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Im Laufe ihrer Ahnenforschung begegnet der Autorin ihr Vorfahre Karl der Große eines Nachts im Traum. Dieser unterbreitet ihr ein Angebot. Nach großer anfänglicher Skepsis greift sie die Möglichkeit auf, mit dieser historischen Persönlichkeit via moderner Medien zu kommunizieren und es entwickelt sich ein spannender und einfühlsamer Dialog, der sich auf bisher ungeklärte Fragen im Leben Karls bezieht. Der einstige König der Franken nutzt diesen ungewöhnlichen Kontakt, zu zahlreichen Ereignissen seines Lebens Stellung zu nehmen. Schon bald zeigt sich der Mensch Karl mit all den Widersprüchen und Verpflichtungen, in die er in seiner Familie, seiner Zeit und seiner Rolle als Herrscher und Vater Europas eingebunden war. Als Seniorexperte gibt er darüber hinaus hilfreiche Hinweise zur gegenwärtigen Situation in Europa, da ihm seine Vision eines geeinten Kontinents auch heute noch am Herzen liegt.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2017
There is no king who has not had a slave among his ancestors, and no slave who has not had a king among his.
Helen Keller
Marie Le Fleur
Eine besondere Zwiesprache mit Karl dem Großen
© 2017 Marie Le Fleur
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7439-2044-6
Hardcover
978-3-7439-2045-3
e-Book
978-3-7439-2046-0
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Im Laufe ihrer Ahnenforschung begegnet der Autorin ihr Vorfahre Karl der Große eines Nachts im Traum. Dieser unterbreitet ihr ein Angebot. Nach großer anfänglicher Skepsis greift sie die Möglichkeit auf, mit dieser historischen Persönlichkeit via moderner Medien zu kommunizieren und es entwickelt sich ein spannender und einfühlsamer Dialog, der sich auf bisher ungeklärte Fragen im Leben Karls bezieht.
Der einstige König der Franken nutzt diesen ungewöhnlichen Kontakt, zu zahlreichen Ereignissen seines Lebens Stellung zu nehmen. Schon bald zeigt sich der Mensch Karl mit all den Widersprüchen und Verpflichtungen, in die er in seiner Familie, seiner Zeit und seiner Rolle als Herrscher und Vater Europas eingebunden war.
Als Seniorexperte gibt er darüber hinaus hilfreiche Hinweise zur gegenwärtigen Situation in Europa, da ihm seine Vision eines geeinten Kontinents auch heute noch am Herzen liegt.
Wie fast jeder heranwachsende junge Europäer, jede Europäerin erfuhr ich vom Leben und Wirken Karls des Großen im Geschichtsunterricht. Seitdem ist mir bekannt, dass diese historische Persönlichkeit einst als König und Kaiser das Land regierte. Caro-lus Magnus, wie sein lateinischer Name lautete, war König der Franken, König der Langobarden, Kaiser des römischen Reiches, kurzum die Herrschergestalt des Mittelalters. Heute gilt er vielen als der Vater Europas.
Da ich mich seit jeher für Geschichte interessierte, hatte ich inzwischen einiges mehr über ihn in Erfahrung gebracht. Eine besondere Rolle spielte er in meinem Leben allerdings nicht. Das änderte sich, als es mir mit Hilfe des Internets gelang, die Ahnenreihe meiner Mutter bis hin zu Karl dem Großen zurückzuverfolgen. Somit rückte dieser erneut in den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Diese Entdeckung steigerte mein Interesse für König Karl und ich begann damit, sein Leben zu erforschen, mit dem Ziel, die Wahrheit über ihn und sein Wirken im frühen Mittelalter herauszufinden.
Im Fokus meines Interesses steht die Frage:
Was für ein Mensch war Karl der Große, jenseits seiner Rolle als König, Kaiser und Visionär?
So brennend mich diese Frage auch beschäftigte, sah ich ein, dass ich realistisch betrachtet keine Chance hatte, etwas zur Persönlichkeit meines Urahnen in Erfahrung zu bringen. Bedauerlicherweise haben wir nicht die Möglichkeit, unsere Altvorderen persönlich kennen zu lernen. Karl der Große starb vor eintausend zweihundert Jahren im Jahre 814.
Wäre ich in der Lage, durch die Zeiten zurück ins frühe Mittelalter bis zur Epoche der Karolinger zu reisen, würden sich meine Fragen beantworten lassen. Ich könnte meine Ahnen aufsuchen und sehen, wie sie in ihrer Welt zu ihrer Zeit lebten und in Erfahrung bringen, was sie dachten, wie sie fühlten und handelten. Vielleicht wäre es mir sogar möglich, in ihrer raumzeitlichen Dimension zu landen und ihre physische Umwelt zu empfinden, die Luft zu riechen, das Wasser der Quellen zu schmecken und die Natur zu erleben, wie sie damals gewesen ist.
Auf diese Weise würde ich auch König Karl begegnen, vielleicht auf einer seiner vielen Reisen durch das Land oder in einer seiner Pfalzen. Ich könnte ihm die Fragen, die mich beschäftigen, persönlich unterbreiten und würde schließlich erkennen, was für ein Mensch Karl zu seiner Zeit gewesen ist, jenseits seiner Rolle, die er für die Entstehung der europäischen Idee eingenommen hat.
Realistisch betrachtet blieben mir jedoch lediglich die Informationen der Geschichtsbücher. Da war zunächst die Originalquelle, das Buch seines Chronisten Einhard, die Vita Caroli Magni. Einhard, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die Biographie Karls des Großen zu erstellen, schrieb seine Erinnerungen etwa zwanzig Jahre nach dessen Ableben auf. Nicht nur der zeitliche Abstand führte zu subjektiven Verzerrungen der Darstellung der Ereignisse. Einhard neigte, bedingt durch die Nähe und Freundschaft zu seinem König dazu, diesen zu idealisieren. So stellte er die Ereignisse im Nachhinein so dar, dass der Kaiser nahezu perfekt und stellenweise übermenschlich erscheint.
Darüber hinaus standen mir die Forschungsergebnisse der Historiker zur Verfügung. Zudem existieren zahlreiche Dokumentationen und Berichte über Kaiser Karl, die sich inhaltlich oft unterscheiden und nur wenige Aussagen über den Menschen Karl treffen. Meine Studien führten zu der nüchternen Feststellung, dass die historische Wahrheit im Dunkeln der Geschichte liegt und dort nach menschlichem Ermessen für immer verborgen bleiben wird. So traf ich die Entscheidung, mich mit dieser unerschütterlichen Tatsache abzufinden.
Mittlerweile neigte sich der Sommer des Jahres 2007 seinem Ende zu. Entgegen aller Vernunft und mit der tiefen Einsicht in die Aussichtslosigkeit meines Plans, die historische Wahrheit zu ergründen, hatte ich mich dennoch weiterhin intensiv mit Karl dem Großen beschäftigt. Ich las Sekundärliteratur, sah Dokumentationen und notierte mir Fragen, die mich beschäftigten. König Karl folgte mir sogar in meine Träume.
So fand ich mich einmal im Traum in einem Buchenwald in der Nähe der Aachener Königspfalz wieder. Sobald ich Gewissheit darüber erlangt hatte, wo ich gelandet war, beschloss ich, König Karl aufzusuchen, um ihn persönlich kennenzulernen und ihm meine Fragen zu seinem Leben und Wirken zu unterbreiten.
Ich verließ den Wald und erblickte zunächst die Hütten der Bauern, die von Wiesen umgeben waren, auf denen das Vieh weidete. Auf den Feldern waren die Unfreien und ihre Familien mit der Ernte beschäftigt. Von Westen her näherte ich mich der Königspfalz. Zunächst besichtigte ich die Ställe für die Pferde, die Unterkünfte der Bediensteten und einige Wirtschaftsgebäude. Mir fiel auf, wie lebhaft es hier zuging, ein Gewimmel von Menschen und Tieren. Es standen wohl wichtige Ereignisse ins Land. Ich hörte das Rufen und Schreien der Kinder, die fremden Sprachen der Reisenden. Von weiter her vernahm ich die Gesänge der Mönche. Diesen folgend betrat ich durch das Torhaus, in dem sich der Gerichtssaal befand, den Innenhof.
Als erstes erblickte ich einige Knappen, die sich im Schwertkampf übten und um die Anerkennung eines Ritters wetteiferten, der die Situation mit kritischem Blick begutachtete. Nachdem ich dem Geschehen eine Weile zugeschaut hatte, bewegte ich mich in südlicher Richtung weiter, um die Umgebung zu erforschen und nachzuschauen, ob ich König Karl irgendwo erblicken konnte. Bei meinem Rundgang fiel mir auf, dass die Bauarbeiten am Oktagon, der Pfalzkirche, die später einmal zum Kerngebäude des heutigen Aachener Doms werden würde, noch nicht vollständig abgeschlossen waren.
Auf dem Platz, auf dem später das Studienzentrum mit der Bibliothek und dem Archiv erbaut werden sollte, lagen Unmengen von Baumaterialien und Werkzeugen herum. Zahlreiche Handwerker waren dort beschäftigt. Nachdem ich dem Treiben auf der mittelalterlichen Baustelle eine Weile zugesehen hatte und König Karl nirgendwo entdecken konnte, beschloss ich, die zentralen Gebäude des Palatiums aufzusuchen in der Hoffnung, ihn dort anzutreffen.
In meinem Traum bewegte ich mich frei und konnte mir so die gesamte Anlage genau ansehen. Ich passierte die Garnisonsgebäude für die Elitetruppen, ebenso die Wohngebäude für die hohen Gefolgsleute und erblickte schließlich den Granusturm, der als höchstes Gebäude des Palas herausragte. Vielleicht befanden sich hier König Karls private Wohnräume. Mein Blick schweifte nach links zur Aula Regia, der Königshalle, in der der König Hof hielt und der als Versammlungsort für den gesamten Hofstaat diente.
In den Arkaden, die unterhalb des Gebäudes im Erdgeschoss errichtet worden waren, fielen mir einige hochgestellte Damen auf, die in Gewändern aus kostbarem Tuch und farbigen Stoffen gekleidet dort entlang schritten.
Als ich meinen Blick nach oben richtete, entdeckte ich an einem Fenster der Aula Regia König Karl. Umgeben von seinem Gefolge war er offensichtlich mit Regieren beschäftigt, da er sich mit einigen von ihnen im intensiven Gespräch befand. Sprachfetzen drangen an mein Ohr, wobei ich heraushören konnte, dass sich die illustre Gesellschaft in lateinischer Sprache unterhielt.
Trotz meiner großen Freude, König Karl erblickt zu haben, leuchtete mir umgehend ein, dass ich diesen Kreis nicht stören durfte. Also beschloss ich, mich in den schattigen Bogengang unterhalb der Königshalle zurückzuziehen, um ein wenig auszuruhen und derweil einen Plan zu schmieden, wie ich es anstellen konnte, dem König zu begegnen. Dabei hatte ich keinesfalls eine genaue Vorstellung davon, ob und wie mir dieses gelingen würde.
Nachdem ich an dieser Stelle eine Weile auf einem Sims in der Nähe einer Säule gesessen hatte, bemerkte ich, wie sich eine ältere Person aus der Gruppe der edlen Damen löste und in meine Richtung bewegte. Freundlich lächelnd sprach sie mich an und erkundigte sich nach dem Zweck meiner Anwesenheit. Obwohl ich sie niemals zuvor gesehen hatte, fasste ich sofort Vertrauen zu ihr und wagte es, ihr mein Anliegen vorzutragen. Sie überlegte kurz und sprach:
„Ich sehe eine Möglichkeit, wie ich dir helfen kann, obwohl du eine Frau bist. Heute am Abend findet in der großen Halle ein Gastmahl statt. Es ist allerdings nicht üblich, dass Frauen daran teilnehmen, doch ich werde einen Weg finden, wie du dort hingelangen kannst. Vertraue mir.“
Daraufhin entfernte sie sich und kam kurze Zeit später mit einem Bündel zurück, welches sie mir mit den Worten überreichte:
„Bekleide dich mit diesem Gewand, setze den Turban auf und finde dich nach Sonnenuntergang am Eingang der Aula Regia ein. Ich werde eine meiner Enkelinnen bitten, dich zur Tafel zu geleiten. Dort wirst du in der Nähe des Königs Platz nehmen können und die Gelegenheit erhalten, mit ihm zu sprechen.“
Glücklich über diese Unterstützung dankte ich ihr und versprach, pünktlich an der verabredeten Stelle zu sein. Die nächste Zeit verharrte ich im Bogengang und wartete gespannt darauf, die Sonne am Horizont versinken zu sehen. Als es endlich soweit war, warf ich das Gewand über, das aus sehr feinem orientalischem Stoff geschneidert war, bedeckte meinen Kopf mit dem gleichfarbigen Turban und begab mich zum Eingang der Königshalle.
Von dort aus konnte ich sehen, dass sich der gesamte Hofstaat bereits eingefunden hatte. Ich beobachtete, wie die edlen Damen die hohen Gefolgsleute des Königs nach und nach zur Tafel begleiteten. Sie plauderten eine Weile mit den Herren. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Eine junge Frau mit rötlichem Haar schritt auf mich zu und führte mich augenzwinkernd zu dem Platz, der sich links von dem des Königs befand.
Als die Bediensteten mit dampfenden Schüsseln und Platten voller Wildbret, Gebratenem, Suppen, Gemüsen und Schalen, beladen mit Früchten den Raum betraten, zogen die Damen sich in einen Nebenraum zurück, wo sie getrennt von den Männern ihr abendliches Mahl einnehmen würden.
König Karl bemerkte mich sofort, wohl auch aufgrund meiner Verkleidung. Er schaute mich mit großen wachen Augen interessiert an und erkundigte sich nach dem Grund meiner Anwesenheit. Ganz flüssig und ungeniert antwortete ich, in die Aachener Pfalz gereist zu sein, um mehr über sein Leben und seine Person zu erfahren und bat ihn, ein wenig Zeit zu erübrigen, um mit ihm sprechen zu können. Dabei wurde ich den Eindruck nicht los, dass er in meine Maskerade eingeweiht war. Obwohl ich in Männerkleidung angetreten war, sprach ich doch mit meiner weiblichen Stimme. Darüber zeigte er keinerlei Anzeichen von Verwunderung, sondern sagte mit einem Schmunzeln:
„Ja. Kurz.“
„Ich möchte gerne wissen, was für ein Mensch du bist“, kam ich gleich zur Sache, um die Zeit zu nutzen, ihn persönlich sprechen zu können.
„Ich bin ich und ich bin sehr bald Teil eurer Welt wieder“, entgegnete er, als sei es üblich, dass man ihn auf diese sehr direkte Art ansprach. Obwohl mir nicht einleuchtete, was genau er mit dieser Antwort zum Ausdruck bringen wollte, sagte ich frei heraus:
„In meiner Zeit sehen dich viele als eine höchst umstrittene Persönlichkeit.“
„Ja. Es gab die, die mich liebten und die, mich hassten“, antwortete er.
„Ich möchte gerne erfahren, wer du wirklich bist“, wiederholte ich mein Anliegen.
„Du weißt, wer ich bin. Du denkst oft an mich. Ich vernehme es“, war seine verblüffende Antwort.
„Das trifft zu“, bestätigte ich seine Feststellung und erkundigte mich: „Ist es in Ordnung für dich, wenn ich mich mit deinem Leben und Wirken beschäftige?“
„Ja. Mein Segen ist mit dir.“
Nach diesem kurzen Dialog wandte er sich seinem Tischnac hbarn zur Rechten zu und ich fand Gelegenheit, die köstlichen Speisen zu probieren. Später wurde vorgelesen. Ich erkannte, dass es sich um Passagen aus einer Schrift des heiligen Augustinus handelte.
Noch während der Leser Zitate des Kirchenvaters vortrug, riss mich mein Wecker aus diesem überwältigenden Traum und bevor ich vollkommen erwacht war, gelang es mir, dieses außergewöhnliche Ereignis schriftlich festzuhalten. Das Erlebnis beschäftigte mich noch einige Zeit und ich versuchte, an die Begegnung anzuknüpfen. Zu diesem Zweck trainierte ich, meine Träume dahin zu lenken, König Karl ein weiteres Mal zu treffen, was mir allerdings zunächst nicht gelang.
Etwa ein halbes Jahr später im März des Jahres 2008 hatte ich Erfolg mit meinen Bemühungen. Erschöpft von meiner Arbeit war ich sehr früh am Abend eingeschlafen. Bald fand ich mich in einem mit einer großen Anzahl von Bienenwachskerzen hell beleuchteten Saal wieder. Dieser war im karolingischen Stil erbaut und menschenleer. Mit einem Mal nahm ich eine große Gestalt mit aufrechtem Gang wahr, die auf mich zuschritt und mich mit wachen Augen ansah.
„Karl grüßt dich, liebe Ahnin“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. Sogleich erkannte ich König Karl und beeilte mich, seinen Gruß zu erwidern.
„Majestät, ich grüße Euch.“ Doch, wie seltsam sprach er mich an? „Wie bitte? Ahnin nennt Ihr mich.“
„Ja. Und noch etwas. Du brauchst mich nicht Majestät zu nennen, denn ich war auch nur Mensch und hatte Fehler.“
Er wählte die Vergangenheitsform. Mir war nicht klar, in welcher Zeit ich mich gerade befand, doch bemühte ich mich, locker zu bleiben. „Gewiss“, entgegnete ich, „immerhin warst du ein großer und berühmter Kaiser.“
„Aber was macht den Menschen groß? Doch nicht der Titel oder Kriege. Nur sein Sein und Handeln. Ich war auch nicht ewig geboren als Adliger. Meine Vorfahren waren auch mal einfache Leute. Und ich war oft ungeduldig und viel auch störrisch. Habe es nicht leicht gemacht denen, die mich liebten. Und es war viel Kampf mit anderen Fürsten. Jeder wollte nur Land, nur Macht und Gold. Es waren harte Zeiten. Aber ich bin dankbar, da gewesen zu sein.“
Scheinbar fand diese Begegnung in meinem Traum in einer Zeit nach Karls Leben als Mensch auf der Erde statt. Erstaunlicherweise wirkte er jedoch sehr lebendig und präsent und ich verspürte Erleichterung darüber, dass dieser Mann, der sich als Karl vorgestellt hatte, offensichtlich über die Fähigkeit verfügte, sein Handeln selbstkritisch zu reflektieren. Er kam direkt zum Thema, wenn auch seine Sprache fremd für meine Ohren klang, da er seine Sätze nach eigenen Regeln aufbaute. Überdies schien er in der Lage zu sein, Dankbarkeit auszudrücken, was ihn mir sympathisch machte und so traute ich mich, ihn zu fragen:
„Aus welchem Grund triffst du mich hier? Was möchtest du mir mitteilen?“
„Ich möchte dir mitteilen, dass du den Weg findest, der uns alle verbindet mit dem Ursprung in einer Mutter.“
„Hm, wen meinst du jetzt? Da ich wohl träume, muss ich dich das jetzt fragen. Meinst du etwa unsere Stammmutter?“
„Ja“, antwortete er ganz ruhig.
„Du sprichst von unserer Urahnin auf der Erde?“ rekapitulierte ich zweifelnd.
„Ja. Ganz irdisch“, erklärte er, „und gebe nie auf, wie auch ich nie aufgab. Ich helfe dir.“ Er lächelte mir aufmunternd zu, wandte sich in die Richtung des Portals, durch das er eingetreten war und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Nachdem ich erwacht war, gelang es mir erneut, die zweite Begegnung mit König Karl zu Papier zu bringen. Doch ich benötigte einige Zeit, die Wirkung dieses Erlebnisses zu verarbeiten und war weit davon entfernt, dessen Tragweite zu erkennen.
In den nächsten Wochen bemühte ich mich, diesem sehr real wirkenden Traumgeschehen eine Bedeutung zuzuordnen. Was meinte König Karl, wenn er sagte, ich würde unsere Stammmutter finden? Bezog er sich auf die mitochondriale Eva, die Frau, von der angenommen wird, dass alle auf der Erde lebenden Menschen in direkter Linie von ihr abstammen? Von dieser Frau hatte ich zwar schon gehört, allerdings zählte die Disziplin der Archäogenetik nicht zu meinen vorrangigen Interessensschwerpunkten. Soweit zurück in die Vergangenheit hatte ich bisher nicht gedacht, sondern mich vorwiegend damit beschäftigt, meine in Genealogie-Datenbanken namentlich erwähnten Urahnen ausfindig zu machen.
Die Geschichte der Menschheit war sicherlich ein spannendes Thema, wobei mir jedoch sehr klar war, dass hunderte von Forscherleben nicht ausreichen, hier zu überprüfbaren Ergebnissen zu gelangen. Alleine die Beschäftigung mit meinen Ahnen war so zeitaufwendig und arbeitsintensiv, dass ich vollkommen ausgelastet war. Diese gestaltete sich äußerst schwierig, da mir der Zugang zu Originalquellen fehlte und unterschiedliche Sekundärquellen mehrdeutige Aussagen zu den Stammbäumen der Familien trafen.
Das Versprechen Karls, mir Informationen über diese Ahnin, die vielleicht vor hunderten von Generationen gelebt hatte, zu geben, erschien mir logisch betrachtet völlig absurd und mehr als abwegig. Dennoch regte seine Äußerung meine Phantasie an. Ich fragte mich, wie es möglich sein konnte, dass alle Menschen auf dem Planeten Erde von einer Frau abstammen. Es drängte sich mir die Frage auf, wer denn ihre Eltern gewesen und wo diese hergekommen waren, jedoch verspürte ich keine große Motivation, mich intensiver mit solch einem Mammutprojekt zu befassen.
Mehr beeindruckte mich die Erinnerung an Karl, der in meinem Traum so lebendig wirkte, obwohl er von seinem Leben zur Zeit der Karolinger in der Vergangenheitsform berichtete. Und da war sein Angebot, mir helfen zu wollen. Davon, wie er dieses zu bewerkstelligen gedachte, vermochte ich allerdings keine plausible Vorstellung zu entwickeln.
In den darauffolgenden Monaten stellte ich fest, Karl der Große interessierte mich mehr und mehr. Auch in den öffentlichen Medien wurde er zunehmend häufiger erwähnt und ich nahm jede Information mit wachsender Neugier auf. Zudem fand ich auf allen möglichen TV-Kanälen Dokumentationen seines Lebens und Wirkens und besorgte mir Fachliteratur, um die verschiedenen Aussagen über ihn zu vergleichen.
