Das Wunder vom Christkindlesmarkt - Dominique Steinberg - E-Book
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Das Wunder vom Christkindlesmarkt E-Book

Dominique Steinberg

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Beschreibung

1924. Auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt verkauft die junge Witwe Evelyn filigrane Rauschgoldengel, die die Herzen der Besucher im Sturm erobern. Sie kann den beliebten Christbaumschmuck gar nicht schnell genug fertigen, als inmitten des vorweihnachtlichen Trubels ein rätselhafter Fund alte Wunden aufreißt. In einem Wintermantel stößt Evelyn auf ein leeres Kuvert, auf dem sie die Handschrift ihres verstorbenen Mannes Gerson erkennt. Doch was sollte ihr Gerson von der Adressatin des Briefes gewollt haben? Die Suche nach einer Antwort stellt Evelyn schon bald vor ungeahnte Probleme ...

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Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumVersWidmung1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.21.22.23.24.25.26.27.28.29.30.31.32.33.34.35.36.37.38.39.40.41.42.43.44.45.46.47.48.49.50.51.Nachwort

Über dieses Buch

1924. Auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt verkauft die junge Witwe Evelyn filigrane Rauschgoldengel, die die Herzen der Besucher im Sturm erobern. Sie kann den beliebten Christbaumschmuck gar nicht schnell genug fertigen, als inmitten des vorweihnachtlichen Trubels ein rätselhafter Fund alte Wunden aufreißt. In einem Wintermantel stößt Evelyn auf ein leeres Kuvert, auf dem sie die Handschrift ihres verstorbenen Mannes Gerson erkennt. Doch was sollte ihr Gerson von der Adressatin des Briefes gewollt haben? Die Suche nach einer Antwort stellt Evelyn schon bald vor ungeahnte Probleme …

Über den Autor

Dominique Steinberg wurde 1969 in Heidelberg geboren, studierte Geschichte und Anglistik und veröffentlichte unter anderem Namen bereits mehr als zwanzig historische Romane, von denen einige zu Bestsellern avancierten. Steinberg lebt und arbeitet in der Nähe von Neustadt an der Weinstraße.

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2024 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werks für dasText- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: Evi Draxl, München

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de

Umschlagmotive: © Adobe Stock: MV Productions | © Shutterstock: Cara-Foto, RossHelen, Andrey tiyk, Romanova Ekaterina | © Richard Jenkins Photography | © BTEU/TEKNISKA/Alamy Stock Foto

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-6136-9

luebbe.de

lesejury.de

In jedem Jahr, vier Wochen vor der Zeit,da man den Christbaum schmückt und sich aufs Feiern freut,ersteht auf diesem Platz, der Ahn hat’s schon gekannt,was ihr hier seht, Christkindlesmarkt genannt.

Aus dem Prolog zur Eröffnung des Christkindlesmarktes

Für Philippa

1.

Die Stimme des Mannes erstarb ganz plötzlich. Im Raum wurde es still.

Evelyn drückte sich die Hand auf den Mund. Sie hatte es kommen sehen. Wenn ihr Onkel sich einmischte, ging immer alles schief. »Jetzt hast du ihn endgültig erledigt! Was soll ich denn nun meiner Freundin sagen, wenn sie nach ihm fragt?«

Joachim plagte sich mit verzerrtem Gesicht auf die Füße, indem er sich mit der einen Hand an der Kante des Beistelltisches festhielt. Die andere umklammerte den Schraubenzieher. Evelyns Vorhaltung überging er mit einem Schulterzucken. »Ich habe es nur gut gemeint, und das ist der Dank? Oder hättest du dir das Gesäusel den ganzen Tag lang anhören wollen? Was hat der verdammte Apparat überhaupt hier verloren?«

Der verdammte Apparat? Evelyn schäumte vor Wut. Jetzt sollte sie also daran schuld sein, dass ihr Onkel einen Fehler gemacht hatte? Aber darauf lief es ja ständig hinaus. Sie konnte sich noch so sehr bemühen, Joachim fand stets das Haar in der Suppe. Dabei war es nicht einmal seine eigene Suppe. Er lebte nur deshalb in Evelyns Haus, weil ihre Mutter, Joachims ältere Schwester, darauf bestanden hatte, ihn aufzunehmen. Er gehöre doch zur Familie, sagte sie stets, wenn Evelyn sich beschwerte. Und dass Evelyn Joachim auf Knien dankbar sein sollte, weil er sich so hingebungsvoll um sie kümmerte. In Wahrheit rührte Evelyns Onkel keinen Finger, um ihr zu helfen. Im Gegenteil, er lebte auf ihre Kosten in dem Haus ihres verstorbenen Mannes. Seine Arbeit als Friseur hatte Joachim gleich nach Kriegsende 1918 an den Nagel gehängt. Hin und wieder half er in Evelyns Drogerie aus, die sich im Erdgeschoss befand. Doch diese Tätigkeit beschränkte sich vornehmlich darauf, mit den Kunden zu schwatzen und sich wegen seiner Kriegsverletzungen bedauern zu lassen. Hinzu kam, dass er sich an Evelyns Brandweinvorräten vergriff, wann immer ihm danach war. Evelyn hätte ihn liebend gern vor die Tür gesetzt, doch das ließ ihre Mutter nicht zu. Gertraud Weigandt war eine energische Frau Mitte fünfzig, gegen die Evelyn nur schwer ankam. Ihren jüngeren Bruder verhätschelte Gertraud nach Strich und Faden. Für sie war er nach der Niederlage des Kaisers, für den er in den Krieg gezogen war, als Held zu ihr zurückgekehrt.

Evelyns Mann Gerson hingegen war nicht zurückgekommen. Er war in Frankreich gestorben, in den letzten Tagen des Krieges, und auch wenn Evelyn sich dafür schämte, so wünschte sie sich doch manchmal, es hätte den Faulpelz Joachim und nicht ihren geliebten Mann erwischt.

»Nun fang bloß nicht an zu heulen«, brummte Joachim. »Es ist ja nicht deine Schuld, dass der Kasten keinen Mucks mehr von sich gibt. Deine Freundin, diese hochnäsige Ziege, hätte ihn uns ja nicht aufdrängen müssen.«

Natürlich, nun war es also Sibylles Schuld, dass Joachim ihr teures Radiogerät kaputtgekriegt hatte. Und dies nur, weil es seiner Meinung nach zu sehr rauschte. Also hatte er sich einen Schraubenzieher geschnappt und war dem Apparat trotz Evelyns scharfen Protests zu Leibe gerückt. Und nun gab das Radio keinen Ton mehr von sich.

Joachim fing wieder an zu schrauben und legte das Werkzeug erst weg, als ihm der Schweiß über die Schläfen rann. »So ein Mist wird sich niemals durchsetzen«, grummelte er verdrossen. »Nicht mehr als eine unnütze Spielerei, von der die Leute bald genug haben werden. Da ist ein Grammophon doch ganz was anderes. Du kannst dir die Platte selber aussuchen, die du dir anhören willst, und musst nicht mit dem vorliebnehmen, was dir die Herren im Funkhaus vorsetzen.«

Besorgt betrachtete Evelyn das Innenleben des Gerätes und sah nur ein Geflecht aus Drähten, mit denen sie nichts anfangen konnte. Erst seit ungefähr einem Jahr gab es die neuen Rundfunkempfänger im Handel zu kaufen. Sie kosteten eine Menge Geld und waren daher für Menschen wie Evelyn, die jeden Pfennig umdrehen mussten, nahezu unerschwinglich. Umso gerührter war sie gewesen, als Sibylle ihr den Apparat von ihrem Hausmädchen hatte schicken lassen. Damals hatte Evelyn mit einer scheußlichen Grippe das Bett gehütet und sich nur zu gern von der Radiomusik und der Stimme des Funksprechers ablenken lassen. Das Rauschen im Hintergrund hatte sie nicht gestört, im Gegenteil, es hatte sie sanft in den Schlaf begleitet. Inzwischen war sie längst wieder auf den Beinen, daher gab es keinen Grund, das geliehene Gerät länger zu behalten. Aber in diesem Zustand konnte sie es Sibylle unmöglich zurückgeben.

»Bring das in Ordnung!«, mahnte sie Joachim, der schon wieder mit seinem Schraubenzieher im Gehäuse herumstocherte und so tat, als wüsste er ganz genau, wo das Problem lag. »Es ist schon dunkel, und ich muss Ware ausliefern. Die Bestellungen, um die du dich gestern kümmern wolltest!«

»Also wirklich, ich kann nur eines tun. Entweder das Radio oder die Auslieferung!«

Evelyn verzichtete auf jedes weitere Wort. Sie nahm Mantel und Hut von der Garderobe und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Obwohl sie sich wieder gesund fühlte, war sie doch noch recht blass. In ihrem kleinen Schlafzimmer bewahrte sie noch ein wenig Rouge auf, doch seit der Nachricht, dass Gerson gefallen war, hatte sie den Tiegel nicht angerührt.

»Willst du etwa bei diesem fürchterlichen Wetter noch ausgehen?«

Evelyn erschrak, als unvermittelt die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr drang. Gertraud bewegte sich in ihren ausgetretenen Filzpantoffeln stets wie auf Katzenpfoten durch das Haus und tauchte mit Vorliebe dort auf, wo man sie nicht vermutete. Als Evelyn nicht sofort antwortete, maß die ältere Frau sie mit einem prüfenden Blick von Kopf bis Fuß.

»Also wirklich, mein Schatz, findest du nicht, dass du ein wenig mehr aus dir machen solltest? Du bist erst sechsundzwanzig Jahre alt …«

»Siebenundzwanzig«, widersprach Evelyn, die schon ahnte, worauf ihre Mutter hinauswollte. »Wenn du meinen Geburtstag im September nicht vergessen hättest, wüsstest du das.«

»Nun hab dich nicht so, Kind.« Gertrauds Miene zeigte keine Reue. »Du hast keinen Grund, beleidigt zu sein. Greifen Joachim und ich dir nicht unter die Arme, wo wir nur können? Ich rackere mich ab, koche und wasche, damit du unten in der Drogerie deines verstorbenen Mannes Seife, Zahnpulver und Rasierklingen verkaufen kannst.«

Was deiner Meinung nach unter meiner Würde sein sollte, dachte Evelyn sarkastisch. Warum konnte ihre Mutter nur nicht begreifen, dass die Drogerie alles war, was Evelyn von Gerson geblieben war? Mochte der Laden auch nicht mehr so gut laufen wie früher, so sorgte das Geschäft doch dafür, dass im Hause Sandmeyer stets etwas Warmes auf den Tisch kam. Evelyn hatte nach Gersons Tod geschworen, das Haus in der Tuchgasse zu halten, solange dies nur möglich war, und daran würde sie festhalten. Geschehe, was wolle.

»Du siehst doch gar nicht schlecht aus«, konstatierte Gertraud, die nicht gewillt zu sein schien, das Thema ruhen zu lassen. »Was könnte ein geschickter Friseur nicht alles aus deinem hübschen dunklen Haar machen? Eine Wasserwelle würde dir stehen oder ein flotter Bubikopf. Schau dir doch die jungen Damen an, wie sie mit ihren Pagenköpfen durch die Stadt spazieren. Nach denen drehen sich die feinen Herren um. Und dann deine Kleidung, meine Liebe …« Die ältere Frau blickte durch die Gläser ihrer Nickelbrille, als betrachtete sie ein seltenes Insekt unter dem Mikroskop. »In der Reichshauptstadt trägt die Dame den Rock in diesem Winter kürzer und mit Fransen oder Schleifen besetzt. Deine Witwenkleider sehen dagegen aus, als hätte sie schon die alte Kaiserin – Gott hab sie selig – abgelegt. Du solltest anfangen, ein wenig mehr auf deine Garderobe zu achten.«

»Wozu?«

»Wozu, fragt sie mich! Ist es denn zu fassen!« Gertraud schüttelte den Kopf. Sie war eine kräftig gebaute Frau mit einem breiten, stets geröteten Gesicht, das von lebhaft funkelnden Augen beherrscht und von dichtem weißgrauem Haar umrahmt wurde. Anders als Evelyn, die um ihr Erscheinungsbild wenig Aufhebens machte, frisierte und kleidete sich ihre Mutter so elegant, wie ihre Mittel es zuließen. Sie duftete stets nach Maiglöckchen-Parfüm, das sie dem Sortiment der Drogerie entnahm, und verstand es, so aufzutreten, als spielte Geld keine Rolle. Tatsächlich war dies eine Gabe, um die Evelyn sie insgeheim beneidete, denn als Witwe eines Pfarrers genoss Gertraud Weigandt in der Stadt zwar Ansehen, musste aber mit einer mageren Rente auskommen. Dieser Umstand und die Tatsache, dass sie nach dem Tod ihres Mannes die Räume am Sebalder Pfarrhof hatte räumen müssen, hatten sie letztendlich dazu bewogen, zu ihrer Tochter in die Tuchgasse zu ziehen. Die befand sich zwar nur wenige Schritte vom Pfarrhaus entfernt, doch ganze Welten schienen die beiden Adressen zu trennen. Evelyns Haus mit seinem spitz zulaufenden Giebel und dem Schaufenster zur Straße hin gehörte zu einem Gebäudeensemble, das die Jahrhunderte überdauert hatte, ohne sich äußerlich großartig zu verändern. Vermutlich war schon Albrecht Dürer auf dem Weg zum Hauptmarkt daran vorbeigegangen. Doch an der mitunter schadhaften Fassade und dem morschen Gebälk ließ sich ablesen, dass der Zahn der Zeit schon länger an dem Haus nagte, als es diesem guttat. Leider fehlten Evelyn die nötigen Mittel, um Renovierungsarbeiten und Schönheitskorrekturen durchführen zu lassen.

»Au, verflucht«, schimpfte Joachim in der Wohnstube vor sich hin. »Jetzt brauche ich einen Schnaps!« Evelyn holte tief Luft, widerstand aber dem Drang, in die Wohnstube zurückzukehren und nachzusehen, was ihr Onkel mit dem armen Radioapparat anstellte. Wie teuer mochte so ein Gerät wohl sein? Wie Evelyn Sibylles Familie kannte, würde diese großmütig davon absehen, dass sie das Radio ersetzte. Aber für Evelyn kam es nicht in Frage, sich so aus der Verantwortung zu stehlen. Und wenn sie bis Weihnachten trockenes Brot essen musste: Sie würde Sibylle jeden Pfennig zurückzahlen, bis ihre Schuld beglichen war. Rasch band Evelyn sich ihren Lieblingsschal um den Hals und eilte die steile Treppe hinunter, die ihre Wohnung mit dem Ladengeschäft verband. In der Drogerie brannte nur noch eine einsame Lampe. Das Lehrmädchen hatte schon abgeschlossen und den Boden gefegt. Nun wartete es darauf, von Evelyn in den Feierabend geschickt zu werden.

»Und Sie wollen die Lieferung wirklich selbst übernehmen?«, fragte die junge Franzi vorsichtig, während sie Evelyn dabei half, die beiden prall gefüllten Taschen in den Fahrradkorb zu quetschen. Evelyn zwinkerte ihrem Lehrling lächelnd zu, denn ihr war klar, dass das Mädchen die Frage aus Höflichkeit stellte und nicht, weil sie sich darum riss, sich bei dieser schneidenden Kälte auf dem Fahrrad bis zur Kaiserstraße zu kämpfen. In der Nacht hatte es geschneit und der bereits festgetrampelte Schnee auf dem Kopfsteinpflaster lud geradezu zum Ausrutschen ein. Nein, eine Vierzehnjährige hatte um diese Zeit nichts mehr auf der Straße zu suchen, sondern sollte sich bei einer heißen Suppe von den Strapazen des Tages erholen. Gegen Jahresende war immer viel zu tun, und obwohl Franzi flink und fleißig war, durfte man nicht vergessen, dass sie bis vor Kurzem noch die Schulbank gedrückt hatte und zu Hause noch fünf jüngere Geschwister auf sie warteten, die sie als Älteste mit großzog.

»Nur keine Sorge!« Evelyn streifte sich ihre Fäustlinge über die Hände und schob dann prüfend das Rad ein Stück über das Pflaster. Himmel, das war ja wirklich spiegelglatt. »Geh nur nach Hause, ich brauche jetzt sowieso ein bisschen frische Luft. Außerdem möchte ich mir gern in Ruhe den Ort anschauen, wo demnächst der Christkindlesmarkt aufgebaut werden soll.«

Das Lehrmädchen hob erstaunt die Augenbrauen. »Aber kommt der denn nicht wieder auf den Hauptmarkt? Dort war er doch immer. Schon, als ich noch ganz klein war. Meine Mama ist mit mir jedes Jahr hingegangen, bis dann der Krieg anfing und Papa zu den Soldaten musste.«

»Offensichtlich hat der Stadtrat sich umentschieden«, sagte Evelyn mit einem Seufzer. »Ich find’s auch schade, aber wir sollten froh sein, dass es überhaupt wieder einen Weihnachtsmarkt in Nürnberg geben wird, nicht wahr?«

Evelyn sah dem Mädchen nach, bis dessen Blondschopf im trüben Licht der Straßenlaterne nicht mehr auszumachen war. Erst dann schlug sie den kurzen Weg zur Fleischbrücke ein. Nach dem Willen der Stadtoberen sollten dort in Kürze die ersten frisch gezimmerten Verkaufsbuden des Christkindlesmarktes aufgebaut und geschmückt werden. Erinnerungen an längst vergangene Wintertage überfluteten ihre Gedanken. Einige waren willkommen, andere machten ihr Angst. Solange der Weihnachtsmarkt mit seinem fröhlichen Trubel wegen der Kriegswirren und der kargen Nachkriegsjahre nicht stattgefunden hatte, war es für sie nicht allzu schwer gewesen, die Erinnerungen im Zaum zu halten. Dieses Jahr jedoch machte der Markt seine Pforten auf, und lange Verdrängtes würde sicher wieder hochkommen.

»Ach, Gerson …«, flüsterte sie bedrückt. »Warum musstest du mich alleinlassen?«

An der Fleischbrücke angekommen lehnte Evelyn das Fahrrad gegen die Mauer, legte den Kopf in den Nacken und suchte den tintenschwarzen Himmel nach Sternen ab. Unter ihren Füßen rauschte die Pegnitz. Evelyn glaubte plötzlich von fern Musik zu hören. Sanfte, weihnachtliche Klänge. Wo immer diese auch herkamen, sie wärmten ihr Herz, und für einen Moment hätte sie schwören können, den süßen Duft von gebrannten Mandeln und Lebkuchen zu riechen. Sie ließ das Fahrrad stehen und machte ein paar unbeholfene Schritte über die vereiste Fleischbrücke. Plötzlich war ihr, als liefe sie an einer Reihe von mit Tannengrün und Watteschnee geschmückten Holzbuden vorbei. Junge Burschen und Mädchen kreuzten ihren Weg. Andere scharten sich um Becken mit glühenden Kohlen und tranken würzigen Punsch. An den hell erleuchteten Ständen wurde emsig gearbeitet, es wurden Würstchen gebraten und bunte gläserne Kugeln ausgesucht. Und vor der letzten Bude, dort, wo sich der riesige Tannenbaum in den Himmel erhob, wartete er auf sie. So, wie er es an ihrem letzten gemeinsamen Abend getan hatte. Gerson. Er war zu ihr zurückgekommen. Evelyn hatte gewusst, dass er sie nicht allein zurücklassen würde. Sie hob die Hand, doch dann wurde ihr schwindelig und die sanfte Musik rauschte ihr in den Ohren. Evelyn rutschte aus und stürzte nur deshalb nicht, weil Gerson sie rechtzeitig am Arm packte. Die junge Frau seufzte erleichtert. Ein eisiger Windstoß schnitt ihr ins Gesicht und brachte sie aus dem Licht der weihnachtlichen Buden zurück in die einsame Dunkelheit der steinernen Brücke.

»Sie sollten vorsichtiger sein, Fräulein. Sonst brechen Sie sich noch etwas.«

Irritiert hob Evelyn den Blick und starrte den Mann an, der sie noch immer am Arm festhielt. Ihn hatte sie also nicht herbeifantasiert. Der Mann war Realität, auch wenn er mit Gerson nicht die geringste Ähnlichkeit hatte. Zudem sprach er ganz anders, mit einem Akzent, den Evelyn im Böhmischen verortete. Über den Weg gelaufen war ihr der Mann in Nürnberg noch nie. Vermutlich ein Fremder auf der Durchreise.

»Sie werden doch nicht ohnmächtig, wenn ich Sie jetzt loslasse, oder?« Der Fremde war jung, etwa in Evelyns Alter, und hatte ein herbes, aber attraktives Gesicht. Nach einer ordentlichen Rasur und mit einem passenden Haarschnitt würde er sicher respektabel aussehen. Trotz des schäbigen Mantels, der viel zu dünn für die winterliche Kälte war. Auf seinen Händen bemerkte Evelyn einige Farbflecken. Vielleicht war er ein Anstreicher, der ins Fränkische gekommen war, um sich vor den Feiertagen etwas mit Malerarbeiten zu verdienen.

»Es geht mir gut«, erwiderte Evelyn kurz angebunden. »Es war nur … Wenn Sie nun so freundlich wären, meinen Arm loszulassen. Ich muss gehen, ich werde erwartet.« Sie murmelte ein Dankeschön zum Abschied, dann holte sie ihr Rad und trat in die Pedale. Nach dem Fremden drehte sie sich nicht mehr um, aber sie hätte schwören können, dass er ihr fragend hinterherblickte.

2.

Gertraud rauschte geschäftig durch Evelyns Wohnzimmer. Sie klopfte den Staub aus den Kissen, die das durchgesessene Kanapee schmückten, und schlug die Fensterläden zu. Danach eilte sie in die Küche, um Kaffeewasser aufzusetzen. Eigentlich war es schon viel zu spät für Kaffee, aber so aufgeregt, wie sie war, würde sie heute Nacht ohnehin kein Auge zumachen. Da konnte sie sich auch noch den letzten Rest Bohnenkaffe gönnen. Die Bohnen hatte sie tagelang gesammelt, ohne dass es Evelyn aufgefallen war. Zuweilen fand Gertraud es geradezu erschreckend, wie leichtgläubig und verträumt das Mädchen durch die Welt ging. Gewiss, sie hatte ihren Mann verloren. Aber dieses Schicksal teilte sie mit vielen. Nein, Evelyn musste endlich anfangen, sich wieder dem Leben zu stellen.

»Und deshalb hast du den Kerl eingeladen?« Joachim wischte sich die ölverschmierten Finger mit seinem Taschentuch sauber. »Um deine Tochter zur Vernunft zu bringen?« Sein Blick verriet Skepsis. »Na ja, jedenfalls wird Evelyn uns nicht stören. Mir war klar, dass sie die Lieferung für diesen Arzt nicht Franzi überlassen, sondern selbst losstrampeln würde. Bis sie wieder zurück ist, werden wir mit dem Mann hoffentlich einig geworden sein.«

»Die Verhandlungen überlässt du aber mir, hörst du?« Gertraud Weigandt kam mit einer dampfenden Kanne in die Stube gelaufen. »Kümmere dich lieber darum, dass auch für unseren Gast noch ein Schnaps übrig ist.« Sie lächelte ihren Bruder an. »Du brauchst gar nicht so unschuldig zu gucken. Ich weiß ganz genau, wer sich über Gersons Wein- und Schnapsvorräte hermacht. Evelyn mag das egal sein, mir aber nicht.«

»Obwohl es deiner Tochter guttun würde, sich mal einen zu genehmigen«, erwiderte der junge Mann. Als die Türglocke schellte, stopfte er sich flugs das Hemd in die Hose, rückte den Schlips gerade und warf die widerspenstige Haarsträhne zurück, die ihm fortwährend in die Augen fiel. Mit einem jovialen Lächeln ging er auf Gertrauds Gast zu. Der Mann musterte ihn ohne großes Interesse und übersah geflissentlich die ihm zur Begrüßung entgegengestreckte Hand. Aber er ließ es zu, dass Gertraud ihm Hut, Mantel und Gehstock abnahm. Mit dem Besucher zog der Geruch von kalter Luft, vermischt mit Pfeifentabak und Pfefferminz, in die Wohnstube. Joachim verzog halb amüsiert und halb verärgert das Gesicht. Er verstand es, Männer einzuschätzen, die nach Pfefferminzpastillen rochen. Für gewöhnlich tranken sie zu viel, wollten aber nicht, dass es auffiel. Und der Kerl, der sich gerade in die aufgeschüttelten Kissen seiner Nichte fallen ließ, war das beste Beispiel dafür. Ein Wirtshausbesitzer, der zufällig mit seinem Bier reich geworden war. Ein Emporkömmling. Nichts weiter. Und so ein aufgeblasener Wicht behandelte ihn von oben herab?

»Ich weiß es zu schätzen, dass Sie diesen Besuch einrichten konnten, Herr Brungässner.« Gertraud warnte ihren Bruder mit einem Blick, nicht aus der Rolle zu fallen. Sie schenkte ihrem Gast Kaffee ein und stellte, als er sein Zigarettenetui zückte, sogleich den Aschenbecher vor ihn hin. »Gerade jetzt vor der Adventszeit ist in ihrem Wirtshaus bestimmt Hochbetrieb. Mein verstorbener Gatte hätte sich über Ihren Erfolg gefreut. Wenn ich mich recht erinnere, hat er Sie konfirmiert und später getraut, nicht wahr?«

»Ich habe nicht viel Zeit«, sagte Fritz Brungässner kurz angebunden. Er war ein massiger Mann, dessen blondes Haar schütter wurde. Tränensäcke und Doppelkinn ließen ihn älter erscheinen, als er war. Gertraud erinnerte sich noch gut daran, wie bitter sich ihr Mann über die Brungässners beklagt hatte. Eine Bande von Strolchen hatte er die drei Brüder genannt, die Nürnbergs Straßen unsicher gemacht hatten, anstatt im Konfirmationsunterricht Psalmen und Liederverse zu lernen. Er hatte den Burschen prophezeit, dass sie es zu nichts im Leben bringen würden, aber nur bei zweien von ihnen recht behalten. Fritz Brungässner jedenfalls mochte ein arroganter Pinsel sein, aber er war ein reicher arroganter Pinsel. Die alte Pinte seines versoffenen Vaters hatte er aus den roten Zahlen geholt und in ein gutgehendes Wirtshaus mit Hausbrauerei verwandelt. Außerdem hatte er mit seiner Einheirat in eine Kaufmannsfamilie eine gute Partie gemacht. Es gibt Leute, die machen selbst aus Straßendreck Geld, dachte Gertraud, während sie sich den Mund am heißen Kaffee verbrannte. Aber dieses Mal würde sie dafür sorgen, dass ihre Familie kein Nachsehen hatte. Auch für sie und Joachim sollte ein Stück vom Kuchen abfallen.

»Einen Schnaps gefällig?« Joachim hielt dem Wirt eine Flasche unter die Nase. »Ist ein besonders guter!«

»Na, wenn Sie das sagen!« Brungässner bewegte sich auf dem Kanapee, als wäre es von Läusen befallen. Während Gertrauds Bruder ihm das Glas füllte, wanderten seine Blicke durch den Raum. Nicht so unauffällig, wie er vielleicht wollte, und auch nicht völlig ohne Interesse, wie sie zufrieden feststellte.

»Ich war überrascht, als ich Ihren Brief bekam, gnädige Frau«, sagte Brungässner, nachdem er sein Schnapsglas geleert hatte. »Damit hätte ich nicht mehr gerechnet, nachdem Ihre Tochter sich mehrfach geweigert hat, mein Angebot auch nur zur Kenntnis zu nehmen.« Er runzelte die Stirn. »Sie ist nicht zu Hause, was? Daher nehme ich nicht an, dass sich an ihrer ablehnenden Haltung etwas geändert hat.«

Gertraud atmete ruhig ein und aus. Jetzt durfte sie keinen Fehler machen, Brungässner bloß nicht verprellen. Aber vormachen konnte er ihr auch nichts. Er gab sich abweisend, dabei wusste sie, wie sehr der Wirtshausbesitzer danach gierte, Evelyns Anwesen in die Finger zu bekommen. Das Haus mochte nicht im allerbesten Zustand sein, befand sich aber in einer bevorzugten Lage. Die Tuchgasse lag nur einen Steinwurf vom Hauptmarkt und damit vom geschäftlichen und kulturellen Zentrum Nürnbergs entfernt. Eine Krämerseele wie Brungässner kannte den Wert dieser Lage ganz genau, und es war kein Geheimnis, dass er seine Brauereibetriebe vergrößern und das Wirtshaus an der Frauenkirche um ein weiteres Objekt, nämlich ein Hotel, zu erweitern gedachte. Nachdem mit der neuen Reichsmark endlich eine stabilere Währung eingeführt worden war, witterten Geschäftsmänner wie Brungässner Morgenluft. Was sie aber brauchten, um ihre Pläne umzusetzen, waren neben Kapital auch Grund und Boden.

Und hier hatte Gertraud genau das anzubieten, was Brungässner haben wollte.

»Meiner Tochter wächst das hier alles über den Kopf«, erklärte Gertraud schließlich mit rauer Stimme. »Wie Sie wissen, entstammt sie einer Pfarrerfamilie und besuchte auf Wunsch meines Mannes die höhere Mädchenschule. Ich habe sie nicht dazu erzogen, ihre Tage mit dem Verhökern von Haarwaschmittel und Franzbranntwein zu vergeuden. Sie wird dem Verkauf des Hauses noch vor dem Jahreswechsel zustimmen, das verspreche ich Ihnen.«

Brungässner schien nicht recht überzeugt. »Meine liebe gnädige Frau, versprechen kann man viel. Doch in meiner Welt zählen Fakten, und diese müssen erst noch geschaffen werden.« Er setzte das Schnapsglas an die Lippen, das Joachim ihm eilig nachgefüllt hatte, stellte es nach kurzem Zögern aber wieder ab. »Ich gebe ja gern zu, dass mich das Anwesen Ihrer Tochter interessiert, weil es für meine Vorhaben ideal wäre. Aber allzu lange darauf warten kann ich nicht mehr. Ich habe schon einen Partner verloren, der eine Menge Geld investieren wollte. Wenn Sie also mit mir ins Geschäft kommen wollen, muss das bald sein.« Er überlegte einen Moment, dann nickte er energisch. »Sogar sehr bald, darauf bestehe ich. Bis spätestens Weihnachten muss Ihre Tochter den Vertrag unterschrieben haben und ausgezogen sein.«

Gertraud und Joachim tauschten einen Blick. Bis Weihnachten? Das war unmöglich. Evelyn würde niemals zustimmen, das Weihnachtsfest irgendwo anders als in dem Haus zu feiern, durch dessen Räume noch immer Gersons Geist schwebte.

Es sei denn, man ließ sich schleunigst etwas einfallen. Manche Menschen mussten eben zu ihrem Glück gezwungen werden.

Gertrauds Hand zitterte, als sie sie Brungässner zur Bekräftigung ihrer Abmachung reichte. Es fühlte sich nicht richtig an, aber blieb ihr eine Wahl? Ein Vertrag mit dem Brauereibesitzer verhieß ihnen ein Leben in Wohlstand und Sicherheit, was in diesen Zeiten nicht leichtfertig abgetan werden durfte.

»Demnach sind wir uns also einig?«, wollte Brungässner wissen. »Ich muss zurück ins Wirtshaus. Mein Personal spurt zwar, aber allzu lang alleinlassen mag ich’s auch nicht. Meine Frau erwartet schon wieder ein Kind. Das vierte.« Er grinste. »Vielleicht wird sogar ein Christkindel draus.«

Gertraud beglückwünschte den werdenden Vater und bestand darauf, die Neuigkeit mit einem weiteren Schnäpschen zu begießen. Brungässner, dessen Stimmung sich merklich gehoben hatte, leistete keinen Widerstand und stieß mit seinen künftigen Geschäftspartnern an.

»Da wäre noch eins«, sagte Gertraud mit einem Lächeln. »Für meine … Vermittlung werden Sie sich doch erkenntlich zeigen, nicht wahr? Schließlich verhelfe ich Ihnen dazu, Ihr Bauprojekt zu verwirklichen.«

Brungässner wankte nicht mehr allzu sicheren Schrittes in den kalten Flur, wo sein Mantel an der Garderobe hing. »War mir klar, dass Sie eine Provision beanspruchen, gnädige Frau.« Er zog die Nase kraus. »Also, wie viel?«

Gertraud hob abwehrend die Hand. Ihr ging es nicht um Geld, sondern um Sicherheit für sich und Joachim. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wird hier ein hübsches Hotel entstehen, und da ich nicht davon ausgehe, dass Sie dieses bei all Ihren geschäftlichen Verpflichtungen auch noch selbst führen können, brauchen Sie eine kompetente Geschäftsleitung.«

Brungässner sah sie einen Moment lang finster an. Er wirkte überrumpelt, dann jedoch brach er in dröhnendes Gelächter aus. »Das haben Sie sich ja fein ausgedacht, Gnädigste. Für die Witwe eines Pfarrers sind Sie mit allen Wassern gewaschen, wenn ich das mal so sagen darf.« Er stieß die Luft aus, dann zog er sich den Hut über die Ohren und griff nach seinem Spazierstock.

»Meinetwegen! Sie und Ihr Bruder können sich die Geschäftsleitung teilen. Vorausgesetzt, Sie enttäuschen mich nicht. Mich wollen Sie nicht zum Feind haben, denn dann könnten Sie beide es bereuen, mich um dieses Gespräch gebeten zu haben.«

An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Geht mich zwar nichts an, aber was wird dann aus Ihrer Tochter?«

Gertrauds Blick wurde hart. »Lassen Sie das meine Sorge sein!«

3.

Als Evelyn in der Kaiserstraße ankam und die Türglocke betätigte, war sie atemlos und halb erfroren. Ein Dienstmädchen öffnete ihr die Tür, teilte ihr aber mit, dass Doktor Falkner noch einen Hausbesuch zu erledigen habe und erst in einer Stunde zurückerwartet werde. Evelyn überlegte, dem Mädchen die Taschen mit der bestellten Ware in die Hand zu drücken und sich auf den Heimweg zu machen, doch ehe sie sich davonschleichen konnte, wurde sie von ihrer Freundin Sibylle entdeckt, die gerade die Halle durchquerte. Winkend kam die junge Frau auf sie zugeeilt und umarmte sie fröhlich.

Die Familie Falkner besaß ein großbürgerliches Haus mit einer Empfangshalle, in die Evelyns Wohnung in der Tuchgasse zweimal gepasst hätte. Der Boden aus glänzendem italienischem Marmor war mit geschmackvollen Perserteppichen belegt und von der Stuckdecke hing ein Kristallleuchter, der den Raum in ein warmes, funkelndes Licht tauchte. Sibylles Dienstboten hatten bereits für die nahenden Festtage dekoriert. Auf Kommoden und Beistelltischchen standen rote Weihnachtssterne, bemalte Krippenfiguren und pausbackige tönerne Engel, die in Posaunen bliesen. Vor dem Eingang zum Kaminzimmer thronte ein gigantischer Tannenbaum, dem jedoch noch der letzte Schliff fehlte. Wie Evelyn wusste, pflegte die Familie ihn erst nach dem vierten Advent mit Glaskugeln, Strohsternen und Lametta zu behängen.

»Du siehst aus, als kämst du geradewegs vom Nordpol«, seufzte Sibylle, während Evelyn sich Mühe gab, auf dem Fußboden keine Schneespuren zu hinterlassen. »Hätte die Lieferung nicht bis morgen Zeit gehabt? Kilian ist sowieso nicht da.« Sie zwinkerte Evelyn spitzbübisch zu. »Es wird ihn ganz schön fuchsen, wenn er hört, dass er dich verpasst hat. Weißt du was, du kannst dich ein wenig aufwärmen und auf ihn warten. Herta bringt dir eine Tasse Kakao. Mich musst du heute aber leider entschuldigen.« Wie zur Bestätigung ihrer Worte drang Gelächter aus dem Salon. Besuch. Und Evelyn schneite einfach so herein, noch dazu um diese Zeit. Nein, wie peinlich. Erst jetzt bemerkte sie, wie extravagant Sibylle sich zurechtgemacht hatte. Ihr schwarzes Seidenkleid war ärmellos, mit reichlich Strass besetzt und reichte nur bis zum Knie. Dazu trug sie ein modisches Stirnband aus violettem Samt mit einer Pfauenfeder sowie Perlenschnüre um den Hals. Ihre Augenlider hatte sie tiefschwarz, die Lippen rot geschminkt. An jeder anderen Frau hätte diese verwegene Aufmachung ordinär ausgesehen, nicht aber an Sibylle. Sie wirkte frech und zugleich unschuldig. Mondän und lebenserfahren. Evelyn wusste, dass ihre Freundin sich in der Rolle der koketten Dame von Welt gefiel. Damit lockte sie zahlreiche Männer an, aber diejenigen, die ihren hohen Ansprüchen nicht genügten, ließ sie am langen Arm verhungern. So war sie schon als Backfisch gewesen, als sie gemeinsam mit Evelyn die Schulbank gedrückt hatte. Das Leben war für Sibylle ein aufregendes Spiel. Aber eines, auf das man sich besser gut vorbereitete, wenn man es, wie sie, gewinnen wollte.

»Du hast sicher Besuch von einem Verehrer«, sagte Evelyn mit verschämter Miene. »Und ich dummes Huhn platze mit Seife und Mundwasser herein.«

Sibylle winkte ab. Die kleine Unterbrechung schien ihr nichts auszumachen. Ja, es schien fast so, als begrüßte sie es, für den Moment ihren Pflichten als Gastgeberin entkommen zu sein. »Rasmus amüsiert sich auch ohne mich«, sagte sie trocken. »Der Gute ist ein wenig steif, weißt du? Sehr konservativ und schrecklich alt. Über vierzig. Aber was macht das schon? Er gefällt mir mit seinem gewichsten Schnurrbart und dem gnädiges Fräulein hier, gnädiges Fräulein da. Und er stammt aus einer adeligen Familie, mit Wappen und ellenlangem Stammbaum. Stell dir nur vor: Sollten wir heiraten, werde ich Frau Sibylle von Laubenick heißen.« Sie beugte sich zu Evelyn, die mit großen Augen zuhörte und wisperte: »Seine Sippschaft soll ganz entfernt mit den Wittelsbachern verwandt sein. Jawohl, mit dem Märchenkönig, Ludwig II. Hoffentlich ist mein Rasmus nicht ebenso plemplem. Aber egal ob er spinnt oder nicht: An mein Erbe kommt er nur mit meiner und Kilians Zustimmung.«

Evelyn hob erstaunt die Augenbrauen. Bedeutete das, dass dieser Verehrer nichts als seinen Titel und eine vage Verwandtschaft mit dem bayerischen Königshaus in die Verbindung einbrachte? Nun gut, Geldsorgen würde Sibylle sicher niemals haben. Ihr verstorbener Vater war ein reicher Mann gewesen. Das Haus, in dem sie und ihr Bruder lebten, war ein Vermögen wert. Evelyn fragte sich, ob es der Wohlstand war, der den adeligen Herrn aus München anzog, doch sie brauchte den Gedanken gar nicht auszusprechen. Sibylle, die schon als Schulmädchen in Evelyns Gedanken wie in einem Buch gelesen hatte, stemmte plötzlich empört die Hände in die Hüften. »Na hör mal! Nicht, dass du glaubst, Herr von Laubenick sei nur hinter meinem Geld her, Kleines. Das ist er absolut nicht. Er ist verrückt nach mir, auch wenn er es aufgrund seiner Stellung in der Öffentlichkeit nicht so zeigen kann.«

»Also ist er heute Abend gekommen, um dir einen Antrag zu machen?«

Sibylle errötete. Plötzlich wirkte sie kleinlaut und druckste herum. »Damit lassen wir uns Zeit. Ich denke, dass er einen ganz besonderen Moment für seinen Antrag wählen wird. So wie dein Gerson, der damals auf dem Christkindlesmarkt mitten im schönsten Schneegestöber um deine Hand gebeten hat.« Sie seufzte. »Nun, besonders romantisch kommt Rasmus mir nicht vor, aber ich werde ihm schon noch die Flötentöne beibringen. Was er braucht, ist eine Frau aus einer gutsituierten Familie, die ihn bei seinen politischen Ambitionen unterstützt. Voilà, mit mir hat er sie gefunden.«

»Oh, dann ist er also Politiker?«, fragte Evelyn. »Drängt es ihn in die Reichsregierung?«

Sibylle zuckte ungeduldig mit den Schultern. »Nach Berlin? Glaube ich nicht. Rasmus sagt, der Reichstag werde nur noch von selbstverliebten Schwätzern regiert, die an den Nöten des Volkes vorbeipalavern. Er ist der Meinung, das Deutsche Reich werde nicht auf die Beine kommen, solange der schändliche Vertrag von Versailles in Kraft sei. Das Ausland blute uns aus mit seinen hohen Reparationsforderungen, und Leute wie Reichskanzler Marx und Außenminister Stresemann zögen den Schwanz ein und würden die Misere auch noch gehorsamst absegnen. Rasmus sagt, dass es eine starke Hand und einen eisernen Willen brauche, um das Unheil abzuwenden.«

Darauf erwiderte Evelyn lieber nichts. Einige Leute, die bei ihr in der Drogerie einkauften, führten ganz ähnliche Reden wie dieser Rasmus von Laubenick. Der Schock der Hyperinflation, in der ein Laib Brot Milliarden von Mark gekostet hatte, saß vielen noch tief in den Knochen, und es würde sicher lange dauern, bis er überwunden war. Wenn dies überhaupt geschehen würde. Die Scharen von Menschen, die verkrüppelt oder seelisch gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt waren und nun arbeitslos und ohne Zukunft auf der Straße bettelten, sprachen eine recht deutliche Sprache. Man vertraute den Regierenden nicht. Kommunisten und Deutschnationale lieferten sich auf der Straße und im Reichstag heftige Kämpfe, um die Hoffnungslosen auf ihre Seite zu ziehen, viele redeten von der erforderlichen starken Hand, die den Karren aus dem Dreck ziehen müsse. Und nun liefen auch in Nürnberg die Anhänger dieses merkwürdigen Österreichers durch die Straßen und krakeelten. Dieser Demagoge und einige seiner fanatischen Anhänger waren im vergangenen Jahr doch tatsächlich so dreist gewesen, mit ihrem Marsch auf die Münchener Feldherrnhalle einen Putschversuch zu unternehmen. Nun, damit war er kläglich gescheitert. Man hatte ihn in der Festung Landsberg eingesperrt. Alle Zeitungen waren voll davon gewesen, doch vermutlich plante der Kerl schon seinen nächsten Schlag. Die Republik war unschlüssig, sie gab allzu leicht nach, um bloß keinen zu provozieren. Da hatte Sibylles Freund nicht ganz unrecht. Dennoch erschauderte Evelyn bei der Vorstellung, es könnten bald wieder Unruhen und Straßenkämpfe ausbrechen wie damals, kurz nach Kriegsende. Das Ausland würde solche Zustände vermutlich nicht lange mitansehen und vielleicht wieder einmarschieren. Dann hatten sie den Salat. Nein, was das Land brauchte, waren besonnene Köpfe, die nicht das aufs Spiel setzten, was bereits gewonnen war. Ob Sibylles Verehrer mit seinem Wappen und Stammbaum ein solcher war, schien Evelyn eher zweifelhaft.

»Nun steht aber erst einmal Weihnachten vor der Tür«, lenkte sie das Gespräch auf ein anderes, weniger verfängliches Thema. »Ich bin vorhin über die Fleischbrücke gefahren und habe mir angesehen, wo der Christkindlesmarkt dieses Jahr stattfinden soll. Ich frage mich, ob wir es schaffen, dort eine ebenso zauberhafte Atmosphäre zu schaffen wie drüben auf dem Hauptmarkt.«

Sibylle holte Zigarette und Streichholz aus ihrem Handtäschchen und zündete sich ein Stäbchen an. »Aber warum denn nicht?«, entgegnete sie, während sie elegant den Rauch ausstieß. »Sind wir Nürnberger nicht groß darin, aus der Not eine Tugend zu machen? Der Stadtrat hat nun mal wegen des ganzen Inflationsspuks nicht viel Geld dafür im Topf und muss daher kleinere Brötchen backen. Aber keine Sorge, Kindchen, ich habe mir schon etwas einfallen lassen.«

»Du?«

Sibylle nickte eifrig. »Du wirst sehen, wir werden einen wunderschönen Weihnachtsmarkt bekommen, über den man noch lange reden wird. Oberbürgermeister Luppe hat wegen der Wahlen im neuen Jahr andere Dinge im Kopf. Daher waren meine Damen und ich so frei, ihm unsere Hilfe anzubieten.«

Diese Neuigkeit überraschte Evelyn. Sie hatte zwar schon gehört, dass Sibylle ihrer Mutter ins Amt der Vorsitzenden des Nürnberger Vereins für Deutsche Frauenkleidung und Frauenkultur nachgefolgt war und zudem verschiedene wohltätige Einrichtungen wie Suppenküchen und Kleiderstuben unterstützte, aber mit dem traditionsreichen Christkindlesmarkt hatte Sibylle ihres Wissens nach nie viel am Hut gehabt. Sie hasste Schnee und Eis und hielt sich in der kalten Jahreszeit deswegen nie länger im Freien auf als unbedingt nötig.

»Wir laden morgen zu einer außerordentlichen Sitzung in das ›Goldene Posthorn‹ ein«, sagte Sibylle. Nervös drückte sie ihre Zigarette im Aschenbecher aus. »Komm doch einfach vorbei, dann wirst du erfahren, was wir uns überlegt haben. Und … mach dich ein wenig hübsch, hörst du? Man weiß nie, wem man im Gasthaus über den Weg läuft.« Sie warf Evelyn einen Blick zu, unter dem die junge Frau sich wie ein hässliches Entlein fühlte. Sibylle meinte es gut mit ihr, daran zweifelte sie nicht. Dennoch vergaß ihre Freundin oft, dass sie nicht mehr zusammen die Schulbank drückten, sondern jetzt ganz unterschiedliche Leben führten. Sibylle kleidete sich nach der neuesten Mode und ondulierte ihr Haar, um ihrem Münchener Verehrer zu gefallen, während Evelyn sich abstrampelte, um mit Gersons Drogerie über die Runden zu kommen. Da blieb wenig Zeit für Wohltätigkeit und Schönheitspflege. Auf der anderen Seite gab es auch hier in Nürnberg, und insbesondere zur Weihnachtszeit, Menschen, die in einer viel schlimmeren Lage waren als sie. Nach kurzem Zögern ließ Evelyn sich überreden, das Treffen des Damenvereins zu besuchen, auch wenn dies bedeutete, einen weiteren Abend außer Haus zu verbringen.

Zufrieden hauchte Sibylle ihr einen Kuss auf die Wange, als die Tür zum Salon aufging und ihre Mutter sie mit einem Kopfschütteln mahnte, den Gast nicht mehr länger warten zu lassen. Gleichzeitig eilte das Dienstmädchen zum Haupteingang, um den Hausherrn einzulassen, der gerade eintraf.

»Na wunderbar«, flötete Sibylle erfreut. »Dann kann ich dich ja jetzt Kilian überlassen. Seinem Gesicht nach braucht der Ärmste ein wenig Aufmunterung.« Damit strich sie ihr Kleid glatt, begutachtete sich mit einem letzten flüchtigen Blick im großen venezianischen Wandspiegel und verschwand dann eiligen Schrittes im Rauchersalon.

Evelyn fühlte sich stets ein wenig befangen, wenn sie Dr. Kilian Falkner alleine gegenüberstand. Nicht dass sie ihn nicht mochte, schließlich gehörte er ebenso wie Sibylle zu ihren und Gersons ältesten Freunden. Doch im Verlauf des Jahres hatte sich ihre Beziehung verändert, und Evelyn war sich immer noch nicht im Klaren darüber, ob sie damit zurechtkam. Anfangs hatten sie sich nur zu dritt getroffen, so wie Sandkastenfreunde, die einander ihr Herz ausschütten, gemeinsam in Erinnerungen schwelgen, bei einem Glas fränkischem Wein oder einer Tasse Kaffee lachen und weinen konnten. Evelyn hatte diese Begegnungen stets genossen, weil sie gern mit Menschen zusammen war, die Gerson gekannt und geschätzt hatten. Wie sie und Sibylle waren auch die beiden Männer einst Schulfreunde gewesen, wenngleich in verschiedenen Klassenstufen. Kilian hatte sogar zugegeben, dass Gerson der begabtere von beiden gewesen war, und angedeutet, dass aus ihm gewiss ein guter Arzt geworden wäre. Leider hatte der plötzliche Tod von Gersons Vater dessen Traum vom Medizinstudium zunichtegemacht. Um seiner kranken Mutter beizustehen, war Gerson Drogist geworden und hatte das Geschäft des Vaters übernommen. Und dann war 1914 der Krieg ausgebrochen und Gerson eingezogen und an die Front geschickt worden. Im Gegensatz zu Gerson hatte Kilian den Krieg als Regimentsarzt und Offizier in einem Lazarett in Frankreich überlebt.

»Nett, dass du auf mich gewartet hast«, sagte Kilian mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme, während er sich von dem Dienstmädchen aus dem Mantel helfen ließ. Der Arzt war ein großer, athletisch gebauter Mann mit hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn. Er trug ein gepflegtes Oberlippenbärtchen und lange Koteletten, die ihn, wie Sibylle oft scherzhaft meinte, vor seinen Patienten etwas älter wirken lassen sollten. Sein Haar war pomadisiert und streng über der Stirn zurückgekämmt. Kilian Falkner war keineswegs eitel, fand aber, dass es zu seinem Pflichten als Mediziner gehörte, auf ein gepflegtes Erscheinungsbild zu achten. Auch sein Anzug musste daher stets nach der neuesten Mode sein, und seine Schuhe waren immer blitzblank gewienert. Im Gegensatz zu seiner Schwester trank er nur selten Wein und rührte keine Zigaretten an, weil er Tabakkonsum für zu ungesund hielt.

»Warum hat man dich nicht in den Salon gebeten?« Kilian ergriff Evelyns Hand und neigte galant den Kopf, vermied es aber, ihre Finger mit seinen Lippen zu berühren. Dafür war sie ihm dankbar, dennoch spürte sie, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Warum fühlte sie sich in seiner Gegenwart neuerdings nur so beklommen? Er war freundlich und fürsorglich. Er war der Bruder ihrer besten Freundin und gab Evelyn das Gefühl, fast zur Familie zu gehören.

»Wohin ist Sibylle so plötzlich verschwunden?« Irritiert blickte Kilian zur Wohnzimmertür, durch die das glockenhelle Gelächter seiner Schwester drang. »Was ist das schon wieder für ein Benehmen? Warum bittet sie dich nicht in den Salon?« Er machte Anstalten, die Tür zu öffnen, aber Evelyn hielt ihn zurück, indem sie ihm eine Hand auf den Oberarm legte.

»Oh, bitte nicht, Kilian! Sie hat Besuch von ihrem Verehrer, diesem Rasmus.« Evelyn lächelte. »Glaub mir, da ist die Gegenwart der besten Freundin eher hinderlich.«

Kilian zuckte mit den Achseln, ließ Evelyns Einwand aber gelten. Er schnappte sich ihre vollen Tragetaschen und bat sie, ihm in seine Praxisräume zu folgen. Die befanden sich ebenfalls im Haus und waren über eine Treppe sowie einen schmalen Gang zu erreichen. Im Sprechzimmer breitete er die Waren vorsichtig auf einem Behandlungstisch aus. Es war kalt und roch nach Desinfektionsmitteln.

»Ich bin dir sehr dankbar, dass du persönlich gekommen bist«, sagte er, als er schließlich den Blick hob. »Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich so spät noch aus dem Haus gescheucht habe. Und dies nur wegen Seife, Creme und ein paar Flaschen Brennspiritus.«

»Nicht weiter tragisch«, sagte Evelyn. »Das gehört zu meiner Arbeit. Außerdem brauchte ich heute noch dringend frische Luft. Ich hätte den Abend nur ungern in Gesellschaft meines Onkels verbracht.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Kannst du ihn dir nicht mal ansehen? Er behauptet, aufgrund einer Kriegsverletzung keiner geregelten Arbeit nachgehen zu können. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er schwindelt und gar nicht so angeschlagen ist, wie er zu sein vorgibt. Joachim hat einfach keine Lust mehr, anderen Leuten die Haare zu schneiden, das ist alles!«

»Ich fürchte, ohne seine Einwilligung ist da nichts zu machen.« Kilian räumte die Flaschen in einen Glasschrank, den er anschließend sorgfältig verschloss. »Du könntest ihm natürlich drohen, ihn vor die Tür zu setzen, wenn er der ärztlichen Untersuchung nicht zustimmt, aber …«

»Damit kann ich Mutter nicht kommen«, seufzte Evelyn. »Manchmal denke ich, Joachim ist ihr wichtiger als ihre eigene Tochter. Mutter nimmt mir übel, dass sie bei mir wohnen muss, weil sie ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt hat. Das verletzt ihren Stolz. Die Dummheiten ihres Bruders beachtet sie gar nicht. Dabei wird es immer schlimmer mit ihm. Heute hat er …« Sie hielt inne, um einen tiefen Atemzug zu machen.

»Ja?«

»Er hat Sibylles Radiogerät kaputtgemacht«, beichtete Evelyn. Eigentlich hatte sie vorgehabt, es ihrer Freundin zu gestehen, doch Sibylle war vorhin so guter Laune gewesen, dass sie sich nicht getraut hatte, damit herauszurücken. »Deine Schwester war so freundlich, mir den Apparat zu leihen, damit ich mich ein wenig von meiner scheußlichen Erkältung ablenken konnte, aber Joachim wollte den Empfang verbessern, und nun gibt das Ding keinen Mucks mehr von sich.«

Kilian grinste. »Was meinst du, warum Sibylle das Radiogerät loswerden wollte und seitdem nicht mehr danach gefragt hat? Dieses blecherne Gedudel ging ihr gehörig auf die Nerven. Sie hat es nie geschafft, den Empfang sauber zu regulieren. Außerdem hat ihr Schwarm mit dem gewichsten Schnurrbart angedeutet, dass er Radiogeräte verabscheut. Vermutlich hat sie es aus dem Haus geschafft, damit er sich bei seinen Besuchen nicht darüber ärgert.«

Evelyn wusste nicht, ob sie bestürzt oder erleichtert sein sollte. Sie entschied sich für Letzteres und stimmte schließlich gelöst in Kilians Lachen ein. »Trotzdem möchte ich für die Reparatur aufkommen. Es wird doch irgendjemanden in Nürnberg geben, der weiß, wie man so einen Kasten wieder zum Laufen bringt.«

Kilian beruhigte sie, mehr noch: Er bestand darauf, sich persönlich darum zu kümmern. Dabei sah er Evelyn direkt in die Augen. Einen Moment lang stand er einfach nur so da, dann räusperte er sich und sagte: »Ich muss gestehen, dass meine Bestellung nur ein Vorwand war.«

»Das ist mir nicht entgangen!« Evelyn deutete auf die wandhohen, bis unter die Decke gefüllten Regale. Einen Notstand an Reinigungsmitteln gab es in der Praxis nicht. Tatsächlich fragte sie sich, was Kilian wohl mit der ganzen Seife anstellte, die er in den letzten Wochen bei ihr bestellt hatte. Zunächst hatte sie angenommen, er wolle ihr nur ein wenig unter die Arme greifen. Schließlich war es kein Geheimnis, dass ihr Geschäft nur schleppend ging. Die Leute hatten kein Geld mehr für Parfüm und Pflegeprodukte, und die wenigen, die noch regelmäßig in den Laden kamen, ließen anschreiben. Doch inzwischen war ihr ein Licht aufgegangen. Kilian ging es nicht um die Drogerie. Es ging ihm um sie.

»Du weißt doch, was ich für dich empfinde, Evelyn!« Ein Zittern jagte durch ihren Körper. Ja, das wusste sie. Und sie fühlte sich auch durchaus geschmeichelt. Kilian war ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen konnte: liebenswürdig, korrekt und zuverlässig. Wenn sie es zuließ, würde er sie auf Händen tragen und ihr das Gefühl von Geborgenheit geben, das sie vermisste, seit sie die Nachricht von Gersons Tod erhalten hatte.

Aber genügte dieses Gefühl, um wieder glücklich zu werden? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

»Es ist sechs Jahre her«, brachte Kilian sich wieder in Erinnerung. »Natürlich vermisst du ihn noch, aber er würde doch nicht wollen, dass du nur in der Vergangenheit lebst, oder?«

Evelyn nickte flüchtig, was konnte sie auch anderes tun? Was Kilian sagte, klang so vernünftig wie eine Bankauskunft. Aber vielleicht war die Zeit gekommen, um Abschied zu nehmen und sich auf etwas ganz Neues einzulassen. Etwas Aufregendes, das ihr Herz wieder zum Klopfen brachte. Womöglich hatte sie deshalb vorhin an der Brücke vom Christkindlesmarkt geträumt. Und von Gerson, der ihr, wo immer er auch sein mochte, auf seine Weise zu verstehen geben wollte, dass er sich keinen besseren Mann für sie wünschte als seinen alten Schulfreund Kilian.

»Keine Ahnung, ob dieser Rasmus meiner Schwester einen Antrag macht«, flüsterte Kilian. »Aber wäre es nicht wunderbar, wenn wir beide das alte Jahr mit einer Verlobung verabschieden würden?«

Evelyn schnappte nach Luft. Eine Verlobung? So bald schon?

»Ich … überlege es mir«, murmelte sie. Bevor Kilian noch etwas sagen konnte, packte sie sich ihre leeren Tragetaschen und floh aus der Praxis.

4.

In dieser Nacht bekam Evelyn kaum ein Auge zu. Seit ihre Mutter sie überredet hatte, das große Schlafzimmer im ersten Stock an den angeblich kriegsversehrten Joachim abzutreten, schlief sie in einer engen Kammer, in der es bei den derzeit herrschenden Temperaturen nachts so bitterkalt war, dass sich an den Fensterscheiben Eisblumen bildeten. Unruhig wälzte Evelyn sich im Bett hin und her und dachte über Kilians Antrag nach, bis die Müdigkeit sie endlich in einen bleiernen Schlaf trieb. Doch selbst in diesem war ihr keine Ruhe vergönnt. Der Traum, der sie in den frühen Morgenstunden heimsuchte, stellte sie wieder auf die Fleischbrücke, doch dieses Mal befanden sich dort keine mit Stechginster und Tannengrün geschmückten Holzbuden, sondern ein Lazarett. Evelyn trug die Tracht einer Krankenschwester und bewegte sich von Pritsche zu Pritsche, um Verwundete zu versorgen. Der Raum füllte sich mit immer mehr Männern, es waren so viele, dass sie schließlich die Übersicht verlor und nur noch hinauswollte. Plötzlich zerrten von überallher Hände an ihrem Kleid, Fingernägel gruben sich tief in ihre Haut. Es war schrecklich. Sie versuchte die Männer zu trösten, die mit schmerzverzerrten Gesichtern nach ihr griffen, doch das Gebrüll wurde immer lauter, bis es ihr in den Ohren gellte. Zuletzt wurde sie von den Verwundeten regelrecht umzingelt. Sie stolperte, versuchte verzweifelt, einen Fluchtweg zu finden, bis ein gewaltiges Erdbeben die Brücke erzittern ließ. Rumpelnd brachen die Pflastersteine unter ihren Füßen zusammen, sodass Evelyn sich schwankend wie auf Eisschollen vorwärtsbewegte. Noch bevor sie die Zelte und Pritschen an der anderen Seite der Pegnitz erreichte, wurde sie mitsamt den Verwundeten in die schwarzen Fluten des Flusses gerissen und davongespült.

Als Evelyn sich im Morgengrauen aus dem Bett quälte, fragte sie sich, ob der Traum etwas mit Kilian zu tun hatte. Der Arzt hatte nie viel von seinen Erlebnissen im Krieg erzählt, aber Evelyn wusste, dass er in einem Lazarett in Frankreich gewesen war. Dort hatte er bestimmt so viel Leid mitansehen müssen, dass es für ein Leben reichte. Evelyn hatte mit dem Gedanken gespielt, sich zur Lazarettschwester ausbilden zu lassen, war damit aber bei Gerson auf Ablehnung gestoßen. Sie solle sich um die Drogerie kümmern und dazu beitragen, dass die Versorgung der Zivilbevölkerung aufrechterhalten blieb.

Müde schleppte sich Evelyn durch den trüben Tag. Obwohl sie für gewöhnlich nichts gegen einen Plausch im Laden hatte, fiel es ihr heute schwer, sich auf die Wünsche ihrer Kundschaft zu konzentrieren. Mehr als einmal musste das Lehrmädchen einspringen, weil Evelyn die Babynahrung ins Regal für Schuhputzmittel einsortierte oder ein gewünschtes Produkt nicht fand. Als es endlich Zeit war, die Ladentür abzuschließen, atmete sie erleichtert auf. Oben in der Wohnung duftete es verführerisch nach frischen Weihnachtsplätzchen. Stolz zog Evelyns Mutter gerade ein weiteres Blech aus dem alten Kohleofen. Als Evelyn noch ein Kind gewesen war, hatte sie es geliebt, zusammen mit ihrer Mutter zum ersten Advent leckere Zimtsterne zu backen und dabei vergnügt das Lied von der Weihnachtsbäckerei vor sich hin zu summen. Sie hatte sich fest vorgenommen, diese alte Tradition wiederaufleben zu lassen und sich am Wochenende ans Backen zu machen. Nun war ihre Mutter ihr zuvorgekommen und rieb ihr damit wieder einmal unter die Nase, wer im Hause Sandmeyer das Kommando übernommen hatte.

»Nun koste doch mal!« Gertraud reichte ihr einen Teller mit Plätzchen. »Joachim hat sich nicht so geziert. Wie ein ausgehungerter Löwe ist er über meine Vanillekipferl hergefallen, kaum dass ich das erste Blech aus dem Ofen gezogen habe.«

»Sie sind perfekt, wie immer«, lobte Evelyn kauend. »Aber eigentlich wollte ich doch …«

»Ach was. Dafür hast du doch gar keine Zeit!« Gertraud wischte sich die mit Mehl bestäubten Hände an der Küchenschürze ab. »Und für die Familie hast du auch keine Zeit mehr. Wie ich dir gestern schon gesagt habe: Der Laden überfordert dich. Schau dich doch einmal im Spiegel an. Du bist bleich wie ein Käse, und die dunklen Ränder unter den Augen gefallen mir auch nicht. Du setzt deine Gesundheit aufs Spiel, dabei könntest du es weiß Gott einfacher haben.«

Evelyn hatte keine Lust, die Diskussion von gestern wieder aufzuwärmen, und wandte sich ab. Doch so leicht entkam sie ihrer Mutter nicht. Gertraud verfolgte sie bis in ihr Schlafzimmer, wo sie mit lauerndem Blick beobachtete, wie Evelyn ihren Schrank durchsuchte.

»Du bist noch recht spät bei Kilian gewesen, nicht wahr? Der wollte dich wohl gar nicht gehen lassen.«

»Neugierig bist du ja überhaupt nicht!« Evelyn hielt sich ein dunkelblaues Kleid mit einem aufgesetzten weißen Kragen vor und betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte es lange nicht getragen und fürchtete, die Nähte könnten platzen, wenn sie sich hineinzwängte. Aber etwas Besseres fand sie nicht.

»Ich bin nicht neugierig, sondern um dein Wohlergehen besorgt, Kind. Dieser junge Arzt zeigt offenkundig Interesse an dir. Vielleicht will er dich sogar heiraten. Stell dir doch mal vor, was das für dich bedeuten würde. Du könntest in die Kaiserstraße ziehen, in dieses schöne große Haus mit Garten und Bediensteten. Hat die Familie nicht sogar ein eigenes Automobil?«

»Ja, aber was würde aus dir und Onkel Joachim?«, fragte Evelyn spitz. »Eben hast du mir noch vorgeworfen, dass ich mich nicht genug um euch kümmere.«

Gertraud schüttelte den Kopf. »Das ist etwas anderes. Wenn man verheiratet ist, kümmert man sich um seinen Mann und gründet eine eigene Familie. Wegen mir und deinem Onkel brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir kommen schon zurecht. Joachim steckt voller guter Ideen.«

Das wäre mir neu, dachte Evelyn, verbat sich aber, den Gedanken auszusprechen. Im Grunde war es ja lieb von ihrer Mutter, dass sie sich so um Evelyns Zukunft sorgte. Einen Augenblick lang erwog sie, Gertraud von dem Gespräch in Kilians Praxis zu erzählen und sie um ihren Rat zu bitten. Doch dann würde ihr Gertraud bis Weihnachten damit in den Ohren liegen. Zugegeben, die Vorstellung, künftig nicht mehr jeden Pfennig umdrehen zu müssen, sondern ein Leben wie Sibylle zu führen, war verlockend. Kilian würde sie mit Schmuck und teuren Kleidern überhäufen. Er würde mit ihr an all die Orte reisen, von denen sie und Gerson auf ihren Spaziergängen einst geträumt hatten: Paris, Venedig, Rom … Und vor allem anderen hätte sie einen verlässlichen Menschen an ihrer Seite, was in schwierigen Zeiten kostbarer war als ein gut gefülltes Bankkonto.

»Er hat dich für heute Abend eingeladen, nicht wahr?«, rief Gertraud entzückt, als Evelyn in das blaue Kleid schlüpfte und den Ledergürtel straffer zog. »Na, wohin führt er dich aus? In den ›Gulden Stern‹? Dort soll man vorzüglich speisen. Wann kommt er, um dich abzuholen? Großer Gott, warum sagst du denn nichts? Ich komme doch geradewegs aus der Küche und kann dem Herrn Doktor in dieser Aufmachung unmöglich die Tür öffnen!«

Evelyn verdrehte die Augen. »Beruhige dich, Mutter, ich gehe nicht mit Kilian aus. Jedenfalls nicht heute. Sibylle hat mich zu einem Treffen ihres Damenvereins eingeladen. Sie findet, ich bräuchte eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung.« Sie lachte. »Als ob jemand wie ich so etwas wie Freizeit hätte.«

Obwohl es Evelyn eigentlich widerstrebte, nach dem langen Arbeitstag und in dieser Kälte auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, drückte sie mit dem achten Glockenschlag die Tür der Weinstube »Zum goldenen Posthorn« auf. Im Nebenraum der Schankstube saßen acht Frauen um einen Tisch herum und plauderten leise. Sie waren ausnahmslos teuer gekleidet, sodass sich Evelyn in ihrem abgetragenen Mantel schäbig vorkam. Von Sibylle war weit und breit keine Spur. Das sah ihr mal wieder ähnlich. Mit der Pünktlichkeit hatte sie es schon zu Schulzeiten nicht so gehabt. Sprunghaft, wie sie war, hatte sie es sich vielleicht aber auch im letzten Moment anders überlegt und war ins Lichtspielhaus gegangen. Oder zum Tanzen mit ihrem Rasmus. Evelyn sah sich um. Der Raum verfügte über einen eigenen Ofen, von dem eine wohlige Wärme ausging. Die Wände waren holzgetäfelt und mit gerahmten Stichen geschmückt, auf denen Gebäude wie die Nürnberger Burg, die Frauenkirche und das Albrecht-Dürer-Haus abgebildet waren. Als Evelyn bemerkte, dass sie von den Frauen neugierig gemustert wurde, machte sie mit einem verkrampften Lächeln einen Schritt auf den Tisch zu. »Verzeihen Sie die Störung. Fräulein Falkner hat mich zu diesem Treffen gebeten. Ich bin ihre Freundin, Frau Sandmeyer.«

Einen Moment lang herrschte abwartendes Schweigen. Doch dann deutete eine der Frauen auf den frei gebliebenen Stuhl zu ihrer Linken. Sie war etwa zehn Jahre älter als Evelyn, hatte ein blasses Gesicht mit freundlichen Augen und war bescheidener gekleidet als ihre Mitstreiterinnen. »Ihnen gehört die alte Drogerie in der Tuchgasse, nicht wahr?«, flüsterte sie Evelyn zu. »Fräulein Falkner hat schon viel von Ihnen erzählt. Es ist mutig, in diesen Zeiten als Frau allein ein Geschäft zu führen. Uns gehört auch eins, aber alles, was den Betrieb angeht, behält mein Mann hübsch für sich. Er sagt, das sei Männersache.«

Evelyn errötete. Nach all den Jahren fand sie es immer noch eigenartig, wenn jemand sie auf ihre Position in der Drogerie ansprach, denn obwohl ihr als Gersons Witwe der Laden gehörte, fiel es ihr schwer, sich als dessen Inhaberin zu betrachten. Bevor ihr eine Entgegnung einfiel, rauschte Sibylle auf ihren hohen Absätzen durch den Vorhang, der den Nebenraum vom eigentlichen Weinlokal abtrennte.

Sie lächelte den Versammelten liebenswürdig zu, als wäre es das Normalste der Welt, auf sich warten zu lassen. Evelyn wurde mit einer parfümgeschwängerten Umarmung begrüßt. »Du hast also Wort gehalten, meine Liebe«, flötete sie. »So ist es brav!« Dann zog sie sich einen Stuhl heran und ließ sich mit gespielter Erschöpfung darauf nieder. »Verzeihen Sie die Verspätung, meine Damen. Wenn Sie wüssten, wie anstrengend mein Nachmittag war.« Das glaubte Evelyn ihr aufs Wort. Sibylle musste viele Stunden vor dem Toilettentisch und im Umkleidezimmer zugebracht haben, ähnelte ihre Aufmachung an diesem Abend doch eher einer Kostümierung. Jedenfalls wirkte sie in dem schwarz-weißen Paillettenkleid, den ärmellangen Handschuhen und der mehrreihigen Perlenkette, die ihr bis zum Bauchnabel reichte, als wäre sie einem dieser verruchten Künstlerkeller in Berlin entsprungen. Die Frau, die Evelyn eingeladen hatte, neben ihr Platz zu nehmen, blinzelte amüsiert. Offenbar war sie daran gewöhnt, dass die Vereinsvorsitzende keine Gelegenheit ausließ, die hausbackenen Mitglieder mit einem derart extravaganten Auftritt zu schockieren.

»Du hast dich schon mit Frau Bing bekanntgemacht?« Sibylle fächelte sich mit einer Serviette Luft zu. »Genau wie du ist auch sie heute zum ersten Mal meiner Einladung gefolgt.«

Evelyn warf ihrer Sitznachbarin einen überraschten Blick zu. Bing? Den Namen kannte sie. Er gehörte zu Nürnberg wie die Lebkuchen auf dem Christkindlesmarkt. Die Bings waren Spielwarenfabrikanten, die größten Arbeitgeber weit und breit. Und doch machte die Frau einen bescheideneren Eindruck als alle anderen im Raum, Sibylle eingeschlossen. Mit Evelyn hatte sie sich unterhalten, als wäre sie nicht mit dem Besitzer der Bing-Werke, sondern mit einem Alteisenhändler verheiratet.

»Schön, dann können wir ja mit der Sitzung beginnen«, sagte Sibylle. Sie kramte Papier und Federhalter aus ihrer Handtasche und schob beides Evelyn zu. »Du hattest immer die schönere Handschrift von uns beiden. Also kannst du das Protokoll unserer Sitzung übernehmen. Mach dich zum Einstand nützlich!« Damit stand sie auf und klopfte auf den Tisch, um das Gemurmel der Damen zu unterbinden. Augenblicklich richteten sich alle Blicke auf sie.

»Meine Damen, lassen Sie mich zu unserem ersten und einzigen Punkt auf der Tagesordnung kommen.« Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr: »Wie Sie der Einladung entnommen haben, wurde unserem Verein die Aufgabe übertragen, unseren Nürnberger Christkindlesmarkt heuer zu einer Attraktion zu machen. In den Jahren nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs hat er leider immer mehr an Bedeutung verloren. Die Ortsansässigen nehmen ihn kaum noch wahr, und Fremde kommen erst gar nicht mehr in die Stadt, um ihn zu besuchen. Dafür gibt es sowohl wirtschaftliche als auch politische Gründe. Das muss aber nicht so bleiben.«

»Der Bürgermeister hat immer wieder gesagt, dass kein Geld für den Markt da ist«, warf eine korpulente Mittfünfzigerin ein. »Und die Handwerker und Händler trauen sich nicht, Verkaufsstände aufzubauen, weil sie befürchten, dass sie auf ihren Kosten sitzen bleiben. Deshalb darf der Christkindlesmarkt ja auch nicht wie früher auf den Hauptmarkt. Weil ein paar einsame Marktstände ein zu klägliches Bild abgeben würden.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mit so was lässt sich auswärts kein Stich machen. Bratwürste und gebrannte Mandeln kriegen die Leute schließlich überall im Fränkischen.«

»Ganz recht, Teuerste«, pflichtete Sibylle mit einem Stirnrunzeln bei. »Deshalb müssen wir unseren Besuchern etwas bieten, das sie eben nicht überall, sondern nur hier in Nürnberg bekommen. Ein besonderes Produkt, das Kinderaugen glänzen lässt und über die Stadtgrenzen hinweg zum Symbol für Nürnberg, den Christkindlesmarkt und eine hoffnungsvollere Zukunft wird.« Sie stützte beide Arme auf den Tisch. Mit anderen Worten: Was der Christkindlesmarkt braucht, ist ein Wunder.«

»Ein hübsches Spielzeug vielleicht?«, kam von der Frau, die Evelyn gegenübersaß. Sie nickte der Gattin des Fabrikanten zu. »Ich vermute, aus diesem Grund beehrt uns Frau Bing heute Abend.«

»Wie scharfsinnig von Ihnen!« Sibylle verschwand kurz durch den Vorhang, kehrte aber umgehend mit einem weißhaarigen Mann zurück, der die Versammelten höflich begrüßte. Der Alte hatte ein rundes Gesicht mit einer ziemlichen Boxernase und war kräftig gebaut, als stiege er trotz seines Alters noch regelmäßig in den Ring. Zur Überraschung aller erhob sich Frau Bing sogleich, schritt mit weit ausgebreiteten Armen auf den Alten zu und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Erwin, wie lange ist es her, seit wir uns zuletzt gesehen haben?« Sie drehte sich zu den Mitgliedern des Frauenvereins um und erklärte: »Herr Matthäus ist einer der besten Spielzeugmacher Nürnbergs und war lange für die Firma Bing tätig.«

Der alte Mann errötete vor Verlegenheit. Er schien Damengesellschaft nicht gewöhnt zu sein, und die Runde, in die Sibylle ihn gezerrt hatte, war ihm ebenso wenig geheuer wie das überschwängliche Kompliment. »Nicht doch, gnädige Frau«, nuschelte er. »Ich bin nur ein einfacher Handwerker.«

»Aber ein sehr kreativer, der viel zu früh in den, zugegeben, verdienten Ruhestand getreten ist«, erklärte Frau Bing mit einem warmherzigen Lächeln. »Fräulein Falkner erklärte gerade, dass wir ein Wunder brauchen, um den Christkindlesmarkt wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen und zu einer Berühmtheit zu machen. Ich glaube, wenn uns einer dieses Wunder bescheren kann, dann sind Sie es.«