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Ein Mädchen mit einer geheimnisvollen Vergangenheit. Ein Seraphim auf Rachefeldzug. Eine Liebe unter einem dunklen Stern. – Der Auftakt der großen Romantasy-Trilogie von Laini Taylor für alle ab 14 Karou führt ein Doppelleben. Die meiste Zeit ist sie eine ganz normale Kunststudentin – außer, wenn der Chimäre Brimstone sie braucht und sie auf gefährliche Missionen an entlegene Orte schickt. Als Karou bei einem Auftrag in den Straßen von Marrakesch dem Seraphim Akiva begegnet, kommt sie nur knapp mit dem Leben davon. Doch bald wird klar, dass nur der gefährliche Akiva Antworten auf Fragen hat, die Karou ihr Leben lang umtreiben: Was hat es mit Karous rätselhafter Herkunft auf sich? Was verbindet sie mit dem tödlich schönen Engel? Karou wird in einen uralten Kampf verwickelt und in eine Liebe, die älter ist als die Zeit … - Eine einzigartige Erzählweise, grandioses Worldbuiling und Karou und Akivas epische Liebe – das ist Enemies-to-Lovers, wie TikTok es liebt - Band 1 der umwerfenden All-Age Romantasy-Trilogie von Bestseller-Autorin Laini Taylor – für Leser*innen ab 14 - Für alle Fans von Sabaa Tahirs »An Ember in the Ashes«,Ava Reids »A Study in Drowning« und Adalyn Graces »Belladonna« - Unvergessliche Charaktere und grandiose Plottwists treffen die Leser*innen mitten ins Herz Die ganze »Zwischen den Welten«-Reihe auf einen Blick: Band 1: »Daughter of Smoke and Bone« Band 2: »Days of Blood and Starlight« Band 3: »Dreams of Gods and Monsters«
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Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2025
Laini Taylor
Ein Mädchen mit einer geheimnisvollen Vergangenheit. Ein Seraphim auf Rachefeldzug. Eine Liebe unter einem dunklen Stern.
Karou führt ein Doppelleben. Die meiste Zeit ist sie eine ganz normale Kunststudentin – außer wenn der Chimäre Brimstone sie braucht und sie auf gefährliche Missionen an entlegene Orte schickt. Als Karou bei einem Auftrag in den Straßen von Marrakesch dem Seraphim Akiva begegnet, kommt sie nur knapp mit dem Leben davon. Doch bald wird klar, dass nur der gefährliche Akiva Antworten auf Fragen hat, die Karou ihr Leben lang umtreiben: Was hat es mit Karous rätselhafter Herkunft auf sich? Was verbindet sie mit dem tödlich schönen Engel? Karou wird in einen uralten Kampf verwickelt und in eine Liebe, die älter ist als die Zeit …
Alle Bände der Reihe ›Zwischen den Welten‹ von Laini Taylor:
Band 1: ›Daughter of Smoke and Bone‹
Band 2: ›Days of Blood and Starlight‹
Band 3: ›Dreams of Gods and Monsters‹
Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de
Laini Taylor ist die New-York-Times-Bestsellerautorin zahlreicher Romane, darunter die internationale »Daughter of Smoke and Bone«-Bestsellertrilogie. Sie hat Literatur und Kunst studiert und lebt in Portland, Oregon, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter Clementine.
Neuausgabe
Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Daughter of Smoke and Bone« bei Little, Brown and Company, New York.
Text © 2011 by Laini Taylor
Für die deutschsprachige Erstausgabe:
© 2012, S. Fischer Verlag GmbH
Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Landkarte: © Markus Weber
Landkarte Eretz: © Jim Di Bartolo
Covergestaltung: Dahlhaus & Blommel Media Design, Vreden, nach einer Idee von Karina Granda und der Hachette Verlagsgruppe unter Verwendung einer Illustration von Jelena Kevic Djurdjevic
ISBN 978-3-7336-0950-4
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Widmung
Teil 1
Unerschreckbar
Eine Art Enthüllungsprojekt
Hinterteil
Giftküche
Anderswo
Engel der Vernichtung
Schwarze Handabdrücke
Gavriels
Teufelspforten
Fräulein Hin-und-her
Bitte
Etwas ganz anderes
Der Grabräuber
Todesvogel der Seele
Die andere Tür
Gefallen
Eine Welt für sich
Blick in den Abgrund
Nicht wer, sondern was
True Story
Teil 2
Hoffnung hat ihre eigene Magie
Ein leeres Lutschbonbon
Unendliche Geduld
Fliegen ist leicht
Niemals Frieden
Leichtes Unbehagen
Nicht gejagt, sondern mächtig
Wie zum Gebet
Sternenlicht vor der Sonne
Du
Richtig
Ort und Person zugleich
Absurd
Was ist schon ein Tag?
Mit Engelszungen
Nicht nur töten
Teil 3
Im Traum verloren
Gottlos
Bluterbe
Fast wie Magie
Aleph
Schmerz und Salz und Allheit
Knack
Ganz
Madrigal
Plötzlich
Teil 4
Vernichtung
Rein
Zähne
Gezuckert
Die Serpentine
Wahnsinn
Liebe ist ein Element
Vorbestimmt
Kinder des Bedauerns
Die Erfindung des Lebens
Wiedergänger
Sieg und Vergeltung
Die neue Welt
Um Rückgabe wird gebeten
Epilog
Landkarte Eretz
Landkarte Prag
Dank
Für Jane.
Und eine neue Welt voller Möglichkeiten.
Es war einmal,
da verliebten sich ein Engel
und ein Teufel ineinander.
Es ging nicht gut aus.
Als sie über das schneebedeckte Kopfsteinpflaster zur Schule stapfte, hatte Karou keinerlei finstere Vorahnung, was den bevorstehenden Tag anging. Ein Montag wie jeder andere, abgesehen von seiner Montäglichkeit und der Tatsache, dass Januar war, völlig harmlos. Es war kalt und dunkel – mitten im Winter ging die Sonne nicht vor acht auf –, aber auch sehr hübsch. Der Schnee der frühen Morgenstunde gab Prag eine gespenstische Note, wie eine Ferrotypie, alles Silber und Dunst.
Auf der Uferstraße dröhnten Trams und Busse an Karou vorüber und verankerten den Tag im einundzwanzigsten Jahrhundert, aber in den ruhigeren Gassen hätte die winterliche Stille ohne Weiteres aus einem anderen Jahrhundert stammen können. Schnee und Stein und Geisterlicht, ihre eigenen Schritte, die dünnen Dampfschwaden aus ihrem Kaffeebecher – sie war allein und in ganz profane Gedanken versunken, an die Schule, an Dinge, die sie erledigen musste. Gelegentlich der bittere Geschmack von Herzschmerz, wie das eben so ist, aber sie schob ihn beiseite, energisch, fest entschlossen, das alles hinter sich zu lassen.
Mit der einen Hand umklammerte sie den Kaffeebecher, mit der anderen hielt sie ihren Mantelkragen zusammen. Über der Schulter trug sie ihre Künstlermappe, und auf ihren Haaren – lang, offen und pfauenblau – sammelte sich ein zartes Spitzengeflecht aus Schneeflocken.
Ein ganz normaler Tag.
Doch plötzlich …
Ein Knurren, rasche, vom Schnee gedämpfte Schritte, Hände packten sie von hinten, rissen sie zurück und pressten sie unsanft gegen eine breite Männerbrust. Dann zerrten behandschuhte Finger ihren Schal beiseite, und sie spürte Zähne – Zähne! – an ihrem Hals.
Zähne, die sie sanft in den Hals bissen.
Jemand knabberte an ihr!
Ärgerlich versuchte sie, sich zu befreien, ohne ihren Kaffee zu verschütten, aber leider schwappte der Becher trotzdem über, und ein paar Tropfen landeten im schmutzigen Schnee.
»Herrgott noch mal, Kaz, lass mich in Frieden!«, fauchte sie und wirbelte zu ihrem Exfreund herum. Die Straßenlaterne hüllte sein schönes Gesicht in weiches Licht. Blöde Schönheit, dachte sie und schubste ihn weg. Blödes Gesicht.
»Woher hast du denn gewusst, dass ich es bin?«, fragte er.
»Du bist es doch immer. Aber es funktioniert nie.«
Kazimir verdiente seinen Lebensunterhalt damit, dass er sich aus dem Hinterhalt auf ahnungslose Menschen stürzte, und es frustrierte ihn ohne Ende, dass Karou nie vor ihm erschrak. »Du bist einfach unerschreckbar«, beschwerte er sich und zog einen Schmollmund, den er für unwiderstehlich hielt. Bis vor Kurzem hätte Karou sich davon auch wirklich verführen lassen, hätte sich auf die Zehenspitzen gestellt, sanft mit der Zunge über seine vorgeschobene Unterlippe geleckt, sie dann vorsichtig zwischen die Zähne genommen, zärtlich an ihr gesaugt und sich schließlich zu einem Kuss angeschmiegt, der sie dahinschmelzen ließ wie sonnenwarmer Honig.
Aber damit war Schluss, ein für alle Mal.
»Vielleicht bist du einfach nicht Furcht einflößend«, sagte sie, drehte sich um und ging weiter.
Kaz holte sie ein und lief, die Hände tief in den Taschen vergraben, neben ihr her. »Aber ich bin Furcht einflößend – das Knurren, das Beißen! Jeder normale Mensch würde vor Schreck einen Herzanfall kriegen. Bloß du nicht. Aber in deinen Adern fließt ja auch kein Blut, sondern Eiswasser.«
Als sie ihn ignorierte, fügte er hinzu: »Josef und ich wollen eine neue Führung durch die Altstadt anbieten. Eine Vampir-Tour. Darauf fahren die Touristen garantiert ab!«
Ja, bestimmt, dachte Karou. Die Leute bezahlten gutes Geld für diese Gruselführungen, die daraus bestanden, dass Reisegruppen in der Dunkelheit durch die verwinkelten Gässchen der Prager Altstadt geschleust wurden und an den Orten haltmachten, an denen angeblich ein Mord verübt worden war. Dort stürzten dann selbst ernannte »Geister« aus den Hauseingängen und brachten die ahnungslosen Reisenden zum Kreischen. Karou hatte selbst schon mehrmals einen dieser Geister dargestellt, hatte einen blutigen Kopf in die Höhe gehalten, geröchelt und gestöhnt, bis das Geschrei irgendwann in erleichtertes Gelächter überging. Das hatte durchaus Spaß gemacht.
Auch die Zeit mit Kaz hatte Spaß gemacht. Aber es war vorbei. »Viel Glück«, sagte sie mit demonstrativem Desinteresse und ohne ihn anzusehen.
»Wir könnten dich brauchen«, sagte Kaz.
»Nein danke.«
»Du könntest eine sexy Vampirin spielen …«
»Nein.«
»Die Männer anlocken …«
»Nein.«
»Du könntest dein Cape anziehen …«
Sie erstarrte.
Mit leiser, einschmeichelnder Stimme fuhr Kaz fort: »Du hast es doch noch, oder, Baby? Die schwarze Seide auf deiner weißen Haut – etwas Schöneres kann ich mir gar nicht vorstellen.«
»Halt den Mund!«, zischte sie und blieb mitten auf dem Malteserplatz abrupt stehen. Gott, wie hatte sie nur so dumm sein können, sich in diesen hübschen, aber kleingeistigen Straßenschauspieler zu verknallen, sich für ihn verführerisch zurechtzumachen und ihm solche Erinnerungen zu schenken? Auserlesen dumm.
Einmalig dumm.
Kaz hob die Hand, um eine Schneeflocke von Karous Wimpern zu streifen. Sie wies ihn sofort zurück. »Wenn du mich anfasst, kriegst du meinen Kaffee in die Fresse!«
Kaz ließ die Hand wieder sinken. »Uuhuuh, wilde Karou! Warum bist du denn immer noch so abweisend? Ich habe doch gesagt, dass es mir leidtut.«
»In Ordnung, solange es dir woanders leidtut«, entgegnete sie. Sie unterhielten sich auf Tschechisch, und sie sprach mit einem leichten Akzent, der ausnehmend gut mit seinem einheimischen harmonisierte.
Er seufzte, denn es irritierte ihn kolossal, dass Karou seine Entschuldigung einfach nicht annahm. So hatte er sich das nicht vorgestellt. »Ach komm schon, Baby. Wir sind füreinander bestimmt, du und ich.« Seine Stimme klang rau und gleichzeitig seidenweich, wie die eines Blues-Sängers, wie aus Kies und Seide.
Füreinander bestimmt. Falls sie für jemanden »bestimmt« war, hoffte Karou sehr, dass es nicht Kaz war. Nachdenklich sah sie ihn an, den schönen Kazimir, dessen Lächeln sie noch bis vor Kurzem unwiderstehlich an seine Seite gezogen hatte. Ein Platz, an dem die Farben intensiver und die Empfindungen tiefer zu sein schienen. Doch bald war ihr klar geworden, dass dieser Platz auch sehr beliebt war und dass andere Mädchen ihn einnahmen, wenn Karou es einmal nicht tat.
»Frag doch Svetla, ob sie deine Vampirin sein möchte«, schlug sie vor. »Das hat sie bestimmt gut drauf.«
Er verzog gequält das Gesicht. »Aber ich möchte nicht Svetla. Ich möchte dich.«
»Tut mir leid, ich stehe nicht mehr zur Verfügung.«
»Sag das doch nicht«, sagte er leise und griff nach ihrer Hand.
Sie fuhr zurück, und trotz all ihrer Versuche, Distanz zu wahren, durchfuhr sie ein heftiger Herzschmerz. Er ist es nicht wert, sagte sie sich. Überhaupt nicht. »Dir ist hoffentlich klar, dass du dich benimmst wie ein Stalker.«
»Quatsch, ich verfolge dich doch nicht. Wir gehen nur zufällig den gleichen Weg.«
»Na schön«, sagte Karou. Inzwischen waren sie nur noch ein paar Häuser von der Böhmischen Kunstakademie entfernt, an der Karou studierte. Das Institut, eine private Einrichtung, war in einem kleinen, rosa gestrichenen Barockpalast untergebracht. Der Palast war berühmt dafür, dass in ihm während der Nazibesatzung zwei junge tschechische Freiheitskämpfer einem Gestapo-Kommandanten die Kehle durchgeschnitten und mit seinem Blut »Freiheit« an die Wand geschrieben hatten. Eine kurze, mutige Rebellion, die leider damit endete, dass sie festgenommen und auf die Kreuzblumen des Hoftors gespießt wurden. Jetzt gingen durch dieses Tor die Studenten aus und ein, rauchten, plauderten und trafen ihre Freunde. Doch Kaz war kein Student, mit zwanzig Jahren war er bereits ein paar Jahre älter als Karou, und sie hatte auch noch nie erlebt, dass er vor Mittag aus dem Bett kroch. »Warum bist du überhaupt schon auf?«, fragte sie.
»Ich hab einen neuen Job«, erklärte er. »Und der fängt früh an.«
»Was? Machst du etwa Vampir-Touren am Vormittag?«
»Nein, das nicht. Ich hab was anderes gefunden. So eine … eine Art Enthüllungsprojekt.« Er grinste. Aus irgendeinem Grund schien er sich diebisch zu freuen. Und es schien ihm sehr wichtig zu sein, dass Karou nachfragte und Genaueres über den Job wissen wollte.
Aber den Gefallen tat sie ihm nicht. Betont gleichgültig meinte sie: »Na dann viel Spaß«, wandte ihm den Rücken zu und ließ ihn stehen.
»Willst du gar nicht wissen, was ich mache?«, rief Kaz ihr nach. An seiner Stimme hörte sie, dass das Grinsen noch nicht ganz verschwunden war.
»Ist mir egal«, antwortete sie und ging durch das Tor.
Es wäre besser gewesen, wenn sie gefragt hätte.
Montags, mittwochs und freitags begann Karous Stundenplan mit Aktzeichnen. Als sie ins Studio kam, war ihre beste Freundin Zuzana bereits da und hatte schon Staffeleien vor der leicht erhöhten Plattform des Modells aufgebaut. Karou ließ Portfolio und Jacke von der Schulter rutschen, wickelte den Schal vom Hals und verkündete: »Mich verfolgt ein Stalker.«
Zuzana zog eine Augenbraue hoch. Sie war eine Meisterin im Augenbrauenhochziehen, und Karou beneidete sie sehr darum. Ihre eigenen Augenbrauen ließen sich nämlich nicht einzeln bewegen, was ihre Ausdrucksmöglichkeiten stark einschränkte, wenn es um Argwohn und Verachtung ging.
Zuzana beherrschte beides perfekt, aber momentan handelte es sich um eine sehr sanfte Version, die lediglich kühle Neugier ausdrückte. »Erzähl mir nicht, dass dieser Idiot wieder versucht hat, dich zu erschrecken.«
»Doch. Und er macht gerade eine Vampirphase durch. Er hat mich in den Hals gebissen.«
»Schauspieler«, murmelte Zuzana verächtlich. »Ich sage dir, du brauchst einen Elektroschocker für den Kerl. Das wird es ihm schon austreiben, andere Leute aus dem Hinterhalt zu überfallen.«
»Ich hab aber keinen Elektroschocker.« Karou fügte nicht hinzu, dass sie auch keinen brauchte, weil sie dank ihrer außergewöhnlichen Erziehung sehr wohl imstande war, sich auch ohne Elektroschocks zu verteidigen.
»Na, dann besorg dir einen. Ernsthaft. Schlechtes Benehmen muss bestraft werden. Außerdem macht es bestimmt Spaß. Meinst du nicht? Ich wollte schon immer mal Elektroschocks verteilen. Zapp!« Zuzana tat so, als hätte sie Krämpfe.
Karou schüttelte den Kopf. »Nein, du Mini-Sadistin, ich glaube nicht, dass das lustig wäre. Du bist echt schrecklich.«
»Ich bin nicht schrecklich, Kaz ist schrecklich. Erzähl mir nicht, dass ich dich daran erinnern muss!« Sie warf Karou einen scharfen Blick zu. »Oder dass du vorhast, ihm zu verzeihen.«
»Nein! Auf gar keinen Fall«, beteuerte Karou. »Aber versuch mal, ihn davon zu überzeugen.« Für Kaz war es schlicht unvorstellbar, dass ein Mädchen freiwillig seinem Charme entsagte. Und in den Monaten, in denen Karou mit ihm zusammen gewesen war, hatte sie seine Eitelkeit ja auch fleißig angeheizt, hatte ihn angehimmelt und war ihm zuliebe bereit gewesen zu … allem? Dass er sie jetzt umwarb, war ihrer Ansicht nach hauptsächlich ein Zeichen von verletztem Stolz – er wollte sich selbst beweisen, dass er jede haben konnte, die er wollte. Dass er nur mit dem kleinen Finger zu winken brauchte.
Vielleicht hatte Zuzana recht. Vielleicht sollte sie ihm wirklich mit einem Elektroschocker auf den Leib rücken.
»Skizzenbuch«, kommandierte Zuzana und streckte die Hand aus wie ein Chirurg, der sich das Skalpell reichen lässt.
Zuzanas Lust am Befehlen verhielt sich umgekehrt proportional zu ihrem zierlichen Körperbau. Sie überschritt die eins fünfzig nur in Stiefeln mit Plateausohlen, während Karou mit ihrem langen Hals und gertenschlanken Gliedmaßen größer wirkte als ihre tatsächlichen eins siebzig – wie es oft bei Balletttänzerinnen der Fall ist. Dank ihrer Tätowierungen und den leuchtend blauen Haaren erinnerte sie ansonsten allerdings nicht sehr an eine Ballerina.
Als sie jetzt das Skizzenbuch auspackte und ihrer Freundin reichte, sah man die beiden Tattoos, die ihre Handgelenke zierten wie zwei Armbänder – jeweils ein einziges Wort: true und story.
Zuzana nahm das Buch entgegen, und sofort kamen zwei ihrer Kommilitonen – Pavel und Dina – herüber, um ihr über die Schulter zu schauen. Karous Skizzenbücher besaßen in der Schule Kultstatus und wurden ständig herumgereicht und bewundert. Das jetzige – Nummer zweiundneunzig in einer lebenslangen Reihe – wurde von dicken Gummibändern notdürftig zusammengehalten, und sobald Zuzana diese löste, sprang es auf. Die Blätter, auf denen nun Karous typische Figuren vorbeihuschten, waren so mit Kreide und Farbe überzogen, dass die Bindung sie nur mit Mühe zusammenhielt.
Es waren zutiefst fremdartige, hinreißend gezeichnete Wesen, die hier zu sehen waren. Zum Beispiel Issa, von der Taille abwärts eine Schlange und aufwärts eine Frau, mit den nackten runden Brüsten von Kamasutra-Schnitzereien, mit der Haube und den Fangzähnen einer Kobra und dem Gesicht eines Engels.
Oder Twiga mit dem Giraffenhals und der Juwelierlupe im zusammengekniffenen Auge.
Yasri mit dem Papageienschnabel, in der einen Hand einen Teller mit Früchten, in der anderen einen Krug Wein.
Und natürlich Brimstone, der unumstrittene Star der Skizzenbücher. Hier war er dargestellt mit Kishmish, der anmutig auf einem seiner großen, geschwungenen Widderhörner hockte. In den fantastischen Geschichten, die Karou in ihren Skizzenbüchern erzählte, handelte Brimstone mit Wünschen. Manchmal bezeichnete sie ihn als »Wishmonger«, den Wunschhändler. Und dann wieder nannte sie ihn einfach nur »alter Griesgram«.
Schon als kleines Mädchen hatte Karou angefangen, diese Kreaturen zu zeichnen, und ihre Freunde neigten dazu, über sie zu reden, als wären sie real. »Was hat Brimstone denn dieses Wochenende so getrieben?«, fragte Zuzana.
»Das Übliche«, antwortete Karou dann. »Hat irgendwelchen Mördern Zähne abgekauft. Gestern hat ihm dieser grässliche somalische Wilderer eine Schachtel Krokodilzähne gebracht, aber der Idiot hat versucht, Brimstone zu bestehlen, und wäre um ein Haar von seinem Schlangenhalsband erwürgt worden. Er hat Glück, dass er noch lebt.«
Zuzana fand die Illustrationen zu dieser Geschichte auf den letzten Seiten des Buchs: Der Somalier mit nach oben verdrehten Augen, die peitschendünne Schlange, die sich so fest um seinen Hals wand wie ein Würgeisen. Karou hatte ihren Zuhörern schon des Öfteren erklärt, dass Menschen sich eine von Issas Schlangen umlegen lassen mussten, bevor sie Brimstones Laden betreten durften. Auf diese Weise waren sie leicht zu bezwingen, wenn sie irgendwelche faulen Tricks versuchten. Entweder wurden sie stranguliert, was nicht unbedingt zum Tod führte, oder falls notwendig, biss die Schlange den Betrüger in den Hals – was seinem Leben unweigerlich ein Ende setzte.
»Wie kannst du dir bloß immer dieses ganze verrückte Zeug ausdenken?«, fragte Zuzana voller neidischem Staunen.
»Wer sagt denn, dass ich es mir ausdenke? Vielleicht ist es ja real.«
»Ja, ja. Und deine Haare sind auch von Natur aus blau, nicht wahr?«
»Ja, genau«, erwiderte Karou und ließ sich eine lange blaue Strähne durch die Finger gleiten.
»Alles klar.«
Achselzuckend fasste Karou ihre Mähne im Nacken zu einem chaotischen Knoten zusammen und steckte ihn mit einem ihrer Pinsel fest. Ihre Haare waren wirklich blau, ein schönes, reines Blau wie Ultramarin direkt aus der Farbtube, aber über diese Tatsache sprach sie immer mit einem sarkastischen Grinsen, als wäre das absurd. Aus Erfahrung wusste sie, dass dieses träge Lächeln ausreichte, um ganz offen die Wahrheit sagen zu können, ohne das geringste Risiko, dass jemand ihr glaubte. Und das war wesentlich einfacher, als sich lauter Lügen merken zu müssen. Inzwischen war diese Taktik ein Teil ihrer Persönlichkeit geworden: Karou mit ihrem sarkastischen Lächeln und ihrer verrückten Fantasie.
In Wirklichkeit war jedoch nicht ihre Fantasie verrückt, sondern ihr Leben. Mit blauen Haaren, mit Brimstone und allem Drum und Dran.
Zuzana gab das Buch an Pavel weiter und begann, in ihrem eigenen großen Zeichenblock zu blättern und eine leere Seite zu suchen. »Ich frage mich, wer heute Modell steht.«
»Wahrscheinlich Wiktor«, meinte Karou. »Den hatten wir schon eine ganze Weile nicht mehr.«
»Ich weiß. Und ich hoffe, er ist tot.«
»Zuzana!«
»Was denn? Er ist mindestens acht Millionen Jahre alt. Statt diesem Klappergestell könnten wir genauso gut ein Skelett malen.«
Es gab etwa ein Dutzend männliche und weibliche Modelle, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Figur, die sich im Lauf des Semesters abwechselten. Von der umfangreichen Madame Svobodnik, deren Körper eher an eine Landschaft erinnerte, bis zur gertenschlanken Eliska mit ihren kurzen Koboldhaaren und der Wespentaille, dem Liebling aller männlichen Studenten. Den uralten Wiktor mochte Zuzana am wenigsten. Sie behauptete, dass sie jedes Mal, wenn sie ihn zeichnen musste, Albträume bekam.
»Er sieht aus wie eine ausgewickelte Mumie«, sagte sie und schauderte. »Einen nackten alten Mann anzustarren ist echt nichts für mich, schon gar nicht am frühen Morgen.«
»Besser, als von einem Vampir überfallen zu werden«, gab Karou zurück.
Sie hatte kein Problem damit, Wiktor zu zeichnen. Er war so kurzsichtig, dass er nie Blickkontakt zu den Studenten aufnahm, und das war ein großer Pluspunkt. Bei den jüngeren männlichen Modellen war es manchmal recht störend, wenn man von der konzentrierten Betrachtung eines Penis – den man eingehend studieren musste, da man die betreffende Stelle ja nicht einfach freilassen konnte – aufblickte und merkte, dass das Modell einen unverwandt anstarrte. Das hatte Karou schon des Öfteren so in Verlegenheit gebracht, dass sie knallrot angelaufen war und sich schnell hinter ihrer Staffelei versteckt hatte.
Doch diese Vorfälle sollten angesichts der Peinlichkeit, die ihr heute bevorstand, zur Bedeutungslosigkeit verblassen.
Karou war gerade dabei, einen Bleistift mit einem Rasiermesser anzuspitzen, als Zuzana mit seltsamer, halb erstickter Stimme hervorstieß: »Mein Gott, Karou!«
Und noch ehe sie aufblickte, wusste Karou, was los war.
Ein Enthüllungsprojekt hatte er gesagt. Oh, wie clever. Als sie die Augen von ihrem Stift hob, sah sie Kaz hinter Profesorka Fiala, ihrer Professorin, stehen, barfuß, im Bademantel, die schulterlangen, goldblonden Haare, die vor wenigen Minuten noch zerzaust und von Schneeflocken durchsetzt gewesen waren, zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. In seinem Gesicht gingen slawische Kanten und weiche Sinnlichkeit eine perfekte Verbindung ein: Wangenknochen wie von der Drehbank eines Diamantenschleifers, Lippen, die man am liebsten mit den Fingerspitzen berührt hätte, um zu prüfen, ob sie sich wirklich wie Samt anfühlten. Was sie taten, wie Karou aus Erfahrung wusste. Diese blöden Lippen.
Gemurmel erhob sich im Raum. Ein neues Modell, o mein Gott, der Typ ist ja hinreißend …
Aber dann übertönte eine Stimme alle anderen. »Ist das nicht Karous Freund?«
Exfreund, hätte sie am liebsten laut gebrüllt. Mein Exfreund!
»Ja, ich glaube, du hast recht. Sieh ihn dir nur an …«
Karou sah ihn an und hoffte, dass sie es schaffte, ihr Gesicht zu einer undurchdringlichen Maske erstarren zu lassen. Nicht rot werden, befahl sie sich. Keinesfalls rot werden. Kaz erwiderte ihren Blick ganz direkt, mit einem Lächeln, das das Grübchen in einer Wange zum Vorschein brachte, die Augen träge und amüsiert. Und als er sicher war, dass Karou den Blick nicht sofort wieder abwenden würde, hatte er auch noch die Frechheit zu zwinkern.
Hinter Karou wurde anzüglich gekichert.
»Oh, dieser miese Schweinehund …«, hauchte Zuzana.
Kaz stieg auf die Plattform. Während er den Gürtel des Bademantels aufband, sah er Karou fest in die Augen und wandte den Blick auch nicht ab, als er den Mantel gemächlich von den Schultern rutschen ließ. Und dann stand Karous Exfreund vor dem ganzen Kurs, so schön, dass es einem das Herz brach, so nackt wie Michelangelos ›David‹. Und auf seinem Brustkorb prangte ein neues Tattoo, direkt über dem Herzen.
Ein kunstvoll geschwungenes K.
Noch mehr Gekicher breitete sich aus. Die anderen Studenten konnten sich nicht entscheiden, wen sie anschauen sollten, Karou oder Kazimir, und die Blicke wanderten zwischen den beiden hin und her, während alle auf ein Drama warteten. »Ruhe!«, befahl Profesorka Fiala empört und klatschte in die Hände, bis das Kichern endlich verstummte. Und jetzt wurde Karou doch rot, sie konnte es einfach nicht aufhalten. Zuerst wurden Brustkorb und Nacken heiß, dann das Gesicht, und die ganze Zeit über starrte Kaz sie unverwandt an. Als er merkte, dass er sie in Verlegenheit gebracht hatte, vertiefte sich sein Grübchen.
»Ein-Minuten-Posen bitte, Kazimir«, ordnete die Professorin an.
Kaz folgte ihrer Anweisung und ging in Stellung, dynamisch, wie es sich für Ein-Minuten-Posen gehörte – gedrehter Torso, angespannte Muskeln, die Glieder wie in Bewegung gestreckt. Bei solchen Aufwärmskizzen ging es immer um Bewegung und freie Linien, und Kaz nutzte die Gelegenheit, um sich zur Schau zu stellen. Karou hörte nur sehr wenige Bleistifte übers Papier scharren. Glotzten die anderen Mädchen im Kurs genauso blödsinnig wie sie selbst?
Rasch senkte sie den Kopf, nahm ihren angespitzten Bleistift zur Hand und begann – obwohl ihr zahlreiche andere Verwendungszwecke einfielen, für die sie ihn lieber benutzt hätte – zu zeichnen. Mit flinken, fließenden Linien brachte sie alle Skizzen auf einer Seite unter und ließ sie sich überschneiden, damit es aussah wie die Illustration eines Tanzes.
Kaz besaß Anmut. Er verbrachte genug Zeit vor dem Spiegel, um zu wissen, wie er seinen Körper am effektvollsten einsetzte. Er sei sein Instrument, hatte er gesagt, für einen Schauspieler sei der Körper zusammen mit der Stimme das wichtigste Werkzeug. Nun, Kaz war ein miserabler Schauspieler – deshalb musste er sich mit Geister-Touren und gelegentlichen Billigproduktionen von ›Faust‹ über die Runden bringen –, aber er war ein hervorragendes Malermodell, das wusste Karou, denn sie hatte ihn schon oft gezeichnet.
Gleich beim ersten Mal, als Karou ihn »enthüllt« gesehen hatte, musste sie an eine Skulptur von Michelangelo denken. Anders als viele Renaissance-Künstler, die schlanke, weiche Modelle bevorzugten, hatte Michelangelo sich eher für Kraft interessiert, hatte breitschultrige Steinbrucharbeiter gemalt und es geschafft, ihnen eine sehr körperliche Sinnlichkeit und gleichzeitig eine große Eleganz zu verleihen. Und genau so war Kaz. Sinnlich und elegant.
Und falsch. Und narzisstisch. Und, wenn man ehrlich war, auch ein bisschen dumm.
»Karou!« Helen, die Studentin aus England, versuchte Karou mit einem heiseren Flüstern auf sich aufmerksam zu machen. »Ist er das wirklich?«
Aber Karou ignorierte sie und vollendete Kaz’ Ein-Minuten-Posen, als wäre nichts geschehen. Ein ganz normaler Tag an der Kunstakademie. Wenn das Modell ein freches Grübchen hatte und sie anstarrte – na und? Sie achtete einfach so wenig wie möglich darauf.
Als der Zeitmesser klingelte, hob Kaz träge seinen Bademantel auf und schlüpfte hinein. Karou hoffte, er würde nicht auf die Idee kommen, dass er im Studio frei herumlaufen durfte. Bleib, wo du bist, beschwor sie ihn. Aber es half nichts. Schon kam er auf sie zugeschlendert.
»Hi, Blödmann«, sagte Zuzana. »Bist du immer so zurückhaltend?«
Aber er ignorierte ihre zynische Bemerkung und fragte Karou: »Gefällt dir mein neues Tattoo?«
Die anderen Studenten waren dabei, aufzustehen, reckten und streckten sich, aber statt eine Zigarettenpause zu machen oder aufs Klo zu gehen, blieben sie ganz unauffällig in Hörweite.
»Klar«, antwortete Karou leichthin. »K für Kazimir, richtig?«
»Du Komikerin. Du weißt doch genau, was es bedeutet.«
»Na ja«, meinte sie betont nachdenklich. »Ich weiß, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, den du wirklich liebst, und sein Name fängt mit einem K an. Aber ich kann mir noch eine bessere Stelle dafür vorstellen.« Sie nahm ihren Stift zur Hand und malte in ihrer letzten Zeichnung von Kaz ein großes K auf seine klassisch geformte Pobacke.
Zuzana lachte, und Kaz biss sichtbar die Zähne zusammen. Wie die meisten eitlen Menschen konnte er es nicht leiden, wenn man sich über ihn lustig machte. »Ich bin nicht der Einzige mit einem Tattoo, stimmt’s, Karou?« Er sah Zuzana an. »Hat sie es dir mal gezeigt?«
Jetzt drückte Zuzanas hochgezogene Augenbraue unverkennbar Argwohn aus.
»Ich weiß nicht, welches Tattoo du meinst«, log Karou gelassen. »Ich hab eine Menge.« Zur Veranschaulichung zeigte sie nicht true oder story, auch nicht die Schlange, die sich um ihren Knöchel wand, oder sonst eines ihrer verborgenen Kunstwerke. Stattdessen hielt sie sich die Hände mit nach außen gedrehten Handflächen vors Gesicht. Im Zentrum von beiden befand sich ein tiefblaues Auge, sodass sich ihre Hände in Hamsas verwandelten, in die uralten Schutzsymbole gegen den bösen Blick. Für gewöhnlich verblassen Handflächentätowierungen ja sehr rasch, aber die von Karou waren noch so kräftig wie am ersten Tag. Sie hatte diese Zeichen, seit sie denken konnte. Womöglich war sie mit ihnen geboren.
»Nein, nicht die«, widersprach Kaz. »Ich meine das Tattoo, auf dem Kazimir steht, direkt über deinem Herzen.«
»So ein Tattoo hab ich nicht.« Sie gab ihrer Stimme einen verwunderten Klang, öffnete die oberen Knöpfe ihres Pullis und zog das Hemd, das sie darunter trug, ein paar Zentimeter herunter, um zu zeigen, dass sie wirklich kein Tattoo über der Brust hatte. Die Haut war weiß wie Milch.
Kaz blinzelte. »Was? Wie hast du …«
»Komm mal mit«, sagte Zuzana, packte Karous Hand und zog sie mit sich fort. Neugierige Blicke folgten ihnen, als sie sich zwischen den Staffeleien hindurchschlängelten.
»Karou, did you break up?«, flüsterte Helen auf Englisch, als sie an ihr vorbeikamen, aber Zuzana hob mit einer gebieterischen Geste die Hand, und Helen verstummte sofort, während Zuzana ihre Freundin aus dem Studio und weiter zum Mädchenklo schleppte. Dort fragte sie, noch immer mit gehobener Augenbraue: »Was zum Teufel war das denn?«
»Was?«
»Was? Du hast dich praktisch vor dem Kerl ausgezogen.«
»Also bitte, ich hab mich doch nicht ausgezogen.«
»Na, egal. Was ist das für eine Geschichte mit der Tätowierung über deinem Herzen?«
»Da ist nichts. Das hab ich dir doch gerade gezeigt.« Sie sah keinen Grund, hinzuzufügen, dass dort wirklich einmal etwas gewesen war, und tat lieber so, als hätte sie diese Dummheit nie begangen. Außerdem konnte sie ihrer Freundin unmöglich erklären, wie sie das Tattoo wieder losgeworden war.
»Na gut. Den Namen dieses Idioten brauchst du ja nun wirklich nicht auf deinem Körper. Was denkt der sich eigentlich? Meint er vielleicht, wenn er seine Jungsteile ein wenig rumbaumeln lässt wie ein Katzenspielzeug, dann flitzt du gleich wieder hinter ihm her?«
»Klar denkt er das«, antwortete Karou trocken. »Das ist seine Vorstellung von einer romantischen Geste.«
»Du brauchst nur Fiala zu sagen, dass er ein Stalker ist, dann schmeißt sie ihn in hohem Bogen raus.«
An diese Möglichkeit hatte Karou auch schon gedacht, aber jetzt schüttelte sie den Kopf. Es gab ganz sicher bessere Methoden, um Kaz endgültig aus ihrer Zeichenklasse und aus ihrem Leben zu verbannen. Sie hatte Mittel und Wege, von denen die meisten Menschen nur träumen konnten. Ihr würde schon etwas einfallen.
»Aber der Knabe ist nicht schlecht zu zeichnen.« Zuzana ging zum Spiegel und zupfte sich ein paar dunkle Haarsträhnen über die Stirn. »Das muss man ihm lassen.«
»Ja. Zu schade, dass er ein Riesenarschloch ist.«
»Ein total dummes Hinterteil«, stimmte Zuzana zu.
»Ein total dummes Hinterteil, das laufen und sprechen kann.«
Zuzana lachte. »Ein sprechendes Hinterteil! Das gefällt mir.«
Auf einmal hatte Karou eine Idee, und auf ihrem Gesicht erschien ein ziemlich fieses Grinsen.
»Was ist?«, wollte Zuzana sofort wissen.
»Nichts. Wir sollten wieder reingehen.«
»Bist du sicher? Keiner zwingt dich.«
Karou nickte. »Ist doch nichts dabei«, meinte sie.
Kaz hatte seinen Streich genug ausgekostet. Jetzt war sie an der Reihe. Auf dem Rückweg ins Studio hob sie die Hand und berührte die Kette an ihrem Hals, mehrere Reihen bunter afrikanischer Perlen. Zumindest sahen sie so aus wie afrikanische Perlen. Aber in Wirklichkeit waren sie mehr. Nicht viel mehr, aber es reichte für das, was Karou vorhatte.
Profesorka Fiala bat Kaz, sich für den Rest der Stunde hinzulegen, und er drapierte sich so auf der Liege, dass seine Pose zwar nicht direkt anstößig, aber zumindest grenzwertig war: die Knie ein klein wenig zu schräg, ein Lächeln, das durchaus eine erotische Aufforderung hätte sein können. Diesmal gab es kein Gekicher, aber Karou stellte sich unwillkürlich einen Temperaturanstieg in der Atmosphäre vor, so, als müssten sich die Mädchen – und vermutlich auch ein paar von den Jungs – gleich Kühlung zufächern. Sie selbst war nicht in Mitleidenschaft gezogen. Als Kaz sie wieder unter trägen Augenlidern anzustarren begann, begegnete sie seinem Blick offen und geradeheraus.
Dann begann sie zu zeichnen und gab sich dabei ehrlich Mühe, denn sie fand es angemessen, dass ihre Beziehung, die mit einer Zeichnung begonnen hatte, auch mit einer Zeichnung endete.
Als sie zum ersten Mal auf Kaz aufmerksam geworden war, hatte er zwei Tische weiter in der Mustache Bar gesessen und wie ein Bösewicht einen gezwirbelten Bart getragen, was ihr jetzt wie ein Omen erschien. Aber sie waren ja in der Mustache Bar gewesen, wo ein Schnurrbart zum guten Ton gehörte – Karou hatte sich am Automaten die Fu-Manchu-Version besorgt. Beide Bärte hatte sie später am Abend in ihr damaliges Skizzenbuch – Nummer neunzig – geklebt, und die dadurch verursachte Beule hatte es ihr leicht gemacht, die Seite zu finden, auf der ihre Geschichte mit Kaz begann.
Er hatte mit Freunden Bier getrunken, und Karou war so von ihm fasziniert gewesen, dass sie ihn gezeichnet hatte. Eigentlich zeichnete sie fast immer, nicht nur Brimstone und die anderen Kreaturen aus ihrem geheimen Leben, sondern auch Szenen und Menschen aus der gewöhnlichen Welt. Falkner, Straßenmusiker, orthodoxe Priester mit Bärten bis zum Bauch – und gelegentlich eben auch einen hübschen Jungen.
Normalerweise störte es niemanden, und die meisten ihrer Motive merkten es nicht mal, aber dieser hübsche Junge erwischte sie beim Zeichnen, und ehe sie sich’s versah, kam er zu ihr herüber. Wie geschmeichelt er sich von ihrer Zeichnung gefühlt hatte! Er zeigte das Bild seinen Freunden, nahm Karou bei der Hand, zog sie an seinen Tisch und ließ ihre Hand auch nicht los, als sie längst neben ihm Platz genommen hatte. So fing alles an: Sie bewunderte seine Schönheit, er sonnte sich in ihrer Bewunderung. Und so war es dann mehr oder weniger geblieben.
Natürlich hatte er ihr auch Komplimente über ihre Schönheit gemacht, die ganze Zeit sogar. Wenn Karou nicht schön gewesen wäre, hätte er sich sowieso nicht die Mühe gemacht, an ihren Tisch zu kommen. Kaz war nicht der Typ, der nach inneren Werten Ausschau hielt, und Karou war nun einmal ausgesprochen hübsch. Eine Haut wie Porzellan, lange Beine, azurblaue Haare, Augen wie ein Stummfilmstar. Sie bewegte sich wie ein Gedicht, und ihr Lächeln war das einer Sphinx. Und sie war nicht nur hübsch, ihr Gesicht sprühte vor Lebendigkeit, ihr Blick war strahlend und klar, und die Art, wie sie den Kopf schief legte – vogelgleich, mit zusammengepressten Lippen und dunkel funkelnden Augen –, wirkte geheimnisvoll und rätselhaft.
Karou war geheimnisvoll. Allem Anschein nach hatte sie keine Familie, redete nie über sich selbst und war eine Meisterin, wenn es darum ging, entsprechenden Fragen auszuweichen – ihre Freunde wussten so wenig über ihre Herkunft, als wäre sie geradewegs dem Haupt des Zeus entsprungen. Sie war voller Überraschungen. Aus ihren Taschen quollen seltsame Dinge: antike Bronzemünzen, Zähne, winzige Jade-Tiger, so groß wie ein Daumennagel. Und wenn sie mit einem afrikanischen Straßenverkäufer um eine Sonnenbrille feilschte, zeigte sich plötzlich, dass sie fließend Yoruba sprach. Als Kaz sie einmal ausgezogen hatte, stieß er in ihrem Stiefel auf ein Messer. Es war unmöglich, sie zu erschrecken, und dann waren da noch die Narben auf ihrem Bauch – drei glänzende Flecken, die eigentlich nur von Revolverkugeln stammen konnten.
»Wer bist du?«, hatte Kaz sie manchmal hingerissen gefragt, worauf Karou wehmütig erwiderte: »Das weiß ich nicht.«
Denn sie wusste es wirklich nicht.
Jetzt zeichnete sie zügig ihre Skizze, und wenn sie zwischen Modell und Zeichnung hin- und herschaute, wich sie Kaz’ Blick nicht aus. Denn sie wollte sein Gesicht sehen.
Sie wollte den Augenblick nicht verpassen, wenn sein Ausdruck sich veränderte.
Erst als sie seine Pose richtig eingefangen hatte, hob sie die linke Hand – während sie mit der rechten weiter zeichnete – und berührte die Perlen ihrer Kette. Vorsichtig nahm sie eine davon zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie fest.
Und dann wünschte sie sich etwas.
Es war ein sehr kleiner Wunsch. Schließlich waren die Perlen auch nur Scuppies. Genau wie Geld hatten auch Wünsche einen Nennwert, und Scuppies waren wie Pennys. Genau genommen waren sie sogar noch weniger wert als Pennys, denn im Gegensatz zu diesen ließen sich Wünsche nicht addieren. Pennys konnte man zusammenlegen, bis man Dollars hatte, aber Scuppies blieben immer Scuppies, und auch ganze Stränge, wie die Halskette, ergaben keinen stärkeren Wunsch, sondern nur viele kleine, nahezu nutzlose Wünsche.
Zum Beispiel für solche Dinge wie einen Juckreiz.
Karou wünschte sich, dass es Kaz juckte, und die Perle löste sich zwischen ihren Fingern in Luft auf. Weg war sie. Da sie noch nie jemandem einen Juckreiz gewünscht hatte und sichergehen wollte, ob es funktionierte, begann sie mit einer Stelle, an der Kaz keine Hemmungen haben würde, sich zu kratzen: an seinem Ellbogen. Und tatsächlich, kurz darauf stupste er damit, fast ohne seine Haltung zu verändern, verstohlen gegen das Kissen. Karou grinste in sich hinein und zeichnete weiter.
Einige Sekunden später nahm sie die nächste Perle zwischen die Finger und wünschte erneut einen Juckreiz, diesmal aber für Kaz’ Nase. Die Perle verschwand, die Kette verkürzte sich kaum merklich, und Kaz verzog das Gesicht. Ein paar Sekunden widerstand er dem Impuls, sich zu kratzen, aber dann gab er nach und rubbelte sich schnell mit dem Handrücken über die Nase, ehe er seine Pose wieder einnahm. Aber Karou konnte nicht umhin festzustellen, dass sein lasziver Schlafzimmerblick verschwunden war, und sie musste sich auf die Lippen beißen, um ihr Grinsen zu verbergen.
O Kazimir, dachte sie, du hättest heute lieber ausschlafen sollen, statt hier aufzutauchen.
Denn nun setzte sie ihren bösen Plan in die Tat um und wünschte den nächsten Juckreiz an eine sehr intime Stelle. In dem Moment, als der Reiz zuschlug, trafen sich ihre Blicke. In plötzlicher Anstrengung runzelte Kaz die Stirn. Karou legte den Kopf ein bisschen schief, als wollte sie fragen: Stimmt was nicht, Schatz?
Doch die Stelle, an der das Jucken eingesetzt hatte, konnte unmöglich in der Öffentlichkeit gekratzt werden. Kaz wurde blass. Seine Hüfte verschob sich, er konnte einfach nicht stillhalten. Karou gönnte ihm eine kleine Atempause und zeichnete weiter. Aber sobald er sich ein wenig entspannte, schlug sie erneut zu und musste ein Lachen unterdrücken, als sein Gesicht erstarrte.
Noch eine Perle verschwand zwischen ihren Fingern.
Und noch eine.
Das, dachte sie, ist nicht nur die Rache für den heutigen Auftritt. Damit zahlte sie ihm alles zurück: den Kummer, der sich immer noch wie ein Schlag in den Magen anfühlte, jedes Mal, wenn er sie in einem unerwarteten Moment traf, genauso frisch und schmerzhaft wie beim ersten Mal; die lächelnden Lügen und die inneren Bilder, die sie immer noch nicht abschütteln konnte. Und die Scham, so naiv gewesen zu sein.
Es war die Rache für die Einsamkeit, die sich viel schlimmer anfühlte, wenn man eine Weile nicht unter ihr gelitten hatte – wie eine seelische Variante des Gefühls, das sich am Körper einstellte, wenn man in einen nassen Badeanzug schlüpfte, klamm und elend.
Und es ist auch für das, was ich nie mehr wiederbekomme, dachte Karou, und nun lächelte sie nicht mehr.
Für meine Unschuld.
Mit ihrem schwarzen Cape und nichts darunter hatte sie sich so erwachsen gefühlt bei jenem ersten Mal – wie die tschechischen Mädchen, mit denen Kaz und Josef herumhingen, coole slawische Schönheiten mit Namen wie Svetla und Frantiska, Frauen, die aussahen, als könnte sie nichts mehr erschüttern und auch nichts mehr zum Lachen bringen. Hatte Karou wirklich den Wunsch gehabt, so zu werden wie sie? So musste es wohl gewesen sein. Jedenfalls hatte sie die Rolle eines Mädchens – einer jungen Frau – gespielt, die alles ganz locker nahm. Sie hatte ihre Jungfräulichkeit behandelt wie ein lästiges Überbleibsel aus ihrer Kindheit und sie so verloren, für immer.
Dass es ihr leidtun würde, hatte sie nicht erwartet, und zunächst war das auch nicht der Fall gewesen. Der Akt als solcher war weder enttäuschend noch magisch, er war einfach nur das, was er war: eine neue Form von Nähe. Ein Geheimnis, das sie mit jemandem teilte.
Das jedenfalls hatte sie gedacht.
»Du siehst anders aus, Karou«, hatte Kaz’ Freund Josef gemeint, als sie sich danach zum ersten Mal sahen. »Irgendwie … strahlend.«
Kaz hatte ihn in die Schulter geknufft, um ihn zum Schweigen zu bringen, und gleichzeitig seltsam verlegen und doch selbstzufrieden ausgesehen. Da wusste Karou, dass er ihr Geheimnis verraten hatte. Sogar den Mädchen, deren rubinrote Lippen sich vielsagend kräuselten. Svetla – mit der Karou ihn später erwischt hatte – ließ sogar, ohne die Miene zu verziehen, eine Bemerkung darüber fallen, dass Capes anscheinend wieder in Mode kamen, woraufhin Kaz ein bisschen rot wurde und schnell den Blick abwandte, der einzige Hinweis darauf, dass ihm bewusst war, was er getan hatte.
Karou dagegen hatte nicht einmal Zuzana davon erzählt, anfangs, weil es allein ihr und Kaz’ Geheimnis war, später, weil sie sich schämte. Sie hatte es niemandem verraten, aber Brimstone, mit seiner undurchschaubaren Art, manche Dinge einfach zu wissen, hatte es erraten und die Gelegenheit genutzt, um ihr eine mächtige Moralpredigt zu halten.
Die war allerdings höchst interessant gewesen.
Die Stimme des Wunschhändlers war so tief, dass sie fast wie der Schatten einer Stimme erschien: ein dunkler Laut, der im untersten Register des Gehörs lauerte. »Ich kenne nicht viele Regeln, nach denen man leben sollte, Kind«, hatte er gesagt. »Aber eine ganz einfache: Lass kein unnötiges Zeug in dich rein. Kein Gift, keine Chemikalien, keine Abgase, keinen Qualm, keinen Alkohol, keine scharfen Gegenstände, keine entbehrlichen Nadeln – sei es für Drogen oder für Tätowierungen – und auch keine entbehrlichen Penisse.«
»Entbehrliche Penisse?«, hatte Karou wiederholt und sich trotz ihres Kummers köstlich über den Ausdruck amüsiert. »Gibt es denn auch unentbehrliche?«
»Wenn der unentbehrliche dir begegnet, wirst du es schon merken«, hatte er geantwortet. »Verschwende dich nicht, Kind. Warte auf die Liebe.«
»Liebe.« Ihre Freude verpuffte. Sie hatte doch gedacht, es wäre Liebe.
»Sie wird kommen, und du wirst es wissen«, hatte Brimstone versprochen, und sie wollte ihm unbedingt glauben. Schließlich lebte Brimstone seit Hunderten von Jahren, oder nicht? Karou hatte noch nie über Brimstone und die Liebe nachgedacht – wenn man ihn ansah, kam er einem wirklich nicht wie ein Experte für Liebesdinge vor –, aber sie hoffte, dass er in den Jahrhunderten seines Lebens ein gewisses Maß an Erkenntnissen über die Liebe erworben hatte und dass er recht hatte mit dem, was er über sie sagte.
Denn genau das war von allen Dingen der Welt ihre größte Sehnsucht, der größte Wunsch eines Waisenkinds: Liebe. Und diese Sehnsucht hatte Kaz ganz sicher nicht erfüllt.
Plötzlich brach ihre Bleistiftspitze ab, weil sie beim Zeichnen zu stark aufgedrückt hatte. Im gleichen Moment kochte die Wut in ihr hoch und übertrug sich in Form einer Jucksalve, die aus ihrer Halskette ein Kropfband machte und Kaz von seinem Modellpodest aufspringen ließ. Karou ließ ihre Kette los und schaute zu ihm. Schon war er an der Tür, riss sie auf und rannte, den Bademantel noch in der Hand, nackt hinaus auf den Korridor, so eilig hatte er es, wegzukommen und ein ruhiges Eckchen zu finden, wo er sich unbeobachtet seiner demütigenden Qual widmen konnte.
Die Tür klappte wieder zu, und der ganze Kurs starrte blinzelnd auf die leere Liege. Profesorka Fiala blickte streng über ihre Brille hinweg zur Tür, und Karou biss sich beschämt auf die Unterlippe.
Vielleicht war sie doch ein wenig zu weit gegangen.
»Was ist denn mit dem Blödmann los?«, fragte Zuzana.
»Keine Ahnung«, antwortete Karou und blickte auf ihre Zeichnung hinunter. Auf dem Blatt war Kaz in all seiner Sinnlichkeit und Eleganz festgehalten und sah aus, als würde er auf seine Geliebte warten. Es hätte ein gutes Bild sein können, aber sie hatte es ruiniert. Die Linien waren zu dunkel, hatten jede Feinheit verloren und gipfelten in einem chaotischen Gekritzel über seinem … entbehrlichen Penis. Was Brimstone jetzt wohl von ihr denken würde? Sie konnte es sich vorstellen. Er tadelte sie sowieso schon dauernd für ihre achtlose Verschwendung von Wünschen – zuletzt dafür, dass sie Svetlas Augenbrauen über Nacht so buschig hatte werden lassen, dass sie aussahen wie Raupen und sofort nachwuchsen, wenn man sie auszupfte.
»Es sind schon Frauen für weniger auf dem Scheiterhaufen gelandet, Karou«, hatte Brimstone gesagt.
Was hab ich für ein Glück, dass ich nicht im Mittelalter lebe, dachte sie.
Der Rest des Schultages verlief ereignislos. Eine Doppelstunde Chemie und Farblabor, gefolgt vom Meisterzeichnen und der Lunchpause. Danach ging Zuzana zum Puppenspiel und Karou zur Malerei, beides dreistündige Studiokurse, und schließlich traten sie wieder in die gleiche winterliche Dunkelheit hinaus, in der sie heute Morgen angekommen waren.
»Gift?«, fragte Zuzana, als sie das Gebäude verließen.
»Was denn sonst?«, erwiderte Karou. »Ich bin am Verhungern.«
Die Köpfe vor dem eisigen Wind geduckt, machten sie sich auf den Weg in Richtung Fluss.
Die Straßen Prags waren wie eine Fantasiekulisse, kaum vom einundzwanzigsten Jahrhundert berührt und, nebenbei bemerkt, auch nicht vom zwanzigsten oder neunzehnten. Die Stadt der Alchemisten und Träumer, auf dem mittelalterlichen Kopfsteinpflaster unsichtbare Fußspuren von Golems, Mystikern und Invasionsarmeen. Große Häuser schimmerten golden, karminrot und himmelblau, mit Rokokoverputz und von Dächern in Uniformrot gekrönt. Im sanften Grün von antikem Kupfer ragten barocke Kuppeln in die Höhe, und gotische Kirchturmspitzen schienen nur darauf zu warten, gefallene Engel zu pfählen. Der Wind trug Erinnerungen an Magie, an Revolution, an Violinenklang, und die kopfsteingepflasterten Gassen schlängelten sich dahin wie muntere Bäche. Kleingangster mit Mozartperücken gaben an Straßenecken Kammermusik zum Besten, und in den Fenstern hingen Marionetten, sodass die ganze Stadt wirkte wie ein Theater mit unsichtbaren Puppenspielern, die sich hinter einem Samtvorhang versteckten.
Über alldem erhob sich auf dem Hügel die Burg mit ihrer dornenscharfen Silhouette. Nachts erstrahlte sie gespenstisch im Scheinwerferlicht, und an diesem Abend hing der Himmel dicht über der Erde, die Wolken schwer vom Schnee, das Licht der Straßenlaternen vage und verhangen.
Unten beim Teufelsbach lag die GIFTKÜCHE, ein Lokal, in das nur selten jemand zufällig hineinstolperte. Man musste wissen, dass es da war, und sich unter einem unbeschilderten Steinbogen hindurchducken, der in einen ummauerten Friedhof führte. Jenseits des Friedhofs schimmerten schließlich die erleuchteten Fenster des Cafés.
Leider waren die Touristen seit Kurzem jedoch nicht mehr auf den Zufall angewiesen, um das Lokal zu entdecken, denn die neueste Ausgabe des »Lonely Planet Guide« hatte der Welt das lange gehütete Geheimnis verraten.
»Die früher an das mittelalterliche Kloster angeschlossene Kirche brannte vor etwa dreihundert Jahren ab, doch die Mönchszellen existieren noch und wurden zu einem Café umgebaut, wie Sie es sonst nirgendwo auf der Welt finden werden, dekoriert mit klassischen Statuen, auf denen der Besitzer des Etablissements seine gesamte Gasmaskensammlung aus dem Ersten Weltkrieg zur Schau stellt. Der Legende nach verlor im Mittelalter ein Klosterkoch den Verstand und brachte das gesamte Kloster mit vergiftetem Gulasch um, daher auch der makabre Name des Cafés und seine Spezialität: Gulasch, natürlich. Nehmen Sie Platz auf einem der Samtsofas und legen Sie die Beine auf einen Sarg. Vielleicht stammen die Schädel hinter der Bar von den ermordeten Mönchen, vielleicht auch nicht …«
Im letzten halben Jahr waren einige Rucksacktouristen durch den Torbogen marschiert, um dieses umwerfend morbide Stückchen Prag zu bewundern und natürlich auch auf den Ansichtskarten zu erwähnen, die sie an ihre Lieben zu Hause verschickten.
Heute Abend jedoch war es sehr ruhig im Café. In einer Ecke fotografierte ein Elternpaar seine Kinder, die mit Gasmasken posierten, am Tresen kauerten ein paar Männer, aber die meisten Tische – die tatsächlich Särge waren, flankiert von samtbezogenen Sitzbänken – waren leer. Überall standen römische Statuen, lebensgroße Götter, Nymphen mit fehlenden Armen und Flügeln, und in der Mitte des großen dunklen Raums thronte unter dem Steingewölbe eine Kopie der Reiterstatue von Mark Aurel, deren Original den Kapitolsplatz in Rom ziert.
»O gut, die Pestilenz ist frei«, sagte Karou und ging auf die riesige Skulptur zu. Sowohl der römische Philosoph und Kaiser als auch sein Pferd trugen Gasmasken, wie alle anderen Statuen im Lokal, und Karou musste bei seinem Anblick immer an den ersten Reiter der Apokalypse denken, die Pestilenz, die mit ausgestrecktem Arm die Plage aussät. Der Lieblingstisch der Mädchen stand im Schatten des Standbilds, und man hatte an ihm sowohl seine Ruhe als auch – durch die Beine des Pferds – einen guten Überblick über den Raum, sodass sie sehen konnten, ob jemand Interessantes hereinkam.
Sie legten ihre Portfolios weg und hängten ihre Mäntel an Mark Aurels steinernen Fingerspitzen auf. Der einäugige Eigentümer des Lokals hob hinter der Bar die Hand, und sie erwiderten seinen Gruß auf die gleiche Weise.
Inzwischen waren sie seit zweieinhalb Jahren Stammgäste in der GIFTKÜCHE. Damals hatten sie, beide fünfzehnjährig, gerade ihr Studium an der Kunstakademie begonnen. Karou war ganz neu in Prag gewesen und kannte keine Menschenseele. Ihr Tschechisch war zu der Zeit noch ganz frisch – sie hatte es sich mithilfe eines Wunschs angeeignet, nicht etwa durch mühsames Lernen, denn sie sammelte Sprachen, und Brimstone schenkte ihr immer welche zum Geburtstag –, und es hatte immer noch einen komischen Geschmack auf ihrer Zunge gehabt, wie ein fremdes Gewürz.
Davor war sie in England auf dem Internat gewesen, und obwohl sie auch mit einem makellosen britischen Akzent sprechen konnte, hatte sie den amerikanischen beibehalten, den sie als Kind entwickelt hatte, sodass ihre Kommilitonen sie für eine Amerikanerin gehalten hatten. In Wahrheit hatte sie keinerlei Anspruch auf irgendeine Staatsangehörigkeit. Alle ihre Papiere waren Fälschungen, und ihre Akzente reine Imitation – außer in ihrer Muttersprache, die jedoch nicht menschlichen Ursprungs war.
Zuzana dagegen war Tschechin und stammte von einer langen Reihe von Marionettenspielern aus Cesky Krumlov ab, einem hübschen kleinen Städtchen in Südböhmen. Ihr großer Bruder hatte die Familie damit geschockt, dass er zur Armee gegangen war, aber Zuzana hatte das Marionettentheater im Blut und hielt die Familientradition aufrecht. Auch sie hatte niemanden an der Akademie gekannt, und wie der Zufall es so wollte, hatten sie und Karou im ersten Semester gemeinsam die Aufgabe bekommen, für eine benachbarte Grundschule ein Wandgemälde anzufertigen. Eine Woche lang standen sie jeden Abend auf der Leiter, und in dieser Zeit gewöhnten sie sich an, nach getaner Arbeit in der GIFTKÜCHE etwas zu essen. Dort hatte ihre Freundschaft gekeimt, und als das Gemälde fertig war, hatte der Besitzer sie angeheuert, die Waschräume seines Etablissements mit Szenen von Skeletten auf Toiletten zu verschönern. Einen Monat lang bekamen sie dafür gratis zu essen, was sicherstellte, dass sie wiederkamen, und nun, zwei Jahre später, war die GIFTKÜCHE immer noch ihr Lieblingslokal.
Sie bestellten zwei Teller Gulasch, und während sie aßen, redeten sie über Kaz’ Auftritt, über die Nasenhaare des Chemielehrers – Zuzana bestand darauf, dass man sie flechten könnte – und tauschten Ideen für das Semesterprojekt aus. Nach kurzer Zeit wandte sich das Gespräch dem attraktiven neuen Geiger im Orchester des Prager Marionettentheaters zu.
»Er hat eine Freundin«, jammerte Zuzana.
»Was? Woher weißt du das denn?«
»Er schreibt in den Pausen immer so eifrig SMS.«
»Und das soll ein Beweis sein? Ziemlich dürftig. Vielleicht jagt er nebenbei Verbrecher und schickt seinem Erzfeind vertrackte Rätsel«, schlug Karou vor.
»Ja, bestimmt. Danke, jetzt bin ich ja so beruhigt.«
»Ich meine doch nur, es gibt auch andere Erklärungen für die SMS. Und überhaupt – seit wann bist du denn plötzlich so schüchtern? Sprich ihn doch einfach mal an!«
»Und was soll ich ihm sagen? Mal wieder hübsch gegeigt, schöner Mann?«
»Ja, unbedingt!«
Zuzana schnaubte. Am Wochenende arbeitete sie als Assistentin im Marionettentheater, und ein paar Wochen vor Weihnachten hatte sie sich in den Geiger verliebt. Obwohl sie sonst nicht auf den Mund gefallen war, hatte sie bisher noch kein Wort mit ihm gewechselt. »Er hält mich wahrscheinlich für ein kleines Mädchen«, sagte sie. »Du hast ja keine Ahnung, wie es ist, wenn man Kindergröße hat.«
»Marionettengröße«, verbesserte Karou, die keinerlei Mitleid mit ihrer Freundin hatte. Sie fand Zuzanas Körpergröße perfekt – als ob man eine kleine Fee im Wald finden würde, die man am liebsten in die Tasche stecken wollte. Obwohl die Fee in Zuzanas Fall höchstwahrscheinlich tollwütig war und biss.
»Ja, Zuzana, die wundervolle menschliche Marionette. Schau nur, wie sie tanzen kann.« Sie machte ein paar abgehackte Ballettbewegungen mit den Armen.
Von einer plötzlichen Idee beflügelt, meinte Karou: »Hey, mir ist gerade was eingefallen für dein Projekt – wie wäre es, wenn du einen riesigen Puppenspieler baust, und du selbst bist die Marionette. Verstehst du? Wenn du dich bewegst, ist das, na ja, es ist so eine Art umgekehrtes Puppenspiel, ein Rollentausch. Hat das schon mal jemand ausprobiert? Du bist die Puppe und tanzt an den Fäden, aber in Wirklichkeit sind es deine Bewegungen, die die Hände des Puppenspielers führen.«
Zuzana, die sich gerade ein Stück Brot in den Mund stecken wollte, hielt inne. An dem verträumten Ausdruck in ihren Augen erkannte Karou, dass ihre Freundin sich ihren Vorschlag bereits ausmalte und dass er ihr gefiel. »Das wäre aber eine echt riesige Marionette.«
»Ich könnte dein Make-up machen. Eine kleine Marionetten-Ballerina.«
»Bist du sicher, dass ich das machen soll? Es war doch deine Idee.«
»Wie bitte? Ich soll eine Riesenmarionette bauen? Nein, das ist deine Sache!«
»Na, dann vielen Dank. Hast du eigentlich schon eine Idee für dein eigenes Projekt?«
Bisher war das leider nicht der Fall. Letztes Semester hatte Karou ein Projekt zum Thema Kostümdesign gewählt und Engelsflügel gebaut, die sie sich mit einem Geschirr umschnallen und durch ein ausgeklügeltes Flaschenzugsystem so bedienen konnte, dass sie sich heben und senken ließen. Ausgebreitet hatten die Flügel eine Spannweite von beeindruckenden dreieinhalb Metern. Doch als sie sie Brimstone vorführen wollte, war sie nicht mal bis zu ihm vorgedrungen. Schon im Vorraum hatte Issa sie aufgehalten und laut gefaucht – die sanfte Issa! –, mit gesträubter Kobrahaube und so aufgebracht, wie Karou sie in ihrem ganzen Leben nur ein paarmal gesehen hatte. »Ausgerechnet ein Engel! Was Abscheulicheres ist dir wohl nicht eingefallen? Runter mit den Flügeldingern! Ich ertrag es nicht, dich so zu sehen!« Es war alles sehr seltsam gewesen, und jetzt hingen die Flügel in Karous winzigem Apartment über dem Bett, wo sie die ganze Wand einnahmen.
In diesem Semester musste sie sich ein Motiv für eine Reihe von Gemälden einfallen lassen, aber bisher war ihr noch keine zündende Idee gekommen. Während sie jetzt darüber grübelte, hörte sie das Glöckchengeklingel der Eingangstür. Ein paar Männer kamen herein, dicht gefolgt von einem winzigen Schatten. Er hatte Größe und Form einer Krähe, aber so etwas Alltägliches war er nicht.
Es war Kishmish.
Karou richtete sich auf und warf ihrer Freundin einen raschen Blick zu. Aber Zuzana skizzierte bereits Ideen für ihr Projekt in ihr Notizbuch und reagierte kaum, als Karou sich entschuldigte und zur Toilette ging. Der Schatten folgte ihr, geduckt und unbemerkt.
Brimstones Botschafter hatte den Körper und den Schnabel einer Krähe, aber die häutigen Flügel einer Fledermaus, und seine Zunge, die gelegentlich aus seinem Schnabel hervorhuschte, war gespalten. Er sah aus wie einem Bild von Hieronymus Bosch entsprungen. In den Füßen hielt er einen Zettel, und als Karou ihm das dicke Papier abnahm, sah sie, dass die kleinen, messerspitzen Krallen kleine Löcher hinterlassen hatten.
Sie entfaltete das Briefchen und las die Botschaft, was alles in allem etwa zwei Sekunden dauerte, denn der Text war ziemlich knapp: Dringender Auftrag, muss umgehend erledigt werden. Komm sofort.
»Das Wort Bitte gehört nicht zu seinem Wortschatz«, bemerkte sie.
Kishmish legte den Kopf schief wie eine ganz normale Krähe, als wollte er fragen: »Und – kommst du?«
»Na klar komme ich«, antwortete Karou. »Ich tu doch immer, was er sagt.«
Ihrer Freundin erklärte sie einen Moment später: »Ich muss weg.«
»Was?«, Zuzana blickte von ihrem Skizzenbuch auf. »Aber unser Nachtisch ist doch gerade gekommen.«
Auf dem Sarg standen zwei Teller mit Apfelstrudel und eine Kanne Tee.
»Ach verdammt«, sagte Karou. »Es geht nicht, ich hab einen Auftrag.«
»Du und deine Aufträge. Was musst du denn machen? Und dann auch noch so plötzlich?«
»Nur was erledigen«, erwiderte Karou ausweichend, und Zuzana bohrte nicht weiter nach, denn sie wusste aus Erfahrung, dass sie sowieso keine näheren Auskünfte bekommen würde.
Karou hatte Dinge zu erledigen. Manchmal dauerte es ein paar Stunden, manchmal war sie tagelang weg und kehrte müde und mitgenommen zurück, manchmal blass, manchmal sonnenverbrannt, hinkend oder mit Bissspuren, und einmal hatte sie sogar ein hartnäckiges Fieber mitgebracht, das sich als Malaria herausstellte.
»Wie in aller Welt hast du es denn geschafft, dir eine Tropenkrankheit anzulachen?«, hatte Zuzana gefragt, worauf Karou antwortete: »Ach, ich weiß auch nicht. In der Straßenbahn vielleicht? Vor ein paar Tagen hat mir eine alte Frau direkt ins Gesicht geniest.«
»So bekommt man keine Malaria!«
»Ich weiß. Aber es war eklig. Ich spiele mit dem Gedanken, mir ein Moped zuzulegen, damit ich nicht mehr mit der Straßenbahn fahren muss.«
Damit war die Diskussion beendet. Wenn man mit Karou befreundet war, musste man sich damit abfinden, dass man sie nie hundertprozentig kannte. Deshalb seufzte Zuzana jetzt auch nur und sagte: »Na gut. Dann esse ich eben zwei Strudel. Wenn ich dick werde, bist du schuld«, und Karou verließ die GIFTKÜCHE, während ein Schatten vor ihr aus der Tür huschte, der beinahe aussah wie eine Krähe.
Kishmish schwang sich in die Lüfte, und mit einem Flügelschlag war er verschwunden. Karou sah ihm nach und wünschte, sie könnte ihm folgen. Wie viel Macht müsste ein Wunsch wohl haben, um ihr die Fähigkeit zu verleihen, zu fliegen?
Zu so einem mächtigen Wunsch würde sie nie Zugang haben.
Mit Scuppies geizte Brimstone nicht. Sie durfte ihre Kette, sooft sie wollte, mit den Perlen aus einer seiner gesprungenen Teetassen erneuern, und für die Aufträge, die sie für ihn erledigte, bezahlte er sie mit bronzenen Shings. Shings waren Wünsche, die eine Machtkategorie höher lagen als Scuppies und dementsprechend mehr bewirken konnten – Svetlas Raupenaugenbrauen waren ein typisches Beispiel, genauso wie Karous blaue Haare und das Entfernen ihrer Tattoos. Aber sie hatte noch nie einen Wunsch in die Finger gekriegt, der wahre Magie bewirkte. Das würde sie auch in Zukunft nicht, wenn sie es sich nicht verdiente, und Karou wusste nur zu gut, wie Menschen an Wünsche kamen: in erster Linie durch Diebstahl, Grabraub und Mord.
Oh, und es gab noch einen anderen Weg: eine bestimmte Form von Selbstverstümmelung, die Zangen und eine tiefe Hingabe erforderte.
Es war nicht wie in den Geschichten. Keine Hexe wartete in der Gestalt eines alten Hutzelweibchens am Straßenrand und belohnte Wanderer, die ihr Brot mit ihr teilten. Kein Dschinn schoss aus seiner Lampe, und kein Fisch feilschte um sein Leben. Auf der ganzen Welt gab es nur einen Ort, wo Menschen Wünsche bekommen konnten: Brimstones Laden. Und er akzeptierte nur eine Währung. Bezahlt wurde nicht mit Gold oder Rätsellösen, nicht mit Freundlichkeit oder sonst einem Quatsch, der in Märchen verzapft wurde, und nein, auch nicht mit Seelen. Sondern mit etwas noch viel Merkwürdigerem.
Mit Zähnen.
Karou überquerte die Karlsbrücke und nahm die Straßenbahn nach Norden ins Jüdische Viertel; ursprünglich ein mittelalterliches Ghetto, zeichnete es sich inzwischen durch eine hohe Dichte von Jugendstilgebäuden aus, hübsch und verschnörkelt wie Torten. Karous Ziel war der Dienstboteneingang eines dieser Gebäude. Die schlichte Metalltür sah nicht sonderlich bedeutungsvoll aus, und für sich genommen war sie das auch nicht. Wenn man sie von außen öffnete, lag dahinter nur eine stockfleckige Wäschekammer. Aber Karou öffnete sie nicht. Sie klopfte und wartete, denn wenn die Tür von innen geöffnet wurde, führte sie an einen ganz anderen Ort.
Die Tür schwang auf und gab den Blick frei auf Issa, genau wie Karou sie gemalt hatte – eine Schlangengöttin in einem antiken Tempel. Ihr gewundener Unterleib verlor sich im Schatten eines kleinen Flurs. »Sei gesegnet, meine Liebe.«
»Sei gesegnet«, erwiderte Karou herzlich und küsste sie auf die Wange. »Ist Kishmish schon zurück?«
»Das ist er«, sagte Issa. »Saß auf meiner Schulter, kalt wie ein Eiszapfen. Aber komm erst mal rein. In deiner Stadt ist es ja furchtbar kalt.« Sie war die Wächterin der Schwelle und winkte Karou herein, die Tür schnell hinter ihr schließend, sodass sie zu zweit in einem Raum standen, der nicht größer war als ein Wandschrank. Die äußere Tür des Flurs musste richtig geschlossen werden, bevor sich die innere öffnen ließ, wie die Sicherheitstüren in einem Vogelhaus, die dafür sorgen, dass die Vögel nicht davonfliegen können. Nur dass mit diesen Türen keine Vögel aufgehalten wurden.
»Wie war dein Tag, Süße?« Ein halbes Duzend Schlangen wand sich um Issas Körper, manche waren um ihre Arme geschlungen, manche glitten durch ihre Haare, und eine umschloss ihre schmale Taille wie die Kette einer Bauchtänzerin. Jeder, der Einlass erbat, musste sich eine dieser Schlangen um den Hals legen lassen, bevor die inneren Türen sich öffneten – jeder bis auf Karou. Sie war der einzige Mensch, der den Laden ohne ein solches Halsband betreten durfte, denn man vertraute ihr. Schließlich war sie an diesem Ort aufgewachsen.
»Was für ein Tag«, seufzte Karou. »Du wirst nicht glauben, was Kaz sich heute geleistet hat. Er ist als Modell in meinem Zeichenkurs aufgetaucht.«
Issa hatte Kaz natürlich noch nie getroffen, aber sie kannte ihn genauso, wie Kaz seinerseits auch Issa kannte: aus Karous Skizzenbüchern. Der Unterschied war, dass Kaz dachte, Issa und ihre perfekten Brüste wären ein erotisches Produkt aus Karous Fantasie, während Issa genau wusste, dass Kaz real war.
