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Zoe ist verzweifelt. So verzweifelt, dass sie für sich keine andere Möglichkeit mehr sieht als den Tod. Und ausgerechnet Ben, der nicht gerade als der selbstbewussteste Mensch auf Erden bezeichnet werden kann, begegnet ihr in diesem Moment. Verzweifelt versucht er, Zoes und schließlich auch seinem Leben einen Sinn zu geben. Denn der Tod war noch nie eine Alternative zum Leben. Man muss nämlich einfach nur wissen, wofür es sich wirklich lohnt, zu leben.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Lara Licollin
Das was man Leben nennt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Anmerkung
Impressum neobooks
Das
was man
»Leben«
nennt
Lara Licollin
Copyright © 2015 by Lara Licollin
Alle Rechte vorbehalten.
Facebook: Lara Licollin
Erst wenn der letzte Baum gerodet,
der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen ist,
werdet ihr merken,
dass man Geld nicht essen kann.
– Weisheit der Cree-Indianer
Die alte Brücke wirkt verlassen.
Fast so, als ob hier nicht jeden Tag etwa 300 Menschen die Elbe überqueren würden, um zur Hochschule zu gelangen, um dort Umweltwissenschaften zu studieren.
Die ganze Umgebung wirkt im Moment so, als ob mich hier am nächsten Morgen niemand finden würde. Aber vielleicht wird das sowieso niemand, denn wahrscheinlich wurde ich dann schon von der Elbe woandershin getragen.
Jedenfalls kommt es mir so vor, als wäre es die perfekte Stelle, um das zu beenden, was sich Leben nennt.
Leben. Dieser Begriff trifft bei mir schon lange nicht mehr auf das zu, was es für mich ist. Mit Leben verbindet man Freiheit, Freude und gute Freunde. Liebe und einfach das Gefühl, glücklich zu sein.
Aber das alles habe ich nicht mehr. Das alles bekomme und fühle ich nicht mehr.
Schon lange nicht.
Und ich glaube, das ist nur bei mir der Fall.
Nur kapiert das keiner. Niemand versteht es.
Vielleicht verdrängen es alle. Mich jedenfalls würde es nicht wundern, wenn sie hier morgen früh mehr als nur eine Person auffinden würden, nicht nur mich.
Aber so wird es nicht kommen. Denn alle lieben das Leben ja. Oder nicht?
Warum kommt es mir manchmal so vor, als würden einige das nur vortäuschen? Als ob sie einfach versuchen, es zu überleben. Das Leben zu überleben.
Als würden sie hoffen, dass es schnell vorbeigeht.
Geht es aber nicht. Das weiß ich. Ich weiß, dass man heutzutage locker über 80 Jahre alt werden kann. Außer man stirbt früher, aufgrund eines Herzinfarkts zum Beispiel, wie mein Vater.
Aber das ist nicht garantiert.
Leider.
Früher wollte ich deshalb Medizin studieren. Vor ein bis zwei Jahren hatte ich diese Idee. Diese Idee, dass ich doch später an etwas forschen könnte, das den Menschen vom Schlimmsten, was es gibt, befreit: vom Leben.
Und zwar nicht, indem man etwas einnimmt und dann vielleicht sogar noch Schmerzen leiden muss. Als ob man das nicht schon die ganze Zeit müsste.
Nein, ich wollte – ich will -, dass man nur noch auf einen Knopf drücken muss. Nur ein kleiner Knopf und schon wäre man all seine Probleme los.
Aber dann ist mir aufgefallen, dass Schlaftabletten auch keine so schlechte Lösung sind. Also verwarf ich den Gedanken relativ schnell wieder.
Dennoch ist es meiner Meinung nach unmenschlich, dass es kein Arzneimittel gibt, das sich jeder einfach kaufen kann, der das Gleiche vorhat, wie ich.
Zum einen, weil man sich so erstmal im Internet schlaumachen muss, woher man so ein Todesserum überhaupt bekommt, zum anderen ist es wahrscheinlich ziemlich teuer.
Und auch wenn das meine letzte Investition wäre, ich würde keine 10 € dafür ausgeben, wenn es auch die Variante mit den Schlaftabletten gibt.
Doch ich will keine Tabletten nehmen. Ich will fühlen, dass ich gleich sterbe, zum Beispiel durch einen starken Stromschlag oder durch den Aufprall auf Asphalt; ich will nicht das Gefühl haben, gleich friedlich einzuschlafen.
Und wenn man das für sich ausschließt, muss man sich erst einmal überlegen, wie man es sonst noch tun könnte.
Soll man sich noch ein letztes Mal Schmerzen zufügen oder einfach springen?
Für mich war die Antwort gleich ganz klar.
Denn meine Arme spüren mittlerweile schon fast nichts mehr.
Man kann die Menschen leider nicht zwingen, einzusehen, dass es vielen so geht wie mir.
Oder vielleicht noch irgendwann so gehen wird. Manche brauchen vielleicht länger, um zu bemerken, dass das Leben einfach nicht lebenswert ist. Zumindest ist es nicht lebenswert für diejenigen, die sich nicht jeden Morgen einfach noch mal umdrehen können, um weiterzuschlafen. Auch nicht für diejenigen, die allein sind.
Ich finde es seltsam, wie man nicht bemerken kann, dass man alleine ist. Ich jedenfalls kann mich noch an einige aus meiner Klasse auf dem Gymnasium erinnern, die definitiv allein waren, es aber nicht wahrgenommen haben oder es nicht wahrnehmen wollten.
Wie konnten sie nicht bemerken, dass sie einfach nicht zu der Gruppe der Mädchen gehörten, bei der sie jeden Tag standen? Dass sie einfach nur ausgenutzt wurden?
Ich habe es gemerkt. Natürlich, ich bin ja nicht blöd. Deshalb habe ich mich immer absichtlich in eine der verlassenen Ecken im Schulhof gestellt. Wozu so tun, als sei man nicht allein? Wozu so tun, als mache es einem nichts aus?
Natürlich habe ich nicht auf dem Schulhof angefangen zu weinen. So schwach war ich nicht. Ich habe es alles zu Hause ausgelassen. Aber dort gab man mir nur die Schuld dafür, dass ich keine Freunde hatte und alleine war. Und irgendwann hat es meine Eltern einfach gar nicht mehr interessiert.
Mein Vater hat ständig nur gearbeitet und kam spät nach Hause. Wahrscheinlich um den Problemen mit mir aus dem Weg zu gehen. Um vor dem Leben mit einer Außenseiterin zu flüchten.
Aber hat er sich mal gefragt, warum ich so wurde?
Hat er mal in Erwägung gezogen, dass Menschen manchmal Dinge tun ohne Begründung? Zum Beispiel andere ignorieren?
Nein.
Meine Mutter hat ebenfalls versucht, es zu ignorieren. Am Anfang wollte sie mir ja wirklich noch helfen, aber irgendwann hat sie es auch aufgegeben. Der Stress mit mir, der Versuch die Beziehung mit meinem Vater aufrechtzuerhalten, ihre Probleme mit den ständigen Kopfschmerzen, ihre Arbeit. Das alles wuchs ihr irgendwann über den Kopf. Und so musste sie Prioritäten setzen. Was war ihr wichtig?
Die Arbeit natürlich. Und irgendwie auch mein Vater. Ihn zu verlassen war nie eine Frage gewesen.
Obwohl er nie zu Hause war und sich nur von ihr bedienen ließ.
Trotzdem ist er irgendwann wegen des ganzen Stresses gestorben.
Für mich hat es eigentlich gar keinen Unterschied gemacht, ob er nun nachts da war oder nicht. Denn schon zu Lebzeiten hat er nur noch hier übernachtet. Am Wochenende war er ab und zu auch mal tagsüber da, aber die meiste Zeit schlug er mit Ausreden um sich, wonach denen er ständig mit seinen Kumpels Bowling spielen ging.
Jeden Samstag.
Und fast jeden Sonntag traf er sich dann mit ein paar anderen Freunden von früher.
Natürlich.
Nach dem Tod meines Vaters hat sich meine Mutter dann nur noch um ihren Alkohol gekümmert. Um ihren neuen besten Freund.
Wenigstens hatte sie einen!
Ich jedoch hatte niemanden, und da der Alkohol schon vergeben war, blieb mir nichts anderes übrig, als weiter allein zu sein.
Nach meinem Abschluss war ich froh, das Haus und meine Mutter hinter mir lassen zu können. Ich schöpfte sogar Hoffnung! Vielleicht wird ja alles besser, wenn ich erst einmal auf der neuen Schule bin!
Aber Pustekuchen. Nichts wurde besser. Schon am ersten Tag teilte sich die Klasse in verschiedene Gruppen auf, völlig automatisch, so als ob sie sich alle schon kennen. Doch ich blieb allein. Natürlich hätte ich hingehen können, ich hätte hingehen sollen, aber weil ich es schon gewohnt war, kam es mir plötzlich gar nicht mehr so schlimm vor, in den Pausen den kichernden und lachenden Grüppchen zuzusehen. Also war ich gewissermaßen selbst schuld daran.
Doch das Außenseiterleben ist nur einer der Gründe, warum ich hier stehe.
Die Straßenlaterne flackert; ich sehe nach oben. Fliegen sammeln sich unter der Lampe an, lassen sich täuschen vom künstlichen Licht.
Ich sehe wieder geradeaus und setze einen Fuß vor den anderen. Der harte Beton fühlt sich so kalt an wie Eis unter meinen nackten Füßen und ich fröstle.
Ganz oben auf der Brücke bleibe ich stehen und schaue nach unten auf das Wasser. Es sieht fast schwarz aus. Ob es kalt ist?
Vielleicht bleibt mir auch schneller das Herz stehen, wenn es so kalt ist. Man muss immer positiv denken.
Ich atme noch einmal tief durch und trete dann näher an das breite, steinerne Geländer heran, das aussieht wie eine Balustrade.
Ich sehe mich noch einmal um. Es ist keiner zu sehen.
Plötzlich kommt Wind auf und ich bekomme Gänsehaut. Es ist noch nicht ganz Frühling, deshalb wird es abends noch ziemlich kalt und ich trage nur ein T-Shirt.
Ich drücke mich nach oben und setze mich für einen Moment auf die kalte Mauer, die als Geländer dient.
Der Wind wird stärker.
Als ich schließlich stehe, muss ich mir die Haare aus dem Gesicht streichen, um nach unten sehen zu können, weil es plötzlich so windig ist. Das Wasser unter mir glitzert und wartet nur auf mich. Ich muss es jetzt tun. Es wird sowieso nicht besser. Wie sollte es? Es ist seit fast neun Jahren schon so, was sollte sich jetzt noch ändern?
Also los!
Spring schon!
Als ich die Tür hinter mir schließe, atme ich erst einmal tief durch. Diese Zimmerluft kann ja niemand auf Dauer aushalten.
Manchmal frage ich mich, warum ich nur IT studiert hatte. Es war doch klar gewesen, dass man da niemals an die frische Luft kommt.
Ich hätte meinem alten Traumberuf folgen sollen: Förster. Da wäre ich wenigstens jeden Tag draußen im Wald, an der Luft. Aber nein, ich musste ja Computertechniker werden.
Ich seufze und gehe nach links, in Richtung Elbe, wie immer.
Je länger ich laufe, desto windiger wird es plötzlich. Der Wind ist kühl, nicht warm.
Zum Glück wird es bald Frühling, dann wird es wieder wärmer, auch abends.
Wieder atme ich tief durch. Ich liebe diese Luft. Es ist fast so, als würde man schon den Frühling riechen.
Ich begegne einigen bekannten Gesichtern, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Für sie ist dieser abendliche Spaziergang ein Muss, weil sie einen Hund haben. Doch auch für mich ist es inzwischen auch ein Muss geworden, denn ohne kann ich abends einfach nicht einschlafen.
Manchmal frage ich mich, ob ich jemals eine Frau finde, die diese Leidenschaft, ja eher diese Angewohnheit mit mir teilen würde. Oder ob ich dann immer noch alleine spazieren gehen müsste.
Oder ob ich dann zu Hause bleiben würde, weil ich sie den ganzen Tag nicht gesehen habe.
Ich kann diese Fragen nicht beantworten. Ich hatte schon seit meiner Studienzeit keine feste Freundin mehr. Und ehrlich gesagt ist das gar nicht so schlimm.
Ich habe von meinem damaligen besten Freund Patrik mitbekommen, dass das inzwischen gar nicht mehr so einfach sei. Na ja, wann war es mit Frauen je einfach?
Auf jeden Fall dachte er, Ehrlichkeit wäre wichtig. Also antwortete er auf die Frage seiner damaligen Freundin, ob sie in einem Kleid, das sie gerade anprobierte, hübsch aussehe, dass es doch vielleicht eine Größe größer noch besser aussehen würde. Da sei sie wutentbrannt zurück in die Umkleidekabine marschiert. Währenddessen suchte er schon einmal nach einem weiteren Frühlingskleid, doch nach einer Viertelstunde musste er schließlich feststellen, dass sie gar nicht mehr da war, seine Freundin. „Besser gesagt: Meine Ex-Freundin“, ergänzte Patrik, als er mir vor Jahren von der Geschichte erzählte, und senkte den Blick.
In diesem Moment schwor ich mir, niemals die Wahrheit gegenüber einer Frau zu sagen oder besser erst gar keine zu haben.
Außerdem, dachte ich weiter nach, was war, wenn sie meine Angewohnheit nicht akzeptieren würde? Wenn sie mich schließlich zwingen würde, abends zu Hause bei ihr zu bleiben? Oder sich deshalb wieder bei mir trennte? Vielleicht auch, weil ich einfach nicht anders konnte, als abends einen Spaziergang zu machen?
Genau deshalb brauche ich keine Freundin. Wozu? Die würde sowieso nur Probleme machen und mein Geld wollen. Waren nicht alle Frauen so?
Nach fünf Minuten erreiche ich die Brücke, die zur Hochschule führt.
Ich weiß immer noch nicht, was genau dort gelehrt wird. Ich laufe ständig über diese Brücke zu dieser Schule, aber nie so nahe, dass ich das Schild lesen könnte, auf dem steht, was genau es für eine Schule ist.
Die Straßenlaternen beginnen wieder zu flackern. Das tun sie jeden Abend.
Auch die Brücke ist um diese Uhrzeit verlassen, wie immer. Niemand ist …
„Ach du ...“
Die Brücke ist nicht wie immer verlassen. Oben auf ihr, auf dem Geländer, da steht eine Frau. Ihr blondes langes Haar weht im immer stürmischer werdenden Wind. Sie trägt keine Socken, aber eine Jeans, wie ich, doch sonst auch nur ein T-Shirt. Ich trage eine Jacke und Schuhe und trotzdem ist mir kühl. Wie muss es ihr dann gehen?
Mein Blick fällt auf ihren rechten Arm und ich erkenne, obwohl ich gar nicht so nahe bei ihr bin, die roten Schnittwunden. Die Narben. Ihr ganzer rechter Arm ist damit übersät. Auf dem anderen wird es wohl nicht anders aussehen.
Doch darüber kann ich nicht länger nachdenken, denn natürlich ist mir sofort klar, was sie vorhat: Sie will sich das Leben nehmen.
Schon will ich ihr zurufen, doch dann frage ich mich, ob das sinnvoll ist. Was, wenn sie dann erst recht springt?
Noch hat sie mich nicht gesehen, aber was, wenn sie erschrickt, wenn sie mich sieht?
Also beschließe ich, ganz langsam zu ihr zu gehen. Noch hat sie den Blick starr nach unten gerichtet, die Arme aber ausgebreitet, fast so, als ob sie zum Flug bereit wäre …
Noch ein paar Schritte.
„Hey.“
Sie dreht sich ruckartig um, starrt mich an. Ihr Gesicht blass, aber nicht, wie ich es erwartet hätte, tränenüberströmt. Sie sieht eigentlich ganz gelassen aus, doch ich weiß, dass ich nicht viel Zeit habe, und wie ernst die Lage ist.
„Kommen Sie runter!“ Ich schreie nicht, aber meine Stimme klingt fest und entschlossen.
Die Frau starrt wieder nach unten, dann wieder zu mir. Daraufhin schüttelt sie langsam den Kopf.
„Machen Sie keinen Unsinn, kommen Sie runter.“
Ich reiche ihr meine Hand, aber sie ignoriert mich.
„Hey“, rufe ich wieder, aber sie dreht sich nicht um. „Ich rede mit Ihnen. Was machen Sie da?“
Natürlich weiß ich es, aber was soll ich denn sonst sagen? Ich muss sie ablenken, so viel ist klar.
Doch worauf soll ich warten? In Filmen kommen immer Passanten vorbei, die schließlich die Polizei rufen, aber hier ist niemand außer ich. Und ich kann die Polizei nicht rufen, ohne dass sie es bemerkt. Sie würde springen, noch während ich wähle. Das kann ich nicht zulassen.
Ich weiß nicht, was genau ich vorhabe, aber mein Mund öffnet sich von alleine.
„Kommen Sie! Ich kann Ihnen helfen. Das hat doch keinen Sinn. Warum tun Sie das?“
Die Frau bewegt sich nicht, sie steht einfach nur da, mit dem Rücken zu mir. Der Wind zerzaust ihr Haar immer mehr.
„Ich kann Ihnen runter helfen.“ Ich weiß, dass es sinnlos ist, aber für einen Moment strecke ich erneut meinen Arm aus, aber sie sieht es gar nicht. Ich lasse den Arm wieder sinken. „Warum wollen Sie das denn überhaupt tun? Das bringt doch nichts. Glauben Sie mir, man kann über alles reden.“
Ich erwarte schon gar keine Reaktion mehr, als sie sich plötzlich umdreht und mich fassungslos ansieht.
„Reden?“
Ich weiß nicht, was ich antworten soll, aber ich bekomme auch gar keine Chance dafür, denn sie fährt fort.
„Reden? Haben Sie eben ernsthaft gesagt, man kann über alles reden?“
Immer noch antworte ich nicht und sie spricht weiter.
„Ich bin zwar noch nicht so alt wie Sie, aber ich weiß, dass reden nichts, aber wirklich gar nichts bringt. Man kann nicht über alles reden. Oder haben Sie mal die Idioten in Syrien oder in Gaza reden sehen? Haben Sie jemals mitbekommen, dass sie das Reden daran gehindert hat, sich weiter zu töten? “
Dass sie mich als alt bezeichnet hat, ist nicht das Schlimmste an dem, was sie gerade gesagt hat. Das Schlimmste daran ist, dass sie recht hat.
Ich schweige und sehe sie nur an. Sie verschränkt die Arme vor der Brust.
„Hab ich Sie jetzt zum Nachdenken gebracht?“
Ich schlucke und sehe für einen Moment weg. Nur für einen kleinen Moment, doch als ich wieder aufsehe, hat sie sich mit dem Rücken zu mir auf das Geländer gesetzt.
„Hey“, rufe ich wieder. Sie schweigt. „Vielleicht haben Sie recht, man kann nicht alles mit Reden wiedergutmachen. Aber Sie müssen vernünftig sein. Das hier ist kein Ausweg.“
Sie bewegt sich nicht, sondern starrt weiter nur auf das Wasser unter ihr. Genau das bringt mich schließlich dazu, sie am Oberarm zu packen und zu mir herum zu zerren.
„Hey“, schreit dieses Mal sie. „Was wollen Sie? Lassen Sie mich los!“
Sie hat sich zu mir umgedreht und versucht, ihren dünnen Arm von meiner Hand zu befreien.
„Ich kann nicht zulassen, dass Sie das hier durchziehen!“
Ich stöhne, als sie weiter versucht, sich loszureißen.
„Jetzt lassen Sie schon los!“, schreit sie und beginnt, mit der anderen Hand auf meinen Arm, der sie festhält, zu schlagen. Aber es hält mich nicht davon ab, sie weiter festzuhalten.
„Hören Sie auf!“ Ihre Stimme beginnt zu zittern, doch mit den Beinen beginnt sie zu strampeln. Wenn ich sie jetzt loslasse, fällt sie, das weiß ich.
„Ich lasse Sie nicht los“, sage ich und versuche ruhiger zu klingen, als ich bin.
Wenn uns jetzt jemand beobachten würde, würde man dann denken, ich würde versuchen, sie die Brücke hinunter zu schmeißen? Sieht es so aus?
Es sollte mir egal sein, wie es aussieht. Ich wäre froh, wenn uns jemand sehen würde, denn dieser jemand könnte helfen. Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch festhalten kann. Sie schlägt mich immer noch wie eine Wilde.
„Lassen Sie mich schon los, verdammte scheiße! Ich habe mir das gut überlegt! Sie werden jetzt nicht derjenige sein, der mich davon abhält.“
Gut überlegt? Das klingt tatsächlich nicht so, als sei es eine kurzfristige Entscheidung gewesen. Und so dumm kommt mir diese Frau - oder sollte ich sagen dieses Mädchen? – auch nicht vor. Eher im Gegenteil.
„Ich werde Sie nicht loslassen“, beharre ich und plötzlich hört sie auf zu strampeln und mich zu schlagen und sieht mich einfach nur an. Ich halte meine Hand jedoch immer noch fest um ihren Arm geschlossen. Wer weiß, was sie vorhat?
„Was haben Sie da gesagt?“ Ihre Stimme klingt zerbrechlich und leise. Auch ihre Lippen zittern.
„Ich werde Sie nicht loslassen“, sage ich mit derselben Tonlage wie zuvor und halte ihrem Blick stand.
Plötzlich beginnt sie zu zucken, zu schluchzen und schließlich strömen Tränen über ihr Gesicht. Ich traue mich noch nicht, den Griff zu lockern, wer weiß, ob das nicht doch alles nur zur Ablenkung dient.
Sie kauert sich auf dem Brückengeländer zusammen, schluchzt und fährt sich mit ihrer freien Hand übers Gesicht. Mit der anderen Hand stützt sie sich auf dem Geländer ab.
Ich kann sie einfach nur anstarren. Habe ich sie überredet?
Mir kommt es vor, als sei es eine Ewigkeit, in der sie einfach nur dasitzt und schluchzt. Immer noch halte ich ihren Arm, und als sie plötzlich aufsieht, erkenne ich, dass sie es wirklich ernst gemeint hat. Ich sehe den Schmerz in ihrem Gesicht, den sie in ihrem bisherigen Leben ertragen musste, und weiß, dass ich ihr helfen muss. Ich bin der Einzige, so scheint es mir in diesem Moment zumindest, der das kann.
„Alles okay?“, frage ich schließlich vorsichtig nach und da kommt sie von der Brücke gesprungen und nimmt mich in den Arm. Sie drückt mich so fest an sich, dass ich ihren Arm loslassen muss. Also drücke ich sie ebenfalls an mich, damit sie sich nicht plötzlich umdrehen und von der Brücke springen kann.
Doch ich glaube, dass sie sowieso nicht mehr vorhat, sich das Leben zu nehmen. Zumindest nicht heute, nicht hier und auch nicht in meiner Anwesenheit.
Sie weint eine halbe Ewigkeit in meinen Armen und ich kann nichts anders tun, als es über mich ergehen zu lassen. Wobei: Eigentlich ist es gar nicht so schlimm.
Als sie sich von mir löst, traue ich mich sogar, sie nicht am Arm oder an der Hand festzuhalten. Ich sehe sie an und frage sie, ob sie für eine Nacht mit zu mir möchte. Diese Worte kommen einfach so aus meinem Mund und ich kann sie nicht rückgängig machen. Aber je länger ich darüber nachdenke, bemerke ich, dass ich es nicht bereue.
Sie schweigt lange, und als sie wieder spricht, klingt ihre Stimme wieder so wie am Anfang: eher selbstbewusst als am Boden zerstört.
„Okay“, sagt sie und läuft an mir vorbei. Ich drehe mich verwirrt um, sie sieht mich an und fragt: „Nun kommen Sie schon. Ich weiß nicht, wo Sie wohnen.“
Ich wache in meinem Bett auf. Wie immer.
Ich öffne die Augen. Wie immer.
Ich sehe meine braune Holzdecke. Nein, nicht wie immer. Ich liege nicht in meinem Zimmer, nicht in meinem Bett. Ich starre auf eine weiße Decke.
Schnell drehe ich mich zur Seite und mein Blick fällt auf einen Holztisch, genau auf meiner Augenhöhe. Auf dem Tisch stehen ein Glas Wasser und ein Apfel. Genau vor meinem Gesicht.
Ich bin verwirrt und reibe mir erst einmal die Augen. Dann richte ich mich langsam auf und blicke auf die orangefarbene Decke, mit der ich zugedeckt bin.
Wo bin ich?
Ich sehe mich weiter um.
Vor mir steht ein Tisch, auf dem tatsächlich nichts weiter steht als ein Glas Wasser und ein Apfel. Ich merke, wie mein Magen beginnt, zu knurren. Wann habe ich das letzte Mal etwas gegessen?
Rechts von der Couch, auf der ich sitze, ist ein großes Fenster. Davor hängt ein langer weißer Vorhang. Das Fenster reicht bis zum Boden; dahinter erkenne ich einen Balkon.
Geradeaus an der Wand steht ein großer Schrank, daneben, von mir aus links, ist eine Tür.
Ganz links an der Wand steht ein großes Bücherregal. Es ist voll mit Büchern. Anscheinend muss derjenige, der hier wohnt, ziemlich gerne lesen.
Ich reibe mir noch einmal die Augen und strecke mich. Als ich wieder aufsehe, steht ein Mann vor mir.
Er hat ein schmales, längliches Gesicht und ist nicht allzu groß, muss aber um die 40 sein. Zwischen seinen dunkelbraunen Haaren sprießen schon einige graue hervor.
Der Mann trägt einen beigefarbenen Pullover und eine dunkelblaue Jeans.
Ich sehe ihn an, aber nicht mit großen Augen, aus Furcht, sondern einfach nur so. Ich habe keine Angst, aber warum weiß ich auch nicht.
Er sieht mich ebenfalls nur an, erst nach einer Weile beginnt er zu sprechen.
„Wie geht es Ihnen?“
Wie soll es mir schon gehen? Was meint er damit?
Warum bin ich überhaupt in seiner Wohnung?
Ich sehe ihn fragend an.
Er nickt langsam, presst die Lippen aufeinander und meint: „Können Sie sich noch an irgendetwas von gestern Abend erinnern?“
Ich löse meinen Blick von ihm und starre auf den Tisch.
Gestern Abend. Was ist da passiert?
Ich schließe die Augen und denke nach.
Ich war zu Hause, wie immer. Ich saß über meinen Büchern, wie immer. Und dann …
Plötzlich flammt eine Erinnerung in meinem Gedächtnis auf. Die Brücke. Ich stand auf der Brücke. Es war windig.
Warum stand ich dort?
Ich sehe auf. Der Mann setzt sich neben mich und unwillkürlich rücke ich ein Stück von ihm ab.
Er sieht mich von der Seite an.
„Können Sie sich erinnern?“
Ich muss den Kopf schütteln, traue mich aber nicht zu sagen, dass ich mich an Stücke von gestern Abend erinnern kann.
Er mustert mich weiterhin.
„An gar nichts?“
Er will, dass ich etwas sage. Vielleicht hat er sogar schon bemerkt, dass ich nicht alles, aber ein bisschen etwas weiß.
„Ich war auf der Brücke“, sage ich leise und meine Stimme klingt so leise, dass ich fürchte, er hat mich nicht gehört.
Aber er nickt und ich fahre fort.
„Ich … Ich glaube ich stand …“ Ich breche ab und knete meine Hände.
„Wo standen Sie?“, fragt der Mann.
„Ich bin mir nicht sicher.“ Ich fahre mir durch das Gesicht und traue mich nicht, ihn anzusehen.
„Denken Sie nach“, fordert er mich auf und ich versuche es.
Das Wasser. Das Wasser der Elbe unter mir. Ich muss einfach nur springen. Ich breite die Arme aus, könnte fliegen wie ein Vogel …
Ich sehe den Mann neben mir an. Er sieht nicht ungeduldig aus, also gebe ich mir noch etwas Zeit.
Ich stand also auf der Brücke. Nein, auf dem Geländer. Weil … Ich schlucke und sehe erneut zu dem Mann. Es scheint, als wüsste er, was ich denke.
„Ich stand auf dem Geländer der Brücke, auf dieser Mauer, weil …“
Ich sehe in seine braunen Augen, als ich die folgenden Worte sage.
„Weil ich mich umbringen wollte.“
„Möchten Sie einen Tee oder lieber einen Kaffee?“
Ich sitze immer noch mit denselben Klamotten auf dem Sofa, die Decke auf meinem Schoß, das Glas Wasser und der Apfel vor mir.
Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, ihn zu essen, obwohl ich Hunger habe.
„Tee“, rufe ich zurück.
Der Mann, dessen Name ich immer noch nicht kenne, ist in die Küche gegangen, um uns einen Tee – oder einen Kaffee – zu machen und Kekse zu holen, da er der Meinung war, das würde ich eher wollen, als diesen roten Apfel. Vielleicht hat er damit auch recht.
Nach einer Weile, in der ich einfach nur dasaß, kehrt er mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Tassen Tee und eine Schale Kekse stehen.
„Danke“, sage ich, als er eine der Tassen vor mir abstellt.
Dann setzt er sich neben mich.
„Also. Beginnen wir mal von vorne.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Tee und verzieht dann das Gesicht.
„Ich glaube, Sie sollten noch einen Moment warten, bevor Sie den trinken.“ Er zeigt auf meine Tasse, während er seine wieder zurück auf den Tisch stellt. Ich muss lächeln.
„Also“, sagt er wieder. „Wie heißen Sie?“
Ich brauche eine Sekunde, bis es mir wieder einfällt.
„Zoe.“
Er lächelt.
„Schöner Name, gefällt mir. Darf ich Sie von nun an bei diesem Namen nennen?“
Ich nicke schwach lächelnd.
Dann schweigen wir eine Weile, bis er wieder zu mir sieht und meint: „Ich heiße übrigens Ben.“
Wieder lächle ich und probiere dann vorsichtig von dem Tee. Als ich einen Schluck getrunken habe, fragt er mich verblüfft: „Was, ist er jetzt schon abgekühlt?“
Er nimmt seine eigene Tasse in die Hand und nimmt einen Schluck. Wieder verzieht er das Gesicht.
„Mensch Zoe, lüg mich doch nicht so an, der ist noch total heiß!“
Ich muss grinsen und es ist ein sehr seltsames Gefühl, die Mundwinkel nach oben zu ziehen und die Zähne zu zeigen. Ich habe es schon lange nicht mehr getan.
Ben stellt seine Tasse wieder zurück auf den Tisch.
„Na gut, dann muss ich dich wohl so lange weiter ausfragen, bis ich meinen Tee trinken kann, ohne mich zu verbrennen.“ Er grinst und denkt nach. Dann fragt er: „Wie alt bist du?“
Das fällt mir schneller ein.
„19.“
Er sieht erstaunt aus.
„Was ist?“, frage ich grinsend. So oft hintereinander habe ich das ja noch nie getan!
„Du kamst mir älter vor“, sagt er.
Ich sehe verlegen auf den Tisch, warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil jeder immer dachte, ich sei 15.
Ohne länger darüber nachzudenken, frage ich Ben, wie alt er ist.
„Oh“, er räuspert sich und fährt sich durch die Haare. „Etwa, wenn nicht zu sagen genau, 20 Jahre älter.“
Wieder grinse ich und muss sagen, es fühlt sich so gut an.
Ich mustere ihn. „So alt sieht du nicht aus.“
Er grinst ebenfalls und bedankt sich.
Als wir nach einer Weile unseren Tee getrunken haben, fragt er mich, ob ich gerne duschen würde.
„Gerne“, sage ich voreilig, doch dann frage ich mich, ob das eine gute Idee ist. Ich kenne ihn nicht. Was soll ich hier überhaupt noch?
Aber er steht schon auf und meint, er hole mir noch schnell ein Handtuch.
Nachdem ich zwei Kekse gegessen habe, kehrt er zurück und meint: „Das Badezimmer steht Ihnen nun zur Verfügung.“
Er macht sogar einen Knicks, sodass ich kichern muss.
Langsam stehe ich auf und bemerke erst jetzt, dass ich gar keine Socken und nur T-Shirt und Hose trage. Das war mir zuvor gar nicht aufgefallen. Aber in der Wohnung ist es auch so warm, dass es mir gar nicht auffallen konnte.
Ben zeigt mir, wo das Bad ist und lässt mich dann alleine.
Nach dem Duschen fühle ich mich schon viel besser, obwohl ich wieder dieselben dreckigen Kleider anziehen muss und keine Socken habe.
Als ich zurück ins Wohnzimmer gehe, sehe ich jedoch ein Paar auf der Couch liegen. Wo Ben ist, weiß ich nicht.
Ich setze mich auf die Couch und ziehe die viel zu großen Socken an. Wenigstens sind sie schön weich.
Als ich schon langsam unruhig werde und mir vornehme, in fünf Minuten zu gehen, wenn er nicht kommt, höre ich Schlüsselgeklapper und dann, wie die Haustür aufgeht. Er muss wohl, während ich geduscht habe, weg gewesen sein.
Ich höre das Geraschel von Tüten und einen Moment später steht er im Türrahmen.
„Ich war einkaufen“, sagt er und lächelt mich an. „Ich war nicht darauf vorbereitet, Besuch zu bekommen. Eigentlich habe ich nämlich nicht so viel zu Hause, da ich die meiste Zeit arbeiten bin.“
„Musst du heute nicht arbeiten?“, frage ich ohne mich zuerst zu fragen, ob heute nicht vielleicht Samstag oder Sonntag ist.
Ben schüttelt den Kopf und meint: „Ich habe mir freigenommen.“
Dann verschwindet er wieder und ich bleibe etwas verwirrt zurück.
Warum hat er sich freigenommen? Wegen mir? Warum?
Warum schickt er mich nicht wieder nach Hause?
Während ich noch darüber nachdenke, erscheint Ben schon wieder im Zimmer.
„Möchtest du wirklich nichts essen?“
Ich will schon den Kopf schütteln, aber bei dem Gedanken an Essen beginnt mein Magen plötzlich zu knurren und Ben meint grinsend: „Das war Antwort genug, glaube ich.“
Erst als er schon wieder in Richtung Küche geht, lächle ich.
Doch warum tut er das?
Und warum bin ich immer noch hier?
Wieder denke ich an gestern Abend. Warum wollte ich mich umbringen?
Keine Minute später fällt es mir ein: weil sich niemand um mich kümmert.
Jetzt wird es auch niemanden interessieren, dass ich nicht in der Schule bin. Wahrscheinlich bemerken sie es gar nicht.
Okay, vielleicht bemerken es die Lehrer, wenn sie die Anwesenheit überprüfen. Aber sonst?
„Es ist zwar erst zwölf Uhr, aber möchtest du lieber Nudel oder Reis zum Mittagessen?“
Ich sehe auf. Er will für mich kochen?
Da ich deshalb erneut ziemlich verwirrt bin, dauert es, bis ich antworte.
„Mir egal“, rufe ich zurück.
„Egal gibt es nicht.“ Meine Mundwinkel zucken und ich versuche, ein Grinsen zu unterdrücken.
„Dann Nudeln.“
„Okay“, ruft Ben.
Ich will nicht, dass er sich wegen mir freinimmt. Und kocht. Das tut er bestimmt nie. Er meinte ja selbst, dass er sonst die ganze Zeit nur im Geschäft sei.
Doch jetzt ist er schon dabei, zu kochen.
Ich beschließe, ihm eine Freude zu machen, indem ich bleibe und mit ihm esse, mich dann aber dankbar zu verabschieden.
Weil ich nicht einfach herumsitzen will, stehe ich auf und suche die Küche.
In dem kleinen Raum finde ich Ben am Herd stehend vor, auf dem zwei unterschiedlich große Töpfe mit kochendem Wasser stehen. Links an der Wand befindet sich ein kleiner Tisch, auf dem eine Schale mit Obst steht.
„Kann ich helfen?“, frage ich und er da bemerkt er mich.
„Äh, nein, nein, ist schon okay.“
„Ich würde dir aber gerne helfen“, sage ich.
„Musst du aber nicht. Du solltest dich sowieso besser ausruhen.“
„Warum? Ich bin hellwach.“ Ich lächle ihn an.
Er sieht mich einen Moment lang an, seufzt schließlich und nickt.
„Okay, von mir aus. Kannst du bitte eine Pfanne aus dem Schrank dahinten holen?“
Nachdem ich das getan und festgestellt habe, dass er schon dabei ist, Nudeln in den Topf zu geben, frage ich: „Ist die Pfanne für das Fleisch?“
Er nickt.
„Was für?“
„Es gibt Hackfleisch.“
„Aber das braucht doch länger als die Nudeln!“, rufe ich und er stutzt.
„Ups.“
Ich lache und frage ihn, wo ich das Fleisch finden kann.
„Im Kühlschrank“, meint Ben.
„Oh, ja klar“, sage ich daraufhin lachend und helfe ihm dann weiter beim Kochen.
Wir essen im Wohnzimmer auf der Couch, weil der kleine Tisch in der Küche nur für eine Person Platz bietet.
Die Nudeln sind fast verkocht, aber das Essen schmeckt besser als die Gerichte, die es in der Schulkantine gibt und da ich am Wochenende lieber nichts esse, als zu kochen, ist das das beste Gericht, das ich seit Langem gegessen habe.
Als wir fertig sind, tragen wir die Teller und das Besteck zurück in die Küche, und weil Ben keine Spülmaschine besitzt, da er sie sowieso nie benutzen würde, spülen wir gemeinsam ab. Wobei ich spüle und er abtrocknet.
„Und am Wochenende? Kochst du da auch nichts?“, frage ich nach, während ich gerade einen Teller im Spülbecken säubere.
„Nein, da hole ich mir oft nur ein belegtes Brötchen vom Bäcker nebenan.“
„Und sonntags?“
„Esse ich, was noch da ist.“
Ich nicke und lächle, weil er anscheinend auch keine Lust hat, für sich alleine zu kochen.
Nachdem wir fertig sind, sieht er mich besorgt von der Seite an und scheint sich anscheinend nicht zu trauen, etwas zu sagen.
Also schweigen wir lange, bis er sich räuspert und meint: „Zoe, dir ist klar, dass ich dich jetzt nicht einfach gehen lassen kann, oder?“
Ich sehe auf den Tisch vor mir und zucke mit den Schultern.
„Ich meine, das gestern Abend …“ Er mustert mich immer noch, während er sich durch die Haare fährt und nach Worten sucht. „Das ist kein Spaß. Das war auch kein Scherz von dir, das weiß ich.“
Ich sage nichts.
„Zoe“, beginnt er wieder. „Ich weiß, dass du erwachsen bist und tun kannst, was du willst, aber es wäre wirklich besser, wenn wir vielleicht …“
„Ich gehe zu keinem Therapeuten!“, rufe ich und starre ihn an. „Niemals! Das kannst du nicht tun!“
