Das Weihnachtsbaumwunder - Erin Green - E-Book
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Das Weihnachtsbaumwunder E-Book

Erin Green

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Beschreibung

Nina hat den wohl schönsten Job der Welt: für ihre Kunden die perfekte Weihnachtstanne zu finden. Die Arbeit auf der Weihnachtsbaumfarm war immer voller Freude und Glück, doch nach dem Verlust ihres Vaters vor einem Jahr ist die junge Frau in ihrer Trauer gefangen. Ein Verehrer bietet da willkommene Ablenkung − aber ist er der Richtige? Holly versucht nur, ein normaler Teenager zu sein, und doch wird sie von ihren Mitschülerinnen schikaniert. Als plötzlich der attraktivste Junge der Schule Interesse an ihr zeigt, kann sie ihr Glück kaum fassen. Sind all ihre Wünsche auf einmal wahr geworden, oder hat die Sache einen Haken? Angies einziger Weihnachtswunsch ist es, ihre Familie zusammenzubringen und ihre in Scherben liegende Ehe zu retten. Erzwingen kann sie die Versöhnung mit Mann und Sohn jedoch nicht. Wird ihr Wunsch in Erfüllung gehen? Die größten Wunder geschehen an Weihnachten – und vielleicht gibt es ja für alle drei Frauen ein Happy End …

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nina hat den wohl schönsten Job der Welt: für ihre Kunden die perfekte Weihnachtstanne zu finden. Die Arbeit auf der Weihnachtsbaumfarm war immer voller Freude und Glück, doch nach dem Verlust ihres Vaters vor einem Jahr ist die junge Frau in ihrer Trauer gefangen. Ein Verehrer bietet da willkommene Ablenkung – aber ist er der Richtige?

Holly versucht nur, ein normaler Teenager zu sein, und doch wird sie von ihren Mitschülerinnen schikaniert. Als plötzlich der attraktivste Junge der Schule Interesse an ihr zeigt, kann sie ihr Glück kaum fassen. Sind all ihre Wünsche auf einmal wahr geworden, oder hat die Sache einen Haken?

Angies einziger Weihnachtswunsch ist es, ihre Familie zusammenzubringen und ihre in Scherben liegende Ehe zu retten. Erzwingen kann sie die Versöhnung mit Mann und Sohn jedoch nicht. Wird ihr Wunsch in Erfüllung gehen?

Die größten Wunder geschehen an Weihnachten – und vielleicht gibt es ja für alle drei Frauen ein Happy End …

Erin Green schreibt zeitgenössische Unterhaltungsromane voller Leben, Liebe und Lachen. Sie lebt mit ihrem Ehemann in der Grafschaft Warwickshire.

Ulrike Laszlo studierte nach ihrer Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin Amerikanistik und Romanistik. Seit fast 25 Jahren ist sie als Literaturübersetzerin tätig.

Karin Dufner studierte Amerikanische Literatur und Literarisches Übersetzen aus dem Englischen. Seitdem hat sie etwa 400 Titel vom Englischen ins Deutsche und zurück übertragen.

Erin Green

DASWEIHNACHTS­BAUM-            WUNDER

Aus dem Englischen von

Deutsche Erstausgabe

eBook 2021

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 Erin Green

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel ›The Magic of Christmas Tree Farm‹ bei Aria, London.

© 2021 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Übersetzung: Ulrike Laszlo und Karin Dufner

Redaktion: Claudia Alt

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: © Shutterstock / helterskelter

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-7125-4

www.dumont-buchverlag.de

Gewidmet dem kostbaren Moment,

Eins

NINA

Samstag, 8. Dezember

Die Weihnachtsbäume ragen weit hinauf in den tintenschwarzen Morgenhimmel, als ich auf dem schlammigen Weg zur Farm stapfe, einer arbeitsreichen Elf-Stunden-Schicht entgegen.

Der Chor der Morgendämmerung hat noch nicht eingesetzt, und außer einem Fuchs auf der Pirsch ist um diese Zeit niemand zu sehen. Allmählich bereiten sich die Vögel auf ihre ersten Töne vor. Trotz dieser heiteren Ruhe fühlt sich mein Herz an wie ein zwischen meinen Rippen verkeilter Kohleklumpen.

Meine Taschenlampe schlägt gegen mein Bein, während ich den verlassenen Pfad entlanggehe. Ich benutze sie im Moment nicht, denn ich kenne den Weg wie meine Westentasche – die Lampe ist nur für Notfälle gedacht. Die Farm beherrscht die örtliche Umgebung und bildet eine hübsche grüne Grenze zu unserem kleinen Dorf Baxterley.

Die Luft ist erfüllt von dem würzigen Duft der Fichten, die auf beiden Seiten des Feldwegs stehen. Ausgewachsene Bäume, die vor Jahrzehnten gepflanzt wurden, gleichen Riesen, ihre ausgebreiteten Zweige hängen tief nach unten, so, als würden sie mich bei meiner frühen Ankunft an meinem Arbeitsplatz begrüßen wollen. Etwas Rotes blitzt vor mir auf und erregt meine Aufmerksamkeit: Da ist es, mein dickes Rotkehlchen. Es hüpft auf einen Fichtenzweig, ruckt mit dem Kopf und mustert mich kurz mit seinen Knopfaugen, bevor es davonfliegt. Ich nenne es »mein« Rotkehlchen, obwohl sehr viele inmitten der Weihnachtsbäume leben – ich tue so, als gäbe es nur eines, und das ist meins.

»Willkommen auf der Weihnachtsbaumfarm«, flüstere ich ihm zu, als es sich auf dem Eingangstor zur Farm niederlässt. Über dem Holztor aus fünf Balken prangt ein kunstvoll gefertigtes Schild, das stolz verkündet: »Züchter des Jahres – bester Weihnachtsbaum«. Diesen Preis haben wir beim jährlichen Wettbewerb der Vereinigung der britischen Weihnachtsbaumzüchter gewonnen – er ist vergleichbar mit einer Fünf-Sterne-Auszeichnung für ein Restaurant oder Hotel, eine Prämierung, die mein Boss mit Freuden der Öffentlichkeit präsentiert. Seitdem hat das neue Holzschild einen Ehrenplatz am Eingang zur Farm.

»Unsere Weihnachtsbäume werden nach Arten sortiert und entsprechend zugeschnitten. Bitte wenden Sie sich an uns, wenn Sie den für Sie passenden Baum nicht finden.« Nach neun Jahren muss ich meinen Verkaufsspruch nicht mehr üben, sondern sage ihn mir aus reiner Gewohnheit noch einmal vor.

Ich schiebe den Metallriegel zurück, öffne das Tor und binde es fest. Wir haben einen weiteren arbeitsreichen Tag vor uns, und ich möchte vermeiden, dass jemand später hierherlaufen muss, um es wieder aufzumachen.

Ich arbeite das ganze Jahr über hier. Wir sind nicht sehr viele – unser Boss Fielding stellt jedes Jahr nach Bedarf eine Menge Saisonarbeiter ein, die dann wieder entlassen werden. Glücklicherweise habe ich mich vor Jahren als gute Mitarbeiterin erwiesen, also kann ich die Schönheit der Farm zwölf Monate im Jahr genießen.

Im Juni 2009 habe ich nach den Abschlussprüfungen die Schule verlassen und bereits eine Woche danach hier angefangen. Wer hätte gedacht, dass Weihnachtsbäume bereits im Juli Pflege brauchen? Das liegt nun neun Jahre zurück, und ich habe keine Ahnung, wie viele Christbäume ich seither verkauft habe.

Es weht ein eisiger Wind. In der Wettervorhersage wurde Schneefall für ganz Warwickshire angekündigt – solche Aussichten machen meinen Boss mit Sicherheit glücklich. Bei Schnee schnellen die Verkaufszahlen von Weihnachtsbäumen in die Höhe, ebenso wie die von Speiseeis an einem sonnigen Sommertag. Für uns Arbeitskräfte auf der Farm bedeutet das jedoch, trotz Schneetreiben und Blizzards unseren Aufgaben nachzugehen. Es ist eine Sache, sich ins Zeug zu legen, um den Leuten Fichten zu verkaufen, aber eine ganz andere, vor einer Schicht tonnenweise Schnee zu schippen, um die Zufahrtswege für die Kunden freizumachen.

Ich setze meinen Weg auf dem zerfurchten, langen Pfad fort, der breit genug für Traktoren ist. Um diese Zeit des Jahres ist es hier oft sehr düster, aber ich fühle mich nie einsam. Wie wäre das auch möglich, da ich doch von der Natur und ihrer sich ständig verändernden Schönheit umgeben bin? Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Reize, und der Winter ist einfach der Höhepunkt unseres Jahres.

Mir ist bewusst geworden, dass mein Geist abgelenkt ist, sobald meine Hände beschäftigt sind. Das ist der Zauber der Weihnachtsbaumfarm – hier herrschen eine Wärme und Betriebsamkeit, die mir zu vergessen helfen … Ein langer Arbeitstag mit chaotischen Familien auf der Suche nach einem Baum – wobei manchmal leider auch einige in Streit geraten – ist genau das, was ich brauche. Es ist kaum zu glauben, wie viel Zeit manche Familien für die Suche nach dem richtigen Baum aufwenden, und das, obwohl wir nur vier Arten verkaufen: Fichten, Blautannen, Nordmanntannen und Frasertannen.

Steht dann die Art fest, können sie sich oft nicht über die Größe einigen: Soll es ein ganz kleiner Baum sein, einer von durchschnittlicher Höhe oder einer der fantastischen grünen Riesen? Die meisten Familien kaufen nur einen Baum, also verstehe ich ihren Wunsch nach Perfektion. Ihr perfekter Baum kann ihr perfektes Weihnachtsfest ausmachen. Hin und wieder kaufen Familien auch mehrere Weihnachtsbäume – einen fürs Wohnzimmer, einen für die Diele und einen mit Wurzeln, der im Vorgarten eingepflanzt werden kann. Wir berechnen nach Meter, also kann das ziemlich teuer werden. Und so oft ist der Kostenfaktor entscheidend. Auch heute werde ich sicher irgendwann wieder den altbekannten Satz hören: »Oder sollen wir es lassen und den alten Plastikbaum im Speicher abstauben?« Ich werde lächeln, so tun, als ob ich das nicht gehört hätte, und hoffen, dass sie sich doch für einen Baum aus unserem Sortiment von wunderschönen Exemplaren entscheiden. Meiner Meinung nach geht nichts über einen echten Weihnachtsbaum – er sorgt nicht nur für Freude in dieser Jahreszeit, sondern auch für einen herrlichen Duft. Wenn es hart auf hart kommt und sie immer noch darüber nachdenken, den verstaubten Plastikbaum einem unserer herrlichen Gewächse vorzuziehen, werde ich der Familie rasch eine Fichte zeigen und versehentlich einen falschen Preis nennen. Man könnte es auf meine Weihnachtsstimmung oder auf eine allgemeine Milde in dieser Jahreszeit zurückführen – mein Boss wird auf jeden Fall nichts davon erfahren. Seien wir doch mal ehrlich: Das Leben ist zu kurz, um sich wegen Geld Sorgen zu machen. Am sechsten Januar werden alle unsere Weihnachtsbäume kahl und braun neben einer Mülltonne stehen, also sollte man sich daran erfreuen, solange es möglich ist.

Heute, am achten Dezember, eröffnen wir die Saison. Wenn alles so abläuft wie in den letzten neun Jahren, werde ich zwischen den Familien hin und her laufen, mein Bestes geben, um Bäume herbeizuschleppen und, dank meiner umfangreichen Kenntnisse über jede Art, alle Fragen beantworten. Ich werde freundlich lächeln, Glühwein und warme Früchteküchlein servieren und jeden herzlich begrüßen, der unsere Farm besucht.

*

Der Hof der Farm vor mir wird von hoch oben angebrachtem Flutlicht erhellt. Auf dieser weiten offenen Fläche werden die Weihnachtsbäume verkauft. Aus den Lautsprechern, die außer Reichweite möglicherweise genervter Mitarbeiter platziert sind, erklingt bereits blechern das Weihnachtslied »Little Drummer Boy«. Obwohl ich die Aufnahme schon seit einem Jahr nicht mehr gehört habe, kenne ich die Reihenfolge der zwanzig Songs aus den vorherigen Jahren in- und auswendig.

»Nina!«, ruft Bram, als ich bei der ersten Blockhütte, von uns liebevoll »das Kassenhäuschen« genannt, um die Ecke biege. Er trägt einen Thermomantel und Stahlkappenstiefel. »Ich habe etwas ganz Besonderes für dich!«

Der Klang seiner tiefen Stimme entlockt mir ein Lächeln. Bram, der ältere der eineiigen Zwillingssöhne meines Chefs, glaubt jedes Mal, wenn er mich um ein Date bittet, dass ich endlich einwilligen werde. Dabei vergisst er immer wieder, dass wir gute Freunde sind. Seit dem Matheunterricht in der siebten Klasse verbindet uns eine enge Freundschaft. Und sein jüngerer Bruder Zach gehört auch dazu. Im Charakter sind sie so verschieden wie Tag und Nacht oder wie eine Blautanne und eine Fichte. Beide sind jedoch stark und kräftig gebaut, wohlgenährt und im besten Alter.

Allein der Gedanke, mit einem von den beiden auszugehen, ist mir ein wenig unangenehm; Geschäftliches mit Privatem zu vermischen, fühlt sich für mich ungewöhnlich und falsch an. Die Zwillinge sind in dem massiven Farmhaus aufgewachsen, umgeben von riesigen Feldern im Norden, Süden und Osten.

»Guten Morgen, Bram. Dann schieß mal los!« Ich ziehe mir die Mütze vom Kopf, fahre mir mit den Fingern durch die mausbraunen Locken und mustere seine lebhaften Gesichtszüge, während er mir wieder einmal einen übertriebenen Plan vorträgt, den er sich wahrscheinlich am Abend zuvor nach vier Bier im The Rose, dem einzigen Pub in unserem Dorf, ausgedacht hat.

»Nina, schau mich nicht so an. Ich habe mir gedacht, wir könnten …«

Ich höre ihm gar nicht zu. Seine grauen Augen funkeln aufgeregt, die langen blonden Wimpern flattern wie Schmetterlingsflügel, seine Lippen bewegen sich unaufhörlich. Sein Dad, Boss Fielding, nennt ihn hinter seinem Rücken Quasselstrippe, und die Belegschaft lacht über den uralten Witz. Abraham spielt gern den lauten, aufgedrehten und wetteifernden Zwillingsbruder. »Das ist besser, als Zach zu sein«, erklärt er üblicherweise schlagfertig.

»Also, was denkst du?« Er hält inne, streicht seinen blonden Pony aus der Stirn und zupft ihn zurecht. Meine Antwort wird ebenso ausfallen wie immer.

»Oh Bram, was soll ich dazu sagen?«, erwidere ich leise. Es schmeichelt mir, dass er nach so vielen Absagen noch die Energie aufbringt, mich immer wieder zu bedrängen. Er hat mir schon zahlreiche Dates angeboten: Candle-Light-Dinner, Wanderungen auf den Snowdon, ein Wochenende beim V Festival, Ferien in Barcelona und sogar Skifahren in Österreich. Witzigerweise fiel es mir besonders leicht, ein Wochenende zum Fliegenfischen abzulehnen.

Ich mache mich auf den Weg zu der Blockhütte neben dem Kassenhäuschen, die als Aufenthaltsraum für die Belegschaft dient.

»Komm schon, Nina.« Er folgt mir zielstrebig, denn er kennt meine Routine. »Ich verspreche, dass ich mich wie ein Gentleman benehmen und dich wie eine Lady behandeln werde.«

Ich laufe die Holzstufen hinauf, stoße die schwere Tür auf und werde von der Wärme begrüßt, die das Feuer im Kaminofen ausstrahlt. Eine bunte Mischung aus gespendeten Sofas und Kaffeetischchen sorgt für eine gemütliche Atmosphäre.

»Du lädst mich also zu einem richtig guten Abendessen ein?«, frage ich, während ich den Reißverschluss meiner Jacke aufziehe.

»Ich schwöre, dass ich dich wie eine Dame behandeln werde.«

»Abraham! Du erstaunst mich …« Unwillkürlich lächle ich ihn zurückhaltend an. Es gelingt mir einfach nicht, ganz zu verbergen, dass ich mich geschmeichelt fühle und seine Hartnäckigkeit bewundere.

»Also, was darf es sein, Nina?«, fragt er und zwinkert mir frech zu.

»Bram … Wir würden das ruinieren, was wir haben.« Ich gehe zur Garderobe hinüber und streife meine Jacke ab. Bram folgt mir.

»Nein, werden wir nicht. Was sagst du dazu?«

Ich hänge meine Jacke an den Haken mit meinem Namen auf einem geschwungenen Schild darüber, eine Ehre, die nur Festangestellten zuteilwird. Ein paar der anderen sind schon da und ziehen sich gerade ihre Arbeitsklamotten an. Shazzas Haken ist jedoch noch leer – sie kommt sicher wieder auf den letzten Drücker. Kittys gefütterter Regenmantel hängt bereits an ihrem Haken. Zwischen den Aufhängern befinden sich Plastikbehälter für Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände, die sich jeder von zu Hause zum Schutz gegen die Kälte mitbringt.

»Wir sind schon seit dreizehn Jahren gute Freunde, und diese Freundschaft bedeutet mir sehr viel.«

»Das sehe ich anders. Du bist der schlechteste Kumpel, den ein Mann haben kann. Du hältst nichts von Trinkspielen, kannst mit Fußball nichts anfangen und stimmst nie meinen Plänen zu.«

»Dann stell dir nur vor, was für eine grauenhafte Freundin ich abgeben würde. Ich würde mich ständig über alles beklagen, dir pausenlos Nachrichten schicken und rund um die Uhr wissen wollen, wo du steckst. Wäre das etwa besser?«

»Nein! Das hört sich an, als hätte ich mal wieder einen verdammten Korb von dir bekommen.«

Bram lehnt sich kopfschüttelnd gegen das alte abgewetzte Sofa, während ich aus meiner Plastikbox ein paar Kleidungsstücke heraushole, um mir mehrere Schichten anzuziehen.

Dieses Spiel haben wir vom ersten Tag an schon eine Million Mal gespielt – es ist zur festen Gewohnheit geworden. Er macht mich nicht an, das ist nicht seine Art. Wir fühlen uns in der Gegenwart des anderen nie unbehaglich. Bram und Zach sind meine besten Freunde, und das wird auch so bleiben.

Ich schließe die Druckknöpfe an meiner roten Weste und greife in die große Vordertasche, um mich zu vergewissern, dass mir niemand den Filzstift, den Notizblock oder die Wollhandschuhe stibitzt hat. Heute habe ich Glück.

»Nina Salloway, du bringst mich noch ins Grab.«

»Das will ich hoffen«, scherze ich, hole meinen Thermomantel mit dem Firmenlogo und meinem auf den Rücken gestickten Vornamen und streife ihn mir über. »Komm, wir machen ein Wettrennen zur Stechuhr.«

»Nina!«

»Hör auf, Bram. Die Unterhaltung ist beendet.« Als ich mich zur Tür wende, stürmt Shazza wie ein blonder Wirbelwind herein, murmelt einen Gruß und stößt eine kurze Entschuldigung mit der Begründung hervor, ihre jüngeren Geschwister hätten das Badezimmer in Beschlag genommen. »Guten Morgen, Shaz. Bram, ich wette mit dir, dass nach diesem Song ›White Christmas‹ folgt.«

Bram schüttelt den Kopf, verzieht den Mund und folgt mir aus der Hütte. »Du liebst mich wirklich.«

»Von ganzem Herzen.«

ANGIE

»Können wir reden?«, frage ich am Handy. Nicks Schweigen zieht sich lange hin und hört sich nicht sehr vielversprechend an. Während der zehnminütigen Fahrt habe ich nachgedacht, eine ausführliche Rede verfasst und immer wieder geübt. Kaum parke ich an der Weihnachtsbaumfarm, habe ich sie vergessen. Schließlich habe ich heute Morgen nur eine Aufgabe: Ich muss meinen Christbaum aussuchen. Warum also rufe ich ihn an? »Nick?«

»Was?«

»Hast du mich gehört?«

»Ja, Angie, ich habe dich gehört, aber … ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.« Seine Stimme klingt monoton und misstrauisch, und ihr fehlt leider jegliches Bemühen, mir eine Freude zu machen. »Worüber willst du denn reden?«

»Über uns.« Meine Güte, muss es mir dieser Mann so schwer machen? Komm mir doch bitte ein wenig entgegen.

Ich höre ihn atmen, eine Abfolge von unregelmäßigen Seufzern, aus denen die Unsicherheit spricht.

Als ich dieses Gespräch allein durchgespielt habe, ist er bei meinem Vorschlag hochgesprungen, hat aufgelegt und war schon auf halbem Weg zu mir.

So sollte das nicht laufen. Gebe ich ihm im Moment nicht genau das, worum er mich in den vergangenen elf Monaten immer wieder gebeten hat? Und trotzdem weicht er mir jetzt aus. Offensichtlich kenne ich den Mann nicht so gut, wie ich dachte. Wie schade.

»Schau, Angie, was gibt es zwischen uns denn noch zu bereden?«

»Nick …« Mir fehlen die Worte. Meine vorbereitete Rede ist verpufft, die Rädchen in meinem Gehirn greifen nicht mehr gut genug ineinander, um eine brauchbare Erklärung zu produzieren. »Können wir uns auf einen Drink treffen? Heute Abend?«, füge ich hastig hinzu, weil ich nicht möchte, dass er sich dafür einen Tag irgendwann unter der Woche aussucht und ich dann noch mal den ganzen Morgen, Mittag und Abend auf ein vereinbartes Treffen warten muss. »Bitte.«

Er denkt darüber nach. Immer noch.

Was gibt es da zu überlegen? Normalerweise antwortet man darauf mit »Ja, sehr gern« oder erwidert »Klar, wo möchtest du hingehen?«. Selbst ein unerwartetes »Bei dir oder bei mir?« wäre besser als das.

Aber nein, es herrscht absolutes Schweigen.

»Sagen wir um acht Uhr vor The Rose in Baxterley?«, fahre ich fort und unterdrücke die Angst vor einer Zurückweisung. Sich auf neutralem Boden zu treffen, außerhalb unserer Heimatstadt Atherstone, ist doch ein vernünftiger Vorschlag, oder? Die guten alten Zeiten, in denen es ständig in der Leitung knisterte und die Verbindung abbrach, waren mir lieber – das war besser als diese Demütigung.

»Also gut. Um acht.« Er legt auf.

Ich werfe einen Blick auf das Display, um mich zu vergewissern, dass die Verbindung unterbrochen ist.

»Verdammt, Nick. Vielen Dank für nichts«, schreie ich. Am liebsten würde ich ihn noch mal anrufen und die Verabredung wieder absagen, doch ich kämpfe gegen den Drang an, denn mir ist klar, dass ich damit nur einen einzigen Menschen verletzen würde. Bevor ich auf die Kurzwahltaste drücken kann, stecke ich das Handy rasch in meine Handtasche.

Nachdem ich den Sicherheitsgurt gelöst habe, lasse ich mich zurücksinken. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigt mir, dass ich mir dringend den Haaransatz nachfärben muss, obwohl mich mein nachlässig gebundener Haarknoten jünger macht.

Etliche aufgeregte Kunden drängen sich an der Motorhaube meines Wagens vorbei: Alte und Junge, Pärchen und Familien, Kinder, die sich hüpfend an den Händen halten – alle sind an diesem späten Samstagvormittag fröhlich und in festlicher Stimmung. Und ich sitze hier allein, mache mir Vorwürfe und pflege mein angeschlagenes Ego; noch gestern habe ich mir geschworen, Single zu bleiben.

Noch deprimierender könnte das alles nicht sein.

Durch die beschlagene Windschutzscheibe, die den Blick nach draußen immer mehr einschränkt, beobachte ich die glücklichen Familien und warte darauf, dass sich mein Ärger legt. Doch ich spiele in Gedanken immer wieder durch, wie ich um ein Date in The Rose gebeten oder vielleicht sogar gebettelt habe.

Wie konnte es so weit kommen? Eigentlich sollte ich mich doch in dieser vorbeiziehenden Parade von glücklichen, lächelnden Menschen befinden und mich darauf konzentrieren, das perfekte Weihnachtsfest zu organisieren. Ich sollte jetzt an den bereits gefällten, in Netzen verpackten Weihnachtsbäumen vorbeischlendern, in der Hand einen Becher mit Glühwein halten und an einem warmen Stück Früchtekuchen knabbern. In den vergangenen Jahren habe ich mehr Zeit auf dieser Farm verbracht, als ich mir vorstellen mag, immer auf der Suche nach dem perfekten Weihnachtsbaum. Jedes Jahr habe ich einen Baum nach Hause geschleppt, ihn geschmückt und gewässert. Seit ich ein Haus besitze, hat sich diese Tradition jedes Jahr am ersten Verkaufstag wiederholt … also seit siebzehn, nein, achtzehn Jahren! Verdammt, wo ist nur die Zeit geblieben?

Ich will wieder nach Hause. Habe ich es wirklich verdient, auf meine jährliche Tradition verzichten zu müssen, nur weil dieses Jahr – das ganz wichtige Jahr, in dem ich mich eigentlich »fabelhaft mit vierzig« fühlen sollte – das beschissenste Jahr meines Lebens war? Und nun Nick: Hat er etwa auch Zweifel?

Ich wünschte, ich hätte ihn nicht angerufen.

Und ich wünschte, ich wäre nicht zur Weihnachtsbaumfarm gefahren. Während ich die festliche Stimmung um mich herum aufnehme, sinke ich immer tiefer in meinen Sitz.

NINA

»Nina!«, ruft Zach, während er in unserer Pause heiße Getränke verteilt. »Möchtest du Zuckerstreusel oder Marshmallows auf deine heiße Schokolade?«

»Keins von beiden«, antworte ich und ziehe damit die Aufmerksamkeit meiner Kolleginnen auf mich.

»Ist das dein Ernst?«, will Kitty wissen und wendet mir ihr fein geschnittenes Gesicht zu. »Geht’s dir gut?«

»Ich muss endlich meinen Zuckerkonsum reduzieren.«

»Das hast du wirklich nicht nötig …« Kitty legt den Kopf schräg und sieht mich warmherzig, wenn auch tadelnd aus ihren sanften blauen Augen an.

Kitty Pardoe ist ein Stück älter als ich und viel weiser als wir Jüngeren, aber sie weiß noch, wie es ist, fünfundzwanzig zu sein. Ich kenne sie seit meinem ersten Tag, als sie mich unter ihre Fittiche genommen hat. Inzwischen ist sie zur Hauptkassiererin befördert worden. Heute muss sie allerdings wieder im Verkauf arbeiten, da Jackie, die Frau von unserem Boss, am ersten Tag der Saison das Kassenhäuschen für sich beansprucht. Wie ich hat auch Kitty den ganzen Vormittag geschnittene Bäume über den Hof geschleppt.

In den letzten drei Wochen vor Saisonbeginn haben wir bereits eine Menge an den Großhandel geliefert, und wenn einem das nicht schon vor dem Start des Verkaufs hier die Knochen bricht, was dann? Ich verstehe nicht, warum so viele Familien bereits kurz nach acht hier auftauchen, um sich den ersten Baum des Jahres zu sichern, aber hey, das gehört wahrscheinlich zu dem Weihnachtswahnsinn, der jedes Jahr in dieser Gegend ausbricht. Wenn es am Eröffnungstag schon so losgeht, mag ich mir nicht vorstellen, wie der letzte Samstag vor Weihnachten ablaufen wird.

»Wenn Nina ihre Marshmallows nicht will, nehme ich sie«, ruft Shazza vom anderen Ende der Hütte, wo sie ihre bestrumpften Füße an die Seite des Holzofens gelegt hat.

Zach lässt eine zusätzliche Portion Marshmallows in Shazzas Getränk fallen, bevor er allen die bereits sehnlich erwarteten Tassen in die Hand drückt.

»Danke«, sage ich zu ihm.

»Gern geschehen.«

Kitty senkt kurz den Blick, schaut jedoch dann Zach belustigt nach, als er sich von der Arbeitsfläche seine Tasse holt und dann rasch die Hütte verlässt.

»Was?«, frage ich, da sie sich mir seufzend zuwendet.

»Er mag dich wirklich«, erwidert sie und nippt an ihrem Getränk.

»Wir sind nur Freunde, nicht mehr.«

»Im Ernst, Nina, den Typen hat’s schwer erwischt«, ruft Shazza quer durch den Raum und trinkt schlürfend einen Schluck aus ihrer übervollen Tasse.

»Ihr seht das mal wieder völlig falsch.« Zurzeit höre ich nichts anderes. Entweder verfolgt mich Bram wegen eines Dates, oder die anderen behaupten, Zach sei hinter mir her.

»Eine Weihnachtsromanze wäre so süß«, fügt Shazza hinzu und bringt ihre Füße am Ofen in eine andere Stellung. »Diese Jahreszeit ist perfekt dafür, sich zu verlieben und miteinander zu kuscheln.«

»Wie schade, dass Weihnachten in diesem Jahr für mich ausfällt. Also lass es dir gut gehen, Shazza. Such dir einen Kerl und genieß die Jahreszeit!«

Ich stelle meine Tasse ab und stehe auf. Kann ich hier nicht mal in Ruhe etwas trinken? Nach einigen Stunden harter Arbeit in der Kälte habe ich doch eine Pause verdient.

»Das würde ich gern, wenn ich könnte«, erwidert Shazza, während Kitty vergeblich versucht, sie mit einer Handbewegung zum Schweigen zu bringen. »Nein, Kitty, ich halte jetzt nicht den Mund. Weihnachten steht vor der Tür, ob ihr das gefällt oder nicht!«

Ich verlasse hastig die Hütte, stapfe die Treppe hinunter und über den Hof, um von ihnen wegzukommen. Ohne auf das aus den Lautsprechern plärrende »Mary’s Boy Child« zu achten, gehe ich um die Familien herum und steuere auf den großen Geräteschuppen zu. Das Tor der Scheune steht wie immer weit offen. Drinnen sind landwirtschaftliche Geräte und Traktoren ordentlich in Reihen geparkt, in einer Ecke lagern stapelweise Heuballen, am anderen Ende befindet sich ein behelfsmäßiger Winterstall für Gertrude, die launische Eselin der Farm, und ihren Gefährten Arthur, den Ziegenbock. Zach beugt sich über den Rohrzaun und füttert die beiden mit Karotten.

»Hey, Zach, wie läuft’s?«, frage ich lässig und versuche herauszufinden, in welcher Stimmung er ist. Ohne aufzuschauen, streichelt er weiter Gertrudes Nüstern. Die Eselin scheint seine Berührung zu genießen und fordert weitere Karotten, indem sie mit dem Maul seine Hand anstupst.

»Gut, danke, und bei dir?«

Ich lehne mich neben ihn an den Zaun.

In der Scheune riecht es nach Wärme und Sicherheit, und man ist weit weg von den Automotoren und dem Stimmengewirr draußen. »Gefällt dir das, Gertrude?«

»Sie liebt Aufmerksamkeit«, erklärt er, ohne das Tier aus den Augen zu lassen. Der Ziegenbock Arthur wirft einen kurzen Blick auf die Karotten und wendet sich dann wieder seinem Heuballen zu. »Hast du heute schon mit Bram gesprochen?«

»Ja. Er hat wieder so eine fixe Idee im Kopf, wie er und ich eine aufregende Zeit miteinander verbringen könnten. Weiß der Himmel, woher er solche Ideen hat, aber …«

Zach dreht sich zu mir um und starrt mich an; seine grauen Augen sind weit geöffnet. Das gleiche Flattern der blonden Wimpern, der gleiche blonde Pony.

Es ist unfair, dass Männer so lange Wimpern haben – ruinieren wir Frauen unsere, indem wir sie mit Wimperntusche verkleben?

»Alles in Ordnung?«

»Er will mehr als nur Freundschaft, Nina. Darauf will er hinaus«, sagt er leise und mustert mein Gesicht. Ich wende rasch den Blick von ihm ab und richte ihn auf Arthur mit seinen riesigen Hörnern, als wäre er interessanter.

»Das weiß ich, aber an diesem Punkt waren wir schon mal. Ich glaube nicht, wir sollten …«

»Dann sag es ihm.«

»Zach.«

»Er glaubt wirklich, dass ihr eines Tages ein Paar werdet. Das bildet er sich seit Jahren ein, und du hast ihn nie berichtigt. Du hast das nie klargestellt. Es ist, als ob …«

»Hey, gib nicht mir die Schuld daran!«

»Ich muss mir den ganzen lieben langen Tag sein Gequassel über dich anhören. Du weißt ja, worum es geht: Er gibt sein Bestes, um dich zu beeindrucken, und du sagst ihm trotzdem nicht die Wahrheit, oder?«

»Ach ja? Das sagt genau der Richtige!« Mir war klar, dass meine Worte ihn treffen würden, doch sein verletzter Gesichtsausdruck sagt mir, dass er keinen verbalen Faustschlag erwartet hat.

Zach beißt sich auf die Unterlippe und wendet sich von mir ab.

Meine Stimme wird weicher.

»Warum bist du nicht endlich mal ehrlich, Zach? Oh nein, ich habe vergessen, dass du das nicht kannst.«

»Ich habe beschlossen, ihm nicht wehzutun. Das ist was anderes.«

»Und ich habe beschlossen, ihn zu ignorieren.«

Zachs graue Augen blitzen auf, er wirft mir einen warnenden Blick zu.

»Wollt ihr euch vor der Arbeit drücken, oder darf man sich zu euch gesellen?«, ruft Bram, marschiert in die Scheune und mustert uns. Eine Weile herrscht Schweigen.

»Das ist unsere Pause, also red keinen Mist«, erwidert Zach schließlich und schlüpft unvermittelt in eine andere Rolle.

Ich starre von einem zum anderen und bin offensichtlich wieder einmal zwischen die Fronten geraten.

»Ich meinte eigentlich eher, dass ihr … Wie auch immer. Dad hat gesagt, dass er das komplette Team braucht, weil soeben ein ganzer Schwung Leute angekommen ist. Die Pause wird also verkürzt.«

»Na toll«, murrt Zach.

»Den Überbringer der schlechten Nachrichten trifft nicht die Schuld – das ist Dads Entscheidung, nicht meine. Nina, kannst du den anderen in der Hütte Bescheid geben? Sie werden nicht begeistert sein, aber …«

Ich nicke und verlasse rasch die Scheune.

HOLLY

Ich warte am Ende der Verkaufstheke von Costa, umklammere den Löffel in meiner Hand und schaue zu, wie der Barista einen Haselnuss-Latte zusammenrührt. Den ganzen Vormittag über habe ich mich auf dieses Getränk gefreut. Es ist die Belohnung für meinen Teilzeitjob in einer Drogerie; ich muss dabei eine grässliche Uniform aus Synthetik tragen, die an meiner Wollstrumpfhose klebt.

»Haselnuss-Latte!«, ruft der Barista in den Raum, als würde er mich nicht am Tresen warten sehen. Ich trete einen Schritt vor, lasse mir den warmen Becher geben und freue mich schon darauf, auf dem Heimweg die cremige Haube wegzulöffeln.

»Holly!«, schreit eine Gruppe Teenager von einer der Sitzecken zu mir herüber. Ich drehe mich um und bereue meine Reaktion sofort. Sechs feixende Gesichter mit verschmiertem Eyeliner und zu stark geschminkten Lippen grinsen mich höhnisch an. »Komm und setz dich zu uns!«, brüllt Paris, eines der fiesen Mädchen aus der Schule. Die anderen fünf brechen in gackerndes Gelächter aus und versuchen, sich hintereinander zu verstecken.

Mit gesenktem Kopf haste ich zum Ausgang, wobei mein Pferdeschwanz bei jedem Schritt auf und ab wippt.

Meine beste Freundin Demi würde jetzt sagen: Sie sind so lustig wie eine Geschlechtskrankheit.

Sobald ich mich auf der Long Street befinde, richte ich den Blick starr nach vorne und gehe an dem großen Fenster des Coffeeshops vorbei. Endlich kann ich den Deckel von meinem Kaffeebecher nehmen und beim Gehen löffeln. Löffeln und genießen. Löffeln und entspannen. Löffeln und vergessen.

»Holly!«, ertönt eine männliche Stimme hinter mir. »Warte!«

Ich marschiere auf der belebten Straße in Atherstone weiter voran. Kein Mensch auf der ganzen Welt kann mich jetzt aufhalten und mich damit den Blicken dieser sechs Zicken preisgeben. Vielleicht würden sie sogar alles mit ihren Handys fotografieren und dann ins Netz stellen. Als ich die rettende Fassade der Pommesbude nebenan erreicht habe, bleibe ich stehen und drehe mich um.

Es ist Alfie Woodward. Mein Magen schlägt einen Purzelbaum, und ich lasse beinahe meinen Latte fallen. Rasch stecke ich den Löffel in meine Manteltasche; vor Alfie kommt es mir kindisch vor, den Milchschaum zu löffeln. Jedes Mädchen aus der elften Klasse, nein, das nehme ich zurück, jedes Mädchen in unserer Schule möchte mit Alfie Woodward befreundet sein. Er ist »der Mädchenschwarm«, wie meine Mutter sagen würde. Und dieser Alfie Woodward, der im Chemieunterricht in der letzten Reihe sitzt, kennt tatsächlich meinen Namen. Das finden die fiesen Mädchen mit Sicherheit nicht gut.

»Hi. Ich habe schon gedacht, du hättest mich nicht gehört.« Er zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu, während er auf mich zukommt. Sein dunkles Haar ist kürzer als gestern in der Chemiestunde – anscheinend ist das seine Aufgabe am Samstagmorgen gewesen.

»Tut mir leid … Ich, ähm …« Ich zucke mit den Schultern und richte den Blick auf sein lächelndes Gesicht. Wie soll ich es nennen, dass die Mädchen im Costa meinen Namen gebrüllt haben?

»Ich war mit Jordan und Tom dort drin und habe gehört, wie sie dir hinterhergerufen haben. Wie auch immer – beachte sie einfach nicht. Gehst du am Dienstabend in den Jugendclub? Ich bin fast jede Woche dort. Deine Freundin Demi kommt auch hin und wieder, aber dich habe ich dort noch nie gesehen.«

Wieder zucke ich mit den Schultern. Was soll ich antworten? Ähm, nein, weil die fiesen Mädchen jede Woche dort sind? Oder wie wäre es mit: Ja, klar, ich komme gern, lass mich zwei Stunden lang beleidigen und gehe dann heulend nach Hause. Oder: Natürlich, halt mir einen Platz frei, dann sehen wir uns am Dienstag um sieben.

»Da kommen auch andere, nicht nur diese Hexen«, fügt er hinzu, als könnte er meine Gedanken lesen. »Ich könnte dich abholen, wenn du willst.«

Alfie Woodward will mich abholen!

Ich werde rot. Er mustert mich mit seinen blauen Augen und bemerkt natürlich, wie mein blasses Gesicht Farbe annimmt. Holly Turner, bleib einmal in deinem verdammten Leben cool.

»Und?« Ein leichtes Lächeln entblößt die obere Reihe seiner perfekten Zähne.

Ich presse die Lippen zusammen, um die feste Zahnspange mit den Brackets, um die ich meine Eltern angebettelt habe, zu verbergen. Im Moment bedauere ich das sehr und hätte lieber meine unansehnliche alte lose Zahnspange wieder.

Ich nicke kurz – offensichtlich habe ich plötzlich die Sprache verloren. Und wenn Alfie mit seinem frischen Haarschnitt, der schicken Reißverschlussjacke und den weißen Turnschuhen noch länger vor mir stehen bleibt, verliere ich vielleicht die Kontrolle über meine Hand und lasse den Becher mit dem Latte auf den Gehsteig fallen.

»Okay, dann komme ich am Dienstag kurz vor sieben zu dir.«

Gehirn, jetzt musst du funktionieren. Ein einfaches »Okay« würde schon genügen. Bitte lass mich jetzt nicht im Stich.

»Danke, Alfie, das ist nett von dir. Bis dann.« Ich drehe mich rasch um. Das wirkt unhöflich, aber ich kann ihn einfach nicht länger anschauen. Dann kann ich mein Lächeln nicht mehr unterdrücken, und auf meinem Gesicht breitet sich das dämlichste Grinsen aus, das man auf der Long Street in Atherstone jemals gesehen hat.

»Also gut, wir sehen uns dann in der Schule!«, ruft er mir hinterher, während ich mich auf den Heimweg mache.

»Ja, im Chemieunterricht.«

»Nein, du hast zuerst Geschichte und dann noch Erdkunde …«

Ich versuche, lässig zu winken. Demi wird mir das nicht glauben.

NINA

In wenigen Stunden sind einige Hundert Weihnachtsbäume verkauft und befinden sich mit glücklichen Familien auf dem Weg in deren Zuhause. Der Boss ordnet an, dass eine zweite Ladung Bäume geschnitten werden soll, was bedeutet, dass das Personal auf dem Hof alle Hände voll mit dem Verpacken in Netze und dem Auszeichnen zu tun hat. Das ist die Geschäftigkeit, nach der ich mich sehne. Die Hände sind beschäftigt, also ist es auch mein Kopf.

»Ohne Schneefall hätte es gar nicht besser laufen können«, sagt der Boss stolz, bevor er uns weitere Instruktionen erteilt.

»Alles in Ordnung?«, erkundigt sich Kitty, als ich mich in der Hütte nach endlich überstandener Schicht aus meiner Arbeitskleidung schäle.

»Nein!« Ich bringe kein Lächeln zustande, obwohl Kitty das verdient hätte.

»Willst du darüber reden? Ich habe Zeit für ein Gespräch. Connor macht es nichts aus, im Wagen auf mich zu warten.«

Ich schüttle den Kopf. Connor kommt jeden Abend, um seine geliebte Kitty abzuholen; er beklagt sich nie, wenn es regnet und Kitty ihn bittet, mich nach Hause zu fahren, damit ich nicht patschnass werde. Die beiden führen eine echte Liebesehe, geprägt von gegenseitigem Respekt und Hingabe – wie aus einem Märchen.

Das Letzte, was ich im Moment brauche, ist ein Gespräch. Es geht nicht nur um die Zwillinge, und wenn ich jetzt anfange zu reden, kann ich meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle halten. Und wer will schon nach einer Elf-Stunden-Schicht den Putzeimer holen, um eine emotionale Pfütze aufzuwischen?

»Danke, aber lieber an einem anderen Abend«, flüstere ich, und meine Augen werden feucht. »Ich möchte jetzt nur noch auf schnellstem Weg nach Hause, ein heißes Bad nehmen, mich im Schlafanzug auf die Couch legen und mir das Samstagsprogramm im Fernsehen anschauen.«

»Und morgen wieder eine lange Schicht antreten.« Kitty kichert, um mich aufzuheitern.

»Ja, aber dann habe ich mich ausgeruht und bin wieder fit.«

Ich ziehe meine Winterjacke an und knöpfe sie zu, bevor ich mir die Mütze auf die braunen Locken stülpe.

»Tschüs.«

»Bis morgen, Kitty«, erwidere ich und wende mich zur Tür.

»Nina!«

»Ja?« Ich drehe mich um, die Hand bereits an der Türklinke.

»Ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, dass es ein Jahr her ist, seit … seit dem Krankenhaus. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich daran gedacht habe.«

Beinahe hätte ich es in die Freiheit geschafft, ohne dass jemand ein Wort darüber verloren hat.

»Danke«, sage ich leise, und in meinen Augen brennen Tränen. Ich muss gehen – ich will allein sein.

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, meine schweren Stiefel poltern die Treppe hinunter, und ich marschiere rasch zu dem Feldweg und dann auf den einsamen Pfad, der zu meinem Häuschen führt. Endlich kann ich es zulassen, dass sich der emotionale Knoten löst, den ich seit dem Aufwachen jede Stunde habe hinunterschlucken müssen, und schon fließen die Tränen. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, bis halb sieben die Fassung zu wahren. Die Erlösung kommt leicht und schnell. Ich wische die Tränen nicht weg, die an meinem Kinn hängen. Ich lasse sie einfach laufen. So wie jeden Tag im vergangenen Jahr. Heute vor einem Jahr wurde mein Dad in ein Hospiz gebracht, nicht in ein Krankenhaus, wie Kitty sich erinnert. Heute vor einem Jahr hat er unser Haus zum letzten Mal verlassen.

ANGIE

»Hi.« Ganz der alte Nick – wortkarg und, wie vorherzusehen war, zu spät.

»Hi«, erwidere ich und drücke ihm zur Begrüßung einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Das habe ich schon seit Monaten nicht mehr getan. Ich unterdrücke den Wunsch, ihn zu fragen, wo er war, denn wir haben acht Uhr vereinbart, und nun ist es bereits zehn Minuten nach acht. Um diese Jahreszeit ist der malerische Ententeich vor dem Pub still und dunkel und bietet wenig Unterhaltung. Also habe ich am Eingang auf mein Handy gestarrt, während verliebte Pärchen Hand in Hand um mich herum in das gut besuchte Lokal gegangen sind. Jede der Frauen hat mir einen mitleidigen Blick zugeworfen, weil sie glaubte, ich wäre versetzt worden, während die Männer mich kurz musterten. Und nun ist Nick da, und mein Magen krampft sich zusammen. Ich bin nicht sicher, ob ich rasch zur Toilette laufen soll oder nicht. Oder wird sich mein Bauch wieder beruhigen, sobald wir Getränke bestellt haben? Vielleicht auch etwas zu essen? Ich erinnere mich daran, wie nervös ich bei unserem ersten Date war. Meine Hände zitterten die ganze Zeit, was wirklich lächerlich war, da wir in der Bar des Studentenheims saßen und uns ein Glas Fusel und einen Teller Käse-Pommes teilten.

»Gehen wir?«, fragt Nick, übernimmt die Führung und hält mir die Tür weit auf. Ich lächle. Keine Erklärung für sein Zuspätkommen, aber gute Manieren. Die hatte Nick schon immer; sie kosten nichts, sind aber ein Vermögen wert.

Sein ergrauendes Haar ist im Nacken ordentlich gestutzt. Er hat sich Mühe gegeben. Die Schuhe habe ich vorher noch nie gesehen, also müssen sie neu sein. Offensichtlich hat er Geld für sich ausgegeben – das finde ich gut. Doch vielleicht fließt sein Geld auch noch anderswohin?

»Danke.« Ich betrete The Rose. Hoffentlich bemerken alle, dass ich jetzt nur noch mit meinem Date für diesen Abend beschäftigt bin und mein Handy nicht mehr in der Hand halte. Das Pub ist mit rotgoldenen Bändern geschmückt, und an jedem alten Holzbalken sind prächtige Girlanden und glitzernde Christbaumkugeln befestigt. Ich tausche ein kurzes Lächeln mit einer jüngeren Frau aus, ein stummes Zeichen der Dankbarkeit und Erleichterung: Mein Date ist schließlich doch noch aufgetaucht. In jeder Kaminecke und in jeder Nische haben sich kleine fröhliche Grüppchen niedergelassen, die Betriebsamkeit in der Bar umfängt uns. Gläser klirren, Kellnerinnen laufen hastig an uns vorbei, und das unaufhörliche Stimmengewirr übertönt die Weihnachtsmusik.

»Angie?« Nick deutet auf einen abgelegenen Tisch in einer Ecke. Ich nicke zustimmend – je ruhiger die Umgebung, desto besser für unser Gespräch. Ich weiß genau, was ich sagen möchte, aber wenn ich daran denke, was in letzter Zeit alles vorgefallen ist, könnte ich damit kläglich scheitern. Ich beobachte ihn, wie er zu dem Tisch hinübergeht, ein paar Brösel von der Tischdecke fegt und einen Stuhl für mich zurückzieht. Er lässt die Hände auf der Rückenlehne liegen und wartet darauf, dass ich sein Angebot annehme.

Vorsichtig schiebt er den Stuhl nach vorne, während ich Anstalten mache, mich zu setzen. »Danke.«

Anstatt sich auf dem gegenüberliegenden Stuhl niederzulassen, macht er sich auf den Weg zur Theke.

»Nick!«, rufe ich ihm hinterher.

Er dreht sich um und zieht beim Klang meiner Stimme die Augenbrauen zusammen. Ich deute mit einer Kopfbewegung auf den zweiten Stuhl – ich möchte, dass er sich setzt, nur für einen Moment, damit ich Zeit habe, etwas zu sagen. Falls ich die Worte hervorbringe, die ich in Gedanken formuliert habe, könnten wir einen guten Start in den gemeinsamen Abend haben.

»Etwas zu trinken?« Er zeigt mit dem Daumen auf die Bar. Als ich den Kopf schüttle, schaut er mich verblüfft an und kehrt an den Tisch zurück.

Er setzt sich mir gegenüber, und ich sehe, dass er verärgert ist.

Jetzt ist es so weit. Ich muss sofort sagen, was ich heute Morgen schon habe loswerden wollen, als er mich abgewürgt hat. Sonst wird dieses Treffen keinen guten Anfang nehmen – falls das nicht schon passiert ist. Ich hole tief Luft und hoffe, dass niemand in der Bar die Frau beobachtet, die scheinbar vorher versetzt worden ist. Denn wenn das, was ich zu sagen habe, erst einmal raus ist, kann ich es nicht mehr zurücknehmen. Nie mehr.

Der Blick aus seinen klaren blauen Augen heftet sich auf mein Gesicht. Er wartet, und ich versuche verzweifelt, die Worte zu finden, die ich vor dem Badezimmerspiegel geübt habe. Die Worte, die ich mir im Auto immer wieder vorgesagt habe und noch einmal, während ich vor knapp fünf Minuten an der Eingangstür auf das Display meines Handys gestarrt habe.

»Nick, ich habe darüber nachgedacht, was du im letzten Monat gesagt hast. Ich möchte, dass wir es noch einmal miteinander versuchen«, fahre ich rasch fort, um eine Unterbrechung zu vermeiden. »Es wird schwierig werden. Mir ist bewusst, dass seit Januar einiges geschehen ist … Doch ich wünsche mir, dass wir dorthin zurückkommen, wo wir einmal waren.« Ich halte inne.

So, jetzt habe ich es gesagt.

Er hat Monate darauf gewartet, dass ich seinem ursprünglichen Vorschlag zustimme.

»Am meisten Angst habe ich davor, dass wir uns einfach in die frühere Situation zurückgleiten lassen. Das möchte ich nicht. Ich will, dass wir so tun, als würden wir ganz von vorne beginnen, als wäre das unser erstes Date. So, als hätten wir uns online über eine dieser Websites kennengelernt. Heutzutage tun die Leute das ständig. Ich möchte, dass wir unsere Verbindung neu herstellen und miteinander reden, als würden wir uns zum ersten Mal treffen … Nick, hörst du mir zu?«

Er starrt mich an, und ich kann nicht erkennen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Starren ist. Ist Starren jemals etwas Gutes? Ist das ein leichtes Nicken oder ein nervöses Zucken?

Nick steht auf, schiebt seinen Stuhl zurück und macht sich auf den Weg zur Theke. Okay, keine Reaktion. Na gut.

»Nick?«

Mit einem Stirnrunzeln dreht er sich um. Es ist wie am Murmeltiertag – er wiederholt das, was er vor ein paar Minuten gemacht hat.

»Etwas zu trinken?«

»Ja, aber du hast mich nicht gefragt, was ich möchte.« Meine Stimme wird leiser. Das musste ich jetzt sagen; es war mir wichtig, meinen Standpunkt zu behaupten, damit er begreift, dass ich es ernst meine.

»Aber, Angie, du trinkst immer ein großes Glas Rosé.«

»Solange du dein Date nicht gefragt hast, was sie trinken möchte, kannst du das nicht wissen, Nick.« Bin ich zu pedantisch?

Er zieht die Augenbrauen bis an seine ergrauenden Stirnfransen hoch. Mit gesenkten Schultern kehrt er langsam an unseren Tisch zurück.

»Angie, was kann ich dir zu trinken bringen?«, fragt er mich höflich.

»Einen Wodka Cranberry bitte.«

»Aber du magst keinen …«

Jetzt runzle ich die Stirn. So wird das nicht funktionieren. Er versucht es nicht einmal, und wir sind noch ganz am Anfang unseres ersten Dates. Wenn wir es nicht über das Thema Getränke hinaus schaffen, sehe ich keine Hoffnung für uns nach achtzehn Jahren Ehe und einer überhasteten Scheidung.

Mit einem knappen »Okay« macht er sich wieder auf den Weg zur Bar. Er hat meinen Vorschlag gehört, nun muss ich warten, was daraus wird, wenn er mit den Getränken zurückkommt.

*

»Kommst du oft hierher?«

»Mit diesem Spruch willst du tatsächlich anfangen?«, schnaube ich und tupfe auf den Tisch verschütteten Wodka auf.

Nick zuckt mit den Schultern. »Was? Ich versuche zu tun, worum du mich gebeten hast.«

»Na gut, vielleicht sollte ich beginnen … Also, Nick, erzähl mir was von dir.«

Er trinkt einen Schluck von seinem Guinness, stellt das Glas wieder auf den Tisch und setzt sich auf seinem Stuhl zurecht.

»Ich heiße Nick. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt … und seit Kurzem geschieden. Von Beruf bin ich Konstruktionsingenieur. Hauptsächlich für ein Handelsunternehmen, aber manchmal auch freiberuflich, wenn ich Aufträge bekomme. Ich arbeite in der Stadt, also fahre ich meistens nach Birmingham. An manchen Tagen arbeite ich jedoch auch zu Hause.«

Ich lächle. Gut gemacht. Nun bin ich dran. Fragst du mich jetzt etwas?

Schweigen breitet sich aus. Ich lächle weiter. Er wird automatisch nachfragen, denn wir führen eine höfliche Unterhaltung, und Nick hat gute Manieren. Mein Lächeln verschwindet, doch seines hält an. Seine Augen funkeln lebhaft. Er hat sehr lange darauf gewartet, mich sagen zu hören, dass ich es noch mal versuchen möchte.

Immer noch Schweigen. Ich werde ihn nicht dazu auffordern, aber er sollte mich jetzt fragen. Jetzt. Jetzt wäre es gut. Mist, absolutes Schweigen, wir starren uns einfach nur an … Also werde ich noch eine Frage stellen und Interesse an seinem Beruf zeigen.

»Bist du schon lange Ingenieur?«

»Seit fast zwanzig Jahren. Nach der Schule habe ich an der Uni studiert.«

»An welcher Uni?«

»Angie, das weißt du doch – an derselben verdammten Uni wie du!«

»Das weißt du nicht. Du hast mich noch nichts über mich gefragt.«

»Meine Güte, Angie!«

Ich reiße mich zusammen. »Also, an welcher Universität, Nick?«

Er nippt an seinem Guinness und mustert mich über den Rand des Glases. Wird er den Ball zurückspielen oder war’s das? Game over?

»Aston in Birmingham. Ich habe drei Jahre lang in der Nähe des Campus gewohnt, herumgevögelt, so viel ich nur konnte, und dann …«

»Nick!«, werfe ich vorwurfsvoll ein.

»Was?«

»Warum sagst du das? Du weißt, dass ich es hasse, wenn du so redest.«

»Weil das verdammt lächerlich ist. Willst du wirklich, dass ich herunterleiere, wie ich dich, meine Frau – beziehungsweise meine Ex-Frau –, vor all den Jahren kennengelernt habe?«

»Nein, aber … Ach, vergiss es.«

»Was? Soll ich weitermachen, oder hören wir mit diesem Theater auf?«

»Mach weiter.« Ich trinke einen großen Schluck von meinem Wodka und wünschte, ich hätte einen doppelten bestellt.

»Wie auch immer, ich habe meine Frau kennengelernt, wir haben geheiratet und dieses Jahr, nach achtzehn Jahren Ehe, hat sie mich verlassen.«

Ich wünsche mir, dass er noch etwas hinzufügt, aber das tut er nicht. Ich könnte jetzt zurückschlagen, aber das lasse ich lieber bleiben. Bei einem ersten Date würde man das nicht tun, oder? Und das ist mein allererstes Date mit Nick Woodward, eine Verabredung, auf die ich mich den ganzen Tag gefreut habe. Ich habe mir dafür die Haare aufgedreht und mich schick angezogen und bin kurz vor acht hier angekommen. Leider musste ich dann zehn Minuten warten. Wenn das unser erstes Date ist – und das hoffe ich –, dann gibt es wegen dieser Unhöflichkeit einige Punkte Abzug für ihn.

Also weiter.

»Hast du Kinder, Nick?«

»Einen Sohn. Er ist gerade sechzehn geworden. Es tut weh, mitansehen zu müssen, wie sehr er unter der Scheidung leidet.«

»Mistkerl! Das war ein Schlag unter die Gürtellinie!«

»Was meinst du?«

»Das, was du gerade gesagt hast! Er leidet nicht darunter.«

»Doch, das tut er. Aber was weißt du schon darüber? Wir haben uns vorher noch nie getroffen, richtig?«

»Sehr witzig«, erwidere ich gereizt und versuche, meine Fassung wiederzuerlangen, nachdem er mein Kind in unserer ersten Unterhaltung erwähnt hat.

»Wie schon gesagt, er hatte es nicht leicht. An manchen Tagen war er mir gegenüber sehr verschlossen. Und gegenüber seiner Mutter auch. Tatsächlich hat er immer noch Schwierigkeiten, sich normal mit ihr zu unterhalten … Das finde ich sehr beunruhigend, denn bevor sie aus der Ehewohnung ausgezogen ist, standen sich die beiden sehr nahe.«

Ich lehne mich zurück und warte. Unter dem Tisch presse ich mit aller Kraft die Fingernägel in die Handflächen. Am liebsten würde ich schreien. Und weinen. Ich möchte, dass Nick damit aufhört, doch er ist jetzt in Fahrt und spielt das Spiel, um das ich ihn gebeten habe. Und weil ich das von ihm wollte, kann ich ihm jetzt nicht Einhalt gebieten. Ich wollte diesen Schmerz. Diese Kränkung. Diese herzzerreißenden Details über mein eigen Fleisch und Blut. Ich habe Nick dazu aufgefordert, und nun ist er kaum noch zu bremsen. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass es so wehtun würde, von der Reaktion meines Sohns auf meine Entscheidung zu hören. Doch ich kann das verkraften. Das kann ich. Und ich werde es. Ich. Kann. Das. Verkraften.

Also sprich weiter, Nick. Erzähl deine Geschichte, denn in ungefähr fünf Minuten wirst du mich aufgrund deiner guten Manieren dazu auffordern, es dir gleichzutun. Und ich habe dafür geübt. Auf diesen Moment habe ich den ganzen Tag gewartet. Schon seit ich am Vormittag überstürzt die Farm verlassen habe, weil ich es nicht über mich gebracht habe, einen Weihnachtsbaum für meine gemietete Zweizimmerwohnung zu kaufen. Tatsächlich kann ich mir einen Weihnachtsbaum nirgendwo anders vorstellen als in dem Heim mit den drei Schlafzimmern, in dem ich die achtzehn Jahre meiner Ehe verbracht habe.

HOLLY

Warst du heute schon auf FB?

D x

Ich antworte nicht auf Demis Nachricht, sondern logge mich gleich bei Facebook ein. Ich habe den ganzen Tag noch keinen Blick in Facebook oder eines der anderen Social Media geworfen; manchmal ist es ein Segen, sie alle zu ignorieren. Rasch schaue ich zu meiner schlafenden Schwester Hannah hinüber. Ich darf es nicht riskieren, ihren dringend benötigten Schönheitsschlaf zu stören. Sie würde mich aus reiner Bosheit verpetzen, aber so sind Vierzehnjährige nun mal.

Im Bruchteil einer Sekunde ist alles auf dem Bildschirm zu sehen – ein ellenlanger Thread mit Kommentaren und bunten Emojis. Paris hat geschrieben:

Spieglein, Spieglein an der Wand, an wen hat sich Alfie Woodward am Eingang vom Costa gewandt?

Das Posting ist vor fünf Stunden geschrieben worden.

Na großartig, inzwischen hat Gott und die Welt es bereits gelesen und darauf geantwortet.

Ich scrolle nach unten und sehe, dass so gut wie jedes der fiesen Mädchen aus der Schule, gleichgültig aus welcher Klasse, etliche Vorschläge dazu eingestellt hat. Alfie, der Platzhirsch aus der elften Klasse … Schock, Entsetzen – wem hat er nach seinem Besuch bei Costa nachgestellt?

Ich lächle, als ich die umfangreiche Aufzählung verschiedener Namen sehe. Erst gegen Ende haben die verschlagenen Biester alle erlöst und den richtigen Tipp abgegeben.

Holly Turner … Sie hat an einem Löffel gelutscht, als er ihren Namen gerufen hat.

Paris’ Kommentar lautet:

Ich finde ihre schäbige Uniform ganz, ganz toll. So eine hätte ich auch gern.

Ich schalte den Bildschirm aus, lege mich zurück und ziehe mir die Bettdecke bis ans Kinn.

Eigentlich sollte ich mich jetzt ärgern, aber das tue ich nicht. Ich kenne diese Mädchen bereits seit der Grundschule, und sie haben mich schon schlimmer behandelt. Alfie ist mir gefolgt und hat mich angesprochen – sie alle würden mit Freuden sofort mit mir tauschen. Die Geschichtsstunde am Montag wird interessant werden, aber zuerst muss ich den Sonntag überstehen.

Schnell schreibe ich Demi eine Nachricht.

Danke für die Warnung. Ja, es stimmt. Alfie hat sich mit mir unterhalten, nachdem wir im Costa waren. Alles gut. Aber hey, die fiesen Mädchen haben scharfe Augen. H x

Ich schalte mein Handy aus. Das Letzte, was ich jetzt mitten in der Nacht brauche, ist ein Verhör von Demi über das Gespräch. Ich brauche Schlaf.

Ich lasse den Kopf aufs Kissen fallen und schließe die Augen. Vor mir erscheint sofort Alfie Woodward; ich sehe seine neue Frisur, seine großen blauen Augen und sein freundliches Lächeln. Mein Magen schlägt Purzelbäume. Es wird mir nicht leichtfallen einzuschlafen, aber ich möchte es um nichts auf der Welt anders haben.

Zwei

NINA

Sonntag, 9. Dezember

Mein Wecker klingelt um sechs Uhr.

Ich hasse es, um diese Uhrzeit geweckt zu werden.

Der Regen schlägt gegen die Fensterscheibe und erzeugt ein prasselndes Geräusch, das ich nachts beim Einschlafen sehr gern höre. Am Morgen verrät es mir jedoch, dass ich einen sehr unangenehmen Arbeitstag vor mir habe.

Warum habe ich keinen Job in einem warmen Büro oder in einem süß duftenden Friseursalon? Ich sollte mich nicht beklagen. Da ich den Realschulabschluss nicht geschafft habe, konnte ich von Glück sagen, dass Boss Fielding Mitleid mit mir hatte und mich vorerst zur Probe einstellte.

Wenn man in einem kleinen Dorf wie Baxterley lebt, weiß jeder, was man beruflich macht. Zur Unterhaltung und zum Wohlbefinden stehen den Einwohnern das Pub, eine wunderschöne Kirche und etliche Hektar Natur ringsumher zur Verfügung. Dad und ich kamen nur selten mit den Einheimischen zusammen, da wir nichts von ihnen brauchten. Weder ihre Gesellschaft noch den neuesten Klatsch. Tatsächlich waren wir wahrscheinlich der Dorftratsch. Außer den Fielding-Zwillingen trat nie jemand über unsere Türschwelle.

Mein Häuschen hat die Form einer Pralinenschachtel, ein flaches Dach, schiefe weiß gekalkte Mauern und einen hübschen Vorgarten mit einer Ligusterhecke. Ich kam in dem vorderen Schlafzimmer zur Welt, habe im Sommer mit meinen Puppen auf dem Rasen Teegesellschaften gegeben und bringe es nicht übers Herz, das Haus zu verkaufen. Einige Häuser knarren und atmen, summen oder murmeln – mein Cottage war schon immer ganz still. Mein ganzes Leben lang habe ich dieser Stille gelauscht, doch ist sie im letzten Jahr plötzlich lauter geworden, ohrenbetäubend laut. Überraschend, wenn man bedenkt, dass ich die einzige Bewohnerin bin.

Freunde kommen kaum noch vorbei, besser gesagt, sie haben ihre Besuche eingestellt. Würden Bram und Zach heutzutage hier auftauchen, wäre ich verblüfft, dass sie es am The Rose vorbei geschafft haben, und sie würden sehen, dass ich das Haus verwahrlosen lasse.

Ich muss das endlich wieder in den Griff bekommen, aber hey, wem tue ich damit schon einen Gefallen?

Sowie ich mir die Bettdecke bis ans Kinn gezogen habe, rollt eine große Träne meine Wange hinunter und seitlich in meinen Haaransatz.

Wie konnte ich das geschehen lassen?

Ich habe alles so gelassen, wie es an dem Morgen war, an dem er ins Hospiz gebracht wurde, obwohl ich wusste, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Das freundliche Personal hat es mir gesagt.

Wie kann ein Jahr so schnell vergehen? Wie kann es sein, dass Weihnachten schon so rasch wieder vor der Tür steht?

ANGIE

Mein Kopf hämmert wie verrückt.

Was zum Teufel …?

Ich kämpfe mich unter der Bettdecke hervor und tappe in meinem weiten T-Shirt in die Küche. Die Augen lasse ich auf dem ganzen Weg geschlossen, aus Angst, das Tageslicht könnte meine Netzhaut verbrennen und unermesslichen Schaden anrichten. Im Unterschied zu der halben Flasche Wodka, die ich nach meiner Rückkehr von meinem ersten Date mit Nick allein getrunken habe.

Es kostet mich Mühe, die Schmerztabletten aus der silbernen Folie zu drücken. Rasch schlucke ich zwei hinunter. Lehne mich gegen die Arbeitsfläche und beäuge träge die halb leere Flasche und das einzelne Glas daneben auf der Frühstückstheke. Nicht gut, Angie – schlechte Angewohnheiten ziehen weitere schlechte nach sich. Ich wende mich ab, als wäre das eine Lösung, doch das ist es natürlich nicht.

Mit Nick verliefen die Sonntagmorgen gemütlich: Tee und Toast auf einem Tablett, unter die Bettdecke gekuschelt, umgeben von achtlos verstreuten Zeitungen.

Ich seufze tief, obwohl dabei mein pochender Kopf noch mehr schmerzt.

Im Augenblick würde ich alles geben, um neben einem schlafenden Mann im warmem Bett zu liegen und zu wissen, dass ich mich noch mal umdrehen und eine halbe Stunde weiterschlafen oder ihn erregen kann, indem ich auf seinen nackten Rücken puste.

Ich lasse den Blick durch das Zweizimmerapartment gleiten. Ich bin erst vor elf Monaten hier eingezogen, und das Beste daran ist, dass ich hier vierundzwanzig Stunden am Tag tun und lassen kann, was ich will. Doch in den letzten Wochen hat die Verheißung der Freiheit rasch ihren Glanz verloren. Wenn ich jetzt die Wahl hätte, würde ich in Nicks Armen liegen, unter seinem warmen Körper, und hoffen, dass Alfie wohlbehalten auf dem Weg zu seinem Fußballtraining ist.

Das Wasser im Kessel kocht, und ich gieße es über den Teebeutel in der Tasse.

Die Wodkaflasche verhöhnt mich. Ein allsehender, allwissender Freund, der früher einmal nur ein flüchtiger Bekannter war, jetzt aber mein bester Kumpel ist, den ich jeden Abend der Woche allen anderen vorziehe.