19,99 €
Die unwahrscheinliche Reise zu einem Schweizer Grandhotel voller Rätsel und Magie
»Hatten Sie eine weite Anreise?«
Ein Lächeln zuckte in seinem Mundwinkel. »Ja«, sagte er. »Das kann man wohl sagen. Aber das Warten hat sich gelohnt.«
Als die junge Kunstgutachterin Eve Shaw in ihrem Büro einem silberhaarigen Herrn die Hand schüttelt, wird sie das Gefühl nicht los, diese schon einmal gehalten zu haben. Aber wo und wann? Sie erfährt von einem rätselhaften Ort, dem White Octopus Hotel. Mythen von Zeitreisezimmern und magischen Gegenständen ranken sich darum. Eve beschließt, in dem verlassenen Anwesen, hoch oben in den Schweizer Alpen, nach Antworten zu suchen und findet sich plötzlich in dem prachtvollen Belle-Époque-Hotel zu seiner Glanzzeit wieder. Ein junger Mann kreuzt ihren Weg, doch es ist nicht ihr erstes Treffen. Ist es ein neuer Anfang oder ein weiteres Ende? Kann das Ende auch ein Anfang sein?
»Meisterhaft verwebt Bell Rätsel, Romantik und einen Hauch von Magie zu einer fesselnden Geschichte über Liebe, Tragik und Zeit.« Cassandra Clare, Nr. 1 New York Times-Bestsellerautorin
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Als die junge Kunstgutachterin Eve Shaw in ihrem Büro einem silberhaarigen Herrn die Hand schüttelt, wird sie das Gefühl nicht los, diese schon einmal gehalten zu haben. Aber wo und wann? Sie erfährt von einem rätselhaften Ort, dem White Octopus Hotel. Mythen von Zeitreisezimmern und magischen Gegenständen ranken sich darum. Eve beschließt, in dem verlassenen Anwesen, hoch oben in den Schweizer Alpen, nach Antworten zu suchen und findet sich plötzlich in dem prachtvollen Belle-Époque-Hotel zu seiner Glanzzeit wieder. Ein junger Mann kreuzt ihren Weg, doch es ist nicht ihr erstes Treffen. Ist es ein neuer Anfang oder ein weiteres Ende? Kann das Ende auch ein Anfang sein?
Zur Autorin
Alexandra Bell unterzeichnete ihren ersten Buchvertrag im Alter von 19 Jahren und hat seither mehrere Bücher für Erwachsene und Jugendliche veröffentlicht. Nach Abschluss ihres Jurastudiums arbeitet sie in der Bürgerberatung. Alexandra lebt mit ihrem Mann, ihren Söhnen und ihren Sphynx-Katzen in Hampshire.
Alexandra Bell
Das White Octopus Hotel
Roman
Aus dem Englischen von Edith Beleites
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel
The White Octopus Hotel bei Del Rey, einem Imprint von Random House,
einer Division von Penguin Random House LLC, New York.
© Alexandra Bell
Deutsche Erstausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von buxdesign, München
nach einem Originalcover von Holly Macdonald
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783749908981
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für meine Mutter, Shirley Bell, für ihre Klugheit, Freundschaft, Loyalität und Liebe.
Und für meinen Mann, Neil Dayus, der stets das Beste und Ehrlichste aus mir herausholt.
August 2015
Eve
Eve wollte sich nicht umdrehen, denn dann würde sie es sehen. Das Monster. Natürlich hatte sie es schon früher gesehen, ziemlich oft sogar im Laufe der Jahre, aber es gab Dinge, an die man sich einfach nicht gewöhnen konnte, ein Schrecken, den man um alles in der Welt meiden wollte. Eigentlich war es der Albtraum eines Kindes, aber inzwischen war Eve siebenundzwanzig, und das Monster verfolgte sie immer noch. Anders als früher erschien es nicht mehr jeden Tag, aber ihren Geburtstag ließ es niemals aus.
Mit gesenktem Kopf eilte sie auf die Rolltreppe zu, die zur U-Bahn-Haltestelle hinunterführte. Im letzten Moment sprang sie in die abfahrbereite Bahn und hoffte, das Monster irgendwo in der Menge abgehängt zu haben. Doch dann schaute sie auf und sah es auf dem Sitz gegenüber. Es war ein Kaninchen. Ein Kaninchen hatte in der Londoner U-Bahn nichts zu suchen, schon gar nicht ein Kaninchen wie dieses. Es war weiß und flauschig und hatte einen schwarzen Fleck über einem Auge. All der Lärm und das Gedränge hätten ihm Angst machen sollen. Es hätte panisch umherspringen und nach einem Versteck oder Ausgang suchen sollen. Stattdessen saß es vollkommen ruhig da und schaute freundlich und warmherzig zu der zitternden Eve herüber.
Schaukelnd rumpelte die Bahn auf Eves Haltestelle zu. Sie versuchte, das Monster nicht anzuschauen oder darüber nachzudenken, warum all die anderen Fahrgäste es nicht bemerkten. Die Bahn kam an, und sie stieg aus, das Kaninchen folgte ihr. Immer folgte es ihr. Wann immer sie sich umschaute, war es da und hüpfte ihr fröhlich hinterher, bis auf die Rolltreppe.
Eve drückte die Fingernägel in ihre Handflächen. Sie wusste, dass das Kaninchen irgendwann verschwinden würde. Der Trick war, lange genug stur geradeaus zu schauen, sich mit irgendetwas zu beschäftigen und sich nichts anmerken zu lassen. Sie ging schnell und versuchte, den Schatten mit den langen Ohren zu ignorieren. Ihre Hände zitterten immer noch, als sie ihre Kopfhörer einsteckte und Musik ihres Lieblingskomponisten einschaltete. Max Everly war schon Jahrzehnte vor ihrer Geburt gestorben, aber irgendetwas an seiner Musik empfand sie als tröstlich, selbst an schwierigen Tagen. Mit neunzehn hatte sie ihn entdeckt, und wenn Scham und Verzweiflung wieder einmal die Oberhand zu gewinnen drohten, konnte nur Everlys Musik die Schatten der Vergangenheit und ihre Sorgen vertreiben.
Auch jetzt auf dem Weg zu Stanley’s Auktionshaus war sie entschlossen, sich auf die Musik zu konzentrieren. Es war ein sonniger Tag, genau wie vor all den Jahren. Für ihren Geburtstag wünschte sie sich immer Regen, aber im August passierte das nicht so oft. Einen Moment lang sah sie Luftballons hüpfen und schaukeln, roch die Würstchen im Schlafrock und den Wackelpudding mit Erdbeergeschmack. Vor dem Auktionshaus blieb sie stehen, atmete tief durch und versuchte, mit dem Zittern aufzuhören. Vielleicht hätte sie sich einen Tag Urlaub nehmen sollen, so wie letztes Jahr, aber sie hasste die Vorstellung, schon wieder den ganzen Tag lang mit den Kaninchen und Geistern in ihrer Wohnung herumzusitzen …
Als sie die Kopfhörer in ihre Tasche steckte, war das Kaninchen verschwunden, für den Moment wenigstens. Sobald sie das Auktionshaus betrat, schlüpfte sie in ihre Rolle als Gutachterin. Sie liebte ihre Arbeit, auch weil sie ihren Alltag strukturierte. Sie hatte vor, den ganzen Vormittag über eine Gemäldesammlung zu katalogisieren, die frisch hereingekommen war, und dann Gutachten für den Kunden zu schreiben. Alles ruhige Aufgaben, bei denen es methodisch vorzugehen galt. Genau was sie jetzt brauchte.
Kaum hatte sie ihr Büro betreten, fing sie an. Die Klimaanlage war ein Segen. Es war viel zu heiß, um einen schwarzen Rollkragenpullover zu tragen, aber das war nun einmal ihr gewohntes Kleidungsstück. So war es einfacher. Es minimierte das Risiko, dass sich eine Tentakel an ihren Hals verirrte und womöglich die Aufmerksamkeit Dritter erregte. Dann kam vermutlich auch nicht die Paniktinte, die auf Dritte befremdlich wirkte. Außerdem begannen manche Leute zu schreien, wenn sie derlei sahen, und es lebte sich leichter, wenn man nicht angeschrien wurde. Deswegen trug sie schwarz und hielt andere auf Abstand.
Bis elf arbeitete sie zügig durch. Dann schaute sie auf und nahm die Zeit erleichtert zur Kenntnis. Zwei Stunden, in denen sie die Geister kaum bemerkt hatte. Vielleicht würde der Tag doch nicht so schlecht wie befürchtet. Vielleicht brächte sie ihn unversehrt hinter sich …
Doch dann klingelte ihr Handy, und ihr Magen zog sich zusammen. Es war der schlimmste Teil des Tages, und sie überlegte kurz, den Anruf einfach auf die Mailbox zu leiten. Wie gern hätte sie das getan und vorgegeben, sie sei in einem wichtigen Meeting oder telefoniere auf der anderen Leitung, aber wenn ihre Mutter den Mut aufbrachte, sie anzurufen, sollte Eve den Mut aufbringen, diesen Anruf anzunehmen. Sie hockte gerade neben einem Gemälde auf dem Boden, aber sie stand auf, wischte über das Display und hielt sich das Handy ans Ohr. »Hallo.«
Obwohl sie versuchte, ganz normal zu klingen, verrutschte ihr die Stimme. Sie krächzte, als hätte sie zu viel getrunken und geraucht oder als sei sie noch im Halbschlaf.
»Mum hier, Eve.«
»Ich weiß. Hi.« Sie schluckte, um ihre Stimme zu normalisieren. »Wie geht es dir?«
Sofort bereute sie diese Frage. Einen Moment lang herrschte am anderen Ende Schweigen. Eve fragte sich, ob ihre Mutter einfach wieder auflegen würde, doch stattdessen räusperte sie sich und sagte: »Ich habe nur angerufen, um dir zum Geburtstag zu gratulieren.«
Eve steckte ihre freie Hand in die Tasche und griff nach ihrem Glücksbringer. Der knubbelige Kopf fühlte sich beruhigend an und erdete sie. Sie war hier, bei der Arbeit. Sie war nicht dort, auf der Party. Ihr Blick fiel aufs Fenster. Ein Luftballon flog vorbei, ein sehr lilafarbener. Das wohl lilafarbenste Etwas, das sie je gesehen hatte. Ein Kind unten auf der Straße musste ihn losgelassen haben, sagte sie sich. Mehr hatte es nicht zu bedeuten.
»Eve?«, fragte ihre Mutter. »Bist du noch da?«
»Ja, ja«, sagte sie schnell, und vor lauter Schuld und Scham bekam sie eine Gänsehaut.
Sie war da. Ihre Schwester Bella nicht. Verzweifelt überlegte sie, was sie zu ihrer Mutter sagen könnte, aber ihr fiel kein einziger Satz ein, der alles nicht noch schlimmer machen würde. Im Grunde kannten sie einander gar nicht mehr. Sie sprachen höchstens zwei Mal pro Jahr miteinander. Und wenn sie es einmal taten, so wie jetzt, war es unmöglich, an etwas anderes zu denken, als dass zwischen ihnen alles anders sein könnte, dass überhaupt alles anders sein könnte, wäre vor dreiundzwanzig Jahren nicht diese Sache passiert. Ein Fehler hatte alles verändert und die Familie zerstört.
»Also, ich will dich nicht länger aufhalten«, sagte ihre Mutter. »Du hast bestimmt viel zu tun. Pass auf dich auf.«
»Bye, Mum«, krächzte Eve.
Aber ihre Mutter hatte schon aufgelegt. Sie legte Handy und Glücksbringer auf ihren Schreibtisch. Ihr war heiß geworden, und da sonst keiner da war, wagte sie es, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochzuziehen und ans Fenster zu gehen. Das Glas war kühl, als sie die Stirn daranlegte. Dann hielt das schwarze Taxi am Straßenrand.
Eine der hinteren Türen ging auf, und ein älterer Mann, schwer auf seinen Gehstock gestützt, stieg umständlich aus. Er war elegant gekleidet, anthrazitfarbener Fischgrät-Anzug und Fedora-Hut. Alles sehr altmodisch, aber der Mann schien sich von seiner besten Seite zeigen zu wollen. Eve fragte sich, mit wem er verabredet war und warum. Hoffentlich etwas Angenehmes.
Auf wackeligen Beinen stand er schließlich auf dem Bürgersteig, und das Taxi fuhr weiter, als er auf das Auktionshaus zuzugehen begann. Es waren nur wenige Stufen bis zur Haustür, aber Eve konnte sehen, wie schwierig sie für ihn waren und dass er auf jeder Stufe stehen bleiben und Atem holen musste. Sie wünschte, jemand käme ihm zu Hilfe, aber die Leute waren nun einmal nicht geneigt, jemandem zu helfen, den sie nicht kannten. Auch Eve hätte es nicht getan, wäre sie jetzt da unten, denn womöglich kam der Mann in Wahrheit sehr gut allein zurecht, sodass er ein Hilfsangebot als übergriffig und beleidigend empfunden hätte. Außerdem half jemand wie Eve älteren Menschen ohnehin nicht eine Treppe hinauf. Bella dagegen schon, vermutete Eve. Wäre sie denn am Leben.
Alle lieben Bella, hörte sie nicht existente Freunde sagen. Sie ist so temperamentvoll, so lebhaft.
Alles, was Eve nicht war. Bald verschwand der ältere Mann in der Drehtür, und Eve widmete sich wieder den Gemälden.
Kurz darauf klopfte es an der Tür und ihr Sekretär, James, schaute in ihr Büro. Schnell zog Eve ihre Ärmel wieder herunter.
»Hi. Entschuldige die Störung. Ich weiß, du hast zu tun. Aber ein Mann möchte dich sprechen.«
Eve war überrascht. »Ich habe heute keine Termine.«
»Das habe ich ihm auch gesagt, aber er … nun ja, er besteht darauf. Er hat etwas zur Begutachtung mitgebracht und will nur mit dir sprechen.«
Unwillig verzog Eve das Gesicht. »Wie heißt er denn?«
»Max Everly.«
Eve erschrak. »Wie der Komponist?«
James zuckte mit den Schultern. »Kann schon sein.«
Wahrscheinlich hätte James nicht gewusst, wer Max Everly war, wäre da nicht dieser Koffer gewesen. Alt und verbeult war er eines Tages in diesem Auktionshaus aufgetaucht, voll von Notenblättern mit bislang unveröffentlichten Stücken von Everly, dessen bekannte Musik vor 1935 komponiert worden war. Es war einer der Gründe, warum Eve unbedingt bei Stanley arbeiten wollte – in der Hoffnung, dass noch so ein Koffer auftauchen würde. Die Kompositionen waren von Experten schnell als authentisch identifiziert worden, und ihre Entdeckung hatte in der Musikwelt für viel Wirbel gesorgt. Sehr zu Eves Freude, denn es bedeutete, dass sich jetzt mehr Menschen die Musik anhören würden, die sie schon immer so geliebt hatte.
In diesem Moment konnte sie sie direkt hören – Songs, die sie wieder und wieder abgespielt hatte und die eine Rettungsleine für sie waren, durch die sie mit der Welt verbunden blieb, wenn sie abzudriften drohte. Sie wusste, dass der mysteriöse Besucher nicht Everly sein konnte, denn der war 1899 geboren worden und wäre heute einhundertsechzehn Jahre alt.
»Er ist … nun ja, ziemlich gebrechlich«, sagte James entschuldigend. »Ich glaube, es war sehr anstrengend für ihn, hierherzukommen.«
Eve dachte an den älteren Mann, den sie vorhin auf den Stufen vor dem Haus gesehen hatte. Das musste er wohl sein.
»Er sagt, es ist wichtig«, fuhr James fort. »Und er hat versprochen, nicht mehr als zehn Minuten deiner Zeit zu beanspruchen.«
Eves Sekretär sah nicht so aus, als hielte er es für wahrscheinlich, dass sie den Mann empfangen würde. Sie hatte einmal zufällig gehört, dass er sie in einem Gespräch mit ihrer Kollegin Kate im Mitarbeiterzimmer als Schwarze Witwe bezeichnete. Sie nahm an, dass es sich auf ihre schwarze Kleidung und ihr distanziertes Verhalten bezog, zumal sie nie mitkam, wenn die anderen nach der Arbeit auf einen Drink gingen, und nie an den Weihnachtsfeiern teilnahm. Sie wusste, dass sie als kalt und unfreundlich galt. Vielleicht war sie kalt und unfreundlich, obwohl das nicht unbedingt ihre Absicht war. Sie gehörte zu den Frauen, die ständig gefragt wurden, ob sie überhaupt jemals lächelte.
Kate hatte gelacht, als James das mit der Schwarzen Witwe sagte. »Mich erinnert sie immer an Fräulein Gloria Roth, du weißt schon, die bei Cluedo.«
»Fräulein Gloria Roth ist aber blond«, hatte Eve von ihrem Stuhl aus gesagt, der hinter einer offenen Tür stand. Eve hatte rabenschwarze Haare, die sie als kurzen, kantigen Bob trug. Und ihre Augen hatten zwei verschiedene Farben – eins blau, eins grün.
James und Kate erschraken, als sie Eve entdeckten, aber dass ihre Kollegen ihr die Rolle einer Femme fatale zugeschrieben hatten, entsprach ihrem inneren Wesen ganz und gar nicht. Dem älteren Mann einen kurzen Besuch zu gewähren, kostete sie nichts; im Übrigen hatte ihr sein Hut gefallen, also sagte sie: »Bitte ihn herein.«
Sie versuchte, James’ überraschten Blick zu ignorieren und sich nicht darüber zu ärgern. Er ging hinaus und kehrte kurz darauf mit dem unerwarteten Besucher zurück, bat ihn hineinzugehen und nickte Eve kurz zu, bevor er die Tür schloss. Tatsächlich war es der Mann, den sie auf der Straße gesehen hatte. Er schien Ende siebzig zu sein. Da er seinen Hut abgesetzt hatte, waren seine silbernen Haare zu sehen, ordentlich zurückgekämmt. Mit gebeugten Schultern lehnte er auf seinem Gehstock und schlurfte gesenkten Blicks langsam und vorsichtig auf Eve zu. Eve kam um ihren Schreibtisch herum, um ihn zu begrüßen. Trotz seiner in sich zusammengesunkenen Haltung überragte er sie ein ganzes Stück.
»Guten Morgen, Sir. Ich bin Eve Shaw.« Sie hatte erwartet, dass er ein Gemälde mitgebracht hatte, denn das war ihr Fachgebiet, aber er trug nichts dergleichen unter dem Arm. Eigentlich schien er gar nichts mitgebracht zu haben. Sie streckte ihm eine Hand entgegen und sagte: »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«
Max Everly zögerte kurz, ehe er ihr die Hand reichte. Sein Händedruck war überraschend stark, und ein Funke schien davon auszugehen, der Eve durch Mark und Bein fuhr. Einen konfusen Moment lang glaubte sie, dasselbe schon einmal erlebt zu haben, diesem Mann schon einmal begegnet zu sein und ihm die Hand geschüttelt zu haben. Er starrte auf ihre Finger, und sie spürte ein Beben durch seine Handfläche gehen.
»Das Vergnügen«, sagte er leise, »ist ganz meinerseits.«
Dann hob er den Kopf, und ihre Blicke trafen sich zum ersten Mal. Eve schaute in ausdrucksvolle braune Augen, und das Verrückte war, dass – obwohl dieser Mann unmöglich der beliebte Musiker aus den 1930er-Jahren sein konnte – seine Augen genauso aussahen wie auf den Schwarz-Weiß-Fotos des Komponisten von früher. Und nicht nur das. Sie war sich sogar sicher, dass sie einen Funken Erkennen in seinem Blick ausmachte. Sie war sich ganz sicher, dass er sie nicht nur erkannte, sondern dass er sie bestens kannte, und das wiederum bedeutete, dass auch sie ihn kennen musste. Kurz schien es ihm den Atem zu verschlagen und er verstärkte den Händedruck.
»Hallo, Eve«, sagte er beinahe tonlos.
Plötzlich verschwand das Gefühl, ihm bereits begegnet zu sein, und dann stand ihr ein Fremder gegenüber. Er schien ihre Hand gar nicht wieder loslassen zu wollen, und als er einen Schritt näher trat glaubte Eve, er wolle sie umarmen. Automatisch wich sie zurück. Sie hielt nichts von Umarmungen und war erleichtert, als Max ihre Hand losließ.
»Verzeihung«, sagte er ein wenig außer Atem. »Es ist bloß … Sie erinnern mich an jemanden. Ich heiße Max Everly. Vielen Dank, dass Sie mich empfangen. Ich weiß es zu schätzen.«
»Aber nicht doch«, sagte sie kurz angebunden. »Nehmen Sie bitte Platz.« Sie zeigte auf die bequemen Sessel gegenüber ihrem Schreibtisch. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee? Kaffee?«
»Kaffee, bitte. Schwarz, ein Löffel Zucker.«
Sie ging zur Kaffeemaschine auf einem Tisch in der Ecke und bereitete zwei Tassen zu. Eine stellte sie vor ihren Gast und nahm ihm gegenüber hinter ihrem Schreibtisch Platz.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Mr. Everly? James sagte, Sie wollen etwas von mir begutachten lassen?«
»Bitte«, sagte er. »Nennen Sie mich Max.«
Er griff zu seiner Tasse, und Eve bemerkte die Leberflecke auf seinem Handrücken und sah, wie knochig seine Beine waren, als seine Knie sich in den Stoff seiner Hose drückten. In seinen Augen jedoch lag etwas Warmherziges und beinahe Verschmitztes – wie ein Überbleibsel des jungen Mannes, der er einst war. Eve hatte das Gefühl, dass er – im Gegensatz zu ihr – in seinem Leben viel gelächelt und gelacht hatte.
»Was für ein ulkiger kleiner Geselle«, sagte er und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Glücksbringers auf ihrem Schreibtisch.
War »ulkig« das richtige Wort? Eve hatte ihn mit seinem zusammengestückelten metallenen Körper, dem übergroßen Holzkopf und den weißen Glasaugen immer als ein wenig unheimlich empfunden, aber deswegen hatte sie ihn nicht weniger gern.
»Ein Glücksbringer«, sagte sie. »Im Ersten Weltkrieg hat man sie den Soldaten an der Front geschickt.«
»Und wie sind Sie zu Ihrem gekommen?«, fragte Max.
»Ich …« Sie sprach nicht weiter und dachte an den Traum, den sie einst als Kind hatte. Darin hatte ein Zauberer ihr den Glücksbringer geschenkt, aber in Wahrheit wusste sie nicht, woher sie ihn hatte. »Das weiß ich nicht mehr. Ich habe ihn schon lange. Wahrscheinlich habe ich ihn irgendwo gefunden.«
»Ja, wahrscheinlich.« Max beugte sich ein wenig vor. »Wissen Sie, manchmal ist das Ende ein Anfang.«
»Wie bitte?«
»Schon gut.«
»Hatten Sie eine weite Anreise?«, wechselte Eve das Thema. Sie begann sich zu fragen, ob bei ihm noch alles ganz richtig war.
Ein Lächeln zuckte in seinem Mundwinkel. »Ja«, sagte er. »Das kann man wohl sagen. Aber das Warten hat sich gelohnt.«
»Wie sind Sie auf mich gekommen?«, fragte Eve. »Eigentlich bin ich auf das Begutachten von Gemälden spezialisiert, sodass …«
»Meinen Sie nicht«, unterbrach Max sie und schaute ihr direkt in die Augen, »dass es höchste Zeit ist, das Begutachten von Gemälden aufzugeben und endlich Ihre eigenen Meisterwerke zu erschaffen?«
Sollte das ein Witz sein? Falls ja, so konnte Eve darüber nicht lachen. Aber unter ihrer schwarzen Jeans begann das Oktopustattoo auf ihrem Schenkel zu brennen.
»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen«, sagte sie. »Möchten Sie ein Gemälde in Auftrag geben? Wir sind ein Auktionshaus, wir erschaffen keine neuen Werke.«
»Schade.« Max stellte seine Kaffeetasse ab. »Aber das macht nichts. Ich bin gekommen, um Ihnen das hier zu geben.«
Er griff in seine Hosentasche und stellte vorsichtig etwas Kleines auf den Schreibtisch zwischen ihnen. Einen dekorativen Oktopus.
Eve starrte auf den Oktopus. Er war perlweiß, mit langen Tentakeln, geschmackvoll und sehr eigenartig. Die Spitze einer Tentakel war schwarz, als sei sie in Tinte getunkt worden. Auf dem Kopf hatte er einen kleinen Haken, mit dem er womöglich einmal an etwas gehangen hatte. Seine Augen waren uralt und weise. Eves Schenkel brannte mehr denn je. Die Tentakeln, die auf ihre Haut tätowiert waren, hatte sie selbst entworfen und waren mit denen des kleinen Objekts auf ihrem Schreibtisch beinahe identisch.
Plötzlich befand Eve sich nicht mehr im Auktionshaus, sondern zu Hause, inmitten Dutzenden ihrer Skizzenbücher voller Zeichnungen von Oktopussen. Über die Jahre hatte sie Buch um Buch mit gewundenen Tentakeln und großen starren Augen gefüllt. Und jeder Oktopus hatte einen Tentakel mit einer schwarzen Spitze. Es war ein sehr ungewöhnliches Detail, und sie fand es erschreckend, es an dem Ding auf ihrem Schreibtisch wiederzufinden.
Sie hatte nie versucht, ein Gemälde aus ihren Skizzen zu machen, obwohl sie daran gedacht hatte und es nur zu gern getan hätte, und keinem Menschen hatte sie ihre Skizzen je gezeigt. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass Max Everly sie kannte, dass er auch all ihre sorgsam verstauten Skizzenbücher kannte und wusste, wie sehr Oktopusse sie faszinierten und begeisterten. Als ihre Blicke sich trafen, war sie sich beinahe sicher, dass er auf ihren Schenkel schaute, nur einmal und nur ganz kurz, aber er schien auch von ihrem Tattoo zu wissen.
»Es gibt Sorgen, die zu groß sind, um auf einer einzigen Person zu lasten«, sagte er mitfühlend. »Das weiß ich nur zu gut. Aber ich versichere Ihnen, dass es Lichtblicke gibt.«
Eve schüttelte den Kopf, als wollte sie ihn freibekommen, und versuchte, das Gespräch zu normalen Themen zurückzuführen. »Ich verstehe nicht. Ist es dieses Objekt, das Sie begutachten lassen wollen?«
»Oh nein. Ich will kein Gutachten. Es dürfte nicht viel wert sein. Bitte schön«, sagte er. »Betrachten Sie es als ein Geschenk.«
»Ich kann kein …«
»Es ist für Sie«, sagte Max nachdrücklich. »Es sollte immer schon für Sie sein.«
Plötzlich brach seine Stimme, und er hatte Tränen in den Augen, was Eve erschreckte. Bestimmt war er aus einem Altersheim oder so geflohen und bestimmt suchten seine Pfleger oder Angehörigen schon nach ihm.
»Das ist wirklich sehr nett«, begann sie streng, »aber wir dürfen keine Geschenke von Kunden annehmen.«
»Ich bin kein Kunde.«
»Trotzdem kann ich kein …«
»Sie müssen!«, brach es aus ihm heraus. Zum ersten Mal, seit er hereingekommen war, wirkte er unsicher, beinahe verzweifelt. »Sie haben es bereits getan. Ich habe alles erledigt, was ich sollte. Jetzt müssen Sie Ihren Teil beitragen.«
»Nun gut«, sagte Eve schnell, denn Everly schien drauf und dran zu sein, die Fassung zu verlieren. Vielleicht war es das Beste, einfach mitzuspielen. »Gut. Das ist sehr nett von Ihnen und ich möchte nicht undankbar erscheinen.«
Er holte tief Luft. »Jeder sollte etwas zum Geburtstag geschenkt bekommen.«
»Es ist nur so, dass … Moment mal! Woher wissen Sie, dass ich heute …«
»Danke, dass Sie mich empfangen haben.«
Max griff nach seinem Gehstock und zog sich an der Schreibtischkante vom Sessel hoch. Auch Eve stand auf und wünschte, James hätte diesen Mann nicht hereingelassen.
»Ich begleite Sie hinaus«, sagte sie, nahm den Oktopus vom Tisch und steckte ihn sich in die Tasche. Vielleicht konnte sie ihn in letzter Sekunde zu ihm ins Taxi werfen.
»Das ist nicht nötig«, sagte Max, aber es klang nicht besonders überzeugend. »Ich finde mich schon zurecht.«
»Ich wollte mir ohnehin gerade ein Sandwich kaufen«, log Eve. »Bei der Gelegenheit kann ich Ihnen ein Taxi heranwinken. Oder soll ich jemanden anrufen, der Sie abholt?«
»Meine Liebe«, sagte er milde lächelnd. »Es gibt keinen, den Sie anrufen könnten.«
Eve wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Also verließen sie ihr Büro schweigend und gingen auf den Fahrstuhl zu. Doch als sich die Türen hinter ihnen schlossen, merkte Eve, dass etwas nicht in Ordnung war. Max war leichenblass geworden, er atmete nur noch flach, und seine Hände zitterten.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Es gibt so viel«, sagte er mit schwacher Stimme. »So viel, was ich Ihnen gern sagen würde. Aber alles ist …« Er machte eine vage Handbewegung. »Alles ist bereits gesagt worden.«
Eve schaute auf die Anzeige mit den herunterzählenden Stockwerken und wünschte, es ginge schneller. Als sich die Türen endlich im Erdgeschoss geöffnet hatten, versuchte sie, Max zu überreden, sich im Empfangsbereich erst einmal hinzusetzen, aber er bestand darauf, direkt aus dem Haus zu gehen.
»Ich muss an die Luft«, sagte er atemlos.
Eve lief es kalt den Rücken hinunter. Eine Vorahnung sagte ihr, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Sie folgte ihm, als er unsicher auf die Treppe vor dem Haus zuging und nach Luft schnappte.
»Kann ich Ihnen die Treppe hinunterhelfen?«, fragte sie und streckte die Hände nach ihm aus.
Lächelnd schaute er sie an. Das Lächeln erhellte sein ganzes Gesicht, und plötzlich verströmten seine Augen Humor, Scharfsinn und Lebendigkeit. Und Freude, große Freude.
»Es wäre mir lieber, wenn Sie wieder hineingingen, aber ich weiß, dass Sie das nicht wollen. Also ja: Ein letztes Mal würde ich Ihre Hilfe zu schätzen wissen.«
Eine merkwürdige Antwort, aber merkwürdig war ja auch alles andere, was er gesagt hatte. Es war aber nicht der rechte Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. In den folgenden Wochen jedoch würde Eve sich seine Worte immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Jetzt aber nahm sie einfach nur seinen Arm und spürte, wie dünn und gebrechlich er unter dem Stoff seines eleganten Anzugs war. Sie hörte seine Knie knacken, als sie ihm eine Stufe nach der anderen herunterhalf.
»Ihr Hut«, sagte sie, als sie plötzlich merkte, dass er ihn an der Garderobe vergessen haben musste. »Soll ich ihn schnell …«
Sie konnte den Satz nicht beenden, bevor Max vor Schmerz aufschrie. Der Gehstock fiel ihm aus der Hand und klackerte die Treppe hinunter, während Max sich eine Hand an die Brust drückte. Dann versagten ihm die Beine und er riss Eve mit sich zu Boden.
Sie rief den Türsteher zu Hilfe, der sofort sein Handy zückte und einen Krankenwagen rief. Die Menschen auf dem Gehweg blieben stehen und gafften. Einige kamen auf die beiden zu, um zu sehen, ob sie helfen konnten, aber das Einzige, was man tun konnte, war warten. Eve kniete neben Max auf der Treppe und hielt seine Hand. Obwohl sie sich mit derlei nicht auskannte, begriff sie, dass es ernst war. Max’ schmerzverzerrtes Gesicht war ganz weiß, sein flacher Atem rasselte.
»Der Krankenwagen ist unterwegs«, sagte sie hilflos. »Das wird schon.«
Es überraschte sie zu sehen, dass Max lächelte. »Ich weiß.«
Sein Blick wurde so glasig, als sähe er sie gar nicht mehr.
»Versprechen Sie mir, dass Sie zu dem Hotel zurückkehren«, murmelte er. »Bitte!«
Es war ihm offenbar so wichtig, dass Eve nickte, obwohl sie wusste, dass er mit jemand anders sprach, den er früher einmal gekannt hatte. Doch dann schien er wieder klar zu werden, denn als er das nächste und letzte Mal sprach, nannte er ihren Namen.
»Danke, Eve.« Er gab ihr einen kurzen Händedruck. »Danke, dass Sie mich retten.«
Sie wollte etwas Tröstliches sagen, aber es war zu spät. Seine Hand erschlaffte, Leben und Licht verschwanden aus seinen Augen, die jetzt leer und blicklos waren. Schon bevor die Sanitäter kurz darauf ankamen und es bestätigten, wusste Eve, dass es den Mann, der einmal Max Everly war, nicht mehr gab. Noch an Ort und Stelle wurde er für tot erklärt, kurz nach zwölf Uhr. Eve hatte ihn kaum gekannt – sie hatten ja nur ein paar Dutzend Worte gewechselt –, und doch war sie sehr traurig, als sie seine Hand losließ und zuschaute, wie er auf eine Trage geschnallt wurde.
Außerdem war ihr klar, dass dieser Vorfall nicht gerade dabei helfen würde, ihr Image als Schwarze Witwe unter den Kollegen loszuwerden.
Frankreich, ein Jahr später
Eve ging über den Markt und versuchte, das Kaninchen zu ignorieren, das hinter ihr herhüpfte. Mit zitternden Händen zündete sie sich eine Zigarette an und nahm dann einen tiefen Zug. Es war eine spontane Entscheidung gewesen, vor einigen Tagen die Fähre nach St. Malo zu nehmen. Im Ausland, hoffte sie, würde ihr Geburtstag erträglicher sein. Es war nicht die Art von Antiquitätenmarkt, die sie von zu Hause gewohnt war. Im Grunde war es eher ein Flohmarkt mit Krimskrams, Strickjacken und Secondhand-Büchern. Eve erwartete nicht, hier etwas Interessantes zu finden, aber es war ein netter Zeitvertreib, und sie bekam etwas zu sehen.
Schon mehrfach hatte sie sich heute dabei ertappt, dass sie an Max Everly dachte. Ihre Begegnung im Vorjahr war so merkwürdig wie traurig gewesen. Noch nie zuvor hatte Eve jemanden sterben gesehen. Wenigstens das war ihr beim Tod ihrer Schwester erspart geblieben. Sie hatte daran gedacht, seine nächsten Angehörigen ausfindig zu machen, denn vielleicht wollten sie den Oktopus gern wiederhaben, aber sie hatte nicht gewusst, wie sie das anstellen sollte. Im Krankenhaus hatte man keine Ausweispapiere gefunden, und sein Name war dort nur bekannt, weil Eve ihn angegeben hatte. Dass er allein begraben worden war, machte sie ganz traurig.
Dann war da noch der Hut, der Fedora, den Eve von der Garderobe geholt hatte. Er war alt und schäbig, ganz anders als der elegante Anzug, den Max getragen hatte. An der Innenseite klebte ein Etikett mit den Initialen »ME« und einer Note. Eve fand es immer noch erstaunlich, dass der alte Mann denselben Namen trug wie ihr Lieblingskomponist. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, den Hut wegzuwerfen, und da sich kein Erbe meldete, hatte sie ihn mit nach Hause genommen, zusammen mit dem Oktopus.
Sie hatte versucht, Max Everly zu googeln, und hoffte, Familienangehörige zu finden, aber da er denselben Namen hatte wie der berühmte Komponist, hatte es zu nichts geführt. Die Suchergebnisse enthielten nur Informationen über den Everly der 1900er-Jahre. Sie sah sich die Handvoll Fotos an, die sie bereits kannte – ein Porträt des siebzehnjährigen Everly in seiner Leutnantsuniform, kurz bevor er an die Front geschickt wurde; Fotos von Konzerten und Schnappschüsse von glamourösen Partys. Schwarze Haare, gut aussehend, dunkle Augen, die etwas Magnetisches hatten. Eve hatte sich beinahe in ihn verknallt, als sie seine Musik als Teenager entdeckte. »Verknallt« traf es jedoch nicht ganz, es war eher eine Obsession gewesen. Doch irgendwas hatten die Fotos an sich, dass es ihr bei deren Anblick immer kalt über den Rücken lief. Vielleicht lag es daran, dass Everly 1935 verschwunden war und niemand je herausgefunden hatte, was aus ihm geworden war. Es war einfach nicht richtig, dass es keine Antworten gab. Eines Tages hatte er diese Welt einfach so verlassen und war dem Club der Verschwundenen beigetreten, genau wie Amelia Earhart, Glenn Miller und die Besatzung der Mary Celeste. Ein Verschwinden, das umso mysteriöser wurde, als fünfundsechzig Jahre später der Koffer voller Noten auftauchte.
Der kleine Oktopus, den der heutige Max Everly ihr gegeben hatte, war nicht wertvoll, aber er gefiel Eve sehr. Beinahe liebte sie ihn. Es war, als wäre eine ihrer Zeichnungen zum Leben erweckt worden. Jetzt stand er in ihrer Wohnung auf dem Nachttisch neben ihrem Bett, und sie musste an ihn denken, als sie auf dem französischen Markt um eine Ecke bog und plötzlich vor einem Arrangement von Teetassen stand.
Der Stand bot allerlei Porzellangeschirr an, darunter ein Teeservice in einem eigenartigen Grau, das beinahe lavendelfarben war. Und jede Tasse war mit einem weißen Oktopus bedruckt, der dem auf ihrem Nachttisch detailgenau glich, inklusive der schwarzen Spitze einer Tentakel. Eve fragte die Verkäuferin in gebrochenem Französisch, ob sie sich das Service einmal näher anschauen dürfe. Geschirr war nicht ihr Fachgebiet, aber sie erkannte auf den ersten Blick, dass das Service jahrzehntealt und von außerordentlicher Qualität war. Namen wie Limoges und Sèvres schwirrten ihr durch den Kopf, aber als sie eine Untertasse anhob, fand sie keine bekannte Porzellanmarke.
Trotzdem war das Service wunderschön, wenn auch in schlechtem Zustand. Die Zuckerdose und einige Teller waren angeschlagen. Der Henkel des Milchkännchens war einmal abgebrochen und wieder angeklebt worden. Auch die meisten Tassen waren beschädigt, und die Teekanne fehlte ganz. In besserem Zustand hätte das Service einigen Wert besessen, aber Eve bezweifelte, dass das jetzt noch der Fall war. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von der Tasse abwenden, die sie in der Hand hielt. Sie fragte die Verkäuferin, woher das Service stammte, aber die Frau sprach so schnell, dass Eve sie nicht verstehen konnte – abgesehen von einem Wort: Hôtel.
Kehren Sie zu dem Hotel zurück …
Sie dachte an Max’ Worte, und es kam ihr vor, als stünde er neben ihr auf dem Markt und spräche sie in diesem Moment aus.
Sie versuchte, mehr zu erfahren, aber die Verkäuferin wurde ungeduldig und sagte nur kurz auf Englisch: »Hotel geschlossen.«
Offensichtlich wollte sie sich um potenzielle Kunden kümmern, die an den Stand traten, also holte Eve schnell ihr Portemonnaie aus der Tasche und fragte nur noch, was das Service kosten sollte. Kurz darauf verließ sie den Stand mit etlichen Plastiktüten aus diversen Supermärkten, in denen die hastig in Papier gewickelten Geschirrteile steckten. Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, schaute sie sich jedes Stück aus verschiedenen Blickwinkeln an, drehte sie in den Händen, bewunderte die Oktopusse und fragte sich, was für ein seltsamer Zufall sie zu ihnen geführt hatte.
Zurück bei der Arbeit nach ihrer Reise nahm sie eine Teetasse mit, um sie Kate zu zeigen. Seit der Sache mit dem »Fräulein Gloria Roth«-Kommentar hatte Kate sie gemieden, wann immer es möglich war, aber Porzellan war ihr Fachgebiet, und Eve war wild entschlossen, sie direkt anzusprechen.
»Diese Marke kenne ich leider nicht«, sagte Kate. »Vielleicht stammt sie aus einer kleinen ländlichen Manufaktur in Frankreich. Sie ist wirklich schön, aber nicht viel wert.«
»Hast du eine Ahnung, wo das Geschirr benutzt wurde?«, fragte Eve. »Die Frau vom Marktstand meinte, es käme aus einem Hotel.«
Kate zuckte mit den Schultern und gab Eve die Tasse zurück. »Das ist keine sehr hilfreiche Eingrenzung. Obwohl … Moment … Zeigst du mir die Tasse noch mal?«
Eve gab sie ihr, und Kate betrachtete sie noch einmal eingehend. »In manchen Auktionshäusern kursiert ein Gerücht«, sagte sie schließlich. »Ein Auktionsmärchen. Es geht um ein Hotel namens White Octopus. Hast du schon mal davon gehört?«
Eve schüttelte den Kopf.
»Der Kollege, der mich hier eingearbeitet hat, hat es mir erzählt. Erinnerst du dich an Victor Harris? Ein netter Mann. Vor ein paar Jahren ist er in Rente gegangen. Er sagte, angeblich hätte es einmal ein ganz großartiges Hotel gegeben, das White Octopus. Es sei für seine zahlreichen magischen Objekte bekannt gewesen.«
Eve hob die Augenbrauen. »Magische Objekte?«
Kate nickte. »Uhren, die die Zeit zurückdrehen konnten, ein Telefon, mit dem man Tote anrufen konnte, und so. Fantasykram. Ich dachte damals, dass Victor das nur erzählte, um mich zu amüsieren, aber mittlerweile habe ich diese Geschichte auch von anderen gehört. Das Hotel soll unter rätselhaften Umständen geschlossen worden sein, und alles, was sich darin befand, wurde von verschiedenen Auktionshäusern nach ganz Europa verkauft. Aber es ist natürlich nur ein Märchen.«
Eve fand es nicht schwer, an Märchen zu glauben. Schließlich gab es Monster. Und Gespenster. Das Leben konnte seltsam und überraschend sein, das war ihr nur zu bewusst. Ihr Oktopustattoo begann zu jucken. Heute befand es sich auf ihrem Schlüsselbein und war damit beinahe sichtbar. Glücklicherweise wanderte es nur selten in Eves Gesicht, sodass sie es mit Rollkragenpullovern und langen Ärmeln meist verstecken konnte. Trotzdem hielt sie es für ratsam, das Gespräch schnell zu beenden, denn sie spürte, dass ein Tentakel nach oben gewandert war, über ihren Rollkragen hinaus. Dummerweise bemerkte Kate es auch und erschrak.
»Was war …«, begann sie.
Schnell legte Eve ihre Hand auf den Hals und stand auf. »Vielen Dank, Kate.«
»Schon … schon gut.«
Eve nahm die Tasse an sich und kehrte schnell in ihr Büro zurück. Sie hoffte, dass Kate nichts über das Tentakel sagen würde. Vielleicht hatte sie es nicht einmal richtig gesehen. Außerdem würde ihr niemand glauben. Tattoos wanderten nicht auf Körpern herum. Das wusste jeder.
Sie stellte die Teetasse auf ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Als sie »White Octopus Hotel« als Suchbegriff eingegeben hatte, glaubte sie nicht, dass es auch nur einen einzigen Treffer geben würde, aber dann erschien Diverses auf ihrem Bildschirm, und die Überschriften drehten sich alle um das Gleiche.
White Octopus Hotel und weitere geschlossene Hotels …
Zukunft des White Octopus Hotels ungewiss …
Zuhause des renommierten Malers Nikolas Roth verfällt …
Von der letzten Überschrift konnte Eve den Blick nicht abwenden. Während ihres Studiums hatte sie von Nikolas Roth gehört und wusste, dass er im viktorianischen Zeitalter eine Berühmtheit gewesen war, von der Kritik hochgelobt. Seine Kunst galt als düster, eindrucksvoll und ihrer Zeit voraus. Private Kunstsammler rissen sich um seine Gemälde, aber offenbar gelang es keinem, einen original Roth aufzustöbern, egal, wie viel Geld sie boten. Nikolas Roth war ein Exzentriker, lebte zurückgezogen, verweigerte Interviews und verließ sein Zuhause in den Schweizer Alpen höchst selten. Er weigerte sich auch, seine Gemälde zu verkaufen oder an Museen zu verleihen, und bei privaten Ausstellungen war Fotografen der Zutritt verwehrt.
Der einzige Ort, von dem man wusste, dass er seine Werke dort ausstellte, war das Hotel, in dem er wohnte. Über die Jahre waren einige verbotene Fotos aufgetaucht, die angeblich bei diesen Ausstellungen gemacht worden waren. Die meisten davon wurden als Fälschungen entlarvt, aber eins aus dem Jahr 1927 hielten Fachleute heute für echt. Es war zu verschwommen und grobkörnig, um Details zu erkennen, und es zeigte auch nicht die komplette Leinwand, sondern nur einen Ausschnitt – zusammen mit einem Mann, der danebenstand und den man für Roth hielt. Er war groß, hatte graue Haare und trug einen gut geschnittenen Anzug. Allerdings konnte man sein Gesicht nicht sehen, da es nicht der Kamera zugewandt war.
Nach seinem Tod im Jahr 1930 verschwanden all seine Werke auf mysteriöse Weise. Eve hatte immer gehofft, dass eines Tages ein Roth in ihrem Auktionshaus auftauchen würde, genau wie Max Everlys Noten. Es wäre eine große Entdeckung.
Sie klickte einen Link mit dem Namen des Malers an und landete auf einer kunstgeschichtlichen Webseite. Magische Objekte wurden dort nicht erwähnt, vielmehr konzentrierte sich der Beitrag darauf, dass Nikolas Roth sein Leben lang in seinem Elternhaus in den Bergen gewohnt und gearbeitet hatte. Um die Jahrhundertwende war es wegen seiner Lage an einem Seeufer zu einem Hotel umgebaut worden – dem White Octopus Hotel.
Im Zeitalter der »Grand Hotels« galt das White Octopus Hotel als das schönste Gebäude der Belle Epoque in der Schweiz. Das perlweiße Mauerwerk, die schmiedeeisernen Balkongitter und zahlreichen Türmchen verliehen dem Bauwerk eine märchenhafte Anmutung – passend zu seiner traumhaften Lage am Seeufer.
In seinen besten Zeiten waren die sechsunddreißig Zimmer heiß begehrt. Besonders erpicht waren die Gäste auf die nachmittägliche Teezeremonie auf der Veranda, die gesundheitsfördernden Dampfkuren in den exquisit gekachelten Bädern sowie Rundgänge in dem berühmten Brunnenzimmer bei Sonnenuntergang. Heute ist von dem Glanz vergangener Tage nicht mehr viel zu finden, und es hat ganz den Anschein, als wäre Roths früheres Zuhause dem Verfall preisgegeben …
Eve scrollte herunter, um weiterzulesen, aber als Nächstes erschien ein Foto des Hotels. Es war wirklich wunderschön und erinnerte an ein Schloss, mit schlanken weißen Türmen, die in einen tiefblauen Himmel ragten. Im Vordergrund glitzerte ein kristallklarer See, und majestätische Berge erhoben sich am Horizont, aber Eve konnte den Blick nicht von dem Hotel als solchem abwenden. Sie erkannte es sofort wieder. Es war, als sähe sie ganz unerwartet das Gesicht eines sehr alten und sehr guten Freunds, den sie viele Jahre lang nicht gesehen hatte. Eine Welle von Gefühlen überflutete sie – Freude, Sehnsucht, unerklärliches Heimweh und Verlust. Sie musste dieses Hotel schon mal besucht haben.
Eve wusste nicht, wann sie das White Octopus Hotel besucht hatte, aber sie musste noch sehr klein gewesen sein. Ein Familienurlaub vielleicht, bevor Bella gestorben und alles ganz schrecklich geworden war. Über diese frühen Jahre hatte Eve mit ihren Eltern nie gesprochen. Sogar als sie noch bei ihnen wohnte, galt die strikte Regel, nie, niemals über früher zu sprechen, nicht mit einem einzigen Wort. Trotzdem erinnerte sich Eve gelegentlich an bestimmte Dinge – Ausflüge zum Teich mit Entenfüttern, Busfahrten in die Stadt, um neue Kleider zu kaufen, oder einen duftenden Süßwarenladen, in dem sie Papiertüten mit bunten Bonbons füllten. Es hatte ganz normale, glückliche Momente gegeben … eine Zeit lang wenigstens.
Und bestimmt hatten sie einmal in der Schweiz Urlaub gemacht und in diesem Hotel gewohnt. Eve versuchte, sich daran zu erinnern, und konnte praktisch das dezente Geklimper eines Pianisten in der Empfangshalle hören, die Pfefferminzschokolade riechen, die nachmittags zum Tee auf Silbertabletts serviert wurde, und das glitzernde smaragdgrüne Wasser des Sees bei Sonnenuntergang sehen.
Doch dann klickte sie sich durch weitere Links und erfuhr, dass das Hotel am 27. November 1935 geschlossen worden war, im Rahmen eines »letzten großen Fests«. Mehr als fünfzig Jahre vor ihrer Geburt. Sie runzelte die Stirn. Wenn das stimmte, konnte sie es unmöglich besucht haben. In dem Artikel stand, Gäste und Personal seien alle in derselben Nacht ausgezogen, während halb volle Champagnergläser und Aschenbecher mit halb gerauchten Zigaretten und Zigarren in der Lounge zurückblieben. In der Bibliothek stand ein Schachbrett mit einer unbeendeten Partie, im Billardzimmer das gleiche Bild auf dem Billardtisch. Alles schien von einem Moment auf den anderen stehen und liegen gelassen worden zu sein.
In den Überschriften verschiedener Beiträge wurde gemutmaßt, dass in jener Nacht irgendetwas passiert sein musste. Warum sonst sollten alle plötzlich mitten in der Nacht die Party verlassen haben? Zumal es draußen kalt war und schneite und die nächste Stadt Kilometer entfernt lag. Es gab sogar Gerüchte, die Gäste hätten ihre Pelzmäntel an der Garderobe zurückgelassen. Aber das Mysterium war nie aufgeklärt und das Hotel nie wiedereröffnet worden. Offenbar lag es in einer Alpenregion, an der Touristen das Interesse verloren, und es hatte sich kein Investor für das Hotel gefunden, der es wiedererweckt hätte. Eine merkwürdige Geschichte, und Eve war sich darüber bewusst, dass sie in Teilen ausgeschmückt und ins Fantastische übersteigert war, sodass man sie einfach nicht glauben konnte. Aber es war ein hübscher Gedanke, dass ihr Teeservice einst die Veranda des Hotels geziert hatte.
Tage- und wochenlang ging ihr das Hotel nicht aus dem Kopf. In ihrer Freizeit las sie immer mehr darüber und schaute sich Fotos online an. Auf der Arbeit war sie unkonzentriert, und ihr Blick wanderte immer öfter über die Gemälde hinweg, die sie begutachten sollte. Champagnerpartys und weiße Tentakel nisteten sich sogar in ihre Träume ein.
Manchmal wachte sie mitten in der Nacht auf und konnte nicht wieder einschlafen, weil sie an das Hotel denken musste. Immer wieder zeichnete sie es in ihrem Skizzenbuch. Irgendwann fing sie an, die einzelnen Zimmer zu zeichnen, wie sie sie sich vorstellte – eine Mischung aus dem Stil des Herrenhauses aus dem Cluedo-Spiel und einem Märchenschloss. Und immer noch war sie davon überzeugt, im White Octopus Hotel gewesen zu sein, obwohl sie wusste, dass es nicht stimmen konnte. Sie nahm sich alle ihre Skizzenbücher vor und betrachtete die Zeichnungen von riesigen Augen und Tentakel, die geschmeidig über die Seiten glitten, alle mit einer schwarzen Spitze.
An einem regnerischen Sonntagnachmittag, als sie durch den virtuellen Kaninchenbau mit verschiedensten Informationen über das Hotel kroch, stieß sie auf den nicht mehr aktuellen Katalog eines Auktionshauses aus dem vergangenen Jahr. Darin war eine vergoldete Speisekarte des White Octopus Hotels abgebildet. Eve erkannte das beinahe lavendelfarbene Grau des bedruckten Papiers wieder. Und nicht nur das. Die Speisekarte trug einen Stempel mit dem Emblem des Hotels – ein weißer Oktopus, der genauso aussah wie der, den Max Everly ihr geschenkt hatte, und wie die auf dem Teeservice aus Frankreich.
Sie befragte andere Mitarbeiter ihres Auktionshauses. Die meisten wussten nichts von einem White Octopus Hotel. Andere hatten davon gehört, hielten es aber für Auktions-Folklore, genau wie Kate. Auf der Arbeit schien sie also keine weiteren Informationen bekommen zu können, aber Eves Verlangen, mehr über das Hotel zu erfahren, war unstillbar. Irgendwann musste sie an Victor denken, den Gutachter, von dem Kate ihr erzählt hatte. Vor seiner Pensionierung hatte Eve ihn ein paarmal getroffen, und er war stets nett und freundlich gewesen. Es war nicht schwer, seine Adresse von der Personalabteilung zu bekommen, als sie vorgab, Schriftstücke von ihm gefunden zu haben, die er bestimmt zurückhaben würde. Sie überlegte, ob sie ihn anrufen sollte, doch dann beschloss sie, ihn direkt aufzusuchen. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht an sie, und es wäre einfacher, von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen.
Eines strahlenden Sonntagmorgens stand sie vor seiner Tür, den weißen Oktopus von Max Everly in der Handtasche. Als sie klingelte, dachte sie, wie sehr sie es hassen würde, Besuch von einem unangekündigten Fremden zu bekommen, und sie fragte sich, ob sie ihm etwas hätte mitbringen sollen. Kuchen vielleicht? Gebäck? Aber jetzt war es zu spät, und Eve malmte mit den Zähnen, als sie dachte, dass Bella ganz bestimmt Kuchen mitgebracht hätte. Dann wurde die Tür geöffnet, und eine Frau mittleren Alters in einem Krankenschwesterkittel begrüßte sie fröhlich.
»Hi«, erwiderte Eve. »Ist Victor zu Hause?«
Die Frau nickte. »Ich bin Molly, seine Pflegerin. Erwartet er Sie? Er hat nichts von Besuch gesagt, aber manchmal ist er vergesslich.«
»Nein, ich werde nicht erwartet«, bekannte Eve. »Ich bin eine ehemalige Kollegin.«
»Vom Auktionshaus?«
»Genau. Eve Shaw. Ich würde gern mit ihm über … meine Arbeit sprechen.«
Molly sah sie skeptisch an. »Er arbeitet doch schon seit Jahren nicht mehr.«
»Ich weiß. Aber es ist wichtig.«
Molly zuckte mit den Schultern. »Ich sage ihm Bescheid. Wahrscheinlich kommt ihm ein Schwätzchen höchstgelegen.«
Sie grinste und zog sich ins Haus zurück, um kurz darauf wiederzukommen und Eve hereinzubitten.
»Da entlang. Er ist im Wohnzimmer.«
»Danke.«
Eve ging in die angedeutete Richtung und trat in ein Zimmer voller Bücher. Victor saß auf einem Sessel, eine Wolldecke über den Knien, einen Taschenbuchroman in der Hand. Er ließ das Buch sinken, als sie hereinkam, setzte seine Lesebrille ab und musterte sie neugierig. Er war dünner und gebrechlicher, als Eve ihn in Erinnerung hatte, aber seine weißen Haare waren genauso wirr und der Blick seiner braunen Augen genauso freundlich wie früher.
»Es tut mir leid, dass ich Sie so überfalle«, begann Eve und sprach viel zu schnell. »Wahrscheinlich kennen Sie mich nicht mehr, aber ich arbeite bei Stanley und …«
»Das hat Molly schon gesagt«, erwiderte Victor. »Entschuldigen Sie, dass ich nicht aufstehe, aber meine Knie spielen heute nicht mit. Machen Sie es sich bequem.« Er zeigte auf das Sofa vor ihm. »Ich erinnere mich sehr wohl an Sie. Man nennt Sie die Schwarze Witwe. Vielleicht wäre das anders, wenn Sie ab und an lächeln würden.«
Eve beschloss, während dieses Besuchs nicht ein einziges Mal zu lächeln. »Mir ist egal, wie die Leute über mich sprechen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich nehme an, Sie wollen über das White Octopus Hotel sprechen.«
»Hat Kate mit Ihnen telefoniert?«, fragte Eve überrascht.
»Nein.«
»Woher wissen Sie es denn sonst?«
Er zog eine Augenbraue hoch. »Warum sonst sollte jemand aus dem Auktionshaus hier hereinschneien?«
Eve setzte sich, und Molly kam mit Tee und Keksen auf einem Tablett herein. »Ich habe so weit alles erledigt«, sagte sie. »Ich komme heute Abend wieder. Vergessen Sie beim Mittagessen nicht Ihre Tabletten.«
Kurz darauf hörte man die Haustür zugehen, und Eve und Victor waren allein.
»Welches Objekt haben Sie denn gefunden?«, fragte Victor.
»Wie bitte?«
»Aus dem Hotel.« Victor wirkte neugieriger denn je. »Jedenfalls nehme ich an, dass Sie eins gefunden haben. Erwarte ich zu viel, wenn ich hoffe, dass Sie es mitgebracht haben?«
Eve holte den Oktopus aus ihrer Handtasche.
»Darf ich?« Victor streckte eine Hand aus.
Sie reichte ihm den Oktopus. Er setzte die Lesebrille wieder auf und betrachtete ihn aus allen erdenklichen Blickwinkeln. Die Art, wie er ihn hielt, hatte etwas beinahe Ehrfürchtiges.
»Was kann er?«, fragte er leise.
»Wie bitte?«
Victor schaute zu Eve hinüber. »Welche magische Eigenschaft besitzt er?«
Verwundert erwiderte Eve seinen Blick. »Glauben Sie wirklich, dass Dinge aus dem Hotel magische Eigenschaften haben?«
Wieder wölbte er die Augenbrauen. »Ich glaube es nicht, ich weiß es. Ich habe es selber erlebt. Ich dachte, Sie hätten es auch. Warum sonst sollten Sie sich für das Hotel interessieren?«
Er gab ihr den Oktopus zurück. Sie wusste, dass sie nur mit der halben Wahrheit herausrücken durfte. Auf keinen Fall würde sie das Tattoo erwähnen, das momentan auf ihrem Rücken herumkroch, genauso wenig wie ihre Skizzenbücher und ihre gezeichneten Oktopusse mit den schwarzen Tentakelspitzen, denn sonst würde er fragen, wann und warum sie angefangen hatte, sie zu zeichnen, und darüber wollte sie nicht sprechen, mit niemandem, und mit einem Fremden schon gar nicht.
»Kate hat mir von dem Hotel erzählt«, sagte sie. »Ich wollte mehr darüber erfahren, weil dieser Oktopus unter … seltsamen Umständen in meinen Besitz gelangt ist.«
Sie musste daran denken, wie Max Everly ihn auf ihren Schreibtisch stellte und wie warm seine Stimme geklungen hatte.
Jeder sollte etwas zum Geburtstag geschenkt bekommen …
Sie erinnerte sich an das Gefühl, als ihre Hände sich berührten, und plötzlich hatte sie das Gefühl, etwas Wertvolles verloren zu haben.
»Das White Octopus Hotel fasziniert mich seit Jahrzehnten«, sagte Victor. »Fünfzig Jahre lang habe ich für Auktionshäuser gearbeitet, und ab und an findet man mit ein wenig Glück ein wahrhaft bemerkenswertes Objekt. Ich könnte Ihnen von dem ein oder anderen erzählen, aber keins kommt an die Spieluhr heran. In meinen Zwanzigern bin ich in Frankreich auf sie gestoßen. Vom White Octopus Hotel hatte ich zwar schon gehört, aber ich hielt es für eine Erfindung, wie jeder, der zum ersten Mal damit konfrontiert wird. Manche Objekte aus diesem Hotel sind unter Auktionatoren besser bekannt als andere. Nehmen Sie das Telefon des Rauchersaals. Jeder, der sich auch nur ansatzweise für das Hotel interessiert, weiß, dass man es nur ein einziges Mal benutzen darf, und zwar um einen Verstorbenen anzurufen. Andere Objekte, wie etwa das Gästebuch – und auch Ihr Oktopus da – sind rätselhafter. Aber die Spieluhr ist wohl das Bekannteste unter den Fans des Hotels.«
»Warum denn?«
Victor lächelte. »Die Spieluhr«, begann er sanft, »ist nicht, was man erwartet. Sie sieht wie ein Kinderspielzeug aus, mit musizierenden Mäuschen auf dem Deckel, aber sie spielt die wunderbarste Musik, die je auf der Welt komponiert wurde.«
Eve seufzte und verlor das Interesse. »Musik ist etwas Subjektives, Mr. Harris«, sagte sie. »Wie sollte irgendjemand definieren, was die schönste Musik der Welt ist? So etwas gibt es nicht.«
Victor schüttelte den Kopf. »Sie müssten sie hören, um es zu verstehen. Das gilt übrigens auch für andere Objekte aus dem Hotel.«
»Was ist denn mit der Spieluhr passiert?«
»Sie wurde natürlich gekauft, von einem privaten Sammler.«
»Haben Sie auch welche von den anderen Objekten gesehen?«, fragte Eve.
Er nickte. »Ich besitze den Schlüssel zu einem Zimmer. Zimmer 27, um genau zu sein. Einst kursierte das Gerücht, es transportierte Menschen, die es betraten, in eine Zeit, als sich das Hotel auf dem Höhepunkt seines Ruhms befand. Davon ist man aber schon lange abgerückt, denn offenbar gibt es dort kein Zimmer 27. Der Mann, der mir den Schlüssel verkauft hat, sagte, er habe das Hotel besucht, obwohl es, soviel ich weiß, nur schwer zu erreichen ist. Jedenfalls sagte er, er habe dort kein Zimmer mit dieser Nummer gefunden. Gerüchte dieser Art tauchen leider immer mal wieder auf. Es ist übrigens nicht einfach, Objekte aus dem White Octopus Hotel aufzuspüren, denn der Handel damit findet auf privater Basis statt. Das war immer ein gut gehütetes Geheimnis in Auktionatorenkreisen. Wer davon wusste, trug eine Anstecknadel mit einem weißen Oktopus. Für Außenstehende hatten sie keinerlei Bedeutung, aber Insider wussten Bescheid und erkannten einander daran. Als ich in Rente ging, hatte ich aber schon seit Jahren keinen mehr mit einer solchen Anstecknadel gesehen. Vielleicht gibt es also keinen dieser Insider mehr. Mein Kollege George war ein großer Bewunderer des Hotels und hatte das Glück, die Lesebrille aufzustöbern. Wissen Sie, was es damit auf sich hat?«
Eve schüttelte den Kopf.
