Das wilde Leben der Cheri Matzner - Tracy Barone - E-Book

Das wilde Leben der Cheri Matzner E-Book

Tracy Barone

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Beschreibung

Der Radiologe Solomon Matzner und seine Frau freuen sich auf ihr Kind. Da erleidet Cici eine Fehlgeburt, und Sol weiß sich nicht anders zu helfen, als schnellstens ein Ersatzkind zu adoptieren: Cheri. Ein rebellisches Mädchen, das auch später als Frau nicht ansatzweise dazu bereit ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ein Buch über die Familie, an der man sich die Zähne ausbeißt und ohne die man trotzdem nicht sein kann.

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Seitenzahl: 595

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Tracy Barone

Das wilde Leben der Cheri Matzner

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer

Diogenes

Für Zoë Anne

Alle glücklichen Familien gleichen einander.

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich.

Leo Tolstoi, ›Anna Karenina‹

5. August 1962

Marilyn Monroe stirbt an Tabletten-Überdosis

Jamaika feiert Unabhängigkeit

Nelson Mandela wegen unerlaubten Grenzübertritts in Südafrika verhaftet

Trenton, New Jersey: Stromausfall im St. Mercy Hospital

Auffahrunfall an der New Jersey Turnpike: zwölf Fahrzeuge beteiligt, schlimmster Unfall in der Geschichte des Staates

TEIL IDas Baby

Miriam

Das schwangere junge Mädchen betritt schwankend die Trenton Family Clinic. Sie sieht aus, als hätte sie das Rote Meer geteilt, um dorthin zu gelangen. Die untere Hälfte ihres Kleides ist von Fruchtwasser durchtränkt, die obere Hälfte fleckig von Schweiß. Sie steht im Wartezimmer neben dem Aufnahmeschalter, verlagert das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und atmet schnell und stoßweise. Kein Ausweis, keine Versicherungskarte. Der gesamte Inhalt ihrer Plastikhandtasche: ein Dollar neununddreißig, eine halbe Rolle bunte Necco-Wafers, ein angekauter Bleistift und ein Halskettenanhänger in Form einer Hand mit einem Auge in der Mitte. Das Mädchen ist sechzehn, vielleicht siebzehn, hat schneeweiße Haut und schwarzes Haar. Sie riecht nach Tabak und Kräutern, die man nicht in einem Supermarkt kaufen kann. Ein stechender Schmerz durchfährt sie, so stark, als würde ihr das Fleisch von den Knochen gerissen. »Hey!«, keucht sie und hält sich an Ablage des Schalterfensters fest. »Hey, ist da wer?«

Doch da ist keiner, jedenfalls keiner mit weißem Kittel, Häubchen oder Namensschild. Die, die da sind, sitzen oder stehen herum, pressen Handtücher auf Wunden und wirken benommen oder verängstigt. Ein älterer Mann in einem Hausmeisterkittel müht sich ab, einen dicken Kerl zunächst von einem Stuhl zu ziehen, dann zu schieben, um ihn auf eine Liege zu bugsieren. Der Patient hat einen Schuh verloren und Blutspritzer auf der Hose. Bei einem seiner Versuche taumelt der Hausmeister gegen die Liege, so dass sie gegen eine Wand stößt.

»Schwester?«, ruft das Mädchen.

Schon an einem normalen Tag hätten sich die Krankenschwestern nicht darum gerissen, diesem Mädchen zu helfen. Sie werden ständig mit armen Kindern wie ihr konfrontiert, wobei die normalerweise nicht weiß sind, nicht in dieser Gegend. Aber dies ist kein normaler Tag. Es ist ein Arschkarten-Sonntag, an dem der größte Teil des Klinikpersonals freihat, im Kino sitzt oder die Füße ins Wasser hält, irgendwo, wo sie der Rekordhitze dieses Augusts entfliehen können. Die Krankenschwestern und der einzige Bereitschaftsarzt sind hinten im Einsatz, überrannt von Traumapatienten – Opfern einer Massenkarambolage –, die aufgrund eines Stromausfalls im St. Mercy’s General Hospital hierhergebracht wurden, weil dies die einzige medizinische Einrichtung im Umkreis von vielen Meilen ist.

Das Mädchen befürchtet, ohnmächtig zu werden. Der einzige Ventilator hat längst den Geist aufgegeben; die Luft ist stickig und riecht rostig nach Blut, nach Bleichmittel und irgendwas Ekligem, das eben jemand über den ganzen Fußboden gekotzt hat. Ein junger Mann, der hier als Hilfspfleger arbeitet, schlurft mit Eimer und Mopp herbei und verteilt die Kotze, so dass sie bis kurz vor die nackten Füße des Mädchens schwappt. Sie drückt sich näher ans Fenster, gerade rechtzeitig vor der nächsten Wehe, die diesmal schmerzhafter, länger und schwerer auszuhalten ist. Die Augen der Aushilfe huschen vom Fußboden zu dem Mädchen. Er kann die dunklen Höfe ihrer Brustwarzen durch den dünnen Stoff ihres Kleides sehen. Das Mädchen stöhnt, und der Junge senkt rasch den Blick.

»He, du!« Eine Krankenschwester, auf deren Namensschild Syl steht, steckt den Kopf ins Wartezimmer, deutet auf den Jungen und verschwindet dann wieder. Er blickt auf – Wer, ich? – und krümmt seine linke Hand unwillkürlich wie um einen imaginären Ball. Das Mädchen schließt die Augen und sieht schwebende orangefarbene und goldene Flecken.

Als die Wehe abgeebbt ist, sind die Putzhilfe und der Hausmeister fort. Sie wartet. Sie geht hin und her, hockt sich auf die Fersen, atmet und vergisst zu atmen; sie wartet auf die nächste Wehe und dann darauf, dass sie wieder vergeht. Sie wartet – es können Minuten oder auch Stunden sein –, bis sie den fleischigen Arm einer Schwester um sich spürt, die sie auf die Füße zieht. »Komm mit mir, du schaffst das alleine. Ist nur um die Ecke.«

»Nur um die Ecke« befindet sich ein großer Saal. Durch Gardinen sind die Betten voneinander abgetrennt; in jedem liegt ein »echter Notfall«, wie die Schwester betont.

»Warte hier«, sagt Syl und eilt davon.

Das Mädchen steht herum. Die Bewegung hat für ein paar Sekunden den Schmerz gedämpft, doch die nächste Kontraktion ist so intensiv, dass sie sich auf die Innenseite der Wange beißt, bis sie Blut schmeckt. Zwischen rauhen Atemzügen – sie hat bereits verstanden, dass es keinen Sinn hat, um Hilfe zu rufen – konzentriert sie sich auf die kleinen Tischchen vor jedem Trennvorhang. Auf den Tischchen stehen rosafarbene, nierenförmige Tabletts mit Arzneimittelfläschchen und Tabletten in Papierbecherchen. Niemand achtet auf sie. Die Schwesternstation ist unbesetzt. Das Mädchen rückt zu einem Tisch neben dem Bett einer bewusstlosen Person mit Atemmaske über dem Gesicht. In einer raschen Bewegung greift sie nach einer Spritze und zwei Flaschen, auf deren Etikett in Schreibmaschinenschrift Morphium steht. Ihre Hand zittert von den Nachwirkungen der Wehen, aber sie würde sich trotzdem sofort spritzen, wenn Syl nicht jeden Moment zurückkehren könnte.

Syl war keineswegs untätig und hat eine Ecke neben den Toiletten in eine Geburtsstation verwandelt, wo eine Infusion wartet. Innerhalb von Minuten hat sie das Mädchen angeschlossen, auf eine Liege gebettet und mit einem Papiertuch bedeckt. Dann untersucht sie, wie weit der Gebärmuttermund geöffnet ist. Das Mädchen umklammert die Fläschchen in der Hand so fest, dass sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen graben.

»Keine Zeit mehr, dich zu betäuben«, sagt Syl in die Öffnung der auseinanderklaffenden Vagina des Mädchens hinein und hastet dann wieder los, um irgendetwas oder irgendjemanden zu holen, vielleicht einen Arzt.

Aber ich kann mich betäuben, denkt das Mädchen, als sie die Spritze in die erste Morphiumflasche sticht. Sie kennt sich aus mit Dilaudid, Nembutal, Chloralhydrat und Opium, das man in Chinatown aus der Wasserpfeife raucht. Sie klopft seitlich gegen die Spritze, damit eventuelle Luftbläschen entweichen, und steckt sie in die Zufuhr ihres Infusionsschlauchs. Als das Mädchen spürt, wie das erste goldene Filigrannetz seine Fühler durch ihren Körper ausstreckt, hat sie das Gefühl, Glück gehabt zu haben – Glück, weil sie im letzten verfügbaren Bett hier, an ihrer letzten Zufluchtsstätte, liegt.

Syl ist zurück und zieht etwas Nasses unter dem Mädchen hervor. Sie blafft die Putzhilfe an, die plötzlich erschienen ist. Dem Mädchen ist das alles egal. Sie fühlt sich warm und offen, als läge sie in der Sonne. Sie blinzelt ein wenig durch die Hitze und schließt dann wieder die Augen. »Der Arzt kommt gleich«, verspricht Syl. Für das Mädchen klingt alles wie unter Wasser. Vielleicht treibt sie auf dem Rücken im Meer, und ihre Ohren sind unter Wasser. Sie ist sich einer Spannung in ihrem Inneren bewusst und des Bedürfnisses, zu drücken und zu pressen. Und dennoch schwebt der Schmerz über ihr, außerhalb ihres Körpers.

»Nicht pressen, warte auf den Arzt«, befiehlt Syl.

Das Mädchen lacht, weil das Baby schon rausflutscht. Sie stemmt sich hoch auf die Ellbogen und sieht einen mit weißer Schmiere überzogenen Kopf. Der Hals steckt noch in ihr.

»Nicht pressen!«, wiederholt Syl. Als hätte das Mädchen irgendeinen Einfluss darauf. Als hätte sie den Kopf davon abhalten können, seine Augen zu öffnen und den Blick in ihren zu senken. Der Doktor erscheint im blutigen OP-Kittel, doch mit einmal Pressen schlüpft das Baby heraus wie ein Fisch. »Mädchen«, sagt Syl. Doch das weiß die Mutter bereits, weil das Mädchen zu ihr in Gedanken spricht, die niemand anderer hören kann. Ich bin hier, um dich zu lieben, Miriam, sagt das Neugeborene. Als sie ihren Namen hört, fängt Miriam an zu weinen. Vorher war Miriam nicht in der Lage, sich mit irgendeiner anderen Person verbunden zu fühlen, nicht einmal wenn ihre Körper vereint waren und ineinanderschmolzen. Einen Mann in sich zu haben, Bauch an Bauch zu liegen, Schenkel an Schenkel, Stirn an Stirn, ließ sie nur ihre eigene Nichtigkeit spüren. Sie sehnte sich danach, erfüllt zu sein, doch wenn dann jemand in ihr war, wollte sie nur noch flüchten. Jetzt, während sie und ihr Baby getrennt, aber immer noch eins sind, verbunden durch die Nabelschnur, begreift Miriam die Ekstase der Verbundenheit. Ihre Gedanken und die des Babys fließen mühelos durch die Schnur. Miriam stellt sich vor, wie sie, die Augen mit Khol umrandet und in dem blauen Kleid, das ihre Mutter ihr genäht hat, am Meer steht. Sie hebt das Baby zum Himmel wie ein Opfer. Miriam atmet den Schweiß des Kindes ein, seinen süßen Atem, und lauscht seinen Worten. Wir fliegen zur Glückseligkeit, sagt sie, und ihr Baby trägt sie hinauf in die Wolken.

Doch ihr Baby wird ihr weggenommen. Der Arzt hat mit seiner Schere die Nabelschnur durchgeschnitten und den weinenden Säugling Syl gegeben, damit sie ihn irgendwohin bringt, um ihn zu wiegen, zu messen und zu säubern.

Miriam zittert so heftig, dass sie befürchtet, von der Liege zu fallen. Sie ist allein, ihr ganzer Körper schmerzt, und ihr ist furchtbar kalt. Sie wünschte, sie hätte eine Decke. Sie versucht, sich wieder zurück zu dem blauen Kleid, dem Meer zu versetzen – aber jetzt sind es nur noch Gedanken. Sie hat immer noch die andere kleine Flasche; eigentlich wollte sie sie aufheben, aber sie kann nicht warten, sie zittert vor Kälte und spürt ihre Lippen nicht. Sie wird sich später über das Später Gedanken machen müssen, sie braucht die kleine Flasche jetzt.

Whhhhhschsch – heiß breitet sich die Flüssigkeit in ihren Venen aus, und sie hört eine Maschine am Bett eines anderen Patienten piepen. Sie kann mit den Zehen wackeln und die Sonne spüren, so eine Sonne wie auf der Postkarte von der Küste New Jerseys – der, die sie diesem netten Mann geschickt hat, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie von ihm schwanger war. Sie wusste nicht, warum sie das Bedürfnis hatte, nach Süden zu fahren; vielleicht war sie einfach ein verwirrter Vogel, oder es lag daran, dass er hinterher in ihr Haar geweint und sie seinen Schatz genannt hatte. Wie hieß er gleich noch? Irgendetwas mit J, wie Jesse oder James oder Jerry. Er hatte sie bei sich wohnen lassen und nicht gefragt, wohin sie ging und wann sie zurückkehren würde. Er hatte ihr Haar gestreichelt und ihr etwas zu essen zubereitet, aus Kartoffelchips und Dosensuppe. Und er hat dieses Baby gemacht. Wie hätte sie ihm erklären sollen, dass Opium besser als Sex ist? Sie sehnte sich nur danach, die weiße Taube des Rauchs unter einem Glas hervor einzusaugen und anschließend einen Schokoladenriegel zu essen. Was sollte sie mit einem Baby anfangen? Sie hatte nie ein Haustier besessen, obwohl sie Schildkröten mag. Sie verliert ständig sich selbst, wie könnte sie jemand anderem Halt geben? Sie spürt jetzt keine Schmerzen, aber sie weiß, dass sie kommen werden, dass dieser Zustand nur eine gewisse Zeit andauern wird und dass sie hinterher schlimmer leiden wird als während der Wehen und es dann keine kleinen Flaschen oder netten Jerrys mehr für sie geben wird.

Miriam weiß, dass ihr Baby hier gut aufgehoben ist. Es wird in eine weiche Decke gewickelt, und die Schwester wäscht es und küsst es auf den Kopf wie in einer Babyshampoo-Werbung.

Miriam denkt an das Kind in Der rote Ballon. Es ist der einzige Film, den sie je gesehen hat. Sie trug Kniestrümpfe, aß klebrige Toffees und trank Limonade, wegen der sie durch die Nase rülpsen musste. Völlig egal, dass der Mann, mit dem sie im Kino war, während des besten Teils seine Hand zwischen ihre Beine schob. Ihr ist alles egal, weil es so schön ist, hier zu liegen – nur noch einen Moment länger, mit schweren Gliedern, dahintreibend – eins, zwei, drei, vier, jetzt gehn wir aus der Tür. Fünf, sechs, sieben, acht, jetzt heißt es ganz schnell aufgewacht.

Miriam setzt sich auf und nimmt den Beutel mit der Kochsalzlösung vom Haken. Niemand ist gekommen, niemand beachtet sie. Sie lässt die Nadel der Infusion im Arm stecken und schiebt den Schlauch und den Beutel unter ihr Kleid. Sie sollte sich daran erinnern, irgendetwas zu tun. Was war das noch? Sie wollte etwas schreiben. Sie blickt sich um, findet ihre Handtasche, sucht nach ihrem Bleistift. Sie glättet ein halbwegs sauberes Stück ihres zerknitterten Blatts Papier und schreibt auf, was sie für den vollen Namen des Vaters und seine Adresse hält. Dann nimmt sie ihre Handtasche, überlegt noch einmal kurz und zieht den Halskettenanhänger in Form einer Hand mit einem Auge in der Mitte heraus – er soll jetzt ihr Baby beschützen. Sie legt ihn auf das Blatt neben Jerrys Namen und verlässt die Klinik. Niemandem fällt es auf. Niemandem außer dem Jugendlichen, der auf seinem Mopp lehnt und sie hinaus in die Tageshitze verschwinden sieht.

Billy Beal

Billy Beal rennt. Er rennt, weil sein Paps darauf besteht, dass er das ganze Jahr über trainiert, obwohl die Highschool-Baseballsaison erst im Frühling beginnt. Er rennt durch die frühe Dämmerung und beschleunigt seine Schritte, als er die Scheinwerfer von Pops Kombi an der Rückseite seiner Beine spürt. Von hier an geht es bergauf – er wird seine Zeit von gestern unterbieten oder noch weitere zehn Meilen rennen müssen. »Du fällst zurück!«, ruft Pop. »Gib Gas, Billy Beal. Motivier dich!« Ganz egal, dass Billy Beal der einzige Elftklässler der East Trenton Highschool war, der beim Great-Northern-League-Baseballturnier eingewechselt wurde, als sein Team fünf zu drei im dritten Inning zurücklag und der dann in sechs Innings hintereinander jeweils einen »Strike out the sides« erzielte und so seinem Team den Weg zum Meisterschaftssieg ebnete. Doch für seinen Vater ist er nie gut genug.

An diesem Morgen, wie an fast jedem Morgen in den letzten zwei Wochen, seitdem das Mädchen ihr Baby in der Klinik zurückgelassen hat, drehen sich Billy Beals Gedanken im Kreis. Es wird mit jedem Tag schlimmer, weil der Schulbeginn wieder um einen Tag näher gerückt ist und damit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass er sie wiedersehen wird. Wenn die Schule anfängt, hat er seine Sozialstunden abgeleistet und damit keinen Grund mehr, zur Klinik zurückzukehren. Angenommen, sie holt ihr Baby, genau einen Tag nachdem er gegangen ist? Dann würde er sie niemals wiedersehen. Und wenn er sie niemals wiedersieht, kann er ihr nicht den Anhänger zurückgeben, den sie zwischen den schmutzigen Handtüchern liegenlassen hat. Wenn sie käme, würde er irgendetwas sagen wie: »Ich glaube, du hast was vergessen.« Natürlich wird sie nicht wegen des Anhängers zurückkommen, das weiß er. Genauso, wie er weiß, dass sie ihr Baby nicht aufgegeben hat, wenigstens nicht für immer. »Du bist ein Romantiker, Billy Beal«, hat Mom gesagt, als er ihr erzählte, dass das Mädchen zurückkehren würde.

»Konzentriere dich, Sohn!«, ruft Pop aus dem offenen Fenster des Kombis. Sie haben den Fuß des Hügels erreicht, und im Nacken von Billy Beals American-Legion-T-Shirt zeichnet sich ein dunkles, verschwitztes V ab. Er hätte Pitcher bei der American Legion World Series in Kalifornien letzten Monat sein können, wenn er nicht dabei erwischt worden wäre, als er bei Manni Cannernis Überfall auf den Spirituosenladen Schmiere gestanden hat. Acht Wochen gemeinnützige Arbeit in der schlimmsten Klinik von Trenton, damit sei er glimpflich davongekommen, hat der Richter gesagt. Billy Beal dachte bei der Arbeit die ganze Zeit an nichts anderes als an das Baseballspielen, das er verpasste, während er Dreck auf dem Boden der Klinik zusammenschob. Bis das Mädchen hereinkam.

Sie sah ganz anders aus als irgendjemand, den er je gesehen hatte. Vor allem anders als die Mädchen auf seiner Highschool. Wenn sie auf seine Schule gegangen wäre, hätte er sie gefragt, ob sie mit ihm auf den Homecoming-Ball gehen wolle – falls er überhaupt je zu einem Ball gehen oder sich trauen würde, ein Mädchen nach ihrem Namen zu fragen. Klar hat er das Mädchen nicht unter den günstigsten Umständen getroffen – der ganze Vorgang war von viel Geschnaufe und Gekeuche begleitet –, aber ihre Fingernägel waren sauber gewesen, und sie hat ein hübsches Kleid angehabt. Es war egal, dass sie keine Schuhe trug; sie hatte hübsche Füße. Sie schrie nicht, weil sich niemand um sie kümmerte, und flippte wegen der Kotze auf dem Boden nicht aus. Er ist überzeugt, dass sie ihn angesehen hat, als er um sie herum moppte; er war ihr aufgefallen. Was ungewöhnlich war, weil sich Billy Beal unsichtbar fühlte, außer beim Baseball.

Solange sich Billy Beal erinnern kann, war sein Leben von Männern dominiert: von Pop, seinen beiden älteren Brüdern und allem, was mit Baseball zu tun hatte. Falls Highschool-Mädchen dem Lederjacken-Aphrodisiakum-Effekt erlagen, bemerkte Billy Beal nichts davon. Die Mädchen, die er kannte – Cousinen, die nach Corned Beef rochen, weil sie im Lebensmittelladen aushalfen –, waren wie alte Socken. Seine Brüder brachten keine Mädchen mit nach Hause; sie gingen mit ihnen nach Asbury Park, mit Bier, das sie im Laden geklaut hatten, und kamen mit Knutschflecken am Hals nach Hause. Aber Billy Beal war nicht blind. Er bemerkte, wie sich die Mädchen auf der Highschool veränderten: Die Oberteile wurden enger, die Faltenröcke kürzer, und wohin er auch schaute, überall waren Beine. Beine auf den Tribünen, Beine, die unter den Tischen übereinandergeschlagen und wieder gelöst wurden. Mädchenbeine waren erschreckend flaumig und weich; Fohlenoberschenkel und -waden voller blonder Härchen und Söckchen, die manchmal hinunterrutschten und zarte Knöchel entblößten.

Aber nichts von alledem hatte Billy Beal im Entferntesten auf das schwangere Mädchen vorbereiten können. Die wenigen Male, als er Frauen in der Klinik gesehen hatte, die kamen, um ihre Babys auf die Welt zu bringen, wurden diese hinter einen Vorhang gebracht, und er hatte ihre Schreie ausgeblendet, indem er im Geiste Baseballstatistiken verglich. Was in Frauenkörpern so vorging, wollte er lieber nicht wissen, und schon gar nicht, wie ein Baby aus einem Mädchen rauskam – besonders einem Mädchen in seinem Alter. Er hatte hinunter auf das abgenutzte Linoleum geschaut und die Ammoniakdämpfe aus seinem Eimer eingeatmet. Bis Syl vor seinem Gesicht mit den Fingern geschnippt und gefragt hatte: »Bist du taub? Ich hab gesagt, hol Handtücher!« Das Mädchen hatte eine Menge Blut verloren. Er war auf alle viere gegangen und hatte alle möglichen Klumpen und Körperflüssigkeiten aufgewischt, aber nie zuvor hatte er solche Überbleibsel mit einem Gesicht in Verbindung gebracht. Billy Beal sah das Gesicht des Mädchens nicht einfach nur an, sondern prägte es sich in allen Einzelheiten ein. Sie erschreckte oder schockierte ihn nicht. Ihr Gesicht war weich, und sie hatte sich zu ihm umgedreht, und er könnte schwören, dass sie ihm mit den Augen eine verschlüsselte Botschaft übermittelt hatte. Ich kenne dich, Billy Beal, hatte sie gesagt.

Billy Beal denkt über die Augen des Mädchens nach, die praktisch transparent waren, wie leere Coca-Cola-Flaschen, als könne er durch sie hindurch in sie hineingucken. Ob es ihr mit ihm genauso ergangen war? Billy Beal rennt am Briefkasten seines Elternhauses vorbei und wäre vielleicht noch weitergelaufen, wenn Pop nicht die Stoppuhr hochgehalten und gerufen hätte: »Du hast es mit drei Zehntelsekunden geschafft. Manchmal glaube ich, du bist mit dem Kopf woanders, mein Gott noch mal.« Sie gehen zur Haustür hinein, an die ein immergrüner Weihnachtskranz genagelt ist. Billy Beals Mund ist staubtrocken. »Peg? Peg? Hat dieser verdammte Ralphie den Zweitschlüssel mitgenommen? Ich hab ihn nämlich nicht gefunden. Peg, verdammt noch mal!« Pop blickt auf, und da ist Mom mit ihrem schiefen Lächeln und hält ihm den Zweitschlüssel für den Laden hin. Ihr langes, silbernes Haar steckt noch unter dem Nachthaarnetz, und ihr Gesicht ist knittrig wie ein ungemachtes Bett. »Warum hast du nichts gesagt?«, fragt Pop und marschiert an ihr vorbei in die Küche, wo das Frühstück schon auf sie wartet.

Billy Beal geht an den Kühlschrank, trinkt Milch aus der Flasche und genießt die elektrisch gekühlte Luft. Da hatte er eine Eingebung: Sie sollten das Baby aufnehmen! »Wir sollten das Baby aufnehmen«, sagt er.

»Wie bitte?«, fragt Mom.

»Wir sollten das Baby aufnehmen«, wiederholt er, da es absolut Sinn macht.

»Was zum Teufel faselst du da?«, fragt Pop und blickt von seinem Teller mit Schinken und Eiern auf.

»Gar nichts, mach die Tür zu, Billy, der Kühlschrank frisst sonst zu viel Strom.«

Billy Beal wischt sich mit dem Handrücken Milch vom Mund. »Nur als Übergangslösung, bis sie zurückkommt. Es wäre eine gute Sache. Meinst du nicht auch, Mom?«

Pop juckt von seinem Stuhl auf wie ein Springteufel. »Du lieber Himmel, du weißt davon, Peg? Ich glaube es nicht! Ich kann es einfach nicht glauben, dass du hinter meinem Rücken ein Mädchen … Wer ist es? Wer ist die kleine Schlampe? Wie konnte das bloß passieren, du dämlicher Idiot?« – »Moment mal, ganz ruhig«, sagt Mom und quetscht sich zwischen Vater und Sohn. »Geh mir aus dem Weg, Frau! Jetzt kannst du ihn nicht mehr beschützen!« Pop wirft sich in die Brust wie ein Gorilla. »Ich bring dich um, Billy Beal! Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du dir wünschen, du wärst im Knast gelandet!« – »Al, Al, Al, du hast das missverstanden!« Mom wedelt mit den Händen. Pop schiebt sie aus dem Weg, trommelt mit den Fäusten auf die Brust seines Sohnes ein und schubst ihn rückwärts auf einen Stuhl. »Was soll das, hä?« Rumms. »Bist du bescheuert, oder was?« Rumms. »Was wird jetzt aus deinem Baseballstipendium? Du behämmerter Schwachkopf, du blöder! Du hast nur deswegen einen Kopf auf dem Hals, damit’s nicht reinregnet!« Pop hüpft hin und her und ringt mit Billy, in dem Versuch, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen.

»Al, Al, Al!«, schreit Mom und zerrt an seinem Hemd. »Es ist nicht sein Baby!«

»Ich erwürge dich, du …« Pop nutzt sein Gewicht zu seinem Vorteil und will sich gerade auf seinen Sohn setzen, als Mom ihm ins Ohr schreit: »Hör auf, Al! Ich hab gesagt, es ist nicht sein Baby!« Paps schaut zu Mom auf, und Billy windet sich unter ihm hervor.

»Verdammt, Pop!«, keucht Billy und hebt angewidert die Hände.

»Willst du mich umbringen?«, fragt ihn Pop. »Du hast mich zu Tode erschreckt. Schon dafür sollte ich dir eine knallen.« Billy Beal schaut hinunter auf den Fußboden und stellt sich vor, wie sein Vater mit seinen hundertzehn Kilogramm vor ihm herhechelt, während er ihm mit dem Kombi in den Hintern fährt. Stirb, denkt er, stirb!

»Scheißbaby, was hat er mit einem Baby zu tun?«

»Es wäre das Richtige«, sagt Billy mit ausdruckslosem Blick.

»Wenn ich du wäre, würde ich jetzt die Klappe halten … Okay.« Pop knallt seine Tasse hin und katapultiert Kaffeespritzer ins Universum. »Seit wann hat er Ideen, von denen ich nichts weiß? Was zum Teufel ist hier eigentlich los?«

»Geh auf dein Zimmer, Billy.«

»Aber du hast gesagt, ich soll was essen …«

»Ihr zwei raubt mir wirklich den letzten Nerv!« Mom greift schwungvoll nach Billys gefülltem Teller und drückt ihn ihrem Sohn in die Hand. »Ab«, sagt sie und scheucht ihn mit den Händen weg. »Husch, husch.« Ihr Blick sagt ihm, er solle sich jetzt besser aus dem Staub machen, wenn sie irgendetwas für ihn tun soll.

»Peg, du hast mir eine Menge zu erklären«, sagt Pop ohne eine Spur von Ironie.

Billy Beal wandert in seinem Zimmer auf und ab und bringt die Dielenbretter absichtlich zum Knarren. Er hasst es, wie ein kleines Kind behandelt und auf sein Zimmer geschickt zu werden. Er hasst es, wenn Mom ihn betüddelt und Pop ihn drangsaliert und ihm für alles die Schuld gibt.

Seine Idee ist einfach genial! Sie ist so einfach, dass er sich fragt, warum er nicht schon früher draufgekommen ist. Denn wenn Mom das Baby nehmen würde, wären alle Probleme auf einmal gelöst. Das Mädchen würde zu ihm kommen, und Mom würde ihr erzählen, dass er, Billy Beal, ihr Baby davor beschützt hat, zu einem Mündel des Staates zu werden, wie Mom es ausgedrückt hat. Das Mädchen würde total dankbar sein, mit ihm ein Malzbier trinken gehen, und er könnte ihr eine Schnur für ihren Anhänger machen und sie ihr als Überraschung um den Hals legen. Und Mom kann so gut mit Kindern umgehen, dass sie dem Mädchen helfen würde, sich um ihr Baby zu kümmern, und vielleicht würde sie für eine Weile bleiben. Mom hat so etwas schon für Wildfremde getan, und das Mädchen ist … Na ja, im Grunde kennt er sie ja gar nicht, aber nach dem, was sie zusammen durchgemacht haben, fühlt er sich ihr trotzdem nahe. Mom muss ihn diesmal unterstützen, sie muss einfach!

Mom braucht eine Weile, bis sie Pop die Geschichte mit dem Mädchen und ihrem Baby erzählt hat, hauptsächlich weil Pops häufige Wutausbrüche, bei denen er jedes Mal Kaffee verschüttet, sie bremsen. Irgendwann hört er auf herumzufuchteln, so dass sie sich um den Saft und den Kaffee kümmern kann, die ihren Weg auf seine Hose gefunden haben. »Keine Ahnung, warum ihm diese Geschichte so am Herzen liegt, aber es ist eine Tatsache. Wobei er sich damit zum allerersten Mal wirklich für etwas anderes engagiert als für Baseball. Er zeigt ein bisschen Mitgefühl, was man von dir nicht gerade behaupten kann.« Mom tupft Pops Hose mit einem angefeuchteten Küchenhandtuch ab.

»Mitgefühl? Für eine Negerschlampe, die ihr eigenes Baby in einer Klinik zurücklässt? Dieses Mädchen kommt nie zurück, das weißt du ganz genau. Das Blag hat jetzt der Staat am Hals, nicht wir. – Du reibst es rein, nicht raus!«

»Ich muss die Flecken abtupfen. Außerdem ist sie weiß, nicht dass das einen Unterschied ausmachen sollte.«

»Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du es für eine gute Idee hältst, oder? Denn wenn, würde ich dir sagen, dass du wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank hast. Oder ich würde glauben, hier geht’s gar nicht um den Jungen, sondern um dich. Wie oft soll ich dir noch sagen, dass meine Frau nicht arbeiten geht! Ich versorge diese Familie, und ist der Laden etwa nicht gut genug für dich? Willst du wieder auf kleine Hosenscheißer aufpassen, die niemand haben will, als wäre das hier ein beschissenes Sommerlager? Ich habe dir das einmal erlaubt, und das wirst du mir für immer unter die Nase reiben. Pflegekinder! Du hast gleich eine gepflegte Beule am Kopf, wenn du so weitermachst!« Er spuckt beim Reden, und weißer Schaum bildet sich in seinen Mundwinkeln.

»Das geht zu weit, Albert Beal!«, erwidert Mom, lässt das Handtuch fallen, dreht ihm den Rücken zu und fängt an, Geschirr zu spülen. Das Schweigen zwischen ihnen wird nur vom Rauschen des Wassers aus dem Hahn und dem Reiben von Gummihandschuhen über Porzellan durchbrochen.

Billy Beal hat gehört, dass Pop das Mädchen als Schlampe beschimpft hat. Die Wände sind zwar ohnehin dünn, aber Paps kommuniziert nur auf zwei Arten: laut und lauter. Billy könnte seinen Vater überwältigen; das weiß er längst. Er ist stark und schnell und müsste sich eigentlich nicht mehr rumschubsen lassen. Seit einer ganzen Weile schon hat er keinen Mucks mehr von unten gehört. Das Schweigen seiner Eltern geht ihm mehr auf die Nerven als ihre Streitereien.

Pop und Mom sitzen in der Küche und lauschen dem Ticken der Budweiser-Wanduhr, die Pop umsonst in Wally’s Spirituosenladen bekommen hat. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagt Mom: »Na schön. Ich nehme deine Entschuldigung an. Also, ich habe mir gedacht, jetzt, wo Terry in den Südpazifik versetzt wird –«

»Nicht in den Südpazifik«, erwidert Pop.

»Egal wohin, wir haben dann ein Zimmer frei.«

»Vor China, wie heißt es noch mal? Wo ist Ralphie? Er weiß es. Ralphie! Ralphie!« Keine Antwort. »Sag nicht, dass er schon wieder nicht nach Hause gekommen ist!«

Good Luck Charm von Elvis dröhnt auf einmal so laut, dass Mom die Stimme erheben muss:

»Können wir nicht mal was für Billy tun? Und wenn wir es machen würden, ich meine falls, wäre es ja nur vorübergehend, bis das Jugendamt ein Zuhause für das Kind gefunden hätte.« Pop geht zum Schrank, nimmt einen Besen raus und stößt mit dem Stiel gegen die Decke. »Mach dieses Gejaule leiser, verdammt noch mal! Und du, glaub bloß nicht, ich denk drüber nach, denn das tue ich nicht!« Mom reicht Pop ein Lunchpaket, das sie eigentlich gestern Abend für Billy vorbereitet hat.

»Vietnam«, sagt sie. »Die schicken Terry in ein Land, das Vietnam heißt.«

Cici

Eine Gänsehaut überläuft Carlotta Matzner, wenn ihr Mann ihr in den Nacken pustet. Heute Abend versucht er, ihr dadurch etwas Kühlung zu verschaffen, denn die Spätsommerabende sind heiß, sogar auf dem Land, auch als Montclair, New Jersey, bekannt. »Scopami«, flüstert sie. Er liebt es, wenn sie italienisch redet, besonders, wenn sie etwas Schmutziges sagt. In diesem Moment könnte sie jedoch auch das Telefonbuch rezitieren, und es würde ihn erregen. »Scopa mi con il tuo cazzo duro, Solomon.« Auch wenn sie keine Familie mehr haben, mit der sie ihr Glück teilen können – dafür lohnt es sich.

Sie macht ihn an, und bei dem Rhythmus kann Solomon es nicht mehr lange aushalten. Doch plötzlich schreit sie auf: »Aiiiieeeeeeee!«

»Was ist? Was hab ich gemacht?«, fragt er und zieht sich zurück.

»Aiiiieeeeeeee!«

»Was hast du, hab ich dir weh getan? Wo? Was ist, Liebes, sag’s mir!«

»Solomon, das Baby, es kommt! Du rührst es um mit deinem General!« Er sieht ihren Augen an, dass es ihr voller Ernst ist, und er wünschte, er könnte Mitgefühl aufbringen, aber ihre falsche Wortwahl ist einfach urkomisch. »O nein, Liebes«, sagt er und versucht, sich das Lachen zu verkneifen. »Du hast nur einen Krampf, so wie neulich Abend, weißt du noch, und den Tag davor. Das ist nichts Schlimmes.«

»Aber es ist nicht wie beim letzten Mal. Wir machen, dass es kommt, wir sollten das nicht tun. Minchia, porca madonna, tut das weh!«

»Atme«, sagt er. Sie atmet, und er atmet; sie atmen.

»Du hast mich ganz schön erschreckt«, sagt er. »Aber vertrau mir, das Baby ist wunderbar geschützt da drin, und zwar vor viel größeren Dingen als diesem Kerl hier.«

»Pronto, Solomon«, erwidert sie. »Ruf den dottore, per favore.«

Sie gerät oft in Panik, doch nie, während sie sich lieben. Mit Cici vernünftig zu reden hat keinen Sinn, wenn sie so ist, also verkneift er sich die Bemerkung, dass man nicht mitten in der Nacht wegen nichts und wieder nichts einen Arzt stören kann, besonders wenn man vorgestern noch bei ihm war und alles tipptopp aussah. Es hat keinen Sinn, zu erwidern, dass es noch einen Monat dauern wird und der Gynäkologe bis dahin so die Nase voll von ihnen haben wird, dass er, wenn es richtig losgeht, in aller Ruhe noch ein Tennismatch zu Ende spielen wird, bevor er sich langsam zum Krankenhaus aufmacht. Also hört Solomon ihr ergeben zu, tröstet sie, schaut auf die Uhr und sagt: »Wir beobachten jetzt erst mal, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Wehen vergeht, nur um ganz sicher zu sein.« Er schafft es, eine halbe Stunde lang die Augen offen zu halten, und als alles ruhig ist an der Babyfront und Cici nach weichem Camembert und einer Zigarette verlangt, sagt er: »Mir macht es nichts aus, wenn wir uns nicht lieben. Ich würde nie wollen, dass du es nur mir zuliebe tust, glaub mir.« Er ist bereits aufgestanden und hat seinen Bademantel übergezogen, bereit, ihr etwas zu essen zu holen. »Das ist mein Ernst; ich habe früher darauf verzichtet und kann es wieder tun.« Sie blickt zu ihm auf und flüstert etwas unglaublich Erotisches. »Schau, was du mit mir anstellst!«, schimpft er zärtlich. »Du bist unverbesserlich!«

Als Solomon den überreifen Käse holen gehen will, den Cici so gerne isst, stößt er mit dem Fuß gegen eine Ledertasche, die neben der Küchentür steht. Verdammter Handwerker, lässt sein Zeug überall rumstehen. Solomon hat Gusmanov aus zwei Gründen ausgewählt: um nach dem Haus zu sehen und ein bisschen seiner Frau zu helfen. Erstens hat er Pickel so groß wie Beulen am Hals und stellt daher keine Bedrohung dar, und zweitens spricht er ein bisschen Italienisch, das er von seinen Nachbarn in Brooklyn gelernt hat. Solomon muss immer sehr lange arbeiten und hat kein gutes Gefühl dabei, Cici ganz allein in ihrem neuen Haus und einer neuen Umgebung zu lassen. Autofahren macht seine Frau noch immer nervös, daher hat er auch vor kurzem eine Haushälterin angestellt, die saubermachen und die Einkäufe erledigen soll.

Als Solomon wieder raufkommt, schläft Cici. Der Mond scheint durch die noch gardinenlosen Fenster und badet Cici in einem sanften Schein. Solomon hat es sich zum Hobby gemacht, seine Frau zu betrachten. Ihr nackter Körper ist bezaubernd, aber wenn sie bekleidet ist und er sie dabei beobachtet, wie sie eine Hand hebt, um einen Ohrring einzuhängen oder den Verschluss ihrer Halskette zu schließen, liegt darin etwas geradezu Magisches. Wenn sie ihr Haar hebt, um es aufzustecken oder ihren Schmuck zurechtzurücken, kann er das Muttermal hinter ihrem linken Ohr erkennen, und jedes Mal überrascht es ihn, als entdecke er es zum ersten Mal. Ebenso aufregend ist es, wenn sie ihr Haar löst und es ihren Rücken hinunterfällt. Solomon liebt es, das Gewicht dieses Haares zu spüren, wenn es nass ist. Ihre honigfarbenen Locken kringeln sich über ihr Kissen bis auf das Bettlaken. Ihr Gesicht schimmert taufrisch, vom Mondlicht, durch die Schwangerschaft oder, so würde Solomon gerne glauben, seinetwegen. Wie konnte es einem zweiunddreißig Jahre alten rothaarigen Radiologen, an dem das Attraktivste seine Waden und sein Verstand sind – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge –, gelingen, eine einundzwanzigjährige Schickse-Göttin an sich zu binden? Als er Cici ansieht, den Bauch gerundet von seinem Kind, fragt er sich, ob das Leben überhaupt noch schöner werden kann.

Am nächsten Morgen steht Solomon früh auf und beschließt, seine Frau mit Kaffee im Bett zu überraschen. Meine Frau. Er liebt es, »meine Frau« zu sagen. Ich muss nur mal kurz meine Frau anrufen; entschuldige, ich kann deine Schicht nicht übernehmen, meine Frau wartet zu Hause auf mich. Während der Espresso durchläuft, liest Solomon die Zeitung und faltet dabei jeden Teil erst längs und dann quer zusammen. Seine langen, fast spitz zu laufenden Hände sind mit Sommersprossen gesprenkelt, obwohl er in diesem Sommer kaum an der Sonne gewesen ist. Durch den Umzug, Cici und sein hohes Patientenaufkommen als Krankenhausradiologe ist er nicht oft zum Tennisspielen gekommen. Hastig bestreicht er ein Brötchen mit Butter und isst es in wenigen Bissen. Er lässt der Espressomaschine so viel Zeit, dass sie überkocht und eine klebrige Schweinerei verursacht, die er der neuen Haushälterin überlässt. Sie heißt Cof‌fee, glaubt er. Wer bitte schön nennt sein Kind Cof‌fee?

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrt, steht Cici gebückt neben dem offenen Kleiderschrank, stößt ein paar aufgebrachte Uffs hervor und flucht. Solomon nimmt die Espressotasse hinter dem Rücken hervor. »Für die Dame des Hauses.«

»Hast du gesehen meine Tasche, ist so groß?«

»Die neben der Küchentür, die mich gestern Abend beinahe umgebracht hat, als ich darübergestolpert bin?«

»Ah, hab vergessen! Hab ich da hingestellt, damit ist bereit.«

»Wo genau soll es denn hingehen?«

»Buuuuu, ins Krankenhaus, du Dummerchen.«

»Es heißt, die ersten Babys kämen normalerweise später, also mach dir keine allzu großen Hoffnungen.«

»Sag das nicht, Solomon.« Cicis Mundwinkel wandern nach unten, und ihm fällt ein, dass er noch eine weitere Überraschung für sie hat. Er ist eben noch schnell in den Garten gegangen, um ihr Blumen zu pflücken, und jetzt präsentiert er ihr ein paar Fliederzweige, die er hinter seinem Rücken versteckt hatte.

»Du hast einen Busch gefunden, der noch lebt? Bei der Hitze? O caro mio.« Cici drückt den Flieder an ihre Brust, und ihr Gesicht hellt sich auf. Solomon hofft, dass es immer so einfach sein wird, sie glücklich zu machen.

Als Cici auf dem Sofa sitzt, ist sie bei ihrem dritten Espresso, dem zweiten Croissant und der fünften Zigarette, die sie in einer Untertasse ausdrückt. Sie fährt mit der Oberseite ihres Fingernagels über ein Seidenkissen, befühlt dessen kühle Oberfläche – eine Gewohnheit seit Kindertagen – und leckt die Marmelade von ihrem letzten halben Croissant ab. Sie lässt die Klümpchen auf der Zunge zergehen und genießt es, wie sie den Tabaknachgeschmack versüßen. Das Wohnzimmer ist leer bis auf das Sofa, auf dem sie sitzt, aber es macht ihr nichts aus. Sie wurde in dem Glauben erzogen, Qualität sei weitaus wichtiger als Quantität, sei es bei den für eine Frau wichtigen Accessoires – Handtaschen und Schuhen – oder der Einrichtung. Das Haus ist noch so neu, und es braucht Zeit, um Antiquitäten sowie die richtigen Stoffe und Farben zu finden.

Kurz darauf fangen ihre Beine an zu schmerzen, und sie schwitzt unter der Brust. Vielleicht sollte sie ein Bad nehmen oder die Haushälterin bitten, sie in die Stadt zu fahren. Doch was würde sie in der Stadt machen? In die Läden gehen, wo sie mit amerikanischem Geld umgehen müsste – es ist so hässlich, alle Scheine in einer Farbe – und sich schämen, wenn ihr das richtige Wort für Toilettenpapier nicht einfällt? Und wenn die Haushälterin sie begleitet, muss sie mit ihr reden, und es ist so anstrengend, alles erst im Kopf zu übersetzen. Das Englische bereitet Cici große Schwierigkeiten; die unregelmäßigen Verben und geschlechtslosen Substantive machen ihr zu schaffen, und amerikanische Namen klingen für sie seltsam. Als Solomon ihr die Haushälterin vorstellte, sagte sie zum Beispiel: »Ah, come biscotti.« – »Nein, Ma’am. Nicht wie Bisquit, das schreibt man mit B. Mein Name fängt mit C an. Cook, wie kochen, Essen machen. Cook und dann -ie hinterher«, erklärte Cookie laut und langsam. Cici hasste es, wenn man mit ihr sprach wie mit einem tauben Kind. Cook mit dem -ie spricht außerdem mit einem komischen Dialekt, den sie nicht versteht, wie diese stronzi siciliani.

Cici träumt bisher noch nicht auf Englisch; Solomon hat ihr erklärt, das wäre das Zeichen dafür, dass man eine Fremdsprache wirklich beherrscht. Momentan hat sie zu nichts anderem Lust, als die italienischen Zeitschriften zu lesen, die es in Little Italy gibt, damit sie den neuesten Klatsch über die Adeligen und Prominenten nicht verpasst. Sie lebt noch nicht lange genug in Amerika, um ausreichend über die hiesigen Reichen und Berühmten zu wissen, obwohl sie natürlich gehört hat, dass Marilyn Monroe an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben ist. Sol will nicht, dass sie alleine in die Stadt geht, jetzt, wo die Schwangerschaft so weit fortgeschritten ist, weshalb sie ihn bitten muss, ihr Lesestoff mitzubringen.

»Sprich mit Gusmanov, er kann Italienisch«, hat Solomon gesagt. Ihr Mann ist so süß! Er glaubt, weil Gusmanov mit Italienern aufgewachsen sei, könne er automatisch auch Italienisch. Er gibt sich zwar redlich Mühe, doch mit seinem russischen Akzent verstümmelt er das Italienische derart, dass es Cici in den Ohren weh tut. Auch glaubt sie nicht, dass Gusmanov heute kommt. Es ist zu heiß, und sie ist zu fett und buuuuuuuuuu, non lo so.

Cook mit dem -ie macht wohl die Toilette sauber, denn Cici hört mehrmals hintereinander die Spülung. Es ist zu still im Haus. Sie wollte es haben, weil das Grundstück groß und mit duftenden Fliederbäumen bewachsen ist. Sie hat sich vorgestellt, wie ihre Kinder später einmal den ganzen Tag hier spielen und rein- und rausrennen. Sie mag ein lautes Haus. Es erinnert sie an das Leben mit ihrem richtigen Papa; ständig brodelte irgendetwas auf dem Herd, und von irgendwoher ertönte immer Musik – Papas Klavier, Mamas Opern auf dem Victrola-Plattenspieler und dazu das Meeresrauschen im Hintergrund. Es war das genaue Gegenteil zu dem Haus ihres Stiefvaters mit seinen dunklen, verriegelten Fenstern, wo alle immer nur flüsterten, weil Mama mal wieder krank war und nicht gestört werden durfte.

Cici blättert einen Stapel Papiere auf der Anrichte durch; alle Rechnungen gehen an Sol. Sol kann gut mit Geld umgehen. Ihre Mutter hat ihr beigebracht, es sei unschicklich, darüber zu diskutieren, wie viel Geld man hat. Sie behauptete, eine Nachfahrin der Borghese zu sein, versäumte es aber, ihren Kindern zu erzählen, warum sie sich wie Ameisen an der ligurischen Küste auf und ab bewegten, um dem Schuldeneintreiber einen Schritt voraus zu sein, oder warum Papa seine Wochenenden damit verbrachte, auf Pferde zu wetten, anstatt sie zu reiten. Und warum sie nach Papas Tod einen frommen, humorlosen Mann heiraten musste, von dem alle wussten, dass sie ihn unmöglich lieben konnte.

Unter den Rechnungen findet Cici Flugblätter von St. Clare’s über das Sakrament der Taufe und die Taufzeremonie. Es gibt nur zwei katholische Kirchen in Montclair, und Sol hat die Entscheidung ihr überlassen, welcher Gemeinde sie sich anschließen wollte. Cici fand St. Clare’s ganz in Ordnung für ihre unmittelbaren Bedürfnisse; das Taufbecken war zwar nicht aus Marmor, aber sauber und einfach. Pater Padua wirkte freundlich, und er war vor allem jung.

Cici hatte in der Chiesa Brunella von Varese so unter dem altersschwachen Priester gelitten, dass sie die Nase voll von solchen Geistlichen hatte. Nur schon wenn sie daran denkt, hat sie Pater Dantes Zwiebelatem wieder in der Nase, der durch das Beichtstuhlgitter drang, und sie erinnert sich daran, wie sie zur Kirche ging, begleitet von buckligen alten Signoras, die regelmäßig an der Bar haltmachten, um Espresso mit einem Schuss Grappa zu trinken, und danach ein paar Zentimeter aufrechter in die Messe gingen. Das Einzige, was Cici am Katechismusunterricht gefiel, waren die Geschichten über das Leben der Heiligen, weil Frauen und Wundmale darin vorkamen. Ihre Lieblingsheilige war Teresa von Avila. Die Menschen hatten Teresa von Avila so sehr geliebt, dass sie nach ihrem Tod ihre Körperteile stahlen. Schwester Agatha behauptete, sie kenne jemanden, der jemanden kenne, dessen Ururgroßmutter den Finger der heiligen Teresa berührt habe. Cici liebte die heilige Teresa wegen ihrer ekstatischen Visionen und stellte sich vor, dass sich so Geschlechtsverkehr anfühlen musste. Wenn es eine Sünde war, mit einem Jungen zum Vergnügen Sex zu haben, warum war es dann keine Sünde, sich Christus hinzugeben? Teresa von Avilas Verzückung musste ihr doch Freude bereitet haben. Cici hatte diese Art von Gedanken oft und war sich sicher, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Aber sie konnte nicht anders. Wenn sie nachts allein war, erinnerte sie sich an die Worte der Teresa von Avila und stellte sich Maurizio vor, den Ministranten, und wie er seine Lippen auf ihre drückte.

Neben Maurizio, dem Ministranten, war das andere Gute an der Kirche ihr Geruch: ein Destillat aus altem Holz, Bitterorangen, Weihnachtskiefern, betörenden Lilienduft, verrottenden Balken und Bergamotterauch, den die Kinder für den Heiligen Geist hielten, wenn er aus dem Weihrauchgefäß des Priesters hervorquoll. St. Clare’s roch nach gar nichts. Vielleicht war die Kirche noch nicht alt genug, um ihren eigenen Duft angenommen zu haben, aber Cici würde dafür sorgen, dass Pater Padua für die Taufe des Babys wohlriechendes Öl verwendete, und sie hoffte, ihn dazu überreden zu können, das Weihrauchgefäß einzusetzen.

Cici hat es bisher nicht eilig gehabt, zur Messe in St. Clare’s zu gehen. Endlich ist sie frei vom Joch der Familienpflichten – Pflichten, die ihre Mutter durch die Heirat mit Marco D’Ameri eingegangen war, als sie ihm versprach, ihre Töchter zu guten Katholikinnen zu erziehen. Was ihre Familie wohl jetzt von ihr denken würde?

Egal – für sie zählt nur noch, was Sol für wichtig hält. Er betet sie an und wird seinen Sohn anbeten. Seitdem Cici ihre Füße nicht mehr sehen konnte, weil ihr der Bauch im Weg war, wusste sie, dass sie einen Jungen bekommen würde. Ihre ältere Schwester Genny hatte drei Kinder, alles Mädchen, sehr zu Marco D’Ameris Enttäuschung.

Cici hat seit dem Krampf am Vorabend keine Tritte oder anderen Bewegungen des Babys mehr gespürt. Sie fühlt sich träge und lustlos, das pure Gegenteil von der großen Aufregung, die sie erfüllte, als Sol ihr vor zehn Monaten aus dem Flugzeug hinaus auf das Rollfeld des Flughafens von Idlewild half. Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend hat sie in der norditalienischen Provinzstadt Varese verbracht, und obwohl sie später im Laden ihres Stiefvaters in Mailand ausgeholfen hat, hält keine italienische Stadt dem Vergleich mit Manhattan stand. New York City erschien ihr wie die große Schwester, die sie sich immer gewünscht hatte: Immer in Bewegung, strahlend, nahm New York sie an die Hand und warf sie mitten ins Leben. Das war etwas ganz anderes als die kalte Uniformität Mailands, die grauen Gesichter der Geschäftsleute und die ausgelaugten Hausfrauen, die den ganzen Tag mit Einkaufen verbrachten, um die Geschäftsleute zu füttern, und die mit ihren matchboxartigen Autos durch die engen Gassen knatterten.

Alles in New York war groß: große Taxis, große Hotdogs in großen Brötchen, große Gebäude und große Musik. Die Stadt war wie eine russische Matrjoschka-Puppe, und Cici liebte es, die kleineren und immer kleineren Städte zu erkunden, die sich darin verbargen. Sol nahm Cici mit nach Little Italy, Chinatown, Greenwich Village, auf die Lower East Side. Cici schwor, auf der Stelle New Yorkerin zu werden. Go, New York! wurde ihre Bibel, und sie verschlang alle Reiseführer, die sie auf Italienisch finden konnte. Sie lernte, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzten, sich in deren Netz zurecht zu finden und dass Harlem kein Ort für die vielen Frauen türkischer Männer war. Und am wichtigsten: Sie fand heraus, wo sie einkaufen konnte.

Im einzigen Topf, den Sol in seiner Wohnung am Gramercy Park besaß, kochte Cici Risotto con funghi und briet Costoletta alla Milanese und brachte Sol das Essen nach St. Vincent. Sie aßen gemeinsam im Nebenraum der Radiologieabteilung zu Mittag, wo die Krankenschwestern die alten Röntgenbilder aufbewahrten, und schmusten ein bisschen. Sonntagnachmittags gingen sie in die New Yorker Philharmonie, um Leonard Bernstein Mahler dirigieren zu hören, oder in die Met, um die neuesten Opernaufführungen zu sehen, auch wenn es nur Stehplätze gab. Anschließend zogen sie sich aus und quetschten sich gemeinsam in die Badewanne. Sie lehnte sich rücklings gegen ihn und drückte seine Knie an ihre Brust, damit sie beide reinpassten. In der Wanne lasen sie sich abwechselnd aus einer zweisprachigen Ausgabe von Dantes Inferno vor, vermischten die Sprachen, berührten sich zwischendurch und lachten noch, als das Seifenschaumwasser schon lange erkaltet war.

In diesen Monaten in New York blühte Cici im Kokon ihrer Zweisamkeit auf. Manchmal gingen sie mit Sols Kollegen und deren Frauen aus, doch meistens blieben sie für sich. Was Cici jedoch am meisten daran hinderte, Bekanntschaften zu schließen und die Stadt besser kennenzulernen, war ihr Englisch. Sie hatte geglaubt, die Sprache schnell lernen zu können, und als sich das als Irrtum herausstellte, fühlte sie sich minderwertig und frustriert. Doch solange sie mit Sol kommunizieren konnte und irgendwie zurechtkam, warum sollte sie sich weiter abmühen? Sie konnte auch ohne Grammatik New Yorkerin werden. Als man Cici die Schwangerschaft ansah, entschied Sol, dass eine Einzimmerwohnung in Manhattan kein Ort war, um eine Familie zu gründen. Es kam nur die Gegend infrage, die ihr Immobilienmakler als das »Florenz von New Jersey« anpries. Sol lehnte sich finanziell weit aus dem Fenster und kaufte ein Kolonialstil-Haus der Jahrhundertwende im Vorort Montclair mit Blick auf Manhattan. An Cicis einundzwanzigstem Geburtstag im Juni waren sie Einwohner von New Jersey. Cicis Welt wurde in dem Maße kleiner, wie ihr Bauch in den heißen Sommermonaten wuchs. Montclair war malerisch mit seinen Eichen- und Pappelalleen, den gepflegten Gärten und dem respektablen Kunstmuseum. Cici konnte vieles zu Fuß erreichen, und die öffentliche Bibliothek besaß einen recht ordentlichen Hörraum und einige seltene Opernaufnahmen. Sie konnte in den Park gehen und Frauen beobachten, die sich um ihre Kinder kümmerten, und denken: Bald werde ich einen ganzen Stall voll haben, und mein Leben wird so erfüllt sein, dass ich mir wünschte, ich hätte einen ruhigen Moment für mich. Einige von Sols Kollegen waren ebenfalls in die Vororte gezogen, und ein paar von den Ehefrauen hatten sich zusammengetan, um eine Babyparty für Cici zu geben. Trotzdem blieb Cici isoliert. Sie hatte sich geschworen, dass ihr nie passieren würde, was ihrer Mutter passiert war – ihr Feuer würde sie nicht durch die Entscheidung für ein sicheres, bürgerliches Leben verlieren. Sie war schließlich in Amerika.

»Vergiss nicht, wer du bist, Carlottina«, hatte ihre Mutter ihr stets eingeschärft. Ihre Mädchen hatten eine klassische Erziehung genossen und besaßen perfekte Zähne, koste es, was es wolle. Sie aßen nur die besten Kalbfleischstücke, kein Weiß, keine Spur von Grau, nur Hellrosa; sie wussten, dass die besten Rubine die Farbe von Taubenblut hatten und warum Verdi Wagner überlegen war. Ihre Mutter sorgte dafür, dass ihre Mädchen alles hatten, was ihr wichtig war, auch wenn sie die ganze Nacht aufbleiben musste, um Kuscheltiere aus Pelz zu machen, die sie an Kaufhäuser verkaufte, und tagsüber Kindern Klavierunterricht erteilte. Während diese Kinder ihre Häuser am Meer am Ende des Sommers verließen, blieb Cicis Familie im Winter dort als Hausmeister zurück, oft ohne Heizung.

Doch jetzt ist Sol Cicis Familie; sie braucht weder ihre Mutter noch ihre Schwestern, warum also wird sie jetzt so sentimental? Sie hatte ihrer Schwester Genny aus einer Laune heraus geschrieben, dass sie schwanger sei, doch eine Antwort auf die Nachricht erwartete sie nicht. Na ja, vielleicht erhoffte sie sich doch ein freundliches Wort, und so war sie freudig überrascht, als ihr der Postbote einen Karton mit italienischen Briefmarken überreichte. Sie riss Klebeband und Verpackung auf wie ein Kind an Weihnachten und fand viele schöne Überraschungen – die italienische Vogue, Nazionali-Zigaretten ohne Filter, Pasta-del-Capitano-Zahnpasta, Risotto, Gianduiotto-Nougatpralinen, mit grünen Schimmeladern durchzogener Stracchino-Käse, der wie ein Augapfel aussah, eine blaue Babydecke – aber keine Nachricht.

Cici seufzt. »Du gehörst in ein anderes Jahrhundert«, neckt Sol sie gerne, »eines, in dem Frauen stets Perlen und feine Dessous tragen und hörbar seufzen.« Sie geht in sein Zimmer, wo Kisten voller Platten stehen, sucht sich eine Belcanto-Aufnahme aus und geht dann nach oben. Cookie, schmal und agil wie eine junge schwarze Windhündin, kommt die Treppe herunter, die Arme voll mit Reinigungsmitteln. »Ich brauche neues Brillo, Mrs. M. Wenn ich mit der Küche fertig bin, laufe ich rasch mal um die Ecke, wenn Sie einverstanden sind.« Cici erstarrt. Was ist ein Brillo? Um die Ecke? Cici versteht nicht und will auch nicht mehr versuchen zu verstehen, was Cook mit dem -ie sagt – es bringt sie zum Weinen. Sie lässt eine ratlose Cookie zurück, als sie, ohne zu antworten, in das Kinderzimmer stürmt und die Tür hinter sich zuschlägt.

Mit zitternden Händen legt Cici die Platte auf den tragbaren Plattenspieler, nimmt ihren weißen Pelzelefanten aus der Krippe, setzt sich auf den Schaukelstuhl, drückt das Plüschtier an die Brust und wartet darauf, dass ihre Gefühle abebben. Die Wände des Zimmers sind in einem warmen Gelb gestrichen; alles andere ist blau. Sie schließt die Augen und lauscht Maria Callas. Sie hatte die Callas in der ersten Oper gesehen, die sie je im Teatro alla Scala in Mailand besucht hatte, und es war die erste Stimme gewesen, die sie gleichzeitig zu Tränen der Freude und der Trauer rühren konnte. Die Callas in Il Pirata – befehlend, zerbrechlich, leidenschaftlich. Während sie zuhört, fühlt sich Cici, als dränge die Stimme der Callas in ihren Körper ein und halle in der Kehle nach, als könne sie den Mund öffnen und dann würde so schöne Musik hinausströmen. Cicis Kehle fühlt sich nicht gut an. Ist es die Callas oder Sodbrennen? Ihr bricht kalter Schweiß aus, und Speichel sammelt sich unter ihrer Zunge.

 

Cookie putzt die Küche, flink wie ein Wiesel in ihrer schwarzweißen Dienstmädchenuniform. Sie ist zwei Nummern zu groß, da sie sie die meiste Zeit während ihrer drei Schwangerschaften getragen hat und das zusätzliche Geld für den Kauf einer neuen Uniform nicht ausgeben wollte, jetzt, da ihre Jüngste gerade zehn Monate alt ist. Sie ist froh, eine Vollzeitbeschäftigung zu haben, denn ihr Mann, dieser nichtsnutzige Nigger, hat sich ins Gefängnis gebracht, so dass sie ihre Kinder und ihre Mutter allein ernähren muss. Diese Mrs. M. ist seltsam. Cookie hält sie für nicht viel älter als sie selbst, doch im Gegensatz zu ihr scheint Mrs. M. noch das reinste Kind zu sein. Sie hat keine Familie, die sich um sie kümmert, und sie weint dort oben und hört oft laut ihren italienischen Gesang. Sie tut Cookie leid, aber es geht sie nichts an. Cookie bleibt für sich, denn man weiß nie bei den Weißen.

Cici ist dabei, sich auf ihrem Bett auszustrecken, als sie bemerkt, dass etwas auf der Reisetasche liegt, die Sol wieder nach oben gebracht hat. Schäbige, einstmals weiße Pantoffeln, die an den Rändern ausgefranst sind. Als sie sie in die Hand nimmt, um sie näher zu inspizieren, sinkt sie vor Schmerzen auf die Knie.

Cookie dreht das Wasser in der Küche ab. Ist das Geschrei oder Mrs. M.s Musik? Als Cookie sich schließlich entscheidet, nach oben zu gehen, um nachzusehen, tritt Mrs. M. aus ihrem Zimmer, noch blasser als zuvor. Sie umklammert ihren Bauch. Sie braucht gar keine Lenkbewegung mit den Händen zu machen; Cookie weiß, was ihre Chefin verlangt, und sie nickt. Zwar hat sie keinen Führerschein, aber sie hat darauf bestanden, dass der Nigger ihr beibrachte, wie man seine Rostlaube von Auto fuhr, bevor die Polizei den schmächtigen Typen mitnahm. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Cookie weiß, was zu tun ist.«

 

Als Sol Matzner nach dem Gespräch mit ihrer neuen Haushälterin den Hörer auflegt, ist er nicht davon überzeugt, dass Cici wirklich in den Wehen liegt. Andererseits kann er keineswegs sicher sein, dass es nicht so ist. In Cookies Stimme lag eine überraschende Autorität. Er ist besorgt genug, um Dr. Dubin anzurufen und zur Grand Central Station zu fahren, um den nächsten Zug nach Montclair zu nehmen.

Es beginnt mit einem Tropfen. Cici bemerkt einen roten Fleck in ihrer Unterwäsche, als sie im Klo unten im Erdgeschoss des Krankenhauses pinkelt. Sie musste schon im Auto so dringend, dass sie nicht wusste, was schlimmer war, ihre volle Blase oder die Wehen. In Dubins Sprechzimmer im dritten Stock angekommen, bekam Cici noch ein paar Wehen. Cookie überlegt, Augenkontakt mit der Krankenschwester herzustellen, aber stattdessen tut sie das, was sie an solchen weißen Orten zu tun gelernt hat.

»Mein Mann, er ruft dottore an«, sagt Cici und atmet zwischendurch stoßartig, als würde sie eine Kerze ausblasen. Die Krankenschwester reagiert nicht mit der honigsüßen Stimme auf sie, in der sie Solomon und Dr. Dubin angesäuselt hat. Cici hat Angst, sie braucht ihren Arzt-Ehemann, ihren Mann.

Eine andere Krankenschwester nimmt sie mit nach hinten, nachdem die erste Krankenschwester ihr etwas zugeflüstert und ihr eine Akte übergeben hat. Cici hat sich »untenrum« ausgezogen und liegt bedeckt mit einem Laken in einem Untersuchungsraum. Wo bleibt il dottore, immer wieder heißt es, er käme in einer Minute, aber es sind schon viele, viele Minuten vergangen. Solomon wird bald hier sein, ihre Hand halten und so mit ihr reden, wie sie es gewohnt ist.

Sie muss nur warten. Cici spürt einen weiteren Krampf und dann einen warmen Schwall zwischen den Beinen. Sie hat Angst. Sie kann nicht über ihren Bauch hinwegsehen. Sie kneift die Augen zusammen, und als sie sie wieder öffnet und sich aufsetzt, muss sie das Laken nicht zurückziehen, um zu sehen, was los ist. Cici blutet.

Glücksbringer

Ralphie hört in Terrys ehemaligem Zimmer seine Bob-Dylan-LP und raucht dabei Gras. Billy Beals Augen brennen, aber nicht nur vom Qualm, sondern auch weil das Baby die ganze Nacht geweint hat und Mom dauernd in sein Zimmer reingekommen und wieder rausgegangen ist, um es zu holen. Normalerweise kann Billy Beal neben einer Baustelle auf einem Stein schlafen, aber das Babygeschrei schafft, was Presslufthämmer nicht vermögen. Billy hasst es, wenn die Kleine weint, und nicht nur, weil ihm das Geschrei auf die Nerven geht. Ralphie ist in Terrys Zimmer gezogen, als Terry nach Asien geschickt wurde, deswegen muss Billy Beal mit dem Baby in einem Raum schlafen.

»Du hast sie gewollt, also schläft sie auch bei dir«, hat Pop gegrummelt. Billy Beal macht es im Grunde nichts aus, das Baby in seinem Zimmer zu haben, aber jetzt hängt er bei Ralphie rum, weil die Kleine endlich mal eingeschlafen ist und Mom und Pop sich unten streiten. »Ich muss los, Kleiner«, sagt Ralphie mitten in einem Song, klopft Billy Beal auf den Rücken und klettert zum Fenster hinaus. Ralphie ist früher immer den Baum vor Terrys Fenster runtergeklettert, damit er in den Park konnte, wenn er eigentlich nicht mehr rausdurfte. Billy Beal wundert sich, warum er es jetzt macht, mitten an einem Samstagnachmittag.

»Wenn ich noch ein Kind gewollt hätte, hätte ich Mabel gepoppt, verdammt noch mal!«

»Mabel hat garantiert keine zwölf Kinder, weil sie sich das so gewünscht hat, sondern weil die Männer ihn nicht in der Hose lassen konnten!«

»Ach, red doch keinen Blödsinn, Frau! Das Baby ist nur vorübergehend hier, also wirst du ihm gefälligst keinen Namen geben, weil wir es nicht behalten können wie die verdammten Streunerkatzen!«

Billy Beal bedeckt den Kopf mit einem Kissen. Wenn das Baby aufwacht, kann er vielleicht mit ihm spazieren gehen. Keine Ahnung, warum Mom ihm die Kleine nicht ohne weiteres anvertraut; er geht gut mit ihr um, und sie ist ein pflegeleichtes Kind. Sie hört auf zu weinen, sobald Mom ihr ein Fläschchen in den Mund steckt. Er betrachtet sie gerne dabei, wie sie trinkt, weil sie dann in einer ganz anderen Welt zu sein scheint. Er weiß, dass Mom sich die alte Schreckschraube von der Kinderfürsorge ordentlich zur Brust genommen hat – er hat die beiden durch die Glastür beobachtet, und an einem Punkt hat Mom mit beiden Händen auf den Tisch gehauen, und die Schreckschraube sah aus, als würde sie gleich an die Decke gehen. Er merkt, dass es Mom gefällt, ein Baby im Haus zu haben. »Nichts riecht so gut wie neues Leben«, sagt sie oft und schnuppert an der Kleinen, wenn sie frisch gebadet ist oder sie ihr die Windeln wechselt. Gut und Böse halten sich in Mom die Waage.

»Wir sollten dankbar sein für alles, was wir haben, du geiziger alter Pfennigfuchser!«

»Was bildest du dir eigentlich ein? Wem hast du denn das alles zu verdanken? Und wenn er die Chance auf ein Baseballstipendium vermasselt, nur deswegen? Dann kann nichts aus ihm werden!«

Es hat keinen Zweck, sich das Kissen über den Kopf zu legen. Ihre Worte sind wie Raketen und verfehlen ihre Wirkung nicht. Er berührt den Glücksbringer, den er unter seinem T-Shirt verborgen hat. Er hat so etwas wie dieses wachsame Auge noch nie gesehen. Bestimmt schützt es gegen böse Geister. Er hat den Anhänger des Mädchens auf eine Schnur gezogen und ihn in seiner Unterwäscheschublade versteckt, aber vor kurzem beschlossen, ihn zu tragen, damit er ihm Glück bringt. Er könnte im Moment echt etwas Glück gebrauchen. Er berührt den Glücksbringer von vorn und hinten jeweils sechsmal, weil die Sechs seine Glückszahl ist.

Pop schreit Mom oft an, erhebt aber nie die Hand gegen sie. Er hat schon mit der Faust Löcher in Wände gehauen und Möbel und Lampen zertrümmert, einmal sogar eine Katze erwischt, aber Mom hat er nie angefasst. Billy würde am liebsten runtergehen und sie verteidigen, aber sie würde nur erwidern, er solle sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern. Mit dem Geld hat sie ganz recht; Pop dreht jeden Dollar zweimal um, und wenn der Laden nicht gut läuft (was oft der Fall ist), macht er Mom dafür verantwortlich, dass sie drei verdammte Kinder gekriegt hat, die ihnen die Haare vom Kopf fressen. Einmal ist Pop weggefahren und hat gesagt, er würde für immer gehen. Billy Beal weinte, weil er glaubte, seinen Vater nie mehr wiederzusehen und es ihm und seinen Brüdern dann ergehen würde wie den Kindern von seiner Tante Mabel. Als Mom ihn nicht beruhigen konnte, ging sie mit ihm ein Stück die Straße hinunter und deutete auf die Einfahrt eines Nachbarn. Da stand der Country Squire, mit ausgeschalteten Scheinwerfern. Pop saß im Haus, den Kopf im Nacken, mit geöffnetem Mund. Am nächsten Morgen kam er einfach in die Küche spaziert, und niemand sagte ein Wort.

Nachdem Billy Beal zunächst darauf gewartet hat, dass das Mädchen in der Klinik auftauchen würde, wartet er jetzt darauf, dass sie an ihre Tür klopft. Mom hat ihm erzählt, dass die Leute von der Fürsorge immer noch versuchten, sie ausfindig zu machen, aber bisher keine Spur von ihr oder irgendwelchen Verwandten gefunden hätten. Die Angaben, die sie über den Vater hinterlassen hat, stimmen nicht. Mom hat Billy gewarnt, dass sie das Kind nicht ewig behalten könnten und es bald dauerhaft in eine andere Pflegefamilie käme. »Das ist eine komplizierte Sache; es geht um viel mehr, als du dir vorstellen kannst, Billy«, sagte sie. Aber Billy Beal versteht mehr, als die Erwachsenen glauben. Zwar wechselt er der Kleinen nicht die Windeln, aber er hilft ansonsten viel im Haushalt, sogar bei der Wäsche, wenn es sein muss. Er will nicht, dass das Baby des Mädchens in eine andere Familie gegeben wird; in einer anderen Familie wird es keine wie Mom geben.