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Zuhause ist dort, wo dein Herz geblieben ist …
Als eine späte Liebe zwischen Mr. Forrest Payne, dem Besitzer des Herrenclubs zum Pinken Pantoffel, und Miss Beatrice Jordan, die gern auf dem Parkplatz ebenjenes Clubs die Besucher vor ewiger Verdammnis warnt, erblüht, ist klar, dass diese Hochzeit legendär wird. Dafür reist sogar Mr. El Walker, der berühmte Bluesgitarrist, an – obwohl er einst geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen. Und dann sind da noch die drei Freundinnen Clarice, Barbara Jean und Odette, besser bekannt als »Die Supremes«, die sich jeden Sonntag in Earl’s All-You-Can-Eat treffen, und in deren Leben es momentan auch drunter und drüber geht …
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Als eine späte Liebe zwischen Mr. Forrest Payne, dem Besitzer des Herrenclubs Zum Pinken Pantoffel, und Miss Beatrice Jordan, die gern auf dem Parkplatz ebenjenes Clubs die Besucher vor ewiger Verdammnis warnt, erblüht, ist klar, dass diese Hochzeit legendär wird. Dafür reist sogar Mr. El Walker, der berühmte Bluesgitarrist, an – obwohl er einst geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen. Und dann sind da noch die drei Freundinnen Clarice, Barbara Jean und Odette, besser bekannt als »Die Supremes«, die sich jeden Sonntag in Earl’s All-You-Can-Eat treffen, und in deren Leben es momentan auch drunter und drüber geht …
Autor
Edward Kelsey Moore wurde 1960 in Indianapolis geboren. Er studierte Musik und Cello an der Indiana University und an der State University in New York. Er ist ein begeisterter, aber unbeständiger Gärtner und ein enthusiastischer Amateur-, ehemals Profi-Barkeeper. Nach »Mrs Roosevelt und das Wunder von Earl’s Diner« ist »Das Wunder am Ende der Straße« sein zweiter Roman.
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Edward Kelsey Moore
Das Wunder am Ende der Straße
Roman
Deutsch von Babette Schröder
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Supremes Sing the Happy Heartache Blues« bei Henry Holt and Company, an Imprint of Macmillan Publishing Group, LLC, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © 2017 by Edward Kelsey Moore
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018
by Limes Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Friedel Wahren
Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de
LH ∙ Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-21785-3V001www.limes-verlag.de
Für meinen Vater,Reverend Edward K. Moore Sr.
1
Es war ein Liebeslied. Zumindest fing es so an. Der Liedtext erzählte von der Romanze zwischen einem Mann und der Frau seines Herzens. Da es ein Blues war, handelte es auch davon, wie die Frau dem Mann immer wieder das Herz brach und ihm seine Nachsichtigkeit damit vergalt, dass sie unendliches Leid in sein Leben brachte. Die wunderschöne Melodie schwoll an und ebbte ab, jede Strophe verkündete überschwängliches Glück und herzzerreißende Qual. Nirgends hätte dieses Musikstück seinem natürlichen Umfeld ferner sein können als in dieser Kirche. Doch die angenehme Traurigkeit der Melodie hallte von der Rückwand bis zum Taufstein und vom Marmorfußboden bis zum Deckengewölbe und ließ sich darin nieder, als gehörte der verzweifelte Klageruf schon immer hierher.
Während das Lied weiterging und mit jeder Zeile noch trauriger wurde, dachte ich an meine Eltern, Dora und Wilbur Jackson. Der Blues war Mamas und Papas Musik. In meiner Kindheit hörten sie sich fast jedes Wochenende abends im Wohnzimmer auf der Stereoanlage verkratzte Aufnahmen alter Blues-Songs an. Darunter hätte sich gut ein so schmerzerfüllter Trauergesang finden können, wie er nun durch die Kirche schallte. Ich konnte mich allerdings nicht erinnern, jemals etwas auch nur annähernd so Herzzerreißendes gehört zu haben.
Meine Mutter mochte ihren Blues lieber fröhlicher und ein bisschen verrucht – scheußliche Melodien, vollgepackt mit geschmacklosen Witzen über Hot Dogs, Biskuitrollen und pinke Cadillacs. Mein Vater bevorzugte düstere Balladen wie diese. Ich habe ihn nie glücklicher gesehen, als wenn er zusammengekuschelt mit meiner Mutter auf dem Sofa lag und eine Ode an den Schmerz mitsummte. Dann wippte er mit dem Kopf zum Takt der Musik, so, als würde der verzweifelte Sänger, der heiser sein Unglück hinausschrie, direkt neben ihm sitzen, und er wolle ihn aufmuntern.
Bevor sie mich ins Bett schickten, erlaubten mir meine Eltern manchmal, mich zwischen sie zu quetschen. Beide sind nun schon etliche Jahre tot, aber ihr schräger Gesang klingt noch immer in meinem Gedächtnis nach. Und da ich ihre unmelodischen Stimmen geerbt habe, erinnere ich mich immer dann an meine Eltern, wenn ich ein unglückliches Lied schmettere. Wann immer ich einen melancholischen Blues höre, spüre ich die rauen, von jahrelanger Arbeit als Zimmermann schwieligen Fingerspitzen meines Vaters über meinen Arm gleiten, als spielte er auf imaginären Saiten zwischen Ellbogen und Handgelenk einen gefühlvollen Riff.
Ich wurde immer dann zu Bett geschickt, wenn Mama der Trostlosigkeit überdrüssig wurde und sich eine Platte mit Rock ’n’ Roll und Liebe anhören wollte, was für meine jungen Ohren viel zu erwachsen war.
Obwohl das Lied, das jetzt im Altarraum ertönte, für Mamas Geschmack ein bisschen zu düster gewesen wäre, hätte sie die klagende Stimme des Sängers und das Auf und Ab der Melodie geliebt. Und sie hätte dieses Lied nicht unkommentiert gelassen. Wäre sie mit mir in der Kirche gewesen, hätte sie sich mir zugewandt und erklärt: »Odette, dieser Song hätte deinem Vater gefallen. Jedes einzelne Wort weckt Todessehnsucht. Das muss ich in mein Buch schreiben.«
Das »Buch« meiner Mutter war ein Kalender von Stewarts Bestattungsinstitut, den sie in ihrer Handtasche aufbewahrte. Das Deckblatt des Kalenders zeigte ein grau-weiß geschecktes Hengstfohlen und einen kleinen Jungen in einer blauen Latzhose auf einer Wiese. Beide sprangen in die Luft und sahen aus, als wären sie außer sich vor Glück. Über dem Bild stand das Wort »Freudensprünge« und darunter »Positive Gedanken für Sie und Ihre Lieben von Stewarts Bestattungsinstitut«. Wann immer Mama auf etwas stieß, das ihr bemerkenswert genug für eine kleine Würdigung erschien, notierte sie es an dem entsprechenden Datum im Kalender, damit sie es nie mehr vergaß.
Mamas Buch tauchte zum ersten Mal an einem Sonntagnachmittag auf, ungefähr zehn Jahre vor ihrem Tod. Wir waren gerade aus unserer Kirche, der Holy Family Baptist, gekommen, Reverend Brown stand am Fuß der Treppenstufen und verabschiedete sich von seiner Gemeinde. Mama schritt auf ihn zu und sagte: »Reverend, Sie sind der beste Prediger, den ich je gehört habe. Über Ihre Osterpredigt habe ich das ganze Frühjahr nachgedacht. Sie war wahrlich ein Wunder, sie hat mir regelrecht die Augen geöffnet. Sie sollen wissen, dass Sie diese Seele hier als hundertprozentig gerettet betrachten können.«
Reverend Brown, der über einen Kopf größer als Mama war, beugte sich zu ihr hinunter und nahm ihre Hand. »Wie nett von Ihnen, Dora«, sagte er. »Für das Reich Gottes tue ich, was ich kann.«
»Es ist mein Ernst«, erwiderte Mama. »Sie haben diesen Kampf für Gott gewonnen. Und ich wollte Ihnen unbedingt danken, weil ich nicht mehr kommen werde.«
Reverend Brown hielt weiterhin Mamas Hand und wartete auf die Pointe dessen, was er für einen ihrer seltsamen Scherze hielt; für die war sie bekannt. Aber Mama machte keinen Spaß. Sie fuhr mit ihrer Erklärung fort: »Erinnern Sie sich, wie Sie gepredigt haben, wenn wir Gott nah sein wollten, sollten wir die Welt um uns herum betrachten und ihm schriftlich für all die Dinge danken, die er uns gegeben hat? Nun, ich habe mir Ihre Worte zu Herzen genommen und seither danach gehandelt.«
Mama öffnete ihre Handtasche und zog einen zusammengerollten Wandkalender heraus. Sie blätterte drei Seiten zurück bis Ostern, wo sie »Beste Predigt aller Zeiten« in dem Datumskästchen vermerkt hatte. Dann zeigte sie dem Pastor, dass sie seitdem jeden Tag eine kurze Notiz in den Kalender geschrieben hatte.
»Reverend, Sie haben heute morgen wirklich alles gegeben. Aber wie Sie sagten, ist es nichts im Vergleich zu dem, was ich empfinde, wenn ich alleine bin und Gott direkt danke. Also nehme ich Ihren Ratschlag an und übergehe ab jetzt den Mittelsmann.« Sie wedelte mit ihrem Kalender durch die Luft. »Von jetzt an wende ich mich direkt an den Empfänger.«
Sie zog einen Stift aus ihrer Handtasche und machte an dem betreffenden Tag folgende Eintragung: »Zweitbeste Predigt aller Zeiten.« Dann tätschelte sie Reverend Brown die Wange und verließ die Holy Family Baptist für immer.
Stewarts Bestattungsinstitut brachte jedes Jahr einen neuen Kalender heraus. Da Herr Stewart jedoch ein notorischer Geizhals war, verwendete er immer wieder dasselbe Deckblatt. Jeden Januar erhielt Mama ein neues »Freudensprünge«-Buch.
Ihre Angewohnheit, den Kalender aus der Tasche zu zerren, etwas hineinzuschreiben und ihre Beobachtungen allen Umstehenden kundzutun, war nur eine der vielen Eigenheiten meiner Mutter. Mir bereiteten die Blicke und Tuscheleien Unbehagen, die ihre neueste Überspanntheit nach sich zog, aber Mama war immun gegen Peinlichkeiten. Sie sagte: »Sollen die Leute ruhig über mich lachen, so viel sie wollen. Wenn mich der Trübsinn überkommt, winke ich ihm mit meinem kleinen Buch und sage ihm, er soll verschwinden, denn ich weiß, wie man vor Freude in die Luft springt.«
Bis zu ihrem letzten Morgen auf dieser Welt schrieb sie in ihr Buch.
Als die dritte Strophe des erstaunlichen Klageliedes im Altarraum widerhallte, stellte ich mir Mama neben mir in der Kirchenbank vor, wie sie »Traurigster Blues der ganzen Schöpfung« schrieb. Mit meinen Gedanken bei Mama lehnte ich mich an meinen Ehemann James und teilte ihm mit, was ich von der Musik hielt, die die Calvary Baptist-Kirche erfüllte: »Das ist das traurigste Lied, das ich je gehört habe.«
James sagte: »Deinem alten Herrn hätte es gefallen.«
Der Sänger, der in einer dunklen Ecke über seiner Gitarre kauerte und von Vergebung und der Liebe zu seiner herzlosen Frau sang, mochte ungefähr siebzig Jahre alt sein. Er war groß und mager und trug einen weißen Bart, der sein Gesicht von der Nase bis zum Hals bedeckte. James hatte recht. Papa hätte es sehr gefallen, wie der Blues-Sänger die Tonhöhen auf so düstere Weise variierte, dass einem klar war, die Liebe hatte ihm nur Kummer beschert, und die Zukunft sah auch nicht rosiger aus.
»Der Blues ist das, was aus einem Liebeslied wird, nachdem man dem Sänger die Zähne ausgeschlagen hat«, sagte Papa einmal. Was hatte das Leben diesem bärtigen Mann angetan, der auf den Fußboden starrte und den Raum mit wundervollem Kummer füllte? Was hatte dazu geführt, dass er sich hier um seine Gitarre wand und sein herzzerreißendes Leid herausschrie, damit die ganze Welt es hörte? Jede Zeile dieses Liedes erinnerte mich an Papas Definition von Blues. Unmöglich, dass dieser Mann auch nur einen einzigen intakten Zahn im Mund hatte.
Der Anlass ließ das Lied voller Liebe, Verlust, Leidenschaft und Bitterkeit noch ergreifender klingen. Es begleitete eine strahlende Braut auf ihrem würdevollen Gang durch das Mittelschiff zu ihrem Bräutigam. Angesichts der Musik und der Tatsache, dass sie vor Kurzem ihren zweiundachtzigsten Geburtstag gefeiert hatte, bewegte sie sich mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und Anmut auf den Altar zu.
Die Braut, Beatrice Jordan, war die Mutter meiner besten Freundin Clarice. Miss Beatrice war ein führendes Mitglied der Calvary Baptist, der puritanischsten Kirche in Plainview, Indiana. Sie war eine gute Christin, deren größter Stolz daher rührte, christlicher als alle anderen zu sein.
Ich mochte Miss Beatrice, aber sie war Gott auf eine so überspannte und irritierende Weise ergeben und derart darauf erpicht, alle anderen ebenfalls zu missionieren, dass sich mein Entschluss, die Zehn Gebote zu befolgen, in nichts auflöste, wenn ich mich zu lange in ihrer Nähe aufhielt. Ich möchte lieber nicht daran denken, wie oft sie mich im Laufe der Jahre dazu trieb, den Namen des Herrn zu missbrauchen. Und ich kannte niemanden, den Miss Beatrice nicht dazu gebracht hatte, mindestens ein Mal über Mord nachzudenken.
Der Bräutigam war Forrest Payne, der Besitzer des Herrenclubs Zum Pinken Pantoffel, dem einzigen legal geführten Unternehmen in Plainview, das jemals die Bezeichnung »skandalös« verdient hatte. Es war allgemein bekannt, dass im Club Glücksspiel und Prostitution betrieben und eklatant gegen das Alkoholgesetz verstoßen worden war. Es hatte Zeiten gegeben, da setzte man als angesehener Mann schon seinen Ruf oder seine Ehe aufs Spiel, wenn man nur in Türnähe des Pinken Pantoffel gesichtet wurde.
Der schlechte Ruf des Clubs schreckte viele potenzielle Kunden ab, zog jedoch genauso viele an.
Meine Tante Marjorie schwor, dass der Pinke Pantoffel der einzige Ort in der Stadt war, an dem anständiger Blues gespielt wurde und an dem der Whiskey so stark war, dass er es mit dem Killer-Gesöff aufnehmen konnte, das sie zu Hause zusammenbraute. Bis zu ihrem Todestag war sie Stammkundin im Pinken Pantoffel gewesen.
Und wenn ich sage »bis zu ihrem Todestag«, dann meine ich das genau so. Tante Marjorie erlitt einen tödlichen Herzanfall, als sie einen Mann entwaffnete, der sie bei einem Kampf im Club mit einem Messer bedroht hatte. Bei der Beerdigung tröstete Forrest Payne Mama damit, dass ihre Schwester mit dem Messer des Angreifers in der Faust und einem genüsslichen Grinsen auf dem Gesicht gestorben war.
Schlägereien, offene Prostitution und Glücksspiel waren nun Geschichte, zumindest hatte man mir das so erzählt. Heutzutage genoss der Club eher einen Namen als angesehener Musikladen denn als berüchtigte Kaschemme. Forrest war rehabilitiert und sein Geschäft zusammen mit ihm reingewaschen worden. Der wesentliche Grund für seinen Aufstieg vom gesellschaftlichen Paria zum Elder Statesman und Philanthropen schritt in diesem Moment gelassen mit einem Strauß aus hellen, pfirsichfarbenen Rosen und silberweißen Chrysanthemen den Mittelgang hinunter.
Diese Liebesheirat hatte alle überrascht. Im Lauf der Jahre war Miss Beatrice in der Stadt als verrückte, alte Frau bekannt geworden, die mit einem Megafon auf einem Hügel am Rande des Parkplatzes vor dem Pinken Pantoffel stand und den Kunden Warnungen ewiger Verdammnis entgegenschleuderte. Sie beschuldigte Forrest, ihren ersten Ehemann, den Vater meiner Freundin Clarice, die wiederholten Seitensprünge ermöglicht zu haben. Und sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, andere Männer davon abzuhalten, demselben sündigen Pfad zu folgen. Obwohl sie nun sanftere Gefühle für Forrest Payne hegte, beschimpfte sie auch heute noch an jenen Abenden die Kunden auf dem Parkplatz, an denen Striptänzerinnen auftraten. Dafür verließ sie sogar die Junggesellinnenparty, die Clarice am Abend vor ihrer Hochzeit für sie organisiert hatte. Aber da die Liebe ihr Herz erwärmte, schrie sie den wegfahrenden Kunden nicht wie früher »Du wirst in der Hölle landen, du Sünder« hinterher, sondern »Gott schütze dich, du Hurenbock! Fahr vorsichtig!«
Während der Zeremonie sah ich mich mehrmals suchend nach Mama um. Dass ich sie vielleicht entdecken würde, entsprang nicht nur meinem Wunschdenken. Abgesehen von meinem breiten Mund, dem rundlichen Körperbau und der Neigung, zu viel zu reden, habe ich von meiner Mutter die Fähigkeit geerbt, Tote zu sehen. Meine Mutter war die Erste der Verstorbenen, die meine Gesellschaft suchte. Sie überraschte mich einige Jahre nach ihrem Tod mitten in der Nacht und besucht mich seither regelmäßig. Sogar als Tote kann Mama noch genauso schwierig sein wie zu ihren Lebzeiten. Aber sie ist besser auszuhalten als eine Menge anderer Geister, mit denen ich fertigwerden muss.
Von unerklärlichen Ereignissen fühlt sich meine Mutter angezogen wie von einem Magnet, und deshalb fand ich es schwer vorstellbar, dass sie der Verbindung von Beatrice Jordan und Forrest Payne fernblieb. Mamas Geist war allerdings nirgendwo zu sehen. Daher passte ich gut auf und prägte mir jedes Detail um mich herum ein. Es ist nicht leicht, einen Geist in Erstaunen zu versetzen, aber bei ihrem nächsten Besuch wollte ich Mama mit der Beschreibung der Festlichkeiten vom Hocker hauen.
Perfekt zurechtgemacht wie immer saß meine Freundin Barbara Jean Carlson links von mir in der Kirchenbank; sie richtete ihre Perlenkette und glättete nicht vorhandene Falten in ihrem Rock. In den 1960er-Jahren hatten unsere Schulkameraden angefangen, Barbara Jean, Clarice und mich »The Supremes« zu nennen, nach der Musikgruppe. Ruhm, Verbitterung und Tod hatten die weitaus bekannteren Supremes getrennt. Aber mehr als vierzig Jahre nach der Gründung unseres Trios hielten die Plainview Supremes immer noch zusammen.
Barbara Jean kuschelte sich an ihren Ehemann Ray. Unsere Blicke waren jedoch auf Clarice gerichtet, die rechts neben dem Prediger darauf wartete, dass ihre Mutter ihren Weg den Gang hinunter beendete. An diesem Tag war es unsere Aufgabe, Clarice daran zu erinnern, dass sie das Lächeln nicht vergaß. Sie war noch immer fassungslos über den Sinneswandel ihrer Mutter gegenüber Forrest Payne. Darum grinsten wir jedes Mal, wenn Clarice in unsere Richtung schaute, und zeigten auf unsere Gesichter, als würden wir Kandidaten einer Fernseh-Show nagelneue Kühlschränke präsentieren.
Arme Clarice. Immer wenn sie zu lächeln vergaß, zeigte sie wieder diese erstaunte Miene, die sich vor einigen Monaten zum ersten Mal auf ihr Gesicht gelegt hatte, als sie von der Liebesbeziehung ihrer frommen Mutter mit dem Besitzer des Herrenclubs Zum Pinken Pantoffel erfuhr.
Miss Beatrice erzählte ihrer Tochter, dass ihre Liebesbeziehung mit Forrest begonnen habe, als eines Abends während ihres Megafon-Protests ein plötzlicher Schneesturm aufkam und sie in seinem Club gestrandet war. Er bestand darauf, dass sie den Sturm in seinem Büro abwartete, und so unterhielten sie sich stundenlang und tranken Tee. Von da an waren sie unzertrennlich.
Claire sagte mir Folgendes: »Mutter behauptet, Mr. Paynes Seele zu retten, sei wie eine spirituelle Besteigung des Mount Everest. Sie könne der Herausforderung nicht widerstehen.« Miss Beatrice berichtete Clarice auch, dass Forrest Payne ihr Earl Grey-Blatttee in einem Teeservice aus feinem Porzellan serviert habe. Ihre Mutter war zum Pinken Pantoffel gegangen, um ihren Anteil zu Gottes Wirken beizusteuern, doch am Ende siegte das Teeservice. »Glaub mir, Odette«, hatte Clarice gesagt, »feines Porzellan ist für diese Frau wie Opium. In dem Moment, als die Wedgwood-Tasse ihre Lippen berührte, war Mutter geliefert.«
Vielleicht werden wir nie erfahren, ob die Bibel oder das Porzellan Miss Beatrice und Forrest Payne zusammengebracht hat. Aber als seine Braut auf ihn zuschritt, sah Mr. Payne so glücklich aus wie ein Kind an Heiligabend. Und Miss Beatrice schien selig zu sein, den Mann zu heiraten, den sie jahrzehntelang als Diener des Teufels angeprangert hatte.
Laut dem in Silber geprägten Hochzeitsprogramm trug der traurigste aller Hochzeitsmärsche den Titel »The Happy Heartache Blues«. Als das Lied zu Ende war, zog der bärtige Blues-Spieler das Gitarrenkabel aus dem Verstärker und entfernte sich derart schwerfällig und humpelnd vom Altar, dass er womöglich doch älter war, als ich vermutet hatte.
Calvary Baptist gehörte nicht zu den Kirchen, in denen die Leute der Musik applaudierten, sei sie religiös oder weltlich. Eine solche Zurschaustellung galt bestenfalls als geschmacklos, schlimmstenfalls als verdammenswert. Doch als der Sänger fertig war, klatschten alle auf der Bräutigam-Seite des Altarraums und viele auf der Seite der Braut. Der Blues-Musiker schlurfte davon, ohne sich darum zu scheren.
Anschließend hob der Pastor zu einer lauten und strengen Predigt an, voller Vorwürfe und düsterer Prophezeiungen. Das passte zum Ruf der Calvary Baptist als Kirche, die ihren Mitgliedern höchstwahrscheinlich erzählte, nur die wöchentliche Anwesenheit in der Messe könne sie davor bewahren, geradewegs in der Hölle zu landen. Diese Predigt war ganz nach Miss Beatrices Geschmack. Jedes Mal, wenn das Wort Verdammnis fiel, drehte sie sich zu den Hochzeitsgästen um und nickte zustimmend mit dem Kopf, um dem Eindruck entgegenzuwirken, sie ließe sich von dem freudigen Ereignis davon abhalten, unsere unwürdigen Seelen zu retten.
Trotz der schwermütigen Musik und der schwer schwefelhaltigen Predigt war die Hochzeit wunderschön. Clarice und ihre Mutter hatten sie perfekt geplant. Miss Beatrice trug ein ausnehmend hübsch besticktes elfenbeinfarbiges Kostüm mit einem knöchellangen Rock. Der Bräutigam steckte in einem umwerfenden, maßgeschneiderten schwarzen Anzug, was für alle Anwesenden einen Schock bedeutete. Nur wenige in Plainview konnten sich erinnern, Forrest Payne jemals in etwas anderem als in seinem unverwechselbaren kanariengelben Smoking gesehen zu haben. Laut Clarice hatten sich ihre Mutter und ihr zukünftiger Stiefvater auf einen Kompromiss geeinigt, der Mr. Payne das Recht verlieh, den Hochzeitsmarsch auszusuchen und Miss Beatrice, den gelben Smoking für einen Nachmittag zu verbannen.
Die Calvary Baptist Kirche ist das schönste Gotteshaus in Plainview. Vermutlich würden die meisten Leute es nicht als freundlichen oder einladenden Ort bezeichnen, aber der Altar besteht aus kunstvoll geschnitzter Eiche, dessen Herzstück, ein prachtvoller Pastorenstuhl, hervorragend in ein mittelalterliches Schloss passen würde. Die hoch aufragenden Buntglasfenster tauchen alle Oberflächen des Altarraums in Farbe und geben einem das Gefühl, sich in der Mitte eines Regenbogens zu befinden. In der Calvary Baptist kommt man nicht umhin, über das Göttliche nachzusinnen.
Hinter dem Taufbecken befindet sich ein Wandbild der Kreuzigung, das einen das wütende Geschrei des vor ihm stehenden Pastors vergessen lässt. Die Darstellung des barbrüstigen, muskulösen Jesus in dem Gemälde ist so sexy, dass es schwerfällt, den Blick von ihm zu lösen. Sonntagsgottesdienste in der Calvary dauern für gewöhnlich ewig. Ab der zweiten Stunde nehmen sich die Mehrheit der weiblichen Kirchenmitglieder und eine recht große Anzahl der Männer eine mentale Auszeit von der wöchentlichen Tyrannei und blicken zu dem kräftig gebauten Jesus und Erlöser hinauf. Der Zauber des Heilands ist so stark, dass sich die meisten Gemeindemitglieder schon bei der Segnung nicht mehr an das Thema der Predigt erinnern können.
Vor dieser Kulisse verkündeten zwei ungleiche Menschen vor einer staunenden Menge ihre ewig währende Liebe.
Mit einigen Ermahnungen von Barbara Jean und mir schaffte es Clarice, sogar weiterzulächeln, als sie während der Segnung der Ringe Klavier spielte. Clarice ist eine außergewöhnliche Musikerin. Als wir uns als Fünfjährige kennenlernten, heimste sie bereits Schleifen und Lob für ihr Klavierspiel ein. Und nach einem Comeback im mittleren Alter war sie nicht mehr länger der Geheimtipp von Plainview, Indiana. Sie nahm Platten auf, reiste durchs Land und spielte von Jahr zu Jahr vor größerem Publikum.
Clarices gutaussehender Ehemann, Richmond Baker, fungierte als Forrest Paynes Trauzeuge. Wie immer versprühte Richmond Charme und Wohlwollen. Aber man konnte schwerlich sagen, ob er wirklich froh war, bei der Veranstaltung eine Funktion innezuhaben, oder ob er seiner Frau zuliebe gute Miene zum bösen Spiel machte.
Im fünften Trennungsjahr funktionierte die Ehe von Clarice und Richmond endlich reibungslos. Jedenfalls für Clarice. Das Leben als Halb-Single passte besser zu ihr als eine Ehe. Sie war froh, in ihrem eigenen Haus zu leben und Richmond nur einzuladen, wenn es ihr in den Kram passte. In beinahe all den Jahren, die sie zusammen verbracht hatten, war Richmond ein ebenso tüchtiger Ehebrecher wie ihr Vater gewesen. Dennoch versuchte Richmond immer noch zu verstehen, warum Clarice zu dem Schluss gekommen war, das Zusammenleben mit ihm nicht mehr ertragen zu können.
Im Laufe der Jahrzehnte, in denen ich beobachtet hatte, wie er Clarice das Herz brach, fantasierte ich abwechselnd, ihm mit einem Hammer den Kopf einzuschlagen oder seine Weichteile mit einem Hackebeil zu bearbeiten. Aber selbst ich musste bewundern, wie viel Mühe er sich gab, Clarice zu demonstrieren, wie sehr er sich seit der Trennung verändert hatte.
Am Tag von Miss Beatrices Hochzeit fiel es Richmond besonders schwer, von seinen alten Verhaltensweisen Abstand zu nehmen. Auf der Seite des Bräutigams war die Kirche voll von Frauen, die Richmond noch aus der Zeit vor seiner Erleuchtung kannten. Fünf Jahre, nachdem er sein nicht-promiskuitives Leben begonnen hatte, erinnerten sie sich immer noch gerne an ihn zurück. Die Kirche war – von vorne bis hinten – mit vollbusigen Tänzerinnen aus dem Herrenclub Zum Pinken Pantoffel und mit anderen extravagant zurechtgemachten Frauen gefüllt, die Richmond mit den Fingern zuwinkten, imaginäre Telefone an ihre Ohren hielten und mit den Lippen die Worte »Ruf mich an« formten. Obwohl er sich alle Mühe gab, sie zu ignorieren, war ich mir sicher, dass Richmonds bereits übergroßes Ego mit jeder Sekunde, die er neben Mr. Payne am Altar stand, weiterwuchs.
Nachdem Clarice mit dem Klavierspiel fertig war – laut Hochzeitsprogramm handelte es sich bei dem Stück um »Clair de Lune« von Debussy – , setzte sie sich wieder neben ihre Mutter. Miss Beatrice gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange, und der Pastor ermahnte die versammelten Gäste noch einmal, ihre Sünden zu bereuen, bevor er mit der Trauung fortfuhr.
Auch wenn Richmond dem Verhalten und Aussehen der Leute auf der Seite des Bräutigams keine Beachtung schenkte, die regelmäßigen Besucher der Calvary Baptist auf der Seite der Braut taten es auf jeden Fall. Familie und Freunde von Miss Beatrice reagierten auf die zur Schau gestellten Dekolletés, den protzigen Schmuck, die Body-Piercings und die allgemeine Unkultiviertheit der Pinken Pantoffel-Gemeinde mit fassungslosem Glotzen oder schnalzten laut und missbilligend mit der Zunge. Miss Beatrices Enkelkinder schienen sich als Einzige aus der Familie wirklich zu amüsieren. Clarices Tochter und ihre drei Söhne, die alle von außerhalb angereist waren, um der überraschenden Heirat ihrer Großmutter beizuwohnen, konnten ihre Belustigung kaum verbergen. Alle waren schon über dreißig, aber der Anlass ließ sie wieder zu Schulkindern werden, die miteinander kicherten und tuschelten. Sie hörten erst damit auf, als Clarice ihnen vom Altar aus einen bösen Blick zuwarf.
Nachdem Miss Beatrice und Forrest Payne zu Mann und Frau erklärt worden waren, traten ihre Gäste hinaus ins strahlende Sonnenlicht. In schätzungsweise einer Woche würde das Wetter heiß und feucht sein, aber heute war der Himmel wolkenfrei, und es ging gerade so viel Wind, dass die Männer sich in ihren Anzügen und Krawatten wohl fühlten. In der Luft hing der schwache Geruch von frisch gemähtem Gras und dem Rauch von Holzkohlefeuern aus den umliegenden Gärten.
Mama hätte einfach alles an diesem Tag gefallen. Sie wäre Zeugin geworden, wie der berüchtigte Betreiber eines anrüchigen Gewerbes und eine Frau, die sich dem Kampf gegen die Sündhaftigkeit verschrieben hatte, einander ewige Liebe schworen. Sie hätte gesehen, wie es die aufrechten Mitglieder der Calvary Baptist beinahe um den Verstand brachte, einen Haufen Leute in ihrer Kirche zu empfangen, die sie viel lieber auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätten. Und Mama hätte sich köstlich amüsiert, wenn sie mit ihrer brüchigen Stimme »The Happy Heartache Blues« mitgesummt hätte.
Während die Gäste Reis auf das frisch verheiratete Paar warfen, sprang das Blumenmädchen, die siebenjährige Enkelin von Clarice, aufgeregt und glücklich in ihrem lila Taftkleid in die Luft, um den herrlich blauen Himmel zu berühren. Dabei übertraf sie locker ihren Cousin, der für die Ringe verantwortlich war. Mama, die für überschwängliche Ausgelassenheit stets zu haben war, hätte vermutlich ihre Freude daran gehabt, zusammen mit dem Blumenmädchen in die Luft zu springen und danach einen Eintrag in ihr Buch zu kritzeln.
Wochen nach der Hochzeit würde ich zurückblicken und mich fragen, ob sich die Dinge anders entwickelt hätten, wenn Mama an diesem Nachmittag den Blues-Sänger gesehen oder gehört hätte. Vielleicht hätten ein paar Worte von ihr den Verlauf der Ereignisse verändert oder James und mir zumindest die Chance gegeben, uns auf das vorzubereiten, was uns bevorstand. Aber so läuft das mit dieser Reise. Wir können uns nicht auf das kommende Unheil vorbereiten, weil wir die Bedrohung immer erst erkennen, wenn sie schon direkt über uns schwebt. Stets sind wir zu sehr damit beschäftigt, unsere seligen Liebeslieder zu singen und Freudensprünge zu vollführen, um zu erkennen, dass uns gleich die Zähne ausgeschlagen werden.
2
El Walker sagte sich, dass er über die neueste Wende in seinem Leben lachen würde, sobald er wieder zu Hause wäre, obwohl er nicht mehr genau wusste, wo das eigentlich war. Er würde seinen Scheck einlösen, eine Flasche Whiskey kaufen und sich köstlich darüber amüsieren, dass er zwei Wochen in Plainview, Indiana, verbracht hatte, der Stadt, die er sich geschworen hatte, nie wieder zu besuchen. Im Moment rührte sein Lachen jedoch einzig und allein von der Slapstick-Nummer, die die Gäste vollführten, als sie an ihm vorbeiliefen. Einer nach dem anderen stolperten sie über eine tiefe Senke im Fußboden, ein bisschen mehr als eine Armlänge von Els Barhocker entfernt. Als er am frühen Vormittag in den Herrenclub Zum Pinken Pantoffel gekommen war, hatte er sich selbst überrascht, als er der Vertiefung im Dielenboden geschmeidig ausgewichen war, so als wäre es erst ein paar Tage und nicht Jahrzehnte her, seit er diesen Laden zum letzten Mal betreten hatte.
Damals, im Jahr 1949, hatte er Forrest davor gewarnt, Leroy den Boden verlegen zu lassen. Leroy war ein unglaublicher Bassspieler, zu dem Zeitpunkt aber schon dem Heroin verfallen. Er war der Erste der Band, der süchtig wurde, und man konnte ihm nichts anderes mehr zutrauen, als die Bassstimme zu spielen. Doch Leroys Vater war ein ortsansässiger Handwerker mit gutem Ruf, und Leroy hatte wie ein Naturtalent gewirkt, als er den Hammer schwang. Darum ließ Forrest ihn dummerweise auf die Dielenbretter seines neuen Imperiums los, wo Leroy genau die Art von Arbeit ausführte, die man von einem Junkie erwarten konnte. Der Fußboden, den er verlegte, hob und senkte sich alle paar Meter dramatisch. Seither verdankten drei Generationen von Stammgästen dieser zugedröhnten Bass-Schlampe verstauchte Knöchel und verschüttete Getränke.
El hatte zusammen mit Leroy und dem Rest seiner Bandkollegen 1949 geholfen, den Club zu bauen. Nach der Hälfte der Bauzeit ging Forrest das Geld aus, darum versprach er El und seiner Band, sie könnten regelmäßig am Wochenende dort auftreten, wenn sie mithalfen, den Laden fertigzustellen. Sie waren damals noch Kinder, die meisten von ihnen zu jung, um den Club überhaupt rechtmäßig betreten zu dürfen. Und sie hatten keine Ahnung, was sie taten. Aber zusammen hatten sie jedes Stück Holz und jeden Nagel ergattert, erbettelt oder gestohlen und etwas zustande gebracht, was noch immer stand.
Die Spelunke, die sie als Teenager zusammengeschustert hatten, war des Öfteren umgebaut worden und bildete den Grundstein von Forrests vier Hektar großem, spektakulär lukrativen Unternehmen. Eine neue Generation hatte die klapprige Bretterbude jetzt zum angesagten Laden erklärt. Seit er wieder seiner ursprünglichen Bestimmung als Zufluchtsort für Blues-Liebhaber und betrunkene Narren zugeführt worden war, erfreute er sich größerer Beliebtheit als je zuvor.
El bedankte sich beim Barmann für seinen zweiten Whiskey. So viele Jahre reiste er nun schon umher und spielte in kleinen oder großen Clubs – nun gut, meist in kleinen – , aber die Freigetränke waren immer noch das Beste daran. Alkohol beruhigte seine Nerven. Obwohl er beinahe seit sieben Jahrzehnten auftrat, spürte El immer noch ein ängstliches Kribbeln, bevor er auf die Bühne ging. Das hätte der Junge, der damals geholfen hatte, diesen Laden zu bauen, niemals geglaubt.
Der Sprit linderte auch den Schmerz in seinem Fuß. Bevor El ein Jahr zuvor infolge seiner Diabetes zwei Zehen verlor, hatte er dort unter Taubheit gelitten. Jetzt war das Gefühl mit Macht zurückgekehrt. Die Beschwerden hatten sich während der letzten zwei Monate verstärkt und über den Knöchel hinweg ausgebreitet. Er drehte sich auf dem Hocker herum und wandte sich der Bühne auf der gegenüberliegenden Seite des Raums zu. Den Rücken gegen die Bar gedrückt, schwang er sein rechtes Bein mehrere Male vor und zurück und hoffte, dass der Blutkreislauf den heilsamen Alkohol so schneller zu seinem schmerzenden Fuß transportieren würde.
Seit er gestern auf Forrests Hochzeit aufgetreten war, hatte der Schmerz ein bisschen nachgelassen. Und während der Whiskey seinen Fuß betäubte, hob er auch seine Stimmung. Mit jedem Schluck dankte El im Stillen Jim Beam für seine unendliche Gnade.
Die Band auf der Bühne bestand aus fünf Personen, so wie Els in früheren Zeiten. Saxophon, Keyboard, Kontrabass, Gitarre und Schlagzeug. Für einen Haufen College-Kids klangen sie gar nicht übel. Die meisten von ihnen waren klassische Musiker von der staatlichen Universität im Osten von Plainview. Wie viele junge Leute, denen El begegnete, fühlten sie sich vom Blues angezogen, weil sie Fedoras tragen und wie Jazzmusiker aus einem 1950er-Jahre-Film reden wollten. Die Kids beherrschten allerdings ihre Instrumente. Sie hatten es wirklich drauf. Es war nicht ihre Schuld, dass das nicht genügte. Und natürlich hatten sie keine Lily. Niemand sang oder schlug so auf die Klaviertasten ein wie Lily.
El beobachtete verblüfft, wie der Saxophonspieler aus einer Wasserflasche trank. Wasser! Wer hat einen Blues-Spieler jemals Wasser trinken sehen? Blues-Spieler tranken Whiskey und, gelegentlich, Kaffee oder Coca-Cola, um sich von dem Sprit zu erholen, den sie sich die Nacht zuvor einverleibt hatten. Aber niemals Wasser. Nach der Show würden sich die Kids um ihn scharen, wie sie es heutzutage immer taten, ihn um Rat fragen und ihm Fragen zu jedem Stück auf seinem Album stellen – Raubkopien, von denen sie anscheinend alle einige besaßen. El würde ihnen dann erzählen, dass der erste Schritt auf dem Weg zum Blues-Musiker darin bestand, jedes Getränk auszuspucken, das keinen Braunton hatte.
Bubba, den Saxophonisten, mit dem El sich vor einem halben Jahrhundert die Bühne auf der anderen Seite des Raumes geteilt hatte, hätte man nie beim Wassertrinken erwischt. Anfangs war Bubba mit seinen dreißig Jahren der einzig richtige Erwachsene in der Band gewesen. Er behauptete, seit seinem zwölften Lebensjahr mit demselben Rohrblatt zu spielen, ein Kunststück, das nur dadurch möglich war, dass sowohl er als auch das dünne Bambusblättchen durch wiederholtes Einweichen in billigem Alkohol konserviert worden waren. El wusste, dass Bubba übertrieben hatte. Aber sein Saxophon klang großartig, und mit dreißig sah Bubba aus wie ein Schuljunge. Also, vielleicht war ja etwas dran.
Bubba hatte ein längliches Gesicht, das El an das große und außerordentlich störrische Pferd erinnerte, das seine Stiefmutter besessen hatte. Und Bubba war auch beinahe genauso kräftig und widerstandsfähig wie dieses Pferd. El hatte erlebt, wie Bubba an einem einzigen Abend eineinhalb Liter Old Crow wegputzte und immer noch genug Koordinationsvermögen und Selbstvertrauen besaß, um die tollste Frau im Laden um einen Tanz zu bitten. Am Ende des Abends war es normalerweise Bubbas Aufgabe, die weniger erfahrenen Trinker einzusammeln, wo auch immer sie zusammengebrochen waren. Das Bild, wie Bubba sich zwei willenlose Betrunkene gleichzeitig über die breiten Schultern warf und durch die Club-Tür schleppte, würde El nie vergessen.
Bubba gab es schon lange nicht mehr. Er war seiner unstillbaren Leidenschaft für jähzornige und gut bewaffnete Frauen zum Opfer gefallen. Unglücklicherweise hatten sie seine Leidenschaft erwidert. Er starb 1972 in einem Krankenhausbett, wo er sich von einer Schusswunde erholte, die ihm seine letzte, schlecht gewählte Freundin zugefügt hatte. Es war nur eine harmlose Verletzung gewesen, und eigentlich sollte er am Tag seines Todes entlassen werden. Doch dann geriet er in einen Schusswechsel zwischen seiner Freundin, die gekommen war, um sich für den Schuss auf ihn zu entschuldigen, und seiner Frau, die an seinem Bett gewacht hatte. Bei seinem Gedenkgottesdienst musste die Polizei gerufen werden, um die Prügelei zwischen einem Dutzend von Bubbas Frauen aufzulösen. El kannte mindestens sechs Blues-Songs, die über Bubbas Beerdigung komponiert worden waren. Er selbst hatte auch einen geschrieben.
Heute Abend gab es noch eine weitere Darbietung, dann sollte El wieder spielen. Der Conférencier, ein kleiner, runder Mann in einem kastanienbraunen Anzug aus Hai-Leder, trottete zum Mikrofon und bat das Publikum, der Band zu applaudieren. Dann kündigte er den nächsten Künstler an. »Leute, nach langer Abwesenheit ist unser Mann El Walker zurück im Pinken Pantoffel. Und wird in einer Minute auf der Bühne stehen. Aber zunächst gibt es noch ein bisschen Tanz, und die süße Charmina verkündet uns die Frohe Botschaft. Faltet die Hände für unsere Lieblingsdienerin des Herrn. Und greift tief in eure Taschen, um die kleine Lady beim Kauf einer neuen Orgel für die Chorempore zu unterstützen. Hier ist sie, Miss Charmina, unsere Pole-Tänzerin, die im Pinken Pantoffel eigens für Christus auftritt.«
Eine attraktive junge Frau schritt auf die Bühne. Charmina hatte ein hübsches Gesicht – volle Lippen, große braune Augen und runde Wangen. Ihr schwarzes Haar fiel in glänzenden Locken auf ihre Schultern und wippte bei jedem Schritt. Ihre Kewpie-Puppen-Grübchen verliehen ihr einen Hauch von Unschuld, selbst als sie über den Laufsteg an der Band vorbei auf die Stange in der Mitte der Bühne zustolzierte.
El gefiel es, dass sie etwas auf den Hüften hatte. Heutzutage waren die Tänzerinnen so dünn – diese nicht. Damals, als er zur ursprünglichen Haus-Band gehörte, waren die Mädchen dicker. Viel dicker. Niemand sprach von strammen Bauchmuskeln oder definierten Armen. Eine Frau, die auf der Bühne stand, ohne mit etwas zu wackeln, konnte nicht erwarten, echtes Geld zu bekommen. Wahrscheinlicher war, dass man ihr ein Schinken-Sandwich gereicht hätte.
Diese Gefahr drohte Charmina nicht. Sie steckte in einem Bodysuit, der die üppigen Kurven betonte und perfekt zu ihrer Hautfarbe passte, sodass es von Weitem aussah, als sei sie fast nackt. Über dem Bodysuit trug sie einen Bikini aus Dutzenden grüner Filz-Feigenblätter. In einer Hand führte sie einen großen weißen Weidenkorb mit sich.
Mit der freien Hand warf Charmina einen Vorhang zur Seite, der eine Staffelei bedeckte. Ihre überaus theatralische Geste enthüllte ein Schild mit der Aufschrift »Evas Vertreibung aus dem Paradies«. Als sie eine Hüfte in Richtung Band schwang, fing diese an, What a Friend We Have in Jesus zu spielen.
Charmina hatte schon mehrere Jahre für Forrest gearbeitet, als sie eines Nachts nach dem Verlassen des Clubs betrunken in eine Erweckungs-Veranstaltung hineintorkelte. Nach ihrer Errettung stellte sie umgehend die meisten Dienstleistungen ein, durch die sie im Pinken Pantoffel zur beliebtesten Tänzerin avanciert war. Stattdessen verteilte sie Bibelverse und bot beim Pole-Dancing die Interpretation biblischer Szenen dar. Zunächst kam ihre Vorstellung bei den Stammgästen des Clubs nicht gut an, und Forrest war drauf und dran, sie zu feuern. Doch ihre Aufrichtigkeit und ihre freundlichen Mahnungen, dass Forrest als älterer Mann mit Gott ins Reine kommen sollte, solange er noch die Gelegenheit dazu hatte, blieben nicht ohne Wirkung. Schließlich erlaubte er ihr, sonntags, dem ruhigsten Abend der Woche, zur Ehre Gottes zu tanzen.
Zu Forrests Überraschung begannen die Gläubigen, in Scharen hereinzuströmen, um Charmina zu sehen. Ihr Sunday Gospel Dance erfreute sich schon bald ebenso großer Beliebtheit wie der Samstagabend. Und Charminas Spendenaktionen erwiesen sich als so erfolgreich, dass die Frau des Pastors, die einst zu ihren lautesten Kritikerinnen gehört hatte, jetzt ihre größte Unterstützerin war. Die First Lady der Calvary Baptist-Kirche wurde in dem Moment von der Erzfeindin zum Fan, als die Höhe von Charminas Spendeneinnahmen aus dem ersten Monat im Pinken Pantoffel bekannt gegeben wurde. Normalerweise notierte die Pastorengattin beim Treffen des Finanz-Komitees unterschiedliche Vorschläge zur Geldbeschaffung auf Post-its, um sie dann an ihren Ehemann weiterzugeben. Als sie den Betrag vernahm, den Charminas theologisches Pole-Dancing eingebracht hatte, bestand ihre einzige Notiz an den Pastor aus den Worten »Besorg mehr Huren«.
Der auf der Heiligen Schrift basierende Striptease zahlte sich in einer Weise aus, die sich Forrest nicht hatte vorstellen können. Charmina musste ihre Botschaft verbreiten. Forrest baute einen neuen Kundenstamm auf und rückte dem Himmel langsam näher. Die Calvary Baptist-Kirche leistete sich ein neues Dach, eine neue Pfeifenorgel stand in Aussicht. Und als Forrests Beziehung zu Beatrice eine dramatische Wendung nahm, konnte er Charminas Auftritte als Beweis dafür anführen, dass er errettet werden konnte. So hatten alle etwas davon.
Jetzt trat Charmina vollends ins Rampenlicht und setzte den Korb ab. Sie fasste hinein und holte eine Schlange heraus. El schätzte sie auf etwa zwei Meter Länge. Eine blassgelbe, elfenbeinfarbene Albino-Python. Charmina drapierte sie über Schultern und Arme und begann zu tanzen. Später sollte El erfahren, dass die Schlange Percy hieß.
El konnte Schlangen nicht ausstehen. Er führte das auf die Jahre zurück, die er mit einer völlig durchgedrehten und von Schlangen besessenen Stiefmutter verbracht hatte. Wenn sie auf ihn oder eines der anderen Kinder böse war, zwang sie alle, sich in der Küche zu versammeln. Sie baute sich am Tischende auf, öffnete ihre Bibel und erzählte ihnen genau, was mit unfolgsamen Kindern passierte, wenn sie in der Hölle ihre Strafe bekamen.
»Zuerst werdet ihr in eine Grube geworfen«, sagte sie. »Dann holen euch die Schlangen. Große Schlangen. Und ihr könnt schreien, so viel ihr wollt. Dann kommen nur noch mehr Schlangen, die würgen und beißen euch, dass alles andere ein Witz dagegen ist. Dann kennt ihr den Preis für eure Sünden.« Nachdem sie ihren Standpunkt deutlich gemacht hatte, versetzte sie demjenigen, auf den sie an diesem Tag am wütendsten war, mit ihrer Bibel einen Klaps auf den Hintern. Anschließend ließ sie sie in der Küche zurück, damit sie Buße tun konnten.
El war das Lieblingskind seiner Stiefmutter gewesen, daher hatte er nicht so oft wie die anderen Kinder die geballte Faust, den Rohrstock oder das Verlängerungskabel zu spüren bekommen. Dennoch verprügelte sie ihn regelmäßig mit ihrer Bibel, bis er vierzehn war und so groß, dass sie Angst hatte, er könnte zurückschlagen. Ab diesem Zeitpunkt deutete sie nur noch mit dem Zeigefinger auf ihren Augenwinkel, um ihm zu bedeuten, dass sie ihn beobachtete. »Schlangen, du kleiner Mistkerl«, sagte sie dann immer »Schlangen«.
El trank noch einen Schluck Whiskey, um die Gedanken an diese garstige Frau zu verscheuchen, aber Charmina machte es ihm nicht leicht. Sie und die Schlange schlängelten sich durch die Menge auf ihn zu. Während die Band spielte, schlenderte Charmina von Tisch zu Tisch. Wann immer sie ein Trinkgeld erhielt, tauschte sie den Geldschein gegen eines ihrer Feigenblätter aus, sodass der Filzblätter-Bikini während des Spendensammelns nach und nach verschwand. Als sie sich bis zu El durchgearbeitet hatte, war das Oberteil ihres Bodysuits schon unbedeckt. Da er Percy nicht näher als unbedingt nötig kommen wollte, schleuderte er ihr seine zwei Dollarnoten geradezu entgegen, damit sie weiterging. Als er das Feigenblatt betrachtete, das sie ihm dagelassen hatte, sah er, dass es beschrieben war. Er hielt es ins Licht. Als El die Worte auf dem Blatt las – »Seine Vergebung wartet auf dich« – , schüttelte er den Kopf und murmelte vor sich hin: »Da sag einer, Gott hätte keinen Humor.«
Els Aufmerksamkeit wurde wieder auf die Musik gelenkt. Der Junge, der den Kontrabass spielte, hatte sich auf ein kokettes Geplänkel mit Charmina eingelassen, die mit Fäusten voller Banknoten auf dem Rückweg zur Band war. Sie kletterte auf die Bühne und schwang die Hüften im Rhythmus zu seinem mitreißenden Beat. Die Band spielte Jesus on the Mainline. Unter dem tosenden Beifall des Publikums steckte Charmina dem Bassisten spielerisch das letzte Feigenblatt in die Hemdtasche. Dann kehrten sie und Percy zur Stange zurück, um ihren Tanz zu beenden.
Der Bassist war ein gesund aussehender, rothaariger Jugendlicher. Während EL das süße, junge Gesicht betrachtete, das permanent gerötet war, stellte er sich vor, dass seine vernarrte Großmutter den Jungen direkt vor dem Auftritt in die Wangen gekniffen hatte. Der arme, verkorkste Leroy war ungefähr genauso alt wie dieser Junge gewesen, als er 1949 den Fußboden der Bar ruinierte, und beide waren gute Musiker. Aber Leroy, der so ängstlich und zugedröhnt wie dieser Rotschopf engelsgleich war, wechselte seine Süchte zu jeder Jahreszeit, und man hätte ihm nie vorwerfen können, gesund auszusehen. Als Leroy auf Kokain war, peitschte er das Tempo derart aggressiv durch, dass sie bei ihrem Auftritt noch ein Extra-Stück anhängen mussten, um die verbleibende Zeit zu füllen. Als er auf Heroin war, zog er alles dermaßen in die Länge, dass Bubba vor Sauerstoffmangel ganz grau wurde, wenn er versuchte, mit seinem Saxophon die stets länger werdenden Noten zu halten.
Leroy überlebte Bubba – allerdings nicht lange. Die Band war in Memphis, um ihr einziges Album aufzunehmen, das Album, das sie alle reich und berühmt machen sollte, als Leroy verkündete, er sei fertig. Fertig mit Drogen. Fertig mit Alkohol. Fertig mit leichten Mädchen. Fertig mit der Band. Er sagte, Bubbas Tod hätte ihn auf seine Fehler hingewiesen. Als er seinen Bass zusammenpackte, erklärte Leroy seinen Bandkollegen, dass sie Heiden seien und ihm im Weg stünden. Dann zeigte er ihnen den Mittelfinger und trottete davon, um Gott zu suchen. Sie sahen ihn nie wieder.
El erfuhr nie, ob Leroy Gott gefunden hatte. Aber Gott hatte ganz sicher Leroy gefunden. Nur eine Woche nach dem Verlassen der Band wurde er in Memphis von einem tödlichen Blitz getroffen, als er eine belebte Geschäftsstraße hinunterging. Das Portemonnaie in der Hand befand er sich gerade auf halbem Weg zwischen einem christlichen Buchladen und einem Massagesalon, als der Blitz ihn traf. Ob er als rechtschaffener Mann oder als Sünder starb, hing davon ab, wer die Geschichte erzählte.
»Es ist ein ganz wunderbarer Tag, um am Leben zu sein, nicht wahr, El?«, sagte jemand.
Die Mischung aus Krächzen, Zischen und Singsang war unverwechselbar. Eines der bemerkenswerten Dinge an Forrest Payne war, dass das, was man von ihm hörte, überhaupt nicht zu dem passte, was man von ihm sah, nicht einmal ein kleines bisschen. Er besaß die krumme Nase und die schwerfällige Statur eines Boxers, obwohl er nie im Ring gestanden hatte. Seine Hände waren von verblassten Knast-Tattoos übersät. Wenn er sprach, hörte er sich jedoch wie ein zwölfjähriger Rüpel an, der auf gemeine Weise ein lispelndes junges Mädchen imitierte.
Wie El war Forrest ein großer Mann. Beide waren einmal einen Meter und neunzig gewesen. Keiner von ihnen ragte mehr aus der Menge heraus so wie früher. Aber war jetzt, da sie alte Männer waren, nicht alles kleiner? Die Musik, die Leute, die ganze Welt? El würde in einigen Monaten seinen achtzigsten Geburtstag begehen. Und Forrest … El war sich nicht sicher, wie alt Forrest war, aber er wusste, dass Forrest dem Tod genauso nah war wie er selbst.
Forrest trug einen kanariengelben Smoking mit einem weißen Seidenhemd. Aus den Jackenärmeln lugten spitzenbesetzte Rüschen hervor. Diese Kluft trug er seit der Eröffnung des Pinken Pantoffel im Jahr 1949. El war dabei gewesen, als Forrest seinen ersten gelben Smoking in einem Laden in Evansville gekauft hatte, bevor der Club eröffnete. Fünf Minuten, nachdem sie in den Laden gegangen waren, hatte ein raffinierter Verkäufer die beiden Landeier davon überzeugt, dass der gelbe Smoking praktisch ein Muss für einen jungen Geschäftsmann sei. »Dieser Anzug verkündet ›Ich bin dynamisch, aber auch elegant‹«, sagte er. Und sie waren naiv genug gewesen, ihm zu glauben.
Als Forrest erkannte, dass er hereingelegt worden war, gefiel er sich schon in Gelb. Sechs Jahrzehnte später besaß er zwanzig grell-gelbe Smokings. Nur wenige Leute hatten ihn je in anderer Kleidung gesehen.
Forrest legte eine manikürte Hand auf Els Schulter. »Es ist ein ganz wunderbarer Tag, um am Leben zu sein«, wiederholte er.
»Ich habe nicht erwartet, dich heute hier zu sehen«, sagte El. Er beobachtete, wie ein junges, leicht angetrunkenes Paar zusammenstieß, als es den Krater im Boden passierte. Dann fragte er: »Ist deine Frau auch hier?«
»Bea betritt keinen Ort, an dem Alkohol verkauft wird.« Während er die Tugendhaftigkeit seiner ehrbaren Braut rühmte, straffte Forrest den Rücken und schob die Brust heraus. »Vielleicht taucht sie später noch auf dem Parkplatz auf, um ein bisschen zu protestieren. Sie ist entschlossen, mich auf den rechten Weg zu bringen. Gott sei ihr gnädig.«
»Da hat sie ja genug zu tun«, bemerkte El. Er fasste in seine Brusttasche, bevor ihm wieder einfiel, dass er nach einer Lungenentzündung vor ein paar Jahren das Rauchen aufgegeben hatte. Außerdem wurde heutzutage im Pinken Pantoffel von Rechts wegen nicht mehr geraucht. Reine Luft und Blues-Musiker, die in der Öffentlichkeit Wasser tranken. Was war aus der Welt geworden?
»Fahrt ihr in die Flitterwochen?«
»Oh, wir fahren demnächst irgendwann weg. Aber ich wollte doch meinen Freund El nicht verpassen.«
Die Band setzte zu einer lebhaften Hymne an, und die Menge klatschte den Takt mit. El drehte und beugte seinen schmerzenden Fuß im Rhythmus der Musik. »Die sind gut«, bemerkte Forrest. »Aber ihr hattet diesen Hunger.«
»Wir hatten Hunger, das stimmt.« El grinste und kippte den Rest seines Drinks hinunter. »Wir waren kurz vorm Verhungern. Weißt du noch, wie Lily beim zweiten Auftritt in Ohnmacht fiel, weil sie nichts im Magen hatte?«
»Ja.« Forrest summte einige Zeilen des Stückes mit, das die Band grölte. Dann sagte er: »Apropos Lily, letzte Woche kam ein früherer Gast vorbei und erzählte, dass er Lily in Chicago über den Weg gelaufen ist.«
»Davon weiß ich nichts«, knurrte El. Er bedauerte es, ihren Namen erwähnt zu haben. Hier zu sein war schon schlimm genug.
Forrest zeigte auf Els leeres Glas, und der Barmann eilte herbei, um ihm nachzuschenken. »James war auf der Hochzeit«, sagte Forrest. »Hast du ihn gesehen?«
El schwenkte den Whiskey wie Riechsalz unter seiner Nase. Als er das Glas auf die Bar zurückstellte, drückte er mit dem Zeigefinger einen Eiswürfel auf den Boden. Er führte den Finger zum Mund und ließ einen Tropfen Whiskey über seine Zunge rollen – deutlich besserer Stoff, als er ihn sich heutzutage leisten konnte. »Nein, hab ihn nicht gesehen.«
»Ich will mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber vielleicht willst du ja mit James sprechen. Dein Sohn ist ein guter Mann, und ich wette, er wäre glücklich, dich zu sehen.«
Vorsichtig, um seinen schmerzenden Fuß nicht zu belasten, drehte sich El so weit auf dem Barhocker herum, bis er mit dem Gesicht zur Band saß. »Ich denk drüber nach«, murmelte er.
Da er merkte, dass es Zeit für einen Themenwechsel war, sagte Forrest: »Und, singst du heute Abend mein Lied?«
»Ich dachte, du hättest wahrscheinlich genug davon.«
»Von diesem Lied werde ich nie genug haben. Ich möchte, dass du es jeden Abend spielst, solange du hier bist. Und nimm es auf. Wir haben die neueste Technik.«
»Was immer du willst. Es ist dein Club.«
Nach monatelanger Suche hatte Forrest El in Missouri aufgestöbert. Der Job, den El gerade für eine Woche in einem Rattenloch in St. Louis hatte, brachte nicht viel ein. Es war jedoch der beste Auftritt, den er an Land gezogen hatte, seitdem Hurrikan Katrina ihn aus New Orleans vertrieben und ihn, zum ersten Mal seit Jahren, auf die Straße befördert hatte.
El blieben noch zwei Nächte in St. Louis, als der Anruf kam. Der Manager des Clubs, der hinter den Kulissen stand, winkte ihn zwischen den Sets zu sich. »Da ist ein Typ für dich am Telefon. Er probiert es schon den ganzen Tag.«
Der Manager, der es gewöhnt war, dass die Polizei hinter seinen Angestellten her war, lehnte sich zu El hinüber und flüsterte: »Pass auf, wenn da was im Anzug ist, sieh zu, dass es nicht hier passiert. Alles klar?«
Es gab eine Zeit, da wäre El durch den Hintereingang verschwunden, wenn ihn ein Club-Manager über einen mysteriösen Anruf informiert hätte. Aber diese Tage waren vorbei. Allen, denen er Geld schuldete, waren entweder tot oder hatten schon lange den Versuch aufgegeben, es zurückzubekommen. Fortgeschrittenes Alter, Energiemangel und eine launische Prostata bedeuteten, dass es in seinem Leben seit Jahren keine ernsthaften Probleme mit Frauen mehr gab. Alle Gesetzeshüter, die auf der Suche nach ihm waren, hatten ihn schon vor Jahrzehnten als tot abgeschrieben.
Der Anrufer war kein Gesetzeshüter, kein Gerichtsvollzieher und kein zorniger Ehemann. Als El im Büro des Managers den Hörer abnahm, hörte er eine melodische, zischende Stimme, die er sofort erkannte. Forrest Payne sagte: »Hey, El. Du musst nach Plainview kommen und auf meiner Hochzeit spielen.«
El war seit den 1970er-Jahren nicht mehr in Indiana gewesen. Er war dort geboren und aufgewachsen. Doch das leugnete er inzwischen. Wenn ihn jemand fragte, behauptete er, New Orleans sei seine Heimat. Und dann tauchte Forrest Payne wieder auf, der Mann, der ihm vor mehr als sechzig Jahren seinen ersten bezahlten Job verschafft hatte und ihn nun bat, an den Ort seiner vielen frühen Erfolge – und Verbrechen – zurückzukehren.
»Ich war fünf Mal verheiratet«, fuhr Forrest fort, »aber nur die beiden ersten Ehen waren auch nur einen Pfifferling wert. Ich hab versucht herauszufinden, was mit den letzten drei schiefgelaufen ist, bevor ich wieder heirate. Und weißt du, was der Unterschied war?«
El nahm das Klicken eines Feuerzeugs wahr und hörte, wie Forrest zwei Mal krächzend den Rauch einsog. Als ihm klar wurde, dass Forrest eine Antwort erwartete, sagte El: »Ich weiß nicht. Was war der Unterschied?«
»Du, Mann. Du warst der Unterschied. Auf den ersten beiden Hochzeiten hast du gespielt, und du hast mir Glück gebracht. Dieses Glück muss ich wiederhaben.«
»Du brauchst kein Glück von mir«, entgegnete El. »Kein reicher Mann muss sich von jemandem Glück borgen, der so pleite ist wie ich. In deinem Alter noch einmal zu heiraten ist doch Glück genug. Im Ernst, ich bin fast achtzig. Dann musst du doch an die neunzig sein?«
»Mach dir keine Gedanken über mein Alter«, antwortete Forrest. »Ich bin älter als einundzwanzig und jünger als uralt. Du musst nur wissen, dass ich dich hier so dringend brauche, dass ich dich aufgestöbert habe.«
»Ich weiß das Angebot zu schätzen.« El wandte dem Club-Manager, der auf der anderen Seite des Raumes an seinem Tisch saß und vorgab, nicht zu lauschen, den Rücken zu. Leiser sagte er: »Ich hatte Schwierigkeiten in Plainview, und die möchte ich lieber nicht wieder aufwärmen.«
»Ich bin die einzige Person auf der Erde, die sich noch an dich oder an deine Schwierigkeiten erinnert, und ich brauche dich nächstes Wochenende. Hör zu, ich weiß, dass du der Beste bist, und ich bin bereit, dich auch dementsprechend zu behandeln. Wenn du an meiner Hochzeit ein Lied singst, zahle ich dir dafür, was dir der Saftladen in einer Woche bezahlt. Du weißt, welches ich hören möchte. Darüber hinaus biete ich dir an, dass du eine Woche hier im Club auftrittst, auch zwei, wenn du Zeit hast. Ich habe eine gute Nachwuchs-Band, die dich unterstützt. Pass auf, arbeite zwei Wochen, und ich bezahle dich für drei.«
Ein Engagement für zwei Wochen war verlockend, vor allem wenn drei Wochen bezahlt wurden. Aber verdammt, er hatte sich einmal geschworen, nie wieder nach Plainview zurückzukehren. Und er war stolz darauf gewesen, dass er dieses eine Versprechen gehalten hatte. An seinem Leben in Plainview waren auch einige Dinge gut gewesen, vier, um genau zu sein. Und das Einzige, was davon noch übrig war, war seine Gitarre. Die anderen drei hatte er durch jugendliche Selbstsucht, Rücksichtslosigkeit und Gewalt zerstört. Die Vorstellung, einen Tag in dieser Stadt zu verbringen, fühlte sich an, als würde ihm eine Hand die Luft abschnüren.
»Hör mal«, sagte er, »ich danke dir für das Angebot, aber Plainview ist kein Ort für mich. Außerdem, was soll ich zwei Wochen lang in einer Oben-Ohne-Bar?«
»Erstens, alter Freund, ist das die traurigste Frage, die ich je von einem erwachsenen Mann gehört habe«, erwiderte Forrest in gespielt mitfühlendem Ton. »Zweitens ist der Pinke Pantoffel anständig geworden. Es ist jetzt ein Musik-Club wie in alten Tagen. Verdammt, während wir uns gerade unterhalten, sitzt der Bürgermeister in der ersten Reihe und lauscht der Band. Mit seiner Frau.« Forrest ließ ein raues Lachen ertönen, so laut, dass El am liebsten den Hörer vom Ohr weggehalten hätte.
»Ich biete dir gutes Geld. Komm in die Stadt und bring mir Glück«, bat Forrest. Dann nannte er einen Dollarbetrag, der die schlechten Zeiten, die El in Plainview durchlebt hatte, ein bisschen weniger schrecklich erscheinen ließ. Els positiveres Gefühl gegenüber Indiana hielt an, bis er Forrests Angebot angenommen und den Hörer aufgelegt hatte. Danach ergriff ihn Angst. Er war sicher, soeben einen furchtbaren Fehler begangen zu haben.
Die Schlangentänzerin machte ihre letzten Verbeugungen. Sie verließ die Bühne mit dem Weidenkorb, der erst Percy beherbergt hatte, jetzt aber von Bargeld überquoll. Der Conférencier forderte das Publikum auf, sich auf großartigen Old-Time-Blues einzustimmen. El nahm seine Gitarre aus dem Koffer, der auf zwei Barhockern neben ihm lag. Es war dasselbe im Leoparden-Look gemusterte Instrument, auf dem er seit 1949 spielte. Die Leute mochten Els Namen vergessen haben, aber sie erinnerten sich immer an Ruthie – seine gold-schwarz-weiße Schönheit, seine Gitarre.
El humpelte zu seinem Platz vor der Band, dankte dem Publikum, grüßte die jungen Männer hinter sich und setzte sich auf den Hocker.
Der Auftritt würde lange dauern und zwischen Solo-Nummern von ihm und Songs von der Band wechseln. Während der ersten beiden Stücke bemühte sich El zu vergessen, wo er war, und Bilder von Lily und seinem früheren Leben auszublenden. Alle anderen alten Leute, die er kannte, lebten in der Angst, dass ihre Erinnerungen sie im Stich ließen, doch El war mit einem lückenlosen Gedächtnis geschlagen.
Während des dritten Liedes glitt er endlich in diesen wundervollen Zustand hinüber. Die Gitarre wurde ein Teil von ihm, die Musik strömte aus seinem Körper. Er begann, ausgefallener zu improvisieren, hielt den Ton und schickte den Bassspieler auf eine Jagd, bei der der junge Mann kaum mithalten konnte. Allerdings waren die Jungs auf der Bühne begeistert von der Herausforderung. Bald gingen sie total aus sich heraus.
Kurz vor Ende des Auftritts übertraf El sich selbst. Heute war für die Jungs, und auch für ihn, ein besonderer Abend. Dann erwachte sein tauber Fuß wieder zum Leben, der Schmerz war stechender als jemals zuvor. Vom Knie bis zum Fußgewölbe brannte sein Bein wie Feuer. Der Schmerz übermannte ihn mitten im Gesang. Er war auf dem Höhepunkt einer Phrase, Ruthie und seine Stimme schwebten mit einem hohen Ton über der Bassstimme, als der Schmerz ihn zwang, schnell Luft zu holen und er ein schrilles Keuchen von sich gab. El machte weiter. Einige Sekunden später war er wieder im Einklang mit der Musik. Aber das Pochen in seinem Bein hielt an.
