Das wiedergefundene Licht - Jacques Lusseyran - E-Book

Das wiedergefundene Licht E-Book

Jacques Lusseyran

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Beschreibung

Die berühmt gewordene Lebensgeschichte eines als Kind Erblindeten, der seine Behinderung mit Phantasie und Disziplin überwindet, eines Mannes, dessen Leben als Widerstandskämpfer, Literaturprofessor und Schriftsteller von einer sensiblen Zuversicht getragen war, die ihn befähigte, auf unvergleichliche Weise zu »sehen«.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dies ist der Umschlag des Buches »Das wiedergefundene Licht« von Jacques Lusseyran

Jacques Lusseyran

Das wiedergefundene Licht

Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand

Aus dem Französischen übersetzt von Uta Schmalzriedt

Überarbeitet von Tobias Scheffel

Klett-Cotta

Impressum

Der Text dieses Buches basiert auf der deutschsprachigen Ausgabe des Verlags Klett-Cotta im Jahr 1966. Die ursprüngliche Übersetzung von Uta Schmalzriedt aus dem Französischen wurde von Tobias Scheffel überarbeitet.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die englische Ausgabe erschien unter dem Titel »And there was Light«

by Little, Brown and Company, Boston – Toronto

© 1963 by Jacques Lusseyran

Für die deutsche Ausgabe

© 1966, 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH,

gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München

unter Verwendung einer Abbildung von © Estate of Gerald Bloncourt. All Rights Reserved 2024 / Bridgeman Images

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-98823-9

E-Book ISBN 978-3-608-11535-2

Als du mich batest: »Erzähle mir die Geschichte deines Lebens.«, hatte ich keine große Lust dazu. Aber als du hinzufügtest: »Vor allem möchte ich die Gründe erfahren, warum du das Leben liebst«, habe ich Lust zum Erzählen bekommen, denn das war wirklich ein Thema.

Um so mehr, als mich diese Liebe zum Leben nie verlassen hat: nicht im Leiden, nicht in den Schrecken des Krieges, nicht einmal in den Gefängnissen der Nazis, im Unglück so wenig wie im Glück (was einfacher scheint, es aber nicht ist).

Aber jetzt erzählt nicht mehr ein Kind seine Geschichte. Das ist schade. Der erwachsene Mann wird sie erzählen, schlimmer noch: der Universitätsprofessor, der ich geworden bin. Ich werde mich sorgfältig vor der Gefahr hüten müssen, zu belehren und zu beweisen (zwei große Illusionen). Ich werde zur Einfachheit eines Kindes zurückkehren und nach Frankreich zurückwandern müssen, werde das Amerika, in dem ich lebe, das mir Ruhe gibt und das mich schützt, in Gedanken verlassen müssen, um jenes Paris wiederzufinden, das so erschreckende Erfahrungen für mich bereithielt und so viele glückliche.

Eins

Das Märchen der Kindheit

In meiner Erinnerung beginnt meine Geschichte immer wie ein Märchen, kein ungewöhnliches, aber doch ein Märchen. Es war einmal ein glücklicher kleiner Junge, der lebte zwischen den beiden Weltkriegen in Paris. Dieser kleine Junge war ich. Wenn ich heute, von der Mitte meines Lebens, auf ihn blicke, bin ich voller Bewunderung. Eine glückliche Kindheit ist in unserer Zeit so wenig in Mode, dass man sie kaum für wahr halten möchte. Doch warum sollte ich versuchen das klare Wasser meiner Kindheit zu trüben? Das wäre der Gipfel der Einfalt.

Ich kam also 1924, am 19. September zur Mittagsstunde, im malerischen Kern von Paris zur Welt: auf dem Montmartre, zwischen der Place Blanche und Moulin Rouge. In einem bescheidenen Haus aus dem 19. Jahrhundert erblickte ich das Licht der Welt, in einem Zimmer, das auf den Hof hinausging.

Meine Eltern waren für mich vollkommen. Mein Vater, der eine Hochschule für Physik und Chemie absolviert hatte und von Beruf Chemie-Ingenieur war, war intelligent und gütig. Meine Mutter, die selbst Physik und Biologie studiert hatte, war ganz Aufopferung und Verständnis. Beide waren mir gegenüber großzügig und aufmerksam. Aber wozu spreche ich davon? Der kleine Junge von damals wusste davon nichts. Er versah seine Eltern nicht mit Eigenschaften. Er dachte nicht einmal über sie nach. Er hatte es nicht nötig, über sie nachzudenken. Seine Eltern liebten ihn. Er liebte sie. Das war ein Geschenk des Himmels.

Meine Eltern – das war Schutz, Vertrauen, Wärme. Wenn ich an meine Kindheit denke. Noch heute spüre ich das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich. Dieses wunderbare Gefühl, noch nicht selbstständig zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, die einen annehmen.

Meine Eltern trugen mich, und das ist wohl der Grund, warum ich in meiner ganzen Kindheit niemals den Boden berührte. Ich konnte weggehen, konnte zurückkommen; die Dinge hatten kein Gewicht, nichts haftete an mir. Ich lief zwischen Gefahren und Ängsten hindurch, wie Licht durch einen Spiegel dringt. Das ist es, was ich als Glück meiner Kindheit bezeichne. Es ist eine magische Rüstung, die – ist sie einem erst einmal angelegt – das ganze Leben hindurch getragen werden kann.

Meine Familie gehörte zu der Schicht, die man damals in Frankreich die »petite bourgeoisie« nannte. Wir lebten in kleinen Wohnungen, die mir jedoch groß schienen. Die, an die ich mich noch am besten erinnern kann, lag am linken Seineufer nahe dem großen Park des Champ de Mars, zwischen dem Eiffelturm mit seinen vier gespreizten Tatzen und der Militärschule, einem Gebäude, das für mich nur ein Name war, selbst dessen Form ist für mich verschwunden.

Meine Eltern – das war der Himmel. Das sagte ich mir nicht so deutlich, und auch sie sagten es mir nicht; aber es war offenkundig. Ich wusste (und zwar sehr früh, dessen bin ich sicher), dass sich in ihnen ein anderes Wesen meiner annahm, mich ansprach. Dieses Andere nannte ich nicht Gott – denn über Gott haben meine Eltern mit mir erst später gesprochen. Ich gab ihm überhaupt keinen Namen. Es war da, und das war besser.

Ja, hinter meinen Eltern stand jemand, und Papa und Mama waren nur beauftragt, mir dieses Geschenk aus erster Hand weiterzugeben. Es war der Anfang meines Glaubens und erklärt meiner Ansicht nach, warum ich niemals einen metaphysischen Zweifel gekannt habe. Das ist ein etwas überraschendes Bekenntnis, aber es ist mir wichtig, da sich aus ihm viele Dinge erklären werden.

Daher meine Verwegenheit. Ich rannte unaufhörlich; meine ganze Kindheit war ein einziges Rennen. Ich rannte nicht etwa, um etwas zu erlangen (das ist eine Vorstellung der Erwachsenen, nicht die eines Kindes!), ich rannte, um all den sichtbaren – und noch unsichtbaren – Dingen entgegenzugehen. Wie in einem Staffellauf bewegte ich mich vorwärts von Vertrauen zu Vertrauen.

Klar wie ein gerahmtes Bild an der Wand meines Zimmers sehe ich mich an meinem vierten Geburtstag. Ich rannte das Trottoir entlang auf ein Dreieck aus Licht zu, das durch das Aufeinandertreffen dreier Straßen gebildet wurde – der Rue Edmond Valentin, der Rue Sédillot und der Rue Dupont-des-Loges, in der wir wohnten –, auf ein Dreieck aus Sonnenlicht, das sich auf den Square Rapp wie auf eine Meeresküste hin öffnete. Auf dieser leuchtenden Wasserfläche wurde ich vorwärtsgestoßen, von ihr angesogen, und während ich noch mit Armen und Beinen ruderte, sagte ich mir: »Ich bin vier Jahre alt, und ich bin Jacques.«

Man nenne das, wenn man will, die Geburt der Persönlichkeit. Doch empfand ich dabei zumindest keinerlei Panik. Nur der Strahl allumfassender Freude hatte mich getroffen, ein Blitz aus blauem Himmel.

Gewiss hatte ich – wie alle Kinder – meine Nöte und Kümmernisse. Doch ich muss gestehen: An sie erinnere ich mich nicht mehr. Sie sind meinem Gedächtnis entschwunden, so wie auch der physische Schmerz verschwindet: Sobald er den Körper verlässt, verlässt er auch den Geist.

Das Gewalttätige, das Lächerliche, Zwielichtige, Ungewisse, all das habe ich später kennengelernt. Aber keinen dieser Begriffe kann ich in diesen ersten Jahren meines Lebens unterbringen. Und das ist es, was ich vorhin das klare Wasser meiner Kindheit nannte.

Zwei

Offenbarung des Lichtes

Sieben Jahre lang sprang ich, rannte ich, lief ich durch die Alleen des Champ de Mars. Ich galoppierte die Trottoirs der engen Pariser Straßen entlang, jene Straßen mit zusammengedrängten Häusern und ihren Wohlgerüchen. Denn in Frankreich hat jedes Haus seinen Geruch. Die Erwachsenen bemerken ihn kaum, doch die Kinder kennen ihn gut, und sie erkennen die Häuser an ihrem Duft. Da gibt es den Geruch des Milchladens, den Geruch der Konditorei, den Geruch der Zuckerbäckerei, den Geruch der Schusterwerkstatt und der Apotheke, oder den Geruch jenes Ladens, dessen Kaufmann in der französischen Sprache einen so schönen Namen trägt, »le marchand de couleurs«, der Farbenhändler. All diese Häuser erkannte ich, wenn ich die Nase in die Luft streckte wie ein kleiner Hund.

Ich war überzeugt, dass nichts mir feind war, dass die Äste, an die ich mich hängte, mich aushalten würden, dass die Wege, und selbst die verschlungenen, mich an einen Platz führen würden, wo ich keine Angst haben würde, und dass sie mich alle zurück zu meiner Familie bringen würden. Man könnte sagen, dass ich keine Geschichte hatte – außer der wichtigsten von allen: der Geschichte des Lebens.

Doch da war das Licht. Das Licht übte auf mich einen faszinierenden Zauber aus. Ich sah es überall, und ich betrachtete es stundenlang. Keiner der Räume unserer Dreizimmerwohnung ist mir deutlich in Erinnerung geblieben, aber geblieben ist der Balkon: Denn auf dem Balkon gab es das Licht. Geduldig stützte ich mich auf das Geländer – ich, der ich immer so ungestüm war – und betrachtete, wie das Licht über die Häuserfassaden rieselte: vor mir, im Trichter der Straße, nach rechts, nach links.

Das war kein Rieseln wie von Wasser: Es war leichter, war unendlich, seine Quelle war überall. Ich liebte zu sehen, dass das Licht von keiner bestimmten Stelle herkam, dass es vielmehr ein Element nach Art der Luft war. Wir fragen uns niemals, woher die Luft kommt. Sie ist da, und wir leben. So ist es auch mit der Sonne.

Ich sah die Sonne zwar, wie sie mittags hoch oben am Himmel stand und einen Punkt im Raum einnahm, suchte sie aber an anderen Orten: im Aufblitzen ihrer Strahlen, im Echo, das wir gewöhnlich nur den Tönen zugestehen, das aber dem Licht gleichermaßen eigen ist. Das Licht vermehrte sich, antwortete sich von Fenster zu Fenster, von einem Stück Fassade zur Wolke, drang in mich ein, wurde Ich. Ich verschlang Sonne.

Diese Faszination ließ auch bei Anbruch der Nacht nicht nach. War ich abends vom Spaziergang zurück und das Essen beendet, war der Augenblick gekommen, ins Bett zu gehen, fand ich sie im Dunkel wieder. Für mich war auch das Dunkel Licht, nur in neuer Form und in neuem Rhythmus, ein langsameres Licht. Mit einem Wort, nichts auf der Welt, selbst das nicht, was ich hinter geschlossenen Augenlidern in meinem Innern las, konnte diesem unendlichen Zauber entgehen.

Auch wenn ich über das Champ de Mars lief, suchte ich das Licht. Ich wollte mit einem Satz hineinspringen, am Ende einer Allee, wollte es fangen wie einen Schmetterling über einem Wasserbassin, mich mit ihm ins Gras oder in den Sand legen. Keine Erscheinung, nicht einmal die Töne, denen ich doch so aufmerksam lauschte, war mir so wertvoll wie das Licht.

Mit vier oder fünf Jahren entdeckte ich dann plötzlich, dass man das Licht in der Hand halten kann. Dazu brauchte man nur Buntstifte oder Farbklötze zu nehmen und mit ihnen zu spielen. Jetzt verbrachte ich ganze Stunden damit, Farben aller Art aufzumalen, ohne rechte Form sicherlich, aber ich konnte in sie eintauchen wie in einen Brunnen. Meine Augen sind noch heute ganz erfüllt von ihnen.

Man sagte mir später, ich hätte schon in diesem Alter schlecht gesehen. Kurzsichtigkeit, so viel ich weiß. Den »Tatsachenmenschen« wird das vielleicht meine Besessenheit erklären. Als kleines Kind wusste ich aber nicht, dass ich nicht besonders gut sehen konnte. Ich kümmerte mich wenig darum; ich war glücklich, mit dem Licht Freundschaft zu schließen, als sei es der Inbegriff der Welt.

Farben, Formen, selbst Gegenstände – auch die schwersten –, hatten alle die gleiche Schwingung. Und wenn ich heute den Dingen, die mich umgeben, liebevolle Aufmerksamkeit widme, finde ich diese Schwingung wieder. Fragte man mich nach meiner Lieblingsfarbe, gab ich stets die gleiche Antwort: »Grün«. Erst später habe ich erfahren, dass Grün die Farbe der Hoffnung ist.

Ich bin überzeugt, dass Kinder immer mehr wissen, als sie sagen können. Das ist ein großer Unterschied zwischen ihnen und uns Erwachsenen, die wir bestenfalls ein Hundertstel dessen wissen, was wir sagen. Zweifellos kommt das ganz einfach daher, dass Kinder alles mit ihrem ganzen Sein begreifen, wir dagegen nur mit unserem Kopf. Wenn ein Kind von Krankheit oder Leid bedroht wird, merkt es das sofort: Es hört auf zu spielen und sucht Zuflucht bei seiner Mutter. So merkte ich mit sieben Jahren, dass das Schicksal einen Schlag bereit hielt.

Es geschah in den Osterferien 1932 in Juvardeil, einem kleinen Dorf in Anjou, wo meine Großeltern mütterlicherseits wohnten. Wir waren im Begriff, nach Paris zurückzukehren. Vor der Türe wartete bereits der Karren, um uns zum Bahnhof zu bringen. Damals benutzte man für die sieben Kilometer lange Strecke von Juvardeil zur Bahnstation Etriché-Châteauneuf noch einen Pferdekarren. Das Automobil – den kleinen Lastwagen des Lebensmittelhändlers – habe ich erst drei oder vier Jahre später kennengelernt.

Der Karren also wartete und bimmelte lustig mit seinen Glöckchen, ich aber war allein im Garten geblieben, lehnte an der Scheunenecke und weinte. Es waren keine Tränen, von denen man mir später erzählte, es waren Tränen, die ich noch heute fühle, wenn ich an sie zurückdenke. Ich weinte, weil es das letzte Mal war, dass ich den Garten sah.

Ich hatte die Nachricht eben erst erfahren, ich konnte nicht sagen, wie; aber es gab keinen Zweifel daran. Die Sonne auf den Wegen, die beiden großen Buchsbaumsträucher, die Weinlaube, die Tomaten- und Gurkenreihen, die Bohnen, all diese vertrauten Dinge in meinen Augen sah ich zum letzten Mal. Und ich wusste es. Es war viel mehr als nur ein kindlicher Schmerz, und als meine Mutter, die mich gesucht hatte, mich schließlich fand und mich nach meinem Kummer fragte, konnte ich nur sagen: »Ich werde den Garten nie wiedersehen«. Drei Wochen später wurde es wahr.

Am dritten Mai ging ich morgens wie gewöhnlich in die Schule, die städtische Grundschule jenes Viertels von Paris, in dem meine Eltern wohnten, in der Rue Cler. Gegen zehn Uhr sprang ich wie alle Kameraden auf, um zur Klassentüre und in den Schulhof hinauszustürmen. Im Gedränge holte mich ein Junge, der vom anderen Ende des Klassenzimmers kam und der älter war oder es eiliger hatte als ich, ein und rempelte mich versehentlich von hinten an. Ich hatte ihn nicht kommen sehen, und in meiner Überraschung verlor ich das Gleichgewicht. Ich suchte vergeblich Halt und glitt aus. Schließlich fiel ich gegen eine der scharfen Kanten des Lehrerpults.

Wegen der Kurzsichtigkeit, die man bei mir festgestellt hatte, trug ich zu jener Zeit eine Brille aus unzerbrechlichen Gläsern. Diese Vorsichtsmaßnahme wurde mir zum Verhängnis. Die Gläser zerbrachen tatsächlich nicht, aber der Stoß war so heftig, dass der Brillenbügel tief in das rechte Auge eindrang und es herausriss.

Natürlich verlor ich das Bewusstsein. Jedoch nicht lange. Denn schon auf dem Schulhof, wohin man mich gebracht hatte, kam ich wieder zu mir, und der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam – daran erinnere ich mich deutlich –, war: »Meine Augen! Wo sind meine Augen?« Tatsächlich hörte ich um mich herum erschrockene, aufgeregte Stimmen, die von meinen Augen sprachen. Doch auch ohne diese Stimmen, selbst ohne den entsetzlichen Schmerz hätte ich gewusst, wo ich getroffen war.

Man legte mir einen Verband an und brachte mich am ganzen Körper fiebernd nach Hause. Mehr als vierundzwanzig Stunden lang war hier alles für mich dunkel. Ich erfuhr später, dass der ausgezeichnete Augenarzt, den meine Eltern sofort an mein Lager holten, erklärte, das rechte Auge sei verloren und müsse entfernt werden. Man würde den Eingriff so schnell wie möglich vornehmen. Was das linke Auge angehe, so sei ohne Zweifel auch dieses verloren, weil die Heftigkeit des Stoßes hier eine sympathische Ophthalmie hervorgerufen habe. Auf alle Fälle sei die Retina des linken Auges an mehreren Stellen zerrissen.

Am nächsten Morgen operierte man mich mit Erfolg. Ich war endgültig blind geworden.

Jeden Tag danke ich dem Himmel dafür, dass er mich schon als Kind, im Alter von noch nicht ganz acht Jahren, blind werden ließ. Das mag herausfordernd klingen, und so muss ich mich näher erklären.

Ich danke dem Schicksal zunächst aus äußeren, materiellen Gründen. Ein kleiner Mann von acht Jahren hat noch keine Gewohnheiten, weder geistige noch körperliche. Sein Körper ist noch unbegrenzt biegsam, bereit, eben jene – und keine andere – Bewegung zu machen als die, welche ihm die Situation nahelegt, er ist bereit, das Leben anzunehmen, so wie es ist, zu ihm Ja zu sagen. Und aus diesem »Ja« werden große physische Wunder erwachsen.

Mit Erschütterung denke ich hier an all die Menschen, die als Erwachsene – infolge von Unfällen oder durch den Krieg – mit Blindheit geschlagen wurden. Diese Menschen haben oft ein sehr hartes und in jedem Fall schwierigeres Los, als es das meine war.

Um dem Schicksal zu danken, habe ich jedoch auch andere, immaterielle Gründe. Die Erwachsenen vergessen immer, dass Kinder sich niemals gegen die Gegebenheiten auflehnen, es sei denn, die Erwachsenen selbst wären so töricht, es ihnen beizubringen. Für einen Achtjährigen »ist« was ist, und es ist immer das Beste. Er kennt keine Bitterkeit und keinen Groll. Er kann zwar das Gefühl haben, ungerecht behandelt worden zu sein, doch er hat es nur dann, wenn ihm die Ungerechtigkeit durch Menschen zuteil wird. Die Ereignisse sind für ihn Zeichen Gottes.

Ich weiß von diesen einfachen Dingen und weiß, dass ich seit dem Tag, an dem ich blind wurde, niemals unglücklich gewesen bin. Auch den Mut, von dem die Erwachsenen so viel Aufhebens machen, sieht das Kind anders als wir. Für ein Kind ist Mut die natürlichste Sache der Welt, eine Sache, die man zeigen muss, und das zu jeder Minute des Lebens. Ein Kind denkt nicht an die Zukunft, und so wird es vor tausend Torheiten und vor fast aller Angst bewahrt. Es vertraut sich dem Strom der Dinge an, und dieser Strom bringt ihm in jedem Augenblick Glück.

Drei

Licht im Dunkel

Ich werde fortan in meinem Bericht auf – manchmal sogar recht lästige – Schwierigkeiten stoßen. Schwierigkeiten der Sprache – denn das wenig Bekannte und fast immer Überraschende, das ich über die Blindheit zu sagen habe, wird leicht entweder banal oder verstiegen wirken – und auf Schwierigkeiten der Erinnerung: Wenn ich mit acht Jahren blind war, so bin ich es heute, mit fündfunddreißig Jahren, noch immer, und die Erfahrungen, die ich damals gemacht habe, mache ich noch heute Tag für Tag. Sicherlich werde ich, ohne es zu wollen, Daten und selbst ganze Zeitabschnitte durcheinanderbringen. Doch scheinen mir diese Schwierigkeiten mehr literarischer als realer Natur. Fakten bleiben Fakten, und ich brauche mich nur auf deren Beredsamkeit zu verlassen.

Ich hatte mich so schnell erholt, dass nur mein junges Alter als Erklärung dafür dienen kann. Am dritten Mai war ich erblindet, Ende des Monats konnte ich schon wieder gehen. An der Hand meines Vaters oder meiner Mutter – aber ich ging wieder ohne Mühe spazieren. Im Juni begann ich mit dem Lesenlernen der Braille-Schrift. Im Juli war ich an einem Strand des Atlantiks. Ich turnte an Trapez und Ringen und rutschte Rutschbahnen hinunter. Ich schloss mich den anderen Kindern an, lief und lärmte mit ihnen und baute Sandburgen. Doch von all dem werde ich später noch sprechen. Es gibt viel Wichtigeres.

Meine Blindheit war für mich eine große Überraschung, glich sie doch in keiner Weise meinen Vorstellungen von ihr; auch nicht den Vorstellungen, welche die Menschen um mich herum von ihr zu haben schienen. Sie sagten mir, Blindsein bedeute Nichtsehen. Ich konnte ihnen nicht glauben, denn ich sah. Nicht sofort, das stimmt. Nicht in jenen Tagen, die unmittelbar auf die Operation folgten. Denn damals wollte ich noch meine Augen gebrauchen, mich von ihnen leiten lassen. Ich blickte in die Richtung, in die ich vor dem Unfall zu blicken pflegte. Das verursachte Schmerz, einen Mangel, etwas wie Leere. Es verursachte mir, was Erwachsene, glaube ich, Verzweiflung nennen.

Eines Tages jedoch (und dieser Tag kam ziemlich rasch) merkte ich, dass ich ganz einfach falsch sah, dass ich den Fehler desjenigen machte, der die Brille wechselt, weil sich sein Auge den Gläsern nicht anpassen wollte. Ich blickte zu sehr in die Ferne und vor allem zu sehr auf das Äußere der Dinge.

Das war weit mehr als nur eine gewöhnliche Entdeckung: Es war eine Offenbarung. Ich sehe mich noch auf dem Champ de Mars, wo mich mein Vater einige Tage nach meinem Unfall spazieren führte. Ich kannte den Park gut. Ich kannte seine Wasserbecken, seine Geländer, seine Eisenstühle. Ich kannte sogar einige der Bäume persönlich. Natürlich wollte ich sie wiedersehen; aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Ich stürzte mich in eine Substanz, die der Raum war, aber ich konnte diese Substanz nicht wiedererkennen, weil sie nichts Vertrautes mehr hatte.

Ein Instinkt – ich möchte fast sagen: eine Hand, die sich auf mich legte – ließ mich damals die Richtung wechseln. Ich begann, näher hinzuschauen: Aber ich näherte mich nicht den Dingen, sondern mir selbst. Anstatt hartnäckig der Bewegung des Auges nach außen zu folgen, zu klammern, schaute ich nunmehr von innen, nach Innen.

Unversehens verdichtete sich die Substanz des Universums wieder, nahm aufs neue Gestalt an und belebte sich wieder. Ich sah, wie von einer Stelle, die ich nicht kannte und die ebensogut außerhalb meiner wie in mir liegen mochte, eine Ausstrahlung ausging, oder, genauer, Licht. Das Licht war da, das stand fest.

Ich fühlte eine unsagbare Erleichterung, eine solche Freude, dass ich darüber lachen musste. Zuversicht und Dankbarkeit erfüllten mich, als ob ein Gebet erhört worden wäre. Ich entdeckte das Licht und die Freude im selben Augenblick, und ohne Bedenken kann ich sagen, dass sich Licht und Freude in meinem Erleben seither niemals mehr voneinander getrennt haben: Ich besaß sie oder verlor sie zusammen.

Ich sah das Licht. Ich sah es weiterhin, obwohl ich blind war. Und ich sagte das. Doch viele Jahre hindurch habe ich es nicht sehr laut gesagt. Ich erinnere mich, dass ich dieser Erfahrung, die sich ständig in mir erneuerte, bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr einen besonderen Namen gab: Ich nannte sie »mein Geheimnis«, und ich sprach darüber nur zu meinen engsten Freunden. Ich weiß nicht, ob sie mir glaubten, aber da sie meine Freunde waren, hörten sie mir zu. Und das, was ich ihnen erzählte, besaß für sie einen weit größeren Wert als nur den der Wahrheit: Es war schön. Für sie war es ein Traum, ein Zauber, etwas wie Magie.

Das Erstaunliche war, dass es für mich keineswegs Magie war, sondern die Wirklichkeit, die ich ebenso wenig hätte ableugnen können, wie jene, die Augen haben, leugnen können, dass sie sehen. Nicht ich war das Licht, dessen war ich mir wohl bewusst. Ich badete im Licht, einem Element, dem mich die Blindheit plötzlich näher gebracht hatte. Ich konnte fühlen, wie es heraufkam, sich ausbreitete, auf den Dingen ruhte, ihnen Form verlieh und zurückwich. Ja, zurückwich oder nachließ. Niemals jedoch gab es ein Gegenteil des Lichts. Die Sehenden sprechen immer von der Nacht der Blindheit. Von ihrem Standpunkt aus ist das ganz natürlich. Aber diese Nacht existiert nicht. Zu jeder Stunde meines bewussten Lebens – bis in meine Träume – lebte ich in kontinuierlichem Licht.

Ohne Augen war das Licht weit beständiger, als es mit ihnen gewesen war. Die Unterschiede zwischen hellen, weniger hellen oder unbeleuchteten Gegenständen, an die ich mich damals noch genau erinnern konnte, gab es nicht mehr. Ich sah eine Welt, die ganz in Licht getaucht war, die durch das Licht, wegen des Lichts lebte.

Auch die Farben – alle Farben des Prismas – bestanden weiterhin. Für mich – das Kind, das so gern zeichnete und malte – war das ein solch unerwartetes Fest, dass ich Stunden im Spiel mit den Farben zubrachte, und das konnte ich um so besser, als diese jetzt fügsamer waren als früher.

Das Licht breitete seine Farben auf Dinge und auch auf Wesen. Mein Vater, meine Mutter, die Leute, denen ich auf der Straße begegnete oder die ich anstieß, sie alle waren in einer Weise farbig gegenwärtig, wie ich es niemals vor meiner Erblindung gesehen hatte. Und diese Farben prägten sich mir jetzt als ein Teil von ihnen genau so tief ein, wie es ihr Gesicht vermocht hätte. Freilich waren die Farben nur ein Spiel, während das Licht meine Existenzberechtigung war. Ich ließ es in mir emporsteigen wie ein Brunnen das Wasser, und ich freute mich ohne Ende.

Ich verstand nicht, was mit mir geschah, es widersprach so vollkommen all dem, was ich sagen hörte. Ich verstand es nicht, aber das war mir auch nicht wichtig, denn ich lebte es. Lange Jahre versuchte ich gar nicht, diese Vorgänge in mir zu erforschen. Erst viel später habe ich mich darum bemüht; aber es ist noch nicht Zeit, darüber zu sprechen.

Ein solch beständiges und intensives Licht überstieg meine Begriffe in einem Maße, dass ich manchmal an ihm zweifelte. Wie, wenn es nun gar nicht Wirklichkeit war? Wenn ich es mir nur eingebildet hatte? Dann genügte es vielleicht, sich das Gegenteil oder einfach etwas anderes vorzustellen, um es mit einem Schlag zu vertreiben. So kam ich auf die Idee, es auf die Probe zu stellen, ja, ihm Widerstand zu leisten.

War ich abends im Bett und ganz allein, schloss ich die Augen. Ich ließ die Augenlider sinken, wie ich es einst, als sie noch meine leiblichen Augen bedeckten, getan hatte. Ich redete mir ein, dass ich hinter diesem Schleier das Licht nicht mehr sehen würde. Aber es war noch immer da, es war ruhiger denn je, wie das Wasser eines Sees am Abend, wenn der Wind sich gelegt hat. Da raffte ich all meine Energie, all meinen Willen zusammen und versuchte, den Strom des Lichts aufzuhalten, so wie man versucht, den Atem anzuhalten.

Sogleich entstand eine Trübung, oder besser: ein Strudel. Aber dieser Strudel war in Licht getaucht. So sehr ich mich mühte, ich konnte diese Anstrengung nicht sehr lange aushalten, vielleicht zwei oder drei Sekunden. Gleichzeitig empfand ich eine Angst, als ob ich eben etwas Verbotenes täte, etwas, das gegen das Leben gerichtet war. Es war, als ob ich zum Leben das Licht ebenso brauchte wie die Luft. Es gab keine Flucht mehr: Ich war der Gefangene dieser Strahlen, ich war zum Sehen verdammt.

Beim Schreiben dieser Zeilen mache ich denselben Versuch noch einmal – mit demselben Ergebnis, nur dass mit den Jahren die ursprüngliche Quelle des Lichts noch stärker geworden ist.

Mit acht Jahren ging ich aus diesem Versuch mit neuem Mut hervor; ich hatte das Gefühl, neu geboren worden zu sein. Da nicht ich es war, der das Licht hervorbrachte, da es von außen zu mir kam, konnte es mich also niemals mehr verlassen. Ich hatte das Licht in mir, obwohl ich dafür nur ein Durchgangsort, ein Vorhof war. Ich hatte das sehende Auge in mir.

Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte.

Wenn ich, anstatt mich von Vertrauen tragen zu lassen und mich durch die Dinge hindurch zu stürzen, zögerte, prüfte, wenn ich an die Wand dachte, an die halb geöffnete Türe, den Schlüssel im Schloss, wenn ich mir sagte, dass alle Dinge feindlich waren und mich stoßen oder kratzen wollten, dann stieß oder verletzte ich mich unweigerlich. Die einzige Art, mich im Haus, im Garten oder am Strand leicht fortzubewegen, war, gar nicht oder möglichst wenig daran zu denken. Dann wurde ich geführt, dann ging ich meinen Weg, vorbei an allen Hindernissen, so sicher, wie man es den Fledermäusen nachsagt. Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst: Sie machte mich blind.

Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie trübten alles. Eine Minute zuvor kannte ich noch genau den Platz, den alle Gegenstände im Zimmer einnahmen, doch wenn mich der Zorn überkam, zürnten die Dinge mehr noch als ich; sie verkrochen sich in ganz unerwartete Winkel, verwirrten sich, kippten um, stammelten wie Verrückte und wirkten verstört. Ich aber wusste nicht mehr, worauf meine Hand legen, meinen Fuß setzen, überall tat ich mir weh. Dieser Mechanismus funktionierte so gut, dass ich vorsichtig wurde.

Wenn mich beim Spiel mit meinen kleinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden Preis als erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Das Erstaunlichste geschah aber bei Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, missgünstig oder gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, dass ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? Was brauchte ich einen Moralkodex, wo ich doch in mir ein solches Instrument besaß, das rotes und grünes Licht gab: Ich wusste immer, wo man gehen durfte und wo nicht. Ich hatte nur auf das große Lichtsignal zu sehen, das mich lehrte zu leben.

Es war dasselbe mit der Liebe. Hören Sie nur! In dem Sommer nach meinem Unfall brachten mich meine Eltern an die Küste. Dort lernte ich ein kleines Mädchen meines Alters kennen. Ich glaube, sie hieß Nicole. Sie trat in mein Leben ein wie ein großer, roter Stern oder eine reife Kirsche. Gewissheit hatte ich lediglich darüber, dass sie rot war und leuchtete. Ich fand sie so reizvoll, und dieser Reiz war so lieblich, dass ich abends nicht nach Hause zurückkehren und fern von ihr schlafen konnte, weil sie mir sogleich auch ein wenig Licht verlieh. Um es vollkommen wiederzufinden, musste ich sie wiederfinden; es war, als bringe sie es in ihren Händen, ihren Haaren, ihren Füßen, die nackt durch den Sand liefen, und in ihrer Stimme.

Natürlich hatten all die roten Leute auch ihre roten Schatten. Wenn sich Nicole zwischen zwei Pfützen mit Salzwasser unter den liebkosenden Strahlen der Sonne zu mir setzte, sah ich rötliche Reflexe auf den Zeltwänden; selbst das Meer, das Blau des Wassers, nahm einen purpurnen Schimmer an. Ich folgte ihr in dem roten Kielwasser, das sie hinter sich herzog, wo sie auch ging.

Wenn jetzt jemand sagte, diese Farbe sei ja die Farbe der Leidenschaft, dann könnte ich nur erwidern, dass ich das weiß, seit ich acht war.

Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, dass alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man eine Sprache zugesteht, nein, auch die anderen: die Hoftore, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen.

Schon vor meinem Unfall liebte ich die Töne, und doch: aufmerksam kann ich ihnen nicht gelauscht haben. Seitdem ich blind war, konnte ich keine Bewegung mehr machen, ohne nicht eine Flut von Geräuschen auszulösen. Betrat ich abends mein Zimmer – dasselbe Zimmer, in dem ich früher niemals etwas hörte –, machte die kleine Stuckfigur auf dem Kamin den Bruchteil einer Drehung. Ich hörte ihre Reibung in der Luft, leicht wie die Bewegung einer Hand. Machte ich einen Schritt, weinte oder sang der Fußboden – denn ich konnte seine Stimme auf beide Weisen hören –, und dieses Lied pflanzte sich fort von einem Brett zum nächsten bis hin zum Fenster und erzählte mir von der Tiefe des Zimmers.

Wenn ich unvermittelt sprach, dann zitterten die Scheiben, die doch so fest in ihrem Kittrahmen verankert schienen. Gewiss sehr leicht nur, aber doch vernehmlich: ein Geräusch, das heller und munterer war als die anderen und bereits die frische Luft von draußen ankündigte. Jedes Möbelstück knarrte – einmal, zweimal, zehnmal. Das brachte eine Kette von Tönen hervor, die sich minutenlang wie Gebärden ausnahmen: Bett, Schrank, Stühle streckten sich, gähnten und holten wirklich Atem.

Wurde die Türe von einem Luftzug zugestoßen, knarrte sie »Luftzug«; wenn eine Hand sie zuschlug, knarrte sie menschlich. Ich täuschte mich nie. Ich konnte die kleinste Vertiefung in den Wänden von ferne vernehmen, sie veränderte den ganzen Raum. Eine Ecke oder Nische ließ den gegenüberliegenden Schrank hohler klingen.

Es war, als wären die Geräusche aus früherer Zeit immer nur halb-wirklich, fern von mir, nur durch einen Nebel hindurch zu hören gewesen. Vielleicht schufen damals meine Augen diesen Nebel. Wie dem auch sei: Der Unfall hatte meinen Kopf gegen das geräuschvolle Herz der Dinge geworfen, und dieses Herz schlug und stand nicht mehr still.

Man denkt immer, dass Geräusche abrupt beginnen und enden. Ich entdeckte, welch ein großer Irrtum das war. Meine Ohren hatten die Töne noch nicht vernommen, da waren sie schon da, berührten mich mit ihren Fingerspitzen und führten mich zu ihnen hin. Oft konnte ich die Leute reden hören, bevor ein Wort über ihre Lippen gekommen war.

Die Töne waren dem Licht eng verwandt: Sie waren weder innen noch außen, sie gingen durch mich hindurch. Sie wiesen mir meine Position im Raum zu und verbanden mich mit den Dingen. Nicht Signale übermittelten sie: Sie gaben Antwort.

Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal an den Strand kam, zwei Monate nach meinem Unfall. Es war am Abend. Da war nichts als das Meer und seine Stimme, diese unvorstellbar deutliche Stimme. Es war zu einer Masse geballt, die so schwer und klar war, dass ich mich gegen sie hätte stützen können wie gegen eine Wand. Es sprach zu mir in mehreren Lagen gleichzeitig. Die stufenförmig angeordneten Wellen machten zusammen eine Musik, und doch hatte jede Ebene ihre eigene Sprache: Da war ein Kratzen auf dem Grund, ein Prasseln in der Krone. Man brauchte mir wahrhaftig nicht zu sagen, was Augen hier sahen.

Auf der einen Seite war die Wand des Meeres, das Murmeln des Sandes unter dem Wind, auf der anderen die Brüstung des Strandes, voller Echos, ein Spiegel von Tönen; sodass der Gesang der Wellen zweifach ertönte.

Man sagt gewöhnlich, die Blindheit schärfe die Fähigkeiten des Gehörs. Ich glaube nicht, dass das wahr ist. Nicht meine Ohren hörten besser als früher, sondern ich konnte mich ihrer besser bedienen. Gewöhnlich ist es das Wunderinstrument der Augen, das uns mit fast allen Reichtümern des physischen Lebens beschenkt. Aber wir erhalten nichts in dieser Welt, ohne es zu bezahlen. Und für all diese Vorteile, die uns die Augen geben, müssen wir auf andere, von denen wir gar nichts ahnen, verzichten. Jene flossen mir überreich zu.

Ich hatte das Bedürfnis, zu hören und nochmals zu hören. Ich mehrte die Geräusche nach Herzenslust. Ich ließ Glöckchen klingen, pochte mit dem Finger gegen alle Wände, erforschte die Resonanz von Türen, Möbeln und Baumstämmen, ich sang in leeren Räumen, warf am Strand die Kieselsteine weit fort, um ihr Pfeifen in der Luft und ihren Aufprall zu vernehmen. Ich ließ meine kleinen Kameraden alle möglichen Wörter nachsprechen, während ich mir Zeit – viel Zeit – nahm, um sie herumzugehen.

Das überraschendste von allem war jedoch, dass die Töne niemals von einem einzelnen Punkt im Raum ausgingen, noch sich jemals in sich zurückzogen. Da gab es ein Geräusch, ein Echo, wieder ein anderes Geräusch, mit dem das erste verschmolz und das es vielleicht hervorgebracht hatte: eine endlose Verkettung von Tönen.

Von Zeit zu Zeit wurde dieses Tönen, aller Dinge dieses allgemeine Murmeln um mich herum so stark, dass mich Schwindel erfasste und ich die Hände auf meine Ohren legte, genau so, wie ich als Sehender die Augen geschlossen hätte, um mich gegen ein Übermaß an Licht zu schützen. Deshalb konnte ich auch keinen Lärm ertragen, keine unnötigen Geräusche oder ununterbrochene Musik. Ein Geräusch, dem wir nicht zuhören, ist ein Schlag gegen unseren Körper und unseren Geist. Denn ein Geräusch ist kein Vorgang, der sich außerhalb von uns abspielt, sondern eine Realität, die durch uns hindurch geht und dort verweilt, sofern wir sie nicht voll wahrnehmen.

Vor diesem Übel war ich durch musikalische Eltern bewahrt; sie unterhielten sich bei Tisch, anstatt das Radio anzuschalten. Doch das ist für mich nur ein Grund mehr zu sagen, wie wichtig es heute ist, blinde Kinder vor Geschrei, Musik aus dem Hintergrund und all jenen abscheulichen Angriffen zu schützen. Denn auf einen Blinden hat ein lautes und unnötiges Geräusch dieselbe Wirkung wie der blendende Strahl eines Scheinwerfers auf den, der seine Augen noch hat: Es schmerzt. Tönt dagegen die Welt voll und rein, dann ist sie noch viel harmonischer, als Dichter es je sagen konnten und können.

Jeden Sonntagmorgen spielte im Hof unseres Mietshauses ein alter Bettler drei Melodien auf seinem Akkordeon. Diese armselige, herbe Musik, die in regelmäßigen Abständen durch das metallische Schleifen der Straßenbahnen von der nahen Avenue übertönt wurde, gab dem Raum in der Stille des trägen Morgens tausend Dimensionen. Da war nicht mehr nur die fallende Senkrechte in den Hof hinunter und der waagerechte Zug der Straßen, da gab es so viele Wege von Haus zu Haus, von Höfen zu Dächern, wie meine Aufmerksamkeit nur erfassen konnte. Mit den Tönen kam ich zu keinem Ende; denn auch dies war eine Art von Unendlichkeit.

Zunächst gehorchten mir meine Hände nicht mehr. Wenn sie ein Glas auf dem Tisch zu fassen suchten, verfehlten sie es. Sie tappten um die Türklinken herum und verwechselten die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers. Sie schlugen in die Luft, wenn sie sich den Gegenständen näherten. Fast schien es, als seien sie entwurzelt, von mir abgeschnitten, und eine Zeitlang ängstigte mich das.

Glücklicherweise merkte ich sehr rasch, dass sie nicht nutzlos geworden waren; sie begannen, geschickt zu werden. Man musste ihnen nur Zeit lassen, sich an die Freiheit zu gewöhnen. Ich hatte geglaubt, sie gehorchten mir nicht mehr; in Wirklichkeit war es nur so, dass sie keine Anordnungen mehr erhielten. Meine Augen konnten sie nicht mehr befehligen.

Es war vor allem eine Sache des Rhythmus. Unsere Augen gehen immer über die Oberfläche der Dinge. Sie bedürfen nur einiger verstreuter Punkte, und blitzartig füllen sie die Zwischenräume. Sie erahnen viel mehr, als sie sehen, und niemals, oder fast niemals, prüfen sie die Dinge. Sie geben sich mit dem äußeren Schein zufrieden, und mit diesem gleitet die Welt glänzend vorbei, aber hat nicht ihren vollen Körper.

Ich hatte in Wirklichkeit nichts weiter zu tun, als meine Hände sich selbst zu überlassen. Ich brauchte ihnen nichts beizubringen, ja, seitdem sie in eigener Verantwortung arbeiteten, schienen sie alles im Voraus zu kennen. Im Gegensatz zu den Augen verhielten sie sich auf eine ernste Art. Von welcher Seite sie auch an einen Gegenstand herangingen, sie prüften ihn genau. Sie erprobten seine Widerstandsfähigkeit, lehnten sich gegen seine Masse und hielten auch die Unebenheiten seiner Oberfläche fest. Sie maßen ihn nach Höhe und Dicke, nach so vielen Linien des Raumes wie möglich. Vor allem aber hatten sie erkannt, dass sie über Finger verfügten und bedienten sich ihrer auf eine ganz neue Weise.

Als ich noch meine Augen hatte, waren meine Finger steif und am Ende der Hände halb abgestorben, gerade recht, die Bewegung des Greifens auszuführen. Jetzt hatte jeder von ihnen seine Initiative. Sie wanderten einzeln über die Dinge, spielten gegeneinander und machten sich, unabhängig voneinander, schwer oder leicht.

Die Bewegung der Finger war sehr wichtig. Es musste sogar eine ununterbrochene Bewegung sein. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass die Gegenstände starr an einen Punkt gebunden, auf immer an ihn gefesselt und in eine einzige Form gepresst sind: Die Objekte leben, selbst die Steine. Mehr noch: Sie vibrieren, sie erzittern. Meine Finger fühlten deutlich dieses Pulsieren, und wenn sie darauf nicht mit eigenem Pulsschlag anworteten, waren sie sogleich ohnmächtig und verloren ihr Gefühl. Wenn sie jedoch den Dingen entgegengingen, mit ihnen pochten, dann erkannten sie sie.

Doch es gab noch etwas Wichtigeres als die Bewegung: den Druck. Legte ich die Hand leicht auf den Tisch, so wusste ich, dass da der Tisch war, erfuhr aber nicht mehr über ihn. Um etwas zu erfahren, mussten meine Finger einen Druck ausüben, und das Überraschende dabei war, dass mir dieser Druck sogleich vom Tisch erwidert wurde. Ich – der ich als Blinder allen Dingen entgegengehen zu müssen glaubte – entdeckte, dass die Dinge es waren, die mir entgegengingen. Ich brauche immer nur den halben Weg zurückzulegen. Das Universum war der Komplize all meiner Wünsche.

Wenn jeder meiner Finger verschieden stark gegen die Rundung eines Apfels drückte, wusste ich bald nicht mehr, ob der Apfel schwer war oder meine Finger. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich ihn berührte oder er mich. Ich war ein Teil des Apfels geworden und der Apfel ein Teil von mir. So begriff ich die Existenz der Dinge.

Meine zum Leben erwachten Hände hatten mich in eine Welt hineingeführt, in der alles ein Austausch von Druck war. Dieser Druck verdichtete sich zu Formen, und alle diese Formen hatten einen Sinn. Ich muss in meiner Kindheit Hunderte von Stunden damit verbracht haben, mich gegen die Gegenstände zu drücken und sie sich gegen mich drücken zu lassen. Alle Blinden werden bestätigen, dass diese Geste, dieses Wechselspiel, eine zu tiefe Befriedigung gewährt, als dass man sie auch nur beschreiben könnte.

Auf diese Art – die richtige Art – die Tomaten im Garten zu befühlen, die Hausmauer, den Vorhangstoff oder einen Erdklumpen, heißt, sie zu sehen, sie fast ebenso genau und vollständig zu sehen, wie es Augen vermögen, aber es bleibt mehr als sie zu sehen: Es heißt, sich auf sie einzustellen, gleichsam den elektrischen Strom, den sie enthalten, an jenen Strom, mit dem wir geladen sind, anzuschließen, anders ausgedrückt, nicht mehr vor den Dingen zu leben, sondern zu beginnen, mit ihnen zu leben; es heißt – so schockierend das Wort auch scheinen mag –: zu lieben. Die Hände können nicht umhin das, was sie richtig berührt haben, zu lieben.

Meine Hände entdeckten allmählich durch unaufhörliches Bewegen, Prüfen und Sich-Lösen vom Gegenstand – von allen Bewegungen kommt diesem möglicherweise die größte Bedeutung zu –, dass die Dinge niemals starr in ihrer Form verharren. Auf diese Form trafen die Finger als Erstes, aber als sei sie ein Kern, um den herum die Gegenstände nach allen Richtungen strahlten.

Es war unmöglich, den Birnbaum im Garten durch Berührung vollkommen zu erfassen, indem man mit den Fingern seinem Stamm, seinen Ästen und Blättern – selbst alle einzeln – entlangglitt. Das war nur ein Anfang, denn in der Luft, zwischen den Blättern, ging der Birnbaum weiter. Man musste unbedingt die Hände von einem Ast zum anderen gleiten lassen, um seine Ströme zu erkunden; so konnte man mich oft sehen, wie ich den Birnbaum aus einiger Entfernung untersuchte, anstatt ihn mit den Fingern zu befühlen.

Wenn mich meine Bauernkameraden während der Ferien in Juvardeil meine magischen Tänze um die Bäume herum machen und das Unsichtbare betasten sahen, sagten sie, ich sei wie ein rebouteux, so heißen in ländlichen Gegenden Frankreichs die Heiler, jene Leute, die im Besitz irgendeines alten Geheimrezepts sind und die Kranken durch magnetisches Streichen behandeln, manchmal auch aus der Distanz, nach Methoden also, die von der Medizin nicht anerkannt werden. Natürlich waren meine kleinen Freunde im Irrtum, doch er war entschuldbar. Ich kenne heute mehr als einen Fachpsychologen, der – mit all seinen wissenschaftlichen Kenntnissen – solche sinnlosen Gebärden nicht erklären kann.

Wie mit dem Tastsinn verhielt es sich auch mit dem Geruch: Wie der Tastsinn war auch er offensichtlich ein Teil der liebenden Seele des Universums. Ich begann zu erraten, was Tiere empfinden müssen, wenn sie schnuppern. Wie die Töne und Formen war auch der Geruch sehr viel ausgeprägter, als ich zuvor angenommen hatte. Es gab physische Gerüche, und es gab moralische Gerüche. Doch von denen – für das Leben in Gesellschaft so wichtigen – will ich später reden.

Ich war noch nicht zehn Jahre alt, da wusste ich schon – und mit welch vertrauensvoller Gewissheit –, dass alles in der Welt ein Zeichen von allem ist, dass jedes Ding allzeit bereitsteht, den Platz eines anderen einzunehmen, falls dieses ausfällt. Vollkommener Ausdruck für dieses ständige Wunder der Genesung war für mich das »Vater Unser«, das ich jeden Abend vor dem Einschlafen betete.

Ich hatte keine Angst. Andere würden sagen: ich hatte den Glauben. Wie hätte ich ihn nicht haben sollen – vor diesem sich ständig erneuernden Wunder: Alle Töne, alle Gerüche, alle Formen wandelten sich in mir unaufhörlich in Licht, das Licht wurde zu Farben und machte meine Blindheit zu einem Kaleidoskop.

Ich war zweifelsohne in eine neue Welt eingetreten. Aber ich war nicht ihr Gefangener. All meine Erfahrungen – mögen sie noch so wunderbar und von den gewöhnlichen Erlebnissen anderer Kinder meines Alters verschieden gewesen sein – machte ich nicht in einer inneren Leere, in meiner oder jener der anderen, in einem verschlossenen Zimmer. Ich machte sie in Paris zwischen Sommer und Herbst 1932, in der kleinen Wohnung beim Champ de Mars, und an einem Strand des Atlantik, in Gegenwart meines Vaters, meiner Mutter und eines kleinen Bruders, der gegen Ende des Jahres auf die Welt kam.

Ich will damit sagen, dass alle diese Entdeckungen von Tönen, Licht, Gerüchen, sichtbaren und unsichtbaren Formen unmittelbar ihren festen Platz zwischen dem Tisch des Esszimmers und dem Fenster zum Hof einnahmen, zwischen den Nippsachen auf dem Kamin und dem Ausguss in der Küche, mitten im Leben der anderen, ohne von ihm im mindesten beeinträchtigt zu werden. Diese Wahrnehmungen waren keine Phantome, die Unordnung oder Schrecken in mein Leben bringen wollten. Sie waren Tatsachen und für mich die allereinfachsten.

Doch es ist Zeit, darauf hinzuweisen, dass auf ein blindes Kind außer vielen Wundern auch große Gefahren warten. Ich spreche nicht von physischen Gefahren – sie können sehr gut umgangen werden –, auch nicht von einer Gefahr, welche die Blindheit selbst hervorrufen könnte. Ich meine die Gefahren, die ihm durch die Unerfahrenheit der Menschen drohen, die noch ihre Augen haben. Wenn ich selbst so glücklich gewesen bin – und dies mit soviel Nachdruck sagen kann –, so deshalb, weil ich vor jenen Gefahren beschützt worden bin.

Wie man weiß, hatte ich gute Eltern; nicht nur Eltern, die mir wohlwollten, sondern Eltern, deren Herz und Verstand den geistigen Dingen offenstanden, für die die Welt nicht ausschließlich aus nützlichen – und immer auf die gleiche Art nützlichen – Dingen bestand, für die es vor allem nicht gleich ein Fluch war, anders zu sein als andere Menschen; Eltern schließlich, die bereit waren einzugestehen, dass ihre – die übliche – Art, die Dinge zu sehen, vielleicht nicht die einzig mögliche war, bereit, die meine zu lieben und zu fördern.

Deshalb sage ich den Eltern, deren Kinder blind werden, dass sie wieder Mut fassen sollen. Die Blindheit ist zwar ein Hemmnis, doch zum Unglück wird sie nur, wenn noch Unverstand hinzukommt. Sie sollten wieder Mut fassen und niemals dem widersprechen, was ihr kleiner Junge oder ihr Mädchen entdeckt. Sie sollten niemals zu ihnen sagen: »Du kannst das nicht wissen, weil du nicht sehen kannst«, und so selten wie möglich: »Tu das nicht! Das ist gefährlich!« Denn es gibt für ein blindes Kind eine Drohung, die fürchterlicher ist als alle Wunden und Beulen, alle Schrammen und die meisten Schläge: die Isolierung in sich selbst.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, verbrachte ich lange Nachmittage in Gesellschaft eines blinden Jungen meines Alters, der – das muss ich hinzufügen – unter ganz ähnlichen Umständen erblindet war wie ich. Selbst heute habe ich wenige Erinnerungen, die so schmerzlich sind wie diese. Der Junge erfüllte mich mit Schrecken: Er war das lebende Bild all dessen, was aus mir geworden wäre, wäre ich nicht glücklich gewesen – glücklicher als er. Er war wirklich blind. Seit seinem Unfall hatte er nichts mehr gesehen. Seine Fähigkeiten waren normal, er hätte sehen können wie ich. Aber man hatte ihn daran gehindert. Um ihn zu schützen, hieß es, hatte man ihn von allem isoliert. All seine Anstrengungen, auszudrücken, was er empfand, hatte man verspottet. Aus Kummer und Rache hatte er sich in brutale Einsamkeit geflüchtet. Selbst sein Körper lag entkräftet in der Tiefe des Sessel. Und ich sah mit Schrecken, dass er mich nicht mochte.

Solche Tragödien sind häufiger, als man denkt, und um so furchtbarer, als sie immer vermeidbar sind. Man kann sie vermeiden, dazu genügt es – ich wiederhole es –, dass die Sehenden nicht denken ihre Art, die Welt zu verstehen, sei die allein gültige.

Mit acht Jahren begünstigte alles meine Rückkehr in die Welt. Man ließ mich herumtollen. Man antwortete auf alle Fragen, die ich stellte. Man interessierte sich für alle meine Entdeckungen, selbst für die sonderbarsten. Wie sollte ich zum Beispiel erklären, wie die Gegenstände sich mir näherten, wenn ich auf sie zuging? Atmete ich sie ein, hörte ich sie? Vielleicht. Auch wenn das schwer nachzuweisen war. Sah ich sie? Offenbar nicht. Und doch! Ihre Masse veränderte sich für mich im selben Maße, wie ich näher kam, oft sogar so sehr, dass sich – genau wie beim Sehvorgang – echte Konturen abzeichneten, dass sich im Raum eine wirkliche Form abhob und sich mit einzelnen Farben überzog.

Ich ging auf einer mit Bäumen gesäumten Landstraße, und ich konnte auf jeden der Bäume entlang der Straße zeigen, selbst wenn diese nicht in regelmäßigen Abständen gepflanzt waren. Ich wusste, ob die Bäume gerade und hoch waren, ob sie ihre Äste trugen wie ein Körper seinen Kopf oder ob sie, gedrungen wie Büsche, den Boden rings umher bedeckten. Diese Tätigkeit pflegte mich freilich sehr schnell zu erschöpfen; doch sie erreichte ihren Zweck. Und die Ermüdung kam nicht von den Bäumen – ihrer Zahl oder ihrer Form –, sondern aus mir selbst. Um sie auf diese Art wahrzunehmen, musste ich mich in einem Zustand halten, der von all meinen Gewohnheiten so sehr abwich, dass es mir nicht gelang, ihn längere Zeit beizubehalten. Ich musste die Bäume an mich herankommen lassen. Ich durfte nicht die geringste Absicht, auf sie zuzugehen, den geringsten Wunsch, sie kennenzulernen, zwischen sie und mich stellen. Ich durfte nicht neugierig sein, nicht ungeduldig, vor allem nicht stolz auf meine Heldentat.

Dieser Zustand ist indes nichts anderes, als was man gewöhnlich »Aufmerksamkeit« nennt; doch kann ich bezeugen, dass Aufmerksamkeit auf einem solchen Niveau nicht leicht fällt. Das Experiment mit den Bäumen am Rande der Straße konnte ich mit jedem beliebigen Gegenstand wiederholen, der eine gewisse – mindestens meine – Höhe hatte: mit den Telegraphenstangen, Hecken, Brückenbogen, den Häuserwänden entlang der Straße, ihren Türen, Fenstern, Vertiefungen und Schutthaufen.

Was die Gegenstände mir mitteilten, war, wie bei der Berührung, ein Druck, aber ein so neuartiger Druck, dass ich zunächst nicht daran dachte, ihn so zu benennen. Wenn ich mich ganz in die Aufmerksamkeit vertiefte und meiner Umgebung keinen eigenen Druck mehr entgegensetzte, dann legten sich Bäume und Felsen auf mich und drückten mir ihre Form ein, wie Finger ihren Abdruck in Wachs hinterlassen.

Diese Neigung aller Gegenstände, aus ihren natürlichen Grenzen herauszutreten, verursachte Eindrücke, die ebenso deutlich waren wie Sehen oder Hören. Ich brauchte nur mehrere Jahre, um mich an sie zu gewöhnen, sie ein wenig zu zähmen. Noch heute bediene ich mich – wie alle Blinden, ob sie es wissen oder nicht – eben dieser Eindrücke, wenn ich mich in einem Haus oder im Freien allein bewege. Später las ich, dass man diesen Sinn den »Sinn für Hindernisse« nenne und dass gewisse Tierarten, Fledermäuse zum Beispiel, anscheinend bis zu einem sehr hohen Grad damit ausgestattet sind.