Das Wesen des Lebens - Iida Turpeinen - E-Book
SONDERANGEBOT

Das Wesen des Lebens E-Book

Iida Turpeinen

0,0
12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Drei Jahrhunderte, ein mächtiges, friedliebendes Geschöpf und die Lebenswege der Menschen, die von ihm angezogen sind. Iida Turpeinen erzählt in »Das Wesen des Lebens« ausgehend von der ausgestorbenen Stellerschen Seekuh von obsessiven Sammlern und rastlosen Wissenschaftlern, von begeisterten Naturschützern und den Frauen, die an Naturerforschungen immer schon beteiligt waren. Sie zeigt, wie wir Menschen vom unbedingten Begehren nach Erkenntnis angetrieben werden – und wie wir dafür die unwiderrufliche Zerstörung der Natur in Kauf nehmen. Ob auf Großer Nordischer Expedition in der Beringsee im 18. Jahrhundert, 100 Jahre später in der russisch-amerikanischen Kompanie in Nowo-Archangelsk in Alaska oder Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Vogelinseln vor Helsinki: Turpeinen lässt uns mit ihrer berührenden Erzählkunst unsere Welt und das Wunder des Lebens mit neuen Augen sehen und verstehen, wie alles mit allem verbunden ist.  »Dieses Buch werden Sie bewegt und mit angehaltenem Atem lesen.«  Helsingin Sanomat Aus dem Finnischen übersetzt von Maximilian Murmann

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Iida Turpeinen

Das Wesen des Lebens

Roman

 

Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann

 

Über dieses Buch

 

 

Als 1741 eine gigantische urzeitliche Seekuh vom deutschen Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller entdeckt wurde, war noch nicht zu erahnen, dass dieses friedliebende Tier nur 27 Jahre später von den Menschen schon ausgerottet war. Der Geschichte des Skeletts einer Steller’schen Seekuh folgt Iida Turpeinen in ihrem atemberaubenden Debütroman, der uns über mehrere Jahrhunderte vor Augen führt, wie die Menschen die Natur zu beherrschen und sich anzueignen versuchen – und an diesem Größenwahn immer wieder scheitern.

Turpeinen lenkt den Blick auf vermeintliche Randfiguren, auf die Frauen und die Forscher im Hintergrund, die aus dem Schatten der Geschichte treten und ihren Blick auf den Lauf der Welt einbringen. Der faktenreiche und doch magische Erzählsog zieht uns tief hinein in die Geschichte aufregender Expeditionen und Entdeckungen, bis wir in unserer Gegenwart wieder auftauchen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Iida Turpeinen, geboren 1987, ist fasziniert von den literarischen Möglichkeiten wissenschaftlicher Forschung sowie von den Kuriositäten und verblüffenden Details, die sich in der Wissenschaftsgeschichte finden lassen. Sie lebt in Helsinki und arbeitet derzeit an einer Dissertation über die Schnittstelle zwischen Naturwissenschaften und Literatur. Schon Turpeinens frühe Kurzgeschichten über die Beziehung zwischen Mensch und Tier wurden mit Preisen ausgezeichnet, »Das Wesen der Meere« ist ihr erster Roman, der derzeit in über 20 Sprachen übersetzt wird und jetzt schon das erfolgreichste finnische Debüt aller Zeiten ist.

 

Maximilian Murmann, geboren 1987, studierte Finnougristik in München, Budapest und Helsinki. Er übersetzt aus dem Finnischen, Estnischen und Englischen u. a. Jaan Kross, Karl Ristikivi, Eeva-Liisa Manner, Juhani Karila, Christina Henríquez und Sofi Oksanen und lebt in München.

Impressum

 

 

Die vorliegende Übersetzung wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung von FILI Finnish Literature Exchange.

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Elolliset« bei Kustantamo S & S, Helsinki.

© 2023 Iida Turpeinen

Published by agreement with Helsinki Literary Agency

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2024 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Abbildung im Vorspann: Zeichnung der Stellerschen Seekuh aus Henry Neville Hutchinsons 1892 erschienenem Buch Extinct Monsters. © Biodiversity Heritage Library

Kompass und Icon: Designed by Freepik

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung: Shutterstock und Mauritius Images/Alamy

ISBN 978-3-10-492027-6

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

 

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.

Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.

Inhalt

[Zeichnung der Stellerschen Seekuh]

[Motto]

Naturhistorisches Museum

[Motto]

I

Kamtschatka, Ferner Osten Russlands

Gessners Bestiarium vereint [...]

Jeden Morgen senkt [...]

[Logbuch]

Sie können nur [...]

Die Seekuh vereint [...]

Die Mannschaft der [...]

Kapitän-Kommandeur Vitus Bering [...]

Sie schaufeln ein [...]

[Zwischenkapitel]

Man wird sie [...]

[Abmessungen der Seekuh]

Es ist klar, [...]

Liste Stellers hinterlassener [...]

Steller hinterlässt Papiere [...]

II

Südostküste Alaskas

[Zwischenkapitel]

Constance verbringt die [...]

Im Raum hat [...]

Professor Alexander von [...]

Liste der von [...]

III

Kaiserliche Alexanders-Universität, Anatomisches Institut

[Zwischenkapitel]

Hilda Olson spaziert [...]

[Zwischenkapitel]

Tierkundemuseum

[Zwischenkapitel]

Naturhistorisches Museum

Danksagung

Danke auch all [...]

Darüber sollte man sich vielmehr verwundern, daß wir auf vieles nicht acht geben, noch wissen was wir in unserm eigenen Lande, da wir doch wohnen, ohne viele Mühe haben können, und das bey aller unser vermeinten Forschbegierde aus Nachläßigkeit verborgen bleibet, also daß unser Stillschweigen davon den künftigen Zeiten Gelegenheit geben muß, es gar vor Fabeln zu halten.

 

Georg Wilhelm Steller,1742

60°10’16”N 24°55’52”E

Naturhistorisches Museum

Helsinki

Erst muss man vorbei an dem Afrikanischen Elefanten und durch eine Tür. An den Wänden sind enthäutete Gestalten von Fischen, Fröschen und Vögeln versammelt. Der Raum könnte gespenstisch wirken, doch die Menschen streifen darin unbekümmert und aufmerksam umher, sie gehen von einer Vitrine zur nächsten, mustern Knochen und Tafeln, und schließlich richten alle ihren Blick darauf.

 

Zunächst treffen sie auf Pferde, Bären, Robben und Schlangen, ein Tier nach dem anderen dünne, geschickt und unauffällig aneinandergefügte Knochen. Sie bilden nachvollziehbare, aus Bilderbüchern und Zoos vertraute Figuren, und dann haben die Besucher dieses Wesen vor sich, seine vollkommen andersartigen Glieder.

 

Die übrigen zusammengesetzten Skelette in dem Raum sind weiß und rein. Nichts an ihnen erinnert an die blutige und schmutzige Arbeit, die es erfordert, Knochen aus dem Inneren eines Lebewesens zu schälen, doch die Oberfläche dieses einen Skeletts ist rau und verschlissen. Seine Knochen sind vergilbt wie eine auf dem Dachboden vergessene Zeitung, Wirbel und Rippen sind von Brüchen und Rissen gezeichnet, und an den Stellen, an denen der Knochen gebrochen ist, kommt unter der ausgeblichenen Oberfläche eine hellere, poröse Schicht zum Vorschein.

 

Die Knochen haben Einkerbungen und Markierungen. Auf den Rippenknochen stehen zwei Ziffern, säuberlich mit Tinte notierte Nummern, und andere, mit Bleistift umrissene Zeichen, die zu unserer Hilfe neunzehn Paar geschwungene Knochen zählen. Die Rippen sind dezent nummeriert, doch die Reihenfolge der Wirbel wurde schamlos mit dicker Tusche auf den Knochen vermerkt. Außerdem hängt an dem Atlaswirbel ein Zettel, eine Art verblichenes Etikett, das man nur sehen kann, wenn man sich auf eine Weise krümmt, die die Aufmerksamkeit des Museumswächters weckt, allerdings lässt sich in dieser Haltung der Zettel lesen: Die mit Schreibmaschine getippten Worte Rhytina stelleri sowie die Jahreszahl 1960. Doch das Verblüffendste an diesem Tier sind nicht die Zeichen, die der Mensch auf seinen Knochen hinterlassen hat, sondern seine Größe.

 

Von seinem Fleisch entblößt wirkt ein Bär wie ein dünner, erbärmlicher Hund, und ein Pferd schrumpft zu einem Pony, aber dieses Tier lässt selbst ohne Haut und Fleisch die anderen Gerippe in dem Raum wie zerbrechliches Spielzeug erscheinen. Geht man weiter in den nächsten Raum, sieht man, dass seine Knochen in ihrer Wuchtigkeit dem gewaltigen Skelett des Buckelwals in nichts nachstehen. Seine Größe fesselt die Aufmerksamkeit der Menschen. Kinder rennen herbei und rufen »Dinosaurier!«, denn diese erwarten sie am sehnsüchtigsten, doch die Eltern zögern. Sie haben den Museumsplan studiert und wissen, dass sich die prähistorischen Tiere im zweiten Stock befinden, nicht hier, weshalb sie sich nach vorne beugen und ihrem Nachwuchs das Namensschild vorlesen:

Stellers Seekuh, Steller’s sea cow, Hydrodamalis gigas

Stell dir das Beringmeer vor. Die Wassermasse zwischen Sibirien und Alaska, zwischen dem Pazifischen Ozean und dem Nordpolarmeer. Stell dir das Beringmeer im Jahr 1741 vor.

I

Alle diese Schätze der Natur, die in ihren drei Reichen enthalten sind, die der höchste Werkmeister so künstlich bauet, sich vermehren lässt, und so sorgfältig unterhält, scheinen bloß um des Menschen willen geschaffen zu sein. Zu seinem Nutzen kann alles, wo nicht unmittelbar, doch mittelbar verwendet werden; andere Geschöpfe aber haben diesen Vorteil nicht. Der Mensch bezwingt durch seine Vernunft die unbändigsten Tiere, verfolgt und fängt die schnellsten Geschöpfe; ja er kann sogar diejenigen erlangen, welche sich in den Grund des Meeres verbergen.

 

Linnaeus, Oeconomica Naturae,1749

53°3’55”N 158°37’32”E

Kamtschatka, Ferner Osten Russlands

1741

Alle Forschungsreisen beginnen mit einer Tasse Tee. Kapitän-Kommandeur Vitus Bering füllt die Tasse, und aus ihr trinkt der Theologe, Naturforscher und seltsame Kauz Georg Wilhelm Steller. Der Kapitän füllt die Tasse, weil er einen Auftrag hat. Der glanzvolle Imperator hatte ihn aufgefordert, einen Seeweg zu suchen, die Route von Asien nach Amerika zu kartieren, und Bering begab sich auf die Reise. Er begab sich vor zwanzig Jahren auf die Reise, verließ die Küste und segelte in die unbekannten Gewässer des Nordens, doch es herrschte immerzu Nebel, das Wetter war schlecht, die Wasservorräte versiegten, und sie drehten um. Bering kehrte mit einer exakteren Karte der Halbinsel Kamtschatka zurück, aber der obere Teil der Weltkarte bleibt weiterhin leer, und Peter der Große scheidet aus der Welt, ohne zu erfahren, wo die Grenze der Neuen Welt verläuft.

 

Der Imperator stirbt, die Idee nicht. Man muss es erneut versuchen, und zwar besser. Kaiserin Anna erteilt den Befehl, und nun schwimmen auf der Awatscha-Bucht zwei Schiffe, Swjatoi Pjotr und Swjatoi Pawel, Sankt Peter und Sankt Paul. Auf ihnen findet eine hundertköpfige Besatzung Platz. Um ihre Segel zu bedienen, braucht es zwanzig Mann, ringsherum zimmert man einen Hafen, Baracken, Werkstätten, notdürftige Unterkünfte zusammen, alles außer den Schiffen schmutzig, klein und kalt.

 

Für die Große Nordische Expedition wurden drei Wissenschaftler auserwählt, angesehene Gelehrte der neuen Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften. Man stattete sie großzügig aus. Zu ihrem Gefolge zählten sechs Assistenten, sechs Landvermesser, zwei Zeichner und dreizehn Soldaten, ein Dolmetscher, ein Arzt, ein Techniker, ein Trommler sowie Führer, Ruderer und Träger. Sie hatten eine wissenschaftliche Bibliothek bestehend aus Hunderten von Bänden bei sich, neun Schlittenladungen Instrumente, vier Teleskope, fünf Astrolabien, zwanzig Thermometer, siebenundzwanzig Barometer, zweihundertsechzehn Pferde sowie fässerweise hochwertigen Rheinwein. Sie verließen die Hauptstadt unter angemessenem Jubel, die Gruppe hatte erst achttausend Kilometer Sibirien vor sich, danach das unbekannte Meer.

 

Als die Professoren in Jenisseisk ankommen, sind sie bereits viele Jahre unterwegs. Lange und beschwerliche Jahre, und sie sind noch nicht einmal bei der Hälfte angelangt. In Jakutsk bricht in ihrer Unterkunft ein Feuer aus, in dem gesammelte Proben und Aufzeichnungen verbrennen. Die Arbeit von Jahren in Flammen aufgegangen, und langsam haben alle genug. Der Astronom überwirft sich mit dem Ethnographen, und je weiter sie nach Osten kommen, desto schlimmer wird alles, am Ende trifft man eine Entscheidung. Die Professoren setzen ein Schreiben an die Akademie auf, ersuchen eine Freistellung von ihrer Aufgabe und warten gar nicht erst auf die Antwort, sondern lenken ihre Pferde nach Westen.

 

Die Naturforscher des Kapitäns sind nach Hause umgekehrt, doch auf der Reise begegnen sie einem Forscher, den die Kargheit Sibiriens nicht zu berühren scheint. Der sonderbare Mann macht sich nichts aus Puder und Perücken, er trinkt sein Bier und Met aus demselben Becher, ist aber geschickt in seiner Arbeit, spricht kenntnisreich von den Gräsern und Vögeln, die der Kälte des Ostens trotzen. Professor Gmelin empfiehlt den Mann an seiner Stelle, und Bering tut, was er tun muss. Er schreibt einen freundlichen, nachdrücklichen Brief und lädt Georg Wilhelm Steller zu sich in den Hafen von Awatscha ein.

 

Der Naturforscher, Theologe und seltsame Kauz Georg Wilhelm Steller sitzt aufrecht in seinem Stuhl. Er trägt seine besten Kleider, doch das hat nicht viel zu sagen, vier Jahre Sibirien hinterlassen ihre Spuren. Er ist mit einem Hundegespann angekommen und versucht sich nicht anmerken zu lassen, wie wohlig der trockene Raum ist, der warme, starke Tee. Die Akademie der Wissenschaften hat Steller den Auftrag gegeben, die Tiere, Pflanzen und wertvollen Steine Kamtschatkas zu kartieren, doch der Osten hat in ihm ein Feuer entfacht. Er hat die Steppen und Berge gesehen, er ist über den Baikal gerudert, jetzt will er weiter und hat um Erlaubnis gebeten, nach Japan zu segeln. Eine Forschungsreise ist eine Forschungsreise, nicht wahr, witzelt der Kapitän, schenkt dem Wissenschaftler ein, und Steller hebt die Tasse an seine Lippen und trinkt.

 

Steller sammelt für den Aufbruch seine Ausrüstung zusammen, doch es gibt Verzögerungen, unvorhergesehene Hindernisse. Das Auffüllen der Essensvorräte dauert länger als erwartet; der Schiffszwieback verschwindet auf dem Weg zum Hafen, auch die ersatzweise gefertigte Ration kommt nicht an, und die für Transporte zuständigen Korjaken beginnen zu revoltieren – jede Lieferung in den hintersten Winkel Sibiriens braucht Zeit, und auch der für Transporte zuständige Kommandeur Kolesow erleichtert ihnen die Arbeit nicht. Er ist ein Mann, der lieber alles morgen erledigen will, weil man heute einen trinken kann, und Steller wartet, flucht und wartet und verfasst derweil eine Studie über die örtlichen Fische.

 

Steller wartet fünf Monate. Zwanzig langsame und zähe Wochen, die er hätte nutzen können, um die unbekannten Arten Nippons zu studieren, doch dann kommt der ersehnte Tag. Ein Teil der Ausrüstung fehlt, doch sie können nicht länger warten, sie müssen aufbrechen, damit sie es vor Anbruch der Herbststürme zurückschaffen, und am neunundzwanzigsten Mai gehen die Schiffe in der Bucht vor Anker, um günstiges Wetter abzupassen. Am vierzehnten Juni kommt guter Wind auf, Swjatoi Pjotr und Swjatoi Pawel beginnen ihre Reise Richtung Alaska.

 

Das Kommando lässt die Korken knallen. Auf den Wangen der Offiziere glüht eine Begeisterung, die Bering von seinem eigenen Gesicht kennt, als er vor zwanzig Jahren die Reise antrat. Die jungen Männer stellen sich die Reichtümer unbekannter Länder vor, Inseln, Buchten und Berge, die man nach ihnen benennen wird, die Bewunderung und Achtung in den Augen adliger Töchter, womöglich der Kaiserin persönlich, wenn sie von ihren Abenteuern berichten werden, doch Bering weiß um die gleichförmigen Tage, die vor ihnen liegen, um die versiegenden Essensvorräte und stürmischen Nächte, in denen sie beten werden, dass ihr Leben von dem sicher scheinenden Untergang verschont bleibt. Zuletzt war er ein Mann im besten Alter, aber jetzt spürt er alle sechs Jahrzehnte in seinen Knochen; die Jungen feiern, doch Bering erkennt den Schatten in den Augen von Schiffsmeister Kitrow. Er war ebenfalls vor zwanzig Jahren dabei und weiß, worauf sie sich einlassen.

 

Der Kapitän verlässt die Gesellschaft. Er will nicht anstoßen, er braucht Wind und Meer und geht an Deck. Der Hafen ist kaum noch zu sehen, hinter ihm zeichnet sich die Spitze des Korjakskaja Sopka in all ihrer Pracht ab. Der Anblick ist imposant, der Sonnenuntergang wunderschön, doch Bering kehrt ihm den Rücken und beschließt, den Rest seines Lebens in warmen, komfortablen Räumen zu verbringen.

 

Steller ist ein studierter Naturforscher, aber kein vornehmer Herr. Der Sohn eines Nürnberger Kantors wird nicht zum Champagner eingeladen, weshalb er sich der Arbeit widmet, die Vögel und Gewächse des Meeres notiert, die von den Wellen getragen werden. Er hat die Strömungen beobachtet und Berechnungen angestellt, und als er den Kapitän erblickt, eilt er zu ihm, berichtet von seiner Schlussfolgerung, dass es am besten wäre, den Kurs des Schiffs mehrere Striche nach Nordwesten zu korrigieren, doch Bering blickt auf das sich entfernende Festland und scheint seine Worte nicht zu hören.

 

Sie verlassen die Küste, und der Nebel hüllt das Schiff in einen undurchdringlichen Schleier. Er wird nur von dem Ruf eines vorbeigleitenden Seevogels durchschnitten, Nieselregen benetzt das Deck und die Stoffe, die Kleider liegen schwer und nass auf der Haut, nichts hält mehr warm. Sieben Tage lang undurchdringliches, nasses Dunkel, doch schließlich kommt Wind aus Südost, und der Nebel löst sich auf. Sie gehen auf das Deck, wollen die Sonne sehen, doch dann spüren sie ein Unbehagen in der Magengrube. Vor ihnen liegt die leere See. Die Schiffe der Expedition sind in dem Nebel auseinandergedriftet. Sie halten tagelang Ausschau nach der Swjatoi Pawel, doch vergebens. Der andere Heilige ist weg und damit die Hälfte der Ausrüstung der Großen Nordischen Expedition.

 

Zu beobachten gibt es reichlich. Auf den Wellen treiben Seegewächse, die nur in flachen Gewässern gedeihen, Steller sieht Meerestiere und Vögel, die sich nie weit von der Küste wegtrauen, und er schildert seine Beobachtungen dem Kommando, verlangt, den Kurs zu ändern, doch die Offiziere ziehen die Augenbrauen hoch. Wie kann sich einer, der zum ersten Mal auf See ist, einbilden, dass er das Meer besser kenne als sie, und der Kapitän beteiligt sich nicht an dem Streit. Er will seine Offiziere nicht verärgern, sie haben Freunde in Petersburg.

 

Steller sieht, wie einer der Offiziere ihre Route auf der Weltkarte umreißt und sich im Meer irrt, das Schiff im Pazifik verortet statt im Atlantik, und keiner korrigiert seinen Irrtum.

 

Dann steigt ein Tier an die Oberfläche, und er erinnert sich, weshalb er sich auf die beschwerliche Reise eingelassen hat. Das Wesen ist zwei Ellen lang. Seine Haut wird von rötlichem Fell bedeckt, und sein Kopf erinnert an den eines Hundes. Es hat spitze, wachsame Ohren und hervortretende Augen, lange, hängende Schnurrhaare, die an Gelehrte aus dem Osten denken lassen, aber es verhält sich wie ein ungestümes Kind. Es tollt herum, taucht ab und steigt an die Oberfläche mit einem Büschel Seegras im Maul, wirft das Gras in die Luft und schnappt es mit den Zähnen. Die Männer versammeln sich und klatschen dem Tier zu, aber Steller ruft den besten Schützen der Mannschaft herbei. Es ist der Kosak Thomas Lepechin, und Steller befiehlt dem Kosaken zu schießen, und Lepechin schießt, aber die Kugel verfehlt das Herz, durchschneidet die Haut, ohne zu töten, und das Tier taucht ab und kehrt nie wieder an die Oberfläche zurück.

 

Steller kennt die Studien und Reiseberichte, alle in Universitätsbibliotheken verborgenen Tierverzeichnisse, doch dieses Tier kennt er nicht. Wochenlang nichts als Möwen und Lummen, und er lässt sich das erste interessante Wesen durch die Finger gleiten. So geht das nicht, und er führt sein Gedächtnis durch die aberwitzigsten Fächer der Kuriositätenkabinette, bis ihm eines Abends im Bett einfällt, worum es sich handeln könnte. Er muss weit in der Geschichte zurückgehen, doch da ist es, Historiae Animalium, Gessners großes Bestiarium und der dänische Meeraffe, Simia marina danica, der Körper mit dem schlangenartigen Schwanz, die vier volantartigen Flossen, der knotige Kopf und das närrische Wesen, alles stimmt überein, und er kann ruhigen Gewissens die Augen schließen. Sein Wissen hat ihn nicht betrogen, er kann die Welt noch immer einordnen.

Gessners Bestiarium vereint das reale und imaginierte miteinander: Tiger, Hunde und Nashörner tummeln sich dort neben Einhörnern und Satyrn. Der Meeraffe gehört der letztgenannten Gruppe an. Er ist ein der Wissenschaft unbekanntes Animal paradoxum. Der Meeraffe ist weder der Yeti noch die aufregende Schlange von Loch Ness, doch Stellers Beobachtung bleibt nicht unbemerkt, und Folgegenerationen denken über seine Worte nach. Es wurde gemutmaßt, dass es sich bei dem von Steller gesichteten Tier in Anbetracht seiner Flossen und Wesenszüge um eine missgebildete Pelzrobbe gehandelt habe, doch das ist schwer zu glauben. Steller kannte sich mit Robben aus und hatte das Tier so lange beobachten können, dass es seltsam gewesen wäre, wenn er eine ihm derart vertraute Tiersippe nicht erkannt hätte. Es wurde auch spekuliert, dass der Meeraffe gar kein Tier gewesen sei, sondern eine Karikatur von Vitus Bering, eine Spitze des frustrierten Forschers gegen seinen Kapitän, doch wenn es Spott sein sollte, weshalb hat Steller seinen Scherz dann nicht stärker verdeutlicht, wozu die Flossen und den Schwanz eines Tieres beschreiben, wenn es sich nicht um ein Tier handelt, sondern um die Verspottung eines Menschen? Hat Steller ein Tier gesehen, das wir unter einem anderen Namen kennen? Oder ist er einem Wesen begegnet, das dem Aussterben zum Opfer gefallen war, bevor man es schaffte, seinen in Spiritus eingelegten Körper den Akademikern der Welt zur Identifizierung zu überlassen? Oder dachte sich der gelangweilte Naturforscher auf den Seiten seines Tagebuchs zum Spaß ein Wesen aus, mit dem er alle an der Nase herumführte, die auf ihn folgen würden? Wir wissen es nicht.

Jeden Morgen senkt der Steuermann das Lot ins Wasser, und jeden Morgen bleibt die Schnur straff. Das Gewicht trifft nicht auf den Grund, sondern auf hundertachtzig Fuß schwarzes Wasser, im Wasser erhebt sich kein Meeresrücken, der sich vor ihnen als einladendes grünes Land offenbaren würde. Sie hatten sich auf eine lange Reise eingestellt, doch die Nordwestküste Amerikas ist noch immer weiter weg, als zu erwarten gewesen war. Sie sind sechs Wochen gesegelt, ihr Wasservorrat beginnt zu schwinden, und das Kommando trifft eine Entscheidung: Sollten sie innerhalb von zwei Wochen nicht auf Land stoßen, ist die Expedition vorbei. Am zwanzigsten Juli kehrt die Swjatoi Pjotr um.

 

Der Kosak Thomas Lepechin klopft an die Tür. Steller sitzt in seiner Kajüte und schreibt seine Notizen ins Reine. Als er den Kosaken sieht, lächelt er und bietet ihm Tee an, doch Lepechin lehnt ab. Auf Deck herrscht Unruhe: Der Ausguck meint, Land gesehen zu haben, die Sichtung ist nicht gewiss, der Horizont nebelverhangen, in der Ferne regnet es vielleicht, aber der Mann glaubt, im Meer einen dunklen Schatten erblickt zu haben, und Steller vergisst den Tee. Sie eilen auf Deck und heften ihre Blicke an den Horizont, qualvolles Warten, die Wellen steigen und sinken, und dann brüllt der Ausguck, er ruft so laut, dass er sich vor seiner eigenen Stimme erschreckt: Terra firma! Terra firma!

 

Die Offiziere nehmen das Abendessen zu sich. Der Kapitän isst nicht mit ihnen. Er hat sich müde gefühlt und speist in seiner Kajüte, weshalb Kitrow die Rolle des Gastgebers übernimmt. Als Steller den Speisesaal betritt, versiegen die Gespräche. Der Naturforscher hat es nicht lassen können und sein Monieren fortgesetzt, er erzählt jedem, der ihm fälschlicherweise zuhört, von Meeresströmungen und Algen, obwohl er weiß, dass die Offiziere seine Ansicht nicht teilen. Kitrow vermutet inzwischen, dass Steller die Naturgesetze und Meeresströmungen auf den Karten zu seinen Gunsten auslegt, nur um zu zeigen, dass seine Vorgesetzten im Unrecht sind, und jetzt unterbricht er ihre Mahlzeit, grüßt nicht, nimmt seine Mütze nicht ab, sondern kommt gleich zur Sache und verlangt, den Kurs zu korrigieren, aber Kitrow teilt mit, dass er die Angelegenheit selbst überprüfen werde, wenn er mit dem Essen fertig ist. Während des Hauptgangs beginnt der Regen vom Himmel zu strömen. Nach dem Punsch ist die Sicht miserabel, und sie müssen auf den klareren Tag warten, denn der Schiffsmeister glaubt nichts, was er nicht sieht, vor allem, wenn der falsche Mann ihn glauben machen will.

 

Der Regen verzieht sich, und die aufgehende Sonne enthüllt die schwarzen Schatten von Inseln. Bering beglückwünscht Kitrow, obwohl er in Wirklichkeit weinen möchte. Er sieht die kindliche Begeisterung der Männer, wie sie lachen und feiern, ohne zu bedenken, wie weit alles von dem Land entfernt ist, das sie entdeckt haben, ohne all die Verzögerungen und Gefahren zu bedenken, die beim Kartieren der neuen Küste bevorstehen. Sie kennen nicht die Winde dieses Meers, die womöglich immerzu aus Osten blasen und ihre Heimkehr verhindern. Was für ein grausamer Scherz. Sie sind so weit gesegelt, dass niemand in Sankt Petersburg ihnen hätte Vorwürfe machen können, sie hätten zurückkehren und beweisen können, dass die Reise unmöglich ist. Vier Tage, und sie wären nach Hause umgekehrt, aber jetzt haben sie Amerika entdeckt.

 

Am Eliastag ankert die Swjatoi Pjotr vor einer grünen Insel. Sie sind zwei Tage lang Richtung Land laviert. Sie waren nur langsam vorangekommen, weil das Wasser Steine und Untiefen in sich birgt, doch die Stimmung ist gehoben. Über Wochen nichts als Meer, und plötzlich offenbart sich vor ihnen unbekanntes Land, eine aufragende Reihe bewaldeter Inseln und dahinter die unerforschte Küste. Die Welt erweitert sich vor ihren Augen, und sie füllen ihre Gläser und Karten, und der Unterschiffer Charainzow fügt Tinte an Stellen hinzu, an denen zuvor nichts als Leere herrschte.

 

Sie taufen die Insel Kap St. Elias, und Steller protestiert. Kap bezeichnet einen Streifen, der aus der Küstenlinie hervorragt, und diese Insel ist kein Kap, aber die Offiziere befehlen dem Naturforscher, den Mund zu halten, und man trägt den ersten Namen in der Karte ein: Er wird »Kap Elias«.

 

Der Kapitän geht nicht an Land. Sein Kopf schmerzt, er muss liegen bleiben, weshalb Kitrow die Leitung des Landgangs übernimmt. Er wählt die Männer aus, die an Land dürfen, und für den Naturforscher ist kein Platz in seinem Boot. Steller erbittet vom Schiffsmeister eine Erklärung, wie er von Bord aus die Insel untersuchen soll, die Pflanzen, die dort sprießen, und die Tiere, die darauf herumstreifen. Er ist freilich geschickt in seiner Arbeit, aber solch eine Herausforderung übersteigt selbst seine Fähigkeiten. Bisher hat er die Verachtung des Kommandos stillschweigend ertragen, aber das wird er nicht hinnehmen, das kann er nicht hinnehmen. Er ist zu dieser Reise aufgebrochen, um der Kaiserin zu dienen, der Akademie, der Wissenschaft, und nun behindert ihn der Schiffsmeister bei seiner Arbeit, das geht so nicht, er wird Sankt Petersburg rapportieren, er wird der Akademie rapportieren, er wird der Kaiserin persönlich rapportieren! Bering wird an Deck gerufen, weshalb belästige man ihn mit diesen kindischen Streitereien, der Naturforscher solle mit der Jolle an Land, die losgeschickt wird, um die Wasservorräte des Schiffs aufzufüllen. Steller klettert in die Jolle. Der Trompeter bläst ihm eine höhnische Fanfare nach, und Kitrow verbeugt sich auf dem Bug seines Bootes und lacht.

 

Steller darf einen Assistenten mitnehmen und entscheidet sich für Thomas Lepechin. Der Kosak versucht den Forscher zu beruhigen, der aussieht, als wäre er bereit zu töten, doch während sie sich dem Ufer nähern, vergisst Steller seinen Ärger. Er springt aus der Jolle und stürzt beinahe in die Wellen, seine Stiefel berühren den Erdboden, doch in seinem Kopf dreht sich alles, und er muss sich an dem Boot festhalten, damit er nicht umfällt. Wie faszinierend – Steller weiß, dass sich die Landkrankheit mit einem Wickel aus Heilziest behandeln lässt, aber er möchte wissen, woher das Phänomen rührt, wie sich sein Körper an die Bewegung des Meeres erinnern kann, obwohl der Boden unter seinen Füßen fest ist. Die Matrosen beginnen Fässer an den Strand zu rollen, und Steller rafft sich auf, schreitet in Richtung Waldrand und murmelt die Namen von Bäumen und Vögeln vor sich hin. Lepechin eilt dem Naturforscher nach. Sie sind auf einer fremden Insel eines fremden Kontinents gelandet, sie wissen nicht, welche Ungeheuer und Geister diese Wälder in sich bergen, also beschließt er, sein Gewehr bereitzuhalten.

 

Stellers schlechte Laune ist verflogen. Nur ein kleiner Rundgang, und er stößt bereits auf neue Arten, der Kosak schießt für ihn Vögel, und er entdeckt Spuren von Bewohnern, einen Pfad, der zum Eingang eines Erdkellers führt. Darin findet er sorgsam konservierte Früchte, Fische und Geräte und nimmt einen Pfeil mit, ein hölzernes Feuerzeug und einen aus Seekraut geflochtenen Riemen. Er präsentiert die Gegenstände den Matrosen, und sie gehen ihre Habseligkeiten durch, finden in ihren Taschen grünes Glas, Messer, eine Perlenkette und zwei Pfeifen, die Steller anstelle der Dinge, die er mitgenommen hat, zurücklässt, und er verlangt, dass mehr Männer an Land gebracht werden. Er braucht einen Zeichner, und er braucht Helfer, die ihm Vogelnetze aufspannen, Kundschafter, die nach den Bewohnern der Insel suchen, aber die Jolle kommt mit einer schroffen Antwort angerudert. Die Wasserfässer sind gefüllt, und sollte Steller nicht umgehend zurückkehren, würden sie ihn an Land zurücklassen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als zu gehorchen, doch am Abend schreibt er bittere Worte in sein Heft: Man sei nur gekommen, um amerikanisches Wasser nach Asien zu bringen.

 

Bering interessiert sich nicht für die schäbigen Vögel und den Plunder der Ureinwohner, nein, sie würden noch am selben Abend die Rückreise antreten. Man solle so viel Wasser in den Frachtraum schaffen, wie für die Heimreise nötig sei, Trinkwasser für sechs Wochen, und dann setzen sie die Segel, doch ihre Befürchtungen werden Wirklichkeit. Sie streben nach der offenen See, doch die beharrliche Brise bringt sie vom Kurs ab. Über Wochen nichts als öde See, und jetzt können sie dem Land nicht entkommen, sie haben das Aleuten-Archipel erreicht, und der erbarmungslose Wind schiebt sie gegen zweihundert vulkanische Inseln.

 

Steller insistiert, aber Bering gibt nicht nach. Sie legen nicht bei den Inseln an, machen nicht halt, um zu kartieren und zu forschen. Steller kann nicht mehr behaupten, sie hätten ihm keine Möglichkeit gegeben, seine Arbeit zu machen, und er muss sich mit den Vögeln und Gräsern begnügen, die er auf Kap Elias gesammelt hat. Der Auftrag ist erfüllt, sie haben die Küste entdeckt, und jetzt kehren sie heim. Über zwei Jahrzehnte hat Bering zugesehen, wie seine Kameraden mit Beförderungen an ihm vorbeizogen, er hat Albträume von der Reise, während der fünf seiner Kinder gestorben sind. Er würde nicht mehr warten, sondern nach Petersburg zurückkehren und seine Spötter in Schande bringen.

 

Steller schlitzt die Brust eines Blauhähers auf, achtet darauf, das Federkleid nicht zu beschädigen, und entfernt die Innereien. Er wirft sie vom Deck ins Meer und sieht zu, wie die Seevögel alles verschlingen, was er ihnen zuwirft, und überlegt, ob eine Möwe weiß, dass sie ihre eigene Sippe frisst, oder ob sie ihre Beute verschlingt, ohne zu begreifen, dass sie einen kannibalistischen Akt vollführt.

 

Er entfernt die Haut und die Eingeweide, gibt den abgebalgten Rumpf in ein Gefäß mit Wasser, und die Verwesung beginnt. Jeden Morgen wechselt er das Wasser und holt dabei das Fleisch heraus, das sich vom Knochen gelöst hat, und am Ende sind nur noch Knochen übrig. Das Zusammensetzen des Vogelskeletts erfordert Geschick und Geduld, doch auf dieser Reise hat er nichts als Zeit – ein lächerlicher Wissenschaftler, der die neue Welt von seiner Kajüte aus untersucht, sich das Innenleben der Inseln vorstellt. Steller übergießt den Balg mit einer Lösung. Manche präparieren Vögel, indem sie diese in Fässern voll Alkohol ertränken, aber so verlieren die Federn der Vögel schnell ihren Glanz: Johannisbeerblau, Rehbraun, Pfifferlingsgelb und Erikarot verwässern zu ein und demselben schmutzigen Ton, und es kommt nicht selten vor, dass Sammler beim Öffnen der Fässer feststellen müssen, dass der Alkohol verdunstet ist und sich die Vögel in übelriechenden Modder verwandelt haben. Die Verwendung von Glasgefäßen erlaubt es, den Zustand der Vögel im Blick zu behalten, doch Glas droht stets zu zerbrechen. Seine Lehrer an der Universität bevorzugten Kräuter, sie füllten die Bäuche der Vögel mit Alaun, Ingwer, Pfeffer, Myrrhe und Zimt. Der Duft der Sammlung rief die exotischen Herkunftsländer der Vögel in Erinnerung, doch trotz ihres wertvollen Inhalts gerieten auch sie bald in die Fänge von Flöhen und verloren ihre Farbe. Steller glaubt weder an Alkohol noch an Kräuter. Er verfügt über ein zuverlässiges Rezept: fünf Unzen Kampfer, zwei Pfund Arsen, zwei Pfund Seife, zwölf Unzen Pottasche, vier Unzen Kalk, und das Vermodern hat ein Ende, er bestreicht den Balg mit der Paste, und der Vogel ist für den Tod außer Reichweite.

 

Augen hat er keine. Die bestellt er aus Petersburg, wo ein Glasmacher kleine Perlen für die Augenhöhlen seiner Vögel bläst, mit einem kleinen runden Oculus darin.

 

Er befestigt Namenszettel an den starren Beinen, gibt denen einen Namen, die keinen haben, und stellt die Vögel in sauberen Reihen auf. Die Matrosen grausen sich vor seiner Sammlung. Vor den blinden Vögeln, ihren leeren Augenhöhlen, doch Steller lacht nur, nichts als leblose, hohle Körper, und verrät nicht, dass auch er bei Einbruch der Dunkelheit ihr Zappeln hört, das Flattern der toten Vögel auf seinen Regalen. Es muss an diesem Schiff liegen, an diesem endlosen Aberglauben, der sich von Mann zu Mann überträgt wie eine Krankheit.

 

Ein Sturm wird kommen. Das ist der Luft anzumerken, ihrer Schwere, und am Horizont zeichnen sich Wolken ab, die sich einem Schutzwall gleich auftürmen. Die Swjatoi Pjotr laviert zur nächsten Insel und ankert in einer geschützten Bucht. Sie nutzen die Pause, rudern mit der Jolle ans Ufer und tauschen das muffige Trinkwasser gegen frisches aus, und der Kapitän gibt nach, bevor ein Streit ausbrechen kann. Steller darf zusammen mit den Wasserholern an Land und untersucht die Küstenlinie, die im Sand hausenden Lebewesen. Am Rande einer Waldung entdeckt er eine Quelle, einen klaren, tiefen Weiher, und er wäscht sich das Gesicht und trinkt. Wochenlang nichts als fasstöniges, abgestandenes Wasser, und Quellwasser ist herrlicher als jeder Met oder Wein, und er trinkt sich voll, eilt zu den Wasserholern und berichtet, dass er das beste Wasser der Welt gefunden habe. Doch die Matrosen haben die Fässer schon gefüllt, sie haben sie in einen Tümpel in der Nähe ihres Anlegeplatzes getaucht und volllaufen lassen.

 

Steller ist entsetzt. Seht ihr nicht, dass die Oberfläche des Tümpels mit dem Meeresspiegel steigt und sinkt? Das heißt, dass es irgendwo eine Verbindung gibt, dass sich am Grunde des Tümpels Meer- und Regenwasser miteinander vermischen. Er befiehlt, ein Feuer zu entfachen, nimmt einen Kessel und füllt ihn mit Wasser aus dem Tümpel, lässt das Wasser verdampfen und zeigt den Männern den auf dem Kesselboden zurückgebliebenen Satz aus Kalk und Salz, aber die Ruderer sind müde. Sie wollen nicht von vorn mit ihrer Arbeit beginnen, das Kommando soll über die Angelegenheit entscheiden. Das Resultat überrascht niemanden. Das Kommando ist auf der Seite der Matrosen und gegen den Forscher: Wasser ist Wasser, ganz egal, woher es kommt, und Steller füllt seinen Trinkschlauch mit Wasser aus der Quelle und seine Taschen mit Beeren, die am Strand wachsen, und er beschließt, nicht zu helfen, als Kitrows Zahnfleisch blutet und ihm allmählich die Zähne ausfallen.

 

Der Wind flaut ab, und es ist an der Zeit, die Segel zu setzen. Vor dem Aufbruch will der Steuermann die Tiefe des Küstengewässers messen, sie in der Karte für zukünftige Schiffe vermerken, doch das Lot rutscht ihm aus der Hand. Die Schnur gleitet ihm durch die Finger und taumelt in die Tiefe, und Stille legt sich über das Deck. Das Lot zu verlieren ist der schlimmste unter allen Vorboten. Sie setzen schweigend die Segel, ohne einander anzusehen, und die Swjatoi Pjotr bricht düster zu ihrer Reise auf.

 

Steller schreibt seine Notizen ins Reine, putzt und katalogisiert seine Gerätschaften. Er hält viermal am Tag die Wetterlage fest, die Form und Farbe der Wolken, was auch immer seine Gedanken vom Bodensatz der Fässer ablenkt, und er studiert das Firmament, will wissen, weshalb das Dunkel, das auf den ersten Blick immer leer zu sein scheint, am Ende kleine Lichter offenbart. Er bittet den Steuermann, ihm Sternbilder beizubringen, und er eignet sich den Himmel an, er lernt, die Bären, Einhörner, Füchse und Raben zu finden, Ursa Major, Monoceros, Vulpecula und Corvus. Für ihn sehen sie nicht wie Tiere aus, er hätte Verbesserungsvorschläge für das System.

 

In Kamtschatka hat man für ihre Fässer Reifen aus Holz gezimmert. Aus Eisen hätten sie sein sollen, aber das Eisen hat es nicht bis zum Hafen geschafft, es wurde gestohlen, vergessen oder verkauft, und jetzt beginnen die Bänder, die die Fässer zusammenhalten, im feuchten Frachtraum zu faulen, zu verrotten. Das Holz gibt nach, und Wasser tropft aus den Ritzen in den Fässern.

 

Dann wird auch das Essen knapp, und sie beginnen zu rationieren. Am Morgen wird jedem Einzelnen seine Tagesration ausgeteilt. Sie befeuchten den Zwieback mit ihrem Speichel, lassen den mehligen Brei durch den Mund wandern, schlucken und spüren einen Stich: Warum ist auch dieser Bissen so schnell weg, obwohl man gerade noch beschlossen hat, sich einen Moment zu gedulden?

 

Sie hätten Ende September nach Awatscha zurückkehren sollen, um die Herbststürme zu vermeiden, doch die Wochen verstreichen, der Wind ist nicht auf ihrer Seite und das von Inseln gesprenkelte Meer trügerisch. Sie bewegen sich entsetzlich langsam voran. Ende September kommt und geht, sie sind dem Hafen alles andere als nah, und der Wind nimmt langsam zu.

 

Kitrow schließt die Tür hinter sich, und Bering sinkt auf sein Bett. Neuerdings lässt er den Schiffsmeister in seiner Kajüte Bericht erstatten. Das ist praktisch. An seinem Tisch kann er sich umgehend Notizen zu dem Gehörten machen, sie können die Karten studieren und die beste Route planen, geschützt vor dem Tag für Tag heftiger werdenden Wind. In Wirklichkeit steigt Bering die Stufen nicht hinauf, weil er von der Anstrengung nach Luft schnappen muss, und auf Deck starrt er die Lippen des Schiffsmeisters an, ohne dessen Worte zu verstehen. Er braucht bloß ein wenig Ruhe, ein paar Tage ohne Mühsal, und er ist wieder er selbst, doch seine Zungenspitze schiebt sich in die Lücke zwischen den Vorderzähnen, und ein Zahn wackelt, der Muskel trifft auf Knochen, der Knochen und die darin fixierten Wurzeln geben nach, und Bering schmeckt Blut. Er zieht seine Zunge entsetzt zurück. Das kann nicht wahr sein, er hat sich geirrt, er braucht bloß Ruhe, ein paar Tage im Bett, und er ist wieder auf den Beinen. Er starrt Kitrow an und nickt, hofft, dass er bald zum Ende kommt, und als die Tür sich schließt, legt er sich vorsichtig ins Bett, passt auf, seine Zähne nicht zu berühren, und flüchtet sich in den Schlaf.

 

Der Matrose Nikita Schumagin stirbt in den frühen Morgenstunden. Er wird in ein Laken gewickelt, und sie bestatten die Leiche am Strand der nächsten Insel, sie graben ein klägliches flaches Loch in den Sand und benennen die Insel nach ihm. Doch Schumagin ist nur der Erste von vielen. Anfangs werden sie müde und träge. Dann entstehen fahle Flecken auf der Haut, und sie verlieren die Kontrolle über ihre Glieder. Danach dauert es nicht lang, ehe der Atem versiegt, und nach ihnen werden keine Inseln mehr benannt. Der Tod wird einfach zum Tod, endlos und taub.

 

Am sechsundzwanzigsten September spülen die Wellen über das Deck. Die Herbststürme haben begonnen.

2. OKTOBER

24 Männer krank

 

6. OKTOBER

Branntwein geht zur Neige

 

18. OKTOBER

32 Männer krank

 

27. OKTOBER

Heftiger Sturm. Nicht genug gesunde Männer, um die Segel zu streichen. Die Tücher reißen im Wind. Es wird schwierig, Kurs zu halten.

 

28. OKTOBER

Die Swjatoi Pjotr segelt an einer grünen Insel vorüber. Die Wasservorräte aufzufüllen stellt sich trotzdem als unmöglich heraus, denn nur noch zehn Mann sind gesund und auch sie so schwach, dass ihre Kräfte nach dem Werfen des Ankers nicht mehr ausreichen würden, um ihn wieder zu lichten.

 

30. OKTOBER

40 Männer krank. Auch die Gesunden sterben langsam an Erschöpfung und Flüssigkeitsmangel.

 

2. NOVEMBER

Das stündliche Führen des Logbuchs wird beendet. Der für das Festhalten von Beobachtungen verantwortliche Untersteuermann Charlam Juschin schreibt: Ich bin am Ende meiner Kräfte.

Sie können nur noch beten, dass die Winde sie in die richtige Richtung zerren, dass Kamtschatka sich am Horizont abzeichnet, bevor der Letzte von ihnen an Skorbut und Durst gestorben ist. Schließlich werden ihre Gebete erhört. Am Morgen des fünften Novembers schlägt der Ausguck Alarm. Inmitten des Regens tut sich ein schwarzer Küstenstreifen auf, sie erblicken schneebedeckte Gipfel, und irgendwo findet sich ein sorgsam bewahrter Rest Branntwein. Das Schlückchen macht die Runde, und der Kapitän erwacht für einen Moment aus seinem Schlaf, jetzt ist es keine Schande, vor Freude zu weinen.

 

Die anderen feiern, doch Steller plagt das Gefühl, dass sie einen Rechenfehler gemacht haben. Sie sind nicht fern, doch sie können noch nicht am Ziel sein. Das Kommando schlägt vor, in der nächsten Bucht anzulegen – es stimmt, dies ist nicht Awatscha, doch keiner weiß, ob sie noch weiterkommen. Wenn sie hier an Land gehen, können sie die Gesündesten losschicken, dass sie Pferde aus dem nächsten Dorf holen, doch Steller verlangt sicherzustellen, dass es sich tatsächlich um Kamtschatka handelt. Sie können den Anker nur einmal werfen, und wenn das an einem schlechten Ort geschieht, können sie ihren Fehler nicht rückgängig machen. Der Steuermann schließt sich dem Forscher an, aber nun ist das Maß voll: Ihr Hunde, ihr Einfaltspinsel, Mistkerle und Hurensöhne, und der Kapitän trifft eine Entscheidung. Schlechtes Wetter, gerissene Segel und dem Tode geweihte Männer: Das Ziel, es muss hier sein.