Das Wein-Comedy Buch - Ingo Konrads - E-Book

Das Wein-Comedy Buch E-Book

Ingo Konrads

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Beschreibung

Süffig und finessenreich, voller Extrakt und nie trocken präsentiert Wein-Kabarettist Ingo Konrads hier das Beste aus seinem humoristischen Schaffen. Mit Wein- und Wortwitz beleuchtet er zum Beispiel die seltsamen Rituale einer Weinprobe, befremdliche Fachbegriffe oder kuriose Erlebnisse bei unterschiedlichsten Trinkanlässen. Nebenbei erweitert er Ihr Weinwissen, sodass Sie bei Ihrem nächsten Wein-Event glänzen können. Lassen Sie sich überraschen, welch hohes Potenzial an Spaß und Komik die Weinwelt birgt.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Wein steigt in das Gehirn,

macht es sinnig, schnell und erfinderisch,

voll von feurigen und schönen Bildern.

William Shakespeare

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Caro Maurer

Wein-Comedy. Un was isch des jetz genau?

Bier versus Wein. Wie alles anfing.

Verliebt in Anja

Auf der Suche nach dem Rausch

Nicht von schlechten Keltern

Die Kunst vollendeter Gastfreundschaft

Zehn Gründe, woran Sie erkennen, dass Sie endgültig zum Weinliebhaber geworden sind

Mein Sohn ist Abstinenzler

Die zehn häufigsten Lügen von Weinhändlerinnen und Weinhändlern

Störenfriede bei der Weinprobe

Der Riesling war ein Grauburgunder – die originellsten Bewertungen von Weinrestaurants

Château Zaster

Vinotherapie

Was Urlauberinnen und Urlauber wirklich über deutsche Weinanbaugebiete denken

Gute Zungen, böse Zungen

Die kuriosesten Bewertungen von Discounterweinen

Der ALDI-Weinkeller

Was deutsche Winzerinnen und Winzer nach einer Weinprobe wirklich machen

Tierisch einen sitzen

Meine Lieblingskochbücher

Wein probieren – aber richtig

Kommt schon bald das Alkoholverbot?

Der Kater – eine Handreichung

Das ultimative Wein-Horoskop

Kellergeister

Vom Weingenuss zum Musenkuss

Der Winzertrick

Vollendete Ignoranz – noch mehr lustige Bewertungen von Weinrestaurants

Ode an den Korken

Tagesablauf eines Wein-Kabarettisten

Zehn Gründe, im Lockdown Wein zu trinken

Das Anbaugebiet Ahr

Zu schade für den Abfluss – was tun mit Weinresten?

Green Wedding

Feiern gestern, heute…und morgen

Das Anbaugebiet Mosel

Champagner – das gewisse Prickeln

Französisch für Weinliebhaber

Weinproben im Spiegel der Literatur: Charles Bukowski

Das Anbaugebiet Sauerland

Wie man beim Wein den Partner fürs Leben findet

Sommelier-Ausbildung bei der US-Army

Loblied auf die Bowle

Poesie in Flaschen

Weinproben im Spiegel der Literatur: Rosamunde Pilcher

Große Gewächse an kleinen Schleifen – Weinbau an der Saar

Italienisch für Weinliebhaber

Mein Jahrzehnt ohne Wein – die 90er Jahre

Weinproben im Spiegel der Literatur: Wilhelm Busch

Wein genießen im Alter von 20 und im Alter von 40 Jahren

Die Pfalz liegt in Südafrika – immer noch mehr kuriose Bewertungen von Weinrestaurants

Wein – Deutsch

Kaufen Frauen und Männer unterschiedlich Wein?

Weinanbau in Europa – eine kleine Übersicht

Ein wilder Ritt durch deutsche Weinorte

Warum Weintrinken heute auf jeden Fall gefährlicher oder komplizierter ist als früher

EXTRA: Die Schöne von der Mosel

Weihnachtsanhang

Draußen nur Tännchen

Kling, Gläschen, klingelingeling

Der Irrsinn der Vorweihnachtszeit

Es begab sich zu der Zeit…

Vita

Danksagungen

Vorwort von Caro Maurer

Wer heutzutage ein Buch über Wein sucht, kann schnell die Orientierung verlieren. Mit den Stichwörtern „Buch“ und „Wein“ landet man bei Google im Dschungel eines kaum mehr überschaubaren Angebots. Das reicht vom Versprechen, „alles, was man über Wein wissen sollte“ zu vermitteln bis zum natürlich „ultimativen“ Wein Guide, vom Weinführer für Einsteiger und Kenner, für Angeber und Frauen bis zu den Porträts berühmter Weintrinker.

Wein in kriminalistischer Verwertung kann meterweise die Buchregale füllen, da steht das Winzersterben neben den Bocksbeutelmorden oder den Riesling-Leichen.

Man sieht: Die Lese (von Wein) und das Lesen (eines Buches) sind nur durch einen einzigen kleinen Buchstaben voneinander getrennt. Und die Vielfalt der Weinliteratur für alle Wissens- und Gefühlslagen spiegelt letztlich nur die Vielfalt der Weinproduktion, bei der es heute im Spannungsfeld zwischen klassischem Wine Maker und bio-dynamischem Revoluzzer ebenfalls nicht leicht ist, den Überblick zu behalten.

Zwischen echten Weinliebhabern und echten Bücherfreunden gibt es wahrscheinlich eine Menge Gemeinsamkeiten. Und die bestehen nicht nur darin, dass Lesen schlau macht und Weintrinker in Intelligenztests (angeblich) besser abschneiden als die Konsumenten anderer Alkoholika. Beide haben sich vor allem eine Eigenschaft bewahrt: Sie sind immerfort neugierig auf alles, was neu gedruckt oder gepresst wird. Für sie ist die Premiere eines neuen Weinjahrgangs nicht minder spannungsvoll wie die Premiere eines neuen Buches. Und wenn Buch und Wein zusammenkommen – umso besser.

Im Wein liegt immer auch die Handschrift des Winzers verborgen, beim Buch ist die ganz persönliche Handschrift des Autors vermutlich ein bisschen leichter zu entschlüsseln. In diesem Buch schreibt ein Kabarettist über Wein.

Das ist durchaus ungewöhnlich.

Friedrich Nietzsche, dem wir den Begriff der „fröhlichen Wissenschaft“ verdanken, ging hart gegen ein Vorurteil an, das da lautet: „Wo Lachen und Fröhlichkeit ist, da taugt das Denken nichts“. Die entwaffnende Antwort auf eine solche These aus der Vergangenheit liefert heute einer der beliebtesten Sprüche aus sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Pinterest: „Du kannst niemanden ernst nehmen, mit dem du nicht lachen kannst.“

Dieses Buch erzählt viele kleine Geschichten, die sich letztlich zu einer großen fügen. Man muss es entdecken wie einen guten Wein: Schluck für Schluck. Und am Ende steht da wie dort: Vergnügen.

Caro Maurer MW

Caro Maurer MW ist Weinautorin und lebt in Bonn. Sie schreibt für den General-Anzeiger in Bonn und die Magazine Der Feinschmecker und Decanter. Sie unterrichtet das Fach Wein für das WSET Diplom in Deutschland, Österreich, Toskana und Norwegen und engagiert sich in der Ausbildung am Institute of Masters of Wine. Sie ist Jurorin in internationalen Weinwettbewerben und Panel Chair bei den Decanter WWA in London. Caro Maurer ist die erste Frau aus dem deutschsprachigen Raum, die den Titel Master of Wine (MW) erlangt hat.

Wein-Comedy. Un was isch des jetz genau?

Beinahe jedes Jahr kommt Ende Januar bei der „Internationalen Kulturbörse“ in Freiburg im Breisgau das bunte Völkchen der Kabarettisten, Musiker, Akrobaten, Kleinkünstler und sonstigen Kulturschaffenden zusammen.

An meinem Messestand dort werde ich immer wieder gefragt, was Wein-Comedy eigentlich genau ist. Ich pflege dann zu antworten: „Sie kennen doch sicher Eckart von Hirschhausen. Der große Kollege macht Medizin-Comedy. Vince Ebert macht Physik-Comedy und ich eben Wein-Comedy. Also Comedy ausschließlich mit Wein-Themen.“

Jetzt haben Sie schon einmal eine vage Vorstellung dessen, was Sie in diesem Buch erwartet. Wer bereits eines meiner Bühnenprogramme erlebt hat, ist etwas besser im Bilde, denn hier finden sich viele der Texte in gedruckter Form wieder, die ich in meinen Shows spiele.

In der jetzt vorliegenden überarbeiteten Neuauflage habe ich ältere Texte entfernt oder überarbeitet und durch bisher unveröffentlichte Satiren ergänzt. Für Weingebeisterte und solche, die es werden wollen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Schmökern. Das geht übrigens ganz wunderbar mit einem Glas Wein.

Herzlichst, Ihr Ingo Konrads

P.S.: Vor einiger Zeit lernte ich im legendären Salon podium49 in der Bonner Südstadt Eckart von Hirschhausen persönlich kennen. Nach etwas Smalltalk habe ich ihm erzählt, dass ich Wein-Comedy mache. Er wollte natürlich sofort wissen, was das ist. Ich antwortete: „Sie kennen doch sicher Eckart von Hirschhausen…“

Bier versus Wein. Wie alles anfing.

Ich kann mich noch gut an den ersten Tropfen erinnern, den ich getrunken habe. Der war schön im Stahltank ausgebaut, frisch und ohne Korkgeschmack: Das war ein 1983er Bitburger Pils.

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache: Auch wir Weintrinker haben fast alle als Biertrinker angefangen. Bier war DAS Getränk unserer Jugend. Und dass, obwohl es uns zu Beginn überhaupt nicht schmeckte. War ja viel zu bitter. Aber wir wollten dazugehören. Wir wollten betrunken sein!

Biertrinken galt als ungemein männlich. Heute wissen wir, dass man vom Bier über kurz oder lang weibliche Rundungen bekommt. Aber das störte uns nicht. Nicht uns, die wir grundsätzlich mit Feuerzeugen die Kronkorken öffneten. Und wehe, es hätte jemand gewagt, in unser Bier eine bunte Limonade zu schütten. Den hätten wir gelyncht. Schöfferhofer Grapefruit Weizen alkoholfrei. Fällt Ihnen was auf? Das sind vier Begriffe, die passen einfach nicht zusammen.

Bier ist ein Kulturgut, kein Cocktail!

Wir mussten es wissen, denn wir arbeiteten damals in den Semesterferien auf dem Bau und waren damit so etwas wie geborene Bierexperten. Kennen Sie die 21 Werkzeuge des Maurers?

Richtig, eine Kiste Bier und die Bild-Zeitung. Damit kann man schon mal locker durch den Vormittag kommen. Mittags gingen wir in die Kneipe, Currywurst mit Pommes, dazu ein Bier. Zum Nachtisch aber als Kontrastprogramm unbedingt etwas Gesundes: Magenbitter. Aber natürlich ist ein Magenbitter gesund. Ein Fruchtsaft hat 12 Vitamine, aber ein Magenbitter 56 Kräuter. Das muss doch wohl gesund sein, oder?

Uns war schon klar, dass Alkohol keine Probleme löst. Aber das tut Milch ja auch nicht. Den Spruch kennen Sie. Jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter: Es gibt Menschen, die behaupten, man bekomme von Alkohol einen Filmriss. Mag schon sein, aber von Milch bekommt man den auch. Oder können Sie sich an die ersten Jahre Ihres Lebens erinnern? Da haben Sie doch praktisch nur Milch getrunken.

Zurück zu unserer Jugend: Wissen Sie, warum wir damals viel lieber Bier als Wein getrunken haben? Bier war so schön unkompliziert. Ich merkte doch bei meinen Eltern, welches Brimborium die um den Wein machten: Hat er die richtige Temperatur? Hat er genug geatmet? Was essen wir dazu?

Und wir?

Im Kühlschrank ein Sixpack Bier. Immer die richtige Temperatur. Was wollen wir denn dazu essen? Chips oder Pizza zum Beispiel. Dann noch ein paar Freunde dabei und ein Länderspiel in der Glotze. Fertig war der perfekte Abend.

Wein haben wir nur dann getrunken, wenn das Bier bei der Party alle war. Oder wenn wir eine Studentin beeindrucken wollten. Eine Flasche Wein für vier Mark war damals schon richtig anständiges Zeug.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis wir den Wein schätzen lernen sollten. Wir mussten reifer werden, ja, gebildeter, älter, stilvoller. Wir merkten bald, dass der Reiz des Weines nicht darin bestand, betrunken zu werden, sondern seine Sinnlichkeit und Einzigartigkeit zu entdecken. Was wir früher abgelehnt hatten, nämlich das ganze Brimborium um ihn herum, begannen wir plötzlich zu genießen. Die ganzen Rituale, das Probieren und Aussuchen eines schönen Weines im Weingut oder im Fachhandel. Das unglaublich befriedigende Einsortieren der Flaschen in den eigenen Weinkeller oder Klimaschrank. Das Auswählen, welcher Wein es denn heute sein soll. Das Entkorken, Einschenken, Schauen, Riechen und Schmecken. Das Gläschen, nein, was sage ich, das Glas beim Kochen, beim Essen, beim Diskutieren im Freundeskreis. Auf all das möchte ich nicht mehr verzichten.

Wein ist das interessanteste Getränk auf unserem Globus. Denn nur der Wein ist in der Lage, uns in jenen Zustand der Leichtigkeit zu versetzen, den nur Spielverderber als betrunken bezeichnen.

Weinweisheit

Immer wenn ich mit dem Auto

an einem Weingut ankomme, meldet das Navi:

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Besser kann man es gar nicht ausdrücken.

Verliebt in Anja

Wie sehr der Wein in der Lage ist, zwei Menschen in Liebe zusammen zu bringen, habe ich ja selbst schon erfahren dürfen. Damals im Studium. Ich war seinerzeit unsterblich in Anja verliebt und fasste den Entschluss, ihr das bei einem schönen Essen und einem guten Glas Wein zu gestehen.

Also lud ich Anja ein in eines der besten Restaurants der Stadt, um ihr zu zeigen, was für ein Lebemann ich doch bin. Mit meinen 22 Jahren.

Es handelte sich also hier um das ganz normale Balzverhalten geschlechtsreifer Männchen im Paarungsalter.

Anja sagte erstaunlich schnell zu. Und so betraten wir an diesem denkwürdigen Abend das schicke Restaurant und ließen uns von einem leicht schnöseligen Kellner zu unserem reservierten Tisch begleiten. Kellner verfügen bekannter Maßen über die Gabe, innerhalb von Sekunden ihre Gäste einschätzen zu können, also

den Charakter,

die Bonität

und die Religionszugehörigkeit.

Klar! Wenn jemand für den ganzen Abend nur stilles Mineralwasser bestellt, muss er evangelisch sein.

Offenbar hatte auch mich der Kellner sofort durchschaut. Anders konnte ich mir sein diabolisches Grinsen gar nicht erklären, als er uns die Speisekarte brachte und fragte: „Darf ich Ihnen auch die Weinkarte bringen?“

Darauf war ich natürlich vorbereitet und antwortete überaus souverän: „Selbstverständlich!“

Der Kellner verschwand und kam mit der Weinkarte zurück, aber was sage ich Weinkarte, es war ein Kompendium. Dick wie eine Bibel. Mit Goldschnitt. In Leder gebunden.

Ich schlug das Opus auf, aber fand darin so gar nicht die Weine wieder, die ich sonst so trank:

Weder den legendären Amselfelder noch die liebliche Schwarze Mädchentraube, die sich in unserer WG damals so großer Beliebtheit erfreute. Indes schaute mir Anja bewundernd zu. Ganz ehrlich: Der Kellner hätte mir genauso gut das Telefonbuch von Moskau im Original in die Hand drücken können. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Irgendwann schaute ich nur noch nach rechts auf die Preise - Sie kennen das - und entschied mich für einen Wein im eher mittelpreisigen Segment. Und mittelpreisig hieß bei meiner damaligen studentischen Kaufkraft ungefähr der Gegenwert von zwei Kisten Bier.

Ich winkte den Kellner herbei, der nun eine wirklich oscarverdächtige schauspielerische Leistung an den Tag legte. Allen Ernstes sagte er:

„Da haben Sie eine sehr gute Wahl getroffen, der Herr!“

Und wir wussten beide, dass das gelogen war.

Der eifrige Ober verschwand, ich plauderte noch etwas mit Anja. Als er zurückkam, mussten wir unsere Unterhaltung unterbrechen, denn das Weintheater ging weiter. Der Kellner zeigte mir die Flasche!

Was sollte das denn jetzt? Wieso zeigt der mir die Flasche? Kommt jetzt noch der Koch aus der Küche und zeigt mir sein Kotelett?

Ich schaute abwechselnd den Kellner und Anja an und nickte nur. Ist wohl ein Ritual.

Der Kellner öffnete jetzt gestenreich die Flasche und goss mir ein. Aber nur ein bisschen, der Geizhals. Gut anderthalb Zentimeter. Bei uns in der WG hätten wir den rausgeschmissen. Wer glaubt der denn eigentlich, zahlt heute Abend sein Trinkgeld?

Dann blieb der Typ stocksteif neben unserem Tisch stehen und starrte mich an. „Freundchen“, dachte ich. „Ich hab Zeit. Ich kann warten!“

Schließlich habe ich aber doch noch probiert, und was soll ich sagen? Tadellos. Der Wein schmeckte wirklich hervorragend. Den hatte ich gut ausgesucht. Mit Kennerblick halt.

Jetzt bekam auch Anja Wein ins Glas. Und dann ich wieder. Na, bitte. Der Kellner zog ab.

Jetzt war endlich der Moment gekommen, um mit Anja anzustoßen. Meine Eltern hatten mir beigebracht, sich beim Zuprosten in die Augen zu schauen. Ich habe also erst Anja angeschaut und dann ihr und den anderen Leuten im Restaurant zugeprostet. Aber die guckten nur blöd, unfreundliches Pack. Kein Benehmen. Da gehe ich nicht mehr hin.

Jetzt, dachte ich gut gelaunt und innerlich präpariert, sei wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, um Anja argumentativ auf das eigentliche Thema des Abends vorzubereiten und ihr meine Liebe zu gestehen. Aber da kam schon das Essen. Vielleicht sollte ich einfach bis zum Dessert warten.

Kurz vor dem Dessert erschien der Kellner wieder und stellte uns unaufgefordert zwei Probiergläschen mit Trockenbeerenauslese hin. Aufs Haus. Ein kleiner Schluck. Nur mal zum Kosten.

Anja war augenblicklich begeistert. Das war jetzt genau IHR Wein. Da blieb mir nichts anderes übrig, als davon noch zwei ganz gefüllte Gläser zu bestellen. Diesmal entsprach der Gegenwert bei meiner damaligen studentischen Kaufkraft ungefähr drei Kisten Bier.

Kurz bevor ich pleite war, sind wir gegangen. Ich habe Anja noch bis vor ihre Haustüre begleitet. Sie wollte mich auf einen Kaffee mit rauf nehmen, aber soll ich Ihnen mal was sagen? Wenn ich so spät Kaffee trinke, kann ich die ganze Nacht nicht schlafen.

Zwei Wochen später habe ich erfahren, dass Anja einen neuen Freund hat. Den Kellner. Da sieht man wieder mal, wie sehr der Wein in der Lage ist, zwei Menschen in Liebe zusammen zu bringen.

Später habe ich die Geschichte meinen Mitbewohnern in der WG erzählt. Sie sagten nur, dass ich die fünf Kästen Bier besser mit ihnen getrunken hätte. Tom, unser BWL-Student, erklärte mir, dass es in der Wirtschaftssprache einen festen Ausdruck dafür gebe, für das, was ich an dem Abend erlebt hatte. Man nennt es klassische Fehlinvestition.

Man könnte es auch einfach Dummheit nennen.

WOVOR WINZERINNEN UND WINZER IN DEUTSCHLAND RICHTIG ANGST HABEN

Baden: Sonnenbrand

Saale-Unstrut: später Frost

Württemberg: höhere Rohstoffpreise

Rheingau: chinesische Investoren

Franken: Hektik

Sachsen: Sodbrennen

Mittelrhein: Vatertag

Rheinhessen: Abstinenzler und Veganer

Pfalz: Führerschein-Kontrolle

Auf der Suche nach dem Rausch

Der Mensch ist von Haus aus Nomade. Schon seit der Urzeit immer unterwegs auf der Suche nach Nahrung und Abwechslung. Irgendwann beschloss ein Teil der Sippe, sich niederzulassen und sesshaft zu werden. Mit allem was dazugehört, also Hütte errichten, Gemüsegarten anlegen, Gartenzwerge aufstellen und um alles ein Zaun drumrum. Aber warum eigentlich?

Warum tauschten unsere Vorfahren das freie Leben gegen dieses - nennen wir es Schrebergartendasein? Denn das hatte ja auch seine Nachteile wie zum Beispiel Nachbarn, Grenzstreitigkeiten oder Parkplatzsuche. Das alles war unterwegs nicht nötig.

Tatsache ist, dass die Beschaffung von Nahrung für Nomaden deutlich einfacher war als für Sesshafte. Wenn nix mehr da war, wanderte man einfach zu neuen Nahrungsplätzen weiter. Deshalb singen die Kölner heute noch „Die Karawane zieht weiter, der Sultan hät Doosch“.

Gut, Nomadentum und Sesshaftigkeit existierten auch nebeneinander. Davon künden die Urmythen der Menschheit. Denken wir nur an die Bibel, an Kain und Abel. Der eine sesshaft, der andere Nomade. Irgendwann haben sie sich die Köpfe eingeschlagen.

Wir kennen das heute noch von unseren Autobahnen. Dort treffen die Sesshaften auf die Nomaden, also die Deutschen auf die Niederländer. Wenn man da so ein Wohnwagengespann vor sich hat, dann gute Nacht. Die beiden Lebensformen passen einfach nicht zusammen.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Was hat die Menschheit dazu bewogen, mühsam Ackerbau und Viehzucht zu beginnen? Darauf gibt es eine ganz einleuchtende Antwort: Es war der Alkohol! Was auch sonst. Denn unterwegs traf man ja nur zufällig auf Alkohol, zuhause aber kontrolliert. Wenn eine Nomadenbande im Herbst an einen Baum kam, unter dem das Fallobst munter in alkoholische Gärung übergegangen war, aber hallo, das war jedes Mal ein Fest, da kam Stimmung auf. Wir tragen die Erinnerung daran übrigens heute noch in uns. Oder warum glauben Sie, setzen wir uns so gerne zum Feiern unter die Bäume eines Biergartens? Und was sagen wir im Suff häufig? „Ich hab einen in der Krone.“ Daher kommt das.

Wenn es regnete, konnte man einfach im Nomadenzelt weiter feiern. Deshalb gibt es eine direkte Linie zwischen den Zelten der Vorzeit und dem Oktoberfest. Unzivilisierte, unrasierte Menschen grölen und feiern – und glauben Sie nicht, dass das in der Urzeit anders war.

Wissenschaftler bezeichnen das Geschehen übrigens als »Neolithische Revolution«.

Allerdings war in der Urzeit der Rausch für die umherziehenden Nomaden eher ein Zufallstreffer. Wie schön wäre es doch, den Rausch immer dann zu erleben, wenn man ihn erleben will. Das ging nur als sesshafter Mensch und nur dann, wenn man sich auf den Anbau zucker- oder stärkehaltiger Pflanzen und die Herstellung von Alkoholika verstand.

Seit ungefähr 8.000 Jahren kultiviert der Mensch den Wein. Ohne Sesshaftigkeit wäre daran gar nicht zu denken. Ein Wingert muss über mehrere Jahre angelegt und sorgsam gepflegt werden, bis er genügend Ertrag bringt. Da kann man nicht mehr einfach durch die Gegend reisen, da muss man schon was tun in den Weingärten.

Ich kenne übrigens kaum Winzer, die Wohnwagen oder Wohnmobile ihr Eigen nennen.

Die Sesshaftigkeit ist, wenn wir weiterdenken, tatsächlich Grundvoraussetzung zum Entwickeln von Kultur. Die Nomadenstämme verplemperten ihre Tage noch mit Jagen und Sammeln.

Wer aber sesshaft wurde, konnte einen Teil der Nahrungsgewinnung delegieren und sich um Wichtigeres kümmern. Unsere Vorfahren hatten durch die Sesshaftigkeit erst die Gelegenheit, über das Leben nachzudenken und schöne Sachen zu erfinden, wie etwa die Kunst, die Religion oder das choreografische Tanztheater. Der Lauf der Geschichte sollte mit der Sesshaftigkeit eine völlig andere Richtung nehmen. Der Mensch der Vorzeit veränderte sich und wurde zum modernen Menschen. Der kontrollierte Genuss des Alkohols und die damit einhergehende Sesshaftigkeit markiert also den entscheidenden Wendepunkt in unserer Entwicklung.

Eigentlich sollten deshalb folgende Hinweise auf Weinflaschen stehen: „Alkohol lässt Sie und die Menschen in Ihrer Umgebung an großartigen historischen Prozessen teilhaben.“ - „Trinken erweitert den Horizont.“ Oder „Alkohol stand am Anfang der Zivilisation.“

Aber da möchte ich mal die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sehen.

Weinweisheit

„Ich leide unter Vinomagnetismus.“

„Was ist das denn?“

„Ich fühle mich vom Wein unglaublich angezogen.“

Nicht von schlechten Keltern

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Friseursalons sich gegenseitig darin überbieten, wer wohl den vermeintlich originellsten Namen hat? Sie heißen Kamm-in oder Haar-monie und bilden den vorläufigen Höhepunkt von miserablen Wortspielen.

Doch frage ich mich, warum Kalauer nur Coiffeurs vorbehalten sein sollen? Auch Weinhandlungen könnten doch eigentlich bei der Namensgebung etwas mehr Mut zeigen. Ein paar Vorschläge:

Trankstelle

Bar Rolo

Galeria Saufhof

Brut-Stätte

Schoppen-Mall

Trinknapf

Gärungsunion

Sektshop

Most Wanted

Amys Weinhaus

Fasszination

Pressestelle

Dekantier-Handlung

Kein Winzerdienst

Nicht von schlechten Keltern

Die Kunst vollendeter Gastfreundschaft

Ein Bekannter von mir versteht sich als vollendeter Gastgeber. Mit viel Kenntnis sucht er die passenden Spezereien für das Essen aus, bereitet sie liebevoll zu und kredenzt dazu Weine, die über jeden Zweifel erhaben sind. Mitunter bringt die abendlich versammelte Gästeschar seinen Bemühungen jedoch nicht die gebührende Wertschätzung entgegen. Das kann deprimierend sein.

Wir saßen entspannt in einem Weinhaus, als es wie aus heiterem Himmel aus H. heraus brach. Schluchzend berichtete er von seinem letzten Wochenende, an dem er ein, wie er zunächst angenommen hatte, niveauvolles nettes Grüppchen von ambitionierten Trinrinnen und Trinkern zu sich eingeladen hatte.

Über Stunden war er in der Küche mit Kochen beschäftigt gewesen, die passenden Weine hatte er perfekt temperiert und dekantiert. Ab Acht sollte ein kulinarischer Höhepunkt den nächsten jagen. Gut gelaunt und voller Vorfreude hatten die Gäste an der Tafel Platz genommen.

Das Essen wurde aufgetragen. Alles lief tadellos.

Dann kam der erste Wein ins Glas. Ein wunderbarer Bordeaux. Gründlich hatte H. alle greifbaren Informationen zu dem Wein in einem Kurzvortrag zusammengefasst. Schon nach 20 Minuten bemerkte H., dass die Gäste seinen Worten nicht mehr richtig folgen wollten.

Einer hatte sogar die ketzerische Bemerkung fallen gelassen, ihn kümmere es eigentlich nicht, aus welchem Stein die Treppe zum Weinkeller des entsprechenden Châteaus gefertigt sei. Vielmehr gelte sein Interesse den nackten Zahlen insbesondere dem Alkoholgehalt des Tropfens. Auch die übrige versammelte Trinkerschaft forderte - von diesem ehrlichen Einwurf ermutigt - nun unverhohlen Umdrehungen.