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"Sie fühlte sich wie ein Stück Kohlenstoff, das über Jahrtausende in den Tiefen eines Gebirges ruhte, dem Druck unfassbarer Gewalten ausgesetzt, bis es, zutiefst gewandelt und verklärt, das Licht der Welt erblickt: als Diamant, in dem, sich zigfach widerspiegelnd, das Feuer der Sonne entflammt." Lea ist Mitte Dreißig, als sie sich nach einem aufwühlenden Traum ungestüm und völlig naiv auf jenen Weg begibt, den jeder Mensch früher oder später beschreitet: den Weg von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit, die Rückkehr der Seele aus der Dunkelheit ins Licht. Als sie gerade mal acht Jahre alt war, hatte Lea sich beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels nämlich geschworen, erst dann zu sterben, wenn sie "das alles", womit sie nicht weniger als das gesamte Weltall meinte, verstanden habe. Der Schwur ist längst vergessen, als sie nun als Erwachsene diese innere Reise der Selbstwerdung und Selbstüberschreitung beginnt, nicht wissend, dass ein Schwur den Menschen so lange bindet, bis er sich erfüllt hat. Nur, dass ihre Reise völlig anders verläuft, als erhofft... Aber das, was zunächst als die größtmögliche Katastrophe erscheint - der Zusammenbruch von Leas ganzem bisherigen Leben -, offenbart sich einige Zeit später als Leas größtes Glück. Denn am Horizont ihres Bewusstseins steigt nach dieser "Apokalypse" nun tatsächlich die Morgendämmerung auf: Lea beginnt zu erwachen. Sie wächst in einen vollkommen neuen Bewusstseinszustand hinein, in dem sie die Fülle des vollen Lebens erlebt und den aquamarinblauen Frieden des ewigen Schweigens und ahnt, dass sie sich zwischen beiden wird entscheiden müssen. Es gibt Bücher, die sind aus der Innenansicht der Seele geschrieben, und sie ziehen den Leser auf eine verzaubernde Weise in ihren Bann, so wie dieses...
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2019
Sophia Matteo
Das volle Leben
oder
Frieden in Aquamarin
S D G
© 2019 Sophia Matteo
Umschlaggestaltung, Illustration: tao.de
Umschlagbild: Ani-La
ISBN Hardcover:
978-3-96240-571-7
ISBN Paperback:
978-3-96240-569-4
ISBN E-Book:
978-3-96240-570-0
Verlag: tao.de in Kamphausen Media GmbH, Bielefeld,
www.tao.de, E-Mail: [email protected]
Herstellung: tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg
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Die Handlung und alle handelnden Personen dieses Buches sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
TEIL 1
1
Hoch über den Wolken.
Ein weites weiches Meer, in Sonnengelb getaucht.
Ein makelloser Himmel: wässriges Blau, pastelliges Mint,
zitronig-frisch wie der Duft von Minze mit Bergamotte.
Rein und klar. Grenzenlos.
Die Vibration eines berstenden Jauchzens.
Jubel, tausendfach zersprengt.
Eine Flut unermesslicher Helligkeit.
Das Band des Himmels liegt ausgebreitet vor ihr.
Vor ihr, neben ihr, hinter ihr –
in einer ungewohnten,
den physischen Augen nicht möglichen 360-Grad-Ansicht.
Es gibt weder einen Betrachter,
der mit seiner phantomhaften Anwesenheit drei Viertel des Bildes versperrt,
noch eine Quelle dieses so eigentümlich klaren Lichts.
Als sie es festzuhalten versucht, entgleitet es ihr.
2
Es gab es also tatsächlich: das Erwachen! Aber dass es sie so abrupt überfallen würde und unter diesen Umständen, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie hatte, genau genommen, mit gar nichts mehr gerechnet und wäre zu dem gegebenen Zeitpunkt nie auf den Gedanken gekommen, dass ihr so etwas überhaupt widerfahren könne. Spiritualität, Erleuchtung, Erwachen: Themen, die sie früher brennend interessierten – das alles war so weit weg. Sie hatte sich mit all dem nicht mehr befasst, war vielmehr dazu übergegangen, nur noch ihr kleines Leben zu leben, das kleine, bescheidene Leben, das ihr nach der schweren Erkrankung blieb. Und dann war „es“ doch geschehen.
Lea war für drei Tage nach Bamberg gereist. Auch das aus heiterem Himmel, ganz spontan. Ihr war wohl vom Hörensagen bekannt, dass Bamberg eine schöne alte Stadt sei, und da sie nach der Beendigung ihrer bisherigen Arbeitsstelle und vor Beginn der neuen ein paar freie Tage hatte, wollte sie diese mit einem kurzen Tapetenwechsel genießen. Keine Ahnung, weshalb sie sich ausgerechnet für Bamberg entschied, denn es gab so viele andere sehenswerte Städte, die sie ebenfalls noch nicht kannte. Aber sie hatte nun einmal aus dem Bauch heraus Bamberg gewählt. Ob die Wahl der Stadt jedoch überhaupt einen Einfluss auf das Erlebte hatte, sei dahingestellt, vielleicht war es auch nur die kurze Zeit für sich allein, die paar Tage ohne engere soziale Kontakte, welche das In-Sich-selbst-Eintauchen erleichterten, sodass „es“ geschehen konnte. Der Aufenthalt in Bamberg war bereichernd, auch wenn zum Zeitpunkt ihrer Reise ein Großteil der Stadt eine Baustelle und so manche Sehenswürdigkeit daher geschlossen war. Lea hatte jedoch ein ruhiges Hotelzimmer in einem ehemaligen Kloster erwischt, das Beste aus ihrem Aufenthalt gemacht und sich nach den drei Tagen dort froh und innerlich beschenkt auf die Heimreise begeben.
Und da, während der Rückfahrt, war „es“ geschehen: Lea war fast eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof angelangt - ihre ewig alte Angst, irgendwohin zu spät zu kommen, dabei war sie ihr Leben lang immer zu früh -, und stand in der kalten, zugigen Eingangshalle herum, die Hände auf den Griff ihres Trolleys gestützt. Es war schon im neuen Jahr, aber noch mitten im Winter. Irgendwann fiel ihr auf, dass sie da stand wie ein Block: in völliger innerer und äußerer Ruhe, keinerlei Gedanken im Kopf, ihre Beine kraftvoll im Boden verankert, Fußsohlen, die sich öffneten und bis ins Innerste der Erde flossen. Ein Anflug von Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Wie herrlich war es, einfach so dort zu stehen, ruhig und fest. Sie hätte noch Stunden reglos auf ihren Zug warten können, denn zu diesem Zeitpunkt war die Zeit ihr schon abhandengekommen. Im Zug kippte dann plötzlich noch der Raum, stülpte sich um, von außen nach innen, von innen nach außen. Sie selbst gab es nicht mehr, nur noch einen um sie herum ausgebreiteten Seelen-Innenraum. Da, wo früher sie selbst war, ihr Ich, war jetzt die Welt, und sie schaute wie von einer nicht vorhandenen Peripherie aus in ihr eigenes Seelen-Welt-Inneres, zugleich vom Mittelpunkt aus nach draußen. Die Welt lag vor ihr und um sie herum und über und unter ihr in einer aus sich selbst heraus leuchtenden Brillanz: die vor dem Fenster vorüberziehende Landschaft, der blaue wolkenlose Himmel darüber, das quengelnde Kind aus der Sitzreihe hinter ihr. Sie selbst gab es nicht mehr, die Welt hatte sie aufgesogen. Jetzt verstand sie, weshalb die Buddhisten sagen, es gäbe kein Ich. Es gab nur noch Durchlässigkeit, Offenheit, Weite, so etwas wie ein Tor, wie ein Fenster ins Nichts, in ein Nirgendwo, durch das die Welt unablässig strömte, so wie das Wasser eines Flusses sich durch eine Stromschnelle hindurch ergießt. Ihr Geist ergoss sich in die Welt, und nur dadurch, dass sie, Lea, nun nicht mehr war, war sie alles. War Fluss, war Quelle, war Leere, war Fülle – war selig.
Dieser Zustand hielt noch ein paar Tage an, dann ebbte er langsam ab. Inmitten der Aufgaben des Alltags, im Kontakt mit den Anderen und der Herausforderung des neuen Arbeitsplatzes ließ sich ihr „Wunder von Bamberg“ nicht länger halten, ihr überdimensional ausgeweitetes Bewusstsein schrumpfte wieder zusammen zu seiner gewohnten Alltagsrealität. Aber: Es war plastisch geblieben. Nahezu jeden Tag konnte Lea für den einen oder anderen Moment einen Hauch des Erlebten in den verschiedensten Sinnesqualitäten noch erhaschen. Sei es durch das gesteigerte Auftreten von Synchronizität, bei der ein Bild oder Geschehnis im Außen ihr augenblicklich eine innere Befindlichkeit, einen Gedanken oder ein Gefühl, in veräußerlichter Form widerspiegelte, denn Geist und Materie sind in diesem Zustand eins. Sei es durch einen völlig neuen Musikgenuss, bei dem sie ein Musikstück nicht mehr mit ihren Ohren hörte, sondern sich so tief im Zentrum der Musik befand, welche sie umhüllte, durchtränkte, dass es ihr vor Seligkeit die Tränen in die Augen trieb. Oder indem sie sich für Minuten unvermittelt in einem größeren Atem eingebettet wiederfand, in einer kristallklaren, Tau gesättigten Luft.
Einerseits war Lea betrübt, diesen unbeschreiblichen Zustand so schnell wieder verloren zu haben, andererseits war sie heilfroh, denn er war von einer solch übermenschlichen, ja überirdischen Kraft gewesen, dass sie schon befürchtete, davon gesprengt zu werden. Aber dies war, Gott sei Dank, nicht geschehen und im Grunde wusste Lea: Sie war in ihrer Persönlichkeit inzwischen ebenso durchlässig und weit wie stark und fest - sie hielt dieser transzendenten Übermacht stand. So war ihr „Wunder von Bamberg“ ein erster Einblick in das, was man Erwachen nennt.
3
Rückblickend erkannte Lea, dass sie, ohne es zu ahnen, auf ihrem in jungen Jahren gezielt begonnenen Entwicklungsweg trotz der Krankheit weiterhin vorangeschritten war, dabei hatte sie schon alles verloren und gescheitert geglaubt. Und dass sie sich noch immer auf dieser Reise befand, zu der sie sich damals voller Sehnsucht, Ungestüm und Zuversicht entschloss, die größte, abenteuerlichste und in jeder Hinsicht gefährlichste Reise, die es für den Menschen gibt: Die Reise zu sich selbst. Als Mensch wird man geboren, zu einem Individuum aber, mit allem, was dieses auszeichnet, muss man erst werden, dies will – als Trophäe des Lebens - errungen sein. Der Abschnitt, der zu diesem Zeitpunkt nun hinter ihr lag, war daher ebenso eine Heldenreise gewesen wie ein Kampf, der sämtliche Erfahrungen und Geschehnisse ihres bisherigen Lebens umfasste, und hinter dem nun – zusammen mit dem übergeordneten Sinn des Ganzen – etwas Durchgängiges aufzuleuchten begann; weniger ein roter Faden, wie Lea früher meinte, eher ein goldener oder leuchtender, der inzwischen das ganze Gewebe ihres Lebens durchwirkte. Etwas Ewiges, Transzendentes schimmerte jetzt an allen Stellen hindurch, wie Licht durch ein löchrig gewordenes Kleidungsstück: ihr Zentrum, ihr Ursprung, das Selbst. Waren Erleuchtung, Erwachen somit nichts anderes als einfach nur dieses Durchsichtig-werden seiner selbst?
Und während sie noch hierüber nachdachte, fiel Lea auf, dass sie in letzter Zeit, in etwa seit dem beginnenden Winter, ein äußerst angenehmes Gefühl dem Leben gegenüber verspürt hatte, eine Art innerer Freiheit und Drang, das Leben vorbehaltlos anzunehmen, so wie es gerade kommt. Darüber waren Stille und innere Ruhe eingekehrt, einfach nur hinzuspüren, was das Leben von ihr will. Das war sehr, sehr schön und beruhigend und gab ihr das Gefühl, wieder an ihre besten Zeiten von früher anzuknüpfen, an damals, bevor sie krank geworden war. Und Lea dachte daran, dass doch auch alles, was sich im Leben ereignen und entfalten soll, auf einer anderen Ebene längst schon vorhanden ist, und ihre Aufgabe von nun an womöglich allein darin bestünde, neugierig und bedingungslos den jeweiligen Hinweisen des Lebens zu folgen. Nichts mehr auszublenden, nichts zu erzwingen, nichts zu wollen, nichts abzulehnen, einfach das ganze Leben zu leben – das volle Leben. Und sie nahm sich vor, von nun an selbst die unscheinbarsten Bruchstücke desselben wie Kostbarkeiten zu sammeln, wie die einzelnen Noten einer noch zu komponierenden Melodie – irgendwann würde ein Lied daraus.
Wie viele Wandlungen hatte sie hinter sich, wie viele Umbrüche, Abstürze und Aufstiege, allein in diesem einen Leben?! Und jedes Mal wurde ihr Ich oder ihr Bild von sich zerstört, jedes Mal war sie einen inneren Tod gestorben, sich selber hinweg gestorben, aber jedes Mal auch wieder aus der Zerstörung aufgetaucht. Mit jedem dieser Tode war nicht nur ihr altes und offensichtlich überlebtes Ich untergegangen, sondern mit ihm eine ganze Welt, ihre ganze bis dahin vertraute Welt. So viele Himmel hatte Lea durchlebt, so viele Höllen durchlitten, nicht nur in diesem, sondern im Laufe all ihrer bisherigen Leben, bis hin zur Apokalypse, nach der jetzt am inneren Horizont ihres Bewusstseins die Morgendämmerung aufstieg.
Als Kind hatte Lea über Jahre hinweg unter einem regelmäßig wiederkehrenden Alptraum gelitten: Sie befand sich im Fahrstuhl des Mietshauses, in dem ihre Familie damals lebte, welcher nach unten fuhr, Richtung Erdgeschoss, wo er jedoch nicht hielt, sondern sich noch weiter nach unten bewegte, durch den Keller hindurch, tiefer und tiefer in die Erde hinein, an Stockwerken vorbei, die es in Wirklichkeit längst nicht mehr gab. In der zweiten Variante desselben Traums fuhr der Aufzug nach oben statt nach unten, an der fünften Etage vorbei, in der sie wohnten, übers oberste Stockwerk hinweg, wo er das Dach durchbrach und weiter und weiter hinaufstieg in den Himmel. Und Lea war abwechselnd in der tiefsten Tiefe wie in der höchsten Höhe vor kindlichem Entsetzen schreiend aufgewacht. Ja, und genau so war ihr bisheriges Leben dann auch verlaufen: zu weit nach oben gestiegen, zu tief hinabgestürzt!
Nun aber, zu sich selbst erwacht, lag alles Entsetzen hinter ihr. Von jetzt an, und das spürte Lea ganz genau, brauchte sie nur noch dem Ruf ihres Selbst zu folgen, sich zur Gänze und mit allem Gehorsam der inneren Fügung anzuvertrauen. Der Kampf war überstanden, Frieden und Stille eingekehrt, sowie die absolute Gewissheit, dass alles, was von jetzt an geschehen würde, ihrem höchsten Wohle diente und ihrem tiefsten Glück. (Das war auch früher schon so, nur hatte sie das Glück hinter seiner Maske des Schreckens nicht erkannt.) Das Beste, so dachte Lea, kommt eben tatsächlich immer zum Schluss.
4
So lange Lea denken konnte, war sie eine Suchende gewesen, das fing schon in der frühesten Kindheit an. Aus den allerersten Lebensjahren erinnerte sie eine tiefe Geborgenheit, im Zusammenhang mit der sie über eine – damals noch völlig unbewusste – aber immerhin schon eine Art inneren Begriffes verfügte, dass es so etwas wie das Weltall gibt. Fühlte dessen Weite und das Verschmelzen damit, ein sicheres, seliges Darin-Aufgehoben-Sein, sodass sie es für ihre wahre Heimat hielt. Dann aber, eines furchtbaren Tages, hatte jemand die Sterne aus ihrem Haar gepflückt und an einen fernen Nachthimmel gebannt, von da an schien ihr das Weltall kalt und leer. Und so machte Lea sich voller Sehnsucht und Heimweh auf, ihre Sterne wiederzufinden und mit ihnen das verlorene Paradies. Heimweh wurde das erste und stärkste Gefühl ihres Lebens.
Von besagter Wohnung in dem mehrstöckigen Mietshaus aus, in dem sie mit ihrer Familie damals lebte, konnte man die Sterne nicht sehen, denn der Nachthimmel wurde von den Lichtern der Großstadt verdeckt. Zwei oder drei Mal im Jahr aber fuhr ihre Mutter mit ihr und der älteren Schwester in Kurzurlaub. Dann brachte der Vater sie alle im Auto frühmorgens, noch zu nachtschlafender Zeit, zu ihrem Urlaubsziel, eine Fahrtzeit von über drei Stunden. Und dort, endlich, in dem alten grauen VW Käfer, quer auf der Rückbank liegend, die Beine über den Knien der Schwester und den Hals zum Seitenfenster hingestreckt, da konnte Lea die Sterne wiedersehen, ihre heiß geliebten Sterne. Und sie war ungefähr acht Jahre alt, als sie sich bei einer dieser Fahrten schwor, erst dann zu sterben, wenn sie „das alles“ - womit sie nichts Geringeres als das gesamte Weltall meinte – verstanden habe. Noch nicht ahnend, dass das, dem ihre ganze Sehnsucht galt, und für das das Weltall mit seinen Sonnen, Monden und Sternen als Symbolik steht, nichts anderes war als jenes dem Menschen so unfassbare Numinose, diese ewige Allmacht –manche nennen sie: Gott.
Mit achtzehn hatte Lea einen Traum: Sie sah das Große Schwarze Nichts, wie es mit jähem Riss ein Weltall aus sich gebar. Daraufhin fing sie an zu malen, und es gab für sie nur ein Motiv, dafür in zig Variationen: das All. Der Kosmos mit seinen Sternen und Galaxien, mit seinen Supernovae und schwarzen Löchern, von deren riesigen Mäulern alles, sich strudelnd drehend, ewig hungrig aufgesogen wird. Das Universum als Aquarell, in Acryl und in Öl, mit Seidenmalfarben auf Schals und Kissenhüllen gezaubert, die ganze Verwandtschaft wurde damit beglückt. Voller Inbrunst wandte Lea sich ihm zu, in instinktiver Gewissheit, dass das Universum ihr eines Tages die Lösung der so rätselhaften irdischen Existenz offenbaren würde.
Mitte Zwanzig folgte ihre feministische Phase, Lea begann zu tanzen: Trancetanz und schamanistische Trancehaltungen in Frauengruppen. Die damit einhergehenden veränderten Bewusstseinszustände faszinierten Lea anfangs sehr und linderten ein wenig ihr wundes Heimwehherz, denn sie ließen sie erleben, dass es noch andere Zustände gab als die oft so öde Alltagsrealität. Mit der Zeit erschienen Lea diese schamanistischen Rituale und Tänze zu Trommeln und Rasseln dann aber doch zu rückwärtsgewandt, wie eine Regression in ziemlich archaische Regionen des Bewusstseins, und sie, Lea, strebte doch nach vorn!
Mit Dreißig fing sie dann an zu lesen und verschlang, auf ihrer anhaltenden Suche nach dem Sinn menschlichen Lebens, nach und nach alles, was der damals frisch aufkeimende spirituelle Markt zu bieten hatte: Kabbala, Numerologie und Tarot, Astrologie, christliche und jüdische Mystik, Sufismus, später Buddhismus und Zen. Mit Mitte Dreißig – endlich – wurde sie fündig, indem sie auf die Schriften von Jean Gebser, Teilhard de Chardin und, allen vorweg, Sri Aurobindo, und das große Thema der Evolution des Bewusstseins stieß. Sie hatte damit, nun immerhin schon mal, ihre geistige Heimat gefunden.
Erst viele Jahre später wurde Lea bewusst, dass insbesondere Sri Aurobindo mit seiner alles umfassenden Evolutionsphilosophie und Kosmogonie die großartige Leistung vollbracht hatte, jene Weisheit, die so alt ist wie die Menschheit oder gar so alt wie die Welt, und die dem Menschen von seinen frühesten Anfängen an in Form von Mythen, Gleichnissen und inneren Bildern mit auf den Weg gegeben worden war, in eine moderne Sprache zu übersetzen und den geheimnisvollen und oft unverständlichen Symbolen und Bildern ihren tieferen Sinn und die ihnen innewohnende leuchtende Wahrheit zu entlocken. Das, was Sri Aurobindo als „Evolution des Bewusstseins“ bezeichnete, war, wie Lea begriff, somit nichts anderes als ein der heutigen Zeit gemäßer Ausdruck jenes Mythos, den man nahezu überall auf der Welt kennt: die große Reise des Menschen von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit, der Weg seiner Seele aus der Dunkelheit ins Licht. Er hat damit eine Ewige Wahrheit aufgedeckt, die Zeitalter und Kulturen umspannt.
5
Einsame
Hauch aus Wind,
wirst zum Kind,
das zur Erde fällt:
ein Same des Ewigen.
Ein-Same,
die du
zwischen deinen Händen
den Regenbogen
entfachst.
6
Auf den indischen Philosophen und Weisen Sri Aurobindo, der als der bedeutendste Dichter und Denker des modernen Indiens gilt, war Lea auf höchst merkwürdige Weise gestoßen, oder vielmehr er zu ihr. Sie hatte sich zum damaligen Zeitpunkt, Mitte Dreißig, so ziemlich mit allem Spirituellen befasst, welches irgend verfügbar war, nur mit Yoga und indischer Philosophie noch nicht. Eines Nachts träumte sie dann nichts weiter als nur ein einziges Wort, das beim Aufwachen jedoch ebenso aufwühlend wie unauslöschlich in ihr widerhallte: „Aurobindo“: Sie hatte nicht die geringste Ahnung, dass es sich dabei um einen Namen handelte, geschweige denn um den Namen, der sie für den Rest ihres Lebens prägen sollte, wunderte sich nur über dessen hartnäckige Penetranz, so wie man mitunter einen Ohrwurm in sich trägt, welcher einfach nicht von einem lassen will. Wenige Tage später kaufte Lea sich ein Buch und entdeckte beim Durchblättern der letzten Seiten, dort, wo sich in der Regel die Werbung des jeweiligen Verlags befindet, den Hinweis auf ein anderes Buch mit dem Titel „Sri Aurobindo oder das Abenteuer des Bewusstseins“ von einem französischen Autor namens Satprem. Da traf sie fast der Schlag. Und es sollte noch verrückter kommen! Natürlich bestellte sie sich umgehend besagtes Buch und stürzte sich mit vor Aufregung flatternden Fingern darauf. Alles, was Lea dort las, war wie aus ihrer eigenen Seele geschrieben, alles, was sie las, machte Sinn, den höchsten und umfassendsten Sinn, den sie bis dahin je gefunden hatte, und allein schon dieses Buch beantwortete ihr nahezu ihre sämtlichen Fragen zum Sinn, Zweck und Ziel menschlichen Lebens auf Erden.
Lea hatte das Buch gut bis zur Hälfte verschlungen, als sie, wenige Tage darauf, auf der Geburtstagsfeier einer Freundin, Philipp begegnete, ihrem späteren zweiten Ehemann, welcher ihr, prompt in sie verliebt, sogleich näher rückte. Das Einzige aber, was er von ihr wissen wollte, als sie sich wenige Tage später erstmals verabredeten, war, ob sie Sri Aurobindo kenne. Da traf sie zum zweiten Mal fast der Schlag. Er, Philipp, so teilte dieser ihr mit, habe nämlich für sich beschlossen, nur mit einer solchen Frau überhaupt noch einmal eine Beziehung einzugehen – denn er hatte schon einige hinter sich -, die bereit sei, sich gemeinsam mit ihm auf den von Sri Aurobindo beschriebenen Weg der gezielten Selbstwerdung und Bewusstseinsentwicklung zu begeben. Nun, so stand ihrer Partnerschaft also nichts im Weg…
Philipp war Allgemeinmediziner mit einer privatärztlichen Praxis und hatte sich von Anfang an auf Homöopathie spezialisiert. Seine Praxisräume waren in anthroposophischen Farben gestrichen, und schon beim Betreten des Eingangsbereichs wurde der Patient mit den fein vernebelten natürlichen Aromen einer Duftlampe begrüßt. Darüber hinaus war Philipp klug, witzig und charmant und stellte sich, genau wie Lea, die letztlich einzig wichtige Frage im Leben eines Menschen, jene große des „Woher, Wohin und Wozu.“ Auf der Suche nach Antworten war Philipp so ebenfalls auf die Evolutionsphilosophie und deren praktische Umsetzung von Sri Aurobindo gestoßen, das Thema, das Lea und Philipp von da an einte. Und auch vom Äußeren her gefiel Philipp Lea gut, selbst der leichte Bauchansatz und seine frühe Glatze, über die Philipp selbst sich maßlos ärgerte, während Lea mit sichtlichem Behagen und wohligem Schnurren über sie und den letzten hellbraunen Flaum strich, der mit seiner Weichheit eher dem eines Kinderköpfchens glich. Es hätte, so dachte Lea damals, nicht besser kommen können. Dass Philipp ein innerlich zutiefst Verwundeter war, mit einer Spaltung seiner Persönlichkeit, die keiner auf Anhieb sah, und etwas Unheimliches, Unberechenbares in ihm wohnte, ahnte Lea – trotz ihres ansonsten psychologisch geschulten Blickes - damals noch nicht; in ihrem Fall machte die Liebe tatsächlich blind.
Heute, in gereiften Jahren und vom Leben und Leiden abgeklärt, konnte Lea nur den Kopf schütteln über ihr gemeinsames Ungestüm, über die ungeheure Naivität, mit der sie beide sich damals blindlings ins Abenteuer stürzten. Es hatte Lea drei Mal um ein Haar das – in diesem Fall physische - Leben gekostet.
Nach dem Entdecken der Schriften Sri Aurobindos stieß Lea auch auf die von Jean Gebser und Teilhard de Chardin, die sich letztendlich um dasselbe Thema drehten, nur das eine Mal eher aus indisch-östlicher, das andere Mal aus westlicher Sicht dargelegt. Der Grundgedanke der drei Philosophen, der Lea so außerordentlich faszinierte, war der, dass sich der ganze Kosmos in Entwicklung befinde, die ganze Schöpfung mit all den in ihr lebenden Wesen in Bewegung sei, hin zu ihrer eigenen Vollendung: der Offenbarung des Göttlichen hier in dieser Welt. Teilhard de Chardin bezeichnete dieses höchste Ziel, in dem die „Idee“ des Kosmos zu ihrer unfehlbaren Erfüllung komme, als „Omega-Punkt“. Dies bedeutet, dass bei dieser Vollendung das so lange in den Formen der Schöpfung verborgene Göttliche aufzuscheinen beginnt und sich durch seine – transparent gewordenen - Formen hindurch zu erkennen gibt. Sri Aurobindo nannte dieses abschließende Stadium der derzeitigen irdischen Evolution „die Verwirklichung des Göttlichen in der Welt“, im Christentum sei es als die „Herabkunft des Himmelreichs auf Erden“ bekannt.
Nach Teilhard de Chardin und Sri Aurobindo gibt es im ganzen Universum nur eine einzige Energie, die sich sowohl physisch-materiell als auch psychisch oder spirituell ausdrücken könne, sodass Geist und Materie die beiden Enden eines einzigen Bewusstseinskontinuums seien, ergo ohne trennende Kluft dazwischen. Während alle anderen Lebewesen im Kosmos sich allerdings nur unbewusst weiter entwickeln könnten, was bisher stets mit einer Evolution der Formen einhergegangen sei, habe der Mensch als erstes Lebewesen die Chance, sich bewusst weiter zu entfalten, das heißt, mit seinem gezielten Willen diese immense Bewegung des Kosmos zu seiner Vollendung hin zu unterstützen. Bei Jean Gebser fand Lea sogar die Aussage, dass jeder in der heutigen Zeit lebende Mensch nicht nur „Zeuge“ sei, sondern zugleich „Werkzeug“ der im Universum jetzt heraufdämmernden neuen Wirklichkeit und sich daher dringendst die Mittel erarbeiten müsse, um diese neue Wirklichkeit aktiv mitzugestalten.
Dieser Gedankengang hatte Lea damals sofort zutiefst ergriffen: dass der Mensch daran mitwirken könne, ja mitwirken dürfe, die Schöpfung zu vollenden! Ja, wenn das so war, dann machte die menschliche Existenz auf Erden Sinn, und es bestand darüber hinaus die große Chance, das Weltall in sich wiederzufinden und mit dem Weltall die tiefe Geborgenheit darin mit ihrer überströmenden Glückseligkeit. Und es gab für Lea, von dem Moment des Begreifens dieser immensen Zusammenhänge des Lebens an, keinen größeren Lebenssinn mehr. Beim Menschen stehe, nach Ansicht der drei genannten Philosophen, somit die Evolution des Bewusstseins, das heißt, die permanente Umwandlung in ein immer höheres Bewusstsein – und nicht mehr die der Formen - im Vordergrund. Diesen Weg der gezielten und beschleunigten Bewusstseinsevolution nannte Sri Aurobindo „Integralen Yoga“, wobei der Begriff „Yoga“ von seinem etymologischen Ursprung her „Rückanbindung an das Göttliche“ meint. Für einen Menschen, der sich einmal bewusst für diesen Weg entscheide, nunmehr ein Pilger des Lichts - dies hatte auch Lea am eigenen Leib erfahren - gäbe es kein Anhalten mehr, kein Veto später mehr einzulegen. Denn dieser Weg sei eine Reise ohne Wiederkehr, eine Reise, die unaufhaltsam ihrem Ziel entgegenwallt, über welch verschlungene Pfade, Umwege oder Abkürzungen auch immer.
Hätte Lea damals, als junge und so ungestümstürmische, von der Sehnsucht nach dem All-Einen, ihrem Heimweh und der Suche nach dem Sinn des Lebens getriebene Frau, gewusst, was sie erwartet, sie hätte nie und nimmer „ja“ gesagt. Nun aber lagen alles Schlimme und aller Schrecken hinter ihr. Das Leben hatte sie mit seiner ganzen Härte geschmiedet, Ereignisse waren mit schier ungeheuerlicher Macht über sie hinweggerollt, sie hatte lernen müssen, all dem Stand zu halten, in ihrem innersten Wesen fest und fester zu werden, zugleich immer plastischer auf die Stürme des Lebens zu reagieren. Und Lea hatte es geschafft, hatte alles heil überstanden, wie durch ein Wunder! Sie fühlte sich wie ein Stück Kohlenstoff, das über Jahrtausende hinweg in den Tiefen eines Gebirges ruhte, dem Druck unfassbarer Gewalten ausgesetzt, bis es, zutiefst gewandelt und verklärt, das Licht der Welt erblickt: als Diamant, in dem, sich zigfach widerspiegelnd, das Feuer der Sonne entflammt.
7
Wenn es Licht wird
Leg Deine Hand mir,
wie einem fiebernden Kind, auf die Stirn.
Damit ich Dich erspüren kann.
Forme mich,
gib mir Gestalt, Kontur.
Damit ich mich in Deiner Weite nicht verlier.
Dann tritt mir gegenüber,
sei der Andere, das Leben, der Tod.
Damit ich Dich erfahren kann.
Doch halt mich fest, ganz feste,
wenn die Finsternis kommt
und ihr schwarzer Drache mich zu verschlingen droht.
Du warst meines innersten Wesens Schmied,
von allen Feuern Deiner Liebe
ward ich gebrannt.
Du warst mein Folterknecht, Dein eigner Verleumder,
der Widersacher in mir,
doch ich habe Dich hinter all Deinen Masken erkannt.
Du warst der Lotse meiner Seele in der Nacht,
jetzt erwach´ ich mit dir, in dir –
zu einem niemals mehr endenden Tag.
Oh, schau nur, am Horizont dort drüben:
- der Morgenstern erwacht!
8
Von der ganz praktischen Seite her betrachtet, bestand der Weg der Wandlung, den Lea bisher gegangen war, obwohl sie ihn angesichts ihrer schweren Erkrankung längst für gescheitert hielt, ja, vorübergehend sogar völlig vergessen hatte, zunächst in nichts anderem als einer umfassenden, fast unaufhörlichen Läuterung der eigenen Persönlichkeit. Der Weg beginnt, für jeden, der ihn beschreiten will, mit der Einsicht, dass es, tief verborgen in dem noch tierhaften Körper, in dem der Mensch lebt, eine göttliche und damit unsterbliche Seele gibt und der Mensch in seinem tiefsten Wesen mit dieser Seele aus Feuer und Licht identisch ist und nicht mit seinem physischen Körper. Aber die Seele muss aus diesem Körper und ihren ganzen Verstrickungen in unbewusste Prozesse erst frei gelegt werden. Nach dieser „Initialzündung“ der Einsicht wird der ganze Bereich des Unter- und Unbewussten nach und nach ans Licht des Bewusstseins geholt, betrachtet, gereinigt und gewandelt, bis der Mensch so durchlässig geworden ist, dass das höchste Licht ungehindert bis zum tiefsten Grund hindurchscheinen kann und das dort schlummernde Licht aus seinem Schlaf erweckt. Und das, was man einst voller Entsetzen für den Abgrund hielt, offenbart sich als der tragende Urgrund von allem. So schließt sich der Kreis, der Mensch hat sich selbst, sein Selbst – das zugleich das eine Selbst in allen ist –, (wieder)gefunden, und sein Leben setzt sich von da an auf einer neuen Ebene fort, mit einem neuen Bewusstseinszustand und in einer neuen Welt. Denn jedes Mal, wenn individualisiertes Bewusstsein sich umfassender erkennt, sich weitet in den Kosmos hinein, tauchen an seinem Horizont nicht nur neue, innere Sinne auf, sondern, zusammen mit diesen, auch völlig neue Welten.
Der Weg dorthin aber ist holprig, voller Gefahren und schwer. Nie hätte Lea geglaubt, dass sie jemals so viel Leid hätte ertragen können, wobei es sich für sie so anfühlte, als lauerte hinter jedem einzelnen Leiden des jetzigen Lebens das angestaute Leid all ihrer Leben zuvor, und als sei ein barmherzig schützender Schleier schon zu durchlässig geworden, um diese gesammelte Wucht noch länger zu verbergen. Andererseits war Leas Weg auch immer wieder von Freude und Leichtigkeit durchzogen gewesen, von beachtlichen Fortschritten und Momenten der Glückseligkeit sogar, diese hatten ihr die Kraft gegeben, sich unermüdlich weiter durch den Dschungel der Finsternis hindurch zu kämpfen.
Wenn sie es recht überlegte, hatte nicht nur ihre Suche, sondern auch ihre große Reise im Grunde schon in der Kindheit begonnen. Lea war gerade einmal elf Jahre alt, als sie anfing, über sich und ihr Verhalten nachzudenken. Zu dieser Zeit stellte sie eines Tages zu ihrer Überraschung fest, dass es in ihr so etwas wie Hintergedanken gab: gehässige Motive, kleine Schwindeleien sowie recht geschickte Manipulationsversuche, eine Situation bereits im Vorfeld zu ihren Gunsten zu entscheiden. Als sie sich dessen bewusst wurde, schämte sie sich sehr und begann von da an, sich und ihre Motive, so gut dies einem kindlichen Gemüt eben gelang, zu prüfen und unlautere Beweggründe auszusortieren. Noch viel größer aber war ihr Erstaunen, als sie einige Zeit später feststellen musste, dass sie diese Selbsthinterfragung, die für sie bald zu einer Selbstverständlichkeit geworden war, bei den Erwachsenen, speziell ihren Eltern, die doch eigentlich die viel Älteren waren, vollends vermisste. Aber sie liebte ihre Eltern – auch wenn sie diese nie so ganz für ihre wirklichen hielt und sogar den Verdacht hegte, es sei in dieser Hinsicht bei ihrer Geburt etwas Gravierendes schiefgelaufen - und so sah sie es ihnen nach, denn diese waren wohl viel zu sehr in die Sorgen des Alltags verstrickt, als auf die Idee zu kommen, zwecks Selbstreflektion hier und da mal innezuhalten. Zu dieser Zeit nahm Leas Berufswunsch Gestalt an, Psychologin zu werden, wahrscheinlich, um stellvertretend für die anderen deren Verhalten und Hintergründe des Lebens zu erforschen.
So kam es, dass sie mit sich selbst in der Regel hart ins Gericht ging, die anderen hingegen verschonte, ihnen voller Verständnis begegnete und nahezu alles verzieh. Hätte sie dies nicht getan, wäre ihr nämlich sehr bald bitterlich bewusst geworden, welch Sonderling sie in Wirklichkeit in ihrem sozialen Gefüge war. Dann hätte diese fröstelnde Einsamkeit sie wieder angekrochen und mit der Einsamkeit das noch unerträglichere Heimweh und mit dem Heimweh das Entsetzen, am völlig falschen Ort und bei den falschen Eltern gestrandet zu sein, und all das hatte sie doch ganz tief in sich drinnen vergraben.
Vermutlich war es diese tiefe Angst vor der Einsamkeit und dem damit verbundenen Schmerz, dass Lea – zumindest im privaten, ganz persönlichen Bereich - auf eine gewisse Weise in ihrem Wesen Kind geblieben war. Vom äußeren Verhalten her war sie gezwungen, früh, viel zu früh, erwachsen zu werden. In ihrem Wesen aber war sie von unglaublicher Gutmütigkeit, Großzügigkeit und einer an Idiotie grenzenden Naivität, jederzeit bereit, wieder und wieder an das Gute im Menschen zu glauben. So hatten andere ein leichtes Spiel mit ihr, und man hatte ihr übel mitgespielt. Es war so leicht, Lea über den Tisch zu ziehen. Denn da, wo andere sprichwörtlich den Splitter im Auge ihres Gegenübers sehen, den Balken im eigenen Auge hingegen nicht, entschuldigte Lea jeden noch so großen Balken im Auge des Andern und schaltete postwendend ihre Selbstprüfung ein, um nach einem möglichen Gegenstück in sich selbst zu fahnden. Für welches sie dann prompt Verantwortung mittels der Überzeugung übernahm, dass ja nur ein Blindfleck bei ihr, eine Schattenseite in ihrem eigenen Wesen, die Ursache sein konnte für die Missetat des Anderen, denn sonst wäre ihr diese schließlich ja nicht widerfahren. Mit anderen Worten: Für das Vergehen eines Anderen trug sie die Schuld. Nie wagte sie es, Vorwürfe zu machen, geschweige denn jemanden zur Rechenschaft zu ziehen, hielt stattdessen, wenn man sie auf die rechte Wange schlug, gleich noch die linke hin. Es dauerte ewig und kostete sie fast das Leben, bis sie endlich lernte, sich zu wehren. Der Vorteil eines solch lebenslangen Sich-selbst-Hinterfragens ist allerdings, dass man sich selbst so oft und so lange durchschaut – denn so verkehrt war Leas Vorgehen andererseits wiederum nicht - bis man sich selber durchsichtig geworden ist, und ebenso durchsichtig, durchlässig wie man selbst, wird dann auch die Welt.
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Überhaupt hatte Lea während ihrer Berufsausübung als Psychotherapeutin später oft gedacht, dass ein psychisch Kranker viel mehr Chancen hat, zu einem Individuum heranzureifen, als ein scheinbar Gesunder oder gar die allzu Selbstzufriedenen, Satten. Auch wenn ihre Klienten, die unter Angstzuständen, Depressionen, Zwängen und sonstigen Beschwerden litten, zunächst in der Regel nur deshalb zur Behandlung kamen, um die so lästigen Symptome loszuwerden, stellte sich doch stets bald die Frage nach dem Sinn, das heißt, welche Ursachen dem zugrunde liegen, dass ein Mensch überhaupt psychisch erkrankt. Denn schließlich waren die psychischen Störungen meist damit verbunden, dass die Betroffenen nicht nur unter bestimmten Symptomen litten, sondern auch den Glauben an sich und ihr Vertrauen ins Leben verloren hatten. Vor allem dadurch, dass sie Erfahrungen ausgesetzt waren, deren Bedeutung sie nicht verstanden, was eine massive Verunsicherung sich selbst und dem Leben gegenüber nach sich zog.
Lea bedauerte es dabei sehr, dass auch in der Psychologie, zumindest in der Verhaltenstherapie, in der sie ausgebildet war, mehr auf die Symptome geachtet wurde als auf deren Bedeutung im Gesamtgefüge „Mensch und Leben“. So wird der Mensch, wie sie fand, selbst in der Psychologie, die sich doch eigentlich als „Lehre von der Seele“ versteht - aber die Seele lässt sich rein wissenschaftlich eben nicht erfassen
