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"Das weiße Buch des Jadefalken" ist ein Roman über eine deutsch-türkische Beziehung in den 1950er Jahren - eine Beziehung im Spannungsfeld zwischen Liebe, Fremdheit und sozialem Druck. Es ist die Geschichte von Laura, einer katholischen Frau aus einem Dorf in Sachsen und von Çingiz, einem muslimischen Mann aus Istanbul. Der Autor, der selbst in Istanbul lebt, lässt Laura erzählen, wie sie sich einem Mann zuwendet, der nicht nur einer anderen Kultur angehört, sondern auch an einen anderen Gott glaubt. Die junge Frau lernt, die Gemeinsamkeiten von Gott und Allah zu erkennen und sie kommt zu der Erkenntnis, dass es einige wichtige Glaubensgrundsätze gibt, die für alle Menschen gelten. Egal welchen Glauben sie in sich tragen. Leider teilt diese Meinung nicht jeder und so geschieht das, was immer geschieht, wenn Argumente nicht mehr zählen…
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Seitenzahl: 284
Veröffentlichungsjahr: 2012
Allen interreligiösen Paaren gewidmet.
Holly Loose: Das weiße Buch des Jadefalken
© Periplaneta - Verlag und Mediengruppe
Edition Periplaneta, Dezember2011
Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin
www.periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, mechanische, elektronische oder fotografische Vervielfältigung, eine kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Symbol-Entwurf: Jasmin Bär
Covergestaltung: Thomas Manegold Satz, Konvertierung: Thomas Manegold, Johannes Schönfeld
Autorisierte E-Book Version 2.1, ISBN: 978-3-943876-10-9
Ungekürzte, digitale Version der Printausgabe (ISBN 978-3-940767-09-7)
www.kindle.periplaneta.com
www.epub.periplaneta.com
Holly Loose
periplaneta
Gott und Allah, Berge und Täler, Berlin und Istanbul, Laura und Çingiz. Liebe.
(August 1986)
Kalte Leidenschaft umflutet die Sinne
Stilles Vibrieren steigert sich ins Unberechenbare
Zwei Körper werden ein Wesen
Und stilles Verlangen zu voller Hingabe
Du stehst an Klippen, schaust hinunter
Tief unten dunkelblaue See
Dir ist warm, wird immer wärmer
Du möchtest springen, da wartet Kühle
Es ist so tief
Dir ist warm, wird immer wärmer
Du spannst, springst, Sekunden freier Fall
Instinkte sehen, das Ende naht
Du tauchst ein
strömende Leidenschaft umgibt Dich
Du sinkst in tiefe Ruhe
Çingiz Yedesahin, Istanbul, 1979
Die Abendsonne taucht das Ufer Kleinasiens in tiefes Orange. Hier und da blitzt das Sonnenlicht von den Fensterscheiben herüber. Häuser stehen eng an eng, ungeordnet. Keine geraden Straßen führen die Hügel hinauf, sondern Schlangenlinien aus Schotter und willkürlich dahin geschüttetem Asphalt. Aber das kann man von hier aus nur ahnen. Zwischendrin kämpft das eine oder andere Drei-Etagen-Holzhaus ums Überleben. Die Mehrzahl der Häuser auf der anderen Seite besteht mittlerweile aus schlichten Betonplatten, fast über Nacht gebaut. Geçekondus[1] – damit sie stehen bleiben dürfen. Doch jedes einzelne hat einen kleinen Balkon, zur Meerenge zeigend. Diesen Blick will sich doch keiner entgehen lassen.
Die Mündung der Meerenge.
Das alte Chalcedon[2] aus den Geschichtsbüchern floriert auf der asiatischen Seite. Tanker, Kreuzfahrt- und Containerschiffe warten an der Mündung auf die Erlaubnis zur Passage vom Marmara- ins Schwarze Meer. Viele kleine Boote tummeln sich zwischen den großen. Alle kämpfen gegen die Strömung an, die hier sehr stark ist. Das Schwarze Meer liegt fast einen halben Meter über dem Marmara-Meer.
Strenggenommen, überlegt Laura, wäre das ja sogar ein sehr langgezogener Wasserfall.
Sie sitzt allein auf ihrer Terrasse. Olivenbäume säumen ihren Blick hinüber auf das asiatische Ufer. Auch hier, auf der Insel, ermöglicht die hügelige Landschaft einen Blick auf das Meer, die Mündung. Die kleine Wiese vor dem Haus liegt schon im Schatten. Um die Sonne noch zu sehen, müsste sie um das Haus herumlaufen, sich an die Westwand setzen.
Keine Lust. Sie bewundert lieber von ihrer Terrasse aus die Oliven und die vielen kleinen bunten Blumen, die ihre Nachbarin im letzten Frühling in den Boden gesetzt hat. Oleanderbüsche. Eine Sturmmöwe macht sich über den Futternapf der Straßenkatze her. Diese ist klug genug, ihren ungebetenen Gast gewähren zu lassen. Erst als die Möwe gesättigt ist und sich zum Abflug bereit macht, springt die Katze. Ins Leere, denn die Möwe ist schneller als gedacht. Schmollend verzieht sich das Tier ins Jasmingebüsch.
Sie müsste auch mal wieder ihren Garten ein wenig herrichten, überlegt Laura. Rhododendren, Zitronenbäume und kleine Zypressen sind ihre stillen Freunde, die mit ihr das Abendrot genießen.
Seit ihr Mann nicht mehr da ist, sitzt sie fast jeden Abend hier auf einer kleinen Bank aus dunklem, verwittertem Holz. Hinter ihr hält die verkleidete Holzwand die Hitze auf, die tagsüber in die Räume kriechen will. Die Sommer werden hier heiß. Früher litt sie gewaltig unter dieser Sonne, doch nun macht ihr das nichts mehr aus. Wenn sie heute nach Sachsen in das Dorf ihrer Geburt käme, würde sie frieren, während alle anderen, die Gebliebenen, nur das Nötigste anzögen, um so viel Haut wie möglich der Sommerluft preiszugeben.
‚Zu Hause’, denkt sie und schaut hinüber.
Vor ihr steht Tee auf einem kleinen Schemel. Adaçayı, den Inseltee nennt man ihn hier. Ein kleines Glas, vielleicht gerade mal halb so groß wie eine Kaffeetasse ohne Henkel, hat sie sich mit dem leuchtendgrünen Wasser gefüllt. Das Grün der frischen Salbeiblätter.
Sie schaut umher. Die Terrasse könnte einen neuen Anstrich vertragen. Hier und da blättert die Farbe ab. Viel zu lange schon ist es her, als sie das letzte Mal das Haus wetterfest gemacht hatten. Ab und zu regnet es mittlerweile durch das Dach. Sie stellt Eimer unter. Über das Wasser freuen sich die Blumen im Salon. Allein kann sie das Dach nicht reparieren. Sie sollte im Herbst, wenn die Tage nicht mehr ganz so heiß sind, einen Nachbarn rufen. Laura hat gelernt, sich hier zu behaupten. Es ist hier üblich, dass sich eine Frau allein um den Haushalt kümmert, für alle anderen Dinge gibt es Männer. Viele Männer kommen dann, machen Lärm, alles kaputt und dann alles ganz. Halbwegs zumindest. Sie hatte Glück. Ihr Mann war in allem fähig und baute, reparierte, ganz wie die Männer in ihrer Heimat.
Çingiz war ein guter Mann. Auch wenn sie es anfangs nicht begriffen hatte, sie beide es nicht begriffen hatten, so hielt das Schicksal doch die Hände über sie und ihre Liebe.
Viele Geschichten tauchen in ihr auf, kramen sich selbst aus dem tiefsten Dunkel ihres Gedächtnisses. Der laue Wind weht vom Wasser Gesänge herüber und vermischt sie mit ihren Gedanken.
Wie erschrocken sie damals war, als sie die Muezzins[3] zum ersten Mal hörte. Im ersten Herbst saßen sie hier auf dieser Terrasse, tranken Adaçayı und redeten. Redeten über die Stadt. Über die Meerenge. Über die Inseln.
Sie waren oft allein, abgesehen von seiner Mutter besuchte sie niemand, denn Freunde hatten sie keine. Das heißt, ER hatte schon Freunde, doch die besuchte er allein. In Kaffeehäusern saßen die Männer dann Stunden und verbrachten ihre Zeit mit Tavla[4], Tee und Politik. Weit weg.
Laura blickt auf das Festland.
Die Erinnerung zaubert ein Lächeln in ihr Gesicht. Es wird warm auf der kleinen Bank. Sie hängt ihren Gedanken nach. Da fließt es dahin, das breite, blaue Band. Stiehlt sich aus dem Schwarzen Meer, windet sich durch die sieben Hügel und ertrinkt zwischen Izmit, dem antiken Nikomedia und Yalova im Marmara-Meer. Sie erfreut sich jeden Tag aufs Neue an dieser kräftigen Farbe, die sich aus der turbulenten Strömung und dem Spiel zwischen Wolken und Sonne mischt. Dort unten am kleinen Fährhafen der Insel tönt ein dunkles Hupen. Die Fähre vor der Stadt spuckt die letzten Passagiere in die engen Gassen und entlässt sie in den Feierabend. Nachbarn, die wie sie drüben auf dem Festland arbeiten, hier auf der Insel ihr Domizil errichteten und nun dem Stress der Großstadt für die Nachtstunden entkommen wollen.
Noch vor einem Jahrhundert standen hier nur das Kloster des heiligen Georgs und ein paar kleine Holzhütten. Alles Grün großer Pinien wich immer mehr dem Grau kleiner Häuser. Ein Städter nach dem anderen eroberte sich einen Platz für das Wochenende oder den Feierabend. Nur oben auf der Spitze des Inselberges gibt es heute noch einen kleinen Mischwald aus Pinien, Fichten, Birken und Eichen. Dort kommt kein Städter hin. Allein ein Friedhofsgärtner wohnt mit seinem Esel hoch droben neben einem orthodoxen Friedhof aus alter Zeit und pflegt ihn.
Çingiz redete immer davon, wie sehr er sich wünschte, dort bei dem alten Griechen begraben zu sein.
Das Gebell einiger Hunde tönt leise und monoton vom Hafen herauf. Es interessiert sie nicht.
Dieses Sommerkleid. Warum nur verbinden sich alle Gedanken an ihren Mann immer mit dem Sommer? Heute, nach so vielen Jahren, hatte sie unbewusst wieder nach diesem Kleid, welches ihrem Mann so gefallen hatte, gegriffen und es angezogen. Als hätte es keine anderen Zeiten gegeben. Doch nur kurz brechen ihre Gedanken aus, fallen in einen Traum der Vergangenheit und verharren in den Sommern vergangener Jahre. Dieses Sommerkleid.
Vorne hat es eine Reihe großer Perlmuttknöpfe. Ein kleiner Kragen möchte ihren Hals vor allzu starker Sonne schützen. Ärmel hat es keine. Dafür einen Saum aus dunklem Rot, unten am Rand.
Leise, als wollte der Himmel ihre Wehmut abwaschen, beginnt es zu regnen.
Sie hat ein Buch vor sich zu liegen. Ein weißes, leeres Buch.
Çingiz hat es ihr an ihrem ersten Hochzeitstag geschenkt, nachdem sie schon so viel miteinander und ohne einander erlebt und gesehen hatten. Er bat sie, in dieses Buch hineinzuschreiben, was sie bedrückte, was sie beglückte, was sie erlebte und was sie als Erinnerung wichtig empfand. Ein Tagebuch.
Sie öffnet es. Zum ersten Mal. Das weiße, leere Buch. Laura nimmt sich einen Stift, und ihre zittrigen Hände versuchen, eine Linie zu finden. Eine Linie auf dem Papier.
Eine Linie durch die Zeit.
Ihre Augen verschleiern sich durch Trauer, die nicht weichen will. Nicht weichen kann. Denn Çingiz ist ein Teil von ihr.
Immer noch.
Nach 30 Jahren Liebe.
„Vergiss, vergiss und lass uns jetzt nur dies
erleben, wie die Sterne durch geklärten
Nachthimmel dringen; wie der Mond die Gärten
voll übersteigt. Wir fühlten längst schon, wies
spiegelnder wird im Dunkeln; wie ein Schein
entsteht, ein weißer Schatten in dem Glanz
der Dunkelheit. Nun aber lass uns ganz
hinübertreten in die Welt hinein
die monden ist“
Rainer Maria Rilke
(August 1955 bis Januar 1956)
„Prüfe also eingehend
die Absichten deines Erwählten:
ob er auf Vorteil hoffen sollte,
den er aus deiner Freundschaft ziehen will,
und meine, sie sei käuflich und nicht umsonst.
Verständlich,
wenn die Freundschaften der Armen
fester sind als die der Reichen,
Armut lässt nicht auf Gewinn hoffen.“
Hl. Ambrosius
Die Straße aus grobem Pflasterstein teilte sich vor der kleinen Kirche. Ein Fotograf stand an der Gabelung und zielte auf das Kirchentor. Darunter standen mein Vater, meine Mutter, ein kleiner, stolzer Junge in Schuluniform und ich, Laura, seine große Schwester. Hinter dem Fotografen stand das ganze Dorf und jubelte meinem Bruder zu. Die Alten schoben Grimassen, um den Vater zum Umtrunk zu bewegen. Auf das Wohl des Jungen und darauf, dass er den rechten Weg eingeschlagen und das Glaubensbekenntnis abgelegt hatte. Junge Leute gab es nicht so viele. Nur meinen Bruder und ein paar andere Jungs aus den umliegenden Dörfern. Und mich. Die große Schwester. Mein Vater hätte mich gern schon verheiratet, doch gab es eben keinen, der mich vor den Altar führen konnte. Mir war das durchaus recht. Oder auch nicht. Das hing ganz davon ab, was ich gerade tun wollte. Allein konnte ich nicht in die Stadt. Das hätte mein Vater niemals zugelassen, und Mutter wäre einen Tod gestorben, an dem ich auf keinen Fall schuld sein wollte. Da wäre ein Mann nur recht, der mich in die Stadt führen und mir das Leben zeigen könnte.
Doch wenn nun wieder Krieg käme, verlöre ich ja auch meinen Mann. Mein Vater prophezeite in diesen Jahren häufig eine Blitz-Machtübernahme durch den Westen oder einen Rachefeldzug der Polen. Es muss etwa einen Monat nach dieser Feier gewesen sein, als die Republik von den Russen als ein souveräner Staat anerkannt wurde.
Dunkel erinnerte ich mich noch an die Messen aus den Jahren vor der Gründung der Republik, wenn jemand aus unserem Dorf zu Grabe getragen wurde. Ansonsten bekam ich nicht viel mit vom Krieg. Manchmal weinten die Nachbarn. Bei solch einem Gedanken war ich froh, dass ich noch nicht verheiratet war und es auch keinen gab, der mich wollte.
Damals war ich 17 Jahre jung, ungestüm, wollte das Leben kennenlernen und konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas Böseres gab, als die Geschichten der Eltern über eben den Krieg oder die Geschichten in den Büchern.
Die Geschichten der Großen.
Römer wollten dieses Land und scheiterten am Wald und am Klima. Napoleon gewann dieses Land und verlor es an die Schweden, Russen und Preußen. 130 Jahre später marschierten Russen erneut durch das Dorf und trieben Deutsche vor sich her, brachten den Frieden bis nach Berlin in die Hauptstadt. Ein Teil des Friedens war hier im Dorf geblieben, und einzig der Hahn störte morgens die Ruhe.
Mein stolzer Bruder lief allen voran nach Hause, wo Mutter mit ihren Weibern schon alles zum großen Schmaus bereitet hatte. Die Wiese hinterm Haus ertrug die Menge der Stühle und Tische, die gebraucht wurden, wenn ein Dorf feiert. Sie ersoff im Rausch der Herde, die ihr jüngstes Schaf bejubelte.
Ich nutzte die ausgelassene Stimmung und die Nicht-beachtung. Es zog mich in den Wald. In das Rauschen der Kiefernwipfel, hin zu den knackenden Kienäpfeln und Zweigen auf sandigem Grund. Hinter diesem Wald war die Stadt. Ich wusste, es gab noch andere, also hätte es eigentlich heißen müssen: eine Stadt. Aber es war eben die Stadt, von der alle im Dorf redeten, wenn sie Besorgungen tätigten oder Sorgen bestätigten, die nun aus dieser Stadt kamen.
Das kleine Paris. So nannte meine Mutter Leipzig einmal. Aber ich brauchte keine Namen, denn für mich gab es nur diese eine Stadt. Hinter dem großen Kiefernwald. Ein schmalspuriger Pfad, gerade ausreichend für ein Gespann, schnitt durch das Gehölz. Versandete Schützengräben säumten den Weg und machten mir Angst. Vater sagte, ich solle nicht allein in den Wald gehen. Dort sei es gefährlich wegen der Gräben und anderem. Aber selbst Grimms Rotkäppchen war heil aus der Misslichkeit des Abweges heraus gekommen, fand ich und zerlächelte die Sorgen meines Vaters.
Es hätte ein Wolf sein können, der da plötzlich, müde auf einen Stock gestützt, des Weges kam. Ich hätte ein rotes Häubchen tragen können. Aber Wölfe gab es hier schon lange nicht mehr, unter die Haube kam ich bestimmt früh genug, und meine Haare trug ich gern offen.
„Kommen Sie aus der Stadt?“ fragte ich unsicher den Fremden. Er lächelte und war wirklich fremd.
Er verstand nicht recht, was ich sagte. Und überhaupt sah er komisch aus. Dunkel irgendwie und kantig. Unter buschigen Augenbrauen beobachteten mich dunkle Augen. Ein junger Bart verdeckte den unteren Teil seines Gesichtes, das schmal und von dunklem, dichtem Haar umrahmt war. Der Fremde trug eine einfache, staubige, erdfarbene Hose und ein fast ebenso graubraunes Oberteil, das schon viel zu lang getragen schien. Eine alte Tasche hing ihm an den schmalen Schultern. Überhaupt wirkte die ganze Figur schmal, ja geradezu zerbrechlich. Alles in Allem sah er trotzdem nicht wie ein Bettler oder Streuner aus, sondern wie ein Reisender, der ein Ziel hat. Er war wohl schon einen weiteren Weg gegangen als den von der Stadt bis hierher an den Rand unseres Dorfes. Und Gott allein wusste, wohin dieser Mann wollte. Für mich wurde die Stadt für heute uninteressant. Ich führte den Fremden ins Dorf, an der Kirche vorbei und auf die Wiese meiner Eltern, wo er beargwöhnt etwas zu essen bekam. Trinken durfte er natürlich auch, was er jedoch abgesehen von Wasser dankend ablehnte. Der Herde war das suspekt, doch der joviale Pfarrer bot dem Fremden ein Bett im Gemeindehaus. Bezahlen konnte der Reisende, also war es gut.
Dem Wunsch meiner Mutter folgend, ging ich halbtäglich in die Gemeindeschule, um den Beruf der Erzieherin zu lernen. Mein Vater wünschte sich meine Umsiedlung in die junge Stadt Markkleeberg. Natürlich mit Hochzeit. Falls der Osten oder der Westen doch nicht über unser Land hereinbrechen sollte, wäre der Beruf einer Erzieherin auf lange Sicht doch der beste für ein Mädchen wie mich, dachte er wohl. Mein Vater stand mit anderen vom Dorf im Mais, und meine Mutter verkaufte im Konsum. Von den Deutschen im Westen hörte man nichts Gutes. Selbst der Fremde, der aus dem Westen kam, wollte zurück in seine Heimat ans Schwarze Meer. Sagte der Pfarrer. Ich hatte keine Ahnung, wo das war und wie dieses Meer aussehen sollte. Der junge Mann sollte ein paar Tage hier bleiben und wieder zu Kräften kommen. Sagte des Pfarrers Haushälterin.
Nach dem Schuldienst spazierte ich gesenkten Kopfes, doch gehobenen Blickes am Gemeindehäuschen vorbei, hin zum Waldrand. Vielleicht war der Fremde ja zufällig am Fenster. Aber nein, kein fremdes Gesicht ließ sich blicken. Traurig und in Gedanken versunken lief ich weiter.
„Hallo Mädchen!“
Wie erschrak ich doch, als er plötzlich von einem Hochstand aus zu mir hinunter rief. Hatte er wohl auf mich gewartet? Was erwartete mich jetzt?
Kurze Angst schob mir das Märchen vom Rotkäppchen wieder ins Gemüt. Doch ich wollte nicht albern und erst recht nicht ängstlich sein. Er kletterte die Leiter des Hochstandes hinunter.
„Was ist das für Baumhauslein?“, wunderte er sich in gebrochenem Deutsch über das Gebilde. Auf seinem Weg hätte er schon viele solche „Baumhausleins“, wie er es nannte, gesehen, doch sei ihm der Sinn nicht bekannt. Ich erklärte es ihm. Und während ich erklärte, trugen uns die Beine weiter in den Wald hinein.
Wir unterhielten uns, nannten unsere Namen. Çingiz hieß er. Wie der große Mongole.
Çingiz Yedesahin – Dschingis, der Jade-Falke.
„Was hast du mit dem mongolischen Herrscher gemeinsam?“
Er versuchte in meiner Sprache zu erklären, und ich versuchte zu verstehen. Ich fragte, und er antwortete. Er fragte, und ich antwortete. Anfangs war das natürlich schwierig, doch mit jeder Stunde und mit jedem der folgenden sieben Tage wuchs sein Verständnis für meine Sprache, wuchs mein Mut, immer tiefer in den Wald zu gehen. Doch wuchs auch der Groll meines Vaters gegenüber dem Fremden. Wann war der Muselmann, so nannte ihn mein Vater, wohl endlich kräftig genug, um wieder aus der Idylle zu verschwinden?
Für meinen Vater war ich eine Kleine, wuchs auf in unserem kleinen Dorf, hatte eine kleine Familie um mich, und kleine Ereignisse, wie die Konfirmation meines kleinen Bruders, waren dort von größter Bedeutung. Das eigentlich Größere kannte ich eben nur aus den Geschichten. Für Çingiz war ich eine geflissentliche Zuhörerin. Er erzählte mir Geschichten, die nicht in Büchern standen. Geschichten von seinem Namensvetter, der ein großer Herrscher war und fast bis an die Alpen gelangte (mittlerweile weiß ich, dass mein neuer Freund dahingehend ein wenig geflunkert hatte).
Çingiz erzählte Geschichten, an die er sich erinnerte, bevor er nach Deutschland kam. Geschichten vom Schuhputzer, Geschichten von Muscheln, die im Sommer, und Kastanien, die im Winter verkauft wurden. Er erzählte von den Makrelenschwärmen, denen die Fischer in ihren kleinen Booten hinterher jagten. Er erzählte von den großen Schiffen, die sie immer fast rammten, wenn sie sich zu sehr mit den Makrelen beschäftigten und die nötige Vorsicht außer Acht ließen. Er erzählte von Delfinen, die manchmal vom Marmara-Meer ins Schwarze Meer wollten. Gleich am zweiten Tag fragte er mich, ob meine Mutter für mich und meinen kleinen Bruder eine Süßspeise gekocht hätte?
Auf mein unverständiges Schauen hin erklärte er mir:
„Sieh, Laura, bei uns zu Hause feiern wir heute Aschura. An diesem Tag ist es üblich, eine Speise aus 40 Zutaten zu kochen und sie den Kindern als Nascherei zu geben. Damit erhalten wir unsere Erinnerung an die Strandung der Arche des Nuh[1] auf dem Ararat wach. Die Alten erzählen sich über den Tag der Ankunft von einem Festessen aus dem übriggebliebenen Vorrat. Das hat Nuh gemacht und damit alle Tiere gefüttert, die mit ihm der Sintflut entkommen waren.“
Unserer Pfarrer erzählte zwar auch von Noah, doch diese Geschichte kannte ich noch nicht.
Çingiz erzählte von seiner Heimat. Dem Land, das Asien und Europa verbindet. Man konnte an dem einen Ufer der Meerenge stehen, und das andere Ufer war ein anderer Kontinent. Für ihn war das selbstverständlich, doch in meinem Kopf malten seine Worte ein wunderschönes und phantastisches Bild, und ich war gespannt, ob ich irgendwann einmal die Gelegenheit bekommen würde, dieses Gedankengemälde mit der Realität zu vergleichen. Er sprach von Sultanen, die vor nicht allzu langer Zeit noch geherrscht hatten. Von den vielen Palästen und Moscheen. Von einem goldenen Horn, welches ganz aus Wasser war. In meinem Kopf war die Blaue Moschee ein Wunder aus Türkis und Aquamarin. Die Hagia Sophia[2] erinnerte mich an eine alte, dünne Ordensschwester.
Çingiz sprach von seinen Träumen. Nachts, wenn die Ruhe ihn nicht schlafen ließ, weil er das Gewimmel des Basars vermisste und sich Erinnerungen zu Sehnsüchten wandelten. Albatrosse schrieen und riefen seinen Namen. Angler holten goldene Fische aus dem Goldenen Horn[3]. Im Traum bekam er Besuch vom Vater. Mir wurden seine Ausführungen treue Begleiter in einen gesunden Schlaf, und ich träumte mir das Bild eines Basars mit all seinen Gerüchen und Geräuschen. Goldene Makrelen schwappten fortan in meine Träume und tanzten mit schwarzen Delfinen.
Çingiz erzählte seine Geschichte. Als er elf Jahre alt war, reiste sein Vater nach Deutschland. Als Geschäftsmann, sagte die Mutter. Als sein Land nun symbolisch gegen das Reich in den großen Krieg eintrat, kam der Vater nicht mehr nach Hause. Sie sollten lange nichts von ihm hören. Vor zwei Jahren kam ein Telegramm vom Vater. Aus Bonn. Er richtete alles so ein, dass sein Sohn nach Deutschland reisen und ihn nach Hause begleiten konnte. Durch die DDR, die tschechoslowakische Republik, Ungarn, Rumänien bis in die Stadt an der Meerenge. Ich schaute in der Schule auf den Karten nach seinem Weg und rechnete die Tage der Wanderschaft gegen die Zeit seines Verbleibens. Da öffnete sich etwas in mir, und ich sog alles in mich auf.
Mein Seelenhunger, mein Wissensdurst wuchsen in dem Maße, wie beides durch seine Worte gestillt wurde. So saßen wir immer nachmittags oder abends auf einem kleinen, grob zusammen gezimmerten Holzsteg, am Ufer eines kleinen Baches, der unweit meines Dorfes dahinfloss. Leise und doch tief in unser Ohr dringend, mahnte stündlich eine kleine Kirchturmglocke zur Tugend, und so unterhielten wir uns nur.
Wohin floss das Wasser? Wie lange durfte er noch bleiben? Wer war Gott? Wer war Allah? War Maria dieselbe Person wie Meryem? War Miriam dieselbe Person wie Maria? Isa war ein einfacher Mann und doch der Messias. Ich als getaufte Katholikin sollte an die Dreifaltigkeit glauben, die mein Vater (einmal auch der Pfarrer) predigte, aber selbst die erschien mir mittlerweile unglaubwürdig. Çingiz kannte Jesus aus seinem Q’ran[4]. Nicht aus der Bibel. Wir sprachen über die Sintflut, Noah und seine Arche. Mein Vater wurde immer ungehaltener, wenn ich am Abendbrottisch saß und die Geschichten des Fremden wiederholte. In barschem Ton brummte er über Nato, Warschauer Pakt und Bonn. Türkische Kriegsgefangene. Wo war denn der Vater des Fremden? Sollte er ihn nicht abholen? Wahrscheinlich wollte der Fremde nach Berlin, in die Hauptstadt. Und ich? Meine Mutter wurde immer stiller und ahnte wohl schon.
Immer wieder erzählte Çingiz von der Meerenge, die hundertfach breiter war als dieser kleine Bach. An diesem Wasser hatte er in seiner Kindheit ebenso gesessen, wie wir beide gerade hier saßen. Mit seinem Opa und einigen Nachbarskindern aus seinem Haus standen sie mit dem ersten Morgenruf des Muezzins an den Ufern. Sie warfen ihre selbstgebastelten Angeln aus und vertrieben sich die Zeit mit Kinderspielen. Opa passte derweil auf die Haken auf. Später, wenn der Fischfang zu langweilig wurde, zog die Jungenbande los, und Opa ging meistens ohne Beute nach Hause oder ins Kaffeehaus zu den anderen Männern. Dort bekam er Raki[5] vom Garson[6]. Çingiz bekam die derbe Hand seines Vaters, wenn er manchmal allzu spät nach Hause kam. Gerade, wenn er im Sommer mit seinen Freunden in die Fluten gesprungen war und dabei die Zeit vergessen hatte. Ich fragte nach seinem Vater. Doch er antwortete nicht. Vielleicht hatte er die Frage nicht verstanden. Er erzählte von den Hügeln. Wie das heilige Rom, hatte auch seine Stadt sieben Hügel. Umgeben im Südwesten von einer weiten Ebene und im Norden von dichtem Nadelwald. Aus dem Nordwesten führten riesige Aquädukte in die Stadt, und überall standen alte Kirchen und Moscheen. Wie das heilige Rom, hatte seine Stadt ein Capitol, ein Forum und einen Circus. Wenn man Vorstellungskraft besaß, konnte man sich an die Mauer der Sultanahmet Çamii[7] stellen und die Rennbahn erkennen. Man konnte sich zwischen die alten, ägyptischen Stelen begeben und stand mitten im Circus. Umgeben von Hufgetrippel der Einspänner und Motorenlärm der einzelnen Autos. An manchen Stellen war sogar die große Mauer noch intakt. Nun mitten in der Stadt, beschützte sie damals deren Bewohner vor äußeren Zugriffen. Er schwärmte von der Rumeli Hisarı, der Felsenburg, unweit vom Stadtrand im Norden, die vor genau einem halben Jahrtausend im Wesentlichen dazu beigetragen hatte, dass er vor knapp einem Vierteljahrhundert in dieser Stadt geboren werden konnte.
„Wo ist denn dein Vater jetzt?“, fragte ich erneut. Ob er wohl in der Stadt auf seinen Sohn wartete?
Doch Çingiz erklärte mir: „Nun, mein Vater ist vor einem Monat in Bonn gestorben, und jetzt reise ich eben allein nach Hause.“ Mehr brachte er dazu nicht über die Lippen. Von der Geschichte seiner Heimatstadt erzählte er lieber.
Von Sultanen, Rumi[8] und Derwischen[9]. Und von Nasreddin Hoca[10].
In meiner Schule stand das Osmanische Reich[11] nicht auf dem Lehrplan, und so hörte ich seinen Ausführungen nur zu. Später dann erzählte ich vom Limes. Der Schlacht im Teutoburger Wald. Von Karl dem Großen, der goldenen Bulle und dem weströmischen Reich. Unsere Geschichte. Wir hatten so viel zu erzählen. Es war seltsam, er konnte sich in meiner Sprache nicht besonders gut ausdrücken, und auch ich konnte mich natürlich keineswegs im Türkischen verständlich machen, und doch verstanden wir einander, als ob eine dritte, eine gedachte oder gefühlte Sprache über uns schwebte und unsere Gedanken verband. Ich redete von der Genesis[12], wie mein Vater und unser Pfarrer sie gelehrt hatten, und er sprach von der Schöpfung und rezitierte aus der Geschichte Mohammeds. Gemeinsamkeiten.
Er sprach von Amerika und der Sowjetunion, ich von der Freien Deutschen Jugend in Leipzig, der Stadt hinterm Wald.
Am siebenten Tag kam mein Vater nachmittags zu dem kleinen Bach und schimpfte. Nahm mich bei der Hand und zerrte mich nach Hause. Meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen und betete. Der Pfarrer versuchte zu beschwichtigen, doch das Dorf grollte und beschuldigte den Fremden, sich einem Kinde gegenüber ungebührlich verhalten zu haben. Nun betete auch mein Vater und hoffte auf gerechte Bestrafung. Ich weinte, denn ich war kein Kind mehr. Çingiz verabschiedete sich vom guten Pfarrer, erbat sich den Segen Gottes und erteilte den Segen Allahs. Des Pfarrers Haushälterin machte Reisebrot fertig. Sein Ziel stand fest. Er verließ noch am selben Abend das Dorf auf dem Weg, den er gekommen war. Durch den Kiefernwald.
Ich stritt nicht, sondern hörte den lauten Worten meines Vaters zu. Ich ließ ihn ausreden und widersetzte mich nicht. Doch die Nacht war noch nicht hereingebrochen, da wirbelte der letzte Sommerwind den Staub des Weges auf und kratzte in meinem Hals, als ich mich aufmachte. Für mich war die Stadt hinterm Kiefernwald das Tor zur Welt. Er wartete am „Baumhauslein“. Ich nahm seine Hand.
Meine Eltern verschlossen vor Gram ihre Tür.
Nie würden sie mir verzeihen, dass ich mit einem Fremden in die Fremde ging. Zu einem fremden Gott.
Auf dem Weg in die Stadt litten wir beide keinen Hunger, denn vorsorglich hatte ich nach dem Donnerwetter meines Vaters die eingekehrte Ruhe genutzt, um einen kleinen Ranzen voller Brot und Käse aus der Vorratskammer zu nehmen. Çingiz trug das Paket der Haushälterin.
Auch meinen neuen, blauen Ausweis vergaß ich nicht, denn in meinem Kopf vollzog ich schon den langen Weg in seine Heimat. Doch erstmal mussten wir durch den Wald, in die Stadt. Von dort aus würde ein Zug das Erzgebirge passieren. Wir beschlossen, augenscheinlich getrennt zu fahren, denn er hatte ein gültiges Reisedokument, das ihm die Heimreise über den noch jungen Warschauer Pakt ermöglichte. Bei mir wussten wir nicht genau, wie weit ich mit meinem neuen blauen Pass kommen würde. Er sagte, ich solle mir keine Gedanken machen. Zumindest nicht bis Prag. Die Kontrolleure des Zuges sahen das ähnlich, fragten mich jedoch, wohin ich letztendlich wollte. Ich log eine Träne und bat den Schaffner um seelischen Beistand für den kürzlich verstorbenen Vater. Eigentlich log ich nicht, denn er war ja wirklich vor ein paar Wochen dahingeschieden. Es war zwar nicht meiner, sondern der meines Gefährten, aber das sagte ich nicht, und wenn der Schaffner aus dem Umstand erkannte, der Herr müsse in der Tschechoslowakei das Zeitliche gesegnet haben, so konnte ich ja nichts dafür. Mein Dokument war jedenfalls gültig, und ich durfte weiterreisen. Ich erinnerte mich an die hohen Berge. Als kleines Mädchen war ich schon einmal in den Bergen gewesen. Als wir die Elbe entlang fuhren, gesellte sich Çingiz wieder in unser Abteil, und wir berieten über die weitere Reise.
„Das Beste wird sein, Laura, wenn du ab Prag nicht mehr redest, wenn du angesprochen wirst!“
„Aber wie soll ich denn das machen?“, fragte ich ihn.
Seine Stirn zeigte ernste Falten. „Das weiß ich auch nicht! Aber es ist wohl deine einzige Chance, bis ans Ziel zu kommen! Dann bist du eben taubstumm, und ich versuche uns durchzubringen.“
In Prag angekommen, suchten wir uns ein Zimmer. Çingiz war müde und schlief sofort ein. Als die Nacht ihren dunkelblauen Mantel über das Haus deckte, wurde ich mir zum ersten Mal bewusst, was ich getan hatte und wo ich mich befand. Jetzt konnte ich nicht mehr zurück. Von Liebe hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Als ich meine Mutter einmal fragte, was dieses Wort denn bedeutete, bekam ich eine unbefriedigende Antwort, und ich hatte das Gefühl, dass auch meiner Mutter die Antwort eigentlich nicht genügte. Aber was sollte man schon von Erwachsenen halten. Mutter sagte, irgendwann traf man sich, und es wurde ein Fest arrangiert, bei dem die Eltern über die Zukunft sprachen und man sozusagen verliebt wurde. Von nun an achtete man sich, und ich solle das zu gewisser Zeit auch tun, empfahl meine Mutter. Jetzt befand ich mich auf großer Fahrt an der Seite eines fremden Mannes, der sich einfach in mein Herz geschlichen hatte. Oder war es etwas anderes? Neugier vielleicht nur? Aber dann hätte ich nicht das Wagnis auf mich genommen! Ich beschloss, Çingiz Yedesahin nach seinem Empfinden zu fragen, wenn er wieder erwacht wäre. Vielleicht half das ja weiter. Und wenn da auch Unklarheit herrschen sollte, war das wohl der geeignete Augenblick, sich einfach nur zu achten und zu warten, wie das wird mit der Liebe. Oder hatte er etwas anderes vor? Benutzte er mich vielleicht nur? Für irgendetwas? So etwas in der Art hatte mein Vater mir im letzten Monolog vor die Füße geworfen. Aber warum? Wie konnte er mich benutzen? Mir fielen die Augen zu.
Am nächsten Morgen fand ich mich allein im Zimmer. Çingiz war verschwunden! So viel dazu.
Hätte ich nicht so viel nachgedacht, wäre ich wohl früher eingeschlafen. Und wäre ich früher eingeschlafen, hätte ich möglicherweise mitbekommen, wie der Fremde sich fortschlich und ihn zur Rede stellen können. Aber so…
Allein mit mir, überkam mich die Angst der Einsamen. Mein Vater würde mächtig sauer sein, wenn ich jetzt wieder an die Tür daheim klopfte, nachdem ich ihn vor dem ganzen Dorf in Schande gebracht hatte und mit dem Fremden gegangen war. Würde nicht schon der Pfarrer am Dorfeingang mir das Recht auf Obdach verwehren? Schweiß brach aus allen Poren, als mir einfiel, dass die Fahrkarte ja von dem Fremden bezahlt wurde und ich überhaupt kein Geld bei mir hatte. Ich griff nach meiner ledernen Halsbandtasche. Zittrig suchte ich mit Zeige- und Mittelfinger in der Tasche nach dem dunkelblauen Ausweis. Er war nicht mehr da. Ich unterdrückte kalte Verzweiflung.
Es fehlte nicht mehr viel, und ich würde in Tränen ausbrechen. Mein Pullover klebte am Rücken und im jungen Dekolleté. Die letzte Hoffnung war mein kleiner Rucksack, den ich mit ein paar Sachen vollgestopft hatte. Vielleicht war mein Ausweis ja da drin. Ich öffnete ihn, drehte ihn um und meine Sachen fielen heraus. Der Pass ebenfalls. Glück gehabt.
Doch woher bekam ich Geld für eine Rückreise nach Deutschland? Immerhin war ich auf fremdem Hoheitsgebiet. Der Schaffner von gestern würde mich doch wiedererkennen und sich wundern, dass ich doch nicht meinen verstorbenen Vater besuchte. Es klopfte an der Tür. Wahrscheinlich hatten die Leute es hier schon durchschaut, dass ich mit einem Fremden von zu Hause ausgerissen war und kamen nun, um mich wieder zurück zu bringen. Ich zog meinen Pullover gerade, der immer noch an meinem Rücken klebte, und verstaute den Pass in der Halsbandtasche. Gefasst stand ich auf, atmete tief ein und ging zur Tür. Es klopfte erneut. Sollten sie mich doch mitnehmen. Ich wollte nach Hause.
Ich machte die Tür auf. Er hielt mir zwei Fahrscheine unter die Nase und grinste etwas unbeholfen.
Nun fing ich doch an zu weinen. Ich wusste selbst nicht, ob aus Verzweiflung, Rührung oder Erleichterung. Meine Knie gaben nach. Çingiz lächelte und nahm mich unter die Schultern, damit ich nicht fiel. So schluchzte ich vor mich hin und sank in seine Arme. Die nächste Fahrt war also gesichert. Von Prag ging es weiter nach Budapest[13]. Wir stiegen viermal um. Manchmal fuhr der Zug nur im Schritttempo, da noch nicht alle Schäden des Krieges beseitigt waren. Gebirge über Gebirge zog an unserem Fenster vorbei. Einzelne Siedlungen. Gehöfte. Kleine Rinderherden. Bauern. Blauer Himmel. Wenn Engel reisen…
