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Wie greift der Tod in unser Leben ein? Diese Geschichten handeln davon, wie Menschen dem Tod begegnen oder ihm ausweichen. Wie sie mit der verbleibenden Zeit des eigenen Daseins umgehen oder das Ende eines anderen herbeisehnen. Wie sie Unwiderrufliches zu vergessen oder zu ändern versuchen. 18 Erzählungen und Kurzgeschichten, die die stillen, grotesken und manchmal übersehenen Spielarten des allgegenwärtigen Themas ›Leben und Tod‹ betrachten.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2023
Tilman Wittenhorst
Das weiß keiner so genau
Geschichten über den Tod
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Erde
Alle deine Freunde sind tot
Ich, Alfons
Neles Fahrrad
Was Mike gesagt hat
Der bestirnte Himmel
Sag irgendetwas
Rote Null
Verschwinden
Eigentumsübergang
Etwas in Ordnung bringen
Agnes macht alles
Toter Winkel
Der Schlaf der Maschinen
Mittagszug
Asche und Alleinsein
Unter Wasser
Das weiß keiner so genau
Impressum neobooks
Die Luft in der Friedhofskapelle ist klamm wie in unserem Waschkeller. Blaues Licht sickert durch die getönten Fensterscheiben. Ich gehe zwischen meinen Eltern durch den Mittelgang auf den offenen Sarg zu. Großvaters gefaltete Hände und ein Stück Bauch schauen über den Rand. In den Bänken sitzen Menschen in dunkler Kleidung. Als wir vorbeigehen, senken sie die Köpfe. Einige tuscheln miteinander. Ich blicke mich um und suche Großmutter, kann sie aber nirgends entdecken.
Wir treten vor den Sarg. Vater legt seine Hand auf meine Schulter.
»Das ist also deine erste Leiche.«
Großvaters Wangen leuchten rosa. Das Gesicht wirkt rundlich und entspannt, sein Haar ist gekämmt. Er trägt seinen Festtagsanzug und eine lila Krawatte. Diesen Anzug trug er an Feiertagen, wenn wir die Großeltern zum Kuchenessen besuchten. Beim Verabschieden hielt er mich am Hosenbund fest, steckte mir eine Münze zu und tätschelte meinen Kopf. Sonst berührte er mich nie.
Pomade klebt in seinem Haar, als hätte Großvater sich eben noch im Spiegel betrachtet und zurechtgemacht.
»Er sieht nicht tot aus«, flüstere ich, beuge mich vor und will ihn genauer betrachten, aber Vater hält mich zurück.
»Man hat ihn geschminkt. Im Grunde überflüssig, er ist kerngesund gestorben. Ein schöner Tod.«
Mutter kneift Vater in den Arm und schüttelt den Kopf. Dann fährt sie mit den Fingern über die Kante des Sargs und verzieht die Mundwinkel.
»Das sieht teuer aus. Dabei war dein Vater immer sparsam.« Sie bekreuzigt und verneigt sich.
Vater unterdrückt ein Gähnen.
»Jetzt, wo er tot ist, wird sie mit dem Geld tun, was sie will.«
Er mustert Großvaters Gesicht und zieht die Augenbrauen zusammen, eine Falte wölbt sich dazwischen. Dann suchen wir uns Plätze in der vordersten Bankreihe. Dort entdecke ich Großmutter. Sie sitzt ganz außen, hat die Beine übereinandergeschlagen und starrt zum Fenster. Sie trägt ein schwarzes Kleid, auf dem Kopf ein Käppi und blickt streng und gelangweilt wie immer. So sitzt sie auch neben mir, wenn ich auf ihrem Klavier spielen muss. Meistens wendet sie sich ab. Auch wenn ich fehlerfrei spiele, schweigt sie.
Wir rutschen in die Bank, zuerst Mutter, dann ich, dann Vater. Mutter streichelt meinen Rücken. Dann beugt sie sich über mich hinweg und flüstert mit Vater.
»Hast du gesehen? Sein Ring steckt noch am Finger. Will sie den nicht an sich nehmen?«
Vater zuckt mit den Schultern. Ein junger Pfarrer betritt die Kapelle durch eine Seitentür. Aus den Lautsprechern tönt ein Orgelstück, eine Fuge. Die langen Noten eiern, in den Pausen rauscht das Tonband. Meine Füße baumeln über dem Boden, ich schlenkere mit den Beinen und die Schnürsenkel schaukeln im Takt der Musik.
Als das Stück endet, holt der Pfarrer seine Hände unter der Soutane hervor und faltet sie. Das Gemurmel in der Kapelle verstummt. Er spricht von Großvater, seiner Jugend, wie er heiratete und schließlich alt wurde. Die Steinwände dämpfen seine Stimme. Er sagt, Großvater sei von allen geliebt und geachtet worden. Er hinterlasse seine Gattin und einen Sohn mit eigener Familie. Mutter legt ihren Arm um meine Schultern und drückt mich an sich. Dann zupft sie den Kragen meiner Bluse zurecht.
Nachdem die Ansprache vorüber ist, rollen vier Männer im Frack einen Karren herein. Sie stellen sich zu Großvaters Kopf und Füßen auf, ziehen ihre Zylinder, verneigen sich und schließen den Deckel des Sargs. Dann heben sie den Sarg auf die Ladefläche. Großmutter steht auf und wirft ihren Mantel über. Einer der Männer fasst die Deichsel des Karrens und drückt einen Knopf. Ein Elektromotor surrt, der Karren ruckt und rollt, die vier Männer begleiten ihn hinaus. Der Pfarrer schreitet mit Großmutter hinter dem Sarg her, wir folgen ihnen. Nach uns verlassen die anderen Besucher die Kapelle.
Draußen hat es zu regnen begonnen, Tropfen klatschen auf das lackierte Holz des Sargs. Neben Großmutter geht der Bestatter und trägt einen Trauerkranz. Das durchnässte Spruchband hängt verdreht über den Tannenzweigen und zeigt nur einen Teil der Aufschrift: ›Die Liebe währet …‹
Es ist kühl, Mutter schließt den Reißverschluss meiner Jacke bis unters Kinn. Wir folgen dem Surren des Motors und biegen zwischen Gräbern mehrmals ab. Unter meinen Schuhen knirschen Kiesel, Mutter schnäuzt in ein Taschentuch. Ich hopse im Rhythmus des Basses aus dem Orgelstück, aber Mutter zieht mich am Kragen.
»Lass das. Deine Klavierstunden bei Großmutter fallen fürs Erste aus, bis sie alles verarbeitet hat. Das heißt natürlich nicht, dass du nicht üben musst.«
Ich betrachte meine Schuhe, der Regen färbt das Leder grau. Am liebsten würde ich mit dem Klavierspielen aufhören. Wenn Mutter Großmutter fragt, ob ich begabt bin, antwortet sie jedes Mal: »Sie macht Fortschritte«.
Schließlich verstummt das Knirschen unter den Rädern und wir versammeln uns um ein frisch ausgehobenes Grab. Die vier Männer wuchten den Sarg auf ein Gestell über der Grube. Mutter schiebt mich zwischen den Leuten nach vorn, bis ich neben Großmutter stehe. Die mustert ihre Hände. Auf den Härchen ihres Filzmantels sitzen Wasserperlen.
Neben dem Grab liegt unter einer Plane der Aushub. Eine Metallschale steckt auf einem Pfosten im Boden. Über der Schale wölbt sich eine gelbe Plastiktüte von Edeka. Der Pfarrer betet, einige Besucher sprechen die Worte mit. Großmutter legt ihre Hände ineinander. Die Fingerspitzen ihrer linken Hand umschließen den Ringfinger der rechten. Sie dreht die Hände mehrmals gegeneinander. Da verstummt der Pfarrer und zieht die Edekatüte weg. In der Schale liegen lockere, hellbraune Klumpen. Eine kleine Schaufel steckt darin.
Die Sargträger stellen sich neben der Grube auf und verneigen sich. Einer drückt einen Knopf auf dem Gestell, dann gleitet der Sarg rasselnd hinab. Großmutter bewegt sich ruckartig, ihr Mantel schwingt zur Seite und benetzt meine Schläfe. Ich beobachte, wie sie einen goldenen Ring in ihre rechte Hand legt und die Faust schließt. Als sie ihre zusammengepressten Finger betrachtet, begegnet sie meinem Blick. Ihre Wangen sind eingefallen, die Augenringe schimmern blau und ihre Pupillen funkeln. Sie spitzt die Lippen, als wollte sie etwas sagen. Doch sie wendet sich ab und tritt vor das Grab.
Mit der linken Hand greift Großmutter die Schaufel, hebt einige Brocken aus der Schale. Sie drückt den Ring mit dem Daumen der rechten Hand tief hinein. Dann schleudert sie die Schaufel nach vorn. Klumpen prasseln auf den Sarg. Sie hält kurz inne, dann stellt sie sich neben der Grube auf und mustert die Trauergäste, die sich hinter der Schale aufreihen. Wir stehen ganz vorn in der Schlange.
Vater senkt vor Großmutter den Blick und schweigt. Seine Hände hat er unter seine Achseln geklemmt. Mutter weint und umarmt Großmutter, die sich jedoch nicht rührt. Schließlich gebe ich ihr die Hand. Ihr Händedruck ist kräftig, die Haut glüht. An ihrem Daumen kleben braune Krumen. Vor Aufregung vergesse ich, dass ich ›Mein Beileid‹ sagen soll.
»Wann soll ich wieder zum Klavierspielen kommen?«
Sie hält meine Hand fest und beugt sich zu mir herunter. Ihr Daumen fühlt sich kühl an.
»Das macht dir doch sowieso keinen Spaß.«
Ihre Stimme klingt weich und melodisch, als würde sie mir aus einem Buch vorlesen. Sie zieht mich zu sich und flüstert.
»Ich habe ja jetzt ein freies Zimmer. Auf welches Instrument hast du denn Lust?«
Mir fällt mein Mitschüler Andi ein. Er trägt Hosen mit Löchern und seine Eltern leben getrennt. Wenn er an den Wochenenden bei seinem Vater bleibt, darf er im Keller mit seiner Band üben, zu der ich gehören möchte. Aber Mutter mag es nicht, wenn ich ihn besuche. Ich sehe zu Großmutter auf, Regentropfen laufen mir wie kleine Tiere über Stirn und Kinn.
»Schlagzeug!«
Großmutter lächelt. Sie lässt meine Hand los und hält ihre Lippen an mein Ohr.
»Komm wie üblich am Dienstag, ich organisiere etwas. Aber erzähle keinem davon.«
Nach der Beerdigung gehen alle Besucher auseinander und fahren mit ihren Autos zum Leichenschmaus. Wir laufen zum Parkplatz zurück, Mutter stapft voran und zieht mich an der Hand.
»Er war ja im Grunde ein Hypochonder. Trotzdem hat sie ihn betüdelt, ohne zu klagen. Sie hat die Ehe immer als Aufgabe verstanden.«
Vater verdreht die Augen.
»Dann ist die jetzt erledigt, und sie könnte mal etwas für sich tun. Eine Weltreise machen, was weiß ich.«
Mutter beschleunigt ihre Schritte, streckt den Zeigefinger der freien Hand aus und schnappt nach Luft.
»Nur dass sein Ring mit ins Grab ging, das wird noch für Diskussionen sorgen!«
Manchmal betrachtete ich Großvater heimlich, wenn er in seinem Zimmer im Sessel döste. Seine Finger waren dick wie Würste, der Ring schnürte ins Fleisch. Vielleicht konnte Großmutter ihn deshalb nicht abziehen. Ob er einmal von selbst abrutscht, wenn Großvater im Sarg nur noch ein Skelett ist? Wenn wir den Sessel rausstellen, ist im Zimmer jedenfalls Platz für mindestens eine große und eine kleine Trommel und ein Becken, vielleicht noch für zwei Tomtoms.
Mutter zerrt an meiner Hand, dass es wehtut.
»Was gibt es da zu grinsen?«
Ich beiße mir auf die Lippen, denke an die Erde an Großmutters Daumen und zähle die Tage bis Dienstag.
In Wagen 25 sitzt eine schwarze Familie, so sagt man wohl dazu, ich meine zur Hautfarbe. Der Vater mit der Statur eines Türstehers, die Frau schiebt eine Rundung vor sich her, sechster Monat mindestens, und der Junge vielleicht sieben, acht Jahre alt. Hinter mir schließt sich die Abteiltür. In dem Augenblick entdeckt der Vater meine Uniform, seine Augen weiten sich, er springt auf und zeigt mir ein Papier. Die Eilfertigen sind besonders verdächtig. Und tatsächlich, das ist kein Fahrschein, den Text kann ich nicht mal lesen, etwas Ausländisches. Der Vater redet auf mich ein, ich verstehe kein Wort. Und Englisch beherrsche ich nicht. Ich habe ja nichts gegen solche Leute, sie kennen unsere Kultur nicht. Aber eigentlich müssen sie sich an die Ordnung halten, gerade als Gäste im Land. Der Vater schwatzt weiter, ich habe noch nichts gesagt, rühre mich jedoch nicht vom Fleck. Die Mutter beäugt mich, dann ihn, dann wieder mich. Dann mischt sie sich ein, blafft ihren Mann an. Der wird ebenfalls laut und beschimpft abwechselnd sie und mich. Ich merke schon, das wird dauern. Der Junge starrt aus dem Fenster, bleibt in dem Durcheinander ruhig, aber seine Mundwinkel zucken manchmal. Auch sein Blick verrät, dass er das Geschrei schon kennt und zu ignorieren versucht. Er hält ein Spielzeug auf dem Schoß, ein Reptil aus Plastik, schnippt gegen die Stacheln auf dem Rücken. Eine zarte Gestalt hat er, sein Gesicht ist bildschön, wie für einen Werbeprospekt. Die Familie kommt wohl von weit her, hat sicher viel hinter sich. Abgenutzte Kleidung, vernachlässigte Frisuren, matte Augen. Trotz des Lärms kümmert sich kein Fahrgast um uns. Ein junger Mann gegenüber hält sogar den Kopf in Büßerpose gesenkt und möchte nichts mitbekommen. Draußen zieht eine Fabrik vorbei, davor halten Tieflader mit Stahlteilen, ein Kran hebt sie hoch wie Legosteine. Der Junge schmunzelt, so etwas interessiert ihn. Die Schulter schmerzt vom langen Stehen mit der Tasche, ich schiebe den Daumen unter den Riemen und verdrehe mich, damit der Schmerz nachlässt. Das ist meine Heimfahrt, am nächsten Bahnhof kommt der Wechsel. Sollen sie fahren, wohin sie wollen, sie haben sowieso kein Geld für einen Fahrschein. Die Eltern zanken immer noch. Ich hebe zur Besänftigung meine Hände und will weitergehen. Da erhebt sich der Bußfertige mit einem Schnaufen, als habe er lange gegrübelt, und gafft mich an. Akkurates Bärtchen am Kinn, milchige Haut, Businesshemd bis zum Kehlkopf zugeknöpft. Ein großer Knabe, aus der Zeit gefallen. Er leckt seine Lippen, setzt zum Sprechen an. »Bedrohen die Sie?« Hohe Stimme, oder große Anspannung. Ich schüttele den Kopf. »Aber was ist mit dem Fahrschein?« Ein Besserwisser, na schön. Ich drücke den Rücken durch und fasse zu seiner Beruhigung den Wisch an, den der Vater mir noch immer hinhält, mustere den Stempel unten rechts. Dann schiebe ich den Bußfertigen am Oberarm zu seinem Platz, doch er verstellt mir den Weg. »Wenn das hier nicht korrekt abläuft, handelt es sich um Schwarzfahrer.« Er fährt nervös herum, als befürchte er Zuschauer. Für einen Querulanten wirkt er zu schlau. Ich nicke ihm vertraulich zu. »Kein Problem. Das ist amtlich, alles bestens.« Er tritt näher, verengt die Augenlider. Geruch von Rasierwasser aus dem Supermarkt. Dann pocht sein Zeigefinger auf das Papier. »Das ist kein Fahrschein, es ist auf Italienisch.« Seine Äuglein, vorher leblos wie ein Mineral, blitzen voller Erwartung. Die Eltern verstummen, die Mutter starrt auf den Finger, der über dem Papier zittert. »Wenn Sie die Polizei nicht anrufen, mache ich es.« Seine Stimme kiekst, klingt herausgepresst, aber siegessicher. Dann zieht er ein Mobiltelefon aus seiner Umhängetasche und richtet es wie eine Waffe auf mich. Dass diese Leute keine Ruhe geben wollen.
Die alte Schachtel resigniert, schwenkt die Tasche mit dem DB-Logo vor den Bauch und kramt ein Telefon heraus. Ich stecke meines wieder ein. Sie tut’s, zwar mit Widerwillen in der Stimme, aber sie meldet die Familie der Polizei. Mit den Schwarzen hat sie es nicht, war gleich pikiert, als sie sie sah. Der Vater hat wieder Platz genommen, resigniert. Ich setze mich, beuge den Kopf über meine Zeitschrift, blinzele aber manchmal nach rechts, zu dir. Es ist stickig, die Haut auf deinen Armen glänzt, glatt und ohne Härchen. Der Kopf nach vorn gerutscht, die Stirn platt auf dem Fensterglas, so kauerst du da, in die Ecke des Sitzes geschmiegt. Weit weg vom Geschrei deiner Eltern, die inzwischen stumm warten. Nächster Halt ist Endstation für Erziehungsberechtigte. Die Schaffnerin seufzt und schleicht davon, eine müde Harpyie, die anderen Fahrgäste im Abteil kontrolliert sie nicht. Deine Pupillen folgen den Strommasten neben der Strecke, pendeln unter den halb geschlossenen Augenlidern, ein stummes Metronom. Da bremst der Zug, mir rutscht die Zeitschrift durch die Finger. Wir rollen in einen Bahnhof. Nach dem Halt drängen Reisende durch den Gang, verlassen den Wagen. Wir stehen lange herum, dann endlich betreten eine Frau und ein Mann in Polizeiuniform das Großraumabteil, die Schaffnerin von vorhin trottet hinterher. Die Diskussion hebt wieder an, aber die Polizisten lassen sich nicht hinhalten. Das Papier des Vaters ist nichts wert, wie ich mir schon dachte, und Fahrscheine haben die Eltern nicht. Du schaust weg, als ginge es dich nichts an. Forsch packt die Polizistin den Mann am Handgelenk und zieht ihn hinaus. Die Schaffnerin wartet an der Abteiltür und weist den Weg auf den Bahnsteig. Ich lege das Magazin weg und rutsche zur Sitzkante, in Lauerstellung. Die schwangere Mutter lässt sich vom Polizisten bitten, verstehen wird sie sein Deutsch kaum, und folgt ihm schließlich. Sie schimpft, winkt dich heran, du stehst zögernd auf, aber dann achtet sie nicht mehr auf dich. Das ist mein Augenblick, ich schnelle hoch und will mich neben dich setzen. Aber ein älterer Herr hinter deinem Platz drängt dazwischen, ein Telefon konspirativ im Anschlag, sein Wanst streift meine Schulter. Ein Rentner in neongrünen Turnschuhen, Sportrucksack und Baseballkappe, die eher zu einem Teenager passen. Er schneidet mir den Weg über den Gang ab und dir die Verbindung zur Mutter. Die ist schon verschwunden. Er verfolgt die Polizisten, filmt die Szene offenbar. Auf dem Bahnsteig tauchen die Köpfe der Eltern und der Uniformierten auf, und der Senior ist endlich aus dem Abteil heraus. Ich lasse mich auf den freien Platz neben dir fallen und drücke dich an der Schulter zurück in den Sitz. Du schaust verdutzt, hältst ein Kinderspielzeug in Händen, einen kleinen Dinosaurier aus Kunststoff. Hinter dem Fenster streiten die Köpfe. Die Polizistin erregt sich, sie lässt sich nicht gefallen, dass jemand ihren Einsatz filmt. Der Alte steht bei der Zugtür und hält drauf, blickt böse, sonst kann er ja nichts tun. Immer will jemand helfen. Die Polizistin schubst ihn, er verschwindet aus dem Fensterausschnitt. Da schließt sich die Zugtür mit einem Ächzen, ein Ruck wandert durch die Wagen. Ich lege einen Arm um dich und streichele deine Wange, werde unruhig. Deine Haut duftet nach trockenem Schweiß, mein Herz springt in die Kehle. Meine andere Hand gleitet wie von selbst auf dein Knie. Du rührst dich nicht, siehst mich nur frech an. Angst hat mein Hübscher jedenfalls keine.
Der Zug hält und eine Schaffnerin holt uns auf dem Bahnsteig ab. Wir haben nicht viel Zeit, um den Schwarzfahrer herauszuholen, an Bahnhöfen soll immer alles schnell gehen. Mein Kollege und ich folgen der Dame, der bereits die Augen zufallen. Sie führt uns zu einer ausländischen Familie in einem Großraumabteil, Eltern, ein minderjähriger Junge. »Keine Fahrscheine?« Die Schaffnerin nickt. »Und sprechen kein Deutsch?« Sie zuckt mit den Schultern. Mein Kollege verdreht die Augen und wendet sich zum Vater. Der überreicht ihm brav ein Papier, aber auf Italienisch. Leute mit Migrationshintergrund, über Lampedusa gekommen, zuletzt von den Behörden in Mailand in den Zug nach München gesetzt. Und ihnen wahrscheinlich gesagt, mit dem Schriftstück könnten sie einfach weiterfahren bis zu einer Unterkunft im schönen Deutschland. Tolle Zusammenarbeit das. Mein Kollege nickt mir zu, die Familie muss aus dem Zug raus und registriert werden. Der Vater ist breit wie ein Schrank. Auf Respekt kann ich nicht warten, also packe ich seinen Arm und ziehe den Mann hinter mir her. Einen Sitz weiter steht ein Rentner auf und hält ein Smartphone hoch, wozu auch immer. Aber ich habe in dem Moment andere Sorgen. Mein Kollege betreut die schwangere Frau. Die Schaffnerin hält uns die Tür zum Abteil auf, aber kaum stehen wir auf dem Bahnsteig, ist sie verschwunden. Der Herr aus dem Abteil ist uns gefolgt. Er hält das Smartphone vor der Brust, offensichtlich filmt er uns, und das kann ich nicht leiden. Ich frage ihn, ob er die Aktion aufzeichnet. Vielleicht ein Ziviler oder ein Journalist. Aber er starrt nur schüchtern und vorwurfsvoll. Also ein besorgter Bürger, harmlos. Mein Kollege streitet mit den Eltern, alle rufen durcheinander und keiner versteht ein Wort des anderen. Ich sage dem Herrn, er soll sofort damit aufhören. Er setzt einen Fuß zurück, nimmt das verdammte Telefon aber nicht herunter. Ich will ihn gerade ermahnen und tippe gegen seine Schulter, da kneift er und kraxelt wieder in den Zug, behäbig, wie in Zeitlupe. Kaum steht er drin, schwingen die Türen zu. Hat er Glück gehabt. Die schwangere Frau kreischt, streckt die Arme nach dem Wagen aus, ich begreife nicht, warum. Mein Kollege schaltet schneller als ich: »Der Kleine ist noch drin!« Der Zug rollt schon. Nichts mehr zu machen. Was hätte ich tun sollen? Das liegt in der Verantwortung der Eltern. Ich habe den Jungen wohl wahrgenommen, aber seltsam, ich kann kein Gesicht zuordnen. Zuerst muss die Frau sich beruhigen. Ich greife zum Funkgerät und sage in der Dienststelle Bescheid, dass die Kollegen am nächsten Bahnhof auf den Zug warten sollen. Falls sie den Jungen entdecken, sollen sie ihn mitnehmen, aber nicht noch mal den Zug aufhalten. Mein Partner drängt die Eltern zur Treppe, nach unten in die Bahnhofsmission. Dort ist zum Glück eine Helferin von der Refugees-Welcome-Truppe, die Französisch spricht und den beiden Fragen stellt. Sie notiert die Namen und weitere Daten, erklärt ihnen, dass der Junge zu den Eltern gebracht wird, sobald er aufgegriffen wird oder sich in einer Unterkunft meldet. Na bitte, glückliches Ende, sie müssen nur noch warten. Die Mutter beruhigt sich schon. Ich kann ins Büro zurückgehen, den Papierkram machen andere, und bin vielleicht zeitig zu Hause. Da fällt es mir ein: Sein Gesicht konnte ich zuerst nicht sehen, weil er mit der Stirn ans Fenster gelehnt dasaß, abwesend. Er hielt einen Spielzeugdrachen auf dem Schoß. Draußen auf dem Bahnsteig vergaß ich ihn. Aber ich beobachtete die Helferin, als sie seinen Namen aufschrieb. Antoine Sassou, sieben Jahre alt, aus Burundi. Schlimm, dass ich mir so etwas merke.
Die Türen saugen sich an der Dichtung fest, ein Stoß fährt durch die Wagen. Ich muss mich an der Wand abstützen, damit ich nicht umfalle, und verschnaufe etwas. Im Fensterausschnitt wandert der Bahnsteig nach rechts. Wir rollen. Ohne das Ehepaar. Dieser Prahler hat wirklich die Polizei rufen lassen, die haben sie aus dem Zug gezerrt. Ich fasse es nicht, wie man so etwas tun kann. Nur weil jemand keinen Fahrschein hat und sich verteidigt, ein wenig lautstark vielleicht. Mir tut noch die Schulter weh, weil die Polizistin mich gestoßen hat, dass fast das Telefon heruntergefallen wäre. In den Zwanzigern, straffer blonder Pferdeschwanz, strenge Linien um die Augen. Aber eigentlich ein bezauberndes Gesicht. Was treibt die dazu, solch einen Beruf zu ergreifen? Natürlich wollte sie nicht gefilmt werden. Aber man muss Ungerechtigkeit aufzeigen. Ich gehe zurück und öffne die Abteiltür. Wo das Paar gesessen hat, hockt ein Bub. Der ist mir vorher nicht aufgefallen, ich war wohl nur mit Filmen beschäftigt. Neben ihm der schlimme junge Mann von vorhin. Als er mich sieht, zieht er seine Hand vom Knie des Kindes und blickt verdrossen. Ein verklemmter Typ, Ledertasche voller Bücher, auch im Sitzen quer umgehängt, wahrscheinlich Student. Mir kommt der Kerl verdächtig vor, besonders wie er den Jungen betatscht. Ich unterbreche die Aufnahme, verstaue das Telefon im Gürtelclip und setze mich dazu. Meinen Rucksack lege ich auf den freien Platz neben mir und fixiere den Kerl, das macht ihn bestimmt nervös. »Sind Sie jetzt zufrieden?« Er grinst säuerlich, einen Arm um den Jungen geschlungen. »Unglaublich, was Sie da ausgelöst haben. Aber ich habe es gefilmt.« Ich atme tief durch, entspanne mich und beuge mich zu dem Kleinen. »Wie heißt du denn?« Er richtet seine großen Augen erst auf mich, dann auf den Studenten, zieht misstrauisch die Brauen zusammen. »Er dürfte uns wohl kaum verstehen.« Die Stimme des Studenten klingt seltsam hoch und gedrängt. »Ich begleite den Jungen am nächsten Bahnhof zur Polizei«, rufe ich, damit es vielleicht noch jemand im Abteil hört. Der Student nimmt den Arm von den Schultern des Kindes. Dann döse ich vor mich hin, der Student senkt den Kopf, und wir drei werden eine Weile vom Zug durchgeschaukelt. Dann endlich halten wir wieder. Ich winke dem Jungen. »Komm, wir gehen deine Eltern suchen!« Er mustert mich und drückt sein Spielzeug an den Bauch wie ein Kleinod. Der Zug steht, an beiden Enden des Wagens öffnen sich die Türen, Fahrgäste steigen aus. Ich fasse den Jungen ums Handgelenk. Er rührt sich nicht, also ziehe ich vorsichtig. Da reißt er sich los, schlüpft zwischen meinen und den Knien des Studenten hindurch und verharrt im Gang. Will erst nach links, überlegt es sich anders, packt meinen Rucksack, rennt nach rechts und ist verschwunden. Durchs Fenster sehe ich ihn zur Treppe hasten, mein Rucksack schleift beinahe auf dem Boden. Verdammt, der Lausbub hat meine Sachen geklaut! Wenigstens Geld und Handy sind noch da. Hinterherrennen kann ich ja nicht, die verdammte Hüftgelenksarthrose. Der Schnösel spottet: »So ein Pech. Aber Sie haben den Kleinen doch aufgenommen. Da könnte man ja nach ihm suchen, oder? Übers Internet.« Keine schlechte Idee. Schon toll, was man heutzutage technisch machen kann. Ich hole das Telefon hervor und öffne die Filme. Ich fasse es nicht, es sind keine drauf. Der Student giert herüber, will ein Bild erhaschen. Ich halte ihm den schwarzen Bildschirm hin. »Ich muss wohl vergessen haben, die Aufnahme zu starten. Na ja, weg ist weg, kein großer Verlust.«
