Das Vogelbärbchen - Justus Treumund - E-Book

Das Vogelbärbchen E-Book

Justus Treumund

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Beschreibung

"Das Vogelbärbchen" ist eine im 19. Jahrhundert von Justus Treumund veröffentlichte Erzählung, die vor allem in Mittelhessen schon zu dieser Zeit bekannt und viel gelesen war, wohl nicht zuletzt, weil die Handlungsorte im Dreieck zwischen Battenberg, Gießen und Laubach liegen. Der Autor verknüpft in seiner Erzählung fiktive Figuren mit historisch belegbaren Personen und Begebenheiten des Dreißgjährigen Krieges. Eine Geschichte über unverbrüchliche Treue und festen Glauben, verflochten mit einer Geistergeschichte, eingebettet in die Zeit eines langen grausamen Krieges, dessen Auswirkungen gerade die hessische Bevölkerung immer wieder trafen. Zuletzt 1980 im Karl-Brodhäcker-Verlag erschienen und längst vergriffen, ist "Das Vogelbärbchen" nicht vergessen ...

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Glossar

Vorwort

Ein paar Gedanken zum Thema Heimat…

Jeder verknüpft mit dem Begriff etwas anderes.

Und doch gibt es Dinge, die, glaube ich, bei jedem von uns dieses eine, ganz bestimmte Gefühl auslösen: das Elternhaus und dessen nächste Umgebung, vertraute Menschen, kulinarische Genüsse, Traditionen und Feste, Kleidung, insbesondere Tracht, oder Musik.

Auch die Muttersprache, egal ob Umgangssprache, Dialekt oder auch nur eine leichte Einfärbung der Hochsprache, weisen darauf hin, woher wir kommen, wo wir zu Hause sind oder waren, als wir sprechen gelernt haben.

Die Summe all dessen prägt uns und stiftet einen Teil unserer Identität.

Nicht zuletzt sind es die Geschichte und die Geschichten der Region, die wir Heimat nennen, die Kultur und Traditionen begründen, uns Begebenheiten aus der Vergangenheit im Gedächtnis behalten lassen und scheinbar trockener Materie ein Gesicht geben.

Dies hier ist der Versuch, eine solche Geschichte weiterzugeben. Sollte es mir gelingen, auf diese Weise ein kleines Stück Kulturgut meiner Heimat und damit etwas Identitätsstiftendes zu erhalten…ich wäre mehr als zufrieden damit.

Über die Leidenschaft meines Vaters für „seine“ Mundart hat es sich gefügt, dass ihm ein kleines Büchlein in die Hände gegeben wurde, das nach 1980 nicht mehr neu verlegt worden ist. Nur geliehen, hat er es Seite für Seite eingescannt und mir, wohl wissend, dass er mich alleine mit dem Hinweis „eine schöne alte Geschichte“ ködern würde, zum Lesen überlassen.

Das „Vogelbärbchen“ hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Es ist ein Mosaiksteinchen geworden zu dem, was Heimat für mich ist. Eine Legende, deren Handlungsorte ich zu einem großen Teil kenne, angesiedelt in einer Zeit, die man betrachten muss, wenn man die geschichtliche Zusammenhänge in Mittelhessen verstehen will, deren Folgen wir bis heute erkennen können. Justus Treumund, mit richtigem Namen Carl Glaser, hat sorgfältig recherchiert und reale Personen und historische Tatsachen auf wunderbare Weise mit seinen Figuren verknüpft.

Ich hoffe, diese zauberhafte Legende berührt Ihr Herz ebenso wie meines.

Vielleicht nehmen Sie sie, wie ich, zum Anlass, die Orte der Handlung zu besuchen und ihr nachzuspüren…

Silke Kleinert

Ich habe „Vogelbärbchen – Eine Erzählung aus den Zeiten des 30-jährigen Krieges“ von Justus Treumund in der Ausgabe von Karl Brodhäcker aus dem Jahr 1980 zur Vorlage genommen, die laut dessen Aussage wörtlich den Text der 2. Auflage von 1899 wiedergibt.

Diese Vorlage zitiert an verschiedenen Stellen die „Wetterfelder Choniken“ des Pfarrers Johann Cervinius; insbesondere ist hier das Gespräch zwischen Kurt und Katharina in Kap. 12 zu nennen. Auch wenn diese in Teilen erst nach dessen Rückkehr aus dem Grünberger Exil aus der Erinnerung entstanden sind, stellen sie eine historisch authentische Grundlage dieser Erzählung dar. Auch die Plünderung Wetters sowie die Klagbriefe des Bürgermeisters Croll aus Wetter sind historisch belegt. Ferner lassen sich die erwähnten geographischen sowie städtebaulichen Besonderheiten bis heute nachvollziehen (z.B. die Unterpforte und ein Erkerhaus unweit der Kirche in Wetter (Marktplatz 7), der Edersteilhang unterhalb Battenbergs, die Gemarkungen Einfirste und Tiergarten in Laubach, der Engelshäuser Weg in Freienseen, die Neupforte und der nördlich der B49 gelegene Ziegelberg in Grünberg).

Ich habe versucht, die Sprache des Textes behutsam anzupassen, sodass sie für Leser des 21. Jahrhunderts etwas einfacher zu lesen und zu verstehen ist. Einige Begriffe lassen sich nicht ohne weiteres in den heutigen Sprachgebrauch übersetzen. Erklärungen für diese, sowie Erläuterungen zu genannten realen Personen und Orten finden sich im Anhang.

Für die Ausgestaltung und Füllung des Glossars, die dafür notwendigen Recherchen, das Korrekturlesen und dafür, mich durch sein Engagement bei der Stange gehalten zu haben, gebührt Martin Heller mein großer Dank. :-*

Im Dezember 2016

1. Kapitel

Eine der beklagenswertesten Folgen, die den großen deutschen Krieg begleiteten, den man später den 30-jährigen nennen sollte, war der Zwiespalt, der sich durch das Volk der Hessen zog. So zogen Hessen-Darmstadt auf der einen und Hessen-Kassel auf der anderen Seite gegen einander ins Feld.

Dies geschah nicht zum ersten Mal, hatte doch schon kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts der Streit der Landgrafen und Brüder Ludwig und Heinrich erst nach mehreren Jahren der Verwüstung beigelegt werden können.

Unter Philipp dem Großmütigen sollte daraufhin für etliche Jahre Frieden herrschen. Dieser hatte in seinem Testament verfügt, dass niemand mehr seines Glaubens wegen am Leben gestraft werden solle. Doch etwa vierzig Jahre nach Philipps Tod erwachte der Unfriede wieder und brach während des nun folgenden Krieges in helle Flammen aus.

Der Anlass hierzu war die im Jahre 1604 eröffnete Marburger Erbschaft. Nachdem der Nachfolger Philipps, Ludwig IV. von Hessen-Marburg, kinderlos geblieben war, gingen die von ihm regierten Gebiete an seine Neffen, die Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt unter der Bedingung, dass die Gebiete lutherisch blieben. Ein jahrzehntelanger Erbstreit war die Folge. Im Jahre 1623 wurde schließlich Oberhessen durch kaiserlichen Spruch Hessen-Darmstadt zugeschlagen, dessen Landgraf Ludwig V. sowie sein Nachfolger Georg II. treue Anhänger des katholischen Kaisers waren, während Landgraf Moritz von Hessen-Kassel zum reformierten Bekenntnis gewechselt war und sich der protestantischen Union angeschlossen hatte. Sein Erbe Wilhelm V. war es dann, der seine Truppen mit dem Heer Gustav-Adolphs von Schweden vereinigte.

So kam es, dass die Niederhessen, verbunden mit den Schweden, gegen darmstädtisches Land und Volk vorrückten und die Hessen-Darmstädtischen, in Kriegsallianz mit den Kaiserlichen, gegen die Hessen-Kasseler Brüder ins Feld zogen, eine Spaltung begründend, die sich für sehr lange Zeit in das Gedächtnis des Volkes einbrennen sollte.

Für die Gegenden, wo beide Gebiete sich berührten, kam eine schreckliche Zeit, fraß sich doch der Krieg durch Landschaft und Bevölkerung.

Es waren die fruchtbaren Täler der Eder, der Schwalm, der Lahn und der Ohm, die in der zweiten Hälfte des Krieges mehr als ein Jahrzehnt widerhallten vom Geräusch der Waffen, dem Wutgeschrei ungezügelter Kriegsheere und dem Wehklagen der geschundenen einfachen Leute. Dabei ist noch nicht all des Elends gedacht, das Hunger, Pest und all die anderen Plagen, die ein solcher Krieg im Gefolge hat, über die Menschen brachten.

Unsere Erzählung beginnt in den Tagen, da Landgraf Wilhelm von Hessen-Kassel im Bunde mit den Schweden von Norden gezogen kam, um das von dem kaiserlichen Generalwachtmeister Lamboy seit Monaten hart bedrängte Hanau zu befreien. In den ersten Tagen des Juni 1636 war für die vereinigte schwedisch-niederhessische Armee, etwa 5000 Mann stark, unter dem Oberbefehl des schwedischen Feldmarschalls Alexander Lesle bei Kirchhain ein Lager aufgeschlagen worden. Ein Teil der niederhessischen Truppen war bereits eingetroffen, während die Schweden, durch furchtbare Regengüsse und unwegsame Straßen im Waldeckschen aufgehalten, langsam und in einzelnen Haufen heranzogen.

Das Getümmel des Krieges war für diese Gegend nichts Neues; schon öfter hatten die Kaiserlichen hier gelagert. Sie hatten erst im Jahr vorher Schweinsberg und Amöneburg eingenommen, allerdings ohne sich deren Besitz erhalten zu können. Jetzt hatte ein größeres Heer, als es die Gegend je gesehen hatte, im Ohmtal seine Zelte aufgeschlagen, denn es galt, einen hohen Preis zu erringen. Landgraf Wilhelm wollte selbst sein Heer anführen, um die Belagerung Hanaus zu beenden.

Die Geschichtsbücher schreiben, dass in der Zeit, von der wir reden, ein Kriegslager für die ganze Umgegend ein Schrecken und Unheil verkündendes Anzeichen war. In solchen Lagern wirtschafteten die Kriegsvölker, die eher den Namen Mörder- oder Räuberbande verdienten, in zügellosem Haushalt und waren selbst im Freundesland eine unerträgliche Plage. Städte und Dörfer mussten Holz, Stroh, Lebensmittel und Futter herbei schaffen; auf allen Wegen, oft im Umkreis von 10 Stunden, zogen Wagen und Herden von Schlachtvieh heran. Nicht selten verschwanden die nächstgelegenen Dörfer vom Erdboden. Das Holzwerk und Dachstroh wurde abgerissen und zum Bau von Hütten im Lager verwendet, während die verelendeten Bewohner in die Wälder flohen und häufig durch nackte Not zu einem Räuberleben gezwungen wurden. Plündernd und stehlend strichen auch die Soldaten und ihre Buben umher und die Marketender fuhren mit ihren Karren herbei und davon. Im Lager selbst drängten sich die Krieger vor ihren Hütten und auf den freien Plätzen zusammen, während die dem Heer folgenden Weiber kochten, wuschen, Kleider ausbesserten und miteinander stritten. Häufig gab es Tumulte, Kämpfe mit blanken Waffen, blutige Auseinandersetzungen und Schlägereien zwischen den verschieden Waffengattungen oder Nationen.

Nach anhaltenden Regentagen hatte sich ein heiterer Abend über das Tal der Ohm gesenkt. Die Junisonne hatte den Tag über heiß geschienen, und näherte sich allmählich dem westlichen Horizont, der dort an den Hinterländer Bergkuppen endet, die sich in tiefem Blau auf beiden Seiten der Lahn erheben und das Tal zwischen Marburg und Biedenkopf säumen. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne beschienen prachtvoll die Amöneburg, die im Südosten, etwa ein halbe Stunde von Kirchhain entfernt, auf einem hohen Basaltfelsen das Ohmtal überragt, und brachen sich mit feurigem Glanz in den Fenstern der Häuser, die die Stadtmauer hier und da überragten.

In den Gassen zwischen den Zelten des Lagers herrschte ein bewegtes Leben. Vor einigen Stunden war ein neuer Heerhaufen niederhessischer Truppen herangezogen und hatte die Hütten in Besitz genommen, die den Tag über für ihre Unterkunft errichtet worden waren. Es war ein lautes und fröhliches Treiben im ganzen Lager, und die rauschhafte, rau-wilde Seite des Soldatenlebens trat hier zwischen den Zelten, in dem freien, zwanglosen Zusammensein des Kriegslagers in den verlockendsten Farben hervor. Es war ein buntes Gemisch aller Truppengattungen. Teils bewaffnet im Dienst, teils in bequemer Feldtracht tummelten sich Hunderte auf dem Rasen zwischen den Zelten herum, während wiederum Hunderte genau dort mit Zurüsten und Putzen beschäftigt waren. Da zog mit leichten Gewehren und runden Spitzhüten eine Gruppe Musketiere ins Lager ein, die in der Nachbarschaft Proviant geholt hatte; kurz darauf folgten Schafe und Rindvieh, gefolgt von mit Stroh und Futter beladenen Wagen unter den lärmenden Rufen der gezwungenen Treiber. Dort stand ein Trupp Pikeniere mit ihren langen Spießen, Piken genannt, gerüstet mit Brustharnisch und Pickelhaube, in eifrigem Gespräch, während die Marketenderin sie bediente. Der Dragoner mit breitem Hut ging Arm in Arm mit dem Kürassier, der, nur halb geharnischt, aber mit starkem Helm und langem Schwert stolz neben ihm her schritt. An einigen Plätzen dampfte der Feldkessel, bedient von Soldatenweibern und lustigen Rekruten und beaufsichtigt von einem bärtigen Veteranen, der schon so manche Feldschlacht gesehen haben mochte. Auf einem freien Platz lagerten Krieger um ausgebreitete Mäntel, auf denen sie würfelten, und aus ihrer Runde schallten Flüche und rohes Gelächter weithin durch die Lüfte. Wieder an anderer Stelle arbeitete sich ein Abteilung Pferde durch das Getümmel, die einmal durch die vorbei fließende Ohm getrieben worden waren. Auf manchem Pferderücken kauerte ein kecker Kirchhainer Knabe, der mit den Soldatenbuben schon vor Tagen Freundschaft geschlossen hatte. Es ist die Art der Jugend, so dem Schlimmsten noch immer eine heitere Seite abzugewinnen. Gar mancher Trupp munterer Buben schlenderte schaulustig im Lager umher, sich am ungewohnten Anblick zerstreuend oder ein Abenteuer suchend, während die Väter und Mütter wohl daheim seufzten und innig für ein Ende des Krieges beteten.

Vor einem Zelt saß auf einem Heubündel ein schon bejahrter Krieger, in Hemdsärmeln und mit leichtem Hut auf dem Kopf. Es war Balthasar, der Reitknecht des Rittmeisters Augustin Croll. Er mochte über 50 Jahre alt sein, zeigten sich doch deutlich altersgraue Strähnen im sonst dunklen, aber lichter werdenden Haar. Sein Gesicht war tief gebräunt und trug eine mächtige, scheinbar frische Narbe über Stirn und Wange. Er hatte eben eine Faustbüchse gereinigt, die er vorsichtig zwischen sein Füße abgelegt hatte, und hielt einen Säbel in der Hand, an dem er putzend mit einem Lappen auf und nieder strich. Vor ihm stand ein junger Bursche, lässig auf ein Bein gestützt, und sah und hörte ihm zu.

„Ich sage dir, Stefan“, sprach der Alte, „magst du es nun glauben oder nicht, es gibt einen schlimmen Tag für die in Wetter. Es soll dort Proviant und Fourage geholt werden, und ich kenne meine Leute. Wir sind in Feindesland, und ich habe mehr als einmal gesehen, wie die Schweden den Bürger auszupressen verstehen; denn der König lebt nicht mehr.“ „Sie verdienen‘s nicht besser, die abgefallenen Schelme“, versetzte der Junge, „wollen die in Wetter kaiserlich sein, mögen sie sich auch als solche schinden lassen! Ihre eigenen Leute haben’s ihnen nicht besser gemacht, als vor zwei Jahren die Kroaten dort hausten, und die waren doch auch kaiserliche Truppen.“ „Schlimm genug“, versetzte jener, “schlimm genug, dass in dieser Zeit Feind und Freund gegen die Wehrlosen wüten! Aber Gewalttat bleibt Gewalttat und Schande bleibt Schande. Ich möchte nicht Teil daran haben. Gott behüte, dass wir morgen nicht reiten müssen!“ „Aber wir werden früh aufsitzen“, entgegnete Stefan, „und dabei sein. Wir gehen als Pressreiter mit, und mir ist’s ganz recht und liegt auch nichts daran, wenn ich einen Kopf einschlage oder eine Baracke anstecke. Das ist Kriegsbrauch, sagt mein Herr, und immer so gewesen!“ Balthasar horchte auf. „So? Also ihr werdet reiten?“ ,fragte er nach einiger Überlegung. „Höre, Stefan, das glaube ich nicht.“ „Doch, doch“, erwiderte Stefan lebhaft, „mein Herr hat’s mir selbst gesagt, dass wir nach Wetter reiten werden.“ „Ich kann’s nicht glauben“, sprach Balthasar kopfschüttelnd, „Was will dein Herr dort machen? Dein Graf kommandiert keine Pressreiter!“ „Ich sage dir, er kommandiert sie! Verstehst du?“, fügte er leiser redend bei, „Das Krämerjäckchen war heute bei ihm und hat’s ihm eingeredet. Dort in Wetter“, setze er mit pfiffiger Miene hinzu, „dort gibt es schöne Jungfern, verstehst du, und reiche Beute, denn dort ist ein Bürgermeister, der Blech hat. Ich hörte es gut, denn ich lauschte, und darum reiten wir, verstehst du?“ „Ja, nun verstehe ich“, erwiderte Balthasar, der genug gehört hatte, um seinen Herrn zu unterrichten, „Nun glaube ich dir! Ja, dein Herr, der Fähnrich“, fuhr er langsam und ernst fort, während er den Säbel hob und ihn anschaute, ob er ordentlich glänze , „Dein Herr ist ein kluger Kavalier und weiß, wo es etwas zu gewinne gibt. Da wird’s gut werden! Er ist auch einer von denen, die den Bauern über die Köpfe sprengen und die Bürger drillen! Der Cornet Julian glaubt nicht an den Katechismus und hat kein Herz im Leibe!“ „Höre, Balthasar“, entgegnete jener, „ich verbitte mir das! Du sollst von meinem Herrn, dem Grafen, mit mehr Achtung sprechen! Was ist denn dein Herr, der schmucke weiße Dragoner? Ein weichmütiger Bursche, der nichts lieber tut, als in seiner grünen Feldbinde paradieren.“ „Potzblitz!“ ,fuhr Balthasar auf und hob den Säbel beinahe drohend empor. „Wer sagt das? Gewiss auch dein Herr! He? Dein Herr, der Polack, der Graf, von dessen Gütern aber kein Mensch weiß, wo sie liegen? Freilich“, fuhr er fort, „ich weiß längst, dass er den Rittmeister nicht leiden kann, weil der ihm einmal den Wams ausgeklopft hat!“ Und Balthasar lachte bei diesen Worten still in sich hinein und stand auf, indem er im behaglichen Gefühl der Erinnerung hinzufügte: „Das war eine lustige Geschichte! Sie ist vor deiner Zeit geschehen, und du weißt freilich nichts davon. Aber das glaube mir“, fuhr er fort, wobei er Stefan an den Schultern packte und sie zwischen den Fingern presste, dass dieser das Gesicht verzog, „mein Rittmeister ist mehr wert, als ein Dutzend solcher Burschen, wie es jetzt deren gibt, aus Ungarn und aus Polen, die da hofieren und scharwenzeln und denen, die sich etwas verdient haben, das Brot vor dem Maul abschneiden, um Fähnrich zu werden. Das sage ich, der Reitknecht des Rittmeisters Augustin Croll von weißen Dragonerregiment!“ Mit diesen Worten nahm er den Säbel unter den Arm, hob die Pistole auf und trat ins Zelt. „Du alter Betbruder!“, fluchte Stefan hinter ihm her und rieb sich die Achsel, „dich soll der Hagel -!“ Darauf schlenderte er weiter und summte ein Lied dabei:

„Wir sind Leut‘ von Qualitäten,

unter uns ist wenig Beten,

Fluchen, Lästern, Bauern plagen,

nicht nach Höll’und Himmel fragen,

tragen, was nicht gehen kann,

führen es mit uns davon.

Was der Bauer lang verborgen,

macht uns manchen frohen Morgen!“

Und jubilierend sprang er vor ein Marketenderzelt und mischte sich unter die Zechenden.

Noch während dieses Zwiegesprächs hatte man in einiger Entfernung ein Getümmel und ein Durcheinander von schreienden Stimmen vernehmen können, das auf eine ungewöhnliche Begebenheit schließen ließ. Jetzt wälzte sich durch die Zeltgasse ein wirres Knäuel müßiggehender Soldaten und Trossknechte, dem sich ein Haufen Kirchhainer Buben angeschlossen hatte. In dessen Mitte wurde eine alte Frau sichtbar, an einem Stock gehend, in einem abgetragenen schwarzen Kleid, aus dessen kurzen weiten Ärmeln schmächtige Arme, umschlossen von etwas längeren weißen Hemdärmeln, hervorragten. Ihr Kopf mit den schon greisen Haaren war von einem kleinen schwarzen Häubchen bedeckt. Ihren Hals und Ihre Brüste umhüllte ein weißes Brusttuch, das sorgfältig gebunden und mit gewissenhafter Genauigkeit um ihren Oberkörper geschlungen war. Sie machte den Eindruck einer ärmlich gekleideten, aber reinlichen und ordnungsliebenden Frau. Soviel man bei einem flüchtigen Anblick wahrnehmen konnte, mochte sie etwa siebzig Jahre alt sein; ihr graues Haar, ihr scharf gezeichnetes von Runzeln durchfurchtes Gesicht, ihre mageren Hände, ihr gekrümmter Rücken, ihr schleichender Tritt ließen ahnen, dass sie dem Ende ihres Lebens entgegen ging. Aber aus den lebhaften dunklen Augen schien noch ein frischer Geist zu leuchten, und eine bemerkenswerte Sicherheit und Ruhe in der ganzen Haltung der gebrechlichen Gestalt ließ es ungewiss, ob es Stumpfsinn und Gefühllosigkeit waren oder bewusste Fassung und Ergebenheit in das Unvermeidliche, die diese begründeten.

Dieses Wesen war jetzt der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden. „Stäupt sie aus dem Lager, die Bettlerin, die Fopperin, die Papsttreue!“, schrien die einen. „Auf die Hexe! Ins Wasser mit ihr!“, tönten einige Rufe dazwischen. „Vogelbärbchen! Armes Vogelbärbchen!“, riefen einzelne mitleidige Knabenstimmen: „Lasst sie gehen! Sie ist ein frommes Weib und tut niemandem was zu Leide!“ „Gebt ihr den Trunk! Hängt sie, die Spionin!“, scholl es von einer anderen Seite. Und so schwoll der Tumult durch die aus den Zelten Kommenden immer mehr an und wurde immer drohender, als sich der Haufen einer Kreuzung näherte, an der ein schmaler Weg auf die breite Straße des Lagers traf.

Da sprengte ein Reiter heran, den alleine die eintretende, erfurchtsvolle Stille, mit der die Anwesenden unter militärischem Gruß Platz machten, als einen Befehlshaber gekennzeichnet hätte, wenn nicht sein breitkrempiger Hut, seine feine Uniform und die grüne Feldbinde den Offizier verraten hätten. Mit heller, aber weithin schallender Stimme rief er, sein Pferd anhaltend: „Was gibt es hier? Lasst das Weib gehen! Schämt euch und habt Achtung vor ihren grauen Haaren!“ „Sie ist eine Hexe und eine Spionin! Sie schnüffelt im Lager herum!“, wurden mehrere Stimmen laut. Andere riefen: „Still! Still! Der Rittmeister hat zu sprechen!“ „Macht Platz!“, sprach der Rittmeister Augustin – denn er war eben von einem Besuch in der Stadt zum Lager zurück gekehrt – „Macht Platz, Kameraden, und lasst das Weib vor mich! Balthasar“, sprach er zu diesem gewandt, der bereits an seiner Seite stand, „rufe sofort den Profoss Eberhard!“ „Wer seid ihr?“, sprach er vom Pferd herab das Weib an, das ruhig heranschlich und mit ihren dunklen Augen zu ihm aufblickte. „Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier? Ihr solltet lieber das Lager meiden und anderswo eurer Wege gehen!“, setzte er in mildem Ton hinzu. Kaum war sein Wort verklungen, da schien ein plötzlicher freudiger Schrecken die Gestalt der Alten zu schütteln; sie richtete sich auf, und rasch einen Schritt näher tretend brach es aus ihr heraus: „O Ambrosius! Mein Ambrosius! Habe ich dich endlich wieder!“ Sie sank auf die Knie und reckte ihre ausgebreiteten Arme dem Reiter entgegen. Sie wollte noch weiter reden, aber plötzlich stockte ihre Stimme, die Arme sanken schlaff am Körper herunter, und die gebrechliche Gestalt brach lautlos zusammen. Alle Umstehenden schwiegen, denn auch in den rauen Herzen der Krieger regte sich ein Gefühl des Mitleids.

„Ich bin kein Ambrosius!“, sprach der Rittmeister. Und zu dem umgebenden Kreise gewandt fuhr er fort: „Das ist keine Spionin! Das ist eine Unglückliche, wie sie die Kriegsnot heute viele macht. Helft ihr wieder auf, Kameraden!“ „Weiß denn niemand von euch“, rief er fragend in den umstehenden Haufen hinein, „wer diese Unglückliche ist?“ „Ich weiß es, ich!“ entgegnete rasch ein rotbackiger Knabe, indem er sich mit beiden Ellbogen wacker durch die Menge kämpfte, „Das ist das Vogelbärbchen! Dort unten haben sie ihr den Star genommen und das Hündchen totgeschlagen!“ „Kennst du das Weib?“, fragte Augustin mit einem aufmunternden Blick auf den beherzten Knaben. „Freilich kennen wir sie“, lautete die Antwort. „Sie ist das Bärbchen und kommt jedes Jahr zu Ostern mit ihrem Star im Korb, leiht sich ein Kleid und ein frische Haube und geht in die Kirche zum Abendmahl. Woher sie ist“, fuhr der Junge fort, „weiß kein Mensch, denn sie ist über hundert Jahre alt und muss auf der Erde wandern bis zum jüngsten Tag. Sie nimmt nur Kreuzer, nie einen Heller, nur die Wahrheit sagen kann sie nicht. Wir Buben sehen sie gerne kommen, denn dann bringt der Hase die Eier!“

Eine heitere Stimmung fuhr durch das Gedränge der Umstehenden und mancher lachte laut auf.

„Du bist ein ganzer Bursche!“, lächelte Augustin dem Jungen zu, „und wirst einmal ein tapferer Soldat werden, nicht wahr?“ „Ja, so ein Reiter wie Ihr, so ein General mit einer roten Schärpe auf einem Schimmel!“, erwiderte keck das Kirchhainer Bürgerskind. Ein Ruf des Beifalls und das Gelächter der Soldaten begleiteten seine Worte. „Ho, ho!“ riefen einige Stimmen, „Er will eine rote Binde, er will kaiserlich werden!“

Inzwischen war Balthasar mit dem Profoss Eberhard erschienen. Das Vogelbärbchen hatten einige mitleidige Hände wieder aufgerichtet, und sie kauerte im Gras. Der Profoss half der Unglücklichen wieder auf die Füße, und auf seine Fragen gab sie, mit dem Zeigefinger in die Höhe deutend, nur die Antwort: „Der liebe Gott lebt noch!“ „Ihr nehmt das Weib, Profoss, und sorgt dafür, dass sie sicher aus den Zelten kommt!“, befahl Augustin Eberhard, „Für jede Kränkung, die ihr widerfährt, seid Ihr verantwortlich!“ Mit diesen Worten wendete er sein Pferd und ritt, von Balthasar begleitet, langsam die Zeltgasse hinunter seinem Zelt entgegen, während die Ansammlung sich auflöste und das arme Weib unter des Profossen schützendem Geleit das Lager verließ und in Richtung Bürgeln und Wetter fortwanderte.

„Das ist ein edler Kavalier!“, sprach mancher Soldat zu seinem Nachbarn gewandt und mit Wohlgefallen dem Rittmeister nachsehend. „Er ist von den weißen Dragonern, die heute das Lager bezogen haben, und die Schweden nennen ihn den schlanken Hessen. Wie stolz er zu Rosse sitzt! Wie stattlich ihn die grüne Binde kleidet! Und ein prächtiger Streithengst, den er reitet!“ „Und er führt eine gute Klinge“, bekräftigte ein alter Dragoner von Augustins Schwadron nicht ohne Stolz, „Ja, eine gute Klinge führt unser Rittmeister! Ich sah, wie er bei Neustadt, als wir vor einem Jahr die Kaiserlichen überfielen, einen Offizier der Kroaten niederschoss und einen anderen niederschlug, als hätte den der Hagel niedergeschlagen, und das alles wie in einem Atemzug! Das brachte ihm den Rittmeister ein, obwohl er noch so jung und gerade erst Leutnant geworden war, nicht wahr, Balthasar?“ Balthasar blieb stehen und entgegnete stolz: „Ob’s wahr ist? Damals holte er mich aus den Feinden! Denn ich lag mit dieser Blessur im Gesicht neben meinem Gaul und blutete, dass ich nicht mehr aus den Augen sehen konnte. Da hat mein Herr“, fuhr er langsam und mit Nachdruck fort, „mich aus den Feindeslinien heraus gehauen und dabei wohl ein halbes Dutzend niedergeworfen, mich auf seinen Hengst gerissen und aus dem Getümmel gerettet, wie jeder im ganzen Regiment wissen müsste.“ „Ja, er kann gut fechten!“ sprach halblaut und höhnend Stefan, Fähnrich Julians Reitbursche, „Das soll er bei den Zigeunern gelernt haben! Mein Herr, der Graf, hat mir’s gesagt!“

Aber Balthasars scharfes Ohr hatte die boshafte Bemerkung vernommen, und er wandte sich mit zornigem Blick zu dem Spötter, indem er die Faust erhob: „Potz hundert Gift! Du loses Lästermaul! Der Rittmeister Croll ist ein echter Hesse und heißt der Hesse, und jedermann nennt seinen Namen mit Ehrerbietung in der ganzen Armee. Bei wem er das Fechten und alles andere gelernt hat, muss einem lausigen Kerl wie dir einerlei sein. Wenn ich aber noch einmal ein solches Wort von dir höre, so will ich nicht Balthasar heißen, wenn ich dir spitzbübischem Galgenvogel nicht den Buckel wasche, dass dir die Straßenhökerei zeitlebens vergehen soll! Verstehst du mich?“ – Und das Gelächter der Umgebenden belohnte Balthasar für die erteilte Abfertigung; der Bursche war bei dem Worte „Straßenhökerei“ blass geworden und drückte sich zähneknirschend weg. Balthasar aber schritt in stolzer Ruhe seinem Rittmeister nach; vor dessen Zelt angelangt, hielt er ihm beim Absteigen den Bügel und brachte das Pferd, nachdem er ihm liebkosend den Hals geklopft hatte, unter das schirmende Dach.

Die Nacht breitete ihre dunklen Flügel über das Tal, der Lärm des Tages verstummte nach und nach, und nur der gemessene Schritt der Wachtposten und das Klirren ihrer Waffen, wenn sie durch die Zeltgassen zogen, unterbrach die Stille der milden Juninacht.

2. Kapitel

Etwa drei Stunden Fußweg nordwestlich von Kirchhain liegt das Städtchen Wetter im Tal der Wetschaft, die einige Kilometer unterhalb der Stadt in die Lahn mündet. Wetter hatte zu Beginn des 13. Jahrhunderts Stadtrechte erhalten und sich mit einer starken Mauer samt Brustwehren und festen Pforten geschützt. Bis zur Zeit der Reformation beherbergten diese Mauern ein Jungfrauenstift, von dem man erzählte, zwei königliche schottische Prinzessinnen hätten es um das Jahr 1000 gegründet. Daraus hervorgegangen war eine, bis in die Zeit, aus der unsere Geschichte erzählt, blühende Ritterschule, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts evangelischer Konfession war und einige hervorragende Gelehrte und ausgezeichnete Staatsmänner hervor gebracht hatte. Der Satz „Er ist ein Wetteraner!“ war Synonym für einen fähigen Kopf und einen tüchtigen Gelehrten. Eine auffällige Zierde für die Stadt ist die Kirche, ein stattliches Münster, dessen Gründung die Sage ebenfalls jener Almudis und Digmudis zuschreibt, die aus Schottland gekommen sich hier niedergelassen und in der Kirche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben sollen. Ein sehr schlanker, hoch und spitz empor strebender Turm, der meilenweit sichtbar ist, krönt noch heute den stattlichen Bau, der wohl nicht so alt ist, wie die Sage angibt, dessen hochgotischer Baustil aber sehr wohl einer Entstehung im 14. Jahrhundert zugeschrieben werden muss.

Am 5. Juni 1636 herrschte schon morgens in aller Frühe eine ungewöhnliche Bestürzung in der Stadt Wetter; Gruppen von Bürgern standen in eifrigem, mitunter leidenschaftlichem Gespräch auf dem Marktplatz und in allen Gassen. Am Rathaus, einem alten, mit Türmchen und Giebeln verzierten Gebäude am unteren Ende des Marktplatzes, war eine große Bewegung, und viele Bürger standen vor der Tür und im Raum vor der Ratsstube.

Bei Tagesanbruch war aus dem Lager bei Kirchhain ein Schreiben angekommen, in dem der Feldmarschall Lesle von der Stadt forderte, eine Menge Proviant zu liefern, und die Räte der Stadt waren versammelt, um aus dem Munde des Bürgermeisters Croll den Befehl des schwedischen Oberfeldherrn entgegen zu nehmen.

Seibert Croll war kaiserlicher Notarius und seit etlichen Jahre Bürgermeister von Wetter. Er war noch kein alter Mann, und seine kurzgedrungene Gestalt, seine hellen braunen Augen, sein ausdrucksvolles, ernsthaftes und männlich schönes Gesicht, aus dem neben Kraft und Entschiedenheit Wohlwollen und Milde sprachen, machte auf seine Umgebung stets einen tiefen und gewinnenden Eindruck. Ein würdigeres Oberhaupt hatte die Stadt Wetter noch nicht gehabt, und es war eine glückliche Fügung, dass gerade er in jenen Jahren der Trübsal an der Spitze der städtischen Geschäfte stand, die er bis ins hohe Alter mit Würde leitete und deren Andenken lange unvergessen blieb.

„Wir sind“, schloss Croll seinen Vortrag, „wehrlose Bürger; an Widerstand ist nicht zu denken, wenn auch unsere Mauern noch so hoch und unsere Tore noch so fest wären. Wir müssen uns ergeben und mit den Versprechungen begnügen, die der strenge Feind getan hat. Leben und Eigentum der Bürger sollen sicher sein!“ „So wird es sein“, sprach bedenklich ein alter Ratsherr, „solang es dem Feinde beliebt. Man weiß, wie der Schwede Wort hält und hört es täglich aus der Nachbarschaft!“ Sie werden nicht schlimmer sein“, bemerkte ein junges Ratsmitglied, „als die Kaiserlichen vor drei Jahren. Hat uns Gott damals aus den Klauen der Kroaten geholfen, so wird er uns jetzt umso mehr gnädig sein. Die Schweden sind wie wir lutherisch und die Niederhessen dazu unsere Brüder!“ „Gott gebe, dass ihr recht behaltet!“, entgegnete Croll und schloss die kurze Versammlung, indem er wiederholend beifügte: „Die drei Jüngsten des Rats also, die sonst die Abgaben für die Stadt erheben, gehen sogleich in ihren Vierteln von Haus zu Haus und verzeichnen, was an Brot, Mehl und Bier vorhanden ist. Die Verzeichnisse werdet ihr dann sogleich mir übergeben. Ihr aber, liebe Herren und Freunde, geht jetzt, beruhigt die Bürgerschaft und sprecht ihnen Mut zu, so gut ihr könnt. Ich denke, es geht besser, als wir glauben, und wir sehen uns alle wohlbehalten wieder!“ Und vom Ratsdiener begleitet verließ er die Ratsstube und schritt über den Markt, hier und da die drängelnden Bürger, die Frauen und Kinder begrüßend, auf deren Gesichtern die große Sorge und Bestürzung ersichtlich war. Seid getrost, liebe Leute“, rief er. „Gehe ein jeder in sein Haus, tut eure Schuldigkeit, beruhigt einander und wartet in aller Stille ab, was Gott schickt! Ist Gott für uns, wer will dann gegen uns sein?“

In sein Haus eingetreten, das der Kirche gegenüber auf dem Markt stand, empfing ihn Gertrude, das einzige Kind, das ihm geblieben war; die Söhne waren schon lange gestorben und die Ehefrau war ihnen vor drei Jahren nachgefolgt. Gertrude aber stand in der Blüte der Jugend, in dem glücklichen Alter, in dem aus dem Kind eine junge Frau wird, ein blondes Mädchen, schlank gewachsen, blauäugig, mit Rosenwangen, die selbst in dieser Stunde ängstlicher Erwartung nicht blass geworden waren, ein frommes und verständiges Kind, dessen helles Gemüt eine schöne Kindheit widerspiegelte. Die ganze Umgegend kannte und liebt das schöne Trudchen, wie es von den Leuten weit und breit genannt wurde. Sie war im blauen Festkleid mit schwarzem eng anliegenden Mieder, das schwarze Samtbarett lag bei einem kleinen Päckchen – mit Kleidern, wie es schien – auf dem Tisch, und sie machte den Eindruck, als sei sie für eine Reise gerüstet.

„Gott sei Dank!“, rief sie dem Eintretenden entgegen und flog in seine Arme, „Gott sei Dank, dass Ihr da seid! Was werden wir beginnen, Vater? Ich bin zur Flucht bereit, das vorrätige Geld und Silber ist in sicherem Versteck, und Euer Koffer ist gepackt mit den besten Kleidern!“ „Nicht so, teures Kind!“, versetzte der Vater, indem er sie lange und innig an sein Herz drückte, „Wir bleiben diesmal und warten gemeinsam ab, was Gott verhängt. Sei mutig und gehe deinen häuslichen Geschäften nach, es wird nicht so schlimm werden! Die Feinde sind keine Kroaten, wie damals, als du mit der seligen Mutter nach Marburg flohst. Diesmal bleiben wir zusammen!“ Und damit legte er den schwarzen Ratsmantel ab, ließ von der Tochter den weißen Halskragen lösen und zog das Hauskleid an, das ihm in gewohnter Weise der Ratsdiener gereicht hatte.

Peter Schnabel, des Rates und der Stadt ehrsamer Diener, war in Diensten der Stadt grau geworden. Ein emsiger und für der Bürgerschaft Wohl ohne Ermüden besorgter Mann, war er zugleich bis zur Aufopferung dem Hause Croll ergeben, gottesfürchtig im Sinne der damaligen Zeit, ehrlich und in friedlichen Tagen ein brauchbarer Vollstrecker der erteilten Befehle. Aber seitdem die Schrecken des Krieges über Wetter gekommen waren, hatte der treuherzige Alte den Kopf verloren und träumte von nichts anderem, als von Unheil und Entsetzen. Er bildete sich von jeher ein, schärfer in die Zukunft zu sehen, als die übrige Welt, genauso, wie er sich auch für klüger und erfahrener hielt, als hundert andere und von seinen Kenntnissen eine ebenso hohe Meinung hatte wie von seinem Amt. Er liebte es, wenn er von den Räten der Stadt sprach, sich mitzuzählen und sich durch ein häufig angewandtes Wir mit den Beamten auf gleiche Linie zu stellen.

„Ihr werdet in der Nähe bleiben, Peter, und Acht haben, was auf dem Markt vorgeht!“, begann der Bürgermeister. „Wir können jeden Augenblick neue Nachricht bekommen, und ihr führt den Boten sogleich herein. Und seid mir nicht so zaghaft! Ihr seht ja drein, als solltet ihr gerichtet werden und habt keinen Tropfen Blut in Gesicht!“ „Oh, Herr, mit Verlaub“, entgegnete der Ratsdiener. „Wie kann man anders? Die ganze Bürgerschaft zittert und viele flüchten, wie vor drei Jahren. Ich sehe es schon kommen, das Unglück!“, seufzte er und blickte angstvoll in die Höhe. „Ihr seid ein wunderlicher Mensch“, erwiderte Croll mit Ruhe, „und wärt Ihr nicht so treu und verlässlich und noch so rüstig, so taugtet Ihr sehr wenig, Diener der Stadt zu sein. Was habt Ihr nicht schon alles gefürchtet und ist doch nicht geschehen! Ich gebiete Euch ernstlich, zieht ein anderes Gesicht und macht mir die Bürgerschaft nicht noch ängstlicher, als sie schon ist. Wenn wir nicht zuversichtlich sind, wer soll dann noch ruhig bleiben? Bedenkt das, Peter, und seid ein Mann!“ „Ihr habt Recht, o Herr“, entgegnete jener, „wir müssen mit gutem Beispiel voran gehen; aber – mit Verlaub -“ „Was aber? Gewiss habt Ihr wieder ein böses Omen in der Nacht gehabt, das Euch keine Ruhe lässt!“, unterbrach ihn der Bürgermeister. „Doch – geht einmal hinaus und seht, was dort oben vorgeht! Da kommt ein Haufen Buben vom Obertor herunter!“, sprach Croll ans Fenster tretend und durch die runde Scheibe blickend.

Nach wenigen Augenblicken trat der Ratsdiener wieder ein mit den angstvollen Worten: “Auch das noch, Herr Bürgermeister! Die Vogelbärb kommt! Nun ist das Maß voll und alles verloren!“ „Wenn Euch weiter nichts entsetzt, so hat’s gute Ruhe!“, sprach lächelnd Croll. „Das arme Weib kommt ja auch sonst nach Wetter.“ „Und bringt jedes Mal Unglück mit und all‘ nichts Guts!“, sprach mit ungewöhnlicher Bestimmtheit Peter. „Mit Verlaub – wisst Ihr noch, wie sie vor sechs Jahren zum ersten Mal kam? Da gab‘s in der Nacht einen Sturmwind, dass das Kreuz vom Turm flog mit dem Knopf bis vor den Marktbrunnen. Der Bäcker Volpert setzte es dazumal wieder auf. Wie sie das zweite Mal kam – es war drei Tage vor Ostern – stürzte derselbe Volpert – Gott hab ihn selig! – in den Ziehbrunnen, zwölf Klafter tief, und war tot. Da blieb sie lange weg. Wie sie das letzte Mal kam, brachte sie die Pest mit, und es starben in acht Wochen an die zweihundertfünfzig Menschen. Ist das nichts? Nein, wir sollten“, sprach er mit erhobener Stimme und lebhafter Bewegung beider Arme, „wir sollten um der Stadt Wohlfahrt Willen die Hexe nicht so frei ein- und ausgehen lassen. Was wird sie jetzt bringen? Ich sehe schon, wie’s kommen wird, wie all‘ nichts Guts!“, stöhnte Peter und sah kläglich zur Zimmerdecke. „Nun ist’s genug!“, sprach mit Würde der Bürgermeister. „Ihr geht hin und bringt das arme Geschöpf in die Küche; meine Tochter mag ihr eine Hafersuppe reichen und sie mit einem Almosen entlassen!“ „Herr Gott, was sagt Ihr? In die Küche?“ rief bestürzt der Ratsdiener, „Mit Verlaub – dahin führe ich sei nicht! Als sie das letzte Mal da war, putzte dir Grete gerade Eure Schnallenschuhe, und als sie den einen hingestellt hatte und die Hexe gerade eintrat, fuhr der Schuh, wie Ihr wisst, in die Höhe und den Schornstein hinaus und wurde nie mehr gesehen. In des Bürgermeisters Küche“, fuhr er fort, „kommt die Vogelbärb nicht, solange ich in Amt und Würde stehe; sie mag vor der Haustür stehen bleiben!“ „Nun, wie Ihr wollt, treuer Alter!“, sprach lächelnd Croll, „Nur gebt ihr zu essen und entfernt die unnützen Buben! Sie sollen mir vom Hause weg bleiben und in die Kirche gehen, denn es läutet schon! Pastor Vigelius wird mit den Schülern heute einen Bußpsalm singen und eine Fürbitte halten, da soll keiner von den Jungen fehlen, denn Gott hört auf das Gebet der Unmündigen! Ihr aber tut jetzt Wacht, wie es Eures Amtes ist und zeigt Courage, wie sich’s für einen tapferen Hessen geziemt!“ „Oh, ich fürchte mich eigentlich nicht“, sprach im Hinausgehen der Ratsdiener für sich hin, „es ist nur die Sorge um die Stadt; ich habe für mich Courage und bin nicht umsonst in die lateinische Schule gegangen!“

Und die letzten Worte seines Gebieters eingedenk, fuhr Peter mit drohend erhobener Faust unter einige Buben, welche noch gaffend vor der Haustür herum lungerten: „Ihr Galgenvögel, was steht ihr noch da? Hört ihr’s nicht läuten? ,Geht zur Kirche und helft beten, dass sich der Himmel über die Stadt erbarme!‘, befielt der Bürgermeister. Schämt euch, dass ihr in dem Jammer dieser Zeit dasteht und schreit…“ „Wie all‘ nichts Guts!“ riefen die Stimmen der Mutwilligen, die des Ratsdieners gewohnten Abschluss seiner Strafreden längst auswendig kannten, und lachend sprangen sie davon, während der tief gekränkte Peter ihnen zornige Blicke nachsandte. Das Vogelbärbchen aber saß stumm und teilnahmslos vor der Haustür.

Mit sorgenvoller Miene hatte Croll sich inzwischen auf die Ruhebank in der Stube nieder gesetzt. Alle Maßregeln, welche die Gefahr drohende Lage ihm zu gebieten schien, hatte er schon in frühester Tagesstunde getroffen, und noch einmal erwog er, was etwa weiter anzuordnen sein möge. Er zweifelte nicht daran - die Erlebnisse der letzten Jahre hatten es ihn gelehrt -, dass mit dem Anmarsch der Schweden für die Stadt Tage der Heimsuchung kommen würden. Seinen Posten zu verlassen fiel ihm nicht ein, aber die Sorge um die Tochter lastete schwer auf seinem Herzen.