Das weiße Hemd - Claudia Maria Mondstein - E-Book
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Das weiße Hemd E-Book

Claudia Maria Mondstein

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Beschreibung

1987 - Nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater reist Milan in seine neue Wahlheimat, um dort zu studieren. Während der Anreise trifft er auf ein weltfremdes Mädchen. Ein kurzes Gespräch und wenige Momente gemeinsam verbrachter Zeit führen dazu, dass er das Mädchen nicht vergessen kann. Lioba, die in einer abgeschiedenen Religionsgemeinschaft lebt, muss sich den täglichen Demütigungen stellen. Allein ihre Mentorin Madame Rigaut, die ihr die Schönheit und den Reichtum der Natur nahebringt, eröffnet ihr die Sicht auf die Welt außerhalb. Mit Madame Rigauts unerwartetem Verschwinden verliert Lioba ihren letzten Halt. Erinnerungen an besondere Momente und an das, was sie von ihrer Mentorin gelernt hat, geben ihr die Kraft, um an ihrem Schicksal in der Gemeinschaft nicht zu verzweifeln. Ihr Wunsch auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung wächst. Weder Lioba noch Milan ahnen, dass ihre Lebenswege bereits auf besondere Weise miteinander verwoben sind.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Das weiße Hemd

 

 

Roman

 

 

 

 

 

Claudia Maria Mondstein

Impressum

 

1. Auflage, 2022

© 2022 Alle Rechte vorbehalten.

Claudia Zauels

Selbstverlag, Atelier f & t

Buchenweg 10

53426 Königsfeld

 

 

Autorin

Claudia Maria Mondstein

 

Covergestaltung

Jonas Zauels

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Handlung und Personen sind frei erfunden.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Anmerkung der Autorin

Weitere Romane der Autorin:

 

 

Prolog

 

 

Es war ein kurzes, verzücktes Auflachen, das dem Mädchen beim Anblick der tanzenden Schmetterlinge entschlüpfte. Ebenso wie diese breitete es seine zarten Arme aus, hob und senkte sie mit fließenden Bewegungen und drehte sich im Kreis, bis es sich, vom Schwindel erfasst, auf den moosigen Waldboden sinken ließ. Die vor Freude roten Wangen bildeten einen klar abgegrenzten Kontrast zu dem alabasterfarbenen Gesicht. Lange, blonde Haare, von denen die Gestalt bei der Drehung umweht wurde, umfassten wie eine goldene Decke den schmächtigen Körper. Langsam drehte sie sich auf den Rücken, öffnete die Arme, streckte die Beine von sich und verlor sich mit großen Augen im zarten Grün der Baumkronen. Das Zwitschern der Vögel mischte sich mit dem leisen Rauschen der Blätter und bildete einen beruhigenden Klangteppich. Für wenige Minuten legte sich ein beseeltes Strahlen über die Gesichtszüge, bis das Mädchen unvermittelt aufsprang, sich wie gehetzt umschaute und den Korb ergriff, der neben einem Baumstumpf stand.

Rastlos lief es zwischen den Bäumen hin und her, bevor es sich dem grünen Teppich widmete. Üppig breiteten sich die Bärlauchpflänzchen auf dem Waldboden aus und ein zarter Duft nach Knoblauch lag über allem. Zügig und geschickt zwackten die feingliedrigen Finger ein Blättchen nach dem anderen ab und legten es in den sich allmählich füllenden Korb. Dabei entfernte sich die zierliche Person immer weiter von der Lichtung, bis sie einen Waldweg erreichte. Abgeholzte Bäume säumten den Weg und das Mädchen hockte sich auf die gestapelten Stämme, stellte den Korb neben sich und zog die Beine zu sich heran. Versonnen lehnte es den Kopf nach hinten und verlor sich im Anblick des Himmels, dessen morgendliche Klarheit inzwischen einem Dunstschleier gewichen war. Es dauerte nicht lange, da fielen ihr die Augen zu. Erst das Brummen eines Motors ließ sie aufschrecken. Doch war es nicht der von ihr erwartete Kastenwagen mit dem weißen Kreuz auf grau-blauem Untergrund, sondern ein schwarzer Kleinwagen, der sich den schmalen, holprigen Weg entlang quälte.

Bewegungslos blieb sie sitzen, beobachtete das Herannahen des Fahrzeugs und verharrte in ihrer Position, als der Wagen auf dem Waldweg zum Stehen kam. Durch die heruntergelassene Scheibe traf sie der Blick eines jungen Mannes mit schwarzen Locken.

„Hey, weißt du, wie ich wieder aus diesem Wald hinauskomme?“

Das Mädchen schwieg und ihre rechte Hand umklammerte den Griff des Korbes, während sie mit großen Augen auf den Unbekannten starrte.

Der Motor verstummte, die Autotür wurde geöffnet und der Fahrer verließ das Fahrzeug. Mit Interesse nahm er seine Umgebung in Augenschein, bevor er sich am anderen Ende des Stammes niederließ und für eine Weile das Grün des Waldes zu betrachten schien. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf das Mädchen neben ihm, das ihn keinen Augenblick aus den Augen ließ.

„Ich habe mich verfahren und bin etwas ahnungslos, warum ich hier gelandet bin.“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, fuhr der Schwarzhaarige in seinem Monolog fort. „Bis zur letzten Abzweigung war alles klar. Aber, dass die asphaltierte Straße in diesen Waldweg übergehen würde, war nicht ersichtlich. Ich bin übrigens Milan. Und du?“, wie beiläufig stellt er diese Frage und bekam tatsächlich eine zaghafte Antwort.

„Lioba.“

„Lioba“, behutsam sprach er den fremden Namen aus, „hast du eine Idee, wie ich wieder aus dem Wald herauskomme?“

„Dort hinten kreuzt ein anderer Weg. Da kann man mit dem Auto wenden.“

Er warf ihr einen dankbaren Blick zu, bevor er aufstand. Sein Oberkörper verschwand im Auto und er kehrte kurz darauf mit einer Packung Plätzchen und einem Fotoapparat zurück zu seinem Platz auf dem Baumstamm.

„Magst du?“, auffordernd hielt er die geöffnete Packung dem Mädchen hin. Doch sie umschloss weiterhin fest den Korbgriff und schüttelte verneinend den Kopf. Milan steckte sich einen Keks in den Mund und nahm die Kamera auf. Sichtlich interessiert wurde er dabei aus wachen Augen beobachtet.

„Was ist das?“

Überrascht fixierte Milan das Mädchen.

„Was meinst du?“

„Das, was du da in der Hand hast.“

Milan schaute verständnislos. „Das meinst du? Die Kamera?“

Das Mädchen nickte.

„Das ist ein Fotoapparat.“ Milan lachte belustigt auf: „Hast du noch nie einen Fotoapparat gesehen? Das gibt es doch nicht. Wo lebst du denn?“

„Auf dem Gutshof hinter dem Wald.“ Ernsthaft deutete sie an ihm vorbei in den Wald hinein.

„Aha“, Milan zögerte, „soll ich dir zeigen, was man damit macht?“

Lioba schüttelte erneut ablehnend den Kopf.

„Gut, dann bleib da sitzen.“ Verschmitzt fokussierte er das Mädchen und betätigte mehrfach den Auslöser. Mit großen Augen beobachtete sie ihn und den Gegenstand in seiner Hand.

„Hier, probier es selber aus, dann verstehst du es besser.“ Mit ausgestrecktem Arm hielt er ihr die Kamera hin. Zögerlich griff sie danach. Drehte und wendete sie und versuchte anschließend, sie ebenfalls wie Milan ans Auge zu halten.

Ein Blick durch den Sucher entlockte ihr einen überraschten Ausruf. „Ich habe den Wald hier drin.“

„So ähnlich. Aber du weißt doch, was man mit einem Fotoapparat macht, oder?“

„Nein, oder doch, ich habe davon gelesen. Aber wir machen keine Bilder. Das steht uns nicht zu.“

„Wie? Was heißt das, wem steht das nicht zu und warum?“

„Nur etwas von Wert darf verewigt werden.“

Verständnislos betrachtete Milan das ernste Gesicht neben ihm. „Erklärst du mir das?“

Plötzlich fuhr ein Ruck durch Lioba und die kindliche Neugier verschwand unmittelbar aus ihrem Gesicht. Augenblicklich wirkte sie um Jahre reifer. Aufmerksam lauschte sie in den Wald hinein. Dann griff sie zu ihrem Korb, den sie für die Kamera losgelassen hatte, um behände vom Baumstamm zu springen. Milan sah sich überrascht um, den Grund für ihre Hast suchend. In diesem Augenblick zerriss ein schriller Pfiff die Ruhe, von der sie gerade noch umgeben waren.

Ein lautes Rufen schallte durch den Wald.

„Mädchen! Wo steckst du wieder! Komm sofort her. Wir müssen los.“

„Danke!“ Das Mädchen streckte ihm die Kamera entgegen und band schnell ihre Haare zu einem festen Knoten zusammen, bevor sie flink auf den Wald zulief, um nach wenigen Augenblicken zwischen den Bäumen verschwunden zu sein.

Überrascht verfolgte Milan ihren raschen Aufbruch in den Wald und ihn überkam der Eindruck, als hätte er die letzten Minuten vor lauter Übermüdung nur geträumt. Was war das nur für ein sonderliches Geschöpf?

Milan blieb auf dem Baumstamm sitzen, knabberte einige Plätzchen und hing in Gedanken dem flüchtigen Wesen hinterher. Müde, wie er war, schlief er nach wenigen Minuten ein.

1

 

 

Umgeben von lichten Wäldern und abseits der größeren Straßen verbarg sich das Dorf, das im Laufe der Jahrzehnte immer weiter gewachsen war und inzwischen mehr als zwanzig kleine Häuser umfasste. Inmitten gepflegter Nutzgärten, die lediglich an den Grenzen von Zierpflanzen und Blumen eingefasst waren, lagen sie im Schutze des Landgutes, das sich an die sanften Berghänge schmiegte. Nur über den Gutshof erreichbar, war das Dorf so abgelegen, dass sich nur selten Wanderer dorthin verirrten. Angesichts der gepflegten, aber reizlosen Häuser, fehlender Einkehrmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten, blieb bei kaum jemandem eine Erinnerung. Die Bewohner selber pflegten keine Kontakte außerhalb des Dorfes. Obwohl sie einen Teil ihrer Produkte auf den umliegenden Wochenmärkten verkauften, gaben sie sich Fremden gegenüber verschlossen und wortkarg. Gutshof und Dorf gehörten seit einigen Jahrzehnten zur Creus-Gemeinde und für diese Gemeinschaft lebten und arbeiteten die Bewohner. Ihr Lebensstil war schlicht und bescheiden. Den größten Teil ihrer benötigten Lebensmittel produzierten sie als Selbstversorger durch Ackerbau und Viehzucht. Neben den Landwirten gab es Handwerker, die für den Bau und die Instandhaltung der Gebäude und für die Herstellung von Gebrauchsgegenständen zuständig waren.

Jeder Bewohner war verpflichtet, seinen Beitrag für diese Gemeinschaft zu leisten. Darauf stimmte man die Kinder in einem Vorbereitungsjahr ein. An der Seite eines erfahrenen, älteren Bewohners wurden Kenntnisse und Fähigkeiten weitergegeben. Dabei war diese Aufgabe eine Arbeit, für die man die Verantwortung trug und sie war als Dienst am Herrn anzusehen. Um die jungen Menschen zur Demut zu erziehen, war es nicht vorgesehen, einer Aufgabe nachzugehen, an der man Freude empfand oder die den eigenen Fähigkeiten entsprach. Im Gegenteil: Wenn man bei der Verteilung der meist vierzehn- oder fünfzehnjährigen Mädchen genau hinschaute, waren es häufig gerade die Tätigkeiten, die von den eigenen Interessen am weitesten entfernt waren.

Wie alle Mädchen absolvierte auch Lioba ihr Vorbereitungsjahr. Mitte Januar war der Tag der Zuordnung, an dem sich alle Neulinge in der großen Halle versammelten. Jedes Kind hatte bis dahin seine Neigungen gezeigt, Wünsche geäußert und stand dann erwartungsvoll vor dem Rat.

Lioba liebte Bücher. Seit sie lesen konnte, verbrachte sie jede freie Minute in der Bibliothek. Dort gab es neben der großen Sammlung alter Schriften eine kleine Auswahl an Büchern, die für die Kinder bereitgestellt war: Erzählungen und Geschichten in leicht verständlicher Sprache. Das Besondere war für Lioba jedoch die Atmosphäre, die sie in dem mit Büchern angefüllten Raum spürte. Die Folianten verströmten einen Hauch von Weisheit und Allwissenheit und beeindruckten das Mädchen. Häufig streifte sie durch die Gänge und ließ ihre Augen von dem Wunsch beseelt, etwas über die Vielfältigkeit des Lebens zu erfahren, über die Buchrücken wandern.

Die Aufgaben wurden verteilt. Vereinzelt vernahm man enttäuschte Unmutslaute und es ließen sich auch nicht alle Tränen zurückhalten, obwohl das eine wie das andere Strafen nach sich zog.

Liobas Aufmerksamkeit war in dem Moment verschwunden, in dem der Bibliotheksdienst an ein anderes Mädchen vergeben worden war. Enttäuscht zog sie sich in ihre Gedanken zurück. Als alle Kinder entlassen waren, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie die Zuteilung ihrer Aufgabe verpasst hatte. Erschrocken sah sie sich um und versuchte sich an die Worte zu erinnern. Vergeblich.

Lange blieb sie jedoch nicht im Ungewissen. Kaum waren sie in ihrem Aufenthaltsraum angekommen, fingen die anderen Mädchen an, sich über sie lustig zu machen. Das war häufiger der Fall. Sie war die Kleinste aus ihrem Jahrgang und scheu, wie sie war, hatte sie keine Chance, sich gegenüber den meist kräftigeren Mädchen zu behaupten. Sie träumte oft vor sich hin und bekam teilweise nicht einmal mit, wenn die anderen sie hänselten. Genau dafür war ihr die Bibliothek so lieb. Sie war ein Rückzugsort. Ein Fleckchen, an dem es keine lauten Worte gab, sondern wo immer Ruhe und ehrfürchtige Stille herrschte. Ein Ort, der ihre Fantasie beflügelte und sie vermuten ließ, dass es Bedeutsames außerhalb dieser Mauern gab.

„Na du Glückliche, darfst du zur Hexe in die Lehre gehen?“

„Da passt du wenigstens hin: sonderlich zu sonderlich.“

„Die Kräuterhexe bekommt ein neues Opfer.“

„Um im strömenden Regen dort draußen die Gräser zu zählen!“ Das Gelächter und die Häme der anderen waren verletzend. Sie spürte eine Berührung an ihrer Hand. Neben ihr stand Anna. Sie war so etwas wie eine Freundin, dabei waren Freundschaften der Mädchen untereinander nicht gerne gesehen. Obwohl ein Jahr jünger als Lioba war Anna diejenige, die sie immer wieder mit ihrer burschikosen Art vor den anderen in Schutz nahm. Jetzt wurde sie von ihr beiseitegezogen, so dass sie das Gelächter der anderen Mädchen nicht mehr hörte.

„Komm Lioba. Das ist gewiss nicht von Nachteil für dich. Sicher, im Winter ist es bitterkalt da draußen und nicht angenehm, aber du hast deine Ruhe vor den boshaften Zungen, die nur die Absicht haben, dich zu verletzen.“

„Aber was meinen sie mit Hexe?“

„Ich weiß es nicht. Alle fürchten Madame Rigaut, aber ich glaube, mit deiner Sanftmut wird es dir gelingen, dass sie dich nicht quält.“

Madame Rigaut war anders als die übrigen Dorfbewohner. Man sprach der alten Frau das Aussehen einer Schildkröte zu. Hinter einem von der Zeit gezeichneten Gesicht, in dem sich ihre Lebensjahre in der Anzahl der Falten widerspiegelten, verbarg sich ein aufmerksamer Geist.

Madame Rigaut war für alles zuständig, was in der freien Natur zu sammeln war: ob Birkenrinde, Tannenzapfen, Pilze, Honig oder Kräuter, Blumen und Beeren. Sie war das ganze Jahr lang unterwegs und brachte alles, was im Wald und in der freien Natur wuchs und von Nutzen war, in das Dorf. Sie war sonderlich, keine Frage. Für die Dorfbewohner war sie quasi die Kräuterhexe, doch das sagte man nicht offen, denn was Hexen anbelangt, da war der Rat recht eigen. Für diesen war sie eine Arbeitsbiene mehr in ihrem System.

 

 

Lioba betrat am Samstag nach der Zuordnung das am Dorfrand gelegene Haus der alten Frau und wurde von einem Duftgemisch aus Kräutern und ätherischen Ölen empfangen. Verschüchtert stand das Mädchen im Eingang und wartete darauf, dass sie die Aufforderung bekommen würde, näher zu treten. Doch das heimelige Haus schien verlassen. Aufmerksam schweifte ihr Blick durch den Raum. Er war holzvertäfelt und mit einem ebenfalls hölzernen Vitrinenschrank, zwei Regalen und einem kuscheligen Sofa mit unzähligen, bunten Kissen ausgestattet. Vielfältige Gefäße aus Steingut oder Glas standen in den Regalen. Geflochtene Körbe hingen an diversen Haken von der Decke herab und waren üppig mit getrockneten Blumen oder Pflanzen bestückt. Auf dem Tisch lagen einige schwere Bücher, teilweise geöffnet und mit zahlreichen Lesezeichen versehen. Neben einer Teekanne zog eine Schale, die mit feinen Schokoladenplätzchen gefüllt war, Liobas Blick aus großen Augen auf sich. Schokolade gab es nur äußerst selten, als Belohnung für herausragende Leistungen oder als besonderen Dank.

Leises Plätschern lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine mit Hängepflanzen bestückte, grüne Wand, aus der es leicht in eine steinerne Rinne tropfte. Am liebsten hätte sie sich auf das Sofa gekuschelt und die wohlige Atmosphäre des Raumes tief in sich aufgesogen, aber sie wusste, welchen Stellenwert sie besaß und dass jedes Fehlverhalten mit harten Strafen bedacht wurde.

Ein tiefroter Vorhang verdeckte teilweise den Durchgang zu einem weiteren Raum. Sie trat hindurch und gelangte in eine Art riesigen Wintergarten. Feuchte Luft, angefüllt mit dem betörenden Geruch nach Erde, Blüten und Grün, schlug ihr entgegen. Lioba versuchte, in dem offen vor ihr liegenden Raum ihre Mentorin zu entdecken. Doch vergeblich. Stattdessen sah sie eine Unmenge an Pflanzen und Sträuchern vor sich, die, einem Urwald gleich, dicht aneinandergedrängt den gesamten Raum einnahmen. Blühende Pflanzen in allen möglichen Farben, Schlingpflanzen und zahlreiche kleine Stämmchen vermittelten einen Eindruck von üppiger Fruchtbarkeit.

Überwältigt und verunsichert drehte sie sich um sich selber. Was wurde von ihr erwartet, wenn Madame Rigaut nicht hier war? Verzagt überlegte sie, ob sie sich in der Zeit geirrt hatte. In dem Gang, der zur Hintertür führte, sah sie einen Korb stehen. Sie wusste nicht, ob das etwas zu bedeuten hatte, aber der Korb stand mitten im Weg und schien sie regelrecht aufzufordern. Ein kleiner Briefumschlag, auf dem ihr Name stand, war am Griff befestigt.

Das Mädchen öffnete den Umschlag und zog eine kleine Karte hinaus. Eine Bleistiftzeichnung von einem Baum, unter dem sich eine Pfütze ausbreitete, zierte die eine Seite. Es war eine feine Zeichnung mit einer eigenartigen Ausstrahlung; die Pfütze selber hatte die Form eines Baumes und darin spiegelte sich die fein verästelte Krone. Der Baum im Baum. Lioba drehte die Karte um und las die Aufforderung, die dort stand: „Nimm den Korb, geh in den Wald und sammle alle Geschenke, die der Wald dir bis zum Einbruch der Dunkelheit macht.“

Was bedeutete das? Welche Geschenke vermochte der Wald ihr zu geben? Zögerlich nahm sie den Korb. Sie trug eine warme Jacke, da sie damit gerechnet hatte, draußen zu arbeiten. Aber wo sollte sie suchen? Was sollte sie finden? Was wurde von ihr erwartet? Lioba wusste, dass sie einen halben Tag Zeit hatte, um in dem nahegelegenen Wald fündig zu werden. Ziellos lief sie die erste Stunde durch den Wald und suchte nach weiteren Zeichen und Hinweisen, die sie jedoch nicht fand. Um sie herum war nichts als Natur. Sie kannte weder die Namen der Bäume noch die der anderen Gewächse. Verzagt ließ sie sich auf einem Baumstumpf nieder und sank in sich zusammen. Sie fühlte sich hilflos und allein. Die Zeit verging und je länger sie dasaß und schaute, umso vertrauter wurde ihr der Wald. Das gleichmäßige Rauschen der Bäume drang allmählich zu ihr vor und es beruhigte sie. Der Wald nahm sie bei sich auf. Unbewusst fing sie an, darauf zu achten, wie sich die Äste dem Wind beugten und sich die Schatten der Bäume weiter über den Waldboden schoben. Lange saß sie bloß da, bevor sie sich etwas steif vor Kälte erneut aufmachte, um durch den Wald zu streifen. Plötzlich hatte sie kein Ziel mehr und ließ sich planlos treiben. Aufmerksam nahm sie dabei ihre Umgebung wahr.

 

 

Rückblickend waren die drei Jahre nach ihrer Aufnahme bei Madame die schönsten in Liobas Leben. Von da an verging kaum ein Tag, an dem sie nicht gedemütigt oder gequält worden war. Doch davon später. Der Tag im Wald hatte sie verändert. Die Unsicherheit, mit der sie ihn betreten hatte, war nach diesem Tag einem immer stärkeren Gefühl der Verbundenheit mit der Natur gewichen. Und eine ebensolche Verbundenheit entwickelte sich zu der alten Frau. Die von allen gefürchtete Madame erwartete sie nach Einbruch der Dunkelheit in ihrem Haus. Lioba war schrecklich verunsichert, da sie nicht wusste, ob sie dem Auftrag auch nur im Ansatz gerecht geworden war. Aber kaum angekommen, saß sie mit einer heißen Schokolade auf dem so einladend kuscheligen Sofa und versank beinahe zwischen den bunten Kissen. Madame Rigaut saß ihr gegenüber und beobachtete sie aufmerksam.

„Trink erst einmal von dem Kakao und dann erzähl mir von deinem Tag“, forderte sie das Mädchen mit den roten Wangen und dem bangen Blick auf.

Lioba nippte an ihrem Becher. Nie hatte sie so etwas Köstliches getrunken. Sie nahm kleine Schlückchen und hielt das warme, cremige Getränk in ihrem Mund, um den Geschmack zu bewahren, bevor sie es langsam durch ihre Kehle rinnen ließ. Ihr kalter Körper wurde von einer inneren Hitze durchströmt und ein wohliges Gefühl von Glück breitete sich in ihr aus.

Über den Becher hinweg sah sie auf die alte Frau. Sie wirkte nicht boshaft. Alt? Ja! Und so, als würde sie das ganze Wissen des Universums in sich vereinen. Sie trug das graue Kleid der Gemeindemitglieder mit dem gestärkten, weißen Kragen, aber die Augen waren voller Wärme und nahmen ihr jegliche Angst.

Langsam fing sie an zu erzählen. Von ihrer Unsicherheit, von der Befürchtung, die ihr gestellte Aufgabe nicht richtig verstanden zu haben und von den Geschenken des Waldes. Dabei nannte das Mädchen zunächst die vielen Bilder, die Ruhe und die in sich stimmige Lebendigkeit. Die alte Frau lächelte wissend. Den ganzen Tag über hatte sie das Mädchen beobachtet, war immer in ihrer Nähe geblieben und vermochte dadurch die Veränderung, die es im Laufe der Stunden durchlebte, wahrzunehmen. Für sie war das Kind eine glückliche Fügung. Während der letzten Jahre kamen immer Schülerinnen zu ihr, die keinen Zugang zur Natur fanden. Das waren mühsame Zeiten für beide Seiten. Doch bei Lioba überkam sie Zuversicht. Madame Rigaut wusste, dass die Zustände in der Gemeinschaft immer skrupelloser wurden. Das System war inzwischen weit von den Ideen und Idealen entfernt, von denen sie in jungen Jahren begeistert war. Doch das lag lange zurück und mit der Zeit war sie in ihre eigene kleine Welt abgetaucht. Nur hier war sie in der Lage, etwas Einfluss zu nehmen, den Bewohnern der Gemeinschaft unauffällig Hilfe zu leisten und ihre Kenntnisse über die Pflanzen und Kräuter sinnvoll anzuwenden. Wo hätte sie auch sonst hingehen sollen? Sie schüttelte die Traurigkeit ab, die immer häufiger von ihr Besitz ergriff. Hier war ihr Zuhause, hier gab es eine Aufgabe. Diesem Kind würde sie den nötigen Halt und Kraft für ihre Zukunft mit auf den Weg geben. Und wenn es das Letzte wäre, was sie vollbringen würde.

Und so verbrachten die beiden ein glückliches, gemeinsames Vorbereitungsjahr, wobei Madame Rigaut ihrer Schülerin nicht nur die Natur auf eine anschauliche und lebendige Art näherbrachte, sondern ihr darüber hinaus viele Dinge vermittelte, die dem Rat in keiner Weise gefallen hätten. Gleich am ersten Tag warnte sie das Mädchen eindringlich davor, irgendjemandem gegenüber zu erwähnen, dass sie gerne den Dienst leisten würde. Denn das wäre für den Rat Grund genug, sie mit einer anderen Aufgabe zu betrauen.

Lioba schwieg im Beisein der Gemeinschaft zu allem, was sie von Madame Rigaut erfuhr, und die meisten nahmen an, dass sie still leiden würde. Welche Bereicherung ihr Leben in dieser Zeit erfuhr, das konnte sie selber erst zu einem späteren Zeitpunkt in vollem Umfang ermessen.

Nach einem Jahr absolvierte sie eine Prüfung, die sie mit Auszeichnung und einer Tafel Schokolade - der großzügigen Gabe des Rates - bestand. Danach war es ihr erlaubt, selbständig unterwegs zu sein und Aufgaben für Madame auszuführen. Es vergingen zwei weitere Jahre, in denen für das Mädchen die Welt in Ordnung war, bis ihre Bezugsperson plötzlich verschwand.

 

 

Madame Rigaut war dem Mädchen mehr als eine Mentorin. Wie eine Großmutter nahm sie sich ihrer Schülerin an. Es drängte sie bei diesem Mädchen, ihr mehr als reines Wissen über die Pflanzen und die Zubereitung von Heilmitteln weiterzugeben.

Mit liebevoller Zuwendung und vielfältigen Anregungen formte sie die in dem Kind angelegte Feinsinnigkeit. Sorgsam arbeitete sie an der Ausbildung des Gewissens, des Gerechtigkeitsempfindens und dem bis dahin kaum ausgebildeten Selbstbewusstsein. Damit leistete sie einen wichtigen Gegenpart zur Ausbildung innerhalb der Gemeinschaft. Dort sah man den absoluten Gehorsam, die Unterordnung und Anpassung als vorrangiges Ziel. Die jungen Frauen wurden so erzogen, dass sie im System einsetzbar waren. Jede auf ihre eigene Weise, aber alle im Sinne des größten Nutzens. Und Nutzen bedeutete an dieser Stelle: Gewinne zu erwirtschaften, die Gemeinschaft zu versorgen und Bedürfnisse zu befriedigen. Die Rechte des Einzelnen waren dabei nicht von Bedeutung.

Plötzlich fiel die schützende Hand der Mentorin weg. Wie jeden Samstag war sie zeitig am Morgen zu dem kleinen Haus am Ortsrand gelaufen. Dort öffnete ihr aber nicht Madame Rigaut die Tür, sondern eine groß gewachsene Frau, die sie nie zuvor im Dorf gesehen hatte. Kurz und knapp stellte diese sich als Madame Guliver vor. Sie wäre ihre neue Vorgesetzte. Von ihr bekam Lioba an der Haustüre einen Korb und eine Liste mit den zu sammelnden Kräutern und Früchten in die Hand gedrückt.

Zaghaft fragte sie nach Madame Rigaut. Doch dafür erntete sie nur einen verächtlichen Blick.

„Den Namen dieser Person erwähnst du lieber nie wieder. Sie ist weg und du vergisst sie besser so schnell wie möglich.“

Lioba lag eine Erwiderung auf den Lippen, doch gerade noch rechtzeitig erinnerte sie sich an die eindringliche Mahnung von Madame. Immer wieder hatte sie ihr eingeschärft, dass nie jemand erfahren dürfe, dass sie mehr als nur ihre Lehrmeisterin gewesen sei.

 

Völlig irritiert ließ sie das Dorf hinter sich und suchte Trost im Wald. Sie verharrte an Stellen, an denen sie oft Stunden mit ihrer Mentorin verbracht hatte. Immer wieder darauf hoffend, dass diese plötzlich auftauchen und aus dem Wald hervortreten würde, um sich wie so oft zu ihr zu setzen. Sie hatten beide die Stimmungen des Waldes geliebt, Madame hatte ihr viel erzählt: von ihrem Leben, über die Gemeinschaft und darüber, was in diesem System nicht in Ordnung war. Manches verstand Lioba nicht auf Anhieb, aber darin sah ihre Mentorin kein Problem. Sie solle sich nur an ihre Erzählungen erinnern, wenn die Zeit dafür gekommen wäre. Dann würde sie alles verstehen. Ihren Vorschlag, dass sie ihr ja dann die Geschichten noch einmal erzählen könne, blockte die Alte ab.

„Lioba, so sehr ich mir das wünsche, aber die Zeit werden wir nicht bekommen. Ich kann dich nicht mehr lange unterweisen. Bald wird damit Schluss sein und dann bleiben dir nur die Erinnerungen. Denk immer an meine Worte und an unsere gemeinsame Zeit.“

„Geht es dir nicht gut?“

„Oh, doch, ich bin gesund. Aber wahrscheinlich werde ich eines Tages nicht mehr mit dir unterwegs sein dürfen!“

Jetzt begriff Lioba, dass Madame Rigaut geahnt hatte, was passieren würde. Aber sie hatte nicht daran geglaubt, dass ihre traute Zweisamkeit überhaupt und dann auch noch so schnell ein Ende finden würde. Ein tiefes Gefühl des Verlassenseins breitete sich in dem Mädchen aus und sie spürte die Endgültigkeit dieses Verlustes.

Lange streifte sie durch den Wald. Von Traurigkeit erfüllt, vergaß sie dabei den Korb und die Liste, so dass sie bei Anbruch der Dunkelheit mit leeren Händen ins Dorf zurückkehrte.

Die Strafe, die auf dieses Vergehen folgte, war bitter: Zwei Tage verbrachte sie im Loch, einem Kellerraum, ohne Licht; mit einem kalten Steinboden, in den ein Abflussrohr eingelassen war. Eine Flasche Wasser pro Tag und drei Scheiben trockenen Brotes waren alles, was man ihr zugestand.

Allein in der Dunkelheit sitzend, fing Lioba an, sich ihre Gespräche mit Madame in Erinnerung zu rufen. In ihrer Vorstellung saß die alte Frau bei ihr, erzählte ihr Geschichten und milderte damit die zunehmende Verzweiflung des Mädchens. Hatte sie in dieser Zeit gehofft, bald aus dem Loch raus zu kommen, war die Zeit danach nicht minder grausam. Neben zahlreichen Befragungen, die sich immer wieder um die Inhalte ihrer Ausbildung und ihre Beziehung zu Madame Rigaut drehte, steckte sie täglich Schläge ein, da ihre Aussagen offensichtlich nicht dem entsprachen, was der Rat erwartete. Doch aller Pein zum Trotz beharrte sie auf ihren Schilderungen, dass die Ausbildung bei Madame mühsam gewesen sei, diese sehr streng und unpersönlich war und es außer der Pflanzen- und Heilkunde keine anderen Themen zwischen ihnen gegeben hatte.

Auf immer wieder die gleichen Fragen gab sie immer wieder die gleichen Antworten.

Nach zwei Wochen durfte sie zurück in ihren Alltag. Sie kehrte zurück in den Schlafsaal zu den anderen Mädchen und nahm mit strengen Auflagen und unter Kontrolle ihre Aufgaben wieder auf. Wie am ersten Tag bekam sie von Madame Guliver eine Liste und von da an auch immer eine klare Zeitvorgabe. Und diese ließ ihr nur selten Platz zum Träumen oder dazu, die Kraft der Natur zu erspüren.

Das war die Zeit, in der sie auf einer ihrer Sammeltouren Milan begegnete, dem jungen Mann mit den schwarzen Haaren und den beinahe nachtschwarzen Augen.

2

 

 

Das alte Backsteinhaus mit den kleinen Türmchen stand in einem abgelegenen Viertel der Stadt und es war offensichtlich, dass es die besten Zeiten lange hinter sich hatte. Das moosbewachsene Dach war ebenso wie die hölzerne Verkleidung des Dachgeschosses arg verwittert. Die von der Straße zurückversetzte Alleinlage in einem im Laufe der Jahre urtümlich zugewucherten Garten, weckte die Vorstellung von einem ehemals repräsentablen Anwesen. Inzwischen diente es einer illustren Mischung von Menschen als Zuhause, die von repräsentabel weit entfernt waren. Fünf unterschiedliche Nationen fanden sich in den Mauern wieder und an warmen Sommertagen drang ein beinahe babylonisches Sprachgemisch aus den leicht trüben Fenstern. So empfing es Milan, als er sich seinem neuen Wohnsitz näherte. Den Kopf leicht erhoben, aufmerksam auf die Geräusche und Stimmen lauschend, lief der junge Mann auf das Gebäude zu. Vor der Tür überflog er die Namensschildchen der Klingeln, froh darüber, sein Ziel erreicht zu haben. Da stand er mit seinem überschaubaren Gepäck: einem Koffer mit Kleidungsstücken sowie einer Kiste, in der alle seine persönlichen Dinge Platz fanden. Das war nicht viel, denn er besaß nicht viel, was von Bedeutung war, nicht viel, was ihm eine Erinnerung wert war. Er wusste, dass alles Materielle nur Ballast war und einem eine falsche Sicherheit oder Verbundenheit vorgaukelte. Woran sollte er sich erinnern? An sein Zuhause, das kein Zuhause war? Oder an die Familie, die keine war? Milan war froh, alles hinter sich gelassen zu haben. Er war fremd in diesem Land, auch wenn er wusste, dass es die Heimat seiner Mutter gewesen war.

Einige Minuten verharrte er reglos vor der Haustür. Starrte auf die Klingeln und ließ die Namen auf sich wirken. Fremde Namen, von fremden Menschen. Hinter jeder Klingel verbarg sich eine Geschichte, ein Leben; und auch für ihn würde sich etwas an diesem Ort entwickeln, seine Geschichte.

Familie Antone.

Dort sollte er sich melden, um seinen Wohnungsschlüssel in Empfang zu nehmen. Er drückte den kleinen, schwarzen Knopf und wartete. Stimmen wurden laut, Türen schlugen, dann brummte der Türöffner. Milan verharrte einen weiteren Moment und ließ einen Augenblick verstreichen, bevor er die Tür in seine Zukunft aufstieß.

Eine kräftige Frau stand in dem Hausflur, der im Dämmerlicht vor ihm lag. Unter der Decke flackerte eine trübe Birne und schaffte es, alle paar Sekunden für ausreichend Licht zu sorgen. Es roch nach Essen und kaltem Rauch. Nicht einladend, aber es war nur der Hausflur. Milan begrüßte die Frau höflich, die sich mit Marietta Antone vorstellte, während er von ihr eher abschätzend betrachtet wurde.

„Finalmente ragazzo, endlich, ich wollte noch zum Friedhof und musste jetzt die ganze Zeit warten. Hatten Sie nicht geschrieben, dass Sie gegen Mittag anreisen wollten?“

„Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Umstände gemacht habe. Ich bin die ganze Nacht hindurch gefahren und eben, als ich eine Pause eingelegt habe, da bin ich eingeschlafen.“ Milan warf der korpulenten Frau in ihrem eng sitzenden Nickianzug einen entschuldigenden Blick zu.

„Allora, ist ja auch nicht tragisch. Die Toten laufen mir eh nicht mehr davon. I morti hanno sempre tempo. Die müssen warten, ob sie wollen oder nicht. Hier sind die Schlüssel für die Wohnungstür, die Haustür, den Keller und den Briefkasten.“ Die Frau zählte ihm die Schlüssel wie Münzen vor.

„Danke.“ Milan ergriff den Schlüsselbund.

„Sie steigen hoch, bis unters Dach. Oben gibt es zwei Wohnungen. Der Rest ist Speicher. Da können Sie ihre Wäsche aufhängen. Ihre Zimmer sind auf der rechten Seite, nummero nove, neun.“

„Das finde ich. Vielen Dank. Ich gehe dann mal.“

„Allora, benvenuto a nostra casa, wenn was ist, dann kommen Sie vorbei.“

Milan nickte der Frau zu und stieg voller Erwartung die Treppe hoch. Hier war alles so anders, als er es kannte: die Gerüche, die kargen Wände, das schummerige Licht, die ausgetretenen Holzstufen. Auf der ersten Etage führten ebenso wie im Erdgeschoss zwei Türen vom Treppenhaus ab. Das bunte Gemisch an Stimmen, Kindergeschrei und Geräuschen drang bis in den Hausflur. Auf dem letzten Absatz wurde es heller, da durch den offenen Speicher Licht hineinfiel. Endlich stand er vor der Wohnungstür und betrachtete die Schlüssel in seiner Hand. Er hatte sich vorgenommen, das Jahr 1987 als Jahr seines Neuanfangs zu nutzen, und dazu gehörte es, dieses Haus als sein neues Zuhause anzunehmen. Seine Befangenheit schüttelte er ab und wagte den entscheidenden Schritt.

Die Wohnung war winzig. Sie bestand aus einem kleinen Zimmer, das spartanisch mit einem Bett und einem alten Kleiderschrank ausgestattet war und einem etwas größeren Wohnraum mit einer Küchenzeile und einem Sitzplatz für zwei Personen. In einer Gaube stand ein Schreibtisch, und der Ausblick war das, was ihm spontan am besten gefiel: Das Fenster lag an der Rückseite des Hauses und bot ihm die Aussicht über den verwilderten Garten hinweg bis zum Waldrand. Ansteigende Berghänge erhoben sich im Hintergrund und dieser Anblick entschädigte ihn für das abgenutzte, in die Jahre gekommene Inventar.

Der junge Mann schaute sich in seiner neuen Bleibe um. Es war anders, als in seiner Vorstellung, dafür war er jetzt unabhängig und das bedeutete ihm im Augenblick sehr viel. Für den Rest wäre er selber verantwortlich und genau das war es, was er anstrebte. Auf eigenen Füßen zu stehen und sich selber zu beweisen, dass er alleine in der Lage war seinen Weg zu finden und zu bewältigen.

Eine halbe Stunde später hatte er seine Kiste ebenfalls ins Haus getragen, die Kiste mit allem, was aus seiner Vergangenheit noch von Bedeutung war.

Nachdem Milans persönlichen Dinge verteilt waren, sahen die Räume kaum bewohnter aus als vorher. Die Garderobe war im Schrank verstaut und die Schreibmaschine vor dem Fenster in der Gaube aufgestellt. Einige Bücher hatten ihren Platz in dem offenen, unlackierten Regal an der Wand gefunden. Lehrbücher, von denen er annahm, sie hier weiter verwenden zu können. Eine Schachtel mit Erinnerungsstücken stellte er ungeöffnet auf den Boden des Kleiderschranks. Nur ein Gemälde in einem schweren, antiken Rahmen hängte er an die Wand. Dieses Bild war das einzig dekorative Stück in der Wohnung und wirkte völlig deplatziert an der angegrauten Wand. Es zeigte eine anmutige, junge Frau mit schwarzen, langen Haaren, versonnen vor einem herrschaftlichen Anwesen in einer üppigen Parkanlage auf einer Bank sitzend. Das aufgeschlagene Buch ruhte, wie gerade aus der Hand geglitten auf ihrem Schoß. Ihr Blick aus dunkelblauen Augen sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Milan verharrte vor dem Bild, nachdem es seinen Platz in der neuen Umgebung erhalten hatte. Er schluckte und versuchte, den Kloß in seinem Hals zu lösen, doch die Tränen stiegen ihm in die Augen. Die Erinnerung war zu frisch, zu übermächtig die Gefühle, als dass er sie hätte unterdrücken können. Milan presste sich die Finger vor die Augen darauf hoffend, die Tränen damit zurückzuhalten. Plötzlich brachen die ganzen Emotionen der letzten Wochen durch. Er hatte sich beherrscht und seine Enttäuschung, Wut und Verzweiflung hinter einer kühlen, emotionslosen Fassade versteckt. Er hatte sich keine Blöße gegeben, kühl und sachlich seine Schritte geplant und so lange die Fassung bewahrt. Bis zu diesem Augenblick, doch nun kamen die Tränen und ließen sich nicht mehr verhindern. Er weinte, wie er seit Kindertagen nicht mehr geweint hatte, bitterlich schluchzte er und ließ mit seinen Tränen den ganzen Schmerz heraus, der ihn zu zerreißen drohte. Keiner sah ihn, keiner hörte ihn, weder seine Mutter noch seine Schwester, denen diese Tränen galten. Er fühlte sich verlassen, einsam und heimatlos. Es dauerte lange, bis er sich wieder beruhigte. Erschöpft von der weiten Fahrt und dem heftigen Gefühlsausbruch, schlief er früh am Abend ein.

 

Der Mond tauchte den kleinen Schlafraum in ein fahles Licht, als er in der Nacht erwachte. Mühsam versuchte er, sich zu orientieren. Fremde Geräusche, das Knarren der Balken über ihm und Tierstimmen aus dem Wald drangen an sein Ohr. Die eigene Wohnung, sein neues Leben, der Schnitt mit seiner Vergangenheit, die lange Reise, ein fremdes Land. Lauter Gedanken, die ihn bis ins Unterbewusstsein beschäftigten und ihn letztendlich erwachen ließen. Das Hemd klebte an seiner Haut. Die Hitze in der Nacht war ungewohnt. Keine Klimaanlage sorgte hier für eine angenehme Schlaftemperatur. Stattdessen hatten die Dachziegel die Wärme des sonnigen Tages gespeichert und die Luft schien ihm zum Zerschneiden dick. Milan erhob sich. Hitze, Durst und eine innere Unruhe trieben ihn aus dem Bett. Er hatte geträumt, doch waren es seine Gedanken, die sich über den Traum legten. Ja, diesen eigentlich vertrieben, dabei blieb das angenehme Bild einer grünen Wiese mitten im Wald. Mit einem Glas Kranwasser setzte er sich auf seinen Schreibtisch. Durch das weit geöffnete Fenster drang die angenehm kühle Nachtluft herein. Die Nächte gehörten seit Jahren ihm. Da gab es keine Gängelei, Maßregelungen, Erwartungen, die er nicht erfüllen konnte oder wollte. Nachts war er für sich. Da gehörten die Gedanken ihm allein. Tief atmete er den fremden Geruch ein: eine Mischung aus stickigem Hinterhof und Wald. Ja, er hatte geträumt, von einer großen, weiten Wiese; kleinen Blumen, die bunte Flecken in das satte Grün einwoben. Über die Wiese kam ein Mädchen mit langen, blonden Haaren auf ihn zugelaufen. Die kleine Waldfee vom Nachmittag? Milan schloss seine Augen und hatte das Bild des Mädchens vor sich und ein kleines Lächeln glitt über sein Gesicht. Ein eigentümliches Geschöpf. Sie sah so aus, als wäre sie aus einer vergangenen Zeit übrig geblieben und ihre Frage nach dem Fotoapparat hatte diesen Eindruck zusätzlich verstärkt.

 

 

Das Semester fing einige Tage nach der Ankunft von Milan an. Überraschend anders, als dieser sich seinen Studienbeginn vorgestellt hatte. Eingeschrieben und in allen Details informiert, wie sein Stundenplan aussah, fand er sich zeitig im Vorlesungssaal ein. Mit den an der Akademie in seiner Heimat erbrachten Leistungsnachweisen war er ins vierte Semester eingestuft worden. Obwohl ihm die Vorlesung nicht viele neue Erkenntnisse vermittelte, gefiel ihm die engagierte Art der inhaltlichen Aufbereitung durch den Professor und so fanden sich im Anschluss einige Notizen auf seinem Block. Bis der Großteil der Studenten den Saal verlassen hatte, verharrte Milan auf seinem Platz und schaute überrascht auf, als ihn ein junger Mann ansprach.

„Du hast jetzt nicht etwa vor, in die Mensa zu gehen?“

Erstaunt betrachtete Milan sein Gegenüber: Groß, mit blonden, kinnlangen Haaren, lebhaft blauen Augen, kräftigen Schultern, einem bunt bedruckten T-Shirt, Jeans und einem frechen, breiten Grinsen im Gesicht.

„Und was oder wer spricht dagegen?“, fragend zog er die rechte Augenbraue hoch und stand auf, um sich auf Augenhöhe zu unterhalten.

„Das Auftauchen eines Paradiesvogels, der die Studentenschaft in zwei Lager aufteilen wird.“

„Was soll das heißen?“

„Ganz einfach: Der eine Teil wird sich gleich anbiedern oder sich dir an den Hals werfen. Und für den anderen Teil bist du das ausgemachte Feindbild, weil der vor Eifersucht platzt.“

„Völliger Quatsch. Warum sollte dem so sein?“, abwehrend drehte sich Milan zur Seite, klemmte sich seine lederne Tasche unter den Arm und machte Anstalten, sich an dem jungen Mann vorbei zu schieben.

„Ich meine es ernst. Dein Glück war es, dass du vor den anderen hier im Saal gesessen hast.“

Die beiden Männer fixierten sich, bemüht, im Blick ihres Gegenübers zu lesen.

„Zu welcher Gruppe zählst du dich?“, provozierte Milan, ohne den Blick abzuwenden. Die Mundwinkel des Blondschopfes wanderten wieder in die Breite.

„Zu deinem Glück gehöre ich zu keiner der Fraktionen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich 90 Minuten Zeit hatte, um einen Blick hinter deine bonzenhafte Fassade zu werfen.“

„Ich weiß, wer du bist - in 90 Minuten? Typencheck? Psychoanalyse zwischen Tür und Angel? Oder was soll das werden?“

„Jetzt reg dich mal ab und hör mir einfach mal zu.“

„Okay, 90 Sekunden, dann hast du mich überzeugt oder ich bin weg.“

„Na gut. Du tauchst hier auf, mit einem maßgeschneiderten Anzug. Deine Schuhe kosten mehr, als die meisten hier in einem Semester an Geld zur Verfügung haben, deine Manschettenknöpfe sind völlig deplatziert und dazu siehst du aus, als wärest du dem letzten Männermagazin entsprungen. Die Frauen wittern Geld, viel Geld, Status und deine attraktive Erscheinung macht es ihnen schwer, sich nicht Hals über Kopf in dich zu verlieben. Klarer Fall, dass die männlichen Geschöpfe eifersüchtig werden, wenn sie ihre Felle davonschwimmen sehen. Da ist dir die Ablehnung sicher. Aber, was bist du? Arrogant? Herablassend? Nein, ich habe dich beobachtet, wie du auf die Beiträge der anderen reagiert hast. Nein, du hast weder den Auftritt gesucht, als du gekommen bist, noch dich am Ende der Vorlesung in Szene gesetzt. Es wäre ein Leichtes gewesen, alle Aufmerksamkeit auf dich zu lenken, stattdessen hast du gewartet, bis die Masse den Saal verlassen hatte. Fazit, du bist nicht der arrogante, feine Pinkel, den ich bei deinem Anblick erwartet habe. Übrigens, die 90 Sekunden sind um, und du stehst noch hier. Ich bin Benjamin. Aber alle sagen nur Benny.“ Freundlich streckte er Milan die Hand entgegen. Dieser zögerte einen Moment, bevor er sie ergriff.

„Milan“.

„Gut, Milan, dann gehen wir jetzt gemeinsam in die Stadt, du kaufst dir anständige Klamotten und dann hoffen wir, dass deine heutige Aufmachung schnell in Vergessenheit gerät.“

„Das Problem ist nur, dass ich kaum Geld habe.“ Verwunderung überzog das Gesicht seines Gegenübers.

„Das verstehe ich jetzt nicht, bei dem, was ich hier vor mir sehe, aber was heißt kaum? Wie viel kannst du für ein paar Klamotten ausgeben?“

„So wenig wie möglich.“

„Okay. Ich kenne einen Laden, der hat ordentliche Secondhandware.“

„Secondhand?“

„Ja, die Sachen sind bereits getragen, aber in einem anständigen Zustand.“

„Wenn du meinst, dass das geht?“ Milan fühlte sich etwas überrumpelt von Benjamins Aktionismus. Aber wenn er ehrlich war, dann musste er ihm Recht geben, ihm war durchaus aufgefallen, dass hier nicht einmal der Professor ein Jackett, geschweige denn einen Anzug trug.

3

 

 

Wenige hundert Meter vom Dorf entfernt lag der Gutshof, in dem das eigentliche Zentrum der Creus-Gemeinde untergebracht war. Die alte, beinahe quadratische Hofanlage wirkte von außen düster und abgeschottet. Durchschritt man hingegen das Torgebäude, in dem die Wirtschafts- und Versorgungsräume untergebracht waren, gelangte man in einen großzügigen Innenhof und der Blick fiel auf das prächtige, dreigeschossige Gutshaus, das in strahlendem Weiß getüncht war. Dort lebte der Meister in Räumlichkeiten, die der Gemeinde nicht zugänglich waren. Im Erdgeschoss befand sich ein prächtiger Saal, der für besondere Versammlungen und Veranstaltungen der Gemeinde genutzt wurde. Hinter der kunstvollen Holzvertäfelung verbarg sich der Zugang zu einer kleinen Kapelle, die mit ihren filigranen, aus rotem und blauem Glas gestalteten Fenstern nach Osten ausgerichtet war. Die beiden Seitenflügel beherbergten das Internat, die Schule und die große Bibliothek. Neben den Kindern des Dorfes besuchten etwa dreißig Mädchen und Jungen aus den verschiedensten Landesteilen die Schule, deren Träger die Glaubensgemeinschaft war. Damit oblag die Verantwortung der Unterrichtsinhalte und Methoden dem Rat. Hier wurden die Kinder im Geiste der Creus-Gemeinde ausgebildet und erzogen. Dabei gab es eine strikte Trennung von Jungen und Mädchen. Sie waren in den Seitenflügel untergebracht, in denen auch die jeweiligen Unterrichtsräume lagen. Täglich standen fünf Lehrstunden für die Mädchen auf dem Plan: Glaubenslehre, Rechnen, Sprache, Hauswirtschaft und Musik. Die Jungen wurden neben der Glaubenslehre in Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaft, Politik und Sport unterrichtet. Bis sie sich mit Madame Rigaut über den Unterricht unterhalten hatte, waren die Unterschiede in der Ausbildung der Jungen und Mädchen für Lioba selbstverständlich. Doch für ihre Mentorin war das ein rotes Tuch und sie regte sich fürchterlich über diese ungerechte Behandlung auf. Nicht nur über die Fächerwahl, die für die Schüler unterschiedlich ausgerichtet war.

Lioba erinnerte sich an die deutlichen Worte ihrer Meisterin: „Weißt du Lioba, Wissen ist Macht. Wissen macht stark und unabhängig. Und das ist genau das, was sie verhindern möchten, sie halten euch Mädchen davon ab, frei und selbständig zu werden. Stattdessen erwartet die Gemeinschaft, dass ihr brav und gehorsam die nötigen Aufgaben verrichtet und bereit seid, zu dienen, so, wie sie es in ihrer Glaubenslehre täglich predigen. Dort heißt es, wie seit hunderten von Jahren, die Frau sei dem Mann untertan. Das stimmt nicht, Frauen sind nicht minderwertig und es gibt keinen Grund dafür, dass sie sich unterordnen oder sich vom Mann beherrschen lassen. Außerhalb dieser Gemeinschaft sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Sie besuchen die gleichen Schulen, studieren die gleichen Fächer und arbeiten in den gleichen Berufen. Es gibt natürlich auch Unterschiede, insbesondere dort, wo Kraft erforderlich ist, aber solange die Mädchen die gleiche Bildung erfahren, auch in Fächern wie Mathematik und den Naturwissenschaften, stehen ihnen alle Möglichkeiten offen. Ihr solltet nicht nur das bisschen Rechnen lernen, was sie euch zugestehen. Ihr solltet Sprachen lernen, euch mit Politik und Gesellschaftsformen, auseinandersetzen, die Gesetzmäßigkeiten der Natur erkennen und verstehen. Es sind so viele Dinge, die sie euch vorenthalten. Von denen sie euch regelrecht aussperren.“ Madame redete sich in Rage, bevor sie irgendwann traurig verstummte. Die Minuten verstrichen.

„Wenn ich nur einen Weg finden würde. Aber ich kann hier nicht alles hinter mir lassen. Abgesehen davon, dass ich keinen einzigen Pfennig besitze. Was hätte ich für eine Chance auf ein Leben da draußen, ohne jemandem zur Last zu fallen? Der Gedanke schmerzt mich, meine Heimat zu verlassen, doch wenn ich dich anschaue, habe ich nur den einen Wunsch, dich von hier fortzubringen. Dir eine andere Zukunft zu ermöglichen und wenigstens deine Seele zu retten.“

Die Erinnerung an diesen Nachmittag war für Lioba verstörend. Sie hatte die Qual erlebt, von der ihre sonst so unerschütterliche Madame erfasst wurde.

Über die Pflanzenkunde hinaus fanden sich viele Themen, die sie teilweise stundenlang auch auf ihren Wanderungen durch die Wälder beschäftigten. Lioba lernte die Wirkung und Anwendung verschiedener Kräuter und Pflanzenteile kennen. Madame Rigaut erklärte ihr den Lebensraum, den sie täglich durchstreiften: das fein aufeinander abgestimmte System von Geben und Nehmen, Wachsen und Vergehen, von Räubern und Beute, die den Kreislauf des Lebens bestimmten. Lioba war immer gerne zur Schule gegangen. Sie war wissbegierig und versuchte, so viel wie möglich zu lernen.

Mit Nachdruck forderte Madame Rigaut: „Vergiss nie, eigene Fragen zu stellen und deinen Zweifeln nachzugehen.“

Mit diesem Leitgedanken von ihren eigenen Eltern erzogen und geprägt, machte es sich Madame Rigaut zur Aufgabe, Lioba den Weg zu bereiten. Ebenso wie ihre Eltern hielt sie Lioba dazu an, Sachverhalte zu hinterfragen, auch wenn etwas offensichtlich erschien. Sie provozierte ihre Schülerin, reizte sie mit Fragen, um zu einem Ergebnis zu kommen. Sie weckte die Eigenständigkeit des Denkens bei Lioba. Nahm die Gedanken ihrer Schülerin ernst und nutzte alle ihr zur Verfügung stehende Zeit, um ihr Zusammenhänge zu erklären, Lioba herauszufordern oder bei ihr die Neugier zu wecken.

In der Schule sah der Unterricht hingegen ganz anders aus. Dort waren ihre Fragen nach Hintergründen unerwünscht, doch solange Madame ihr zur Seite stand, erhielt sie von ihr die Antworten, nach denen sie suchte.

Da es kaum Bücher gab, waren die Stundeninhalte von den Lehrern geprägt. Was diese an die Tafel schrieben, übertrugen die Schüler in ihre Hefte und lernten es auswendig. Häufig waren das lateinische oder spanische Liedtexte. Texte, deren Sinn sie nicht verstanden, die sie aber Wort für Wort rezitieren mussten. In den wöchentlichen Gemeinschaftssitzungen wurden Schüler für gute Leistungen gelobt und schlechte Schüler regelmäßig mit ihrem Versagen vorgeführt. Scham, Tränen und weitere unbefriedigende Leistungen waren die Folge.

Lioba hasste das. Meist hatte sie Glück, sie fand Gefallen an dem Sprachrhythmus und prägte sich die Texte leicht ein. Sie war in der Lage fehlerfrei und sauber zu schreiben und die Rechenaufgaben forderten sie nicht. Jedes Mal litt sie, wenn wieder einmal eine Mitschülerin in die Mitte gerufen wurde, um vor dem ganzen Dorf und dem Meister ihr Versagen kundzutun.

Meister Silvan selber war für Lioba undurchsichtig. Wurden Schüler von ihren Lehrern vor der Gemeinschaft getadelt und fühlten sich armselig und minderwertig, dann war er derjenige, der sie in der folgenden Versammlung zu sich rief, um ihnen mit seiner tiefen, eindringlichen Stimme die Verfehlungen zu verzeihen. Er gab ihnen das Gefühl, Teil der Gemeinschaft zu sein, und schenkte Trost. Damit sicherte er sich Dankbarkeit und Zuneigung.

 

Die Tage hatten ihren Glanz verloren, seit Madame Rigaut verschwunden war. Genau so, wie das Lernen seinen Reiz verlor. Lioba bemühte sich, aber nur, weil sie wusste, dass Madame es von ihr erwartete. Sie lernte nur noch für sie und sehnte sich nach den anregenden Themen zurück, mit denen sie bei ihr konfrontiert worden war.

Seit ihrem Aufenthalt im Loch waren ihr die Lehrer nicht mehr wohlgesonnen. Immer wieder versuchten sie, Lioba vor der Klasse zu blamieren. Trotzdem unternahm sie zaghafte Versuche, Fragen zu den Inhalten zu stellen oder Erklärungen zu erhalten. Dafür wurde sie vor der Klasse mit Schlägen bestraft. Versuchte sie sich zu rechtfertigen, da sie der Meinung war, ungerecht behandelt worden zu sein, wurde sie in der Versammlung bloßgestellt und als unwillige und respektlose Schülerin vorgeführt. Nachdem sich diese Situationen mehrfach wiederholten, wurden aus der Gemeinschaft die Rufe nach Strafe laut. Ihre Lehrer und der Rat stimmten dem einmütig zu. Ihr angeblich renitentes Verhalten war absolut verpönt und wurde geahndet.

 

Etwas abseits der großen Einkaufsstraße lag der unscheinbare Secondhandladen, dem sich die beiden ungleichen, jungen Männer näherten. Ein buntes Blechschild mit der Aufschrift „Lieblingsstücke“ baumelte, leicht durch den Wind bewegt, über dem Eingang. Ein paar Stufen führten hinab in den Laden, der im Souterrain des Wohnhauses lag. Ein kleiner Raum, vollgestopft mit Klamotten verbarg sich hinter der alten Holztür, die mit einem zarten Klingeln die Kundschaft ankündigte. Kleidungsstücke für Damen, Herren und Kinder hingen Stück an Stück zusammengepresst auf den Ständern.

Milan warf seinem Kommilitonen einen verzweifelten Blick zu. Nie wäre er selber auf die Idee gekommen, in einem solchen Geschäft seine Kleidung zu kaufen. Skeptisch verharrte er auf den wenigen Metern, die nicht mit Garderobenständern zugestellt waren. Wie gedachte Benjamin, dass er in dieser Abstellkammer fündig würde? In seinen Augen war das ohne richtiges Tageslicht und ohne erkennbares Ordnungssystem ein absolut hoffnungsloses Unterfangen.

„Stell dich nicht so an, du Oberbonze. Schau dich erst einmal um, meckern kannst du später.“

„Ist ja schon gut. Aber wie soll ich hier etwas Geeignetes finden?“

Kaum hatten sie sich einmal umgeschaut, trat eine junge Frau mit lebhaften und auffällig geschminkten Augen durch einen Vorhang in den kleinen Laden.

Benjamin kannte die Inhaberin und während er sie herzlich begrüßte und sie gegenseitig vorstellte, ließ Milan ungläubig den Laden samt seiner schrillen Besitzerin namens Tanja auf sich wirken.

Seine neue Bekanntschaft erklärte ihr Anliegen, was die Frau dazu animierte, dem Kunden, der sie betrachtete, als wäre sie samt ihrem geliebten Laden aus einem Horrorkabinett entsprungen, spöttisch anzugrinsen. Sie taxierte ihr Gegenüber abschätzend mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Du weißt schon, dass ich nur gebrauchte Klamotten habe?“, ihr Blick wanderte zu den Manschettenknöpfen, „und solche Klunker habe ich sowieso nicht.“

„Hey Tanja, entspann dich, genau deswegen sind wir hier. Jetzt zeig mal deinen legendären Geschmack und bring ihm ein paar Sachen in die Kabine.“

Missmutig und etwas skeptisch zog sie die Augenbrauen hoch. „Echt?“

Benjamin nickte ihnen beiden aufmunternd zu. „Er ist nicht so, wie er aussieht!“

„Wenn du das sagst.“ Eingehend musterte die junge Frau ihren ungewöhnlichen Kunden: Er verfügte über einen athletischen Körperbau. Seine aufrechte Haltung, die ernsten Gesichtszüge, gepaart mit den schwarzen Haaren und auffallend dunklen Augen verliehen ihm ein nobles Aussehen.

Schnell hatte sie eine Vorstellung davon, was zu ihm passen würde, und verschwand wieder hinter dem Vorhang.

„Und du meinst, das ist der richtige Laden?“ Milan war skeptisch. Doch Benjamin war sich seiner Sache sicher. Er ließ sich in einen Sessel fallen, der zwischen Kleiderständern und Kisten stand und von dem aus er einen Überblick über den ganzen Verkaufsraum hatte. Es dauerte nicht lange, da kam Tanja unter einem Berg von Klamotten zurück.

„Dahinten kannst du alles in Ruhe anprobieren. Wenn etwas nicht deinen Vorstellungen entspricht, dann schmeiß es bitte in den Einkaufswagen neben der Umkleide. Ich kümmere mich später darum.“

Damit überließ sie Milan den Kleiderberg und setzte sich vor Benjamin auf den Boden.

„Wo hast du den komischen Vogel denn aufgegabelt? Sieht der immer so aus?“

Tanja war eine Freundin von Benjamins Schwester und so schilderte er ihr kurz, wie er Milan kennengelernt hatte, bevor sie sich über Margarette und ihre Kinder unterhielten.

Die beiden waren in ihr Gespräch vertieft, als Milan neu gekleidet wieder zu ihnen trat. Tanja sprang auf.

Benjamin streckte den Daumen hoch und signalisierte mit einem breiten Grinsen Zustimmung.

Entgegen seiner Erwartung hatte Milan einige Kleidungsstücke gefunden. Sie passten wie angegossen, fühlten sich bequem an und er stimmte Benjamin zu, dass er damit besser in der Masse der Studenten unterging. Denn das war es, was er im Augenblick beabsichtigte.

Mit einem freundlichen Dank verabschiedeten sie sich kurze Zeit später nach einem für Milan völlig neuen Einkaufserlebnis von der jungen Frau.

 

 

Gekachelte Wände und ein Steinfußboden empfingen die in Ungnade gefallenen Mitglieder der Gemeinschaft in den Arrestzellen. Diese lagen im Untergeschoss des Gutshauses und es gab weder Tageslicht, noch waren sie geheizt. Kleine, spartanisch eingerichtete Kammern mit einem Aborteimer in der Ecke. Die Aufseherinnen nahmen die Ausgeschlossene in Empfang. Mit ihren verbitterten Gesichtszügen sahen die beiden hageren Gestalten in grauen Kitteln und weißen Schürzen wie Geschwister aus. Ohne Gefühlsregungen schoben sie das Mädchen in die kleine Zelle.

„Zieh dich aus und leg deine Kleidung in die Kiste dort.“ Lioba zog unter den Argusaugen der Frau ihre Sachen aus. Sie faltete die Strickjacke, das blaue Kleid und die Strumpfhose ordentlich in die bereitgestellte Holzkiste.

„Deine Wäsche auch.“

Lioba blickte entsetzt auf.

„Mach schon, wir haben nicht den ganzen Tag für dich Zeit.“

Kaum hatte sie ihre Unterwäsche abgestreift, da betrat die zweite Frau mit einer Spritze in der Hand ebenfalls die Zelle.

„Gib mir deinen Arm.“

Ihr Opfer wehrte sich, sie wusste nicht, warum sie eine Spritze erhalten sollte.

Die beiden Frauen zögerten nicht und während die eine Lioba festhielt, setzte die andere die Nadel an.

„Das war es erst einmal. Bis auf weiteres sind wir hier fertig. Nimmst du die Kiste?“

Die beiden ließen das Mädchen allein zurück und schlossen die Zellentür von außen ab.

Lioba hörte, wie sich die Schritte entfernten. Doch dann wurde ihr flau und sie ließ sich auf die Pritsche sinken. Ein grauer Schleier legte sich über die spärlich beleuchtete Zelle und umfasste Liobas Geist genauso, wie sich die Kälte um ihren Körper legte. Dazu gesellte sich die ununterbrochene Berieselung mit den Glaubenssätzen. Eindringlich und in endlosen Schleifen füllte die sonore Stimme des Meisters die Zelle, ihren Kopf, ihr Bewusstsein aus und vereinnahmte das Mädchen. Plötzlich hörte sie ihren eigenen Herzschlag überdeutlich. Gleichförmig folgte er dem Rhythmus der auf sie eindringenden Mahnungen.

Kleine Lichtblicke durchkreuzten die Monotonie. Warmherzige Augen, eingebettet in die tiefen Furchen einer aufgerissenen Baumrinde, lockten sie mit liebevollem Blick in den Wald hinein. Sie folgte mit bedächtigen Schritten der alten Frau. Doch immer, wenn sie kurz davor war, sie zu erreichen, verschwand die Gestalt. Sie hörte Stimmen, das Gelächter ihrer Mitschülerinnen, wie sie sich über sie ergötzten. Hämische Fratzen, die sie frösteln ließen. Frösteln? Nein, das war richtiges Zittern. Dunkel erinnerte sie sich an ihren Aufenthalt im Kellerloch. Da war ihre Mentorin so präsent gewesen. Sie hatte ihre Stimme im Ohr gehabt und ihre Geschichten beinahe wörtlich gehört. Doch so viel hatte sich in der Zwischenzeit ereignet. Lioba fühlte sich einsam, allein und verlassen. Wieder und wieder versuchte das Mädchen, sich auf ihre innere Stimme zu konzentrieren und sich in eine Scheinwelt abzusetzen, um diese Strafe zu überstehen. Doch im Gegensatz zum letzten Mal gelang es ihr kaum. Eindringlich wurde sie von der Stimme des Meisters in ihren Bann gezogen. Dazu hörte sie ständig Schreie. Da war ein Mädchen, das quälende Schmerzen erlitt. Sie weinte und schrie immer wieder auf. Lioba versuchte, es auszublenden, doch ohne Erfolg. Die Qual des Mädchens fuhr ihr unter die Haut. Unzählige Stunden lag oder saß sie in dem Raum und rang darum, sich das Gesicht von Madame vorzustellen, aber es war so blass und verschwamm immer stärker. Je mehr sie sich bemühte, umso weiter schien Madame sich von ihr zu entfernen. Nein, das konnte, das durfte nicht sein. Sie brauchte ihre Hilfe. Irgendwann merkte sie, dass es ihre eigene Stimme war, die sie immer wieder hörte. Sie war es, die weinend da hockte und laut schluchzte.

Viele Stunden waren vergangen, als der fiebrige Dämmerzustand von Lioba durchbrochen wurde. Der Mann, der die Kellerräume betrat, schaltete zunächst den Heizstrahler für die belegte Zelle ein und ließ die Wärme einen Augenblick ihre Wirkung entfalten, bevor er sich dieser mit einem jungen Mann näherte. Lioba, die zusammengekauert auf der Pritsche lag, spürte, wie es plötzlich warm um sie herum wurde. Ein Lichtstrahl riss sie aus ihrem tranceartigen Zustand und derart geblendet brauchte sie ein paar Augenblicke, bis sie die beiden Gestalten erfasste, die in der Tür standen. Eingehüllt in ein Lichtermeer erschien der Meister persönlich in Begleitung seines Gehilfen.

Verschämt wurde sie sich ihrer Nacktheit bewusst. Schweigend verharrten die beiden Männer. Und Lioba wurde immer scheuer. Sie fühlte sich so verletzlich und ausgeliefert. Nur die Wärme und das Licht schenkten ihr ein angenehmes Gefühl. Erst jetzt merkte sie, wie ausgekühlt sie war.

Das Mädchen senkte den Blick. So erniedrigt unter den Augen des Meisters zu liegen, dem man sonst nur in akkurater Kleidung und mit Demut begegnete, beschämte sie unermesslich. Dadurch sah sie die Genugtuung nicht, die über das Gesicht des zur Gänze in Weiß gekleideten Mannes glitt. Der Anblick stellte ihn zufrieden. Ein Häufchen Elend lag vor ihm und er war der Heilsbringer, derjenige, von dem die arme Seele das erhielt, was sie am meisten brauchte: Wärme und ein dünnes Hemdchen als Schutz. Doch er zögerte. Er genoss den Anblick. Es reizte ihn, dem Mädchen deutlich vor Augen zu halten, wer ihr Wohltäter war. Sie war ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen. Er hatte sie beobachtet. Ein aufgewecktes Kind voller Anmut und einem Liebreiz, der im Begriff war, sich zu entfalten. Sie hatte Potential. Doch war gerade dieses Mädchen bei seiner Mutter ausgebildet worden. Und er ahnte, dass diese seit Jahren der Ausrichtung der Gemeinschaft kritisch gegenüberstand. Inzwischen war sie erfolgreich abgeschoben und aus dem Dorf verbannt. Er bedauerte es, sie nicht schon viel früher aus seinem Wirkungskreis entfernt zu haben, aber diese Hemmschwelle zu überwinden hatte eine größere Herausforderung für ihn dargestellt, als er sich selber eingestand. Es erzürnte ihn, dass sich sein Gewissen auch jetzt nach Monaten wieder meldete. Und das beim Anblick dieses jungen Mädchens. Er hatte die Kleine getestet und darauf gehofft, dass sie sich verraten würde, doch bis auf ihre kritischen Ansichten im Unterricht verhielt sie sich nicht auffällig. Dennoch meinte er, in ihrer Gegenwart fast die vorwurfsvollen Blicke seiner Mutter auf sich zu spüren. Er straffte sich, um diese Gedanken abzuschütteln. Der erbärmliche Anblick, den er wie eine Droge in sich aufsog, brachte ihn mit dem Gefühl von Macht wieder zurück in die Gegenwart. Vehement durchbrach er das Schweigen und vorbei war seine kurze Gefühlsregung: „Michele komm her. Was siehst du da?“

Sein Gehilfe frohlockte, dass er das Mädchen demütigen durfte.

„Ich sehe ein unverschämtes Mädchen auf der Bank herumlümmeln, das nicht weiß, wie man sich respektvoll verhält. Steh auf und danke dem Meister dafür, dass er dich hier besucht.“

Mühevoll kämpfte Lioba darum, sich mit ihren zittrigen Gliedern zu erheben und dabei ihre Scham mit den Händen zu bedecken. Dann richtete der Meister seine Worte an die Gestalt, die mit weit aufgerissenen Augen die beiden Männer anstarrte.

„Lioba, mein gutes Kind, ich habe dir ein Hemd mitgebracht, und Michele bringt dir gleich eine Schüssel mit heißer Suppe, damit du etwas Warmes zu essen bekommst. Bald, wenn dein Geist gereinigt ist, empfange ich dich wieder bei uns. Die Gemeinschaft wird dich mit offenen Armen aufnehmen, wenn ich sie darum bitte. Möchtest du das?“ Meister Silvan sprach die Worte mit innigem Nachdruck und Lioba wünschte sich in dem Augenblick nichts mehr, als sich zu bedecken und nicht mehr so entblößt vor den beiden Männern zu stehen.

Flüsternd antwortete sie ihm: „Ja, bitte!“

„Sage dem Meister, dass du gesündigt hast, indem du dich gegen die Regeln der Gemeinschaft aufgelehnt hast.“

Das Mädchen zögerte, was hätte ihr Madame Rigaut geraten? Wie sollte sie reagieren, ohne sich und ihre Mentorin zu verraten. Madame Rigaut war immer um ihren Schutz bemüht. Das hier hätte sie ihr nie zugemutet. Daher nickte sie ergeben.

„Ja, ich habe gesündigt.“

„Dann bedanke dich beim Meister und vergiss nie seine Großmut. Er reicht dir die schützende Hand und lässt dich nicht erbärmlich hier liegen.“

„Danke!“, das Mädchen schaffte es nicht, den Meister anzuschauen, und richtete den Blick auf den Boden. Doch Silvan verlangte danach, in ihren Augen die völlige Unterwerfung zu erkennen.

„Sieh mich an, wenn du mir dankst. Oder hast du das nicht gelernt?“ Seine Stimme bekam plötzlich einen deutlich schärferen Klang als zuvor.

Lioba sah ihm ins Gesicht. Und was sie dort erkannte, ließ sie frösteln. Da war nur kalte Arroganz und Selbstgefälligkeit in seinem Blick und auf einmal wusste sie, wie sie zu reagieren hatte. Das faltige Gesicht von ihrer Mentorin war plötzlich wieder da. Liebevoll schauten die wissenden Augen auf sie herab und ein verständnisvolles Nicken ihrer Lehrerin half ihr, dem Blick standzuhalten und mit nahezu fester Stimme zu antworten: „Verzeiht mir, Meister. Ich danke Euch für Eure Großzügigkeit.“

Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des Weißgekleideten und mit einer flüchtigen Handbewegung wies er seinen Gehilfen an, dem Mädchen die versprochenen Dinge zu bringen. Dann drehte er sich herum und verließ die Zelle. Den Heizstrahler schaltete er ab und so dauerte es nicht lange, bis Lioba, notdürftig mit einem dünnen, grauen Hemdchen bekleidet, wieder allein in der kühlen Kammer saß und von Glaubenssätzen berieselt wurde.

Zwei weitere Male wurde sie vom Meister besucht. Immer brachte er ihr für einen kleinen Moment Wärme und Licht. Doch inzwischen war ihr Geist wieder klar. Sie war aus dem Dämmerzustand erwacht. Die beiden Aufseherinnen brachten ihr zwei Mahlzeiten am Tag und außerdem durfte sie sich täglich waschen. Sie verbrachte weitere drei Tage in der Zelle, bevor sie entlassen wurde. Von da an war ihre oberste Prämisse nicht mehr aufzufallen. Still und ergeben erledigte sie ihre Aufgaben nach Anweisung. Drängte sich nie in den Vordergrund und vermied jede Konfrontation.

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