Das Wiener Federviecherl-Palais - Franz Spichtinger - E-Book

Das Wiener Federviecherl-Palais E-Book

Franz Spichtinger

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Beschreibung

Am Rande von Wien entsteht ein Ort, wo Hühner, Gänse, Pfauen und andere Federviecherl gemütlich ihre Runden drehen und schnell zum Stadtgespräch in Rundfunk und Zeitungen werden. Hier werden alte Nutztierrassen wieder zum Leben erweckt, und Besucher dürfen nicht nur gaffen, sondern auch mitwissen. Ob Schulführung, Lehrer-Workshop oder einfach nur ein Platz zum Gackern - im "Federviecherlpark" soll jeder seinen Spaß haben und der Mensch nebenbei was über Ökologie und Biodiversität lernen, aber auch über handfestes Tun wie das Drechseln. Die Idee: irgendwas zwischen Bauernhofidyll, Kunsthandwerk und Bildungsutopie. Ein lebendiger Ort voller Überraschungen, ganz im Wiener Stil: ein bisschen klassisch, ein bisschen chaotisch, aber immer herzlich. Und weil man in Wien mit einem süßen Krapfen und einem Glas Wasser so lange in ein Gespräch verwickelt wird, bis man plötzlich die ganze Habsburger-Dynastie erklärt bekommt, haben auch die Herrschaften aus der feinen Gesellschaft weit mehr zu besprechen als ihre Eindrücke übers liebe Federviecherl. Ein Roman, gewachsen aus einer langen Zeit des Schauens und Hörens - mitten in Wien, wo Kaffeehäuser denken helfen und die Kopfsteinpflaster Geschichte flüstern.

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Seitenzahl: 558

Veröffentlichungsjahr: 2025

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FRANZ SPICHTINGER wurde 1941 in Plöss, einem Dorf an der böhmisch-bayerischen Grenze, geboren. Nach der Vertreibung und Flucht aus der Heimat ließ sich die Familie in der benachbarten Oberpfalz nieder. Der Neuanfang, der Aufbau neuer Beziehungen und Lebensverhältnisse und die Vielfalt persönlicher Ereignisse in den Wirren der Nachkriegszeit haben sich auch in seinem Leben niedergeschlagen. Der Autor studierte Erziehungswissenschaften und Religionspädagogik an der Katholischen Pädagogischen Hochschule Eichstätt. Danach war er als Volksschullehrer und schließlich als Schulleiter tätig. Ein Schwerpunkt ist seit Jahrzehnten im Rahmen der Erwachsenenbildung die Auseinandersetzung mit Fragen der Gesellschaftspolitik und der Religionen. Franz Spichtinger ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Informationen zu den bereits veröffentlichten Romanen des Autors finden Sie im Anhang.

Für Gertrud

Prolog

Wien – die Stadt der europäischen Geschichte, der klassischen Sachertorte und der unermüdlichen Kaffeehaus-Gespräche – das wär zu kurz gegriffen. Wien, die Hauptstadt von Österreich, hat eine ganz eigene Art, sich in die Herzen der Besucher zu schleichen – und das ganz ohne jede Aufdringlichkeit, dafür aber mit einer Portion Charme, die selbst den grimmigsten Tourist zum Schmunzeln bringt. Man könnte meinen, die Stadt sei das epische Resultat aus einem jahrhundertealten, notwendigen Kulturprogramm, das die Schöpfung a priori aufgelegt hat, und dem Wunsch, das Leben in Zeitlupe zu genießen.

Trotzdem: Überall in Wien riecht es nach Geschichte – und nach Kaffee. Und irgendwie ist beides untrennbar miteinander verbunden. Wer in einem der weltberühmten Kaffeehäuser Platz nimmt, wird nicht nur von der Gemütlichkeit überrollt, sondern auch von einer Bedienung, die einem den Kaffee so serviert, als wäre er das geheime Rezept der Welt. In diesem Augenblick fragt man sich: Ist das jetzt der Kaffee, der mich wach macht, oder bin ich es, der von diesem Kaffee verzaubert wird? Natürlich könnte man mit der Fragerei kein Ende machen, so beispielhaft fragt man, warum wurde ein gewisses wienerisches Menschenkind gerade an diesem schönen Fleck Erde unschuldigst ins Leben gesetzt und die weitere Frage gleich anschließend, warum denn blieb diese herangewachsene Frau oder auch der später handsame Mann denn überhaupt in Wien.

Wien hat auch diese charmante Art, die Besucher mit seinem „Gemütlichkeitstrick“ in die Tiefe der lokalen Kultur zu locken. Das bedeutet: Man wird mit einem süßen Krapfen und einem Glas Wasser so lange in ein Gespräch verwickelt, bis man plötzlich die ganze Habsburger-Dynastie erklärt bekommt – und das alles, während man sich in einer prachtvollen Atmosphäre befindet, die sich wie ein höchst erquickender Museumsbesuch anfühlt. Do bleib i, da geh i nimma furt.

Merke: Wer also denkt, Wien sei einfach nur die Stadt der „Klassik“ und der „Wiener Philharmoniker“, hat den wahren Zauber noch nicht entdeckt. Denn hier geht es nicht nur um Musik, sondern vor allem um die Kunst des gemütlichen Lebens. Und um den kleinen sommerlichen Weg durch ein schmales Gassl, das Ausrutschen wird einem im Winter auf den akkurat acht auf acht auf acht Zentimeter sauber geschlagenen und dann auch noch ordentlich gesetzten Pflastersteinen leicht gemacht. Auch ein Abstecher durch die untere oder hintere, durch die obere Stadt. Und wer sich diesem Zauber entziehen kann, hat entweder zu wenig Kaffee oder zu viele ungebetene Touristen auf seinem Weg. Goar an sanem Tischerl steh?

In Wien ist es übrigens nicht unhöflich, wenn man sich einmal für ein, zwei Stunden auf die Fensterbank des Praters setzt, während die Wiener Riesenrad-Kabinen vorbeiziehen – das gehört zum „Slow-Living“-Konzept, und was ein sprachliches Leih-Produkt aus dem Amerikanischen ist und als Konzept für die Wiener Kindererziehung tauglich sein kann. Und das ist die eigentliche Kunst, die in dieser Stadt erlernt werden muss: Langsam, aber bestimmt, mit einer Portion Humor und einem Hauch von „Es ist alles schon passiert, bevor es passiert ist“.

Oder: „As Leben is so, wia es ist, warats anders, na warats gewiss anders, aber a so, wias eben ist.“

Herr Jaschek sagt zu Herrn Hilatschek, also und retour – oder mit dem leichten Übermut eines Paganini, der in der Opernloge plötzlich den Filibuster für sich entdeckt hat

„Ham Sie, Herr Hilatschek, die Zeitung schon gelesen? Also, sag ich, welch herrlich wilde Sammlung an Begriffen – klingt, als wolle jemand eine Glosse schreiben, die sich nicht unterkriegen lässt von Linearität, Absätzen oder gar der Schwerkraft gewöhnlicher Logik, was? Na dann, los geht’s: Man schreitet also die Balustrade der sogenannten Realität entlang, mit dem leichten Übermut eines Paganini, der in der Opernloge schlagartig den Filibuster für sich entdeckt hat – nicht als politische Taktik, sondern als klassizistisch alterierender Lebensstil, als hochkünstlerische Form der Prokrastination, bei der man einen langen Turn durch den Tag dreht, bei dem man sich zwischen dem dritten Espresso und dem achten offenen Tab auf dem Smartphone einredet, es sei alternativlos, noch eine Treppe höher zu steigen, obwohl oben längst niemand mehr wartet, weil sich dort nur ein vergessen geglaubter Geigenbogen in inquisitorischer Pose windet wie ein störrischer Gedanke im Hinterkopf eines Tolstoi beim Redigieren des elften Epilogs.“

Dann war eine Ruhe, wollten die beiden Herren sich doch ein wenig der Bedachtsamkeit hinbeschenken, etwas dem absichtslosen in die Ferneschauen, dem nächsten Schluck Kaffee, optima cafea in domo, und sich dem Käsekuchen widmen et alia talia praeclara optionalia.

Und der Jaschek braucht heute ein Reden, ist’s ihm doch so ums Herz. „Denn die regulären Auseinandersetzungen – ach, die führen ohnehin nur in jene Konferenzräume der Menschheit, in denen sich Bestell-Informationen, Weltveränderung und seelische Blüte auf Power-Point-Folien einverleiben, während wir Zuhause sitzen, mit einer Tasse Tee, die längst kalt ist, und uns gegenseitig so weit geben, wie wir gerade noch wahrnehmen können, ohne den Blick zu heben – nur um dann doch gemeinsam festzustellen, dass alles irgendwie eine wahnsinnige Bedeutung ergibt, oder auch nur schwerblütigen Sinn, sobald man die Kaffeetasse auf den Kopf stellt und sie Gedankenschale nennt.“ Und der Hilatschek schaut an die Decke, ob er sich des Jascheks lässig unwichtiger Rederei hingibt oder selber so einen Schmarren sagen will, unbedacht und nur dahingeredet? Aber er steht noch immer. Schaut auf den sitzenden Hilatschek, dreht seinen Hut in der linken Hand.

Hilatschek: „Ich hobs auf anen Satz glesen und grüaß Gott, Herr Jaschek. Setzen Sie sich doch. Die Stühle da sind recht angenehm zu besetzen, was? Aber natürlich hab ich’s glesen und irgendwie entweder schlagt’s auch in ane aufrührerische Stimmungsmache um oder einfach Kauderwelsch, wos?“

Jaschek: „Natürlich, mein Lieber – man hat da eine wunderbare Wortmenagerie eingeschenkt wie einen kräftigen Mokka im Café Central, also hier da, um dir und mir einen kleinen Text zu servieren, der nach Marmorplatte, Rauchkringeln und halblautem Spott klingt. Voilà: Man sitzt also da – irgendwo zwischen Kartäuser-Nachmittag und Kartausen-Stimmung – an einem dieser kleinen, wackligen Tische, wo doch die Schaukästen mehr über den Zustand der Gesellschaft verraten als die Tageszeitung, die auf Seite drei schon wieder das „Konsortium für qualitativ hochwertige Produkte zu günstigen Preisen“ in Szene setzt, als sei das Leben selbst nur eine gut bebilderte Debatte mit Rabattcode. Und wie geht‘s so, macht as Kreuz noch zu schaffen, mir schon, die Sitzerei is es. Ich moan bloß.“

Jaschek: „Die Orchideenhändlerin von gegenüber klebt gerade handschriftliche Preisschilder in ihre Vitrine, als wollte sie der Welt versichern, dass Schönheit weiterhin existiere – wenn auch alternierend, saisonabhängig, mit Blattlausrisiko. Und während draußen der „Spaziergang“ nun „mobil“ heißt und das Flanieren durch die Straßen auf einen „heuristischen Content-Optimierungsprozess“ reduziert wird, hält man sich innen an den Trost des Kaffees – samtig, süß, leicht bitter. Also sama ruhig und trinkn ma noch anen Schluck und schön heiß is er schon am besten, wos?“

Hilatschek: „Natürlich, natürlich, sog ich, man könnte sich empören. Über Kostümierungen des geradewegs hechelnden Fortschritts. Über Begriffe wie „alternativlos“, die sich inzwischen mit dem Ton eines Inquisitors in den Diskurs einschleichen. Aber wozu? Herrgott nu amol, heit zwickt es mi schon gscheit und kane Einreibung hilft und immer Tabletten, weiß nicht. Hier drinnen, hinter dem leicht angelaufenen Fensterglas, durchschaut man das Leben ohnehin besser: süffisant, mit Blick auf eine alltägliche Welt, die sich zusammenklebt und nennt es „Gemeinschaft“, und dabei doch nur in Schönschrift formuliert, dass „morgen auch hübsch“ sei – was immer das heißt. Und bittschön, schaugn mir uns um und lauter Deppn.“

Jetzt trinken die Herren und trinken einen Schluck Kaffee und gut ist beides. Und dann gehen sie.

Jaschek und Hilatschek treffen einander nicht im Café Central

Es sind gute drei Wochen vergangen und man hat sich sozusagen jetzt einander einbestellt. Herr Hilatschek und Herr Jaschek, alte Bekannte, unermüdlich in ihrer je individuellen Missbilligung der Zustände, trafen sich wieder einmal, dieses Mal im fünften Stockwerk eines Gebäudes, das offiziell für „Zukunftsfragen des kindlichen Daseins im Kontext universitärer Fragenwelten“ vorgesehen war. Inoffiziell jedoch Bühne genug bot für jene theatrale Auseinandersetzung, die sich stets entspann, sobald die beiden Herren auch nur einen Kaffee gemeinsam konsumierten – was selten genug vorkam und doch immer wieder geschah, wie Blattläuse zur Orchidee sich an- und hingezogen fühlen. Schon as Hingehen ins Cafè Central, dann as Hinsetzen und schaun und alles is beim Alten und der Geruch, irgendwie morgendlich frisch, aber den Kaffee riecht man bereits. Und: Nicht zu vergessen, einen kleinen Ausweg bot es da oben, denn das Cafe Central wird ja geweißelt. Was der neue Aufzug hier in derer neuen Bude reinweg egalisiert, fünfte Etage.

Hilatschek: „Also bitte, Herr Jaschek“, begann Hilatschek, während er mit einer Mischung aus kleinem Zorn und Judo versuchte, seinen Mantel vom kleinen Pult zu ziehen, besser zu zerren, auf dem er ihn achtlos abgelegt hatte – „eine Unfallversicherung gratis, nur weil der Schulweg jetzt offiziell als unfallträchtig gilt? Das ist doch kein Fortschritt, das ist Realsatire mit Fußnote! Und fahrn sie die Kinder, kloane Kröpf mit anem je eigenen Willen, bis ins Klassenzimmer rein und schüttens der Frau Lehrerin vor die Füße, die Kröpf.“ So reden sie und auch konkret werden sie weiterhin.

Jaschek: „Und was wäre Ihre Alternative, Herr tropfnasser Herr, Sie Flüchtender der Verantwortung?“, konterte Jaschek, und lacht süffisant bis trivial, er, der Jaschek, der sich genüsslich zurücklehnte, als hätte der heilige Augustinus selbst ihm soeben eine Fußnote zugeflüstert, die jede Rede über Redefreiheit an dieser hiesigen Universität wie einen Theaterzettel aus dem letzten Jahrhundert aussehen ließ: schön gefaltet, aber längst vergessen.“

Hilatschek: „Irgendwie, schauns raus, no interessant. Und wie die Sachlage sich darstellt, könnte es dich vor lauter Lachen beuteln wie an nassen Hund und draußen verirren sich verworrene Nebelschwaden zwischen den modisch alternierenden Halbneunuhr-Strampelhosen-Jeans-zerrissenes-Knie-ist-modern ersten Vorlesungsteilnehmendern, die nicht wissen, wer Shakespeare war, aber sich sicher waren, dass er heute ein, der personifizierte TikTok-Kanal wäre. Kinder sans ja alle, alle sans noch Kinder und denen ane Verantwortung geben, es ist zu früh.“ Drinnen klopfte jemand energisch mit einem Stück Kreide auf den Rand der Bühne – „Wer haut hier eigentlich hin, und wer haut zurück, in dieser scheußlichen Debatte der kaum subalternen dreiteufelsnamenhaften Begriffsverrenkungen?“ – Es dürfte der Regisseur von der Kleinbühne neben dem Café Central Nummer 2 für drei Tage sein, wer sonst?“

Jaschek: „Is wos, scheint, es is wos, aber wos, werden die uns nicht sogn, Theatralische und dafür Steuern, wos is, was sagst dazu?“

Doch es war zu spät: Medienpräsenz war eh nur noch ein Algorithmus, den man koordinieren musste, bis alle vergessen hatten, wofür er ursprünglich gedacht war.

Der Hilatschek klopfte in rhythmischen Attacken auf einen freien Fleck auf dem Tisch und hatte aufzupassen, dass er weder Kuchenteller noch Kaffeetassenuntersetzer traf, wäre ein Malheur, an varrecktes Malheur, dös.“ Es is a Zeichen aner gewissen Nervosität, quaedam nervositas subalterna. Und: „Früher ham sie alle Latein glernt, jetzt sama alle Neusprachlich, as Neusprachliche gibt sich von selber dazu wie die Wurst in Kartoffelbrei rein.“

Jaschek: „Und inmitten all dessen, fragt keiner nach dem Krieg. Denn niemand glaubte mehr, dass er nicht längst angefangen hatte.“ Und sie trinken wieder und essen wieder das gleiche Stück von dem Kuchen und ein Batzerl Schlagsahne, was die Frau Ilonka bringt, eine aus nebenan wo es ins Ungarnland reingeht, auf der Straße gleich das erstbeste Dorf, drüben. Hilatschek: „Selbstverständlich, sagen sie draußen, denn Krieg ist, wo er auch spielt, ein Krieg und keine Dotschfresserei und sterben tuns alle.“ Hilatschek und Jaschek sind bereit für ihre nächste Begegnung, irgendwo zwischen Amtsschimmel und Dichtung, flankiert von universitären Strampelhosen und staatsfinanzierten Bühnenvorhängen. Einfach alles zu bereden, Wien in seinen dunkleren Positionen, auch weltlich globale Vorgänge. Lehnen sich in ihre wirklich alten Sessel und reden dann aufeinander ein und manchmal auch so nebenher und nebenbei, weil ja Krieg ist. „Und, wost hinlangst hängt er, der Apriorismus“, sagt der Hilatschek „und was sagn Sie, Herr Studiosus, zu dieser sogenannten Letztbegründung und im Sinne von Kants Starrsinn, is as Alter, und er legte Wert drauf, was sagn Sie also dazu. Und nixe hot er gsagt, gschluckt hot er, sag ich, wird scho nu.“

Jaschek: „Es wird wieder einer dieser Tage sein, an denen der Wind durch die frisch sanierten Universitätskorridore zieht, als hätte ich selbst eine Vorlesung gehalten in „Ethik und Erschöpfung im Spätkapitalismus“, und sie wissen ja, lieber Hilatschek, während wir mit entschlossenem Schritt unserer Pflicht nachkommen würden, kann mans nicht von allen erwarten oder? Ich glaube nicht:“

Dann schauen die Herren Hilatschek und Jaschek aus dem Fenster dieser hohen Etage, wo hinauf ein Fahrstuhl fährt, man sieht da drüben, jedoch mit auffällig leichtem Aktenkoffer, auf dem Weg zum Senatszimmer ist er, den Herrn Universitätsprofessor Dr. Perlmann, der im Kirchenchor Sankt Michael singt, einen Tenor hat er, weiß ein jeder und Respekt, vielleicht ist er es, mit dem Schwung, den er hat, man müsse, so hieß es, in der Universität über Redefreiheit sprechen, endlich, als ließe sie sich durch Umlaufbeschluss bewahren.

„Und anen Hauch von 1848 und wir hätten sie uns alle erspart und Leid und Tod und Ungemach.“

„Redefreiheit!“, rief Herr Hilatschek, der am Klo war, der nun wie aus dem Bühnenboden aufgetaucht war, um Jascheks Anzugknopf zu kritisieren, und er lachte, „ist heute doch nur noch das Recht, sich in Talkshows wechselseitig zu unterbrechen – oder auf dem Schulweg von einer Kamera erfasst zu werden, weil man vergessen hat, dass sogar die Unfallversicherung gratis ist, wenn sie werbewirksam aussieht. Die Jungen sagn, sie hätten anen shit, anen shit oder wenns mehr sein darf, is alles shit und unauffällig sitzt man dann in anem echten shit, wie es halt eben ist.“

Hilatschek und Jaschek lachen drauflos und trinken einen Schluck Kaffee, der alte ist kalt und Hilatschek schreit der Ilonka, sie soll das kalte Gebräu wegschütten und einen neuen Kaffee draufgießen. „Sakrafix“ lacht der Hilatschek und klatscht sich auf den eigenen rechten Oberschenkel, „ehj, Sakrafix sog ich.“

„Sie, Herr Hilatschek, verwechseln Judo mit Journalismus“, schnarrte Jaschek, während er durch den Rauch und das weiße Farbengespritz im Foyer navigierte, in dem drei Studierende mit kleinen Pulten herumhasteten, in sog. Strampelhosen, die so eng saßen, als wollten sie selbst Teil eines Koordinatensystems werden, in dem Shakespeare endgültig als Content-Creator mit Dreiteufelsnamen reinkarniert war oder auch als inkarnierter Wellness-Frosch a priori. „Und was kriegn sie, wann sie ihren Master ham, is wie’s is, ham wir auch klan angefangen. Zeit vergeht und alleweil die Ziererei mit dem Gehalt.“

Hilatschek: „Und Strampelhosen, hama schon gredt davon, nichts Neies auf der Welt und im universellen Kontext der Blödheit.“

Die Bühne war wie immer für eine Aufführung von denen Studentinnen und Studenten von drüberhalb aus der Universität bereitet, der Vorhang halb geschlossen, der Diskurs halb offen, die Medien ganz daneben. Draußen flatterte eine Fahne, wahrscheinlich die für Nachhaltigkeit, während drinnen die Diskussion über „Zeugen, Gebären, Begriffe, die früher mal heilig waren“ so willkürlich verlief, als hätte der heilige Augustinus seinen Kommentar mit einem Emoji beendet.

Hilatschek und Jaschek sehen sich fehl am Platz, sind keine Studierenden mehr, aber interessieren sich.

„Ich frage mich, Hilatschek“, sagte Jaschek leise, „wer hier eigentlich wen haut – sinnbildlich, versteht sich –, während alle vom fünften Stockwerk aus über Dinge urteilen, die unten längst verwachsen sind mit Asphalt und Enttäuschung. Oder, und die Frau Berglen, eine Salzburgerin, drall und prall voller Leben, überlegt, was sie zum Mittagessen hinsetzt, Geld ist kanes im Haus und hat ihr Benedikt alles versoffn, versoffen! Jawoi, sag ich, versoffen, die Sau, die elendige, und sie überlegt, soll sie es aushalten oder erst in zwoa Jahrn gehen und was dann.“

Hilatschek schwieg, was selten geschah, und sah zum Fenster hinaus, wo die Orchideenhändlerin ihren Stand abbaute.

„Vielleicht“, murmelte er schließlich, „müssen wir nicht mehr alles wissen. Vielleicht genügt es manchmal, zu ahnen, wo der Zwirn endet.“

Jaschek informierte den Hilatschek dahingehend, er hätte nicht nur hier zu Wien seinerzeit studiert, wäre auch drüben in München gewesen, drei Semester, zwei verbummelt und Freiburg dann den Abschluss in der Musik, Komposition und den Doktor in der Philosophie, bei Prof. Lorenz van Laurenzen, nahe der Niederlande. Hilatschek verwies auf Wien hier, Prag wegen der tschechischen Sprache und der Oma mütterlicherseits und die Zeit vergeht, und Budapest und er hätte nichts bereut.

Der heilige Franz Xaver persönlich kauft eine Flasche Franzbranntwein

Die Sonne hatte gerade erst begonnen, sich über die abwechselnd getakteten Dächer von Margareten zu schieben, als Herr Hilatschek sich im hinteren Waggon des Regionalexpresses niederließ – nicht ohne einen gewissen Widerwillen gegenüber der samtblauen Polsterung, die ihm stets zu pädagogisch erschien. Herr Jaschek hingegen, bereits installiert im gegenüberliegenden Sitz, studierte mit jener Mischung aus Gleichmut und sehr konkreter Genugtuung die Frühstücksverpackung eines belegten Laugenbrötchens, auf der in vier Sprachen auf eine „abgefüllte Frische“ hingewiesen wurde.

Hilatschek: „Wussten Sie eigentlich, Jaschek, dass man jetzt in Josefsdorf drüben beträchtlich große Bühnen aufstellt für sogenannte Debatten mit Frieden und Freiheit in Wien?“, begann Fritz Hilatschek, der versuchte, seine Aktentasche so zu platzieren, dass einerseits die Reisetasche seiner Würde, andererseits aber auch dem Anorak des Kindes gegenüber keinen Platz wegnahm. „Und zwar saniert – wie alles, was heute nicht mehr neu, sondern nur noch im Dialog mit der Gegenwart ist!“

Hans Jaschek runzelte die Stirn, als habe er eben in der Zeitung gelesen, dass der heilige Franz Xaver persönlich eine volle Flasche Franzbranntwein gekauft hätte für seinen Ischias und dann für die alten Semester eine Werbung treibt. Motto für die Werbung: Ein guter Wiener pflegt sein Ischias – und jeder Wiener ist ein guter Wiener, wenn ihn sein Ischias plagt. Und das viele Sitzen ist das neue Rauchen.

„Die Redefreiheit an der hiesigen Universität“, sprach er gedehnt, „korrespondiert derzeit nur noch mit dem Mut, vergessen zu werden, sobald das Mikrofon abgeschaltet ist.“ Dann blickte er aus dem Fenster – grauer dreckiger Matsch auf den Straßen und stinkender Rauch von irgendwoher in der Luft, ein Judo-Verein an einer Bushaltestelle, ein kleiner kaputter und still über Nacht entsorgter Hasenstall auf einer Wiese, das dort niemand erwartet hatte. Er ist also kein Protestler, er ist ein besorgter Entsorger, der sich um seinen Dreck kümmert und in der Nacht sind alle Katzen grau, aber auch alle Hasenställe.

Fritz Hilatschek: „Ich habe gestern einen besoffenen GI aus Milwaukee getroffen“, sagte er plötzlich, „der koordiniert jetzt mit Appetit Social-Media-Kampagnen gegen willkürliche Begriffsverwendung. Nennt sich Lexikon-Aktivist. Trägt Zwirn, mit Stolz. Erinnern Sie sich an gestern oben im 5. Stock, eine Etage zu viel für mich, wird mir schwindlig, wenn ich rausschau.“

Ein kaum hörbares Lachen entrang sich Hans Jaschek. „Geh ich mit meinem Kopfweh, lassen wir es sein. Und was ist mit Shakespeare? Was würde der sagen, wenn er sehen könnte, dass wir in der Eisenbahn in Wien mehr Überwachungskameras als Literaturzitate finden. Schaun Sie nach oben, das sind doch Kameras und wenn Sie mir eine schmieren, bleibt ich gelassen und Sie zahlen. Für eine Watschn achthundert Euro und zwanzig Stunden im Studentenheim Sozialarbeit, d. h. Dreck von den Jungen aufwischen?“ Na sitzen sie wieder im Cafe-Central, sauber ockerfarben geweißelt und bestellen bei der Ilonka das Gleiche wie gestern, Frau Ilonka. Und mit einem gutan Morgan, mane Herren, wirft sie ihnen eine körperhafte Bereitwilligkeit zu, die aber nicht lange anhält, denn sobald der nächste Gast erscheint und je nach dessen Gesichtsausdruck, kann sie ihm gerne auch mit gleicher Sinnenfreude ein Beil in die Stirn hauen, so gefährlich ist sie.

„Die verkaufen dir einen einfachen Hamburger Kaffee als einen echten äthiopischen und in Adis Abeba gerösteten Mist und du sollst das saufen.“ Jaschek drückte mit der linken Hand gegen den Kopf seitlich links und es schien ihn arg zu stören. Und sie debattierten weiter und weiter, denn während der Zug sich durch die Vorstadt gefräst hatte, mit ratternder Erschütterung und der Geräuschkulisse unerforschter Anfragen, überlegte man schweigend, ob heute wohl ein guter Tag sei, um zu vergessen, dass keiner mehr weiß, wer eigentlich noch haut – und wer hinhält.

Ein Mensch vor der Ewigkeit – erschüttert von ihrer Majestät, fast demütig in eigener Winzigkeit

Es ist heute Donnerstag, am Kalender hängt kein Tagesanzeiger, so dass die Herren rätseln, was für ein Tag der Woche heute ist. „Fallt mir nicht ein, ja gibt’s denn sowas, werd bald dement. Und es ist vermutlich der Donnerstag.“ Nun debattieren sie, weil sie dann auch Kaffee trinken. Sie lassen sich gerne als Kaffeetrinker bezeichnen, wär schlechter, hieße es, der Hilatschek und der Jaschek saufen ohne Kontrolle und jeden Tag bringens einen Fetzen Rausch nach Haus. Und so sitzen sie im gedämpften Licht des altehrwürdigen Wiener Kaffeehauses, wo der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und süßem Gebäck die Luft erfüllt, und es entspinnt sich ein lebhafter, gleichsam philosophischer Diskurs zwischen den zwei wirklich distinguierten Herren, Fritz Hilatschek und Hans Jaschek, deren Worte ebenso kunstvoll gewählt sind wie das Jugendstil-Interieur, das sie umgibt. „Fin de siècle, kanntat jeder sogn“, Hilatschek sagte dann noch, dass das Wetter gewisslich umschlägt.

Hilatschek mit leicht hochgezogener Braue und einem Schimmer intellektueller Neugier im Blick, lehnt sich vor: „Als Sie zum ersten Mal das Nordlicht am Himmel tanzen sahen, war es da ein reines Wunder der Natur? Oder war es vielmehr jene Art von Offenbarung, die einen in tiefer Verwunderung erfasst, als würde das Universum selbst einem ein Geheimnis zuflüstern?“ Der Löffel in seiner Kaffeetasse klirrt leise gegen das Porzellan.

Jaschek, der sichtlich in Erinnerungen schwelgt, erwidert nach einem bedächtigen Schluck Melange: „Meine Augen weiteten sich, als ob ein jahrhundertealtes Rätsel begonnen hätte, sich vor mir zu entblättern. Wie ein feines Uhrwerk, das endlich zu ticken beginnt, so stand ich da, minutenlang, staunend, unfähig zu sprechen – bewegt von einer Schönheit, die sich jeder Logik entzieht.“

Mit einem Hauch Theatralik fährt Hilatschek. fort, als spräche er zu einem imaginären Publikum: „Wie ein Kind, das zum ersten Mal das Licht in einer Seifenblase einfängt, war es mir – das Sonnenlicht, die Musik, der Moment … mystisch und all das verschmolz zu einer Szenerie, die so surreal erschien, dass selbst die lautesten Stimmen im Raum verstummten, überwältigt von dem Gefühl, etwas Überirdisches zu erleben.“

Jaschek nickt zustimmend, seine Stimme beinahe ehrfürchtig: „Die Präzision, mit der sich jene Prophezeiung erfüllte – es war, als ob der Zufall plötzlich dem Plan wich. Und als dieser unscheinbare Mann zu singen begann, durchfuhr uns ein elektrischer Schauer. Ich musste wissen, was dahinter steckte. Diese Neugier ließ mich nicht mehr los.“

Hilatschek schob sich halb über den Tisch: „Lieber Jaschek, weil Sie von Prophezeiung sprechen, also wissenschaftlich wirst keinen Euro verdienen, aber der bayerische Mühlhiasl sagte, oder wer, sobald der Zug amol rückwärtsfährt, geht die Welt unter.“ Und beide lachten, dass die anderen Gäste erschreckt hochfuhren. Und der Jaschek, dem das peinlich war, schaute sich um und sagte ein gequetschtes „Pardon, Pardon.“

„Den Bergen gegenüber“, sinniert Hilatschek, „stand ich wie ein Mensch vor der Ewigkeit – erschüttert von ihrer Majestät, fast demütig in meiner Winzigkeit. Und dann, dieser Moment, als das Licht die Kristalle zum Leben erweckte – tausend Farben, ein einziger Herzschlag der Begeisterung.“

„Ja“, seufzt Hans Jaschek. „Und dann kam jener Augenblick der Erkenntnis. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Geschichte, die sich entfaltete, war so voller Menschlichkeit, dass mir vor Gänsehaut der Atem stockte. Und dieses Rätsel – so präzise gebaut, so tiefgründig gedacht – war ein Geschenk an jeden Geist, der es wagte, sich darauf einzulassen.“

Der Kellner stellt zwei neue Gläser Wasser auf den Tisch, während die beiden Herren, nun in warmem Einklang, einander zulächeln – nicht als Sieger einer Debatte, sondern als Mitreisende auf einem wortgewaltigen Spaziergang durch Staunen, Erinnerung und Erkenntnis. „Und stell dir vor, Jaschek, da erscheint im Lichterfunkenkranz plötzlich Satanas persönlich, krümmt den rechten Zeigefinger und sagte grinsend sein, mane Herrn, Sie sein dran.“

Ein frischer Windstoß ließ die Türen des Kaffeehauses mit einem leichten Knarren aufschwingen, und für einen Wimpernschlag wurde die vertraute Wärme des Salons von der kühlen Wiener Luft durchzogen. Die Geigen verstummten nicht, nein – sie passten sich an, als spürten sie das Kommen eines neuen Taktes im Lied der Stunde.

Mit ruhigen Schritten durchmaß die Dame den Raum

Herein trat eine Dame, in einen dunkelgrünen Samtumhang gehüllt, mit einem gelben Schirm in der Hand, der, aufgespannt, wie ein nächtlicher Himmel mit Sternen wirkte. Aber sie schüttelte und spritzte Regenwasser in Richtung der beiden Herren.

Die Gespräche verstummten allmählich, wie Blätter, die sich im Wind niederlegen, und selbst das ungarische Streichquartett senkte für einen Takt die Bögen, als ob es die Aura dieser geheimnisvollen Erscheinung achten wollte. Der kleine Junge rieb sich mit großen Augen die letzten Tränen aus dem Gesicht, seine Mutter hielt den Atem an.

Mit ruhigen Schritten durchmaß die Dame den Raum, ließ ihre Hand beinahe beiläufig über die Stuhllehnen und Tischkanten gleiten, als würde sie mit den Erinnerungen des Ortes sprechen. Schließlich blieb sie direkt neben dem Tisch von Hans Jaschek und Fritz Hilatschek, stehen, deren Diskussion über das Staunen der Welt noch wie ein Echo in der Luft hing.

„Verzeihen Sie die Störung“, begann sie, ihre Stimme war eine Mischung aus rauchigem Alt und flüsterndem Zauber, „doch ich glaube, das hier gehört Ihnen.“ Sie legte den nassen Schirm auf den Tisch, und mit einem feinen Lächeln nickte sie beiden zu, bevor sie sich wortlos wieder abwandte – nicht ohne dass ihr Grinsen in einer letzten Bewegung fast wie der geborene Zynismus wirkte. „Dös is er, der Satanas, verkleidet und der hats auf uns anglegt.“ Jaschek war jedoch irgendwie beeindruckt.

Hilatschek fragt sie, woher sie denn kommt, ob sie was braucht und regnet’s gar draußen. Sie schaute nur und er schaut in seine Zeitung rein.

Der Geiger setzte nun zu einem neuen Csárdás an, leidenschaftlicher, feuriger als zuvor. Der Raum vibrierte – nicht nur vor Musik, sondern vor der Ahnung, dass eben etwas Bedeutendes geschehen war. Vielleicht war die Ankunft der Wienerin, wird sie wohl gewesen sein, sagte Jaschek zur Ilonka, ein Spiel des Zufalls. Die Ilonka grinste, kannte sie doch Frauen dieser Art, die durch Wien laufen. Vielleicht eine Fügung. „Oder vielleicht ist es einfach die Magie eines Wiener Vormittags, wo die einen noch unausgeschlafen, die anderen schon wieder hungrig sind“, sagte Fritz Hilatschek, „an dem selbst Zeit und Realität dem Zauber des Moments Platz machen.“ Und die beiden Herren Fritz Hilatschek und Hans Jaschek lachten und schenkten sich noch ein wengerl Kaffee ein und die Ilonka kannte schon ihren Geschmack an der Kuchenvitrine und es war wie immer ein zweites Stück Pflaumenkuchen und dann eine halbe Stunde später ein Käsesahnetorte.

Fritz Hilatschek strich mit Bedacht über den tropfnassen Schirm und stellte ihn in einen Winkel im Kaffeezimmer. Die Geigen um sie herum spielten nun einen langsamen Csárdás, ein wiegender, melancholischer Klang, der sich wie ein Schleier über die Szenerie legte. Dem Hilatschek wurde es leidenschaftlich zumute, diese Klänge und die Aura und er dachte an seine Jahre an der Budapester Universität und an die Antalina Elencai und die Eszter Andersch, eine liebreizender als die andere und beinahe, aber auch nur beinahe, wäre er wegen der Eszter Andersch in Budapest geblieben.

Die beiden Herren wechselten einen Blick. War es nur ein alter Gag? Der berüchtigte Wiener Schirmschmäh? Ein vergessenes Wiener Spielchen? Ein verschlüsseltes Abenteuer für eine andere Zeit? Sie schauten aus dem Fenster, die Dame stand auf der anderen Straßenseite und blickte rauf ans Fenster und winkte. Man wusste Bescheid und Hans Jaschek und Fritz Hilatschek kannten sich aus.

„Wir sollten der Lady nachgehen“, flüsterte Hans Jaschek., seine Stimme vibrierte fast so sehr wie die Geigensaiten. Hilatschek nickte, und wie zwei Geisterbeschwörer ihrer Zeit – sie zahlen bei Ilona, großzügig, mit einem Nicken an die Musiker, auch fünf Euro – und traten hinaus in die mittlerweile relativ heiße Vormittagsstunde. Die Musik des Csárdás hallte ihnen noch nach, als sie durch die feuchte Pflastergasse, Steine acht mal acht mal acht Zentimeter, rüber zum Museum schlenderten. Dann gingen sie zum Wiener Hauptbahnhof und fuhren in Richtung Margareten. Es wäre Zeit, so dachten sie, dass man sich näher kennenlernt.

Die Bestie schoss vor, fletschte die Zähne. Hans Jaschek, ohne zu zögern, ohne zu denken, warf sich dazwischen

Die Haustür bei Hans Jaschek klemmt ein wenig, doch als Jaschek den Griff berührt, lässt sie sich mit einem kaum hörbaren Seufzen öffnen. Er schaut zum Briefkasten, nichts. Eine enge Wendeltreppe führt gleich neben dem Kasten hinab in das Innere des Gebäudes, wo sich der modrige Geruch von Waschmittel, Zigarettenrauch und einem Parfüm in seine Sinne schleicht. Oben jedoch vor seiner Wohnungstür angekommen, betritt er seinen Raum, wahrscheinlich ist‘s sein Arbeitszimmer und Quartier, darf man sagen, wirkt heute auf ihn wie das Archiv einer längst vergessenen Zeit: Die hohen Regale voller Bücher, voller Notenblätter, alte Instrumente in Glasvitrinen, ein Saxophon, eine schwarze Klarinette, eine Knopfharmonika, ein Flügel unter einem Tuch verborgen, und in der Mitte sein Pult mit einer aufgeschlagenen Partitur – handgeschrieben, mit Tinte, die noch feucht zu sein scheint. Er hat Kopfweh und nimmt den Schädel zwischen beide Hände. Jetzt war er wieder in seiner Welt, schaute sich um und sagte sich, im Kühlschrank ist noch das Fleisch von gestern, mach ich’s warm, habe ich was zum Essen, lass ich’s drinnen, habe ich nichts zum Essen, ein Stück Brot mit einer Scheibe Käse und ein Bier dazu dürften ausreichen. Dafür entschied er sich, nannte sich einen faulen Hund, der Besseres verdient hätte. Er aß, er wollte eine halbe Stunde ruhen und es war gegen fünf Uhr am Nachmittag, als er erwachte.

Und dann hörte er es: leise, eindringlich, erklingt von der Straße rauf eine einzige Geige – dieselbe Melodie, die er im Kaffeehaus gehört hatte. Doch diesmal klingt sie aber leicht verändert … langsamer, mit einer Spur Melancholie, als würde jemand eine Geschichte erzählen, die nie ganz ausgesprochen wurde. Aus dem Halbdunkel tritt eine Gestalt: es ist die geheimnisvolle Dame mit dem grünen Samtumhang. Sie sieht zum Fenster rauf, lächelt vage und winkt. Ein leiser Windhauch lässt Notenblätter aufwirbeln. Es ist, als hätte sich ein Vorhang geöffnet – nicht auf einer Bühne, sondern in der Zeit selbst. Er nimmt eine Tablette, was sich in letzter Zeit häuft. Er nimmt die Partitur zur Hand, setzt sich.

Und dann war der Fronleichnamstag und er ging in die Kathedrale, war lange schon nicht mehr drinnen und kniete sich hin und dann das Kläffen. Gellend. Schrill. Ein kleiner Hund, zottelig, mit aufgerissenen Augen, bar jeder Zurückhaltung, schnappte wild um sich. Die Menschen in der Kirche wichen zurück – bis auf einen. Der alte ungarische Geigenspieler stand da, reglos, zu stolz, zu erschöpft vielleicht, um zu fliehen. Die Bestie schoss vor, fletschte die Zähne. Und Hans Jaschek, ohne zu zögern, ohne zu denken, warf sich dazwischen.

Ein dumpfes Knurren, ein Aufprall, das Jaulen des Tiers – und dann Stille. Der Hund, zurückgestoßen, lief kläffend davon. Der Geiger sank zitternd auf einen Stuhl in der Kirche, die sich nun füllte, seine Finger klammerten sich an das Griffbrett seines Instruments wie an ein Stück Leben. Die anderen Leute starrten Jaschek an. Dann ein Raunen – Bewunderung, Fassungslosigkeit. Der Held wider Willen, feierlich. Er verließ den Dom und ging Richtung Stadtmitte weiter. So verging der Tag wie jeder andere.

Männer mit rauen Händen, Frauen mit Augen wie Geschichten

Vierzehn Tage ließ der Herr Jaschek vergehen, bis er wieder auf gut Glück ins Café Central reinfuhr, im Kopf hatte er den Hilatschek und die seltsame Frau und an die Ilonka dachte er und an den guten Geigenspieler und an den frechen Hund und daran, wann er das letzte Konzert dirigiert hatte. Sechs Jahre ist das her und der Arm schmerzte noch immer und stehen konnte er auch nicht mehr, die große Zehe, und die Rente reichte gut zum Überleben. Er saß also wieder im Zug, war noch etwas müde, und lehnte sich in die Bank hinein und schlief ein. Die ungarischen und slowakischen Anwesenden – Männer mit rauen Händen, Frauen mit Augen wie Geschichten – standen Schulter an Schulter mit den Studenten Wiens. Er träumte, er stünde vorne am Dirigentenpult und er dankte für die Einladung durch den Herrn Botschafter der Slowakei und dann dirigierte er Volkslieder von Tibor Frešo und Dezider Kardoš mit dem Ostslowakischen Präludium. Fremde, durch ein unerklärliches Ziehen an diesen Ort geführt, vereinten sich in der stillen Ahnung, dass etwas Großes geschehe. Ihre Gesichter waren gezeichnet vom Kampf um Würde, vom Verlangen nach Freiheit – der echten, nicht der auf Papier. In der Luft lag nicht nur der Geruch von Paprika, Rauch und Schweiß, sondern eine Spannung, wie man sie nur Augenblicke vor dem Sturz eines Regimes oder dem Fallen einer Mauer kennt. Er erwachte durch ein Beben, kaum spürbar, doch echt. Dann blieb der Zug stehen, er war bei langsamem Fahren in der Halle aus den Geleisen gerutscht, seltsam, und die Bahnhofshalle ächzte in ihren Grundmauern und dem Hans Jaschek war es seltsam zumute. Draußen schlug verschieden warmer Wind gegen die Fenster, als wollte das Schicksal mitmischen, drängen, fordern. Und dann kam sie, lautlos und doch alles übertönend – die Katastrophe. Ein Spiegel splitterte mit einem schrillen Klang, und aus seinem zerbrochenen Bild trat eine Flut aus Licht und Klang: Bilder aus Budapest, Märtyrerplätze, Freiheitsmärsche – und aus Wien: Barrikaden, Friedensgebete, verratene Versprechen. Es war, als würde sich die Chronik der Menschen über die Menschen ergießen, unausweichlich, grell, voll Schmerz und Schönheit zugleich. Der kleine Hund, noch immer wachsam, bellte erneut – diesmal nicht aus Angst, sondern wie ein Wächter. Und alle wussten plötzlich: Dies war ein Augenblick, wie er nur einmal kommt. Ein einziger, außerordentlicher und einmaliger Moment, in dem alles zählte. In der Halle wurde es still – so still, dass man das Atmen derer hörte, die zum letzten Mal zögerten. Dann griff Hans Jaschek nach dem Dirigentenstab.

Er, Jaschek, erwachte im Krankenhaus und der Arzt redete was von Hirnschlag oder Herzinfarkt und der Chefarzt käme gleich. Es war ein Schlaganfall. Dann schlief er.

Es verging die Zeit und nach drei Tagen fragte ein Herr Hilatschek, obs möglich wäre und man wäre befreundet und ob er denn reindürfe. Er durfte rein und eine halbe Stunde.

Fritz Hilatschek sagte und er streichelte seinen Kopf: „Lieber Jaschek, na passen Sie auf. Das ist eine faszinierend verdichtete Sammlung von Zufällen, fast wie eine poetisch verdrahtete Mindmap aus Macht, verstehen Sie, was ich meine. Und wie Sprache, Architektur und seelische Tektonik – eine Dramaturgie, die förmlich danach schreit, in Szene gesetzt zu werden. Oder es scheint dem einen oder dem anderen eine Straßenkehrmaschine, die allen Unrat, aber nicht die Urheber erfasst. Auf Basis deiner Begriffe habe ich einen neuen Dialogabschnitt entworfen, der die kafkaesk-technokratische Stimmung aufgreift und zugleich die zunehmende innere Spannung der Figuren sprachlich verdichtet: Eines noch, die Zeit, die im Raum wirkt, ist es wert, dass man Volkslieder von Tibor Frešo und Dezider Kardoš mit dem Ostslowakischen Präludium öfter spielt und die Amseln brüten doch auch in einer Intensität eines Moments und der Auerhahn balzt genau so, als wollte er von dieser, Ihrer Tragödie ablenken. Also, was ist passiert, was willst, soll ich einen erschlagen? Und gestern war’s zu Abend und ich schau aus dem Fenster, steht da ein Hund und schaut rauf zu deinem Fenster und war weg auch schon, wie ein Gespenst“, sagte wohl wer, wohl der Hilatschek.

Hans Jaschek schaute in die Runde und er erhob sich und segelte zur Eingangstür in sein neues Zimmer und erklärte dem Fritz Hilatschek diesen kahlen Konferenzraum da, irgendwo im Verwaltungsflügel. Hinter der Milchglasscheibe zeichnet sich undeutlich Bewegung ab – vielleicht eine Demonstration, vielleicht nur der Wind oder, es könnt sein eine Schneewalze rein vom Himalaja. Leise dringt Musik von der Straße herauf – ein Walzer, verstimmt.

Hans Jaschek: „Herr Hilatschek, Du verstehst nicht, was es bedeutet, in den dunkelsten Stunden zwischen Pflicht und Emotion zu unterscheiden – Du redest von Defiziten wie von Baustellen, die man schlicht vermessen, berechnen, verstärken kann, als gäbe es keine inneren Risse, keine statische Fragilität des Geistes. Ich unterscheide, lieber Freund Herr Hilatschek, sehr wohl – aber nicht zwischen Pflicht und Emotion, sondern zwischen Relevanz und Reaktion. Eine Stadt, die unvorbereitet war, ist keine Tragödie – sie ist ein Versäumnis. Fortschritt im Aufbau verlangt, dass wir Zynismus erkennen, nicht um ihn zu verurteilen, sondern um ihn zu nutzen. Ist’s der Mensch, der nicht vorbereitet ist, ist dieser Mensch schädlich. Und wie war es denn zu Pompeij, es war tragisch und nicht zum Davonlaufen war es, zugeschüttet von meterdicker Asche und ein Grauen, dass man so was zulässt.“

Die Schwester dreht irgendwas an einem Schlauch, der rumhängt, „er wird werden, bald“.

Herr Hilatschek: „Na, ja, passt schon und Nutzen? Sie, lieber Jaschek, sprechen von Menschen wie von Kubikmetern Beton, als könnten sie nach Volumen sortiert und nach Zweck verbaut werden.

Hans Jaschek: „Und doch erinnern Sie sich nicht – oder weigern sich zu erinnern – an die Musik jener Nacht, als die Wahrheit ans Licht kam, nicht durch Untersuchung, sondern durch Geräusche, durch jene verstörenden, organischen Bewegungen im Fundament. Haben wir die Frau mit dem Sonnenschirm nicht getroffen hinter dem Ahornbaum am großen Platz vor dem Burgberg von Budapest, noch dazu die Herren Tibor Frešo und Dezider Kardoš? Der Satz, wenn man ihn so spielt, erklingt mit eminenter Weite und fulminantem Stakkato, was?“

Der Arzt dreht irgendwas an einem Schlauch rum und, „na, alles wird, braucht nur Gerechtigkeit.“

Fritz Hilatschek: „Was Sie Wahrheit nennen, lieber Hans, war bloß ein akustischer Unfall, ein Gewitter über dem Verwaltungsarchiv, vermischt mit den verzerrten Aufnahmen jener Wienerin, die in Ihrem Büro ein Gedicht über Graupel und Bürokratie hinterließ, als letzte Form von Widerstand gegen die Protokolle. Eine Langzeitstudentin, ist sie.“ Fritz Hilatschek grantelt und lacht auch und der Hans versteht nicht. Er frägt ihn, wer er jetzt nun wirklich ist, die Ilona vielleicht oder doch der Hilatschek. „Ich bin der Hilatschek, ich“, sagte der, „der Hilatschek bin ich, kennst mich, alter Kater, ah, geh, der Hilatschek bin ich.“

Jaschek: „Und dennoch rezitieren Sie es manchmal im Schlaf. Ich habe Sie gehört Hilatschek. Ihre Stimme war, brüchig, fast labil, wie ein Quader aus Textsteinen, dem die Statik abhandengekommen ist.“

Dann sagte der Chefarzt, „dass der Herr da, wia heißt der, lange brauchen wird, er wird noch lange weg sein, weit weg und irgendwann wird er nicht mehr träumen, wird da sein und ob überhaupt und wenn, dann wie, ein Elend ist das. Und dann tun wir ihn, den Herrn Jaschek auf Erholung.“

Hilatschek ist’s, als habe der Hans Jaschek gesprochen und er meinte, sagte auch die Schwester, er habe ja nur gedöst und ob er aufstehen und gehen könnte und ob ihn der Schwindel gepackt hätte und der Hilatschek verneinte alle dieses und er könnte gut laufen. Und besser geht’s gar nicht, weil schlafen ist Erbgut und man hat was zum weitervererben.

Ach, Social Media, der neue Konzertsaal! Und die Orchidee? Subtrahiert sich selbst aus der Debatte. Klavierspielen? Du vielleicht

Herr Hilatschek, also einstmals Maschinenbauingenieur, Dr. Professor an der hiesigen Universität, bei einem mittelständischen Automobilzulieferer, der sich nie wirklich entscheiden konnte, ob er mehr Angst vor Künstlicher Intelligenz, der berühmt-berüchtigten Frau KI, sagte er lachend, oder vor seinen eigenen Gefühlen haben sollte. Seit dem Hirnschlag des Freundes Hans Jaschek denkt er oft in Bildern, und seine Erinnerungen kommen in Form von Geräuschen zurück – das Klacken eines Zylinders, der Bass eines Dieselmotorlaufs, das leise Pfeifen im Souterrain. Gesellschaftlich eher ein Skeptiker, aber mit dem trockenen Humor eines Mannes, der schon einmal in einem Betriebsratsmeeting eingeschlafen ist und trotzdem befördert wurde.

Herr Jaschek, auch und unter anderem ehemaliger Theaterkritiker mit einer Vorliebe für kantige Dramatik und noch kantigere Zigaretten. Vordem Dirigent und Geigenvirtuose und spielt mehrere Instrumente. Er hat nie eine eigene Familie gegründet, aber etwa 17 Menschen das Leben so sehr kommentiert, dass sie sich anders entschieden haben. Er besucht Ehemalige regelmäßig im Krankenhaus, weil er spürt, dass aller Leute zerschlagene Gedanken vielleicht der letzte Ort sind, an dem echtes Denken noch erlaubt ist. Er liebt es, mit Fachbegriffen aus der Politik um sich zu werfen, obwohl er immer vergisst, was ein Lobbyregister genau ist. Jetzt liegt er, der Hans Jaschek, selber auf der Nase und muss warten, wird er oder wird er immer. Beide verbindet das Gefühl, dass die Welt von Männern regiert wird, die nie einen Schraubenschlüssel oder einen Gedichtband in der Hand gehalten haben. Ihre Gespräche sind wie Schrauben in rostige Gewinde – sie quietschen, sie tun weh, aber sie halten etwas zusammen, das sonst auseinanderfallen würde. „Omnis Satanas in parva individualitate vivit“, sibi dixit.

Ob man als Intellektueller bei einem Espresso in Paris oder Monaco sitzt, ist ja eh schon gleich und in so einem schönem Zimmer, sagt Hilatschek gemüntzt auf des Herrn Jascheks Bettlägerigkeit, ist’s alleweil in Wien besser. „Ane Freid, möchte er, sagt er sich, wenn ich wo runterfalln tat, dann von einem Baugerüst vom Stefansturm und dann kann der Eiffel noch so schreien, wenn, dann nur ein Sprung von Stefansdom.“

Herr Hilatschek: „Paris ist nicht mehr, was es mal war. Zwischen Magnaten und Sorgenfalten wählt man heute Influencer statt Intellekt.“ Und wie alle Deppen ging er in Paris durch die Stadt, wurde von einem Eck ins andere wegtransportiert, tausend Leitl auf anem Quadratmeter und dann rauf zur Moulin Rouge und zum Mont Matre.“

Herr Jaschek: „Und dennoch – im Kongo bricht alles zusammen, während wir Granulat diskutieren. Beton versus Menschlichkeit. Richard Strauß hätte daraus ein sinfonisches Gedicht komponiert, meinst du nicht?“

Herr Fritz Hilatschek: „Würde sich herrlich mit Mendelssohn kontrapunktieren lassen. Hypermoderne Materialschlacht trifft auf romantische Sehnsucht. Taylor Swift übernimmt dann den letzten Satz.“

Herr Jaschek: „Nur noch rocken, sag ich doch. Während Herr Trippler über Kniearthrose twittert und seine Kortisonspritze live streamt – Kultur in Echtzeit.“

Herr Hilatschek: „Ach, Social Media, der neue Konzertsaal! Und die Orchidee? Subtrahiert sich selbst aus der Debatte. Klavierspielen? Du vielleicht. Ich analysier lieber Reaktionen. Wissenschaftlich, versteht sich.“

Herr Jaschek: „Du immer mit deiner Subjektivität. Ich sag: Wer Geld hat, studiert ewig. Wer nicht, wird Autorin, schreibt übers Scheitern, den überwundenen Krebs, die miserable Kindheit, die Mutter, ausnahmsweise nicht der Vater, die Mutter hat sie eminent und ständig geschlagen, – und gewinnt Preise.“

Herr Hilatschek: „Zwei Häuserblöcke in Indien, einer in Monaco – und trotzdem der Wunsch nach einem Gespräch, das mehr ist als ein Hashtag. Das nenn ich eine Gaudi. Vita, ut eam novimus, chaos est. A micella quam ipse accendisti ardes.“

Na ist’s oiso still und der Jaschek döst ane Viertelstunde um die andere, fängt aber von selber wieder an zu reden und nur noch eine Viertelstunde und es wäre ihm dann der Ehre genug gewesen.

Die Sonne ist grell und unpassend fröhlich. Herr Hilatschek lehnt sich auch zurück, hält ein Zeitschrift-Klemmbrett wie ein Richter: „Weißt du, Jaschek, es ist schon seltsam, wie leicht man im Leben auf das Nebengleis gerät – erst zerren sie dich in den OP, schälen dir das Hirn auf wie einen überreifen Pfirsich, dann wachst du auf und erkennst nicht mal mehr den Unterschied zwischen Diesel und Dieselgate.“

Herr Jaschek, mit Kopfverband nuschelt, aber mit Würde: „Ich sage dir, mein guter Hilatschek, sage ich dir, während sie in meinem Kopf herumrührten, habe ich gedacht: Was, wenn wir alle nur Figuranten sind in einem Drehbuch, das ein grantiger Zylinder in einem verrauchten Hinterzimmer eines russischen Erdölmagnaten verfasst hat – während ein amerikanischer Lobbyist daneben grinst und sich einen griechischen Joghurt gönnt?“

Herr Hilatschek: „Oder der schlampige Windhund, der mit der U-Bahn um die Wette grennt ist und der hat drei Reisenden den Kopf gekostet.“

Jaschek: „Kennst den Witz, Hilatschek. Der Himalaja geht zu Fuß nach Afrika, sieht von weitem den Kilimandscharo. Hej, Kili, schreit er, bin extra vierakemma vom Himalaja und wollt schaun, obst ebba amoi mit hintegeh wuist, Kuchl und Bodwanna frei. Sagt der Kili, fein von dir Himi, fein von dir, aba ich geh soweit niat gern zfuaß. Sagt da Himi, na lass sei. Owa so schnell kumma i nimma viera.“

Herr Hilatschek: „Den muasst am Prater am Mikro vorstellen und alle Leitl lachn, wettn? Dabei wollten wir doch nur Familien gründen, ein kleines Auto fahren, das sich nicht nach jedem Tankvorgang in eine politische Reuelosigkeit vertikalisiert, und vielleicht – ich weiß, das ist radikal – in einem Ärztezimmer mal über etwas lachen, das nicht auf einem Röntgenbild zu sehen ist.“

Jaschek: „Der Herr Blonkl war bei seinem Hausarzt, voreilig. Legt sich hin, lasst sich drucken und mit einem Superfotoapparat checken, der Apparat so groß wia a Fernseher. Der Doktor schaut sich die Bildln an, sagt, die Fotos seind ja noch schlechter, viel schlechter, wia beim letzten Mal, hob nie dacht, dass du nu amoi kummst, müasstast lang schon hinüber sein. Dös seind die guatn Tabletten, die i dir vaschriebn host. Ich hob kana -Tabletten gnommen und auf einmal ist der Blonkl mitten im Behandlungsetablissement umkippt und war maustot. Der Doktor hot gsagt, seit er, der Blonkl, sei Tabletten gnommen, warat er nia dou im Behandlungsetablissement umkippt, oba am End dahoam bei seiner Frau.“

Hilatschek fragte den Jaschek, ob das der Witz war und was daran witzig war, wenns a Witz war.

Mit der Antwort des Jaschek gab sich der Hilatschek zufrieden, der, der Jaschek erzählt nämlich alles weiter, was irgendwie nach Witz klingt und du woaßt trotzdem net, wannst umfallst und ob dös a Witz war, wird sich noch rausstellen:

Jaschek lachend: „Und während sie dir die nächste Spritze setzen, flüstert dir jemand ins Ohr, dass Technik alles lösen wird – nur nicht das Gefühl, in einer Gesellschaft zu leben, in der Männer Politik machen, die sie selbst nicht mal mehr begreifen. Und Frauen machen’s gleich gut, aber ja, sag ich und denk dahinter, war ein Gag. Gag heißt das, was ein satirisches Wurzelgeflecht von sokratischen Gedanken ist.“ Oder: „O ánthropos nomízei óti eínai éna on. Allá o ánthropos eínai cháos.“

Herr Hilatschek: „Aber immerhin haben wir es zu zweit in dieses Krankenzimmer geschafft. Vielleicht ist das der wahre Fortschritt: Nicht mit Benzin, nicht mit Air space, sondern mit einem Gespräch, das sich weigert, ein Geheimnis zu sein.“

Der Hilatschek schickt sich zu gehen an und was ist draußen passiert? Nichts. Wie gesagt: Draußen flackert die Sonne über eine trostlose Parkanlage, in der drei Raben streiten. Drinnen aber wird diskutiert, als hinge die Welt daran. Herr Jaschek, den Verband leicht verschoben, den Blick im letzten Jahrhundert verloren: „Du verstehst, Hilatschek, der Zylinder in meinem Kopf, bildlich gesprochen, jener defekte Mechanismus, der einst für Antrieb und Fortschritt stand, der ist explodiert – nicht mit Rauch und Getöse, sondern mit einem leisen Knacken, als habe jemand das Rückgrat der Realität durchgesägt, und seither tanzen sie um mich herum, Pfleger, Schwestern, Gesichter, und dann kam sie – Schwester Gisela, mit Augen so kühl wie der innenpolitische Ausschuss zu Wien und einer Agenda, die selbst in der Regierung als ambitioniert gelten könnte. Die Frage wird einmal an sie ergehen, später, wenn ich sie in der Bretagne treffe, kennen Sie mich, gehen Sie mit mir ins Eiscafé?“

Hilatschek legt das Buch „Dynastie: Eine Chronik mit Randnotizen“ beiseite, das nur noch aus Anmerkungen besteht:

Hilatschek: „Ich sagte es dir, mein Freund, Revolutionen beginnen nie mit einem Aufschrei, sondern mit einem Aufzug, der stecken bleibt, oder mit einem Etikett auf einem billigen Blisterpack, das zu viel verspricht und zu wenig enthält – gefertigt in Rumänien, entworfen in China, kontrolliert von Händen, die nie erfahren, was Urlaub ist, und das alles unter dem wohlklingenden Namen „Zukunftsmedizin Plus®“.

Jaschek: „Und während draußen Benzin statt Bildung brennt und der Himmel nicht mit Air space, sondern mit Einschränkungen gefüllt ist, irrt das Pflegepersonal durch Korridore, die mehr Drama sehen als jede Debatte im Parlament, und ich frage mich, ob die wahren Wendepunkte der Geschichte nicht im Flüstern von Schmerzmitteln liegen. Je mehr morphine, desto higher bist du and happiness is cool these days.

Hilatschek steht auf, blickt aus dem Fenster in Richtung Parkanlage, wo ein Schild schief steht: “Betreten verboten – Realität in Arbeit”: Vielleicht, mein Lieber, ist genau das der Wendepunkt: Zwei Männer in einem Krankenzimmer, einer mit offener Schädeldecke, der andere mit offenem Zynismus, diskutieren über Uranspaltung, Atombomben und wie beides in ihren Lebenslauf passt – und zwischen Pflegewagen und Parteizugehörigkeit wird klar, dass sich Pflichterfüllung längst in Pflichtvergessenheit verwandelt hat. Et solum per conscientiam officiorum suorum exsequendam bonum hominem agnoscere potes.

Jaschek: „Freiheit war nie ein Geschenk, Freund Hilatschek. Sie ist ein seltsames Etikett mit gekrümmtem Rand – woaßt wos i maan – kaum klebt sie, löst sie sich wieder, zurück bleibt nur der Abdruck von dem, was hätte sein können, und wir beide, wir mit unserem Wissen über Spaltprodukte und Supermächte, wir sind Zeugen davon, wie eine Parkanlage schweigt, während die Welt lärmt.“

Wir verstehen Menschen dann am meisten, wenn wir uns am wenigsten erklären

Reha-Klinik an der bretonischen Küste. Wind pfeift, als wollte er mitreden. Möwen lachen sarkastisch dazu.

Herr Jaschek mit einem frisch bandagierten Kopf, in einem Liegestuhl mit Blick auf den Atlantik, während eine Plastik-Suppe aus der Kantine dampft – und er am Telefon und er möchte hier keinen sehen, vielleicht die Dame aus dem Korridor im Krankenhaus in Wien.

„Weißt du, Hilatschek, wenn man so lange gelegen hat, zwischen Tropf und Technik, zwischen Zylinderbruch und Zynismus, dann begreift man plötzlich, dass Nachhaltigkeit kein Modewort ist, sondern ein Schlag ins Gesicht für alle, die täglich aus Bequemlichkeit entscheiden, dass alles so weitergehen soll wie bisher – billig produziert, teuer verkauft, moralisch rabattiert, aus Südafrika vielleicht, aus einem Bergwerk, wo das Silber nicht glänzt, sondern schreit.“

Herr Hilatschek stellt sich sozusagen telefonisch an die Rehazaun-Grenze, als würde dort der Wendepunkt der Geschichte beginnen: „Ich sehe sie noch vor mir, die Materialschlacht der Moderne – Alaska für das Öl, Teheran für den Preis, China für die Massen, die jetzt weniger werden, wie vom Blitz getroffen, ausgedünnt von all den Jahrzehnten der erschöpfenden Gegenwart, während wir in Europa darüber diskutieren, ob wir unseren Kaffee noch mit echtem Covid-Zucker süßen dürfen.“

Jaschek: „Und in diesem Denknebel, zwischen frischer Atlantikluft und abgestandenem Klinikmenü, taucht die Frage auf – was bleibt, was bleibt von mir, was bleibt von dir, Hilatschek? Was bleibt von einem Leben, wenn sogar die Reha ein Aufschub ist, kein Neubeginn? Vielleicht die Erinnerung an Sokrates, der lieber den Schierlingsbecher trank, als sich vom Durchschnitt korrumpieren zu lassen. Oder Sloterdijk, der einmal sagte, dass wir Menschen am meisten dann verstehen, wenn wir uns am wenigsten erklären.“

Hilatschek, leise, fast ehrfürchtig: „Und dabei tun wir nichts anderes, als Luft zu holen, täglich, pflichtbewusst, als wollten wir beweisen, dass wir mehr sind als aufblasbare Patientenakten mit WLAN.“

Jaschek: „Und doch – manchmal, wenn der Wind um die Bretagne streicht und das Meer so tut, als könnte es vergeben – dann glaube ich, dass der eigentliche Wendepunkt der Geschichte nicht in Ölpreisen oder Ideologien liegt, sondern in der Entscheidung zweier Herzen, aufzuhorchen, einander zuzuhören, wenn die Welt längst aufgegeben hat, etwas zu sagen.“

Un séjour en réadaptation clinique est une expérience formidable. La côte ouest française est magnifique et l’air y est sain. Der letzte Abend in der Reha-Klinik an der Atlantikküste. Möwen kreisen, als würden sie Noten lesen. Durch die offenen Fenster klingt leise Musik – eine Passage aus Mendelssohns Oktett, gespielt auf einer abgenutzten Geige. Der Wiener Komponist und Dirigent, durch das Schicksal gesundheitlich beeinträchtigt, Herr Jaschek, das Haar schon spärlich, aber die Haltung stolz, die Geige im Schoß: „Ich glaube, lieber Fritz“, ruft er ins Telefon, „ich hätte mein Leben lieber mit dem Geigenbogen geführt als mit dem Schraubenschlüssel, denn die Klarheit, die so oft wie ein verspäteter Gast erscheint, kommt mit den ersten Takten schneller als nach einem Jahrzehnt Analyse, und jetzt, wo mir nur noch wenige Tage in dieser salzgetränkten Luft der Bretagne bleiben, merke ich, dass jede Note mir sagt, was Worte nie wollten: dass Wahrheit nicht poliert werden muss, um zu glänzen, dass sie nicht – realistisch rabattiert wie ein Restposten im Souterrain unserer moralischen Vorratskammern – durch Werbung gehen muss, sondern klingen darf, wie sie gemeint ist.“

Hilatschek, ein Glas Cidre in der Hand, sein Blick im Himmel, der zu viele Antworten verweigert: „Und in all dem Aufräumen der Gedanken, während du Mendelssohn, Strauß und Brahms aus diesen alten Partituren holst wie Kindheitserinnerungen aus der hintersten Schublade, denke ich zurück an meine verstorbene Gisela – diese großartige Frau mit den Händen einer Rebellin und der Stimme einer, die nie wirklich ging, selbst wenn sie 'servus' sagte, leise zwar, aber so endgültig wie eine Abrissbirne, die sich für Grazie entschieden hat.“

Jaschek steht auf, geht zum Fenster, der Blick schweift über die Klippen, wo die Luft nach Zukunft riecht. Und die Enthüllung kam nicht mit Pomp und Pauken, sondern mit einem Blick, mit einem Gespräch über Bodenseekindheit und Krankenhauspolitik, über vergessene Familien und verlorene Volksentscheide, und auf einmal war da die Entscheidung: nicht zwischen gestern oder heute, nicht zwischen Diesel oder Dynamik, sondern zwischen bleiben und gehen, zwischen dem sicheren Tropfen Routine und dem ungewissen Flug nach Pasadena – „denn ja, ich will in die USA, ich will in diese Stadt, wo Wissenschaft nach Hoffnung klingt und der Himmel weit genug ist, dass meine Gedanken nicht mehr gegen die Decke stoßen.“

Hilatschek nickt langsam: „Dann flieg, alter Freund, flieg mit deinem Geigenkoffer und dem Wissen, dass du mehr bist als Patient 4B. Und vergiss nicht das bretonische Abendessen heute – die Seezunge, den Buchweizenpfannkuchen, das Gespräch mit mir über Sloterdijk, über den Verlust, der keine Ohnmacht sein muss, sondern vielleicht nur der Preis dafür ist, dass wir etwas wirklich empfunden haben. Und einen lieben Gruß von der Gisela, die ich nicht in Erinnerung habe, die dich jedoch mit Aufopferung im Krankenhaus pflegte.“

Jaschek: „Merci beaucop, Monsieur, worauf nun legst du deinen wohl imprägnierten Fokus? Alles auszusprechen, richtig durchgelüftet sprechen, down to the river and flow away.“

Du sprachst oft von John Adams’ Shaker Loops und Steve Reichs Music for 18 Musicians

La cure de désintoxication, la Bretagne, la frontière avec l’Allemagne, car il a continué jusqu’à Vienne via Francfort-sur-le-Main – tout est fini. Il ne reste que cette maudite tête, arrachée, et ses pensées pour Gisela, qui demeurent.

Im Foyer des Konzerthauses Wien, Abenddämmerung, leises Stimmengewirr. Gisela und Jaschek treten an das Fenster, von wo aus man die Lichter des Praters blinken sieht. In seinem Inneren blüht musikalischet Quatsch auf: Le temps passe, la vie s’achève. La beauté fond, l’amour s’éteint. Was soll das, dachte er, wo bin ich, träume ich, mir ist so wundervoll zumute.

Gisela, leise und mit leicht verträumtem Blick: „Weißt du, mein lieber Hans Jaschek, als ich heute Jean Borlieax-Beaumaxe bei der Anspielprobe beobachtete, wie er mit fast tänzerischer Präzision die ersten Takte aus Debussys Images in die Luft malte, hatte ich das Gefühl, dass dieser Abend einer der seltenen wird, an dem Musik nicht nur gehört, sondern wirklich erlebt wird.“

Jaschek: „Es scheint, als ginge es in jedem Augenblick, rein musikalisch, um Sein oder Nichtsein und nicht um … das ist hier die Frage, sondern Leben sein, Leben haben, leben lassen.“

Gisela: „Sprich weiter, Liebster. Was du sagst, ist der Klang deines Herzens, der jeden Horizont übersteigt, jedes Gefühl, noch so klein zum Leuchten bringt, die Akklamation sui generis des Mindern in das Überirdische falsifiziert.“

Jaschek nickt langsam: „Ich stimme dir zu, Gisela – und während Françoise Pitaya dann ihre Interpretation von Messiaens Oiseaux exotiques mit solcher Feinheit in den Raum setzte, war da plötzlich diese weite Ruhe im Saal, nicht etwa aus Höflichkeit, sondern aus einer Art kollektivem Staunen, das man nur noch selten antrifft, selbst hier in Wien. Hätte ich die Wahl – ich würde aufspielen in den großen Sälen dieser Welt: Wie immer und immer öfter: im Goldenen Saal, Wien. Dann Carnegie Hall, New York, in der Elbphilharmonie, Hamburg, Koninklijk Concertgebouw zu Amsterdam, in der Bridgewater Hall zu Manchester, Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, Gewandhaus in Leipzig, The Sage in Gateshead, La Scala: Mailand und viele andere mehr, meine Gisela. Aber man kann nicht ois ham, Schatzerl, nicht ois, is schon vüll, wos ma hot, waßt?“

Gisela: „Und denk nur an das Programm von morgen – neben Debussy und Messiaen auch Bartók mit seinem Konzert für Orchester, sowie Sofia Gubaidulinas Offertorium – die Auswahl zeigt nicht nur Vielfalt, sondern fast schon eine dialogische Spannung zwischen Tradition und experimenteller Klangwelt.“

Jaschek: „Es ist diese Spannung, die mir besonders gefällt, gerade in Wien, wo die Vergangenheit in jedem Pflasterstein mitschwingt – und doch, schau uns an: Du planst mit mir eine Reise nach Norwegen und Finnland, Orte, die vielleicht geografisch weit entfernt, aber geistig auf merkwürdige Weise sehr nah an dem liegen, was man mit moderner Klangkunst meint.“ Und, wenn Pasadena, warum nicht Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, is a Katznsprung, runter von die Mountains und a kurzer Flug und dann aufs Podium. Schauma amoi wias Wetter wird.“

Gisela lächelt: „Ja, Hans, du sprachst nach deiner Zeit in den USA so oft von John Adams’ Shaker Loops und Steve Reichs Music for 18 Musicians – vielleicht findet sich in den stillen Fjorden oder den rauen Landschaften Finnlands eine ähnlich meditative Qualität, ein Raum für Nachklang.“

Jaschek: „Ich finde es bemerkenswert, wie man Reisen, Erfahrungen und Musik miteinander verschränkt, nicht als Flucht, sondern als eine Art offener Kompositionsprozess, bei dem jeder neue Ort einen anderen Akkord anschlägt – und ich glaube, das ist es, was unsere Zeit dringend braucht: offene Ohren, nicht bloß feine Lautsprecher.

Er drückte sanft ihre linke Hand und sie wusste, er liebt mich.

Zwischen Vernunft und Verzehrung – Wie Mozart und Tschaikowski den Klang Europas prägten

Das Foyer der Wiener Staatsoper, kurz nach der Aufführung von Tschaikowskis Eugen Onegin, beeindruckte sie beide sehr. Die goldverzierten Kronleuchter tauchen das Foyer in ein warmes Licht. Gisela steht neben einer Marmorstatue, ein Programmheft in der Hand, den Blick leicht abgewandt. Ihre Stimme klingt vornehm, kontrolliert – ein Timbre wie polierter Rauch, das sich dennoch in Hans’ Gedanken einnistet.

„Die Arie von Lenski, das ist kein bloßer Abschied. Es ist ein Aufschrei gegen die Sinnlosigkeit – findest du nicht, Hans?“

Bevor er antworten kann, treten zwei Gäste hinzu. Französische Kunsthistoriker, geladen vom Institut Français. Marie-Claire, die Ältere, trägt eine silberne Brosche in Form der Kathedrale von Chartres.

„Verzeihung, Madame. Aber haben Sie bemerkt, wie Tschaikowski in der Szene des Briefes fast klassizistisch komponiert? Das ist doch ein Echo auf Glucks Reformoper, nicht wahr?“

Gisela lächelt vage, wissend, sagt: „Je suis heureuse, Madame. Êtes-vous aussi heureuse, joyeuse et reconnaissante? Quelle impression et ce souffle de classicisme nous laisseront, et je le répète: réjouissons-nous, tout en étant joyeux et sensuels. “

Hans bleibt stumm. Da steht er nun: zwischen zwei Welten, zwischen Giselas prononcierend-verspielt-barockem Ernst und der verspielt-tangierenden Intellektualität der Gäste.

„Europa“, sagt Gisela schließlich, „hat sich nie entscheiden können zwischen dem ziselierten Gleichmaß der französischen Linie und dem mystischen Taumel der russischen Seele. Vielleicht ist genau das seine Stärke.“ Ein kurzer Moment der Stille. Nur das leise Klirren von Champagnergläsern. Dann neigt sich Marie-Claire vor.

„Und zwischen Ihnen, Gisela und Hans? Gibt es da auch solch einen Dualismus?“ Sie schmunzelte, führt einige nahezu peinliche Schmonzetten auf.

Hans’ Antwort bleibt aus. Aber in Giselas Blick liegt ein Widerschein – nicht von Licht, sondern von Möglichkeit.

Der Tag, auch dieser Tag, geht hinaus, friedlich und bestückt von der großen Mozart’schen und Tschaikowski’schen Musik. Des überübernächsten Tages, es war ein Dienstag, in der Morgenfrüh lag die Tageszeitung wiederum auf dem Tisch, Tageszeitung gibt es, was Wunder, genügte die Tageszeitung, comme un excellent exemple.

Zwischen Vernunft und Verzehrung – Wie Mozart und Tschaikowski den Klang Europas prägten Von Anna-Luise Bernhardt, Kulturkorrespondentin