Das Zeichen der Erzkönigin - Serena J. Harper - E-Book
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Das Zeichen der Erzkönigin E-Book

Serena J. Harper

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Beschreibung

DIE HIMMELSLICHTER TANZEN ZU EINEM LIED, DAS NIEMAND HÖRT. Viele tausend Jahre ist es her, seit die letzte Erzkönigin in Norfaega herrschte. Nach einem vernichtenden Krieg ist der Kontinent in einzelne Höfe zerbrochen. Mit beispielloser Grausamkeit strebt die sadistische Königin Lamia nach der Alleinherrschaft. Ihre gefährlichste Waffe: Rodric Blackthorne, der Blutritter. Er trägt die schwarze Rún auf seinem Arm, ein Zeichen, das ihn zum mächtigsten Mann seiner Zeit macht. Als Angehörige eines der letzten freien Höfe muss die kleine Lyraine mit ansehen, wie ihr Zuhause zerstört und ihre Familie brutal ermordet wird. Der Seher Varcas nimmt sich ihrer an und versteckt sie, doch Lamias Häscher und Varcas' eigene dunkle Vergangenheit sind ihnen stets auf den Fersen. Als Lyraines wahre Natur zum Vorschein kommt, muss Rodric eine Entscheidung treffen, wem seine Loyalität tatsächlich gilt: seiner düsteren Bestimmung – oder dem Ruf einer Königin? "Voller unerwarteter Wendungen und Wunder. Eine neue, aufregende Stimme in der Fantasy – was für ein Debüt!" Mara Volkers

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Seitenzahl: 1048

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Serena J. Harper

DasZeichender Erzkönigin

Roman

Bookspot DrachenSternVerlag

Impressum

 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

 

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von der Autorin nicht beabsichtigt.

 

Copyright © 2020 beiDrachenstern Verlag, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH, Planegg

1. Auflage

 

Lektorat: Andreas März

Korrektorat: Sylvia Kling

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Covergestaltung: Nele Schütz Design, München

E-Book: Mirjam Hecht

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Made in Germany

ISBN 987-3-95669-151-5

www.bookspot.de

Widmung

Für das Mädchen mit den Büchern von der Frau, die sie schreibt.

Inhalt

Impressum

Widmung

Inhalt

Die Hierarchie der Rúnir, von der schwächsten zur stärksten Rún

Das Lied der Erzkönigin

Buch 1

Prolog

Varcas 1

Tyran 2

Rodric 3

Varcas 4

Lyraine 5

Varcas 6

Rodric 7

Tyran 8

Varcas 9

Lyraine 10

Rodric 11

Tyran 12

Varcas 13

Tyran 14

Varcas 15

Rodric 16

Lyraine 17

Tyran 18

Varcas 19

Tyran 20

Buch 2

Lyraine 21

Rodric 22

Lyraine 23

Tyran 24

Lyraine 25

Tyran 26

Rodric 27

Varcas 27

Lyraine 28

Rodric 30

Varcas 31

Lyraine 32

Tyran 33

Varcas 34

Tyran 35

Der Blutritter 36

Varcas 36

Der Blutritter 37

Lyraine 38

Tyran 38

Varcas 39

Lyraine 40

Varcas 41

Buch 3

Der Blutritter 42

Lyraine 43

Varcas 44

Lyraine 45

Der Blutritter 46

Lyraine 47

Varcas 48

Rodric 49

Lyraine 50

Varcas 51

Rodric 52

Lyraine 53

Rodric 54

Lyraine 55

Rodric 56

Varcas 57

Danksagung

Die Autorin

Die Hierarchie der Rúnir, von der schwächsten zur stärksten Rún

1. Weiß

 

2. Flieder

3. Rosé

4. Himmelblau

 

5. Violett

6. Grün

7. Kobaltblau

 

8. Rot

9. Grau

10. Silber

 

11. Schwarz

Das Lied der Erzkönigin

Die schwärzeste Stunde umfing winterkalt

Val Thalas mit verdorbner Hand,

da rief die hohe Königin alsbald

ihre Herolde heim aus dem ganzen Land.

 

Es kamen alle in großer Hast,

die Krieger gebunden durch der Treue Eid

zu lindern der Königin schwere Last

und zu bekämpfen ihr drohendes Leid.

 

Es kam Taliesin von Eragant,

sternenblind und weise,

der Sehermeister altbekannt,

der Druide aus höchstem Kreise.

 

Neben ihm stand des Sturmes Blut,

Fafnar Schwarzflügel, des Nordens Herr,

der einst bezwang der Drachen Brut,

stets bereit mit Schwert und Speer.

 

Seit dreitausend Jahren wachte Feyngan schon,

Ehrenhaft und gut,

Über Tytanias kristall’nem Thron

Als Truchsess mit großem Mut.

 

Und Auberon, unvergleichlich an Macht,

kühn und edel, unbezwungen im ganzen Land,

Auf ewig der ihre, die Klinge der Nacht,

gebunden von Treue und der Liebe Band.

 

Viele Stunden waren längst vergangen,

die sie warteten voller Unruh und Qual,

bis die Königin erschien nach langem Bangen,

ihnen zu verkünden ihre letzte Wahl.

 

Sie trat ein, so bleich wie Schnee,

Tytania, der schwarze Stern,

kummervoll, doch schön wie eh,

so stand sie vor den hohen Herrn.

 

Sie sprach zu ihnen von der letzten Stunde,

den nahenden Thursen und der wilden Jagd,

von ihrer Bedrängnis und der schlimmen Kunde,

von dem Übel, welches das Land nun ewig plagt.

 

Mit den Insignien ihrer Macht,

und mit ihren Herolden vereint,

so machten sie sich auf zur letzten Schlacht,

bezwangen gemeinsam den uralten Feind.

 

Und mit Tränen auf den weißen Wangen

nahm sie ihr Zepter, die Krone und das Schwert

Und tat das, wovon all unsere Lieder sangen,

und gab hin, was ein jeder heute noch begehrt.

 

Das Zepter gab sie Taliesin, dem Weisen,

es zu verbergen vor der Thursen Blick,

und, wie wir wissen, kehrte er von seinen Reisen

nimmermehr zurück.

 

Der geflügelte Krieger erhielt darauf

Tytanias Schwert, um es zu schützen,

denn nur so konnte der Juwelenknauf

den Thursen niemals nützen.

 

Und ihre Krone aus zartem Elfenbein,

die legte sie in Feyngans Hand,

wohin mag er wohl gegangen sein,

nachdem er mit ihr spurenlos verschwand?

 

Ein letztes Mal trank Auberon aus dem mächtigen Pokal,

der ihn einst an ihre Seite schwor,

bevor sie auch ihm zu gehen befahl

und er sie ewiglich verlor.

Buch 1

Prolog

Shayla

Amber Hall

Lyraine

Lyraine war sich nicht sicher, ob es der irritierende Fackelschein gewesen war, der durch die Vorhänge hindurch zu ihr hineindrang, oder doch das Getrappel von Füßen – vielen Füßen –, das sie weckte. Einen Moment lang verharrte sie still, auf die unbekannten Geräusche lauschend.

Für gewöhnlich schluckte der mit Teppichen verkleidete Gang vor ihrem Schlafzimmer fast jedes Geräusch.

Wie spät war es?

Lyraine setzte sich auf, die Decke wegschiebend, die ihr Vater erst vor wenigen Stunden festgesteckt hatte, und schwang ihre Füße aus dem Bett. Mittlerweile hatten sich gedämpfte Stimmen zu den Schritten gesellt. Was sie sagten, war unmöglich zu erahnen – doch es klang nach gehetzt gerufenen Befehlen. Einen Moment lang zögerte sie noch, dann griff sie nach ihrem goldenen Stoffdrachen, setzte die Füße auf den Boden und schlich auf Zehenspitzen zur Tür.

Die Vorsicht war angemessen: Sowohl ihr Papa als auch die Krieger, welche die Privatgemächer von Lyraines Eltern und die ihren beschützten, hatten Ohren schärfer als die der Wölfe, die sich manchmal aus den Wäldern her verirrten.

Lyraine erreichte die Tür, öffnete sie behutsam einen Spalt breit und sah … gar nichts. Ein wenig ernüchtert blieb Lyraine im Türrahmen stehen. Anscheinend waren die Krieger nur vorbeigelaufen, aus welchem Grund auch immer, und waren nun im Erdgeschoss des Anwesens. Lyraine öffnete die Tür weiter, um das Licht der Kerzenhalter, das den Gang erhellte, in ihr Zimmer fallen und damit die kleine Uhr aus ziseliertem Silber auf ihrer Kommode beleuchten zu lassen. Es war schon die dritte Stunde der Nacht – und trotzdem waren alle auf den Beinen? Vielleicht sollte sie ins Bett zurückkehren, nicht wieder nachts herumstreifen und erneuten Ärger mit Gorwyn riskieren. Der Truchsess war ein freundlicher Mann mit einer unerschöpflichen Geduld, aber von mitternächtlichen Spaziergängen, die mit gestohlenen Keksen in seinem Arbeitszimmer endeten, hielt er überhaupt nichts, wie er ihr bereits zweimal im vergangenen Monat eingebläut hatte.

Lyraine vermutete, dass er sich vor allem vor Marmeladenflecken auf den kostbaren beschriebenen Seiten fürchtete.

Einen Moment lang verharrte sie, wo sie war.

»Nur einmal kurz schauen, ja, Zisch?«, vergewisserte sie sich mit einem Blick in die großen runden Glasaugen des Kuscheldrachen, schob ihn tiefer in ihre Armbeuge und zog die Tür hinter sich zu. Das war immer wichtig, hatte sie festgestellt – so würde den Männern, die vielleicht den Gang kontrollierten, nicht auffallen, dass die Tochter der Königin aus ihrem Bett und dem Zimmer entwischt war.

Jetzt hielt sie nichts mehr. Mit wenigen Schritten erreichte sie die Biegung des Korridors, lautlos auf dem dicken Teppich, und dann endlich die Treppe. Ihre Finger fanden die Marmorstreben des Geländers, das ihr half, das Gleichgewicht zu behalten, als sie in die Hocke ging, um geduckt die Stufen hinabzuschleichen. Zwei, drei, vier Stufen, dann bog sich die Treppe weit genug, sodass sie in die Eingangshalle blicken konnte.

Drei Erkenntnisse fanden ihren Weg in Lyraines Geist.

Erstens: Weder der Fackelschein noch die Schritte auf den Gängen hatten sie geweckt, sondern der Kampfeslärm von drei Dutzend Kriegern, die, ihre mahrischen Schwerter gezogen, mit Flammen und Frost gegeneinander kämpften.

Zweitens: Im Kampfgetümmel musste ein fehlgeleiteter Einschlag der Mahr eines Albenkriegers den einst so beeindruckenden Kronleuchter, der die Eingangshalle beim Zubettgehen noch erleuchtet hatte, von der Decke gerissen haben. Er war zerborsten, als größte Lichtquelle völlig untauglich geworden, und nur die Fackeln an den Wänden erhellten das Foyer.

Und die dritte Erkenntnis kam, seltsam verspätet nach den anderen beiden: Einige – mehrere – viele der Albenkrieger dort unten waren die Männer ihrer Mutter. Wieso hatte sie diese nicht gleich erkannt?

Es waren zweifelsohne Alaric, ihr Onkel, der Schild ihrer Mutter, und die Herolde, die er befehligte. Sie waren alle da. Kay Hollow. Bron Nychester, der sich die Ärmel hochgekrempelt hatte. Sie konnte die violette Rún auf seinem Unterarm bis zu ihrem Versteck auf der Treppe leuchten sehen. Rogan Duskwood. Sein Sohn Brandon, den man zu Boden geworfen hatte, der sich aber soeben wieder aufrappelte. Wo war ihr zweiter Onkel, Avallan?

Lyraine fühlte sich so versteinert, als wäre sie Teil der Treppe geworden.

Ein Angriff, verstand sie. Ein Angriff auf Amber Hall.

Seit Wochen hatten ihre Eltern davon gesprochen, von der Möglichkeit, der Vorahnung, der Befürchtung. Und jetzt war sie Wirklichkeit geworden. Die Katastrophe, auf die Amber Hall und all seine Bewohner sich vorbereitet hatten – alle, außer Lyraine, so kam es ihr vor – war tatsächlich da, in einer Nacht, einer völlig gewöhnlichen Nacht. Sie hatte den Tag verbracht wie jeden anderen. Nichts, aber auch gar nichts hatte sie anders gemacht. Morgens hatte sie Lesen und Schreiben mit Meister Lewyn geübt, mittags fast zwei Stunden lang Mathematik, nachmittags hatte sie zu Brandon in die Ställe zu ihrem Pony gedurft. Sie hatte sich vor dem Abendessen die Hände gewaschen und die Haare gebürstet. Durch dieses Haar hatte ihr Vater ihr gestrichen, als er sie abends zugedeckt hatte.

Der Tag war so gewesen, wie ein Tag sein sollte – und jetzt war das große Tor von Amber Hall aufgebrochen, die Tür von einem Angriff mit der Mahr aus den Angeln gerissen. Erste Feuerzungen leckten über das tiefblaue Wappen ihrer Familie und hatten bereits den silbernen, fallenden Mond erreicht.

Eine Stimme riss Lyraine aus ihren Gedanken und dem Anblick, der sie gefangen hielt – es war ihr Vater, umgeben von der kobaltblauen Aura seiner Rún, der mit gezogenem Schwert versuchte, weitere durch die Türöffnung eindringende Krieger zu stoppen.

Lyraine löste sich aus ihrer Starre. Sie konnte hier nicht bleiben. Obwohl die Rauchentwicklung noch nicht stark war, juckte der Qualm jetzt schon in ihrem Hals. Kurzentschlossen richtete sie sich auf, Zisch fester an sich pressend. In diesem Getümmel durfte sie ihn auf gar keinen Fall verlieren. Schritt für Schritt wagte das Mädchen sich weiter nach unten. Mit jedem wurde ihr mehr bewusst, wieso sie die Mitglieder des Hofes ihrer Mutter nicht sofort erkannt hatte. Sie sahen nicht mehr aus wie sie selbst. Natürlich, ihre Gestalt hatte sich nicht wirklich verändert. Sie hatten immer noch die nach vorn gebogenen und gedrehten Hörner und die spitz zulaufenden Ohren, die Albenmänner eben hatten. Letzteres hatten auch ihre Mutter und sie und alle Albendamen. Und sie hatte die Männer auch schon mit Waffen in den Händen gesehen; nicht selten trainierten sie damit vor dem Haus.

Aber die Art, mit der die Aura der Rúnir um sie alle leuchtete, war ein wildes Funkeln, kein beständiger schwacher Glanz wie sonst. Sie waren völlig in diesen Kampf verwickelt, erhitzt, brennend durch den Einsatz der Mahr.

Selbst ihr Vater sah anders aus, stellte Lyraine fest. Er war immer noch ein stattlicher Nachtalbenlord, mit Haar, so dunkel wie ihres, obwohl seines am Scheitel, den Schläfen und den Brauen schon eine Spur von Silber zeigte. Aber jetzt, wo er die Klinge gegen einen der Eindringlinge erhob, konnte sie verstehen, wieso seine kobaltblaue Rún die Form eines Schwertes hatte. Lyraine stieg über eine zertrümmerte Vase und bereute, ihre Pantoffeln nicht angezogen zu haben. Der Boden war spiegelglatt und kalt.

Es war ihr Glück, so viel kleiner zu sein als die Männer, als sie sich zwischen den Kämpfenden so gut wie unbemerkt vorbeischlängelte. Doch dieses Glück hielt nicht an: Ihr Vater war nach wie vor in einen Zweikampf verstrickt, und zwischen ihm und ihr waren noch weitere Duelle, die sowohl mit der Albenmagie als auch mit Schwertern ausgefochten wurden. Jedes Nähern bedeutete ein enormes Risiko, das wusste Lyraine.

Unsicher trat Lyraine von einem Fuß auf den anderen. Sollte sie es wagen und nach ihrem Vater rufen? Was, wenn sie ihn dadurch ablenkte und seinem Gegner – einem Nachtalben mit tiefschwarzem Haar – dadurch einen Vorteil verschaffte? Aber einfach hier zu stehen war genauso wenig klug!

Noch bevor Lyraine eine Entscheidung fällen konnte, wurde sie ihr abgenommen. Ein Tritt in ihre Kniekehlen riss ihr die Füße weg und ließ sie der Länge nach hinfallen. Sie schlug auf dem Marmorboden auf, konnte sich nur auf einer Seite abfangen, weil sie mit dem rechten Arm immer noch Zisch festhielt. Instinktiv zog sie das Stofftier noch fester an sich. Sie hatte sich ganz eindeutig die Knie aufgeschlagen, aber sie spürte den Schmerz kaum. Lyraine wollte sich aufrappeln, doch ein fester Griff um ihren Oberarm kam ihr zuvor.

Der Mann, der sie angegriffen hatte, packte sie und zerrte sie auf die Füße, sie gleichzeitig zu sich herumdrehend.

»Wer hat sich denn hierher verlaufen?«, blaffte der Albenkrieger sie an. Einen Moment lang fühlte Lyraine sich wie erstarrt, bevor sie sich gegen den Griff zu sträuben begann. Der Alb packte sie fester und zog sie höher, sodass fast nur noch ihre Zehenspitzen den Boden berührten. Unwirsch griff er mit der freien Hand nach dem bestickten Stoff ihres Nachthemdes. »Du bist das Balg der Königin.«

Lyraine wusste nicht, was in seinen Augen aufleuchtete – was genau der Ausdruck war. Aber irgendetwas an dieser Erkenntnis schien ihn zu erfreuen. Lyraine holte tief Luft. »Ich bin Lady Lyraine aus dem Haus Moonfall, die Tochter der Königin, und Ihr, Sir, werdet mich loslassen!« Sie gab ihrer Stimme den gebieterischsten Tonfall, den sie erreichen konnte, und erreichte damit – gar nichts.

Der Alb griff nach ihrem Handgelenk, schob ihren Ärmel hinauf und entblößte die Rún.

»Rosé«, stellte er mit unverhohlener Enttäuschung fest. »Ein adliges Gör und dann eine roséfarbene Rún. Das wird deiner Mutter nicht viel Freude bereitet haben.« Er spuckte aus. Lyraine entriss ihm die Hand, doch noch bevor sie einen Schritt machen konnte, hatte sein Griff sich wieder eisern um ihren Oberarm geschlossen.

»Mir soll es gleich sein«, grunzte er. »Halt still!«

Mit wachsender Panik erkannte Lyraine, dass er begann, ein Seil von seinem Gürtel zu lösen. »Nein!« Das Wort hatte als halber Schrei schneller ihre Lippen verlassen, als sie blinzeln konnte. »Loslassen!« Einen Moment lang glaubte Lyraine, er würde es tatsächlich tun. Doch als der Alb die Hand hob, wusste sie, dass seine Absicht eine ganz andere war.

Sie war nicht schnell genug, um sich zu ducken. Der Handrücken traf sie im Gesicht, warf sie beinahe zu Boden. Ein hohes Sirren jagte durch ihre Ohren.

Noch nie – nie! – hatte jemand die Hand gegen sie erhoben.

»Willst du jetzt wohl endlich stillhalten?«, fuhr der Krieger sie an. Ein weiteres Mal erhob er drohend die Hand, dieses Mal nur den Zeigefinger ausgestreckt. Lyraine setzte zu einer Antwort an, zu der sie nie kommen sollte.

Eine Klinge glitt durch Fleisch und Knochen, als wären sie aus Wachs. Die Hand fiel zu Boden, der Zeigefinger noch gestreckt. Erst dann fing der Alb zu schreien an. Atemlos wich Lyraine zurück, hielt aber sofort in der Bewegung inne. Ihr Vater hob sein Schwert ein zweites Mal. Steffon Moonfalls Finger schlossen sich um die Schulter des sich vor Schmerzen krümmenden Alben, als er die Spitze seines Schwertes an dessen Brust ansetzte und die Klinge tief in den Körper des Angreifers trieb. Mit einem geräuschlosen Ruck zog er die Waffe wieder heraus und fuhr zu Lyraine herum.

»Lyraine, bei den Himmelsfarben …«

Das Mädchen flüchtete in seine Arme.

Ohne ein weiteres Wort hob ihr Vater sie hoch.

Jetzt wird alles gut. Es gab keinen sichereren Ort auf der Welt als die Arme ihres Papas. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihr Gesicht an seine Schulter.

»Papa …«

»Ich bin hier, Zuckerkind. Wir müssen dich hier wegbringen.«

Über seine Schulter hinweg konnte sie sehen, dass der Nachtalb, mit dem er gekämpft hatte, sich nun mit Kay duellierte. »Halt dich gut fest, Lyraine«, wies ihr Vater sie an. Sie folgte der Anweisung und verschränkte ihre Finger hinter seinem Nacken. Sie konnte sehen, wie ihr Onkel Alaric ihnen den Weg freimachte. Steffon kehrte zur Treppe zurück, trug sie hinauf, nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal.

»Hör mir gut zu, Lyraine«, seine Stimme ließ keine Zweifel darüber aufkommen, wie ernst er jedes gesprochene Wort meinte. »Ich möchte, dass du in deinem Zimmer bleibst. Ich möchte, dass du nicht hinausgehst, bis deine Mutter oder ich dich holen kommen.« Er erreichte ihre Zimmertür, drückte sie auf und stellte Lyraine in der Mitte des Raumes ab. Lyraine wich bis zum Bett zurück. Stumm sah sie zu, wie er die Tür schloss. Er drehte nicht den Schlüssel, sondern wob einen mahrischen Schild. Das Kobaltblau verriegelte die Tür.

»Was sind das für Leute, Papa?«, fragte Lyraine, verunsichert auf ihrem Bett Platz nehmend. Sie entzündete mit der Mahr ihr Nachtlicht. Roséfarbene Rún hin oder her: So viel Macht besaß auch sie. Doch ihr Vater antwortete ihr nicht. Mit einem Stöhnen trat er von der Tür weg. Jetzt erst fiel Lyraines Blick auf eine Stelle oberhalb der Hüfte, auf die Steffon seine Hand legte. Als er sie wieder wegzog, waren seine Finger dunkelrot vom Blut.

»Du bist verletzt, Papa!« Lyraine erschreckte sich davor, wie schrill und ängstlich ihre eigene Stimme klang. Der Nachtalb mit den schwarzen Haaren musste ihn erwischt haben, bevor Kay ihn abgelöst hatte. Sie sprang wieder auf. Sie musste etwas finden, womit sie die Wunde verbinden konnte. Konnte sie ihr Bettlaken dafür zerreißen?

»Hast du mir zugehört, Lyraine? Es ist wichtig, dass du jetzt nicht leichtsinnig bist!« Die Stimme ihres Vaters wurde eindringlicher, als er sich zu ihr beugte und sie auf den Scheitel küsste. Im gleichen Moment erstarrte er. »Unter das Bett, Lyraine.«

»Aber Papa …«

»Lyraine!« Sein Tonfall ließ keine Diskussion zu. Zusammen mit Zisch kroch Lyraine unter das Himmelbett. Einige Sekunden lang geschah gar nichts, dann konnte Lyraine das schneidende Brennen von silberner Mahr erkennen, die das kobaltblaue Siegel in seinen Grundfesten erschütterte. Ihr Vater positionierte sich vor dem Bett. Silber. Der Angreifer trug Silber.

Lyraine rechnete damit, dass die Tür wie die Pforte des Anwesens aus ihren Angeln gerissen werden würde, doch das Aufbrechen geschah fast lautlos. Lediglich das feine Bersten von Metall und Magie drangen an ihr Ohr, als jemand die Tür von außen aufschob. Lyraine duckte sich ein wenig tiefer. Sie konnte nichts anderes von dem Mann sehen als ein paar elegante Herrenstiefel aus feinstem Leder, in denen hellgraue Beinkleider steckten. Der Eindringling trat langsam ein, die Schritte fast behutsam auf das helle Parkett setzend.

»Lord Moonfall«, sagte er unverhohlen spöttisch. Ihr Vater rührte sich nicht. Lyraine spürte, wie er die kobaltblaue Mahr sammelte und einen Schild um das Bett legte. Der Fremde näherte sich einen Schritt.

»Halt!«, hörte Lyraine ihren Vater sagen. »Ich warne Euch, Lichtalb, und das nur ein einziges Mal. Kommt nicht näher.« Ihr Vater schwieg für einen Augenblick. »Ihr müsst hier nicht den Tod finden. Niemand muss es. Ich biete Euch an, Euch zurückzuziehen.«

Der Fremde lachte. Es war kein lautes, schallendes Lachen, sondern sanft. Er setzte die Spitze seines Schwertes auf den Boden zwischen seinen Füßen auf.

»Ich fürchte, dass ich das Angebot nicht erwidern kann, Lord Moonfall«, sagte er. Lyraine konnte sich vorstellen, dass er dabei lächelte. Er klang belustigt. Gelassen. »Ihr werdet heute Nacht sterben. Hier«, sagte der Eindringling. Sie konnte die Muskeln ihres Vaters beben sehen, obwohl sie auch von ihm nur die Füße erkannte. Zwischen seinen Schuhen tropfte Blut.

»Willst du nicht herauskommen, kleine Lady?«

Kälte fuhr in Lyraines Knochen, als sie verstand, dass der Fremde mit ihr sprach. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn, dann griff ihr Vater an.

Die Albenschwerter schlugen mit ihrem hohen Gesang gegeneinander, gleichzeitig entbrannten die Auren mit einer für Lyraine völlig unbekannten Inbrunst. Funken und Schneekristalle stoben von dem Metall und fielen auf den Boden. Lyraine zog sich weiter zurück, bis sie mit den Füßen an die Wand stieß, an der das Bett stand. Wieder und wieder trafen sich die Klingen, immer schneller, und sie konnte erkennen, wie ihr Vater den Lichtalb zurück zur Tür drängte. Ein kobaltblauer Mahrschlag begleitete den Angriff des Lords von Amber Hall, und Lyraine atmete auf, als sie ein plötzliches Keuchen des Lichtalben vernahm.

Ein zweites Geräusch erstickte ihre Hoffnung genauso schnell, wie sie aufgeglommen war – ein schmerzerfülltes Stöhnen, das von ihrem Vater kam. Steffon taumelte rückwärts, mit langsamen, unsauber gesetzten Schritten. Sie verstand, dass er am Bett Halt zu finden versuchte, doch im nächsten Moment knickten seine Beine unter seinem Körper ein. Lyraines Augen weiteten sich, als sie erkannte, wie der Angreifer einen schmalen, blutigen Dolch in seinen Stiefel zurückgleiten ließ. Ihr Vater brach vollständig zusammen.

»Papa …« Das geflüsterte Wort kam über ihre Lippen, bevor sie sich selbst hatte stoppen können. Sie gewahrte eine warnende, stoppende Handbewegung ihres Vaters, der weiter auf den Boden sank, und verstummte.

Aus einer zweiten Wunde, die ihm zweifellos mit dem Dolch zugefügt worden war, quoll ein dicker Strom von Blut. Der Nachtalbenlord presste seine Hand darauf, doch das Blut sickerte durch seine Finger hindurch. Der Lichtalb kam näher, die Spitze seines Schwertes schleifte auf dem Boden.

Lyraine vernahm ein Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte, dann ging der Lichtalb neben ihrem Vater auf ein Knie herab, auf sein Schwert gestützt.

»Siehst du auch gut zu, kleine Lady?«, fragte er. Er blieb zu aufrecht, als dass sie sein Gesicht hätte sehen können, aber sie erkannte die Spitzen von blassgoldenem, langem Haar, die über das Blut ihres Vaters streiften, als er sich leicht vorbeugte. Seine Hand schloss sich um den Hals ihres Vaters. Sie konnte die silberne Mahr fließen sehen, wollte protestieren, wollte schreien, aber jeder Schrei blieb ihr im Halse stecken, als sie den Schmerzenslaut vernahm, der sich der Kehle ihres Vaters entrang. Er wurde lauter, ein langgezogener, gequälter Laut. Der Nachtalbenlord wand sich unter dem Griff und dem Fluss der silbernen Mahr, warf seinen Kopf zur Seite, und für einen Moment sah er sie mit seinen samtblauen Augen an.

Ein feiner, silberner Riss ging durch beide Glaskörper, die sich im nächsten Sekundenbruchteil blutrot auffüllten. Der Schrei brach so abrupt ab, dass er noch für einige Herzschläge in Lyraine nachhallte.

Steffon Moonfall war tot.

Der Lichtalb zog seine Hand zurück. Er streifte sich Reithandschuhe über.

Erst jetzt bemerkte Lyraine, dass sie ihre Fingernägel so tief in den Parkettboden gestoßen hatte, dass sie gesplittert waren.

Der kobaltblaue Schild erlosch.

Ihr Papa war tot.

Der Fremde erhob sich. Lyraine hatte das Gefühl, eine eiserne Klammer läge fest um ihrer Lunge und würde sie an jedem Atemzug hindern. Ein Zittern ergriff sie, gegen das sie sich nicht wehren konnte. Mit drei Schritten war der Mörder an ihrem Bett angekommen und ließ sich mit einem schweren Seufzen darauf nieder, die Spitze des Schwertes in den Boden drehend.

Sie war wie gelähmt. Was sollte sie jetzt tun? Was, bei den Himmelsfarben, konnte sie überhaupt tun? Wo war ihre Mutter? Wo waren ihre Onkel?

»Du weißt, dass ich dich hören kann.« Der Lichtalb sprach wieder mit ihr. Für einen Augenblick schloss Lyraine die Augen, als könnte sie das an einen weit entfernten Ort bringen. Aber ganz gleich, wie groß die Macht der Alben war: Sie würde sich nicht fortwünschen können.

»Also«, sagte der Mörder, »du kannst es dir aussuchen: Du kannst eine artige kleine Lady sein und herauskommen. Oder …« Er zog das Schwert die Fingerbreite, die er es in den Holzboden gebohrt hatte, wieder heraus. »… oder ich muss dich holen kommen.«

Wieso war Zisch kein echter Drache? Wieso war ihre Rún roséfarben und nicht silbern wie seine, oder zumindest ein wenig mächtiger? Lyraine spürte, wie die Angst in ihr sich immer mehr verdichtete. Sie würde ihm nicht antworten. Er hatte ihren Papa getötet. Sie würde nicht ein Wort an ihn richten. Er lachte auf und erhob sich wieder. Sie konnte seine behandschuhte Hand am Pfosten des Himmelbettes entlangstreichen hören, und dann sah sie sie an dem unteren Saum der Bettdecke.

Im gleichen Moment glitt eine Aura über den Boden, die ihr den letzten Rest von Atem aus den Lungen riss.

Der Lichtalb verharrte in seiner Bewegung.

»Was glaubst du, was du da tust?« Die Stimme, die gesprochen hatte, war dunkel und rau. Lyraine spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufstellten. So eine Stimme hatte sie noch nie gehört. Sie gehörte zu einem Mann, einem Krieger, der hinzugekommen war, und, wie seine Fußstellung aussah, im Türrahmen lehnte. Schwarze, abgetragene Reitstiefel.

Der Lichtalb erhob sich.

»Und was interessiert es dich, Bastard?«, sagte er, ohne die Frage zu beantworten. Die Gelassenheit war aus seiner Stimme gewichen.

»Gar nichts.« Die schwarzen Stiefel wandten sich zum Gehen. »Ich werde Königin Lamia ausrichten, dass du dir lieber ein neues Spielzeug aussuchen gegangen bist, anstatt ihrem Befehl zu folgen und der Hinrichtung in den Gemächern beizuwohnen.«

Das Geräusch, das der Lichtalb ausstieß, passte nicht zu der Nonchalance, die er zuvor gezeigt hatte. Lyraines Knöchel traten weiß an ihren Händen hervor, so fest klammerte sie sich an Zisch. Das scharfe Reiben von Metall zeigte ihr, dass der Mörder seine Waffe zurück in die Scheide geschoben hatte. Er trat zur Tür. Sie konnte hören, wie er den Schlüssel von der Innenseite abzog.

»Lauf nicht weg«, spottete er, als er die Tür hinter sich und dem Fremden zuzog und den Schlüssel von außen drehte.

Lauf nicht weg. Als könnte sie. Als reichte die roséfarbene Rún – vor allem eine vor dem Aufblühen, eine, die noch nicht vollständig war! – dafür aus, das Schloss zu sprengen! Als wäre sie nicht völlig gefangen in ihrem eigenen Zimmer! Aber für den Moment war es Lyraine völlig gleich. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie konnte an gar nichts denken. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als sei er mit Steinen gefüllt worden. Es kostete unendlich viel Mühe, den Griff um Zisch ein wenig zu lockern. Mit letzter Kraft krabbelte sie wieder weiter nach vorn. Ihre Hand fand die erkaltete ihres Vaters.

Sie wusste nicht, ob sie wenige Minuten oder viele Stunden so da gelegen hatte. Lyraine hatte nicht gehört, wie jemand den Schlüssel im Schloss gedreht hatte, aber die Stimme, die zu ihr sprach, war ihr wohlbekannt.

»Lyraine … Lyraine, komm heraus …« Obwohl sie die Stimme kannte, brauchte sie einen Moment, in der Wirklichkeit anzukommen.

Es war Gorwyn, der Truchsess. Er hatte die Hand nach ihr ausgestreckt, aber in dem einen Arm hielt sie Zisch und die andere Hand ruhte immer noch in der ihres Vaters.

»Lyraine, kleiner Schatz, wir müssen hier weg«, sprach er auf sie ein. »Es brennt.« Sie rührte sich nicht. Konnte nicht. Wollte nicht. Sie wollte ihren Papa. Sie wollte ihre Mama.

Hinrichtung, hatte der Fremde gesagt.

Wessen Hinrichtung?

»Du musst Zisch in Sicherheit bringen, Lyraine. Es gibt ein Feuer!« Die Stimme des Truchsess war beinahe flehend. Zisch. Ja, sie musste ihn retten. Er war ein Drache, aber sie wusste, was Feuer mit Stoff tat. Als Lyraine die Hand ihres Vaters losließ, fühlte ihre eigene sich genauso kalt an. Kaum dass sie ihn losgelassen hatte, ergriff Gorwyn ihren Arm und zog sie unter dem Bett hervor – doch sie spürte den Halt schon nicht mehr, als ihr schwarz vor Augen wurde.

Varcas 1

Als der ehemalige Großmeister der Seher an diesem Abend vor der mit Wasser gefüllten Silberschale in seinem Schlafzimmer Platz nahm, um seinen Geist auf die Nacht vorzubereiten, fühlte er zum ersten Mal das Gewicht der Jahre.

Schlimmer noch: Varcas Debray fühlte sich alt. Die Tatsache, dass er für einen Albenlord noch weit von dem Höchstmaß dessen, was er an Lebenszeit ausschöpfen konnte, entfernt war, machte das nicht besser. Er wusste nicht, was genau es war, das ihm dieses Gefühl vermittelte. Es war nicht die alte Narbe in seinem Schulterblatt, die bisweilen kurz vor einem Wetterumschwung zog, als sei sie noch eine frische Wunde wie vor eintausenddreihundert Jahren. Es war auch nicht die Lustlosigkeit, die ihn manchmal befiel, wenn er keine neuen Bücher hatte auftreiben können und sich mit Lektüre begnügen musste, die er schon ein Dutzend Mal gelesen hatte. Sein Gedächtnis war nach wie vor hervorragend, sodass er sich nicht einmal einreden konnte, sonderlich viel Neues bei wiederholten Lesedurchgängen zu finden.

Nein, an diesem Abend kurz vor Wintereinbruch war es etwas völlig anderes.

Varcas hatte immer geglaubt, sollte er sich jemals alt fühlen, käme dieser Eindruck zusammen mit einer weisen Gelassenheit, die ihm erlauben würde, die Fehler seiner Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Er hatte sich darum bereits mehrfach bemüht. Niemand konnte behaupten, er hätte nicht alles getan, um zu signalisieren, dass die Streitigkeiten Norfaegas – besonders die Shaylas – nicht mehr die seinen waren. Aber während er das Wasser mit einem langen, dunklen Fingernagel in Schwingungen versetzte, war es das komplette Gegenteil von Ruhe, das ihn erreichte. Nein, es handelte sich viel eher um eine schwache Ahnung einer bevorstehenden Irritation. Eine Gefahr wollte er es nicht nennen. Ehemalig oder nicht: Einst war er der Großmeister gewesen, und die graue Rún, die Cathards Auge zeigte, leuchtete stark wie eh und je.

Es gab nicht viele, die ihm gefährlich werden konnten.

Varcas stoppte die Bewegung seines Fingers und öffnete die Augen, tief auf den Grund der Schale starrend.

Normalerweise war dies eine simple Übung, um das geistige Auge eines Sehers für die Nacht zu schließen. Während die jungen Seher noch jede Vision, jeden fieberhaften Traum, der ihnen bruchstückhafte Wahrheiten zeigte, herbeisehnten, war für Varcas die unkontrollierte Überflutung von prophetischen Bildern seit langer Zeit schon eine Lästigkeit, der er mit dieser Übung gut entgehen konnte.

Heute wollte die Übung aber nicht gelingen. Varcas’ Stirn kräuselte sich, es der Wasseroberfläche gleichtuend, die einfach nicht zum Stillstand kam. Etwas brachte das Wasser aus dem Gleichgewicht.

Mit einem Seufzen lehnte Varcas sich zurück. Er trug bereits seine Nachtkleidung und darüber seinen Morgenmantel. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Fenster. Der erste Schnee stand unmittelbar bevor, aber diese Nacht war klar und kalt. Ein greller silberner Streif durchbrach das satte Schwarz. Die Tage waren momentan kurz, sodass die Sonne sich kaum einmal blicken ließ. Er fröstelte, obwohl das Feuer im Kamin noch immer leicht glomm.

Langsam lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Wasserschale. Zähneknirschend stellte er fest, dass die Wasseroberfläche immer noch Wellen schlug. Er konnte es weggießen und einfach unter die Bettdecke kriechen. Varcas griff schon nach dem Behältnis, hielt aber doch inne. Als junger Seher hätte er um eine solch aufdringliche Vision gebettelt.

Ergeben beugte Varcas sich vor, legte die Handflächen neben die Schüssel auf den Tisch und tauchte mit seinem Geist tief in den glitzernden Nebel der Flüssigkeit hinab. Er öffnete sein inneres Auge. Sein geübter Sinn glitt langsam in das Bild hinein, bedächtig, damit ihm nichts entging. Doch als das erste Bild auftauchte, machte sich Enttäuschung in ihm breit. Eine Erinnerung, stellte er fest. Seine. Wohlbekannt, obwohl schon so lange verdrängt. Es war im Thronsaal des Kristallpalasts, vor vielen, vielen Jahren, als er noch ein junger Mann gewesen war. Er sah sich selbst die Stufen des Thronsaals hinaufschreiten. Der Umhang des Druiden aus samtgefütterter Seide wog schwer und behaglich auf seinen Schultern.

Im nächsten Augenblick wurde er gewahr, dass er eine lange, breite Spur von Blut hinter sich herzog. Das Bild veränderte sich und Varcas atmete auf. Es würde eine dreiteilige Vision werden, das stand hiermit fest – drei Bilder würde es geben, angefangen in der Vergangenheit. Nun würde sein Geist durch ein Fenster der Gegenwart blicken können, und das, was dahinter lag, hatte auf irgendeine Weise in der Regel eine Verbindung zu dem, was auf der Ebene des Vergangenen geschehen war. Zuerst fiel es Varcas schwer, sich zu orientieren. Die Sicht wurde ihm von einem dichten Nebel versperrt – nein, falsch, es war kein Nebel, es war Rauch. Seine anderen Sinne schlossen die Lücke und er konnte verbrennendes Holz riechen. Varcas zwang sein inneres Auge, sich weiter zu öffnen. Das Feuer verschlang die Grundfesten eines Anwesens, der Bauart nach stand es hier in Shayla. Schwarzer Rauch stieg in großen Säulen in den Himmel. Aus der Dunkelheit löste sich eine Männergestalt, die etwas auf den Armen trug.

Ein weiteres Mal zwang Varcas sich dazu, sich zu konzentrieren, doch wurde das Bild nicht klarer. Varcas musste ein leises Fluchen unterdrücken. Die Vision war schlüpfrig und schwer zu fassen. Oder vielleicht war er auch doch ein wenig aus der Übung gekommen.

Es fühlte sich an, als würde das klarere Bild am Rand seines Sichtfeldes entstehen, doch wenn er sich zur Seite wandte, entschwand es, als wäre es nie da gewesen. Weil die Sehkraft versagte, zapfte Varcas die anderen Kanäle seines Bewusstseins an. Hören. Donnernde Hufe. Leiser Wind. Riechen. Kiefernholz in der Nacht. Ein Wald. Und darunter eine deutliche Empfindung, deren Herkunft er nicht bestimmen konnte: Er musste finden, was der fremde Alb auf den Armen trug. Es war eine so deutlich ausgesprochene Aufgabe, dass allein der Gedanke, dem Ruf nicht zu folgen, Varcas für einen Moment schaudern ließ.

Die Vision entzog sich ihm, doch ein Bild stand ihm noch bevor. Varcas öffnete seinen Geist, so weit es nur ging, um in die Zukunft zu blicken. Es verschlug Varcas fast den Atem, als er ein weiteres Mal die Wärme und das tröstliche Gewicht des Druidenumhangs an seinem Rücken spürte. Weiße Hände schlossen die Metallschließe an seinem Hals. In der Höhe seines Herzens baumelte in Bronze gefasst das Zeichen seiner Zunft, seine Rún, Cathards Auge. In seiner Vision sank er auf die Knie. Er fühlte sich stark. Nicht jünger als heute, aber erfüllt von der Hoffnung auf die Zukunft – ein Gefühl, das er seit undenkbar langer Zeit nicht mehr empfunden hatte.

Die Vision ließ ihn los. Varcas glitt in seinem Stuhl nach hinten, den Kopf weit in den Nacken legend. Er brauchte mehrere Sekunden, bis er wieder zu Atem kam. Die letzte Emotion, die die Vision hinterlassen hatte, klang in ihm immer noch nach. Die Hoffnung war so deutlich spürbar gewesen. Und noch mehr: Ein Stolz, den er bis in die letzte Faser seines Körpers vordringen fühlen konnte. Und auf irgendeine Weise musste dieses Erlebnis – wieder den Umhang des Druiden zu tragen – mit dem Gegenstand zusammenhängen, den der Alb aus dem brennenden Haus gebracht hatte.

Es gab nur zwei Dinge, nach denen er seinen Geist vor vielen Jahren hatte suchen lassen. Nur zwei, nach denen sein Auge immer Ausschau gehalten hatte. Konnte diese Vision, so verspätet, so unerwartet, die Antwort auf seine lange, damals so vergebliche Suche sein?

Er konnte nicht mehr still sitzen. Varcas schob seinen Stuhl zurück, überfordert von dem Tatendrang in seinen Venen, der noch ohne Zielrichtung war. Er musste jetzt schnell und überlegt handeln, solange die Bilder noch frisch waren. Varcas strich sich über den mit Silber durchwirkten dunklen Bart. Es gab keinen Zweifel: Handeln musste er. Vielleicht war dies die eine Chance, für die zu beten er sich selbst schon lange nicht mehr zugestanden hatte. Nicht nachdem …

Entschieden öffnete Varcas die oberste Schublade seines Schreibtisches. Auf Samt gebettet befanden sich darin immer noch die Utensilien, die er früher regelmäßig gebraucht hatte. Das kleine Sehermesser mit hölzernem Griff war das erste gewesen, das er je erhalten hatte, und das letzte, das bis heute in seinem Besitz hatte verweilen dürfen. Varcas öffnete mit einem kurzen Schnitt seine linke Handfläche, bis ein feines Rinnsal von Blut den Weg über die Handkante hinein in die Schüssel fand. Es hätte andere Wege gegeben, aber keine schnelleren. Er ließ das Blut laufen, bis das Wasser erkennbar gefärbt war. Routinierter, als er es von sich selbst erwartet hatte, verband er den Schnitt und säuberte das Messer, bevor er seine Schreibfeder nahm. Er tauchte sie behutsam in das trübe Wasser und entrollte nebenbei die Karte von Norfaega. Sie war vermutlich nicht mehr aktuell, stammte sie doch aus einem anderen Jahrtausend. Aber die elf Höfe Shaylas würden sich noch immer an der gleichen Stelle befinden. Er fand den Ort, an dem er selbst seit geraumer Zeit lebte: ein kleines Haus am Rande einer Erdalbensiedlung im Norden Shaylas, die zu klein war, als dass sie auf der Karte verzeichnet wäre, also musste er ein wenig schätzen. Es war nicht sein Zuhause. Derer hatte er im Laufe seines Lebens mehrere besessen, aber keines war ihm geblieben. Varcas berührte mit dem Federkiel die Karte an der Stelle, an der er sich selbst vermutete, und ließ die Mahr auf den wässrigen Bluttropfen übergehen. Er rief sich das zweite Bild seiner Vision so intensiv vor Augen, dass seine Rún zu brennen begann. Gebannt verfolgte Varcas, wie der rötlich-braune Tropfen sich ausdehnte, und eine Spur auf dem Papier zu ziehen begann. Nach Süden, durch Shayla hindurch. Die Spur kreuzte den Kristallpalast. Varcas fühlte Dankbarkeit in sich aufwallen, als die Linie weiterwanderte und schließlich im Süden Shaylas endete. Der nächstgelegene Hof war Amber Hall. Mehr würde er so nicht herausbekommen. Varcas rollte die Karte zusammen und schob sie in ein Lederkuvert, bevor er sich seines Morgenmantels entledigte. Es galt, keine Zeit zu verlieren.

Wenn er den kurzen Blick auf den rauchverschleierten Himmel des zweiten Bildes richtig gedeutet hatte, dann zeigte der Mond ihm deutlich an, dass es bereits in der folgenden Nacht dazu kommen würde.

Er suchte sich eins seiner grauen Hemden heraus und zog darüber das dunkle Samtwams, dessen Pelz am Kragen schon viele Kleidungsstücke im Laufe der Jahre geziert hatte. Es dauerte kostbare Sekunden, bis er feste Beinkleider und gefütterte Stiefel fand.

Mit wenigen Schritten war er beim Bett. Er fühlte sich ein wenig wie ein kleiner Junge, als er sich auf die Knie begab und die große mit seiner grauen Mahr versiegelte Holzkiste darunter hervorzog. Er öffnete die Schlösser und fand darin in schlichtes dunkles Tuch eingeschlagen das Seherzepter. Varcas’ Hand schwebte einen Moment lang über dem Stab.

Hallo, mein alter Freund.

Er hörte, wie die Tür hinter ihm vorsichtig geöffnet wurde. Varcas zog das Zepter aus der Kiste.

»Mylord?«

Varcas kam wieder auf die Beine und konnte sich einen Moment des Schmunzelns nicht verkneifen: Er rüstete sich für eine Schlacht, vielleicht für die größte seines Lebens, und seine Haushälterin stand im Nachtkleid und mit Schlafhaube auf seiner Türschwelle.

»Wenn ich zurückkehre, werde ich etwas Warmes zu essen brauchen. Und vermutlich nicht wenig davon«, sagte Varcas. »Und ich werde möglicherweise nicht allein sein.« Die Erdalbin beäugte ihn skeptisch.

»Wo geht Ihr denn hin, Mylord?«, fragte sie. Varcas nahm seinen Reitmantel vom Bett und warf ihn über seinen Arm.

»Ich muss etwas … holen, Rholdys«, sagte er, sich völlig bewusst, dass diese Aussage seine Haushälterin nicht zufriedenstellen würde. Sie schnalzte mit der Zunge.

»Und wann kommt Ihr zurück?«

Varcas schob sich an ihr vorbei, hielt inne und blickte zurück. Zurück auf sein Schlafzimmer, die Bücher und die geordnete Beschaulichkeit, in die er sich zurückgezogen hatte.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte er fröhlich. »Ich weiß es wirklich nicht.«

Tyran 2

Tyran gab sich nicht der Illusion hin, sein Nähern vor Rodric verbergen zu können: Er wusste, dass die Sinne des Nachtalben seinen in nichts nachstanden und dieser ihn gespürt haben musste, sobald er den Korridor zu seinem Quartier betreten hatte.

An der Unterbringung an sich gab es nicht viel auszusetzen. Besonders im Vergleich zu den Räumlichkeiten, in denen die anderen Sklaven untergebracht wurden – sowohl hier als auch an so gut wie jedem anderen Hof –, war die Kammer, die Lamias Blutritter zur Verfügung stand, trocken, sauber und mit einem Bett ausgestattet, in das Rodric trotz seiner Größe sogar bequem hineinpassen würde.

Aber als Tyran die Hand zum Klopfen hob, konnte er das mahrische Schloss spüren, ganz genauso deutlich, wie er die Eisenriegel sah, die man von draußen vorschieben konnte. Tyrans Knöchel hatten das Erlenholz noch nicht berührt, als er von drinnen ein knappes Brummen vernahm. Mehr Aufforderung brauchte Tyran nicht.

Er trat ein und schloss die Tür behutsam hinter sich. Rodric stand nur mit einer Hose bekleidet über einen Eimer gebeugt da und schien zu versuchen, das braunverkrustete Blut von seinen Unterarmen zu waschen. Rodric war erst vor wenigen Minuten wieder im Kristallpalast eingetroffen – zurückgekehrt von einem der Aufträge, die Königin Lamia ihm gegeben hatte. Es musste dieses Mal innerhalb von Shaylas Grenzen gewesen sein, denn Rodric und die anderen waren binnen dreier Tage zurückgekehrt. Doch obwohl es eben nur drei Tage und zwei Nächte waren, war die Erschöpfung Rodric ins Gesicht geschrieben.

»Ich hätte ein wenig später kommen sollen«, sagte Tyran. »Tut mir leid.«

Rodric schüttelte nur leicht den Kopf. »Es ist in Ordnung. Lass mich nur – lass mich das kurz tun.«

Tyran nickte stumm, während Rodric weiter seine Arme und die Unterseiten seiner Nägel schrubbte.

Als Tyrans bester Freund sich schließlich zu ihm umdrehte, sah er erschöpft aus.

»Willst du darüber sprechen?«, fragte Tyran.

Das Lächeln, das über die markanten Züge des Nachtalbenkriegers glitt, war nur im ersten Moment traurig, bis Rodric zu der ihm angeborenen Arroganz zurückfand. »Wann habe ich das je gewollt?«

Tyran nickte erneut und blieb unschlüssig stehen, wo er war. Rodric wies auf den einzelnen Schemel und nahm selbst auf dem Rand seines Bettes Platz, sich die Reitstiefel von den Füßen zerrend.

Tyran legte die Flügel an und setzte sich.

Sie hatten nie viel reden müssen, um einander zu verstehen, in all den Jahrhunderten nicht. Aber Tyran wusste, dass Rodric ihn ebenso gut kannte, wie er ihn. Und so wie er buchstäblich riechen konnte, dass eine schreckliche Nacht hinter Rodric lag, würde dieser fühlen, dass Tyran mit einer Neuigkeit zu ihm gekommen war, die ihm nicht gefiel.

»Ich werde ausgeliehen«, sagte Tyran leise, aufmerksam jede Regung in dem Gesicht seines Kameraden beobachtend. Nicht viel war zu sehen, nur ein kurzes Flackern in den violetten Augen. Rodric erhob sich von seinem Bett, die Schuhe nah an die kleine Feuerstelle schiebend. Er füllte ihnen zwei Holzbecher mit Wein und leerte seinen zur Hälfte, noch bevor Tyran seinen ersten Schluck getan hatte. Obgleich angespannt, lag in jeder seiner Bewegungen die raubtierhafte Eleganz, deren Potential Königin Lamia vor vielen Jahren in ihm gesehen haben musste.

»An wen?«, erkundigte Rodric sich beinahe beiläufig.

»An Königin Elnesta.« Tyran fühlte, wie ihm die Zunge schwer wie Blei wurde, als er den Namen aussprach. Für einen kurzen Augenblick glaubte er, die Kiefernmuskeln seines Freundes zucken zu sehen.

»Elnesta«, wiederholte Rodric tonlos.

Ein drittes Nicken. Es gab nichts, was Tyran erklärend hätte hinzufügen müssen. Sie beide kannten Elnestas Ruf – kannten die Erzählungen von ihrer Grausamkeit, ihre Vorlieben für Askyaner. Zum ersten Mal in seinem über siebenhundertjährigen Leben wünschte Tyran sich, kein Paar von mit dunkelgrauen Federn bestückten Flügeln zwischen seinen Schulterblättern zu haben.

Rodric sank wieder auf sein Bett zurück und schwenkte den beinahe leeren Becher gedankenverloren hin und her.

»Weißt du, für wie lange?«

Tyran zuckte mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle?« Er verzog die Lippen. »Ich werde es überstehen, ob für zehn, fünfzig oder hundert Jahre, und dann hast du mich hier wieder am Hals.« Das Lächeln, das dieses Mal Rodrics Züge erhellte, war wärmer als das zuvor. Tyran konnte unausgesprochene Worte auf seiner Zunge erkennen; Dinge, die sie sich schon lange nicht mehr sagten, weil sie an der Situation nichts ändern würden. Früher hatten sie einander noch versprochen, vorsichtig zu sein, hatten sich ein baldiges Wiedersehen zugesagt und nicht selten sogar im anderen die Hoffnung erneuert, eines Tages könnten sie in einer anderen Welt aufwachen. Einer Welt, in der ein Krieger mit einer roten Rún oder einer schwarzen, wie Rodric sie trug, an niemanden würde ausgeliehen oder verkauft werden können.

Das war lange her. Es gehörte zu dem Gerede von Jungen, die sich über die Dauer von den fünftausend Jahren, die Alben leben konnten, keinen Begriff machten. Jungen, die noch glaubten, dass sie mit dem Älterwerden und der dazugehörigen wachsenden Stärke die Unabhängigkeit und letzten Endes auch die Freiheit gewinnen würden, nach der sie sich sehnten. Jetzt, mehr als siebenhundert Jahre später, fühlte Tyran, dass die Hoffnung längst von ihnen abgeschliffen worden war, wie grobe Holzspäne, die einem Hobel zum Opfer fielen.

Eine ruckartige Bewegung seines Freundes riss Tyran aus seinen Gedanken: Rodric blickte auf, den Becher auf den Fußboden stellend, die violetten Augen wachsam auf die Tür gerichtet. Einen Herzschlag später spürte auch Tyran, dass sich jemand näherte.

Verdammter Nachtalb. Rodrics Sinne waren eben sogar noch einen Hauch besser als seine eigenen. Ein Soldat, der Königin Lamias Sonnenschärpe trug, trat nur zur Hälfte ein.

»Eure Anwesenheit wird verlangt, Sir Rodric.«

Obwohl die Worte ein unmissverständlicher Befehl waren, schwang für Tyran unüberhörbar Nervosität in der Stimme des Soldaten mit, dessen eine Hand auf dem Türknauf ruhte. Seine anderen Finger lagen wachsam auf dem Griff seines Schwertes.

Sir Rodric.

Es war für Tyran immer noch merkwürdig, zu hören, wie Rodric so angesprochen wurde. Es war ein Titel, der nur den aristokratischen Alben zustand. Über das adlige Blut von Rodric brauchte man nicht streiten, jeder wusste, wer sein Vater war – aber trotzdem war Rodric ein Sklave genau wie er. Die Anrede war eine Worthülse, keine Respektsbekundung. Ein Luxus, der Rodric jederzeit genommen werden konnte, ganz wie dieses Zimmer. Wie die Kleidung, die er am Leib trug. Wie der billige Wein, den sie tranken.

Rodric schob sich das nachtschwarze Haar in den Nacken, es mit wenigen Griffen und einem Lederband zu einem Zopf zusammenfassend. »Ich komme«, teilte er dem Wächter mit, machte aber keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

Zwei Sekunden verstrichen, bis der Mann, dessen grüne Rúnir-Aura sich weder mit der von Tyran, noch mit der von Rodric messen konnte, sich umdrehte und sich entfernte.

Rodric zog aus seiner schmalen Kommode sein Hemd und streifte es sich über den Kopf.

»Wann brichst du auf?«, fragte er.

»Morgen schon«, antwortete Tyran und erhob sich mit raschelnden Flügeln. Eigentlich war es ihm fast recht, dass man ihm keine Zeit gelassen hatte, über den Befehl der Königin nachzudenken. Der Ruf, der Elnesta vorauseilte, deckte sich mit den wenigen Erfahrungen, die er mit ihr bisher gemacht hatte – was auf nichts Gutes schließen ließ.

»Mir ist neulich übrigens etwas in die Hände gefallen«, griff Rodric den Gesprächsfaden wieder auf. Tyran kam nicht umhin, eine dunkle Augenbraue anzuheben. Lächelnd schüttelte er sich ein paar flammendrote Haarsträhnen aus dem Gesicht. Was auch immer Rodric genau meinte – bei ihm bestand fast nichts aus Zufall. Aber an die distanziertere Formulierungsweise seines Freundes, ein wenig nonchalant, ein wenig vage, hatte sich Tyran gewöhnt. Rodric verbrachte zu viel Zeit mit den Herolden und den Speichelleckern hier am Hof.

Doch das, was Tyran nun in der ausgestreckten Hand des Blutritters sah, ließ ihn tatsächlich in seinem Gedankengang innehalten. Es war ein kleiner Obsidiankeil, spitz wie ein Dolch, mit einem kurzen, abgerundeten Griff. Gerade so, dass er in eine Kinderfaust passen würde.

»Du hast ihn noch?«, verblüfft nahm Tyran den Steindolch an sich. »Wir haben damals – verflucht, das müssen sechs, sieben Wochen gewesen sein, die wir daran herumgeschliffen und gefeilt haben.«

»Acht«, korrigierte Rodric sanft. »Und wir haben davon geträumt, ihn dem Jäger in die Kehle zu stoßen.« Sein Tonfall hatte etwas Grimmiges bekommen.

»Hätten wir es bloß getan.« Tyran drehte den Obsidiankeil, um ihn Rodric zurückzugeben, der sich jedoch bereits abgewandt hatte.

»Behalt ihn. Du hast mehr daran gearbeitet als ich«, sagte er nüchtern, während er in seine Stiefel stieg. Einen Moment lang betrachtete Tyran das Erinnerungsstück noch, bevor er es in die Innentasche seiner Jagdtunika gleiten ließ.

»Ich gebe ihn dir zurück, wenn wir uns wiedersehen, Bastard«, versprach er und wandte sich zur Tür. Er wusste, obwohl sie den gleichen Weg hatten – aus den Sklavenquartieren nach oben –, würde Rodric nicht mit ihm zusammen gehen. Das tat er nie.

»Ich verlasse mich darauf, Tyr.« Rodric überbrückte die Distanz, die Tyran in sich stets spürte, wenn sie wieder an getrennte Höfe geschickt wurden, und zog ihn zu einer kurzen, festen Umarmung heran, bevor er ihn beinahe aus der Tür schob.

Rodric 3

Erleichterung überkam Rodric, als er endlich durch die geschlossene Tür hörte, wie Tyrans Schritte sich entfernten. Es lag nicht daran, dass er ihn nicht gern sehen wollte – er wollte den Mann, der ihm so nah wie ein Bruder war, immer sehen –, sondern daran, dass er nicht jetzt das sorgenvolle Glitzern in der blauen Iris des Sturmalben ertragen konnte.

Aushalten konnte er vieles – aber dass der Schalk aus diesem Blick wich, das wollte er nicht erleben. Nicht seinetwegen. Nicht wegen dem, was er tat.

Er kannte den Sturmalben nun fast schon sein ganzes Leben lang. Sie waren beide auffällig gewesen, zwei sonderbare Bengel, der eine ein Askyaner mit Haar wie entzündetes Herbstlaub und einer erstaunlich passenden roten Rún, der andere der Bastard des mächtigen Lord Vaharél von Thornehold und als solcher von vornherein rechtlos. Rodric erinnerte sich nicht mehr daran, wann er Tyran zum ersten Mal bewusst wahrgenommen hatte. Aber es hatte höchstens wenige Tage des Kennenlernens gedauert, bis sie sich Rücken an Rücken umringt von rauflustigen Albenjungen wiedergefunden hatten.

Der Gedanke ließ Rodric unfreiwillig lächeln. Sie hatten damals Prügel bezogen, aber nur wenig später waren sie diejenigen gewesen, die austeilten, was sie hatten einstecken müssen. Sich mit Tyran anzufreunden hatte die Ausbildung, die ihm Königin Lamia hatte zukommen lassen, erträglicher gemacht. Aber sie beide hatten für diese Freundschaft schon oft einen hohen Preis gezahlt – vielleicht würde er eines Tages zu hoch werden. Dann, wenn einer von ihnen einen Fehler beging, für den der andere bestraft werden würde, und diese Strafe mehr war, als einer von ihnen bereit wäre, im Namen ihrer Freundschaft zu ertragen. Wenn die Himmelslichter ihnen auch nur ein wenig gewogen waren, würde dieser Tag noch in weiter Ferne liegen.

Rodric legte sich den Gürtel aus schwarzem Leder an, auch wenn er in der Gegenwart der Königin keine Waffen tragen würde. Keine außer seinen Händen. Seinen Zähnen.

Er warf keinen Blick mehr in den ovalen kleinen Spiegel an seiner Wand, sondern öffnete ein weiteres Mal die Tür.

Der Weg, der ihn durch die Sklavenquartiere bis ins obere Geschoss des Kristallpalastes führte, war lang, und obwohl er es besser wusste, als Lamias Geduld überzustrapazieren, beeilte er sich nicht. Sein Zimmer lag am Ende des Ganges, von dem mehrere Abzweigungen in andere Bereiche des Kellers führten – hin zu den Lagerräumen, in denen die Unmengen der wöchentlich benötigten Speisen aufbewahrt wurden, um den Kristallpalast zu versorgen, aber auch zu den Kerkerzellen, die möglicherweise der einzige Ort hier waren, der noch mehr gefürchtet wurde als die Sklavenquartiere. Um diese Uhrzeit waren die Gemeinschaftsräumlichkeiten hier unten fast verwaist, wenn man von ein paar vereinzelten jungen Kriegern absah, die sich mit geducktem Kopf abwandten, als der Blutritter an ihnen vorüberging.

Er passierte die Schleuse aus zwei vergitterten Toren, die die Treppe nach oben freigaben. Die Tür, die er am Fuß der Treppe erreichte, hatte in Rodrics Augen immer schon die zwei Seiten des Kristallpalastes sinnbildlich widergespiegelt – die Seite, auf der er sich gerade noch befand, zeigte das massive, mahrisch behandelte Erlenholz, an dem sicher nicht wenige Ausbruchsversuche schon gescheitert waren. Die andere Seite hingegen war mit einem fluoreszierenden Silberlack behandelt worden, um den Schimmer der mit Spiegeln und Kristallen ausgestatteten Flure aufzufangen. Die Tür sah auf jener Seite aus wie jede andere im Schloss, mit einem eleganten, geschwungenen Griff und verschnörkelten weißen Verzierungen.

Es hatte keine Spezifizierung gegeben, wo Lamia ihn zu empfangen gedachte. Doch nachdem, was in Amber Hall geschehen war, konnte Rodric sich denken, dass es der Thronsaal sein würde und nicht eines der Privatgemächer. Noch nicht.

Der Korridor führte ihn zu dem säulengesäumten Gang. Zwischen jeder Säule stand einer der Wächter der Königin, genauso regungslos wie der helle Stein selbst. Rodric konnte eine leichte, kontinuierliche Erschütterung spüren, an die er so gewöhnt war, dass er sie sich nur selten bewusst machte – es war der Fluss Fion, der weiße Strom, dessen Verlauf durch das Schloss führte. Der Thronsaal befand sich auf der westlichen Seite der riesigen Palastanlage, aber hier waren sie dem Wasser so nahe, dass Rodric manchmal glaubte, die Kristalle an den Wänden zittern zu sehen.

Vor dem Thronsaal hielt er inne. Obwohl er schon Hunderte – Tausende Male über diese Schwelle getreten war, würde ihm der Anblick auch dieses Mal wieder die schreckliche Mischung von überwältigender Bewunderung und wildester Verachtung abnötigen. Für den Bruchteil einer Sekunde war er wieder der zwölfjährige Junge, der er gewesen war, als er zum ersten Mal die Wucht gespürt hatte, mit der sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen.

Er erinnerte sich, wie ihm angesichts der Königin auf ihrem Thron der Atem gestockt hatte. Er erinnerte sich an ihr Kleid aus Seide von den Frühlingsinseln. Er erinnerte sich daran, dass ihre Hand warm gewesen war, die sie an seine Wange gelegt hatte, obwohl alles hier funkelte wie Eis. Er erinnerte sich an Schmerz.

Der Moment kam und verflog wie jedes Mal. Einer der Wächter öffnete ihm die Tür, und noch vor dem gleißenden Licht strömte als Wahrnehmung der Geruch auf ihn ein, den er noch vor wenigen Minuten mit Wasser und Seife von sich hatte abwaschen wollen. Rodric gestattete sich keinen Moment des Zögerns. Er trat ein, sich ganz auf Lamia konzentrierend.

Auch an diesem Abend trug die Königin Seide. Er kannte das Kleid und wusste, dass man es mit einer einzelnen Bewegung lösen konnte, wenn man die Elfenbeinspange herauszog, die den Stoff im Nacken schloss.

Mit einer geschmeidigen Bewegung verneigte Rodric sich.

Erst jetzt erlaubte er sich, den Blick für einen kurzen Moment auf den aus einer Vielzahl von Wunden blutenden Alb zu richten, der mit auf dem Rücken gefesselten Armen auf dem Boden vor den Stufen zum Thron kniete.

Auch ansonsten waren sie nicht allein – wie immer beobachtete der Jäger aus dem Schatten der Säulen heraus alles mit seinen kalten Augen, und ein paar vereinzelte Mitglieder des Hofes hatten sich Plätze in gebührendem Abstand gesichert.

»Rodric«, sagte Lamia mit weicher Stimme. Er richtete sich wieder auf.

»Euer Majestät«, antwortete er, die Füße schulterbreit auseinanderstellend und die Hände hinter dem Rücken verschränkend. Sie lächelte, aber er konnte ihre kalte Wut fast genauso stark riechen wie das Blut.

Lamia faltete die Hände in ihrem Schoß und legte ihren Kopf schräg. Rodric fühlte den Blick aus ihren hellen, eisblauen Augen auf sich lasten.

»Ich dachte mir, du wünschst dir sicher die Gelegenheit, mir zu erklären, was in Amber Hall geschehen ist«, sagte die Königin und wies auf den Alb, der unter seinen Schmerzen zitterte. »Du brauchst keine Sorge haben, dich zu wiederholen. Ich habe bisher nichts gehört, was mir wirklich … weiterhelfen würde, zu verstehen.«

Rodrics Augen folgten intuitiv ihrer Geste und er stellte fest, dass es sich bei dem nackten, verletzten Mann nicht um irgendeinen von Lamias Sklaven handelte. Es war Nephas, der ihr schon gedient hatte, bevor Rodric zum Kristallpalast gebracht worden war. Er war nicht ihr Schild, hatte aber seit einem knappen Jahr die Position des Marschalls inne.

Rodric ließ seinen Geist tastend über die Aura des Erdalben streichen. Die Wunden, die ihm äußerlich zugefügt worden waren, verursachten mit Sicherheit Schmerzen – Schnitte, willkürlich gesetzt, und Peitschenstriemen, die wiederum auf eine hohe Präzision hinwiesen. Rodric sah den Jäger freudlos lächeln.

Doch was den Alb tatsächlich zum Zittern brachte, war ein Schmerz, für den es keine äußerliche Heilung gab, keine Linderung. Es gab keinen Trank, den man ihm hätte geben können, keinen Zauber, den zu sprechen etwas genützt hätte. Es war die Scherbe.

Rodric streifte das Unbehagen ab, das ihn erfasst hatte, löste seine Armhaltung und trat näher auf die Königin zu.

»Der Angriff auf Amber Hall erfolgte, wie von Eurer Majestät gewünscht, vor zwei Tagen, unter der Leitung von Sir Nephas. Das Ziel war die Liquidierung der abtrünnigen Königin Marielle und die Befriedung des umliegenden Gebietes. Zu diesem Zweck hattet Ihr die Exekution von Königin Marielles Ehemann, Lord Moonfall, und die Ergreifung ihrer Tochter und des Trigons befohlen.« Rodric versuchte, in dem Gesicht der Königin zu lesen, doch Lamias Ausdruck blieb bei dem sanften Lächeln, dem nicht zu trauen er schon vor langer Zeit gelernt hatte.

»Die Hinrichtung der Verräterin wurde gemäß Eurer Wünsche durchgeführt.« Rodric fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Und Lord Moonfall fiel in einem Duell gegen Sir Malagad.«

»So hörte ich, ja«, antwortete die Königin, sich leicht vorbeugend. »Und als ich genau den gleichen Bericht von Nephas hörte, wurde mir mein Herz sehr warm, bei dem Gedanken, wie treu die Männer meines Hofes sich darum bemüht haben, die Gefahr im Süden niederzuschlagen, um Shayla Frieden zu bringen.« Sie begutachtete ihre schimmernden Fingernägel. »Als ich jedoch befahl, mir die Tochter der Verräterin bringen zu lassen, wurde ich darüber informiert, dass nicht nur sie, sondern auch der Truchsess von Amber Hall verschwunden sind.«

Ihre Stimme wurde schneidend. Rodric spürte die Wut aufflackern. Der Marschall stieß einen gequälten Laut aus. Ein dumpfes Pochen hinter Rodrics linkem Auge ließ seinen Magen sich für einen Moment zusammenziehen, bevor er die Empfindung tief in seinem Inneren versiegelte. Er trat an dem bebenden Mann vorbei, erklomm die Stufen, die zu dem Thron der Königin führten, legte eine Hand auf die steinerne Armlehne und beugte sich zu ihr herab.

»Ein kleines Mädchen und ein alter Mann«, sagte er, »… verschollen in den Wäldern von Shayla. Meine Königin … Liebste … Ich habe keine einzige mächtige Rún in Amber Hall gespürt, nachdem Lord Moonfall getötet wurde. Ihr wisst selbst, dass Königin Marielles Rún violett war. Welche Kraft mag das Kind schon haben? Und der Truchsess …« Rodric hob die Augenbrauen. »Er ist fast ein Greis, und er trägt eine fliederfarbene Flamme.« Rodric lächelte, als sein Zeige- und sein Mittelfinger den Bogen des Kiefers der Königin nachzeichneten. »Man wird sie finden. Und wenn man sie nicht findet, dann nur, weil sie längst tot sind.«

Obwohl ihre Augen ihn so sehr an Eis erinnerten, erkannte Rodric mit Genugtuung, dass sich in den Tiefen ihrer Iris etwas regte. Da war sie, die eine Schwäche, die sie nie vor ihm hatte verbergen können: Die Tatsache, dass sie sich nach der Echtheit der Begierde sehnte, die sie gerade in seinen Augen zu erkennen glaubte. Natürlich war es noch mehr als das – denn attraktive Männer gab es viele. Es mangelte ihr nicht an Auswahl, wenn sie sich einen Sklaven oder einen Gespielen aussuchen wollte.

Aber niemand außer ihm trug eine schwarze Rún, noch dazu das Schwert, das ihn als Mitglied der mächtigen Kriegerkaste auszeichnete. Das Schwarz, die stärkste Farbe, die die größte Magietiefe anzeigte – die Möglichkeit, auf einen Schlag am meisten von der Mahr zu schöpfen oder auch am längsten einen Zauber aufrechtzuerhalten, war eine seltsame Fügung des Schicksals. Es war Zehntausende von Jahren her, das zuletzt ein Alb mit einer schwarzen Rún geboren war, und in der Kriegerkaste gab es nur einen Einzigen, von dem man noch den Namen kannte: Auberon, der der Gefährte der letzten Erzkönigin gewesen war. Auch sie hatte Schwarz getragen und damit die Macht gehabt, ganz Norfaega zu regieren.

Das war heute so lange her, dass die Geschichte für die meisten zu einem Märchen verkommen war. Aber Rodric wusste wie alle, denen eine intensive Ausbildung an einem Königinnenhof zuteil geworden war, dass es sich keineswegs um ein Märchen handelte. Die Erzkönigin war real gewesen, genauso wie ihr legendärer Hof, der an eben diesem Ort, dem Kristallpalast, vor vielen Albenaltern geherrscht hatte.

Nach ihrem Tod und dem Zerbrechen des Erzhofes war Norfaega erst in drei Reiche zerfallen – in Askyan, das Sturmalbenheim im Norden, aus dem sein Freund Tyran stammte. In Shayla im Zentrum des Kontinents, das damals vor allem von Erd- und Nachtalben bevölkert worden war, bevor die Lichtalben von den Inseln kamen. Und zuletzt das südlichste Königreich Glynvail. Lange hatten sich die drei Königinnen, die damals über die drei Reiche herrschten, nicht halten können. Die Länder waren weiter zersplittert, das uralte Blut der Alben war dünner geworden, und Kriege um längst vergangene Ansprüche hatten Norfaega in viele einzelne Höfe zerfetzt.

Königin Lamia war die erste Herrscherin nach beinahe fünfzigtausend Jahren, die es geschafft hatte, so gut wie alle der elf Höfe in Shayla unter ihre Kontrolle zu bringen. Lamias Rún, der Stern, der sie als Königin auszeichnete, war silbern und hatte damit die zweitmächtigste existierende Farbe. Doch das allein war es nicht, was ihr die Fähigkeit gegeben hatte, in weniger als zweitausend Jahren zehn der Albenhöfe zu unterwerfen.

Rodric spürte, wie Lamia ihre Hand auf seine Brust legte.