Polizeipferd und stand vor dem Haus im Dienste des ägyptischen Staats. Ayyas streichelte es an Stirn und Hals. "Ist das nicht ein schönes Pferd?"

Bekir fühlte sich nicht von dieser Frage angesprochen. Wagdi begnügte sich mit einem Nicken. Ihm fiel auf, dass Bekirs Gesichtsausdruck ewig gleichbleibend war. Keine Aufregung, keine Freude, keine Trauer. Keine Geste verriet, was sich in diesem kleinen Kopf abspielte.

"Ich habe meine Tasche im Gerichtsgebäude vergessen!", rief Wagdi. Er war nicht gerade erfreut darüber, hatte er sich doch ausgemalt, wie schön es wäre, auf der Stelle nach Demiatta zurückzukehren, zu essen, sich hinzulegen und nachmittags Tee zu trinken.

"Dann trennen sich unsere Wege hier", verabschiedete sich Bekir.

Ayyas demonstrierte, wie geschickt er sich aufs Pferd schwingen konnte, und als Wagdi am Ufer des Flusses entlangging, sah er, wie Ayyas auf dem lehmigen Weg mit dem Pferd davongaloppierte.

Wie stickig es in der alten Villa gewesen war! Der erzwungene Spaziergang zum Gerichtsgebäude tat ihm gut. In Alexandrien war er oft mit seinem Vater Georg Amalrikian auf der Corniche spazieren gegangen. Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr hieß er Vahe Amalrikian. Dann entschloss sich sein Vater, aus seinem armenischen Sohn Vahe einen Ägypter mit dem Namen Wagdi Hefnawi zu machen. Das war 1924 gewesen, knapp ein Jahr, nachdem die Mutter gestorben war. Was hatte den Vater dazu veranlasst, aus seinem armenischen Sohn einen Ägypter zu machen, fragte sich Wagdi. "Wer zuviel wandert, wird dumm", sagte sein Vater. "Seit die Amalrikians sich auf Reisen begaben, haben sie nie wieder Ruhe erfahren."

Wer zu viel wandert, wird dumm. Vielleicht wollte Georg Amalrikian seinem Sohn den Intelligenzverlust ersparen, indem er ihn sesshaft machen wollte und hatte deshalb die ägyptische Staatsbürgerschaft für ihn beantragt. Auf keinen Fall wollte sein Vater, dass er das Leben eines Ausländers führen musste. Vahe sollte als Ägypter aufwachsen, einen ordentlichen Beruf erlernen, am besten den eines Beamten (damals verdienten die Beamten nicht schlecht), vor allem aber sollte sein Sohn die Spuren der Vergangenheit verwischen und nicht mit einem verräterischen Namen belastet sein. Für einen Ägypter war Wagdi sehr hellhäutig, und das war für ihn eine Bürde, sich ewig zu rechtfertigen. Seine schwarzen Augen verrieten die Unruhe, die sich gelegentlich meldete und ihn verunsicherte.

Er ging am Nilufer entlang und war froh, frische Luft zu atmen. Ein Gedicht fiel ihm ein, das allen Schülern, Vahe Amalrikian eingeschlossen, als Krönung der Poesie empfohlen worden war:

Ich ging am Nil spazieren,

von Kummer und Sorge bedrängt.

Am Grün der Bäume das Aug’ sich ergötzt,

ach, wie das Herz nach Freude lechzt.

Mit solchen Perlen der Poesie sollten die Schüler ihre Aufsätze schmücken, so die Empfehlung der Arabischlehrer, und den Urhebern solcher Poesie nacheifern. Ein müdes Lächeln schlich über sein Gesicht. Er fühlte sich erschöpft. Einige Gerichtsdiener standen vor dem Eingang, und als sie ihn sahen, traten sie diensteifrig zur Seite. Der Portier saß auf seinem Stuhl und schien sich Tagträumen hingegeben zu haben, vielleicht konnte er auch mit offenen Augen schlafen. Wagdi lief die Treppe hinauf, steuerte auf die Tür zu und betrat das Dienstzimmer. Vielleicht sollte er sich ganz entspannt hinsetzen und versuchen, für ein paar Minuten zu schlafen. Einige seiner Kollegen in Demiatta brachten es fertig, stundenlang auf einem Stuhl zu schlafen. Einige protzten damit, auf diese Weise einen dreistündigen Mittagsschlaf genießen zu können. Wetten wurden geschlossen, wer den längsten Mittagsschlaf halten könnte. Es gab Gewinner und Verlierer. Als er die Tür schloss, entdeckte er auf dem Boden einen Briefumschlag. Er hob ihn auf.

"An Herrn Staatsanwalt Wagdi Hefnawi."

Er suchte ein altes Küchenmesser, das als Brieföffner gedient hatte, fand es aber nicht. Er riss den Umschlag auf. Ein Briefbogen befand sich nicht darin, nur ein Zettel, mit Schreibmaschine geschrieben: "Es wird ein böses Spiel mit Ihnen getrieben!"

Es gab weder einen Absender noch eine Unterschrift. Wer schreibt so was? Was wollte man ihm damit sagen? Die Müdigkeit war wie weggeflogen. Wer kam auf solch eine Idee? Er saß da und fühlte sich wie gelähmt. Ach, wie weit weg war Alexandrien, ein fernes, sehr fernes Land. Er dachte an das Meer. Dachte auch an seine Verlobte. Bevor er nach Demiatta gegangen war, hatte er ihr gesagt: "Zwei Jahre, dann heiraten wir." Aus den zwei Jahren waren sechs geworden. Die Fahrt von Demiatta nach Askour, die nicht asphaltierten Straßen, die verstaubten Amtsstuben, die Kriminalfälle der letzten Jahre. Der jüngste Mord war drei Wochen alt. Attentate um Askour wurden von Tag zu Tag jünger.

Er schaute vorsichtig in einen Ordner, blätterte darin. Alles handgeschrieben. Die Schrift war unleserlich. Die nächsten Seiten waren genauso fahrig geschrieben wie die erste Seite. Einige Worte konnte er entziffern, aber es war fraglich, ob er sie richtig deutete. Die zwei oder drei Sätze, die er zu verstehen glaubte, ergaben in dem vermeintlichen Zusammenhang keinen Sinn. Alle anderen Ordner waren in der gleichen Weise geschrieben: handschriftlich und unleserlich. Es fiel ihm auf, dass Bekir in einer äußerst kleinen Schrift geschrieben hatte. Diese acht Ordner würden in einer normalen Handschrift fünfundzwanzig Ordner oder mehr ergeben, überlegte er.

"Es wird ein böses Spiel mit Ihnen getrieben!" Immer wieder hämmerte dieser Satz in seinem Gehirn. Wer konnte der Verfasser sein? Vielleicht ein Beamter aus Demiatta, der ihn verunsichern wollte?

Was hatte er in Askour verloren? Er hätte sich nicht darauf einlassen sollen. Eine Fliege schwirrte im Raum und brummte dabei fürchterlich. Alle Wände im Zimmer waren mit Regalen zugestellt, die wiederum von Akten und Ordnern überquollen. Bekirs Stuhl war so platziert, dass er mit dem Rücken zum Fluss saß. Wahrscheinlich hatte er ein Leben lang in diesem Zimmer gehaust und gearbeitet, immer mit dem Rücken zum Fluss. Die Fliege schwirrte weiter. Das Geräusch war zu hören, aber sie blieb unsichtbar. Er wäre froh gewesen, wenn er in Demiatta hätte bleiben können. Alexandrien war unerreichbar. In den letzten Jahren hatten sich die Bedingungen, unter denen er arbeitete, fortwährend verschlechtert, so sehr, dass er fast schon Demiatta nachweinte. Ja, mit Demiatta hätte er sich abfinden können. Mit Askour? Wie sollte das weitergehen?

Er verließ das Gebäude, um mit dem Bus nach Demiatta zurückzufahren. Tagtäglich musste er nun diese Prozedur zwei Jahre lang wiederholen. Er hasste Busfahren. Den Traum von Alexandrien sollte er besser vergessen. Das einzige, was er wollte, war, in Ruhe zu arbeiten. Ohne Busfahrten, ohne Ölgestank, ohne das Übelkeit erregende Rütteln während der Fahrt. Ruhe brauchte er. Immerhin war er schon über dreißig Jahre alt, und obwohl er sich vor einigen Jahren verlobt hatte, traute er sich noch immer nicht zu heiraten. Die Geographie der Genitalien. Die Meridiane des weiblichen Körpers, ihre Nadire mit ihren zenitartigen Sphären. Nördlich der Liebe und südlich der abgekühlten Leidenschaften. Der sonnige Osten der Gefühle und der Sonnenuntergang der Tagträume. Heiraten, Kinder kriegen, behäbig leben und versuchen, wie alle anderen zu sein. Warum fiel ihm das so schwer?

"Vergiss nicht, dass du Amalrikian heißt!"

Er hatte sich an seinen ägyptischen Namen gewöhnt. Alle Amalrikians waren in Saloniki geblieben, oder waren sie vielleicht doch nach Amerika ausgewandert? Das war eine Frage, die seinem Vater, Georg Amalrikian, ein Leben lang keine Ruhe gelassen hatte. Mit dem Namen Hefnawi machte sein Vater vielleicht, ohne es zu beabsichtigen, eine Familienzusammenführung der Amalrikians zunichte.

Die Reise

Das Osmanische Reich hatte es nicht allzu leicht mit den Armeniern gehabt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Armenier von ihren Nachbarn, den Türken, im Rahmen der Erschaffung einer besseren Welt, massakriert. Das Osmanische Reich unternahm damals den ersten Versuch im 20. Jahrhundert, das Paradies auf Erden zu errichten. Es sollten andere Versuche folgen. Die Armenier verkörperten für die damaligen Sultane den Ursprung des Bösen. Also weg damit. 1902 verließ die Familie Amalrikian den türkischen Hafen Trabzon. Trabzon war damals voller Flüchtlinge, die über das Schwarze Meer das Osmanische Reich verlassen wollten. Ein Kapitän nahm die Amalrikians bei Nacht und Nebel an Bord. Ziel der Reise war New York. Der Kapitän bestand darauf, die gesamte Summe für die Überfahrt zu kassieren. Wer nicht bezahlen konnte, wurde gar nicht erst an Bord gelassen. Banknoten wollte der Kapitän nicht haben, nur Gold. Wer kein Gold hatte, musste auf osmanischem Gebiet bleiben.

Sein Vater hatte ihm die Geschichte der gescheiterten Auswanderung, mit kleinen Variationen, immer wieder erzählt. Er berichtete davon, wie die beiden, Georg und Roxana, 1904 in Alexandrien gelandet waren.

"Dieser Kapitän war ein elender und gewissenloser Betrüger", beteuerte Georg. „Er kassierte Geld für die Überfahrt nach New York und ließ uns in Saloniki sitzen."

Zwei Jahre verbrachten sie dort, bis sie endlich nach Alexandrien kamen.

Er konnte sich daran erinnern, wie sein Vater in der Küche gesessen und immer und immer wieder mit endlosen Zahlenreihen beschäftigt gewesen war und verölte und zerschlissene Geldnoten zählte. Er erzählte von all denen, die dort in Saloniki geblieben waren. Tanten und Onkel, deren Namen Wagdi vergessen hatte, und unzähligen Kindern, Verwandten ersten und zweiten Grades und sonstigen Verwandten. Die Amalrikians waren zahlreich.

Seitdem er in Demiatta gelebt hatte, kam er kaum noch dazu, Armenisch zu sprechen. Zwar lebten einige Armenier in der Stadt, dazu gehörten ein Bäcker, ein Krämer, ein Textilkaufmann und ein Schneider, aber Wagdi hielt es für klüger, wenig Kontakt mit ihnen zu haben. Nur mit seinem Schneider sprach er gelegentlich Armenisch. Manchmal war es ihm peinlich, dass er einen ägyptischen Namen trug.

Er stand am Fluss und konnte von weitem die Fähre erkennen. Irgendjemand hatte ihm erzählt, dass er mit dem Zug sowohl nach Demiatta als auch nach Mansoura fahren könnte. Er brauchte nur mit der Fähre den Nil zu überqueren. Er fragte einen Bauern nach der Ablegstelle. Der Mann stützte sich auf eine Krücke. Er zwängte sie unter seine linke Achsel. Das linke Bein fehlte. Der Bauer zeigte auf eine Holzhütte. Einen Fahrplan gab es nicht. Warum auch, wenn selbst die Fahrpläne für den Zugverkehr nicht eingehalten wurden. Verspätungen gehörten zum Alltag. Es kam tatsächlich manchmal vor, dass ein Zug pünktlich ankam. Kurz danach hagelte es laute Proteste bei der Eisenbahnverwaltung; 'Wir haben die Verspätung einkalkuliert, warum handelt ihr nicht danach?' Diese Proteste waren ernst gemeint und enthielten nicht die geringste Spur von Ironie.

Er blieb unter einem Baum stehen und öffnete die Tasche. Das Brot, das ihm seine Haushälterin Zannuba als Proviant mitgegeben hatte, war in Papier gewickelt. Es fühlte sich nass an. Entsetzt musste Wagdi feststellen, dass auch das Untersuchungsprotokoll an einer Stelle feucht war. Tomaten! Diese Schlampe hatte wieder einmal das Brot mit Tomaten belegt.

"Zannuba", hatte er gleich am Anfang zu ihr gesagt, "wenn du die Arbeit bei mir behalten willst, darfst du keine Tomaten in meine Wohnung schleppen! Hast du gehört? Keine Tomaten! Das wäre ein Entlassungsgrund." Aber dieses Weib machte, was es wollte.

"Wie wollen Sie das trockene Brot runterkriegen?", fragte sie ein ums andere Mal.

"Verdammt, lass das meine Sorge sein!", schrie er sie an. Aber sie konnte es nicht lassen. Immer wieder verseuchte sie sein Brot mit Tomaten. Sein ganzes Leben verseuchte sie mit Tomaten. Fleisch kochte sie mit Tomaten, und alles, was sie sonst noch in die Hand bekam, ob nun Fisch, Gemüse oder Reis.

Zannuba, du Hundetochter, beschimpfte er sie in Gedanken, von mir aus kannst du Tomaten essen, soviel du willst, aber verschone mich damit! Es laut auszusprechen, wagte er nicht, denn Zannuba ließ sich nichts gefallen und wusste sich zu wehren. Sie schien unbelehrbar zu sein. Lesen und schreiben konnte sie nicht, aber die Vorzüge der Tomaten kannte sie auswendig. Wagdi wunderte sich über ihre sture Beharrlichkeit und fand dafür keine einzige juristische Begründung.

Das Brot tropfte. Vorsichtig, damit er seinen Anzug nicht beschmutzte, warf er es in den Fluss. Mit einem Taschentuch versuchte er, die rosa Stelle am Protokoll zu entfernen, doch vergeblich. Es blieb leicht gefärbt. Zannuba, du dummes Stück, du Brut des Teufels, du Hurentochter, du kannst was erleben!

"Sind Sie der Staatsanwalt?"

Wagdi drehte sich um. Eine Kutsche stand da, und der Mann auf dem Kutschbock wartete auf eine Antwort.

"Warum fragst du?"

"Der Bürgermeister bittet Sie herzlich, bei ihm vorbeizukommen. Er lässt sagen, dass er von Ihrer Ankunft leider zu spät erfahren hat."

Wagdi überlegte, ob er einsteigen sollte oder nicht. Spontan hätte er am liebsten einen schönen Gruß ausrichten lassen, verbunden mit dem Hinweis, keine Zeit zu haben. Aber das ging nicht. Er konnte nicht gleich am ersten Tag die persönliche Einladung des Bürgermeisters ausschlagen. Der Tag war ohnehin verpatzt, dachte er und fluchte insgeheim.

Er stieg ein, und Mahrus brachte das Pferd auf Trab. Die Kutsche schlug den gleichen Weg ein, den Wagdi vorhin zu Fuß zurückgelegt hatte. Er versuchte, mit dem Kutscher ein paar Worte zu wechseln, aber offenbar war das nicht möglich. Entweder lief das Pferd zu schnell oder der Mann wollte sich nicht auf unangenehme Gespräche einlassen.

"Wo wohnt der Bürgermeister?", rief Wagdi. Er wollte noch einmal rufen: "Wo verdammt noch mal wohnt der Bürgermeister?" Warum sollte er sich deswegen Mühe geben? Als er keine Antwort erhielt, lehnte er sich zurück, schloss die Augen und versuchte, das rhythmische Ruckeln der Kutsche zu genießen. Vor zwei Wochen war er noch mit der Straßenbahn durch Alexandrien gefahren. Er hatte sich für zehn Tage beurlauben lassen, um seine Braut zu besuchen. Einmal im Jahr sahen sie sich, immer wenn er Urlaub hatte. Jedes Mal musste er ihr versprechen, sich nach Alexandrien versetzen zu lassen. Jedes zweite Jahr schrieb er ein Gesuch mit der Bitte, seine Dienstzeit in Demiatta beenden zu dürfen. Es war nicht gestattet, solch eine Bittschrift in einem Zeitraum zu stellen, der kürzer als zwei Jahre war.

Wie gerne hätte er sich jetzt auf der Heimfahrt befunden, schade, dass der Kutscher ihn noch gefunden hatte. Wagdi hatte sich in Demiatta, in der Nähe des Wasserturms, eine Drei-Zimmer-Wohnung gemietet. Er hatte gehofft, Wedad wäre mit der Hochzeit in Demiatta einverstanden und würde so lange dort bleiben, bis er nach Alexandrien zurückversetzt werden könnte. Aber sie wollte nicht kommen.

" Es besteht die Gefahr", schrieb sie, „dass die Versetzung nicht stattfindet und wir bis in alle Ewigkeit in der Provinz bleiben müssen. So ist es einer meiner Tanten ergangen, seitdem lebt sie in Assiut."

Assiut lag in Süd-Ägypten. Viele Beamte, die sich etwas zu Schulden kommen ließen, wurden dahin verbannt. Je entfernter von Kairo der Ort war, desto gravierender das Vergehen. Assuan war wohl der Ort des höchsten Vergehens.

Die Kutsche holperte über die nicht asphaltierte Straße. Die Leute gingen zu Fuß. Weit und breit war kein Auto zu sehen. Wenn der Innenminister nicht ermordet worden wäre, hätte seiner Rückversetzung nach Alexandrien vielleicht nichts im Wege gestanden, dachte er. Vier Tote gab es bisher. Kaum war die Untersuchung eines Falls abgeschlossen, fiel der nächste Beamte den Kugeln von unbekannten Attentätern zum Opfer. Da half auch nicht, dass alle ahnten, dass die Turanschahis die mörderischen Drahtzieher waren. Nur, wer bekannte sich schon zu ihnen? Nicht einmal die Leute, die sich offen für die Turanschah-Glauben einsetzten, wollten zugeben, dass sie Turanschahi waren. Selbst der Bürgermeister hatte sich, wie erzählt wurde, bei seiner Vernehmung offen zu diesem Glauben bekannt, aber mit den Machenschaften einiger Turanschahis, wie er es formulierte, wollte er nichts zu tun haben. Der Bürgermeister war offenbar der letzte gewesen, der mit dem Minister vor dessen Tod gesprochen hatte. So kam seiner Aussage eine nicht unerhebliche Bedeutung zu.