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Gibt es ein viertes Land für die zwei Generationen von Holocaustüberlebenden? Ein bewegendes Schicksal vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein Leben voller unvorhersehbarer Wendungen, fesselnd und tiefgründig, von vier verschiedenen Erzählstimmen geschildert. Hermann, in einer armen, deutschsprachigen jüdischen Familie geboren, wird Arzt und heiratet Edith, die hübsche Tochter wohlhabender Geschäftsleute aus Czernowitz in der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, heute Ukraine. Der Krieg, die sowjetische Besatzung, das Getto festigen zeitweilig ihre ohne Liebe geschlossene Ehe. In der neuen Heimat Tschechoslowakei wachsen die Töchter Hana und Miriam auf, ohne zu wissen, dass sie Jüdinnen sind. Geheimnisse um die Geschichte der Familie werden nur langsam enthüllt. Ihre Jugend ist gezeichnet von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung und der Verhaftung des Vaters durch das kommunistische Regime. Ängste und Hoffnungen, Tränen und Lachen, Momente von Unbeschwertheit und Komik. Werden die beiden Schwestern in Deutschland ein Zuhause und zu sich selbst finden?
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2022
Susanna Barta Birnberg
DAS VIERTE LAND
Roman
Copyright: © 2022 Susanna Barta Birnberg
Umschlag & Satz: Sabine Abels – www.e-book-erstellung.de
Titelbild: © Mirna Montanari
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-66151-6
Hardcover
978-3-347-66153-0
E-Book
978-3-347-66158-5
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„Mein Vaterland ist tot, sie haben es begraben im Feuer, ich lebe in meinem Mutterland Wort“
Rose Ausländer
„Ich bin ein anderer Jude. Schon seit langem suche ich weder Heimat noch Identität. Ich bin anders als sie, anders als die anderen, anders als ich.“
Imre Kertész
Die Autorin
Susanne Barta Birnberg studierte Germanistik und Slavistik in Heidelberg, unterrichtete Deutsch und Russisch in Heidelberg und Mannheim. Sie lehrte als Lektorin des DAAD an der Universität Parma und am Goethe-Institut Mailand, veröffentlichte Essays über Elias Canetti und Ingeborg Bachman. Sie übersetzte Ilse Webers »Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt« (herausgegeben von Ulrike Migdal unter dem Titel »Quando finirà la sofferenza, Lettere e poesie da Teresienstadt«) ins Italienische. Sie schrieb das Textbuch für das Theaterstück »Poesie da Terezin«, das in Schulen und Theatern in Bologna, Ferrara und Faenza e Milano aufgeführt wurde. Ihr Roman »Fotografie bugiarde« erschien 2018 in Etabeta-Editioni,. »Das vierte Land« ist ihr erster in Deutschland veröffentlichter Roman.
INHALT
Vorwort
Blumen im Abfall
Hoffnung und Illusion
Der antisemitische Bazillus
Der sowjetische Terror
Im Czernowitzer Ghetto
Jenseits der Nacht
Die tschechoslowakische Brigade
Krankenschwester an der Front
Ein Name aus dem Telefonbuch
Im fremden Land
Die kleine Hana
Die Gänse greifen an
Das rothaarige Kind
Kinder im Ehebett
Das Lichterfest
Vertraue niemandem
Sibirien ist an allem schuld
Prozess und Gefangenschaft
Stille Proteste
Der Abschied von der Leichtigkeit
Eine heimliche Liebe
Briefe im Samtband
Die Welt aus den Fugen geraten
Verbotene Städte jenseits der Grenze
Die Suche nach dem Anderswo
Am Wendepunkt
„Juden raus!“
Sprachen im Koffer
Das Haus im Nirgendwo
Das ewige Zweifeln
Das Berliner Leben
Der Kreis schlieβt sich
Der neunte November
Sabine und Josef
Zurück ins erste Land
Nachwort
Vorwort
Die Blumen sind verwelkt, die Terasse, der ganze Stolz unserer Mutter, sieht traurig und verlassen aus wie auch der Rest der Wohnung. Auf dem weiß emaillierten Eisentisch stand vor einem Monat eine kleine Urne mit der Asche unserer Mutter, dem wenigen, was von ihr übrig geblieben war.
Ausnahmsweise erhielten wir die Erlaubnis, die Urne eigenhändig zur Bestattung nach Berlin mitzunehmen. Dass die jüdische Religion die Einäscherung verbietet, spielte für unsere Mutter keine Rolle, sie hatte schon viele Jahre zuvor bestimmt, wie und wo sie begraben werden wollte. Der Waldfriedhof in Hanas Stadtteil Charlottenburg mit alten Laubbäumen und dem kleinen See hatte ihr auf Anhieb gefallen, sie mochte auch die typisch Berliner Art, ausnahmslos allen, Katholiken, Protestanten, Juden und Konfessionslose die letzte Ruhestätte zu bieten.
Auf einigen Grabsteinen kann man hebräische Namen mit dem Davidstern sehen, Verwandte oder Bekannte legen Kieselsteine darauf, um den Toten zu ehren und seiner zu gedenken, ein Brauch, von dem heutzutage vielfach auch Christen Gebrauch machen. Da und dort bleibt der Grabstein namenlos, als ob man jede Spur der eigenen irdischen Existenz auslöschen wollte. Die Gräber in der Luft des jüdischen Volkes machen es mir nicht leicht, eine solche Wahl nachzuvollziehen. Namenlose Opfer gibt es auch heute, die Vielzahl von ertrunkenen Menschen im Mittelmeer, aber das ist nun wieder eine andere Geschichte.
Wir sind nach Düsseldorf zurückgekommen, um den schwierigsten und am meisten gefürchteten Teil unserer Pflichten zu erfüllen: die Wohnung räumen, entscheiden, was wir für uns behalten, verschenken oder wegwerfen wollen. Hana hat gerade beschlossen, einige Möbel in ihrer Berliner Wohnung durch Mamas schönste Stücke zu ersetzen. Mir fällt dazu ein, dass wir die ersten seit Generationen sind, die das Privileg genieβen, etwas aus dem Familienbesitz zu behalten. Das nackte Leben zu retten, bedeutete, alles hinter sich zu lasssen, über die Grenzen zu fliehen und nichts als Erinnerungen, ein Foto und ein Rezept mitzunehmen.
Wir gehen zunächst ratlos in der Wohnung umher, bis wir schlieβlich damit beginnen, Schränke und Regale zu leeren. In der mit Intarsien verzierten Kommode bleibt noch eine Schublade veschlossen, die Mama in unserer Gegenwart nie öffnete, den Schlüssel dazu finden wir nach wenigen Minuten. Es ist rätselhaft, warum gerade Vasen in unserer Familie als gutes Versteck galten.
Endlich sind wir so weit. Schwarz-weiße Fotos in der einen Schachtel, vergilbte, mit einer Schleife gebunde Briefe und Blätter in der anderen. Notizen oder Fragmente von Tagebucheintragungen mit Mamas Handschrift in ein paar alten Heften. Beklommen fangen wir an, uns die alten Fotos anzusehen, einige noch aus der Czernowitzer Zeit.
Unsere schöne Mutter als sechzehnjähriges Mädchen, ein leicht angedeutetes Lächeln, schon damals mit einem Anflug von Melancholie.
Edith in Pose, den Kopf leicht zur Seite gesenkt, verschmitzt lächelnd, das Gesicht umrahmt von einem großen karierten Seidenschal.
„Lass mich mal sehen!“ Hana kommt mir näher, ich reiche ihr die letzten Fotos. Dann, als würde sie meine Gedanken lesen, bemerkt sie:
„Meine Ähnlichkeit mit Mama ist schon immer ein Märchen gewesen, außer der Haarfarbe und den dunklen Augen habe ich von ihr gar nichts geerbt.“
„Sieh dir das hier an!“ Hana reicht mir ein Foto von unseren Eltern: Ein junges Paar spaziert Arm in Arm. Edith, schlank und elegant, Hermann, in rumänischer Uniform, sehr mager, mit seinen achtundzwanzig Jahren noch erstaunlich jungenhaft.
„Sehen sie nicht wie ein junges, glückliches Paar aus? Dabei waren sie von Anfang an nicht verliebt, ihr Lächeln bedeutet gar nichts.“
Hana und ich, ungefähr zwei und sechs Jahre alt, brav den Fotografen anlächelnd. Die gleiche Kleidung – weiße Bluse mit Puffärmeln und breite dunkle Rockträger – hebt unser unterschiedliches Aussehen noch deutlicher hervor. Es ist schon komisch, dass wir uns im Lauf der Jahre doch ein wenig mehr ähneln, wir werden inzwischen als Schwestern erkannt.
Mama und Hana am Strand. Der Blick auf den Fotografen gerichtet, ein Lächeln, das keinem Befehl gehorcht.
„Das ist bestimmt am Hamry-See. Mit dem Strohhut siehst du wunderschön aus! Aber das schönste Bild ist das hier auf den Skiern.“
„Und dieses hier muss in den Vysoké Tatry gewesen sein, das Foto ist wirklich gelungen. Mama und ich mitten in der schneebedeckten Landschaft, die dunklen Berge und der strahlend blaue Himmel im Hintergrund.“
Hana scheint sich nur ungern von dem Foto trennen.
„Miriam, schau dir das an, sehe ich nicht wie ein glückliches Kind aus, das seine Mama anhimmelt?“
„Nicht nur du, auch Mama strahlt Freude aus, ihr seht euch voller Liebe an“, bemerke ich und gebe ihr das Foto zurück. Sie legt es zur Seite.
„Mag schon sein, aber auf keinem Foto ist zu erkennen, wie verlassen ich mich damals gefühlt habe. Man hat mich einem Dienstmädchen anvertraut, das mich nicht mochte. Dafür war sie aber immer gut zu dir“, sagt Hana, und in ihrer Stimme höre ich so etwas wie einen leichten Vorwurf. Sie zündet sich eine Zigeratte an und fährt dann fort:
„Jahrelang quälte ich mich mit der Frage herum, warum du von Lydi Zuneigung und Liebe erfahren hast, ich dagegen nichts als Ablehnung und Gewalt. Heute glaube ich zu wissen, warum das so war: Vor meiner Geburt hatte Lydi bei der Familie Dismann gearbeitet und sich um vier brave blonde Kinder gekümmert. Dann, nur wenige Monate später, hat sie mich in den Armen gehalten, ein Baby mit schwarzen Augen und dunklen Haaren, und vom ersten Moment an hat sie eine starke Abneigung der fremden Kleinen gegenüber empfunden, die zu Unrecht den Platz der goldigen deutschen Kinder eingenommen hat. Nach vier Jahren bist dann du zur Welt gekommen, hell und rothaarig wie ihr eigener unehelicher Sohn Roland.“
„Das leuchtet mir ein,“ sage ich betroffen. „Ihre Liebe hatte allerdings ihren Preis.“
Hana sieht mich fragend an.
„Lydi scheute kein Mittel, um mich an sie zu binden, und es gelang ihr auch. Sie gab mir zu verstehen, dass du Mamas Lieblingskind warst, deswegen war ich ja so eifersüchtig auf dich. Aber es unterschied uns noch etwas anderes: Du warst rebellisch, hast dich gewehrt, dazu hab ich einfach keinen Mut gehabt.“
„Vielleicht hab ich als Kind gelernt, dass ich Mamas Aufmerksamkeit erst dann bekam, wenn ich sie ärgerte, dann war sie nicht mehr mit den Gedanken woanders, verstehst du, was ich meine? Auch später funktionierte das bestens, ich provozierte sie, und dann war sie für mich da, aber es war nicht wirklich die Zuwendung, die ich eigentlich brauchte.“
„Deine Rebellion hatte aber auch ihre guten Seiten, du nahmst dir Freiheiten heraus, die für mich nicht in Frage kamen. Weiβt du noch, wie Mama wegen dieser vertrackten Geschichte mit dem Erbe mit ihrem Bruder gebrochen hat? Und du bist trotzdem zu ihm gefahren, obwohl Mama eindeutig dagegen war. Ich fühlte mich eher verpflichtet, ihren Willen zu respektieren, und so habe ich in Israel nur unsere Cousine Shira getroffen, sonst niemanden.“
„Und inzwischen ist aus den Verwandten in Israel eine groβe Familie mit einer Schar von Enkeln und Urenkeln geworden, kannst du dir das vorstellen?“
„Unglaublich … Dort haben unsere Großeltern wenigstens Freude an den vier Enkeln gehabt, bei uns in Liberec sind sie ja nur ein paar Tage geblieben.“
Ich gehe die Fotos in der Schachtel schnell durch und finde bald das richtige:
„Hier sind wir mit Mama und ihren Eltern. Was machen wir da für Gesichter, der einzige, der lächelt, ist der Großvater Osip!“
„Ich kann mich noch erinnern, wie mich das gewundert hat, dass die Großmutter kaum größer war als ich, noch dazu hatte sie einen Buckel.“
„Die arme Oma, sie hat mir richtig leidgetan. Den Buckel hat sie ja von den schweren Wassereimern bekommen, die sie mit einem Schulterjoch von einem weit entfernten Brunnen tragen musste. Sibirien hat sie körperlich total kaputt gemacht.“
„Und bevor sie zu uns kamen, hat Mama nie mit uns über sie geredet, findest du das normal?“
„Vielleicht wollte sie uns mit diesen ganzen leidvollen Geschichten nicht belasten.“
„Das war doch gerade der Fehler. Mama saβ immer traurig da, und so hab ich als Kind geglaubt, dass das etwas mit mir zu tun hat“, sagt Hana nachdenklich.
„Das hab ich genauso erlebt, ich hatte immer das Gefühl, dass es irgendwie auch meine Schuld war.“
Wir gießen uns ein halbes Glas Rotwein ein. Hana schaut sich die alten Fotos genauer an, ihr Gesicht verdunkelt sich.
„Diese Fotos täuschen eine Harmonie vor, die es bei uns in Wirklichkeit nie gab.“
„Vielleicht sind auch unsere Erinnerungen nicht immer objektiv, wir fixieren uns oft auf negative Erlebnisse, die alles andere überschatten, als ob es nicht auch gute Zeiten gegeben hätte.“
„Das mag schon sein, aber sicher ist, dass in unser Familie niemand richtig glücklich werden konnte.“
„Und doch haben wir nie aufgehört, das Glück woanders zu suchen. Ist dir nicht aufgefallen, dass auf den Fotos jeder in eine andere Richtung schaut, als ob am Horizont ein neues Land, eine neue Hoffnung auf sie wartete?“
„Und wie viele Hoffnungen haben sich dann als Illusionen erwiesen?“, sagt Hana halblaut und zündet sich eine neue Zigarette an.
„Ja und nein, um dem nachzugehen, müssten wir uns in die damalige Zeit hineinversetzen, sie mit den Augen unserer Eltern sehen.“
„Lieber nicht. Wenn man sich überlegt, was sie alles erlebt haben!“
Hanas Worte bedrängen mich, in meinem Kopf schwirren konfuse Gedanken, schlieβlich sage ich:
„Vielleicht ist es der richtige Moment, den langen Weg unserer Familie durch die drei Länder nachzuvollziehen, von Czernowitz nach Prag und Liberec …“
Hana unterbricht mich, und während sie die anderen Städtenamen aufzählt – München, Düsseldorf und Berlin – , skizziert sie auf einem Blatt Papier so etwas wie eine lange Zickzacklinie, die von Ost nach West führt.
„Wir haben eine wichtige Zwischenstation vergessen: Wien.“
„Stimmt, Papa hat ja dort studiert!“
„Und unsere Groβmutter Rose war Wienerin.“
„Erst in Deutschland trennen sich dann unsere Wege endgültig. Manchmal frage ich mich, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir drei in derselben Stadt gewohnt hätten“, sagt Hana, und da ich spüre, wie mich die Traurigkeit packt, lasse ich das Thema lieber sein. Inzwischen nimmt aber meine Idee Gestalt an:
„Mir wird immer klarer, dass ich über unsere Familie schreiben will.“
„Und wie stellst du dir das vor?“
„Schreiben ist nicht umsonst mein Beruf.“
„Aber wir wissen doch nicht…“
„Wieso denn nicht? Es gibt genug Material, erst einmal Papas Autobiografie, die er für uns beide geschrieben hat, sie liefert viel geschichtliches Material und Daten, die mit seinem Leben eng verbunden sind. Dann sind hier Mamas Briefe, Notizen in den Kalendern, die sie aufbewahrt hat. Das ist nicht viel, immerhin besser als gar nichts. Und schlieβlich haben wir auch unsere Erinnerungen und Erfahrungen, die zählen doch auch‚ oder?“
„Also … ich verstehe immer noch nicht, was genau möchtest du tun?“
„Ich will den Faden der Geschichte neu aufrollen, mich zu allen Zeiten in allen Orten aufhalten und jedem von uns eine Stimme geben, die ihre eigene Wahrheit erzählt.“
Edith – Blumen im Abfall
„Schau mal Edith, was für herrliche Rosen dir dein Verlobter geschickt hat“, rief das Dienstmädchen, während es ins Wohnzimmer eilte. Ich riss ihr den Blumenstrauß aus der Hand und warf ihn in den Mülleimer. Als meine Mutter von dieser unschicklichen und impulsiven Geste erfuhr, sah sie mich strafend an, aber gleich danach sagte sie versöhnlich:
„Du wirst schon sehen, es wird alles gut gehen. … Ich möcht nur, dass du ein besseres Leben hast und nicht von morgens bis abends schuften musst wie ich“.
Ich schaute sie an. Sie beklagte sich nie, aber mit ihren vierzig Jahren sah sie schon alt und müde aus. Es stimmte, ich wollte nicht so leben wie meine Mutter, aber das bedeutete noch lange nicht, dass ich gerade Hermann heiraten musste. Für meine Eltern gab es nur ein Argument: Der Beruf des Arztes des Bräutigams würde mir ein angenehmes Leben in der guten Czernowitzer Gesellschaft garantieren, von der mein Vater trotz eines gewissen Wohlstandes ausgeschlossen blieb.
Ich wollte ihnen ins Gesicht schreien: Warum wollt ihr unbedingt, dass ich den erstbesten Mann heirate, der um meine Hand anhält, ich bin doch erst achtzehn! Doch ich schwieg, unfähig, mich zu wehren. Meine Großmutter Miriam, die einzige Person, die meinen Widerstand hätte unterstützen können, war nicht mehr da. Die Heldinnen der Romane, die ich bei ihr in Wien gelesen hatte, hätten sich bestimmt nicht dem Druck der Familie unterworfen.
Die Zeit der Unsicherheit und des Umdenkens war jedoch inzwischen vorbei. Meine Proteste verstummten, und die Dinge nahmen ihren Lauf.
Einmal im Jahr machte mein Vater eine Geschäftsreise nach Zürich und Brüssel. Ich war schon fünfzehn, als er mich zum ersten Mal nach Wien mitnahm, wo ich die Sommerferien in der Familie meiner Mutter verbringen durfte. Mein Großvater verbrachte die Zeit zwischen dem Geschäft und dem nahegelegenen Tempel in der Seitenstettengasse, aber mittags und abends kam er pünktlich nach Hause in die Groβe Schiffgasse. Am Schabbat waren auch meine Onkel Elias und David mit dabei, die mich, wie sie sagten, für mein Alter zu ernst fanden, mich aber mit ihrer guten Laune und Heiterkeit mühelos ansteckten. Ich hatte sie auf Anhieb liebgewonnen und war glücklich, zu dieser großen Familie zu gehören, zumal es bei uns zu Hause nie ein solches Kommen und Gehen von Verwandten und Freunden gab.
Meine Großeltern Miriam und Salomon waren vor mehr als zwanzig Jahren aus Nürnberg nach Wien gezogen, da in Österreich bekanntlich eine tolerantere Haltung den Juden gegenüber herrschte. Von den sieben Kindern Elias, David, Rosa, Nathan, Abraham, Raffael und Rifka wurden die ersten drei noch in Nürnberg, und die anderen in Wien geboren.
Nur ein paar Tage nach mir kam auch Gustav an, mein Cousin aus Nürnberg, den meine Großmutter in der irrigen Annahme eingeladen hatte, dass ich mich mit den Erwachsenen langweilen würde. Ich war schon ein Fräulein, während er noch ein kleiner Schuljunge war, den man mit seinen blonden, lockigen Haaren, grünen Augen und lächerlichen Sommersprossen auf der Nase ohne weiteres für einen Deutschen halten konnte. Auf meinen kleinen Bruder Igo war ich nie so eifersüchtig gewesen wie auf diesen lästigen Eindringling, der die bereits entstandene Intimität zwischen mir und meiner Großmutter störte. Der freche Bub machte sich auch noch über meinen Bukowiner Akzent lustig:
„Du redest wie eine, die aus dem Stetl kommt!“
„Und du bist ein Ignorant! Czernowitz war eine ganz wichtige Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie, wir haben ein deutsches Theater, eine Universität, eine groβe Synagoge“, schrie ich Gustav wütend an und beschloss, von nun an meinen arroganten Cousin auf Distanz zu halten. Da die Küche die ausschließliche Domäne der Frauen war, verbrachte ich viel Zeit mit meiner Groβmutter und gewann bald den verlorenen Boden zurück. Im Jahr darauf lieβ sich Gustav nicht mehr blicken.
In Wien fühlte ich mich wie verwandelt, von der schweigsamen und passiven Edith keine Spur. Die Groβmama erlaubte mir, allein in die Innenstadt zu gehen, nur durfte mein Großvater nichts davon erfahren. Auf dem Stephansdomplatz verweilte ich lange und bewunderte den schlanken, gen Himmel strebenden Turm, das hohe Dach mit bunten Ziegeln und dem Doppeladler-Wappen der Habsburger. Wie gerne hätte ich mir auch das Innere des Doms angesehen, aber etwas hinderte mich daran, eine christliche Kirche zu betreten. Ungern gab ich zu, dass unsere elegante Czernowitzer Herrengasse im Vergleich zum Wiener Flair verblasste. Von meinem Stadtbummel zurückgekehrt, erzählte ich meiner Großmutter begeistert von meinen Eindrücken, und ihre Augen strahlten dabei vor Freude. Nun wusste ich, dass ich mit ihr über alles, wirklich alles, reden konnte, wie es bei mir zu Hause unvorstellbar gewesen wäre, und so vertraute ich ihr an, dass ich in den drei Jahre älteren Lony Engler verliebt war, der unter allen anderen gerade mich auserwählt hatte, aber mehr als die üblichen Küsse und Zärtlichkeiten wollte ich ihm in der Dunkelheit des Kinos doch nicht gewähren. Solche Details behielt ich natürlich doch lieber für mich.
An einem späten Nachmittag setzte sich meine Großmutter in dem kleinen Salon zu mir, der zu dieser Stunde von warmem Sonnenlicht durchflutet war. „Komm, Edith, lass uns zusammen Musik hören.“ Eine sanfte Stimme voller Nostalgie sang Lieder, die mich sonderbar berührten, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Wenn die Musik imstande war, in mir eine solche Intensität von Gefühlen zu wecken, so wollte ich sie nicht mehr missen, schon gar nicht die von Franz Schubert.
Dank meiner Großmutter entdeckte ich die Romane von Jane Austen. Als erstes las ich Stolz und Vorurteil. Die jüngere, stolze, impulsiv handelnde Schwester gefiel mir am besten, obwohl oder gerade weil ich nicht allzu viel mit ihr gemeinsam hatte.
Bald begann ich, den nächsten Roman, Vernunft und Gefühl, zu lesen. Auch hier wählen die Heldinnen den Mann, den sie lieben, ohne deshalb die hohe soziale Stellung des Bräutigams zu verachten. Durch eine seltsame Umkehrung des Schicksals heiratet die rationale und intelligente Schwester denjenigen, den sie von Anfang an liebte, während das leidenschaftlich liebende Mädchen nach einer bitteren Enttäuschung die Liebe eines wohlhabenden Mannes erwidert, der ihr ein erfülltes Leben in einer idyllischen Umgebung bietet. Das Ende des Romans überzeugte mich allerdings nicht ganz:
„Meinst du, dass Marianne ihren Mann wirklich liebt?“
„Ja, sicher liebt sie ihn. Sie hat sich in den falschen Mann verliebt, und durch diese Erfahrung ist sie reifer und klüger geworden.“
Diese Erklärung meiner Großmutter konnte allerdings meine Zweifel nicht ganz ausräumen.
Im darauffolgenden Sommer kehrte ich traurig und enttäuscht nach Wien zurück. Der attraktive Lony war der unerfahrenen Jungfer überdrüssig geworden und wählte eine andere, die bestimmt leichter zu haben war als ich. Ich sehnte mich nach seinen Küssen und fantasierte von jener Intimität, die ich mir selbst verboten hatte.
Eine willkommene Ablenkung bot mir die Hochzeitsfeier eines der besten Freunde meiner Onkel Elias und David. Sie machten mir überschwängliche Komplimente, als sie mich in meinem neuen hell- und dunkelgelb gestreiften Kleid sahen, das mir meine Mutter extra für den Aufenthalt in Wien hatte anfertigen lassen.
Nach der feierlichen Zeremonie unter dem Baldachin begann ein kleines Orchester zu spielen, und das frisch vermählte Paar wurde, auf Stühlen sitzend, hochgehoben, während wir im Kreis tanzten und sangen: „Hava nagila, hava nagila. Hava nagila venis' mecha …“.
Ich ahnte, warum meine Großmutter an jenem Tag nicht in Stimmung war und auch mein Großvater mürrisch dreinblickte. Diese Trauung erinnerte sie wieder einmal daran, dass Elias und David mit dreißig Jahren noch nicht verheiratet waren, obwohl es ihnen in den besten gutbürgerlichen Wiener Salons gewiss nicht an Gelegenheiten mangelte, junge, heiratsfähige Töchter kennenzulernen. Elias hatte eine Liaison mit einer Christin, was Miriam und Salomon großen Kummer bereitete. Mischehen waren inzwischen keine Seltenheit mehr, einige Familien hatten sogar den Glauben ihrer Väter aufgegeben, weil sie sonst keine Karriere im Staatsdienst machen würden, doch in der religiösen, an die Tradition gebundenen Familie meiner Großeltern wäre die Heirat eines ihrer Söhne mit einer Goya eine echte Tragödie gewesen.
In jenem Sommer sah ich dem Ende der Ferien mit Unruhe entgegen, weil nichts mehr beim Alten bleiben würde. Auf dem Lyceum in Czernowitz war ich alles andere als eine brillante Schülerin gewesen. Um mit meiner Mutter zu sprechen, musste ich zu ihr ins Geschäft gehen, wo sie sich zwischen zwei Kunden einzig und allein für meine Noten interessierte. Meine Zensuren erlebte sie als ihr persönliches Versagen, und ihre Enttäuschung vermittelte mir das Gefühl, dass ich ihre Liebe nicht verdiente. Zu Recht warf sie mir vor, Zeit mit dem Lesen von Romanen zu vergeuden, statt fleiβig zu lernen. Schlieβlich entschieden meine Eltern, mich an dem renommierten französischen Internat Notre Dame du Sion in der Stadt Jasi einzuschreiben, das von den Töchtern des rumänischen und deutschen Bürgertums besucht wurde. Hier würde ich die Matura machen und, wie es sich für ein gutbürgerliches Mädchen gehörte, auβer meiner Muttersprache auch Rumänisch und Französisch perfekt erlernen.
Im Internat gab es keine Ablenkungen, man durfte nur die nicht allzu interessanten Pflichlektüren lesen, kein Wunder, dass ich bald sehr gute Noten vorweisen konnte. Unsere Lehrerinnen waren französische Nonnen des angrenzenden katholischen Frauenklosters, aber es wurden auch Schülerinnen anderer Religionen aufgenommen, griechisch-orthodoxe Rumäninnen und evangelische Deutsche. Die wenigen jüdischen deutschsprachigen Mädchen wurden ausgesprochen liebevoll behandelt und selbstverständlich von der Pflicht freigestellt, der Messe beizuwohnen. Vor jeder Mahlzeit sprachen wir Gebete, jede Schülerin auf ihre Weise und in ihrer eigenen Sprache: „Shemà Israel, Adonai Eloenu, Adonai Ehad…“, Höre, Israel, Herr ist unser Gott, Herr ist eins. Das Gebet beendeten wir im Chor mit einem Amen – wir waren alle Töchter desselben Gottes.
Die Stadt Jasi war 500 Kilometer von Czernowitz entfernt, und während viele Mädchen das Wochenende mit ihren Familien verbrachten, konnte ich nur zweimal im Jahr, in den Sommerferien und an Weihnachten, nach Hause fahren. Ich tröstete mich mit Pralinen, die ich per Post zugeschickt bekam, deren weniger angenehme Folgen nicht lange auf sich warten lieβen: Meine Formen wurden zusehens rundlicher und meine Brüste um einiges größer, was mir natürlich furchtbar peinlich war.
In den zwei langen Jahren im Internat gelang es mir nicht, die von Anfang an empfundene Distanz zu den hochmütigen Mädchen zu überwinden, in deren Gesellschaft ich mich nie ganz wohl fühlte. Ich gehörte einfach nicht dazu. Wenn ich ausnahmsweise dem Wunsch gehorchte, mich an einer Unterhaltung zu beteiligen, war ich nicht unbeschwert genug, um schnell die passenden Worte zu finden. Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit bereitete mir Kummer, nicht das Alleinsein, das mir schon in meiner Kindheit vertraut war und das ich oft als einen Zufluchtsort empfand, der mich vor dunklen Schatten beschützte. Falls auch anderen Mädchen Momente von Einsamkeit und Mutlosigkeit nicht ganz fremd waren, so lieβen sie es sich nicht anmerken, sie wirkten spontan und gelassen, als wären sie bereits erwachsen und sich ihres privilegierten Standes bewusst. Selbstbewusstsein und Leichtigkeit, Gesten und Sprechweise hatte ihnen eine gute Fee in die Wiege gelegt in einem Milieu, das Musik- und Kunstliebhaber im Freundeskreis ihrer Eltern, französische Gouvernanten, Klavierunterricht und Ferien in den Luxushotels der Riviera als gegeben betrachtete.
Bei uns zu Hause wurden Freunde oder Verwandte nicht empfangen, dazu gab es keine Zeit und keine Gelegenheit. Da meine Mutter den ganzen Tag im Geschäft arbeitete, konnte ich mich nicht für die Einladungen meiner Mitschülerinnen revanchieren und war auch oft nicht dabei, wenn sie sich nach der Schule trafen. Ihre Mütter waren meistens untereinander befreundet, während meine Mutter Rosa, eine Wienerin, keine Freundinnen in der Stadt hatte und ein ganz anderes Leben führte als die Damen aus der guten Czernowitzer Gesellschaft.
Kurz nachdem ich nach den Ferien ins Internat zurückgekehrt war, starb unerwartet meine Großmama. Die Bestattung musste vorschriftsgemäß innerhalb eines Tages nach dem Tod stattfinden, sodass meine Mutter und ich auf keinem Fall rechtzeitig angereist wären. Wie sehr wünschte ich mir, wenigstens bei der Schiwa, der Trauerwoche, im Kreis unserer nächsten Verwandten dabei zu sein! Dass meine Mutter ohne mich nach Wien fuhr, obwohl sie genau wusste, wie sehr es mir am Herzen lag, nahm ich ihr besonders übel.
In meiner Familie war die Großmama Miriam die einzige gewesen, die mir ihre Zuneigung bedingungslos geschenkt, mich verstanden und geschätzt hatte. Das hatte Wunder bewirkt, doch nach ihrem Tod verlor ich wieder das Vertrauen in die Fähigkeiten, die sie in mir zu erkennen glaubte, und bald wurde ich schweigsam und schüchtern wie zuvor. Als ich sie am meisten gebraucht hätte, war sie nicht da, um mir Mut zu machen, es meinen beliebten Romanheldinnen gleichzutun, die sich bei der Wahl des Bräutigams auf ihre Gefühle und gleichzeitig auf ihren Verstand verlassen konnten.
Niemand hatte mich bisher mit gleicher Hingabe umworben wie Hermann. Wenn er mich zu Hause abholte, präsentierte er sich ausnehmend höflich und aufmerksam. Jedesmal kam er mit Blumen an, die jetzt nicht mehr im Müll landeten, dennoch konnte ich mich für seine Liebesbezeugungen kaum begeistern. Wie verliebt ich doch in Lony gewesen war! Wenn ich die Küsse meines zukünftigen Mannes nicht mochte, wie sollte ich dann den ganzen Rest, die Liebe, die Kinder, das ganze Leben mit ihm teilen?
Ich war noch nicht 19 und er zehn Jahre älter, was man ihm bestimmt nicht angesehen hätte, wenn da nicht diese Geheimratsecken gewesen wären. Am meisten gefiel mir seine ansteckende Fröhlichkeit, die alles leichter erscheinen ließ. Meine Freundinnen Bella und Rachele fanden ihn überaus sympathisch und amüsant. Nur Lia, die bald zur Universität gehen würde, wunderte sich nicht wenig über diese unverständlich übereilte Ehe und vermutete sogar, dass ein Kind unterwegs war. Was für ein Unsinn!
Die Spaziergänge in der Umgebung der Stadt waren unsere schönsten Momente. Wir gingen stundenlang den Prut entlang, spazierten im Volksgarten oder gingen zur Habsburgshöhe hinauf. An einem sonnigen Tag nahmen wir ein Boot, das den Prut auf und ab fuhr, und nach einer Stunde kamen wir in einem kleinen Stetl an. Es war Markttag. Wir gingen Hand in Hand, um uns in der lauten und geschäftigen Menge nicht zu verlieren. Die Krämer verhandelten mit den einheimischen Frauen auf Jiddisch, mit den Bauern aus der Umgebung dagegen auf Polnisch oder Ukrainisch, wie mir Hermann erklärte, der sich mit Sprachen gut auskannte.
Es war mir ein Rätsel, warum der Besuch bei seinen Eltern meinen Verlobten in Verlegenheit brachte, aber es gehörte sich, dass er mich schlieβlich nur wenige Monate vor unserer Hochzeit seiner Familie vorstellte.
Jener Winter war besonders streng, es hatte tagelang ununterbrochen geschneit. Der Zug kam nur langsam voran, und als plötzlich die Heizung nicht mehr funktionierte, legte mir Hermann fürsorglich den Pelzmantel über die Schultern.
Es war mir schon vorher aufgefallen, dass persönliche Begebenheiten nicht gerade Hermanns Leidenschaft waren. Wenn ich etwas über seine Familie wissen wollte, hatte er bisher geschickt das Thema gewechselt, nun musste er doch, wenn auch sichtlich irritiert, auf meine banale Frage nach der Herkunft seiner Eltern antworten.
„Mein Vater ist schon in Wiznitz aufgewachsen“, sagte Hermann trocken, „aber meine Mutter kommt aus Korolovka, nur wenige Kilometer von Wiznitz entfernt, schon jenseits der Grenze, in Polen, und auch ich bin dort geboren. Meine Mutter wollte ihre Schwester, die Hebamme ist, bei der Geburt dabei haben, was ich ja gut verstehen kann, aber statt sie zu uns zu holen, fuhr meine Mutter zu ihr.“
„Na und, was ist dabei?“
„Die paar Kilometer machen den Unterschied, auf dieser Seite wäre ich als österreichisch-ungarischer Staatsbürger zur Welt gekommen, auf der anderen Seite als polnischer. Meine Identität ist eindeutig an die Bukowina unter Kaiser Franz Joseph gebunden, mit Polen habe ich gar nichts zu tun, verstehst du das nicht?“, sagte Hermann ungewöhnlich heftig.
„Ich finde die offizielle Staatsangehörigkeit gar nicht so wichtig, schau mich an, ich wurde rein zufällig ein Jahr nach dem Ende der Monarchie als rumänische Staatsbürgerin geboren, aber deswegen bin ich noch lange keine Rumänin, oder?“
„Naja, du hast gut reden, in Czernowitz konntest du immerhin deutsche Schulen besuchen, aber die Situaton bleibt kompliziert, die Rumänen haben die deutsche Sprache aus der Universität und aus dem Theater verbannt, dabei weiβ man ganz genau, dass alle Professoren und Künstler Deutsche oder deutschsprachige Juden waren.“
„Das stimmt, andererseits schadet’s nicht, wenn man noch eine Sprache dazu lernt, jeder spricht dann gleich drei Sprachen, Deutsch, Jiddisch und Rumänisch.“
„Jiddisch würde ich nicht so ohne Weiteres dazuzählen, bei uns in der Familie hat man es als ein Zeichen von Rückständigkeit angesehen. Als Grundschullehrerin und Schreiber beim Gericht legten meine Eltern natürlich groβen Wert auf ein korrektes Deutsch.“
„Bei uns hat man das nicht so genau genommen, in der Familie meines Vaters redet man nur jiddisch, und er selbst, wie du schon bestimmt gemerkt hast, spricht einen Mischmasch aus Deutsch und Jiddisch und macht sich nichts daraus. Dafür hat meine Mutter einen schönen Wiener Akzent, der auch ein bissl auf mich abgefärbt hat, und seitdem ich die Sommerferien bei meinen Groβeltern in Wien verbracht habe, hat mich das Wienerische richtig angesteckt.“
„Dann hast du bestimmt ein gutes Gehör. Auch von mir hat man gesagt, ich hätte musikalisches Talent, das ich angeblich von meiner Mutter geerbt habe, sie selbst gab mir Geigenunterricht, seit ich vier Jahre alt war.“
„Auch mein Bruder Igo kann ganz gut Geige spielen. Bei uns hat’s geheißen, Juden spielen Geige, weil man ein Klavier nicht auf dem Rücken tragen kann, wenn man vor einem Pogrom flieht.“
Hermann fand den Witz gar nicht lustig, er wurde plötzlich ungewöhnlich ernst.
„Als ich in Czernowitz aufs Gymnasium kam, musste ich mit dem Geigenspielen aufhören, weil der Musikunterricht viel zu teuer war“, sagte er, und seine Stimme klang, so schien es mir, ein wenig bitter, seine Augen verdunkelten sich, er sah mich an und lächelte traurig. Ich berührte seine Hand sanft, aber er zog sie schnell zurück. Das würde ihm gerade noch fehlen, dass ich ihn tröstete! Er hatte sich bisher immer voller Optimismus und Heiterkeit gezeigt, und nun lernte ich eine weniger lichte Seite seines Charakters kennen, die offenbar mit seiner mir bisher verborgen gebliebenen Vergangenheit verbunden war.
Ich schaute aus dem Fenster, das Schneetreiben hatte aufgehört. Unter dem blassen Himmel breitete sich eine endlose Ebene aus, kein Hügel grenzte den Horizont ein. Auf dem trostlos weißen Feld erkannte ich schwarze Krähen – ein unheilvolles Zeichen, dachte ich beklommen. Von etwas aufgeschreckt flogen sich hoch, schwebten in der Luft, bis sie sich auf einem einsamen Baumwipfel niederließen.
Hermann konnte das Schweigen nicht lange ertragen:
„Du bist in Czernowitz groβ geworden, weiβt also gar nicht, wie es ist, in einer Kleinstadt aufzuwachsen!“
„Da täuschst du dich, bis vor ein paar Jahren habe ich die Sommerferien bei meinen Großeltern in Banilla verbracht. Dort hatte ich viel mehr Spaβ als bei uns in der Groβstadt, ich durfte mit anderen Kindern spielen, egal ob’s die unsrigen waren oder nicht.“
„Bei uns war’s genauso, wir spielten alle zusammen drauβen, nur der Schabbat und die Sonntagsmesse trennten uns, schließlich waren wir alle gleich arm.“
„Bestimmte Grenzen durfte man trotzdem auf keine Fall überschreiten. Ich erzähle dir, was mir einmal passiert ist: Ich war gerade erst elf, sah aber schon wie eine Dreizehnjährige aus. Eines Tages hat mich ein viel älterer Junge eingeladen, mit ihm eine Runde auf dem Motorrad zu fahren. Ich war begeistert, und ohne es mir lange zu überlegen, bin ich aufs Motorrad gestiegen. Mein Großvater hat’s freilich gleich erfahren, und zum ersten Mal in meinem Leben hab ich richtig Dresche bekommen. Ich seh ihn noch vor mir, wie er die Augen mit den Händen bedeckt, den Kopf schüttelt und verzweifelt jammert:
„Du hast gebrackht shand far di gantse mishpukhe! Wo hat man gezen ein kleenes jiddisches Maadle fehrt mit nem jingel, und noch dazu mit a goy! Lauter Zores vegn ir!“
Hermann lachte von Herzen.
„Dein Jiddisch klingt wirklich echt! Ich habe etwas viel Schlimmeres angestellt: Meine Eltern haben mich oft wegen einer schlechten Note im Betragen bestraft, aber es war nie etwas wirklich Ernstes. Dann kam ich aufs Gymnasium, das gab’s nur in Czernowitz. Stell dir einen kleinen Jungen aus der Provinz vor, der ganz allein in die Großstadt kommt und bei einem Onkel untergebracht wird, der keine Zeit für ihn hat. Drei Monate später erfuhr mein Vater, wo das Geld für die Schulbücher geblieben war: im Kino! Ich war ganz verrückt nach den amerikanischen Western, die Abenteuer im wilden Westen waren einfach unwiderstehlich! Ich war darauf vorbereitet, dass mein Vater schrecklich wütend würde, doch als er zu mir kam, sagte er nur eiskalt: Wenn du dich nicht schnell verbesserst, nehme ich dich von der Schule und steck dich in eine Schusterlehre! Diese Worte wirkten mehr als lange Predigten, ich lernte fleiβig und beendete nach vier Jahren das Gymnasium mit einer Auszeichnung.“
Endlich waren wir da! Nach der langen Reise im eiskalten Zug fühlte ich mich in der warmen Stube meiner zukünftigen Schwiegereltern gleich wohl, sie erinnerte mich an das gemütliche Haus meiner Großeltern in Banilla.
Sabine war eine zierliche Frau mit feinen Gesichtszügen, ihr aschblondes Haar schien auch im Alter nicht ergrauen zu wollen. Sie massierte mir die eiskalten Hände und Füße, und da auch das nicht half, bereitete sie eine Schüssel mit heißem Wasser und Salz vor, es wirkte Wunder.
Lea, Hermanns Schwester, beobachtete mich aus einer gewissen Distanz, sagte aber kein Wort. Auf den ersten Blick sahen sich die Geschwister ähnlich, das Blau ihrer Augen und das glatte braune Haar waren dieselben, doch wenn Hermann Energie ausstrahlte, erschien Lea zerbrechlich, vorzeitig gealtert und resigniert. Es war kein Geheimnis, dass sie erst nach unserer Hochzeit dank meiner Mitgift endlich heiraten würde, und dabei war sie schon fast dreißig! Erst später erfuhr ich, dass das Studium des einzigen Sohnes von der Familie viele Opfer gefordert hatte und Lea sich nicht einmal ein Paar neue Schuhe kaufen konnte. Nun wusste ich Bescheid. Hermann und ich wurden von unseren Eltern, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, wegen materiellen Vorteilen zur Heirat gedrängt, und uns beiden blieb nichts anderes übrig, als unsere wahren Gefühle zu verbergen.
Wir wurden zum Mittagessen erwartet, doch als wir uns mit leerem Magen an den Tisch setzten, war es bereits dunkel geworden. Lea servierte eine dampfende Schüssel voller duftender Pirogen in geschmolzener Butter mit knusprigen Zwiebeln darauf – mein Lieblingsgericht! Sabine sah mir lächelnd zu, wie ich die doppelte Portion genüsslich zu Ende aβ. Meine Groβmutter in Banilla hatte mir geduldig vorgemacht, wie man die Pirogen behutsam verschließt, damit die Füllung mit Fleisch und Kartoffeln nicht herausfällt. Der Duft von frisch gebackenem Brot, der sich in Hermanns Elternhaus ausbreitete, versetzte mich unverhofft in die Küche meiner Großeltern zurück. Meine alte Groβmutter hatte einen kleinen Brotlaib für mich allein bereitet und ihn, noch ofenwarm, mit Schmalz oder Gänseleber bestrichen – ein Genuss ohnegleichen! Es galt als ein besonderes Privileg, einen eigenen Ofen im Haus zu haben, sonst brachte man die Backformen in den großen Ofen auf dem Dorfplatz.
Wir saβen noch am Tisch, als Lea zum ersten Mal etwas sagte:
„Sag mal, kommt deine ganze Familie aus Czernowitz?“
„Nein nein, meine Mutter kommt aus Wien und mein Vater aus Banilla. Seine Familie war sehr arm, lebte bescheiden von dem kleinen Lebensmittelladen meiner Großmutter. Mein Großvater war ein frommer Mann, der den ganzen Tag betete und die Thora studierte. So ging mein Vater nach Wien, um Arbeit zu suchen, da war er gerade erst vierzehn.“
„Das war eine kluge Entscheidung, und es ist ihm offenbar nicht schlecht ergangen,“ bemerkte Hermanns Vater.
„Er war ein geborener Geschäftsmann, er verstand es, die Kundinnen im Textilgeschäft zu überzeugen, nicht nur das zu kaufen, was sie sich wünschten, sondern auch etwas, worauf sie ohne Weiteres verzichten konnten.“
„Ja, dazu braucht man eben Talent, das hat nicht jeder“, meinte Hermanns Mutter anerkennend.
„Also haben sich deine Eltern in Wien kennengelernt?“, hakte Lea nach.
„Ja, so ist es. Mein Vater verliebte sich in die Tochter des Geschäftsinhabers, die gegen den Wunsch ihres Vaters Buchhaltung studiert hatte, was für ein jüdisches Mädchen in dem Milieu meiner Groβeltern eher eine Ausnahme war.“
„Dein Vater erkannte in Rosa die ideale Ehefrau, und das war sie dann auch ganz bestimmt“, meinte Sabine, und ihr Mann stimmte ihr zu: „Er hatte in ihr Eigenschaften erkannt, die viel wertvoller waren als die Schönheit: Intelligenz und Willenskraft.“
„Und so kam es, dass meine Eltern nach der Heirat in Czernowitz einen Schokoladenladen eröffnet haben. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja schon.“
Hoffnung und Illusion
Unsere Hochzeit fand am achtzehnten Mai 1938 im Czernowitzer Tempel statt. Das prächtige weiße Kleid aus venezianischer Spitze mit einer Schleppe betonte meine Wespentaille. Die Schlankheit war zu meiner fixen Idee geworden, die mich von allem ablenkte, was mit der bevorstehenden Heirat zu tun hatte.
Die Blicke der freundlich lächelnden Gäste waren auf mich gerichtet. Auf dem Foto des frisch vermählten Paares unter dem Baldachin schaut der Bräutigam seine Braut zärtlich an, während sie sich mit leuchtenden Augen dem Fotografen zuwendet.
Am selben Abend machten wir uns zu unseren Flitterwochen nach Italien auf: Venedig, Florenz, Verona und Mailand. Die erste Nacht in einem eher bescheidenen Hotel in Bukarest bedeutete das Ende aller romantischen Träume und die Bestätigung meiner geheimen Befürchtungen. Hermann hatte sehr wenig von einem aufmerksamen und zärtlichen Liebhaber, er nahm in keiner Weise Rücksicht auf seine junge Frau und ihren widerwilligen Körper, und so erlitt ich jenen schmerzhaften Akt, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Am nächsten Tag während der Zugfahrt hatte Hermann Augen für alles außer für mich, als ob er denken würde, jetzt muss ich mich nicht mehr anstrengen, um dir zu gefallen. Er stand die ganze Zeit im Gang, schaute aus dem Fenster und kündete mit unerklärlicher Begeisterung die Ankunft jeder Haltestelle an, deren Namen er auswendig kannte. Ich machte mir keine Mühe, so zu tun, als würde ich seine Leidenschaft für Geographie teilen, die Namen der Städte waren mir völlig gleichgültig. Ich schaute mir viel lieber die Landschaft an, aber die Monotonie der ungarischen Puszta mit den vereinzelten, in der weiten Ebene verlorenen Bäumen ließ meinen Wunsch nach Schönheit unerfüllt.
In Triest kam ein junges Paar in unser Abteil. Auf dem ganzen Weg nach Venedig hielten die beiden Händchen, saßen eng beieinander, als ob es absolut notwendig wäre, sich andauernd auf unschuldige und zugleich intime Art und Weise zu berühren. Sie sprachen in ihrer melodiösen Sprache und schauten sich verliebt in die Augen. Ein bedrückendes Gefühl von Neid, Enttäuschung und Verlassenheit machte sich in mir breit. Es war mir nicht entgangen, dass Hermann einen bewundernden Blick auf die hübsche Italienerin mit glänzend kastanienbrauem Haar geworfen hatte, um dann wieder aus dem Fenster zu schauen, als ob ich gar nicht existierte.
Als Zeichen meiner wachsenden Enttäuschung verfiel ich ins Schweigen, im Hotelzimmer schmollte ich beleidigt, doch er nahm meinen stillen Protest nicht einmal wahr. Ging es ihm nur darum, seine Begierde zu befriedigen oder liebte er mich doch auf seine Art? Die Tage vergingen, und mein Körper begann, als gehörte er nicht einmal zu mir, sich von seiner abweisenden Haltung und von meinen unguten Gefühlen zu befreien. Ich drehte den Kopf zur Seite, um Hermanns Küssen auszuweichen, und lieβ dann, verwundert, den momentanen Genuss zu.
Wie geplant,endeten unsere Flitterwochen in Paris, wo sich Hermann in Kinderheilkunde spezialisieren sollte. Ich schlenderte ohne ein bestimmtes Ziel durch die Stadt, beobachtete Menschen, die wer weiβ wohin eilten, während ich das Privileg der Langsamkeit und der Muße genoss. Die Passagen, die eleganten Gebäude mit typischen Pariser Dächern, von Bäumen gesäumte Straβen, die sich durch die Stadt schlängelnde Seine, der Jardin des Plantes – ich lieβ mich von der Neugierde und der Lust treiben, neue Eindrücke in mir aufzunehmen. Ich war nicht mehr das unsichere Mädchen, das sich an unverständliche Gebote hielt und sich nicht einmal traute, eine Kirche zu betreten. Notre Dame de Paris schien mir bereits vertraut, spielt sich doch die Handlung von Victor Hugos Roman weitgehend im Inneren der Kathedrale ab. Fasziniert blieb ich vor den bunt bemalten Fenstern und der Rosette stehen, die bei Sonnenschein in herrlichen Farbtönen aufleuchteten.
Eines Tages ging ich an einem verliebten Paar vorbei, das sich auf der Straße ungeachtet der Passanten küsste, ich sah es flüchtig an und stellte mir vor, diese Frau zu sein – in dieser Stadt war ich glücklich.
Es waren nur wenige Wochen vergangen, als mir Hermann beim Abendessen in einer Brasserie erklärte, dass er sich gezwungen sah, seine Pläne zu ändern und seine Spezialisierung doch lieber in der Schweiz zu machen. Hermanns Motive für diese nicht einfache Entscheidung leuchteten mir ein, so verbarg ich vor ihm, wie sehr ich doch enttäuscht war, Paris so schnell wieder verlassen zu müssen.
Während mein Mann im Züricher Krankenhaus beschäftigt war, spazierte ich im Stadtzentrum herum, aber bald fühlte ich mich zum See hingezogen, der meine wechselhafte Stimmung am besten wiederzugeben schien: morgens in einen leichten Dunstschleier eingehüllt, tagsüber himmelfarben und spiegelglatt, oder vom Wind und Regen gepeitscht. Beim Anblick des weiten Sees und der majestätischen Gebirge in der Ferne wuchs in mir von Tag zu Tag die Sehnsucht nach dem gemächlichen Lauf unseres Flusses und den sanften Hügeln meiner Heimat.
Zu guter Letzt erhielt Hermann die gewüschte Spezialisierung, und ich konnte endlich meine Lieben wieder in die Arme schlieβen. Wir waren gerade noch rechtzeitig zu Hause angekommen, um die Bar Mizva meines dreizehnjährigen Bruders Igo mitzufeiern. Ich traute
