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Detective Lorat Martinez wird von der Atlas-Union auf den weit entfernten Planeten Alcany geschickt, um den mysteriösen Tod eines jungen Wissenschaftlers aufzuklären. Nach und nach muss er feststellen, dass hinter dem Mord an Doktor Tony Newton eine Verschwörung gewaltigen Ausmaßes steckt. Und seine Ermittlungen konfrontieren ihn nicht nur mit seiner eigenen Vergangenheit, sondern offenbaren ihm auch das wahre Wesen der Menschen.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Das
Wesen
Der
Menschen
von
Patrick Gold
Alle Rechtevorbehalten.
Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden.
Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.
Die Handlungen sind frei erfunden.
Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.
www.verlag-der-schatten.de
Erste Auflage 2024
© Patrick Gold
© Coverbilder: Depositphotos titoOnz, 1xpert
Covergestaltung: Shadodex – Verlag der Schatten
© Bilder: Depositphotos algolonline (Raumgleiter) 1xpert (Planet) titoOnz (Sternenhimmel)
Patrick Gold (Autorenfoto)
Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten
© Shadodex – Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
Detective Lorat Martinez wird von der Atlas-Union auf den weit entfernten Planeten Alcany geschickt, um den mysteriösen Tod eines jungen Wissenschaftlers aufzuklären. Nach und nach muss er feststellen, dass hinter dem Mord an Doktor Tony Newton eine Verschwörung gewaltigen Ausmaßes steckt. Und seine Ermittlungen konfrontieren ihn nicht nur mit seiner eigenen Vergangenheit, sondern offenbaren ihm auch das wahre Wesen der Menschen.
Inhalt
Prolog
Akt 1
Akt 2
Akt 3
Akt 4
Akt 5
Akt 6
Epilog
Über den Autor
Prolog
Die Einschläge kamen näher. Wan lief so schnell, wie ihn seine kräftigen Beine tragen konnten. Es war noch nicht lange her, da hatten sie ihn als einen der schnellsten Läufer des Planeten mit einem Preis ausgezeichnet. Doch die Zeiten des Friedens und der Kooperation waren vorbei.
Der Krieg hatte sich über Wochen und Monate angedeutet. Wan hatte geglaubt, er wäre einer der Ersten auf dem Schlachtfeld, sobald es losgehen sollte, doch dem war nicht so. Bei einer Schießübung wurde ihm von einem seiner Kameraden versehentlich ins Bein geschossen. Den Schmerz konnte er heute noch spüren, wenn er daran zurückdachte.
Die Waffen der Besucher bestanden aus einer neuartigen Technologie, die sein Volk nie zuvor gesehen hatte. Daher war es nur logisch, dass Wan und seine Kameraden für viele Unfälle während ihrer Ausbildung sorgten, und einer davon traf Wan direkt ins Bein. Der Schmerz war heftig gewesen, jedoch nicht so heftig wie die Wucht der explodierenden Bomben, die die Eindringlinge auf Wan und sein Volk abwarfen.
Es gehörte zur Grundausbildung, mit den Waffen der Fremden umgehen zu können, selbst als Pilot. Doch die Verletzung hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch konnte Wan bereits die ersten – und vermutlich auch letzten – Flugstunden im Cockpit eines Kampfraumschiffes absolvieren, auch wenn es sich nur um einen Simulator handelte, der ihm und seinen Kameraden zur Verfügung gestellt wurde. Die Besucher aus der fernen Galaxis hatten es dem jungen Nachwuchspiloten angeboten, und nachdem Wans Kommandant dem zugestimmt hatte, war der Weg frei gewesen für seine erste Flugstunde.
Ins Weltall zu reisen, war schon immer sein Traum gewesen. Die Erfüllung des kindlichen Wunsches war ein kleines Stück näher gerückt, als sein Volk kurz vor der Ankunft der Besucher eine Sonde ins All geschossen hatte. Zum ersten Mal hatte ein künstliches Objekt die Schwerkraft des Himmelskörpers überwunden und den Planeten verlassen. Nicht mehr lange und schon würde ein Lebewesen in die Schwärze des Alls fliegen, so war zumindest damals der Plan gewesen.
Auch Wan hatte daran geglaubt. Dies war einer der Gründe, wieso er sich freiwillig für die Pilotenschule der Besucher gemeldet hatte. Sein Traum, zu den Sternen zu fliegen, rückte damit in greifbare Nähe. Ironischerweise war er diesem Ziel heute so nah wie noch nie in seinem Leben, doch nicht eine Minute davon konnte er auskosten.
Vorbeirennend an den brennenden Trümmern seiner Heimat erreichte Wan endlich den Hangar. Alle Maschinen waren im Einsatz … bis auf eine.
Wan stieg ins Raumschiff. Die vielen Bildschirme und Knöpfe, Zeichen und Bilder trieben ihm Schweißperlen auf die Stirn. Er setzte sich ins Cockpit und nahm das riesige Fluggerät in Betrieb. Dann stand ihm seine Feuerprobe bevor. So oder so musste er es versuchen, ansonsten würde er hier und heute sterben.
Das Raumschiff hob ab. Ungelenk langsam steuerte Wan es aus dem Hangar heraus. Der Abendhimmel erschien rot gefärbt, während er mit dem Raumflugkörper emporstieg. Nun war es so weit. Durch dichte Rauchschwaden hindurch verließ Wan seinen Heimatplaneten und erreichte das, was er sich als junger Träumer immer schon erhofft hatte zu sehen.
Der Flug ins All war geglückt, ebenso die Flucht. Bislang schien ihm niemand gefolgt zu sein.
Die Freude hielt nur kurz.
Nachdem Wan den Autopiloten aktiviert hatte, eilte er zum Fenster, durch das er auf seine Heimat blicken konnte. Es war ein wahrlich apokalyptischer Anblick, wie der einst grüne Planet von Rauchwolken bedeckt war und man die Explosionen sehen konnte, die von hier oben winzig erschienen. Alles wirkte so surreal – wie in einem Traum … einem Albtraum.
Mit Tränen in den großen Augen legte Wan eine Hand ans Fenster, während ihm sein gespiegeltes grünes Gesicht entgegenblickte.
Wan ahnte, dass er der Letzte seiner Art war.
Akt 1
Seine Kopfschmerzen waren mal wieder unerträglich. Es waren die Tabletten, die er einnehmen musste. Lorat war sich dessen bewusst. Doch vermutlich würde er die Reise bis nach Alcany ohne sie nicht überstehen.
Sie halten mich halbwegs bei Verstand.
Der Raumflug ins Nirgendwo dauerte schon viel zu lange, als dass er sich bequem zurücklegen und entspannen konnte. Hals über Kopf hatte er das Raumschiff besteigen müssen, da dieses früher als geplant ablegte.
Lorat wurde zunehmend unruhig und gereizt. Daher war es das Beste, wenn er in seiner Koje bleiben würde, bis der schrottreife Raumtransporter sein Ziel endlich erreicht hatte. Doch das war einfacher gedacht als getan. Die Isolation machte den sonst so coolen Ermittler allmählich kirre im Kopf. Das Overnet hier draußen war quasi nicht existent, und so konnte sich Lorat nicht mal mit Serien oder Filmen vor dieser quälenden Langeweile bewahren.
Der Ermittler beschloss, sich den Fall noch einmal näher anzusehen. Er entsperrte sein etwa handgroßes Skyphone und starrte auf den Touchscreen. Er durchforstete seine Dokumente und überflog alle Hinweise auf kleinste Details, die ihm möglicherweise entgangen waren.
Der Todesfall eines jungen Wissenschaftlers hatte es ihm nur wenig angetan. Doktor Tony Newton wurde tot aufgefunden in den Hügeln hinter einer Stadt. Lorat ging davon aus, dass der junge Wissenschaftler nicht einfach gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Jeder mürrische Vorstadt-Cop wäre dazu in der Lage gewesen, einen solchen Fall aufzuklären. Doch für die Atlas-Union, Lorats Arbeitgeber, schien der Fall wichtig genug zu sein, um einen ihrer Top-Ermittler quer durch die besiedelte Galaxis zu schicken.
Mit den wenigen Informationen, die ihm vorlagen, konnte Lorat nichts anfangen. Die ständigen Verbindungsabbrüche sorgten dafür, dass nur bruchstückhafte Infos im Hauptquartier der Atlas-Union angekommen waren. Er erkannte es an den zahlreichen Fehlermeldungen, die ihn zur Weißglut brachten. Lorat würde vor Ort mit einigen Menschen sprechen müssen, sich den Fundort der Leiche ansehen und die örtliche Polizei mit Fragen löchern. Keine leichte Aufgabe, vor allem weil vor Kurzem ein schrecklicher Amoklauf an der städtischen Universität stattgefunden hatte. Die Menschen dort würden anderes zu tun haben, als ihm bei der Klärung des Falls behilflich zu sein.
Lorat hätte am liebsten mehr darüber recherchiert, doch die Verbindung zum Overnet war auf dem uralten Raumschiff nach wie vor bescheiden. Der erfahrene Detective war stets kurz davor, sich vor Ärger die Haare zu raufen, doch dann würde jeder die Narbe auf seiner rechten Schädelhälfte sehen. Auf die anschließenden Fragen, wie es zu jener Narbe gekommen war, konnte er gut und gerne verzichten. Als Ermittler war er derjenige, der die Fragen stellte.
Er erinnerte sich selbst kaum daran, wie er sie bekommen hatte. Ab und an pochte die verheilte Wunde, doch wenigstens schmerzte sie weniger als sein Kopf, der ihm dank heftiger Migräneattacken teils schlaflose Nächte bereitete.
Die Narbe war ein Makel auf seinem sonst so makellosen Aussehen. Lorat war ein schlanker Mann mit einer Größe von etwa einem Meter neunzig. Sein grauer Seidenanzug glänzte im Licht der Deckenstrahler. Die schwarz-weiß gestreifte Krawatte, die er heute trug, war ihm die liebste von allen. Die hellbraunen Haare hatte er sich gekämmt und mit Haarspray nach oben frisiert. Dank des Markenparfüms Nion verströmte Lorat einen wohligen Duft, sobald er ein Zimmer betrat. Seit Tagen schon hatte er nicht mehr so gut ausgesehen, geschweige denn gerochen. Doch er musste es tun. Er wollte sich wieder wie ein Mensch fühlen.
Die Zeit in Isolation machte sich allmählich bemerkbar. Als Lorat die Gora vor rund zehn Tagen betreten hatte, war er schnellstmöglich auf sein Zimmer geflüchtet. Die Besatzung des in die Jahre gekommenen Raumschiffes, das größtenteils Schrott und anderen Müll transportierte, kam ihm derart suspekt und zwielichtig vor, dass sich selbst der abgebrühte Ermittler wie ein Schaf unter Wölfen fühlte. Doch jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher, als endlich wieder eine andere Menschenseele zu sehen und mit ihr zu sprechen. Denn selbst das Essen, frische Handtücher und gewaschene Wäsche gingen ihm durch einen kleinen Schacht zu, anonym und ohne dabei in eines der grimmigen Gesichter der unausstehlichen Besatzungsmitglieder blicken zu müssen. Lorat wollte die Leute auf diesem schwebenden Schrotthaufen zwar nicht mal mit dem Arsch ansehen, doch kroch er nun aus seiner Koje und suchte die Kommandobrücke des Raumschiffes.
Ein gelangweilt wirkender Wachmann im grauen Overall saß mit seinem Schlagstock in der Ecke vor dem Eingang. Er wies den unerbetenen Gast mit einer respektlosen Handgeste ab. Lorat holte bereits Luft, um den müden Dreckskerl zurechtzuweisen, da öffneten sich die Schiebetüren zur Brücke.
Es war der Kapitän höchstpersönlich, der den Ermittler mit aufgesetzter Freundlichkeit zu sich hereinbat.
»Andrej Minkov«, stellte sich der vollbärtige Mann vor. »Ehemaliger Generalmajor der Atlas-Union zu Land, zu Wasser, zu Luft und im All. Ich bin der Kapitän dieses wunderbaren Raumschiffes, das ich auf den süßen Namen Gora getauft habe.«
Minkov trug einen roten Rollkragenpullover mit verkrusteten Senfflecken darauf und heraushängenden Maschen. Seine kurzen, schwarzen Haare verdeckte er mit einer unscheinbaren grauen Mütze. Auf seiner dicken Knubbelnase sprossen drei eklige Warzen, eine jede mit eigenen Haarstoppeln darauf. Der Mann mit den buschigen Nasenhaaren schob einen üppigen Kessel vor sich her und glich damit einem ausrangierten Relikt aus vergangenen Zeiten, ganz wie sein Schrotthaufen von Raumschiff.
Der Kapitän der Gora reichte seinem Gast die schwitzige Hand.
»Detective Lorat Martinez«, stellte sich der Ermittler vor und blickte auf Minkov herab, den er um eineinhalb Köpfe überragte.
»Detective, ich habe schon einiges von Ihnen gehört«, sagte der Kapitän und steuerte auf einen Schrank zu.
Die Kommandobrücke war, wie alle anderen Räume der Gora, eher spartanisch gehalten. Die Möbel waren fest mit dem Boden verankert, aber verschiebbar. Ein durchgesessenes, olivgrünes Sofa, ein uralter Sessel in derselben Farbe, ein verkratzter Holztisch, daneben zwei Stühle aus verbogenem Stahl und ein geschmackloser Teppich.
Sobald ein Raumschiff die Schwerelosigkeit erreichte, ließ man es um die eigene Achse rotieren, sodass eine künstliche Schwerkraft geschaffen wurde. Auch wenn die Phase der Schwerelosigkeit daher selbst in den kleinsten Raumschiffen nur kurz anhielt, würden sämtliche losen Möbelstücke durch die Kojen fliegen.
Die Wände waren beschmiert mit unterschiedlichen Farben, Formen und Mustern, die nicht einmal Lorat erkennen konnte.
Minkov öffnete einen Schrank, der sich als Minibar entpuppte. Stolz präsentierte er eine große, gefüllte Flasche mit einer karierten Verzierung im Glas.
»Der billige Fusel ist leer gesoffen. Ausgerechnet den siebzig Jahre alten Goldfluss haben sie übrig gelassen. Meine Crew hat wirklich keinen Geschmack.«
Der Kapitän schien unironisch traurig. Lorat war zwar ein Fan edler Tropfen, doch er würde keinem Whiskey je nachtrauern. Dennoch betrachtete er die Flasche mit prüfendem Blick und kam dem Piloten dabei leider zu nahe. Minkov stank nach altem Schweiß, einem scheußlichen Rasierwasser und Mentholzigaretten. Er rümpfte die Nase.
»Ich feiere zwar auch hin und wieder, aber am liebsten sitze ich allein mit einer Flasche Schnaps in meiner gemütlichen Schlafkoje«, sagte der Kapitän auf die Pulle starrend.
Mit einem müden Lächeln und durch den Mund atmend antwortete Lorat: »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie ein Schnapsconnoisseur sind.«
Kapitän Andrej griff zur Whiskyflasche und öffnete sie. Vorsichtig hob er seinen krummen Zinken über den Flaschenhals und schnupperte genüsslich an dem süß duftenden Branntwein. »Ein Schluck von dieser Ambrosia und Sie werden drei Tage durchtanzen. Nichts trinke ich lieber.«
»Was ist mit Wodka?«
»Ah, das Klischee des Wodka trinkenden Russen. Arbeiten Sie bei Ihren Ermittlungen auch so? Mit Vermutungen und Vorurteilen?«
Minkov nahm zwei leere Gläser zur Hand, die ebenfalls in der Minibar lagerten, und füllte beide mit dem goldfarbenen Whisky.
»Nun ich liebe Wodka«, gab Lorat gelassen zurück, innerlich brodelte er allerdings.
Ein beschissener Kapitän für ein beschissenes Raumschiff. Diesen Schrotthaufen durchs All zu steuern, ist doch ohnehin alles, was du kannst.
Lorat hatte vor seiner Abreise die Gora am Weltraumbahnhof gesehen. Die Form des Schiffes erinnerte an eine alte Blechdose, zylinderförmig und mit einer stechenden roten Farbe gestrichen, die bereits von der Außenwand abblätterte. Dass es der fliegende Sarg überhaupt noch ins All geschafft hatte, glich einem Wunder.
»Vergessen Sie Wodka«, murmelte Kapitän Andrej und überreichte Lorat eines der beiden Gläser. »Und ebenso Bier, Wein, Cognac, Schokolade und Ihre Großmutter, denn nichts wird Sie so sehr entzücken wie Goldfluss.« Minkov freute sich wie ein Kleinkind. »Auf meine Gastfreundschaft.« Er gab einen Laut von sich, der dem Brüllen eines Affen glich.
Lorat und der Kapitän erhoben die Gläser. Während Ersterer zaghaft daran nippte, leerte Minkov seines in null Komma nichts. Einen verachtenden Blick konnte sich Lorat nicht verkneifen.
»Sie dürfen sich setzen«, sagte der Kapitän und verwies auf den unansehnlichen Sessel. Er selbst warf sich dabei auf die Couch.
Verwunderlich, dass er das Ding nicht mit seinem Fettarsch zerlegt hat.
Lorat nickte ihm dankend zu und setzte sich vorsichtig auf das durchgesessene Möbelstück, das ihm schon beim bloßen Anblick Juckreiz bescherte.
Nachdem Lorat Platz genommen hatte, steckte sich Minkov eine dicke Zigarre an.
Wenigstens bot er seinem Gast ebenfalls eine an.
Lorat entzündete den karamellfarbenen Rauchkolben, woraufhin Minkov ein schiefes Lächeln hervorzauberte und eine Reihe gelber Zähne präsentierte.
»Sie sind eine Berühmtheit«, nuschelte der Kapitän und zog an der Zigarre wie ein Säugling an der Mutterbrust.
»Das stimmt leider.« Lorat beobachtete den dunklen Qualm des dicken Glimmstängels, der von den schmutzigen Fingern des Piloten gehalten wurde.
Minkov versuchte einen Ring aus Rauch zu formen. Er scheiterte kläglich.
»Eine Sache interessiert mich brennend. Wieso arbeiten Sie noch immer für die Atlas-Union? Sie haben ja jede Menge Leid durch unseren gemeinsamen Arbeitgeber erfahren. Erst dieser Schauprozess und dann die Sache mit Ihrer Frau.«
Dafür war Lorat nicht auf die Brücke gekommen. »Lesen Sie die einschlägigen Gossen im Overnet. Da finden Sie sämtliche Informationen über mich.«
»Ich lese keinen Boulevardjournalismus«, erklärte der Kapitän achselzuckend. »Außerdem habe ich hier eine lebende Legende vor mir sitzen.«
»Ich bin keine Legende.«
»Sie haben nicht mehr besonders viel Freude im Leben«, stellte Minkov trocken fest. »Kann ich Ihnen nicht verdenken.«
Skeptisch zog Lorat eine Augenbraue nach oben. »Haben Sie Psychologie studiert?«, fragte er den Kapitän herausfordernd.
»Ich habe noch nie eine Uni von innen gesehen. Muss man denn studiert haben, um einen gebrochenen Menschen erkennen zu können?«
»Ich bin nicht hierhergekommen, um mein Herz vor Ihnen auszuschütten.«
Minkov grinste. »Und wenn ich ganz lieb frage?«
»Dann bekommen Sie ein ebenso liebes Schweigen als Antwort.«
Der Kapitän der Gora schmunzelte, während er sich und seinem Gast nachschenkte. »Ich hatte sowieso nicht damit gerechnet, dass Sie gleich mit der Sprache herausrücken würden.«
Lorat wurde hellhörig. »Fragen Sie aus reiner Neugier oder weil Ihnen jemand befohlen hat, zu fragen?«
»Befohlen?« Er schnaubte verächtlich. »Niemand erteilt mir Befehle, nicht mehr zumindest. Seit Jahren bin ich ein freier Händler mit meinem eigenen Raumschiff.«
»Der aber im Auftrag der Atlas-Union unterwegs ist. Alte Verbindungen wirft ein Mensch wie Sie nicht einfach so ab.«
»Werfen Sie mir etwas vor?«
Der Detective lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Nein«, gab er zu. »Aber Ihnen könnte ein Angebot gemacht worden sein.«
Der Kapitän grinste bis über beide Ohren.
Dieser Gesichtsausdruck sagt mehr als tausend Worte.
»Ich hülle mich diesbezüglich in Schweigen, genau wie Sie. Ist nur fair«, sagte Andrej Minkov und zuckte abermals mit den Schultern.
»Dann werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, Kapitän.«
»Aber gerne doch. Ich bin ganz Ohr.«
»Ich beantworte Ihre Fragen und Sie mir meine. Haben wir einen Deal?«
»Den haben wir.« Minkov grinste erneut. »Also, Ihre Leidensgeschichte bitte, die ungeschminkte Wahrheit, und nicht das, was in den Nachrichten stand und steht. Ach, und wie hieß Ihre Frau noch mal?«
»Lisa«, antwortete Lorat mit niedergeschlagener Stimme. Er dachte an die blonden Haare, die silberblauen Augen, ihre roten Lippen und die langen Beine. Bildschön und sexy, fast wie eine Pornodarstellerin. So erinnerte er sich an sie. Doch so bombastisch ihr Aussehen auch gewesen sein mag, war es ihr Charakter, der den sonst so coolen Detective völlig aus dem Konzept gebracht hatte. Sie war der einzige Mensch gewesen, der ihm wirklich etwas bedeutete, und das noch immer. Doch die Liebe seines Lebens existierte nicht mehr und damit auch keine Liebe mehr in ihm.
»Richtig, Lisa.« Der Kapitän nickte schwach. »Und der Typ, dessen Tod man Ihnen in die Schuhe schob, hieß Akku … oder Akkuza? So ähnlich zumindest. Ich hab es nicht so mit Namen.«
»Feng Akuma«, antwortete Lorat, der durch das große Fenster nach draußen in die Leere des Alls starrte. »Diesen Namen werde ich nie wieder vergessen.«
»Weil Sie ihn umgebracht haben?«
»Ich hatte mich lediglich verteidigt«, gab Lorat verärgert zurück. »Wir haben seine Bande hochgenommen, nachdem unser Informant sich von ihm abgewendet hatte. Wer auch immer dieser jemand war, konnte sich nicht entscheiden, auf welcher Seite er stehen wollte.«
»Die AU behauptete, dass Sie dieser jemand gewesen seien. Deswegen hätten Sie ihn auch erschossen.«
»Die AU sagt vieles, was nicht der Wahrheit entspricht«, erklärte Lorat zähneknirschend. »Als wir Fengs Versteck hochgenommen hatten, stand ich ihm plötzlich allein gegenüber. Er war bewaffnet und hat auf mich geschossen. Mein Leben hing davon ab, ob ich zurückschieße oder nicht. Er war ein skrupelloser Mafiaboss mit einer galaxisweit operierenden kriminellen Organisation.«
Kapitän Minkov blickte Lorat gespannt an. »Und die AU dachte, dass Sie ihn ausgeschaltet haben, damit er nichts ausplaudern kann. Ich frage mich wirklich, warum Sie noch immer für die Union arbeiten.«
»Mich von der AU abzuwenden, wäre ein schrecklicher Fehler«, erklärte Lorat. »An und für sich ist die Idee einer sternübergreifenden militärischen und polizeilichen Institution eine gute Sache. Wir brauchen die AU. Aber ihre internen Abläufe und die öffentlichen Methoden zur Sicherung der Galaxis sind fragwürdig. Wenn ich aus der Union aussteigen würde, hätte ich kaum mehr Möglichkeiten, etwas an ihr zu verändern. Darum bin ich geblieben.«
»Klingt vernünftig. Aber was konnten Sie denn bislang bewirken?«
Lorat seufzte innerlich. »Die UN wirft ein genaueres Auge auf ihre eigene Kreation, das habe ich erreicht. Die AU wurde mit der Zeit mächtiger und unabhängiger, wie ein souveränes Regierungsorgan, ein Staat im Staat.«
»Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten«, brummte Minkov und schmatzte mit verzogener Miene, als hätte er einen alten Kaugummi im Mund. »Wenn meine Frau durch das Versagen meines Arbeitgebers sterben würde, würde ich nicht nur kündigen, nein, ich würde ihn vernichten.«
»Ich bin da ganz Ihrer Meinung. Nur, Lisa hätte das nicht gewollt.« Er erinnerte sich an ihren unerreichten Gerechtigkeitssinn. Die Laufbahn eines Detectives war damit vorprogrammiert gewesen.
Der Kapitän nickte. Mit funkelnden Augen exte er auch das nächste Glas, bevor er sagte: »Ich verstehe nicht, wie die AU diese Sondereinheit in eine offensichtliche Falle hat tappen lassen. Selbst Ultaria hat darüber gespottet.«
»Es ist ganz leicht«, sagte Lorat und nippte an seinem Glas. »Ihnen ist jedes Mittel recht, um ihr Ziel zu erreichen. Die AU wollte womöglich auch, dass die Angst vor dieser Terrorgruppe wächst. Nur, dadurch haben sie sich ins eigene Fleisch geschnitten. Statt Angst vor Ultaria zu haben, verspüren die Menschen Wut auf die Atlas-Union. Ich kann das sehr gut nachempfinden.«
»Diese Menschen hören auf Sie.«
»Zum Teil«, stimmte Lorat ihm zu. »Zu lange schon wurden die Rechte von Raumreisenden mit Füßen getreten und Ultaria und andere Kriminelle als Begründung dafür genommen, die Menschen zu kontrollieren und ihnen die Freiheit zwischen den Planeten zu rauben.«
»Weshalb wurde Ihre Frau eigentlich nach Tapec beordert?«
Lorat verzog wütend das Gesicht.
Ich will nicht weiter über meine tote Frau sprechen, schon gar nicht mit DIR!
Wo er normalerweise die Reißleine gezogen hätte, sprach er heute weiter. Alles war besser, als wieder schweigend und allein in seinem Zimmer zu sitzen.
Heutzutage braucht es nicht mehr als eine gestörte Overnetverbindung und ich bin gebrochen.
»Sie dachten, Hideaki Yahiro persönlich befinde sich auf Tapec«, erklärte Lorat. »Wie sich herausgestellt hat, war er es nicht. Der Anführer einer gewaltigen Organisation wie Ultaria lässt sich nicht so mir nichts, dir nichts aufspüren. Es war leichtsinnig und unnötig risikoreich, einen Trupp dorthin zu schicken.«
»Die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Fällen ist beachtlich«, murmelte der Kapitän der Gora achselzuckend vor sich hin. »Feng Akuma, Mafiaboss, und Hideaki Yahiro, Anführer einer Terrororganisation. Aus irgendeinem Grund schwimmen Sie immer mit den ganz großen Fischen, den Haien der Galaxis, mit.«
»Feng Akuma habe ich mir geangelt«, sagte Lorat mit gerechter Stimme. »Und Hideaki Yahiro wird ebenfalls bald an meiner Angel hängen.«
»Es tut mir sehr leid, dass Ihre Frau durch den Fehler eines anderen gestorben ist. Die AU hat ihren Tod billigend in Kauf genommen.« Minkov grunzte verstimmt. »Deswegen fühle ich mich an Bord der Gora am sichersten. Hier bin ich unter meinen Leuten, mitten im Nirgendwo.«
»Das ist der Vorteil, den wir Menschen heutzutage genießen«, sagte Lorat und schielte an ihm vorbei. Er hatte keine große Lust, dass der Kapitän ihm die Trauer ansah. »Wir können uns Lichtjahre von unseren Feinden wegbewegen.«
Bisher hatten die Menschen über einhundert Sternsysteme erfolgreich besiedelt und mit sogenannten interstellaren Korridoren miteinander verbunden. Wie ein Straßennetz reichten die Verbindungen von einem Planeten bis zum nächsten. Innerhalb eines Korridors konnte man dieselbe Strecke um ein Vielfaches abkürzen. Der Raum wurde darin dermaßen stark gekrümmt, dass das Licht in wenigen Millisekunden am Zielort eintraf, obwohl es für den gleichen Weg ohne technische Hilfsmittel Jahre benötigte. Ein Raumschiff war nicht annähernd so schnell wie ein Lichtstrahl. Eine temporeiche Rakete wäre mithilfe der interstellaren Korridore theoretisch in der Lage, die Milchstraße, die einen geschätzten Durchmesser von einhunderttausend Lichtjahren aufweist, in knapp einem Jahr zu durchqueren. Allerdings war das Korridornetz bisher lediglich in einem winzigen Teil der Galaxis ausgebaut, sodass man sich ausschließlich innerhalb der besiedelten Zonen schnell bewegen konnte.
Die Menschheit konnte seit der Erfindung der Wundermaschine viele Sternsysteme besiedeln. Da sämtliche Wissenschaftler und Experten damals fest davon ausgingen, dass eine solche Expansion Jahrtausende und länger dauern würde, vergab man dem Erfinderteam des Korridorinitiators den Status »Helden der Wissenschaft«. Das Maximum der heutigen menschlichen Besiedlung war an einem Planeten Namens Alcany erreicht worden, einem kleinen Wüstenplaneten mit einer für Menschen bewohnbaren Atmosphäre.
Lorat war seit zehn Tagen mit der Gora dorthin unterwegs. Ein Raumschiff der Atlas-Union, mit modernem Antriebssystem, wäre längst auf Alcany angekommen. Detective Martinez lag jedoch so sehr in der Ungunst der AU, dass dieser mit einem privaten Transportschiff reisen musste. Offiziell hieß es dazu, dass sämtliche AU-Kreuzer im Einsatz seien. Lorat glaubte ihnen kein Wort. Den verfrühten Start der Gora hatte er fast verpasst, so kurzfristig wie er an Bord beordert wurde. So blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dem Schrotthaufen zu hausen und mit dem aufdringlichen Kapitän vorliebzunehmen.
Lorat war sich bewusst, dass die AU-Führung versuchte, ihn aus der Union zu ekeln. Vor vielen Jahren war der aufmüpfige Ermittler zu einem Ärgernis geworden. Sein Schwiegervater Jaquard Convollis war Lorats direkter Vorgesetzter und alles andere als gut auf ihn zu sprechen. Sein Hass auf den Ermittler ging sogar so weit, dass Jaquard nicht einmal der Hochzeit seiner eigenen Tochter beiwohnte. Es war Lisas wichtigster Tag, und dieser mürrische alte Bock machte einen dermaßen großen Aufstand am Telefon, dass die Trauung fast ins Wasser gefallen wäre. Nach Lisas Tod war der Hass auf Lorat unerklärlicherweise weiter angestiegen. Die Trauer um seine Tochter schien sich als Wut und Zorn gegenüber dem verhassten Schwiegersohn zu entladen. Doch im Moment war Lorat so weit von Jaquard und der AU-Zentrale entfernt, dass er eine gewisse Erleichterung verspürte.
»Jetzt bekomme ich Antworten«, sagte Lorat, stand auf und schritt durchs Zimmer.
Minkov lachte und präsentierte sein ausladendes Gebiss. »Was möchten Sie wissen?«
»Sollen Sie mich für die AU ausspionieren, mich vielleicht sogar verschwinden lassen?«
Der Kapitän tippte mit den Fingern gegen sein Glas. »Was glauben Sie denn?«
»Ich glaube, dass Sie sich darüber amüsieren.«
»Das stimmt.« Er lachte, und seine gelben Zähne traten zum Leidwesen Lorats ans Licht. »Ich denke, Sie wollen meine Reaktion beobachten. Ein Ermittler von Ihrer Qualität kann mir die Wahrheit doch bestimmt vom Gesicht ablesen.«
»Ich bin Detective, kein Hellseher.«
»Tja, und ich bin nur ein einfältiger Raumschiffkapitän und kein Auftragsmörder. Scheiße, ich weiß nicht einmal, wie man eine Waffe hält.« Er grunzte vor Lachen.
Lorat blickte dem Kapitän in die Augen.
Entweder er hat wirklich nichts zu verbergen, oder er ist ein talentierter Schauspieler.
Er vermutete Ersteres. Sein Gefühl hatte ihn bisher nur selten getäuscht.
»Ich kann Ihr Misstrauen durchaus verstehen«, sagte Kapitän Andrej und schenkte sich ein weiteres Glas Goldfluss ein. »Wenn es Sie tröstet, wir erreichen Alcany in etwa neun Stunden.«
»Schön, das zu hören«, antwortete Lorat mit gespielter Gelassenheit. Denn auch wenn das Ziel in greifbarer Nähe lag, so wartete noch immer die Rückreise auf ihn, die mindestens genauso lange dauern würde.
»Haben Sie Kinder, Detective?«
Lorat schüttelte den Kopf. »Sie?«
»Dutzende!« Andrej lachte lautstark. »Sie sind überall in der Galaxis verstreut. Als Kapitän kommt man viel herum. In jedem Hafen findet sich jemand, mit dem man die Einsamkeit vertreiben kann, Sie verstehen?«
»Sicher.«
Das Einzige, was deine Bekanntschaften vertreiben, sind deine Filzläuse.
»Ich hoffe, die Dauer unseres Aufenthalts reicht für Ihre Ermittlungen. Innerhalb eines Tages müssen wir wieder abfliegen«, erinnerte Andrej den Detective.
»Die örtliche Polizei hat alle Spuren gesichert und den Leichnam obduziert«, informierte Lorat den Kapitän. »Ich werde den Fundort des Mannes untersuchen, die Leiche auf Ihr Schiff bringen und einen Bericht schreiben. Für Letzteres brauche ich nicht auf Alcanyzu bleiben.«
»Wieso fliegen Sie überhaupt bis hierher zum Arsch der Galaxis, wenn die das schon alles erledigt haben?«
»Unsinnige Bürokratie«, erklärte Lorat und nuckelte an seinem Glas. »Die AU benötigt einen Offiziellen vor Ort, der den Tatort persönlich in Augenschein nimmt.«
»Pah. Und das im dreiundzwanzigsten Jahrhundert? Noch ein Grund mehr, den Arbeitgeber zu wechseln.«
»Dadurch ergeht es mir wie Ihnen, Kapitän. Ich reise durch die ganze besiedelte Galaxis und lerne unzählige unterschiedliche Menschen und Orte kennen.«
Keine zehn Minuten nach dem Ende der Nachtruhe an Bord und dem Beginn der Arbeitsschicht landete die Gora auf dem Wüstenplaneten. Lorat beobachtete das Manöver von seiner Kabine aus. Orangefarbener Staub wirbelte auf, als das Raumschiff dem Boden näher kam und schließlich unsanft aufsetzte.
Der Arsch der besiedelten Galaxis …
Er wusste jetzt, wieso der Kapitän jene Worte gewählt hatte.
Sofort begann die Besatzung des alten Raumkreuzers die Ladung aus dem Schiff zu karren. Sie steuerten eine Vielzahl an Rovern auf die Rampe und über staubige Kieswege in den Stadtkern. Lorat folgte ihnen in die Stadt, die den Namen Tagonta trug.
Das grelle Licht, das vom Sand reflektiert wurde, schmerzte ihm in den Augen. Um nicht weiter geblendet zu werden, setzte sich Lorat eine stylishe Sonnenbrille auf.
Heute trug der Detective einen beigefarbenen Anzug mit schwarzen Streifen an den Ärmeln. Farblich dazu passend hing eine dunkelgrau-beige gestreifte Krawatte um seinen Hals. Seine guten Schuhe hatte er an Bord der Gora gelassen, um sie nicht mit dem orangenen Sand zu ruinieren. Stattdessen trug er sportliche Turnschuhe, die mehr robust als schön waren.
Der mäßige Wind wirbelte den feinen Staub des Planeten auf. Da er das Zeug einatmete, putzte er sich öfters die Nase. Sogar in seinem Taschentuch war der Sand zu sehen. Auch seine Augen blieben nicht verschont.
Ich hasse diesen Ort jetzt schon.
Lorat geriet ins Schwitzen. Er zog sein Jackett aus und warf es sich über die Schulter. Nasse Flecken bildeten sich auf dem weißen Hemd. Die Besatzung der Gora glänzte vor Schweiß im Licht des Sternes, genau wie Lorat, der sich die Stirn mit dem Handrücken abwischte.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichte Lorat die Siedlung. Tagonta war eine Stadt voll mit Forschungslaboren und grauen Wohnkomplexen. Kleine Läden und Betriebe, die die Gemeinde am Leben hielten, ragten dazwischen auf wie Fremdkörper, die nicht zum eigentlichen Stadtbild passten. Lorat beäugte die hohen Bauten. Darin hausten schlauere Menschen als er. Zumindest ging er davon aus, dass die meisten Bewohner Professoren, Studenten, Wissenschaftler und Ingenieure waren. Vermutlich wirkten sie nur deshalb so schlau auf ihn, da er wusste, dass er es hier mit Hochgebildeten zu tun hatte. Das bedeutete aber auch, dass man niemanden hier allzu leicht eines Verbrechens überführen konnte.
Das gestaltet die Ermittlungen in einem Todesfall schwieriger.
Der nervtötende Sand spiegelte sich in der Atmosphäre wider, und so erschien auch der Himmel in einem hellen Orange. Lorat hatte einst gelesen, dass die Farbe des Firmaments, ähnlich wie auf dem Mars im beheimateten Sol-System, von verrostetem Eisen herrührte. Einer der zahllosen Wissenschaftler in der Stadt könnte ihm dies bestimmt näher erläutern, da war er sich sicher. Doch dazu hatte er schlichtweg nicht die Zeit. Seine Gedanken drehten sich um den Fall und wie er anschließend tief in ein Glas Whiskey schauen könnte.
Vor Kurzem hatte Lorat seine dritte Leber transplantiert bekommen. Im 23. Jahrhundert bedeutete dies eine halbstündige Routineoperation. Dennoch war jede OP mit einem Restrisiko verbunden. Zudem schädigte ein regelmäßiger Alkoholkonsum nicht nur die Leber, sondern alle anderen Organe im Körper. Doch das interessierte ihn herzlich wenig.
In Tagonta war es zu dieser Tageszeit überaus still, wie ihm schien. Viele der Wissenschaftler und Studenten saßen in ihren Universitäten und lehrten und lernten. Auf der Gora hatte sich Lorat mithilfe alter Chipkarten ein erstes Bild vom Planeten gemacht. Die meisten Forscher, die sich nach Alcany verirrten, führten ihre Forschungen jenseits der Stadt durch. Dort untersuchten sie das Klima des Wüstenplaneten, dessen Flora und Fauna, erforschten Höhlen im Untergrund und beobachteten in sternenklaren Nächten die verschiedensten Himmelskörper. Am Rande der Stadt ragten Hügel in die Höhe, auf denen etliche Teleskope standen, die gen Himmel gerichtet waren. Ein großes Observatorium befand sich unweit Tagontas. Dem Ermittler blieb leider keine Zeit dafür.
Die Menschen gingen ihrem Tagesgeschäft nach. Lorat entdeckte einen kleinen Lebensmittelladen mit dem Namen »Morgans Market«, der auf einem herabhängenden roten Schild zu lesen war. Daneben stand ein Häuschen, das verdächtig an einen Bäckerladen erinnerte. In den Schaufenstern der wenigen Boutiquen hingen gewöhnliche Schilder aus Kunststoff und verwiesen auf neue Waren und Rabatte. Für Lorat war Tagonta eine andere Welt. In der Megacity Initium auf dem Mars war es niemals dunkel. Sämtliche Werbetafeln blinkten, blitzten und funkelten Tag und Nacht. In Initium fühlte man sich nie allein. In der KleinstadtTagonta am Ende der Welt war man vermutlich froh, jemandem auf der Straße zu begegnen.
Lorats Augen entdeckten einen merkwürdigen Menschen in einem langen Mantel, der leger an der Hauswand des nächsten Gebäudes lehnte.
Komischer Kauz.
Als der Ermittler die Person anstarrte, bemerkte er die kleine Polizeistation gleich daneben. Er kramte sein Skyphone aus der Tasche, um sich vor den Polizisten ausweisen zu können. Mit dem Gerät in der Hand schaute er auf. Die vermummte Gestalt war verschwunden. Ein beunruhigendes Gefühl machte sich in ihm breit.
Das Gebäude mit dem markanten Sheriffstern über der Eingangstür wirkte schlicht, aber vor allem alt. Der Putz war von Rissen durchzogen und drohte zu zerbröckeln. Obwohl es sich um eine Polizeistation handelte, hatten besonders dreiste Sprüher die Seitenwände mit Graffitis verschönert. Das Schrägdach war gespickt mit speziellen weißen Ziegeln, die die Hitze des Sterns reflektierten. Daher würde es im Inneren des Gebäudes vermutlich kühl sein, weil die kleinen Fenster wenig Licht und Wärme hineinließen.
Lorat erklomm die dreistufige Steintreppe vor der Eingangstür. Er suchte noch nach dem gegenteiligen Wort für beeindruckt.
Auf Initium wäre das gerade mal eine Kleiderkammer für Polizisten.
Der Ermittler vom Mars betrat das Gebäude und wunderte sich darüber, dass sich die große Doppeltür nicht von selbst öffnete.
Lorat stand im Dunkeln. Als er die Sonnenbrille abnahm und sie sich an den Ausschnitt seines Hemdes steckte, erblickte er die gespenstisch anmutende Lobby. Wie angenommen war es angenehm kühl. Zu seiner Rechten unterhielten sich zwei Polizisten. Hinter den beiden Männern und einem darauf folgenden Wasserspender ging ein düsterer Flur ab, der von einem Sicherheitsdrehkreuz blockiert wurde. Gleich neben dem Drehkreuz stand ein Glaskasten, eingemauert in die Wand des Flures. Hinter der spiegelnden Glasfront saß eine ältere Dame mit rostrotem Haarschopf und einer dicken Brille in derselben Farbe.
Als die werte Frau mit den Hängebacken Lorat bemerkte, seufzte sie genervt und sah von ihrem Tablet auf, das sie soeben noch gelangweilt angestarrt hatte. »Kann ich Ihnen helfen?«
Lorat hielt ihr sein Skyphone entgegen. Ein Hologramm erschien vor den Augen der Rezeptionistin.
Der flackernde virtuelle Beamtenausweis genügte ihr offensichtlich, um einen der beiden Polizisten zu rufen.
»Officer Louis wird Sie in die Obduktion begleiten«, sagte sie, bevor sie etwas in das Tablet eintippte und den Herrn zu sich winkte.
Der schweigende Mann mit den riesigen Segelohren nahm seinen Pappbecher, warf ihn in den Müll und nickte seinem Kollegen zu. Er deutete mit dem Kopf in den Flur gegenüber der Eingangstür.
Lorat kam der Aufforderung nach und folgte dem Polizisten. Der entsperrte das Sicherheitsdrehkreuz mit seinem Skyphone und winkte den Ermittler hindurch.
Die Wände waren mit riogischem Holz verkleidet, dunkel und leicht schimmernd. Riogi war ein Zwergplanet und kreiste, genau wie Alcany, um den Stern Arceus. Der Planet war von dichtem Urwald bewachsen, weswegen die fast tot geglaubte Holzindustrie dort wieder Fuß fassen konnte.
Lorat berührte die raue Oberfläche der Wände und fühlte die kleinen Unebenheiten, bevor Officer Dumbo einen Blick nach hinten warf.
Der Cop schwieg, bis auf einige wenige Grunzer, die er gedankenverloren ausstieß. Beide trotteten gemeinsam durch den Flur, bis sie eine Doppeltür mit der Aufschrift »Obduktion« erreichten. Der Polizist klopfte und öffnete ihm die Tür.
Lorat betrat den hell erleuchtenden Raum mit den gekachelten Wänden, der damit einem Badezimmer glich. Zwei Herrschaften führten gerade ein Gespräch und drehten sich nach dem Besucher um, als sie die nahenden Schritte hörten.
Lorat nahm eine Nase voll Desinfektionsmittel, Salben und toter Menschen. Er dachte daran, den Geruch nie mehr aus den Klamotten zu kriegen, doch schnell wurde er, während er an sich heruntersah, von seinen staubigen Schuhen abgelenkt.
Als würde man einen Bentley auf nackten Felgen fahren.
Ein dunkelhäutiger Mann mit Glatze und freundlichem Lächeln reichte Lorat entgegenkommend die Hand. »Detective Martinez, wie ich annehme? Mein Name ist Deputy Chief Holland Ryans.«
Der Polizist trug die übliche schwarze Uniform. Auf seinen Schultern und seiner Brust klebten eine Handvoll Abzeichen, die darauf hindeuteten, dass Deputy Chief Ryans bereits einige Jahre im Dienst der Polizei stand, und das trotz seines relativ jungen Alters. Ein leichter Flaum umrahmte seinen Mund und an dem linken Ohrläppchen hing ein silberner Ohrring. Seine Nase glich einer Knolle, breit und nicht gerade hübsch anzusehen.
Lorat erwiderte den Handschlag. »Schön, Sie kennenzulernen.«
»Das ist Herres Jordan, Chef der Pathologie«, stellte der Deputy Chief den Mann neben sich vor.
Die dürre Gestalt mit dem ungepflegten Dreitagebart gab Lorat zögerlich die Hand. Er hatte mandelförmige Augen, unter denen sich faltige Tränensäcke befanden, und wirkte dadurch deutlich älter als sein Kollege. Seine grauen, verfilzten Haare waren mit Schuppen übersät und hatten heute Morgen offenbar keinen Kamm gesehen. Ohne den Laborkittel hätte man die weiße Pracht auf den knochigen Schultern betrachten können. Auf der schmalen Nase trug er eine Brille mit dünnem Gestell, die er mit einem Finger hochschob. Die runden Brillengläser spiegelten das Licht der Neonröhren über ihnen wider.
»Sehr erfreut«, murmelte Herres Jordan mit ernster Miene. Ein Geruch von Senf entfleuchte dem Mund des alten Mannes.
»Ich hoffe doch, Sie hatten eine angenehme Reise hier raus ins Niemandsland«, erkundigte sich der Deputy Chief und strahlte Lorat mit einem breiten Grinsen an.
Die beiden könnten nicht unterschiedlicher sein.
»Hätte schlimmer sein können«, log der AU-Detective und zwang sich zu einem Lächeln.
»Wir haben alles vorbereitet«, sagte der Deputy Chief und verwies auf einen stählernen Tisch. Auf diesem lag eine blasse männliche Leiche.
Lorat näherte sich dem Obduktionstisch und betrachtete den Körper des jungen Mannes. Seine braunen Haare waren gelockt, im rechten Ohr trug er einen goldenen Stecker. Ein unscheinbares Gesicht mit einem schmalen Kinn und einer großen Nase. Am Hals war der Tote tätowiert, eine schwarze Säule, um die sich eine dunkelgrüne irdische Schlange schlängelte.
Sie hatten ihm einen dieser hässlichen hellblauen Kittel übergestreift. Allerdings würde ihn dies kaum mehr stören.
»Doktor Tony Newton«, verlas der Deputy Chief aus seinen Notizen. »Achtundzwanzig Jahre alt, auf der Erde promoviert, ein anerkannter Astrophysiker auf Alcany und äußerst bekannt wegen seiner Arbeit, aber auch aufgrund seines geringen Alters.«
Daher das Tattoo. Er wird die Erde vermisst haben.
Vielen Leuten erging es so. Auch wenn es andere bewohnbare Planeten wie die Erde gab, so war der Heimatplanet der Menschen nach wie vor ihr wahres Zuhause und würde es vermutlich immer bleiben. Der menschliche Körper war perfekt an das Leben auf der Erde angepasst. Da war es nur logisch, dass sich jemand instinktiv nach seiner Heimat sehnte, wenn er Lichtjahre davon entfernt war.
»Achtundzwanzig und schon ein Doktortitel«, staunte Lorat und ließ seinen Blick über den Leichnam schweifen. »Haben Sie eine schnelle Übersicht Ihrer bisherigen Ermittlungen?«
»Ich kann Ihnen einen Schnelldurchlauf unserer Ergebnisse übermitteln, wenn Sie wollen.«
»Ich bitte darum.«
Deputy Chief Holland Ryans räusperte sich und lieferte ihm einen kurzen Abriss. »Einer seiner Kollegen, Doktor Montanis, fand ihn weit draußen bei den Hügeln. Er lag dort vermutlich seit rund zwei Tagen.«
Wäre er noch länger am Fundort gelegen, würde er sicherlich nicht mehr so frisch aussehen.
Die modernen Kühlsysteme hatten danach eine weitere Verwesung der Leiche verhindert.
»Er war wohl im Zuge irgendwelcher Forschungen dort draußen. Hat man ihn in der Nähe dieser riesigen Teleskope gefunden?«
»Nein«, antwortete der Deputy Chief. »Das nächste Teleskop befindet sich einige Kilometer vom Fundort entfernt. Niemand weiß, wieso er sich so weit außerhalb der Forschungseinrichtungen aufgehalten hat, zumal es in seinem Kollegium kein Geheimnis war, dass Doktor Newton ein … na ja, ein Stubenhocker war.«
»Womöglich wurde er erst nach seinem Tod an den Fundort gebracht.«
»Das könnte sein, ja. Wir haben Doktor Newtons Wohnung durchsucht. Dort ist uns nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Zudem wissen wir, dass der Tote kein Fahrzeug besaß. Er muss also mit einem Rover gefahren oder zu Fuß in die Hügel gegangen sein.«
»Zu Fuß? Wie viele Kilometer liegen denn zwischen der Forschungseinrichtung und den Hügeln?«
»Etwa zwanzig«, schätzte der Deputy Chief.
