Das Wunder vom Café de Paris - Klara Seewald - E-Book
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Das Wunder vom Café de Paris E-Book

Klara Seewald

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Beschreibung

Wo können Wunder geschehen, wenn nicht in Paris? 

Benoît, der Buchhändler, Unternehmerin Martine und die alte Marie-Louise haben eines gemein: Ihr Leben steht vor großen Veränderungen. Benoît wird seinen Bouquinisten-Stand an der Seine nicht mehr lange halten können. Martines stabile Ehe gerät ins Wanken, sie stellt alles, was sie bisher erreicht hat, infrage. Und Marie-Louises Haus, in dem sie ihre große Liebe erlebte, wird durch ein monströses Bauprojekt bedroht. Als sich die Wege der drei im kleinen Café de Paris kreuzen, ahnen sie noch nicht, wie wichtig sie füreinander sein werden ...

Ein Buch, so wohltuend wie ein Spaziergang am Ufer der Seine, mit Figuren, die einem ans Herz wachsen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Martine ist Anfang vierzig und hat alles, was man sich wünschen kann: eine außergewöhnliche Karriere, einen Mann, der sie nicht nur beruflich unterstützt, und zwei Söhne. Doch dann trifft sie den Tänzer Danny und muss sich fragen: Bin ich eigentlich glücklich? Benoît ist mit Herz und Seele Buchhändler, wenn nur nicht die dauernden Geldsorgen wären und diese besondere junge Frau, die sein Herz aus dem Takt bringt. Marie-Louise hat sich, seitdem ihr Augenlicht mehr und mehr schwindet, in ihr Haus auf Montmartre zurückgezogen und lebt in den Erinnerungen an ihre große Liebe. Doch mit einem Mal kreuzen sich die Wege dieser so unterschiedlichen Menschen, und sie erkennen, dass man zusammen weniger allein ist …

Über Klara Seewald

Klara Seewald wurde in Freiburg im Breisgau geboren und arbeitet als Reisejournalistin. Sie liebt es, am Ufer der Seine spazieren zu gehen. Wenn sie nicht auf Reisen ist, lebt sie mit Mann und Tochter und ihrem Hund Moritz in Basel.

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Klara Seewald

Das Wunder vom Café de Paris

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Martine

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Benoît

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Die Sache mit Danny

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Rosalie

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Marie-Louise

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Impressum

für meine Freundin und meinen Coach – Ines

Martine

Kapitel 1

Der Pont Neuf stand bis zu den Schultern im Wasser, nur noch ein halber Meter bis zur Hochwassermarke von siebzehnhundertsoundso. Im Mai hatten alle über die Trockenheit geklagt, im August war der Regen gekommen. So viel Wasser hatte Paris selten gesehen.

Martine lehnte sich über die Brüstung. Der Regen hatte aufgehört, die Angler hielten ihre Ruten in den Fluss. Die französischen Atomkraftwerke liefen bei solchen Wasserständen auf Hochtouren, die Welt war wieder in Ordnung. War sie das?

Martine ließ den Blick über die Brücke schweifen. Touristen saßen auf den warmen Steinen, das Gesicht mit halb geschlossenen Lidern der Sonne zugewandt. Kein Pariser würde auf die Idee kommen, auf dem Pont Neuf ein Sonnenbad zu nehmen, das überließ man den Amerikanern. Martine wandte sich zum Nordufer. Eigentlich war sie hergekommen, weil sie im Kaufhaus La Samaritaine ein Geschenk für Clément kaufen wollte. Eine Krawatte? Die würde er im Home Office sowieso nie tragen. Zigarren? Die Katze war gegen den Rauch allergisch. Etwas Digitales? Nur über Martines Leiche: nicht noch mehr Computerschrott.

Sie beschloss, mit dem Geschenk zu warten, bis sie eine zündende Idee haben würde. Früher – Gott, wie lange dieses früher her war – hatte sie für Clément und die Kinder kleine Lieder aufgenommen. Clément war damals irritiert gewesen. »Willst du jetzt eine Gesangskarriere starten?«, lautete sein Kommentar. In letzter Zeit war er immer öfter irritiert über das, was Martine tat. Sie dachte sich kleine verrückte Sachen aus, die ihren Alltag ein bisschen durcheinanderwirbelten. Sie verstellte ihre Stimme und meldete sich am Telefon als Au‑pair-Mädchen. Schon erstaunlich, dass die Anrufer meist überdeutlich sprachen, nur weil das Au‑pair aus der Slowakei stammte.

Bei den Vorbereitungen für das Irak-Geschäft hatte Martine wochenlang mit ihrem Spezialisten Achraf zusammengearbeitet. Manchmal hatten sie morgens in Martines Büro auf den Sofas gelegen, weil sich spätnachts das Heimfahren nicht mehr gelohnt hätte. In der Firma begann die Gerüchteküche zu brodeln. Das amüsierte Martine so sehr, dass sie Achraf mehrmals in Pariser Nobellokale ausführte. Prompt berichteten die Klatschmedien über Martine Cortillon, die Chefin von Cortillon Industries, die mit einem jungen arabischen Mann getanzt hätte.

Ihr eigener Mann hielt Martines Verhalten für kindisch, sie dagegen fand sich im richtigen Alter für kindische Abenteuer. Mit ihren dreiundvierzig Jahren gehörte sie zu den Säulen der französischen Wirtschaft. Martine wollte keine Säule sein. Respekt und Anerkennung gut und schön, aber wenn sie sich nicht alle paar Tage mal ausgelassen und unangepasst fühlen durfte, als ganz normale Frau, dann spürte sie Beklemmung, die ihr die Luft nahm. Um sich ihre Ungezwungenheit zu beweisen, spuckte sie in den Fluss.

Martine verwarf ihren Plan, ins La Samaritaine zu gehen, und lief den Pont Neuf in die Gegenrichtung. Ob jemand außer ihr wusste, dass Paris’ größtes Kaufhaus nach einer Wasserpumpe benannt war, die der französische König 1712 an der Brücke hatte errichten lassen, um den nahe liegenden Jardin des Tuileries zu bewässern? Überflüssiges Wissen, dachte sie, während ihre Absätze auf den alten Steinen knallten. Wozu merkte sie sich solches Zeug? Weil La Samaritaine eine Vorläuferin jener Wasserpumpen gewesen war, die Martine heute in die ganze Welt verkaufte. Wasser war der Rohstoff der Zukunft. Und er war in Gefahr.

Entlang der Seine schlenderte Martine in das Gewirr um Saint-Germain. Beim Pont des Arts toste der Fluss in der Eisenkonstruktion. Sie nickte einem Bouquinisten zu und schmökerte ein paar Minuten an seinem Stand. Früher hatten die Buchhändler an der Seine ihre Bücher für sich selbst sprechen lassen. Heute boten sie sie lautstark feil. Martine verstand ihre Panik. Man brauchte sich nur die Menschen rundum anzusehen: Da liefen sie an einem der schönsten Flussufer der Welt entlang, doch worauf richteten sie ihre Augen? Nicht auf die Seine, nicht auf die Menschen oder das Angebot der Bouquinisten, sie glotzten auf ein Display. Sie wischten und tippten und redeten mit unsichtbaren Gesprächspartnern. Wen interessierten in einer solchen Welt noch antiquarische Bücher? Martine stellte den Band ins Regal zurück.

»Sie interessieren sich für Anna Karenina?«, fragte der junge Mann.

War er wirklich jung? Blond und athletisch, knapper Pulli mit V‑Ausschnitt, doch um die Augen fand Martine Zeichen durchlebter Erfahrungen. Heute war ein heiterer Tag. Der Sommer hatte seine sengende Kraft verloren, der Fluss roch nach Lehm und Holunder – in dieser Atmosphäre hätte der junge Mann fröhlich sein können, aber er wirkte schwer, umgeben von Traurigkeit.

»Danke«, antwortete sie. »Ich habe nur ein bisschen darin geblättert.«

Er zog das Buch noch einmal hervor. »Das ist eine sehr seltene Übersetzung. Sie stammt noch von vor dem Krieg.«

Martine ließ sich das Impressum zeigen. »Neunzehnhundertsechsunddreißig«, murmelte sie.

»Die modernen Übersetzungen sind einfach nur modern und weiter nichts. In diesem Buch finden Sie den wahren Tolstoi.« Der Wind blies eine blonde Strähne in seine Stirn.

Martine hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nichts zu kaufen, was sie nicht wirklich brauchte. Es gab ohnehin von allem schon zu viel, viel zu viel, Unmengen zu viel; man kaufte und kaufte, und nach ein paar Jahren warf man die Sachen wieder weg. Sie kannte sich gut genug, um zu wissen, dass sie Anna Karenina nicht noch einmal lesen würde. Sie sah sich lieber den Film an, den mit dieser Schauspielerin … der Dings und dem anderen, dessen Name ihr nie einfiel.

»Ich überlege es mir.«

Der junge Mann lächelte traurig. »Diesen Satz höre ich von allen Leuten, die ich nie wiedersehe.«

Aufdringliche Verkäufer waren Martine zuwider, doch er hatte nichts Aufdringliches.

»Ich suche ein Geschenk«, erwiderte sie spontan. »Für meinen Mann Clément.« Sie hatte keine Erklärung, wieso sie dem Unbekannten Cléments Namen verriet.

»Was liest ihr Mann?«

»Er liest eigentlich gar nicht, er scrollt«, antwortete sie wahrheitsgemäß.

»Warum wollen Sie ihm dann ein Buch schenken?«

»Er liebt Tiere. Wenn wir nicht in der Stadt leben würden, hätten wir bestimmt nicht nur die Katze. Haben Sie etwas für einen Tiernarren?«

Der Bouquinist drehte sich um, ein Griff ins Regal, und er präsentierte Martine einen schweren Folianten.

»Die Fabeln?«, rief sie überrascht. »Die Fabeln von La Fontaine?« Sie begann zu blättern, das Buch war mit ganzseitigen Radierungen von Doré illustriert.

»Es ist eine äußerst seltene Ausgabe.« Der Bouquinist trat hinter sie.

Mit wachsender Neugier blätterte sie weiter. »Ach, sieh mal an: Der Stier und der Frosch. An diese Geschichte erinnere ich mich.«

»Diese Fabel kommt im wahren Leben oft vor«, erwiderte er.

Martine verstand ihn nicht. »Ein Frosch, der einem Stier an Größe gleichen will?«

»Leute, die sich so lange aufblähen, bis sie platzen.«

»Ja, das stimmt. Besonders in Paris!«

Sie lachten gemeinsam.

Er beugte sich über das Buch und blätterte an eine bestimmte Stelle weiter. »Kennen Sie die Fabel vom verliebten Fuchs?«

Martine kramte in ihrer Erinnerung. »Der Fuchs will die Liebe eines Mädchens erringen«, begann sie. »Sie verspricht ihm ihre Liebe unter der Bedingung, dass er sich die Krallen schneiden und die Zähne abfeilen lässt. Der verliebte Fuchs tut, was das Mädchen befiehlt. Nun, da er sich nicht mehr verteidigen kann, hetzt sie die Hunde auf ihn.«

Er nickte anerkennend. »Sie sind eine Expertin. Und was lernen wir daraus? Dass man sich von Frauen niemals zähmen lassen darf?«

»Man sollte sich in der Liebe generell nicht zähmen lassen. – Ich nehme es.« Sie öffnete ihre Tasche.

»Es ist ein Unikat, Madame. Es gibt von dieser Ausgabe nur noch sehr wenige …«

»Sie können sich Ihr Verkaufsgespräch gerne sparen. Ich nehme es. Wie viel?«

»Tausendfünfhundert Euro, Madame.« Seine Augen blieben ernst, er schien nicht handeln zu wollen.

»Das ist tatsächlich …«

»Wenn Sie es sich noch anders überlegen wollen …«

»Ich kaufe es«, ging sie dazwischen, um ihre eigenen Zweifel niederzuringen. »Sofern ich mit Mastercard zahlen kann.«

»Wollen Sie nicht versuchen, den Preis zu drücken?«, entgegnete er verblüfft.

»Bringen Sie mich nicht in Versuchung.« Sie zückte die Kreditkarte.

Zur Rechnung legte er seine Geschäftskarte dazu. »Merci, Madame. Ich bin Benoît.«

»Bonjour, Benoît. Ich bin Martine.«

Vorsichtig senkte er das Buch in eine große Tüte.

Sie zögerte, sie zu nehmen. »Ich habe eine Bitte. Kann ich es später abholen? Ich möchte noch auf den Markt und will das schwere Ding nicht die ganze Zeit mit mir rumschleppen.«

»Selbstverständlich, Madame.« Er stellte es in den Hintergrund seines Standes.

Als Martine den Gemüsemarkt erreichte, grollte im Osten der Donner. Kam ein Gewitter aus östlicher Richtung, wurde es meistens schlimm. Sie blieb stehen. Noch mehr Regen? Wann würde das aufhören? Entfernt riss ein Blitz sein Blauweiß in den milchigen Himmel. Der nächste Donnerschlag barst über dem fünften Arrondissement. Es wurde rasch dunkel. Die Luft füllte sich mit Schwefelgeruch. Plötzlicher Schatten schnitt die Gesichter der Leute in zwei Hälften. Ein Windstoß wehte Hüte und Kappen davon. Schon zuckten Blitze wie wild über die Firste. Der Wind presste Martines Rock gegen ihre Beine. Erste Tropfen fielen klatschend auf ihre Schultern. Hier sollte sie nicht bleiben.

Martine lief gegen den Sturm, der in der schmalen Gasse heulte. Ihr kastanienfarbenes Haar wurde durcheinandergeweht. Staub wirbelte ihr ins Gesicht, sie wandte den Kopf ab. Martine stemmte sich gegen den Wind. An der nächsten Kreuzung überraschte sie die Regenwand. Nach ein paar Schritten entdeckte sie ein Café. Über dem Eingang las sie verschwommen Petit Paris, rannte darauf zu und trat ein.

Das Lokal war voller Menschen, die dem Unwetter entflohen waren. Dicht gedrängt standen sie beieinander. Martine schaffte es, in die Nähe der Bar zu kommen, schaltete ihr Handy ein und wollte ein Taxi rufen. Auf allen Nummern kam das Besetztzeichen. Schweren Herzens tippte sie die Nummer ihres Fahrers. Sie hatte Luc heute Vormittag freigegeben, weil sie sich endlich mal die Zeit nehmen wollte nachzudenken und ohne Ziel durch die Stadt laufen und ein Geschenk kaufen wollte.

»Rot oder Weiß?«, fragte eine junge Frau. Sie trug ein weißes Männerunterhemd, eine lange Haarsträhne fiel ihr bis zum Kinn.

»Wie bitte?« Martine senkte das Handy.

»Trinken Sie Rot oder Weiß?«

Es war noch nicht einmal Mittag, Eigentlich hatte sie ein Wasser bestellen wollen. »Rot«, antwortete sie stattdessen.

Die Frau am Tresen stellte ein Glas vor ihr ab und schenkte ein. In diesem Moment fand Martine, Alkohol am Vormttag passte zu ihrem Konzept, den Alltag ein bisschen durcheinanderzuwirbeln.

Sie nippte und beobachtete die Frau hinter der Theke. Wie flink sie beim Ausschenken war, die Bestellungen wurden im Sekundentakt erledigt. Es schien sie nicht zu stören, dass ihr die Haarsträhne unausgesetzt vor die Augen fiel. Martine bekam mit, dass die Kellnerin Francine gerufen wurde. Nicht alle hier waren also Zufallsgäste, dem Gewitter entflohen. Man kannte sich in diesem Café.

Mit einem sonderbar wohligen Gefühl lehnte sich Martine an den Tresen. Einfach in einem Lokal zu sitzen, ohne Termindruck, ohne jeglichen Druck, das erlebte sie sonst nie. Aus den nassen Haaren der Frauen rundum stieg feiner Dampf. Die Herrenjacken verströmten einen Geruch wie nach Mottenpulver. Existierte Mottenpulver überhaupt noch? Draußen tobte das Gewitter unvermindert, vor den Scheiben zerfloss die Welt. Martine wurde müde. Ihr Nachbar am Tresen fragte freundlich, ob sie sich vielleicht mal an jemand anderes anlehnen könnte.

»Madame – hallo? Hallo, Madame, sind Sie noch da?«, hörte sie eine Stimme.

Sie hatte Luc ganz vergessen! Martine hob das Handy ans Ohr. »Hallo, Luc, Entschuldigung, dass ich Sie gestört habe.«

»Keine Ursache. Brauchen Sie mich, Madame? Wo soll ich hinkommen?«

Sie betrachtete ihr halb volles Glas. »Nicht nötig, Luc, genießen Sie Ihren freien Tag. Wenn das Gewitter vorbei ist, mache ich mich wieder auf die Socken.«

»Sind Sie ganz sicher, Madame?«

»Absolut sicher.«

»Übrigens, Monsieur Tschombé hat Sie gesucht«, sagte der Fahrer am anderen Ende.

»Wer?«

»Monsieur Tschombé vom Ministerium. Er fragte mich, ob ich weiß …«

»Ach, Sie meinen Bobby.« Martine hielte das Handy dicht vor den Mund, da sich schon Leute nach ihr umdrehten. Sie waren es nicht mehr gewohnt, dass jemand ganz normal wie früher telefonierte. »Ich bin Bobby für ein paar Stunden entwischt«, flüsterte sie. »Und ich bin zuversichtlich, dass er mich nicht findet.«

»Er hat Sie schon gefunden«, sagte eine Männerstimme hinter Martine.

Ohne hinzusehen, wusste sie, ihr Ausflug in die Freiheit war beendet. »Bis morgen also, Luc.«

Sie drehte sich um. Da stand Bobby Tschombé, der Mann aus Gabun, der Leibwächter, den sie nicht brauchte, nicht haben wollte, aber erdulden musste.

»Bobby, mein Retter«, knurrte Martine. Ihre leichte Stimmung war verflogen, der Wein schmeckte nicht mehr. »Wie haben Sie mich gefunden?«

Er deutete auf ihr Smartphone.

»Verdammt. Ich hätte es ausgeschaltet lassen sollen.« Sie seufzte. »Wollen Sie etwas trinken?«

»Warum nicht?« Bobby, der dunkelhäutige Zweimetermann, baute sich vor dem Tresen auf. Die Kellnerin im Unterhemd sah ihn an.

Kapitel 2

»Der Hohlraum?«

»The cavity.«

»Die Umdrehungsgeschwindigkeit?«

»The speed of rotation.«

Danny legte den Kopf schief. »The rotation speed.«

Martine warf sich gegen die Stuhllehne. »Ist das nicht gehüpft wie gesprungen?«

Sie trug ihre Sonnenbrille. Tagsüber Rotwein zu trinken war keine gute Idee gewesen, noch dazu mit Bobby, der eine Menge vertrug. Eigentlich hatte sie von ihm die professionelle Antwort erwartet: »Im Dienst trinke ich nicht.« Aber Bobby war kein gewöhnlicher Bodyguard. Er hatte sich von Francine mehrmals bereitwillig nachgießen lassen. Als das Gewitter abgezogen und die meisten Gäste gegangen waren, hatte er sich von der Kellnerin sogar auf einen Wodka einladen lassen. Wie lächerlich: Martine war ein wenig eifersüchtig gewesen; Bobby war schließlich ihr Bodyguard.

»Warum machst du nicht weiter?«, fragte sie Danny.

»Ich schreibe mir Ihre Fehler auf«, antwortete er über sein Heft gebeugt.

Wäre es nicht sinnvoll, Danny das Du anzubieten, überlegte Martine. Der Bursche duzte sonst bestimmt Gott und die Welt, doch ihr gegenüber schien er Respekt zeigen zu wollen. Lag es an ihrer Position? Lag es an ihrem Alter?

»Sie könnten speed of rotation sagen«, fuhr er fort. »Aber nur, wenn Sie es innerhalb eines Satzes verwenden.«

»Gib mir ein Beispiel.«

»Die Umdrehungsgeschwindigkeit erhöht sich exponentiell mit dem Wasserdruck.«

»Okay.« Sie nahm die dunkle Brille ab. »The rotation speed increases exponential –«

»Exponentially«, korrigierte er.

Er hatte recht: Es ging um Details. Martine wollte solche Details lernen. »The speed of rotation increases exponentially with the water pressure.«

»Ausgezeichnet.«

Die ganze Welt sprach Englisch. Jeder Mensch, der über seinen Tellerrand hinausguckte, sprach Englisch. Die Deutschen und Skandinavier taten sich darin besonders hervor und amüsierten die Welt mit ihren unmöglichen Akzenten. Die Portugiesen, Spanier und Italiener, der Westbalkan, die Ungarn, Tschechen, Polen und Balten sprachen ausgezeichnet Englisch.

Doch der Franzose war zu stolz, genauso wie die Französin. Die Franzosen trugen ihren Stolz im Herzen, sie präsentierten ihn auf ihren Fahnen und im Lebensstil. Der französische Mensch lebte in dem Glauben, dass es keine größere und elegantere Sprache auf der Welt gebe als seine eigene.

Lag darin der Grund, weshalb es mit dem Englisch von Martine Cortillon nicht weit her war? Sie beherrschte ein paar Brocken Deutsch, einige Höflichkeitsfloskeln in Mandarin und mehrere arabische Begrüßungen, aber ihr Business-Englisch war unterirdisch.

Cortillon Industries stellte Wasseraufbereitungsanlagen her. Das Hauptgeschäft lag in Nordafrika, in Staaten also, deren Business-Sprache häufig Französisch war. Bei Verhandlungen mit dem Fernen Osten ließ sich Martine von Dolmetschern begleiten. Das Gleiche galt für die arabische Welt.

Doch Karim Zaboun, der irakische Verhandlungsführer, hatte darauf bestanden, die Details des Deals auf Englisch auszuhandeln. In seiner Mail hatte Zaboun bekanntgegeben, dass er bei englisch geführten Verhandlungen keinen Dolmetscher brauche. Damit packte er Martine bei ihrer Ehre und ihrem Geschäftsverstand: Wenn es um einen Vertrag dieser Größenordnung ging, durfte sich eine Top-Managerin keine sprachlichen Schnitzer leisten.

Martine hatte kein Problem damit, dass ihr jemand etwas beibrachte, fand es aber besser, wenn niemand etwas davon erfuhr. Daher hatte sie sich nicht nach einem Englischlehrer umgesehen, sondern ihren Freund Richard in Cornwall angerufen.

»Dein Englisch ist ausgezeichnet«, lautete Richards Reaktion.

»Du hast schon mal besser gelogen, Rich«, lachte Martine. »Das sagst du nur, weil du mich magst.«

»Ich habe dich sogar einmal geliebt, Martine.«

Sie stellte sich ihren Professor vor, wie er in seinem Haus am südlichsten Zipfel Großbritanniens saß und auf seine Blumenbeete schaute. »Ich war damals neunzehn, Rich. Aber ich liebe dich heute noch.«

»Hör auf. Du willst einen alten Mann bloß in Verlegenheit bringen.«

»Im Ernst: Kannst du mir helfen?«

»Ich kenne niemanden, der so gut Französisch spricht, dass er dich in Englisch unterrichten könnte.«

Enttäuscht hatte Martine das Gespräch beendet.

In derselben Nacht wurde sie aus dem Schlaf gerissen und tastete hektisch nach ihrem Handy.

»Ich weiß tatsächlich jemanden«, sagte Richard am Telefon.

»Rich, bist du das?«, flüsterte sie, um Clément nicht zu wecken. »Wen … Was weißt du?«

»Einen Englischlehrer.«

»Wer ist denn da?«, knurrte Clément neben ihr und zog die Decke auf seine Seite. »So eine Frechheit.«

»Entschuldige.« Sie schlüpfte aus dem Schlafzimmer ins Bad und schloss die Tür.

»Bist du noch dran?«, kam es vom anderen Ende.

»Ja, Rich.« Im Spiegel starrte Martine eine schlaftrunkene Kartoffel mit wirrem Haar entgegen. Sie fuhr sich über die Augen. »Ist dir jemand eingefallen?«

»Danny«, antwortete er putzmunter.

»Dein … Sohn?« Richard hatte, bereits im reiferen Alter, noch ein Kind bekommen. »Ist er dafür nicht noch zu klein?«

»Ich weiß nicht, urteile selbst: Kann man einen Jungen mit vierundzwanzig noch als klein bezeichnen?«

»Danny ist vierundzwanzig? Oh Gott, ich komme mir uralt vor!« Mit der freien Hand spritzte sie sich Wasser ins Gesicht. »Wie sollte das funktionieren, Rich?«

»Danny nimmt gerade ein paar Monate Sabbatical, bevor er für die zweite Staatsprüfung büffeln muss. Seine Liebe zu Frankreich kennst du. Im Augenblick treibt er sich irgendwo in eurem Schlaraffenland herum. Ich habe länger nichts von ihm gehört.«

»Glaubst du, er wäre bereit, ein paar Wochen in Paris zu verbringen?«

»Machst du Witze?« Martine hörte im Hintergrund einen Wasserkessel pfeifen. »Er wird selig sein.«

»Wenn das klappt, wäre es ideal für mich.«

»Ich rufe Danny gleich an«, erwiderte Richard sonnig.

»Es ist halb fünf Uhr morgens.«

»Bei mir ist es sogar erst halb vier. Da dürfte er gerade zum Schlafen nach Hause kommen.«

»Warum bist du um halb vier Uhr denn schon auf?« Sie fuhr sich durchs Haar.

»Um Tee zu trinken natürlich.«

Ihre erste Begegnung mit Richards Sohn hatte in Martines Büro stattgefunden. Danny sah seinem Vater kein bisschen ähnlich. Er war schlank und schlaksig, Richard dagegen musste man als kompakt bezeichnen. Dunkles gelocktes Haar fiel Danny in die Stirn, Richard hatte nie besonders viele Haare besessen. Trotzdem war etwas an dem jungen Mann, das Martine an seinen wunderbaren Vater erinnerte. Die Wärme, die Ruhe, eine angenehme Unaufdringlichkeit, die nichts mit Langeweile zu tun hatte. Martine glaubte, bei Richards Sohn ein Verständnis zu spüren, das schwerlich zu seinem Alter passte.

Nach dem Ende der ersten Englischstunde hatte sie ihn zur Tür gebracht. »Was unternimmst du abends in Paris?«, fragte sie vielleicht ein wenig gönnerhaft. »Party, chillen, abhängen?«

Er sah sie mit einem mitleidigen Ausdruck an. »Wir haben nicht mehr die neunziger Jahre, Madame.«

Seine Frechheit gab ihr einen Stich. Martine fühlte sich so jung wie eh und je, doch mittlerweile bedeutete Jungsein etwas anderes. Es existierte eine kühne Unbekümmertheit bei den Millennials, eine Selbstverständlichkeit, mit der sie sich auf Social Media vermarkteten und ihre Work-Life-Balance einforderten, eine Weltoffenheit, die sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Jungen in Paris alle perfekt Englisch sprachen.

»In den Neunzigern hast du noch in die Windeln gemacht«, gab sie zurück und ärgerte sich sofort über die Antwort, weil sie damit offenbarte, dass er mit seiner Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte.

»Ich habe in Paris zu tanzen begonnen«, sagte er auf seine freundliche Art.

»Tatsächlich? – Was für eine Art Tanz? In Paris ist Tango gerade in.« Clément hatte neulich angeregt, man könnte zusammen einen Tangokurs belegen.

»Nein, Tango ist es nicht.« Plötzlich klang seine Stimme anders, jünger, wie verwandelt.

Bei ihrer zweiten Unterrichtsstunde saßen sie nicht in Martines Büro im 12. Arrondissement, sondern in einem Café im Sechsten. Keinem besonders hübschen, es verfügte über keine Terrasse wie das Deux Margots oder einen Wintergarten wie das Canaux. Es hatte auch keinerlei Aussicht, da die Gasse davor eng und stark befahren war. Wer in dieses Café wollte, um einen Crème zu trinken, musste aufpassen, nicht überfahren zu werden.

»Wir sollten den Unterricht nicht in Ihrem Büro abhalten«, hatte Danny noch vor Beginn ihrer zweiten Stunde gesagt.

»Was hast du daran auszusetzen?«

»Sie haben ein beeindruckendes Büro mit einer tollen Aussicht. Aber der Stoff, den wir durchnehmen, all diese Hektopascals und Durchflussgeschwindigkeiten, das ist schon trocken genug. Können wir das nicht in einer lebendigeren Umgebung machen?«

Martine schloss ihr Notizheft. »Was schlägst du vor?«

»Sie wollen jetzt gleich …?«, entgegnete er verblüfft.

»Wenn es dir hier nicht gefällt, lass uns abhauen.« Sie nahm ihre Tasche. »Du bestimmst die Route, Danny.«

In seinem Blick lag Bewunderung für ihre Spontaneität. »In dem Fall weiß ich genau das Richtige, Madame.«

Nachdem Martine ihren Leibwächter wie gewohnt nicht losgeworden war, nachdem der Chauffeur sie zur Ile de la Cité gebracht hatte und sie den Quai de Conti entlangliefen, begann Martine sich mehrmals umzudrehen.

»Was haben Sie?«, fragte Danny.

»Ich kenne das.«

»Jeder Mensch auf der Welt kennt das Ufer der Seine.«

»Aber ich kenne genau diesen Bouquinisten.« Sie zeigte auf einen geschlossenen Stand.

Danny lief weiter, Bobby blieb dicht hinter ihnen. Gleich darauf erkannte Martine die schmale Gasse wieder, die bei strömendem Regen anders ausgesehen hatte, doch sie erinnerte sich an das Schild Petit Paris.

»Was für ein Zufall! Hier war ich erst vor drei Tagen.«

»Es gibt keine Zufälle, Madame«, sagte Danny. »Wussten Sie das nicht?«

»Wie bist du auf das Petit Paris gekommen?«

»Ich bin öfter hier. Die Probebühnen der Bastille-Oper liegen gleich um die Ecke. Viele Opernleute essen im Petit Paris zu Mittag.«

»Was hast du mit der Oper zu tun?«

Statt einer Antwort überquerte Danny die Straße, Martine sprang hinterher, Bobby musste die Durchfahrt eines Lieferwagens abwarten. Sie traten ein.

Wer den Namen Petit Paris hörte, stellte sich den Charme und den Esprit vor, der für Paris stand. Man dachte an runde Metalltische mit Marmorplatten, saloppe Kellner mit bodenlangen Schürzen, einen Holzboden, auf den nach Feierabend Sägespäne gestreut wurden, um die Weinreste aufzusaugen. Man dachte an knusprige Croissants und Milchkaffee in großen henkellosen Tassen. So und nicht anders hatte ein Café zu sein, das Petit Paris hieß.

Dieses Lokal hatte dagegen quadratische Tische und Stühle, deren Kunstlederbezug bessere Tage gesehen hatte. Die Fensterfront war in Nischen eingeteilt. Die Bar mutete amerikanisch an, und dahinter stand Francine in ihrem Herrenunterhemd.

Sie fanden eine freie Nische am Fenster. Bobby nahm an einem Tisch in der Nähe Platz. Martine bestellte Crème, Danny trank Orangina mit einem Strohhalm aus der Flasche und sah fast wie der kleine Junge aus, den sie früher gekannt hatte. Sie schlugen ihre Hefte auf, nahmen die unregelmäßigen Verben durch und wiederholten die Vokabel zum Thema Hydraulik.

Die Tür ging auf. Herein kam jemand, den sie auch nicht zum ersten Mal sah.

»Madame!«, rief der Eintretende. »Erkennen Sie mich?«

»Ja … Aber ja –« Sie dachte in Windeseile nach. »Sie sind … Bertrand?«

»Benoît«, korrigierte er lächelnd und gab ihr die Hand.

»Benoît, natürlich.«

»Sie haben einen glücklichen Mann aus mir gemacht.« Er ließ ihre Hand nicht gleich wieder los.

»Wieso?«

Statt zu antworten, wandte sich Benoît ins Lokal und erhob seine Stimme. »Hört mal her! Das ist die Frau, von der ich euch erzählt habe!«

Alle Blicke wandten sich der Nische am Fenster zu.

»Bravo, Benoît!«, rief ein Bartträger mit Stentorstimme.

»Bravo, Madame!«, rief eine Asiatin, neben der ein Cellokasten stand.

»Was ist hier los?«, fragte Martine verwundert.

Ehe Benoît antworten konnte, warf die Kellnerin ihre Haarsträhne aus der Stirn und rief: »Das ist Benoîts neue Liebe. Sie macht ihn glücklich!«

Darauf lachten viele im Café.

»Ich spendiere eine Runde für alle«, ließ sich Benoît vernehmen.

»Was soll das Ganze?« Martines Frage ging im allgemeinen Applaus unter.

Francine köpfte eine Champagnerflasche und begann einzuschenken.

»Sie haben mir ein Buch abgekauft«, antwortete Benoît.

»Und wegen eines Buches machen Sie so ein Aufsehen?«

»Es war ein besonderes Buch.« Ohne um ihre Erlaubnis zu bitten, setzte er sich neben sie. »Bonjour, Danny«, sagte er nebenbei.

»Salut, Benoît«, antwortete ihr Englischlehrer.

»Ich kennt euch auch?« Misstrauisch blickte Martine von einem zum anderen. »Ist das eine abgekartete Sache zwischen euch? Hast du mich absichtlich hierhergeführt?«

»Abgekartet?« Benoît und Danny sahen einander verständnislos an.

»Benoît ist ständig hier, um seinen Frust zu ertränken, wenn er mal wieder nichts verkauft hat«, erklärte Danny.

Benoît nickte. »Und Danny sitzt gern bei den Opernleuten, die jeden Tag hier abhängen.«

»Aber … Ich verstehe nicht …«

Danny lächelte. »Was Sie nicht verstehen, Madame, ist das Leben. Das Leben führt uns an den richtigen Ort, wenn wir dem Leben die Chance dazu geben.«

»Habe ich dem Leben denn … eine Chance gegeben?«, erwiderte Martine unsicher.

Mit einem Tablett trat Francine an ihren Tisch. »Bedient euch selbst.«

Während Benoît Martine ein Sektglas gab, sagte er: »Genau an dem Tag, als Sie mir die Fabeln abgekauft haben, hatte ich beschlossen, meinen Stand für immer dichtzumachen. Alte Bücher zu verkaufen wirft nichts mehr ab. Ich bin pleite. Ich bin schon so lange pleite, dass ich mich wundere, dass ich überhaupt noch lebe. Sie haben mein Leben gerettet.« Er prostete ihr zu. »Das werde ich Ihnen nie vergessen, Madame.«

Verwundert, erstaunt, bewegt sah Martine den Bouquinisten an. »Gern geschehen, Benoît.«

Hell klangen die Gläser gegeneinander.

Kapitel 3

»Oh nein, ist das heute?«

Martine warf die Schuhe in die Ecke. »Ich kann nicht mehr, ich kann auf gar keinen Fall heute noch ausgehen. Wir sagen das ab!« Sie redete sich in Rage, weil sie wusste, dass sie um den verdammten Termin nicht herumkam. Dabei drängte die Zeit, in einer Stunde mussten sie bereits aufbrechen.

Clément sah in seinem Smoking blendend aus. Wenn man nicht zu genau hinguckte, konnte man ihn im Abendanzug mit James Bond verwechseln. Keinem bestimmten Bond, einfach 007 im Allgemeinen. Clément war ein attraktiver Mann.

Martine liebte Musik, fast jede Musik, schnelle, laute, fröhliche und besinnliche. Doch für das Geschrei und Gestelze auf einer Opernbühne fehlte ihr jedes Verständnis. Sie begriff nicht, wieso Tausende Menschen täglich in die Pariser Opernhäuser strömten. Clément war einer von ihnen, und zu allem Überdruss verehrte er ausgerechnet Wagner. Zwei Stunden auf einem engen Theatersessel zu verbringen, umgeben von sensiblen Kunstkennern, das ging ja noch an. Aber Wagner? Tristan dauerte vier Stunden, die Meistersinger viereinhalb, Parsifal fünf! Wer sich eine solche Tortur antat, musste definitiv einen Sprung in der Schüssel haben.

»Sprung in der Schüssel«, murmelte Martine.

»Was hast du gesagt?« Im Schlafzimmer trank Clément seinen Ingwertee. Bevor er sich in eine große Menschenmenge mischte, stärkte er sein Immunsystem.

»Ich habe nichts gesagt«, rief sie vor dem Spiegel und hielt sich abwechselnd das blaue und das bordeauxrote Kleid vor die Brust.

»Du hast Sprung in der Schüssel gesagt.«

»Du hast dich verhört.« Sie lief mit beiden Kleidern nach drüben. »Blau oder rot?«

Er saß auf dem Bett. »Der Stoff des roten fällt so wunderbar leicht. Aber das blaue hat auch seinen Reiz, besonders mit der Schmetterlingsbrosche. Andererseits …«

Schnaubend verließ Martine das Schlafzimmer. Wieso konnte er ihr keine klare Antwort geben? Sie hängte beide Kleider zurück und riss das kleine Schwarze heraus. Chanel passte immer.

»Wo sind die Jungs heute Abend?«, rief Clément.

»Sie übernachten bei Elias. Ich hatte mich auf einen gemütlichen Abend gefreut, nur wir beide«, lockte sie und wusste, es war vergebens. Gegen Wagner kam sie nicht an.

»Heute wird ein genussreicher Abend«, erwiderte Clément.

Das wird er nicht, dachte sie und griff zur Wimperntusche. »Hast du die Katze gefüttert?«

»Ist längst geschehen.«

Luc erwartete sie mit dem Wagen, Bobby nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Bis zur Place de la Bastille war es eine Fahrt von zwölf Minuten. Durch den Stau mussten sie nochmal fünfzehn draufschlagen. Für Clément galt Zuspätkommen als achte Todsünde. Er fand sich grundsätzlich zwei Stunden vor einem Abflug auf dem Airport ein, selbst wenn es nur von Paris nach Bordeaux ging. Da Martine dauernd unter Zeitdruck stand und gewohnheitsmäßig zu spät kam, ließ eine Situation wie diese sie kalt. Außerdem hatte sie die gemeine Hoffnung, dass Luc es nicht schaffen würde.

»Schlimmstenfalls verpassen wir eben die Ouvertüre«, sagte sie.

»In dem Fall könnte ich die Oper nicht mehr genießen«, antwortete Clément.

Sie legte ihre Hand auf seine. »Wenn wir es ohnehin nicht schaffen, könnten wir stattdessen essen gehen, und hinterher tauchen wir kurz in Alfreds Garderobe auf und sagen: Es war toll, großartig, bravo, bravo! Was hältst du davon?«

»Er singt Rheingold«, entgegnete Clément entrüstet. »Und er ist dein Cousin.«

Martine hasste es, wenn er ihr diesen indignierten Blick zuwarf. »Was hat Rheingold damit zu tun, dass Alfred mein Vetter ist?«

»Er steht drei Stunden auf der Bühne und singt sich die Seele aus dem Leib. Ihn nachher anzulügen kommt nicht in Frage.« Clément beugte sich vor. »Wir schaffen es doch noch, Luc, nicht wahr?«

»Ich bin zuversichtlich, Monsieur.« Der Fahrer mit dem Lockenkopf warf einen vorsichtigem Bick in den Rückspiegel. Ihm war bewusst, dass er, was Madame betraf, gerade die falsche Antwort gegeben hatte.

Clément sank in das weiche Leder zurück. »Rheingold hat keine Ouvertüre«, dozierte er. »Nur ein Vorspiel. Außerdem haben wir eine Loge und können noch im letzten Moment hineinschlüpfen, vorausgesetzt Monsieur Tschombé braucht nicht zu lange mit dem Security Check.«

»Ich beeile mich, Monsieur«, sagte der Leibwächter, ohne sich umzudrehen.

Martine verbiss ihren Ärger. So viele Opernhäuser gab es auf der Welt. Wieso musste sich ihr Cousin Alfred ausgerechnet an der Bastille engagieren lassen? Sie starrte aus dem Fenster. Es sah schon wieder nach Regen aus.

Nach der Vorstellung nahm Clément an der Garderobe die Regenmäntel in Empfang. »Ich muss sagen: Alfred war großartig.«

»Aber er hat einen Gnom gespielt«, entgegnete Martine. »Außerdem war er nur in einer einzigen Szene dran.«

»Die Rolle des Mime ist eine extrem anspruchsvolle Partie, sehr schwer zu singen«, erklärte Clément. »In Alfreds Alter schon so einen phantastischen Mime hinzulegen, das soll ihm mal einer nachmachen.«

Martine hakte ihren Mann unter und manövrierte ihn statt zum Ausgang zur Feuerschutztür.

Sofort war Bobby zur Stelle. »Wo wollen Sie hin, Madame?«

»Hinter die Bühne. Wir gratulieren meinem Cousin und sind in Nullkommanichts wieder da. Sie können gern so lange warten.«

»Das geht nicht, Madame. Das wissen Sie.«

»Dann kommen Sie eben mit.« Sie seufzte.

Clément blieb stehen. »Du willst jetzt schon hinter die Bühne? Alfred braucht bestimmt eine Weile, um sich abzuschminken.«

»Seine Maske war scheußlich. Einen Buckel haben sie ihm auch verpasst und eine falsche Nase.«

»Und weißt du, warum?«

»Du wirst es mir bestimmt gleich erklären.«

»Bei Wagner ist Mime die leibhaftige und gewollte Persiflage eines Juden.«

»Trotzdem verehrst du Wagner?«

»Wagners Musik steht haushoch über seinem Antisemitismus.«

Sie erreichten die Tür, die in die Eingeweide der Oper führte. Clément war es sichtlich unangenehm, in den Künstlerbereich einzudringen.

»Wir können da nicht einfach reinspazieren.«

»Keine Sorge, Alfred hat mir erzählt, dass auf dieser Etage der Chor sitzt. Aber in Rheingold gab es gar keinen Chor. Wir werden also niemanden stören. Zu Alfred müssen wir einen Stock tiefer.«

Zu dritt liefen sie auf die Treppe zu. Eine Garderobentür stand offen. Martines Blick fiel in einen Raum voll nackter Männer. Ein fleischfarbenes Suspensorium bedeckte das Nötigste. Vorhin hatte sie diese nackten Männer auf der Bühne gesehen. Sie waren im Gefolge der Rheintöchter aufgetreten.

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