David Pablo - Joanna Yulia Kluge - E-Book

David Pablo E-Book

Joanna-Yulia Kluge

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Beschreibung

»Ich habe dich im Wasser stehen sehen – und dir einen Namen gegeben...« – dies sagt die namenlose Protagonistin am Anfang zu David Pablo, und sie beginnt, ihm ihre Geschichten zu erzählen. Malena, ein Sinti-Mädchen im Schatten des Holocaust (Porajmos), Susa, die in der DDR zur Abtreibung gedrängt wird und Una, die den Schrecken des Jugoslawienkriegs überlebt. In »David Pablo« verknüpft Joanna Yulia Kluge diese Geschichten zu einem vielschichtigen Bild der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung und stellt dabei die Fragen: Was ist natürlich, was ist künstlich? Wo beginnt Freiheit, und wann wird sie genommen? Was bleibt verborgen, was tritt ans Licht, verleiht uns eine neue Gestalt und die Fähigkeit zu sprechen oder lässt uns schweigen? »David Pablo« ist ein ebenso filigraner wie facettenreicher Roman über transgenerationale Traumata, Identität und die Widerständigkeit des Lebens selbst. Und mit Sicherheit eines der wichtigsten literarischen Debüts 2025.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Joanna Yulia Kluge

David Pablo

Der Verlag und die Autorin danken dem Swisslos-Fonds des Kantons Solothurn für die Unterstützung dieser Publikation.

Joanna Yulia Kluge

David Pablo

lectorbooks GmbH, Zürich

www.lectorbooks.com

Umschlagbild: Joanna Yulia Kluge

Buchgestaltung: Samara Keller, Christian Knöpfel

Lektorat: Kristina Wengorz

Korrektorat: Gertrud Germann

1. Auflage 2025

© 2025, lectorbooks GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Eine Nutzung dieses Werks zum Training von KI-Technologien ist untersagt.

ISBN 978-3-906913-51-3

Inhalt

Prolog

1

Susa

Malena

Una

2

Susa

Malena

Una

3

Susa

Malena

Una

4

Susa

Malena

Una

5

Susa

Malena

Una

6

Susa

Malena

Una

7

Susa

Malena

Una

8

Una, Susa und Malena

Dank

Zur Autorin

Prolog

Ich habe dich im Wasser stehen sehen.

Und dir einen Namen gegeben, um dich des Tierseins zu berauben.

So, wie wir alle versuchen, uns des Tierseins zu berauben.

Und dabei scheitern.

Wir überhäufen uns mit Aufgaben.

Schneller, weiter, besser.

Aber wir bleiben stehen.

David Pablo.

Mit deinen schwarzen Augen.

Im weißen Kleid.

Hörst du mir zu?

Was soll ich dir erzählen? Du wippst auf und ab wie das Leben um dich herum. Aber tief in dir drin, da ist es Nacht, auch wenn dort dein Lebensgeist im Verborgenen brodelt. Das Außen dringt nur als Abbild zu dir durch. Stimmt doch, oder? Ich denke oft, dass das Leben zweidimensional ist: Fleisch und Sprache – jeweils eine Dimension. Und der Rest? Alles ein Hologramm.

*

(A-)VOID

Am 7. Februar 1979 lief Wolfgang Gerhard über den Strand der Gemeinde Bertioga. Der Südatlantik lauerte friedlich. Weiße Gischt malte dunkle Schatten auf den Sand. Wolfgang beobachtete das Schauspiel eine Weile, bevor er seinen rechten Fuß in den feuchten Sand drückte. Er fuhr zurück, spürte den feuchten, klebrigen Sand zwischen seinen Zehen und verfolgte, wie eine Welle seinen Fußabdruck wegwusch. Sanftes Rauschen. Er sah zum Himmel hinauf, dessen unfassbares Blau ihn sich groß fühlen ließ: ein vergangenes Gefühl – weggespült wie sein Fußabdruck, seit er damals in Paraguay untergetaucht war. Gerhards Blick entrückte in die Ferne, dorthin, wo alles eins wurde. Das Meer frohlockte, schnurrte und umspielte ihn wie eine Stubenkatze.

Die Bosserts konnten sich ruhig noch ein wenig gedulden mit Tee und Negergebäck. Bolinho de Chuva, Beijinho de Coco, Pavé und wie sie alle hießen. Aber hübsche Ärsche hatten die Frauen, die das Gebäck buken – Alena hatte sogar blaue Augen. Die hatte dieses Kind auch gehabt. Eine Seltenheit. Gerhard drückte seine Finger zu einer Faust zusammen. Es war erstaunlich, wie Erinnerung funktionierte: Er spürte die Seltenheit, die von seinen Fingern umschlossen und sanft gedrückt wurde – nach so vielen Jahren, immer noch.

Jetzt schwamm er. Eine Laune. Ganz und gar im Blau. Eine kaum spürbare Welle rollte am Strand aus und brach.

Er hörte das Geschrei der Kinder. Sie sausten in das Wasser – die tobende Gischt um die Beine. Das Geschrei. Das Backen.

Gerhard dachte an Alenas Gebäck. Hunger packte ihn. Zimtgeschmack machte sich auf seiner Zunge breit. Wie doch das mit dem Erinnern funktionierte. Er lächelte zum Himmel und schluckte. Der Kopfschmerz war genauso launenhaft wie die stärker werdenden Wellen.

Arme und Beine erlahmten.

Wasser tauchte ihn kopfunter.

Immer wieder.

Außerstande, sich zu strecken.

Außerstande zu schwimmen.

Außerstande zu schreien.

Außerstande, außerstande.

Immer wieder.

Gerhard sank in seine geliebte Farbe – Druck auf der Lunge, Schmerz in der Brust.

Wasser marsch – wie das Marschieren der Soldaten.

Dunkelheit – wie der Ruß an seinen Händen.

Die Augen, das Haar, das Backen, das Geschrei der Kinder.

Kind, deine Augen waren blau. Ich schenkte ihnen Nacht, und dann stahl ich sie dir, Kind. Du bukst im Ofen, Kind.

Der Druck ließ nach.

Gerhard glitt schwerelos tiefer. Das Geschrei ebbte ab. Er sah ein Gesicht in der Dunkelheit schimmern. Aus dem Reich der Toten kam es auf ihn zu und rauschte vorbei: ein großer, weißer Schatten.

Gerhard starb.

Die See war ruhig.

*

Wo das Feuer alles verschlingt, bleibt ein dunkler Flecken Stille. Pablo, warum will man diesen Ort betreten? Aus der Asche Bilder zeichnen? Noch einmal die Sterne funkeln sehen? Nein, dorthin will man nicht zurück. Forme keine Bilder. Keine Ascheschatten. Kein Blick zurück, nur nach vorn – und doch sind wir jetzt hier.

Pablo, ich fürchte das offene Wasser. Es umspielt meine Zehen. Soll ich gehen?

Ich erzähle gerne Gutenachtgeschichten.

THE (W)HOLE

Im selben Jahr, in dem Wolfgang Gerhard vor Bertioga ertrank, herrschte vor der Küste Islands silberne Panik. Finnen – einige davon mannshoch – durchzogen die schwarze See, über der Seevögel Manöver flogen und gierig ihre Schnäbel spreizten.

Es war das zweite Mal, dass Keiko die Heringsströme sah, die von Mutter und Tante, Cousins und Cousinen zusammengetrieben wurden – und es war das erste Mal, dass er Lust verspürte, die seltsam funkelnde Mahlzeit zu probieren, die ihm seine Mutter gekonnt im Wasser zuschob.

Es war gar nicht so einfach, den leblosen Hering zu fassen: Schon sank er immer tiefer und verschwand in dämmernder Dunkelheit. Enttäuscht verfolgte Keiko, wie die anderen den Heringsschwarm dicht umkreisten und mit Luftblasen daran hinderten, in die Tiefe zu entkommen. Ein Schlag mit der Schwanzflosse, und einige Heringe taumelten blitzend – wie im schwerelosen Tanz – durch das Wasser, bevor einer nach dem anderen im Maul von Keikos Mutter verschwand. Dann rief sie ihn: ein Klicken und ein hoher gedehnter Laut, umspielt von einem weiteren, etwas tieferen – Keikos eigentlicher Name. Diesmal zögerte Keiko nicht mehr, und der Fisch verschwand in seinem Rachen, woraufhin Keiko eine stolze Drehung vollführte und dicht an seiner Mutter vorbeischwamm, die ihn mit ihrer Brustflosse tätschelte.

Bald darauf beteiligte sich Keiko voller Eifer an der Jagd, verschlang jeden Hering, den er kriegen konnte, und wollte kaum noch Mutters Milch trinken, obwohl er ihre Nähe liebte.

Wenn diese seltsamen schwimmenden Steine auftauchten, die Lärm, Gestank und Dreck mit sich brachten und seltsame Tiere beherbergten, bedeutete seine Mutter ihm, Abstand zu wahren. Keiko beäugte neugierig die Wesen, die ihre Haut ab- und anlegen konnten und die orangerot leuchtete. Es faszinierte ihn. Mutter nannte sie Gehhunde.

Sie reißen das Wasser auf.

Ihr Maul fängt alle Fische.

Silbern erlischt die See.

Stumm sind ihre Augen.

Verfang dich nicht darin.

Ihr Appetit ist grenzenlos.

Ruhig war das Meer an dem Tag, an dem der gesamte Clan mit Pfiffen und Klicken die anderen Clans zur morgendlichen Jagd einlud.

Sie wussten nicht, dass der Prozess gegen das Wachpersonal des Konzentrationslagers Majdanek immer noch andauerte, auch nicht, dass der Bundestag sich gezwungen sah, die Verjährung von Mord abzuschaffen, und dass erstmals das Schicksal der Sinti und Roma während des SS-Regimes diskutiert wurde. Auch hatten sie keine Ahnung davon, dass die Gehhunde beschlossen hatten, einen jungen Orca zu fangen.

Es war zu spät. Keiko wurde wie ein Vogel in die Luft gehoben. Die nervösen Clanmitglieder tauchten auf und ab. Seine Mutter stieß Atemluft aus und schrie.

Schreien aus der Kehle. Sprühender Blas.

Sie sprechen nicht eure Sprache. Wollen lediglich die Kraft eurer Körper. Nur auf Zeit.

Faszination gleich Kastration.

Röcheln auf Zeit.

Bis es nicht mehr möglich ist. Schreie aus leeren Lungen.

Schreie aus Blei.

Keiko fürchtete sich vor den Gehhunden, die ihn auf dem schwimmenden Stein mit etwas einrieben, das seiner Haut an der freien Luft guttat. Sie sprachen mit ihm und berührten ihn, aber er verstand sie nicht. Er wusste nicht, dass er in dem Tank, in den ihn die Gehhunde schoben, nach Kanada geflogen wurde. Dass er bald höher flog als die Albatrosse, die den Finnen seiner Verwandten zu den Fischgründen folgten, bevor sie vollgefressen wieder zur Hochsee abdrehten. Er verstand nicht, dass er ins Marineland of Ontario gebracht wurde. Und er verstand die sechs anderen nicht, die ihm glichen und im gleichen Becken schwammen wie er: erwachsene Orcas, die für den kühlen toten Fisch alles taten, was ihnen die Gehhunde mit Lauten, Pfiffen und Handbewegungen zu verstehen gaben – erwachsene Orcas, deren Launen er schutzlos ausgesetzt war. Das Wasser war zu warm, brannte in den Wunden, trocknete die Haut aus und schmeckte seltsam. Keiko vergaß die Attacken der anderen nur dann, wenn sich die Gehhunde liebevoll um seine Wunden kümmerten, ihn streichelten und ihm eine Extraportion Fisch gaben. Manchmal setzten sie sich sogar auf seinen Rücken und wollten, dass er schwamm.

Vielleicht dachte er: Mama. Ich bin im Bauch des Steins gelandet, und auch andere wurden verschlungen. Seine Bewohner kümmern sich um mich, wenn die anderen mich ärgern und mich verletzen. Mama, ich will mutig sein. Mama, ich habe deinen Namen vergessen.

*

Sechs Jahre später wurden Gerhards Gebeine auf dem Friedhof von Embu exhumiert, und Keiko wurde für hunderttausend US-Dollar an den Vergnügungspark Reino Aventura in Mexiko-Stadt verkauft.

Trotz des geringeren Platzes, des wärmeren Wassers und des noch höheren Chlorgehalts genoss Keiko die Trennung von seinen Peinigern und wuchs in sein neues Gefängnis hinein, wo er die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gehhunde genoss.

Wer hat ihnen diesen seltsamen Namen gegeben? Alles, was ich noch kenne, sind die Worte der Gehhunde. Das hier ist mein Meer. Hier schwimme ich unter deren Jubel und spritze sie an. Lasse die Vertrauten auf mir reiten, mit mir schwimmen und werfe sie durch die Luft. So bekomme ich Fressen. Es ist kalt und starr. Die Sonne steht steil und brennt.

1

Wir bewegen uns in Kreisen, in Viererschritten werden die Jahre geschaltet.

Der Vierte findet wieder seinen Platz und die Welt ihre Ordnung.

Pablo, der Raum rotiert und bröckelt. Die Zeit rinnt durch die Finger. Lass mich dir von den Geschichten erzählen, die aus der Zeit fallen und Nacht werden. Lass mich dir die Viertel anvertrauen, die zusammen ein Ganzes ergeben. Lass mich an dein Ufer.

Susa

(Dresden, 1988)

Als am Vorabend des 1. Juni 1988, einem Dienstag, Keiko die Zuschauer das letzte Mal nass spritzte, lag Susa unter blassblauer Bettwäsche und wartete auf den Abbruch. Es war die Bettwäsche der Dresdner Frauenklinik. Fünf weitere Betten standen in dem kahlen Vorbereitungszimmer, dessen steriler Geruch sich auf Haut und Lunge legte. Fünf Betten, allesamt belegt. Fünf andere Geschichten neben der ihren, fünfmal der gleiche Eingriff, fünfmal die gleiche Geschichte – zumindest in dieser Sache.

Sache – so hatte es die Ärztin zwei Tage zuvor genannt und danach den Mund geschlossen. Diesen seltsamen Mund – mehr dünne, hautfarbene Linie als Mund, wie mit einem Lineal durch das Gesicht gezogen. Vielleicht war deshalb alles, was ihn verließ, ganz starr und nüchtern. Allein der Tadel gestattete diesem Mund einige wenige Millimeter Gefühlsregung. Diesem Mund, der sonst so schmucklos und funktional in dem Gesicht der Ärztin saß und darin dem Krankenzimmer glich, in dem Susa jetzt lag. Die weiße Zimmerdecke – jetzt fast bläulich im Schein des Mondes –, sie hatte einen Riss.

Der nächste Morgen. Susa war unruhig. Sie spürte wieder die Angst in ihr hochkommen, und ein eiserner Geschmack füllte ihren Rachenraum und kroch ihr bis in die Nase hinauf. Sie roch und schmeckte sie jetzt ganz deutlich, die Angst, diese rohe Angst, die sich wie eine scheußliche Welle über ihr brach, den Körper mal hitzig, mal kalt werden ließ, woraufhin ihr Herz loshämmerte, als wollte es sich aus der Brust befreien, um den Körper und all seine schrecklichen Gedanken zu verlassen. Ans Ende eines jeden Schlags setzte sich ein Warum, und dessen dröhnender Hall überschallte noch den letzten lichten Gedanken. Zählen half Susa sonst. Aber was hier drinnen zählen? Die Sorgen der anderen Frauen?

Eins, zwei, drei, vier, fünf – die Unendlichkeit ist weder Zahl noch Wort. Sie ist ein Gefühl. Ein einsames.

Sie wurde geholt. Von den Schwestern.

Der Wal sprang und ließ auf sich reiten.

Er fraß den starren Fisch.

Die Hand deutete nach links.

Eine Drehung im Becken.

Die Kinder rissen die Augen auf und schrien.

Jubel.

Die Hand deutete nach rechts.

Die Kinder weiteten die Augen.

Susa hörte nicht den Jubel der Zuschauer, als sie am späten Nachmittag im Aufwachraum erwachte. Sie hörte nicht die Züge Richtung Sowjetunion rollen: den Abtransport von Mittelstrecken-Raketen. Sie hörte nicht den Protest slowenischer Delegierter gegen den Beschluss einer Konferenz der jugoslawischen Kommunisten in Belgrad, in Slowenien notfalls mit militärischer Gewalt gegen oppositionelle Kreise vorzugehen; sie hörte nicht, wie zwei Sintezas am Küchentisch mit viel Sorge in der Stimme die Entwicklungen im Land besprachen. Sie sah weder Reagan im Reich des Bösen Gorbatschows Hand schütteln noch den zehnmillionsten VW-Golf in Wolfsburg vom Band laufen. Sie hörte nicht das Klicken eines Fotoapparats in der Stube eines Einfamilienhauses in Sarajevo, sah nicht, wie sich der serbische Vater an seine bosniakische Frau drückte und ihre Kinder zwischen ihnen schiefe Grimassen schnitten, sie roch nicht, wie sich deren Großvater seine Pfeife stopfte und dabei zum x-ten Mal den Moment des Selbstauslösers verpasste, sie spürte nicht das kühle Leder der Couch unter sich und hörte nicht das Knarren der Stühle, sie schmeckte nicht den Geburtstagskuchen, noch sah sie das Flackern der acht Kerzen.

Sie sah nur das grelle Licht der Leuchtstofflampen über sich. Sie hörte nur die Stimmen zweier Schwestern, die sich entfernten. Sie spürte nur die etwas starre, etwas raue blassblaue Bettdecke über sich. Sie roch nur das Desinfektionsmittel in der Luft.

Sie schmeckte keine Angst, sank wieder tiefer.

Und schlägt die Augen auf.

Unter Wasser.

Nichts als düsteres Blau. Keine Ahnung von Grund oder Oberfläche – nur Düsternis und ein weißer Schatten, der rasch näher kommt, seine blanken Höhlen zeigt und vorüberzieht: groß und dumpf im Schattenspiel seines Körpers. Weiß und Schwarz. Hell und Dunkel. Da ist er wieder. Kehrt zurück.

Mein Herz ist ruhig.

An ihm halte ich mich fest.

Er wird mich zurückbringen.

Er holt mich zurück.

Peitscht als Welle an den Strand.

Als Susa vollkommen erwachte, war es bereits Abend. Kollabiert sei sie, erzählte ihr die Schwester auf dem Weg ins Krankenzimmer, wo neben dem ihren nur noch ein weiteres Bett an der blau gefliesten Wand stand. Eine Frau saß darin. Keine der fünf anderen – eine weitere. Eine weitere, eine andere Geschichte. In allem – bis auf das hier. Der Verlauf war ein anderer gewesen, klar – bei der anderen Frau hatte es keine Komplikationen gegeben. Aber das Ergebnis war das gleiche. Und der Schmerz?

Susa schraubte die Thermoskanne auf, die ihr ihre Mutter mitgegeben hatte: Zitronig stieß ihr das Gelb des Eierlikörs entgegen, samt den Worten der Mutter: Das hilft gegen die Schmerzen; egal welche.

Die beiden Frauen füllten die Teetassen und stießen an. Erzählten sich in ihren Betten sitzend aus ihrem Leben. Erzählten sich, warum sie hier waren. Bei Susa waren es die Tabletten: Herphonal und Rudotel. Bei der anderen konnte man sich ein weiteres Kind nicht mehr leisten.

Sie weinten gemeinsam unter blassblauen Bettdecken.

Pablo, wie stellen wir Zeit dar? Was verkörpert sie? Empfiehlst du mir, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, einen Blick in die Vergangenheit? Ist alles Sein unausweichlich? Liegt alle Wahrheit zwischen Himmel und Erde?

Malena

(München, 1938)

Am 1. Juni 1938 sah Malena ihrem Bruder genauso ins Gesicht wie später ihrem Mörder.

Du kannst einen deutschen Jungen weder lieben noch heiraten nicht! Das ist Gesetz!, sagte Oskar und hatte wie immer, wenn er mit besonderer Vehemenz sprach, eine schwach pulsierende Ader auf der Stirn stehen. Du kannst überhaupt niemals nicht einen Mann heiraten! Nicht du. Das geht so nicht. Schlag dir das aus dem Kopf. Der einzige Mann, der dich lieben wird, bin ich. Ich bin dein Bruder. Wir gehören zusammen. Wir sind Zwillinge! Malena antwortete ihrem Bruder nicht. Sie öffnete ihre Lippen und nahm das angefeuchtete Papier heraus, das Oskar sofort erkannte. Es war das Papier des Ersatzkaffees, dessen Zichorienpulver Malenas Lippen genauso rot färbte wie diejenigen der Oma Friederike, der noch immer die Männer nachsahen. Jedenfalls sagte das Oskars und Malenas Tata immer, wenn die Oma in ihrem nachtblauen Samtumhang zum Bahnhof stolzierte, um sich Zigaretten zu kaufen. Friederike machte sich nichts aus den Verehrern und ihren Blicken. Oskars und Malenas Mamele, die Therese, lachte immer darüber – auch wenn ihr helles Lachen in letzter Zeit seltener geworden war.

Erst gestern hatte Oskar sie dabei ertappt, wie sie vor der Friederike geweint hatte, weil sie sich alle in der Zigeunerzentrale auf der Königsstraße hatten vermessen lassen müssen. Fotos – sogar Fingerabdrücke hatten sie genommen. Für was denn?

Die Friederike hatte nur geraucht und das Mamele eindringlich angeschaut, bis die sich wieder beruhigt hatte.

Malenas Augen hatten das gleiche irisierende Blau wie die der Friederike. Oskars Augen dagegen waren tiefblau, obwohl sie eineiige Zwillinge waren. Ja, das waren sie: eineiig.

Oskar tippte Malenas Lippen an: Für mich?

Aber Malenas Augen verbargen wie immer gänzlich, was hinter dem sonst so offenen Gesicht vor sich ging.

Malena … Oskar ließ die Schultern fallen.

Seine Schwester hüpfte von dem Schränkchen, auf das sie geklettert war, um sich besser im Spiegel betrachten zu können. Leicht wie eine Feder lief sie durch das Zimmer. Ihre dünnen Beine lugten unter dem Hemd des Tatas hervor, das die kurze Hose verschluckte.

Als sie an der Tür stand, fragte Oskar: Bringst du wieder etwas mit?

Dass der Frank Malena mochte, war Oskar nicht gleich klar gewesen. Auch wenn ihm ab und zu während des Unterrichts aufgefallen war, wie dieser lange zu Malena hinüberschaute, deren dichter, schwarzer Lockenschopf im Sonnenlicht schimmerte und sich einzelne Strähnen auf der Tischplatte kringelten, weil sie mal wieder in ein aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoß stierte. In letzter Zeit ignorierten die Lehrer zunehmend Oskar und Malena, und ihre Cousinen erzählten Ähnliches. Malena kümmerte es nicht: Sie las einfach nur noch, was ihr gefiel, manchmal auch ein Buch, das sie sich aus Friederikes Bücherregal aus deren Zimmer genommen hatte. In denen wurde viel geknutscht, hatte sie Oskar unter der Bettdecke erzählt.

Die roten Lippen trug Malena nur noch nach der Schule. Denn als sie einmal mit gefärbten Lippen hingegangen war, hatte sich auf dem Schulhof ein großer Kreis lachender Kinder um sie herum gebildet, die schnell handgreiflich geworden waren und an Malenas Haaren und Kleidern gezogen hatten, sie bespuckten und traten. Frank hatte sie rausgezogen und einige Kinder in den Dreck geworfen, noch bevor Oskar Malena zu Hilfe hatte eilen können.

Frankwar der Einzige, der Malena in der Schule ebenfalls Malena nannte. Das hatte Malena Oskar ganz stolz unter der Bettdecke erzählt, damit es die Cousinen nicht hörten, und hatte dabei vor Lachen gezuckt. Seitdem wusste Oskar mit Sicherheit, dass Frank Malena mochte. Sie erzählte Oskar auch von Franks Zuhause, wohin Frank sie immer einlud und wo sie gemeinsam spielten. So entging Malena dem öden Milchbüchsen-Hockey, das Oskar mit den Nachbarsjungen hinten auf der Wiese spielte. Beim Frank spielten sie Schach, erzählten sich Geschichten oder saßen ganz einfach auf der Veranda unter dem schützenden Stoffdach der amerikanischen Schaukel, das die Haut in orangefarbenes Licht tauchte. Es gab auch jedes Mal Milch und Kuchen – am liebsten hatte Malena aber die Brausebonbons, die im Mund lustig knisterten. Sie brachte Oskar immer welche mit.

Pablo, als was würdest du den Krieg bezeichnen? Als Ungeheuer? Als Wahnsinn, Bestie, Monster?

Nein, der Krieg ist weder Wahnsinn noch Bestie. Weder Ungeheuer noch Monster. Der Krieg ist Mensch: der Mensch, der neidet. Der Mensch, der hasst. Der Mensch, der vergisst. Der Mensch, der folgt. Der Mensch, der entmenschlicht. Der Mensch, der mordet. Der Krieg ist Mensch. Und solange der Mensch ist, solange ist Krieg. Im Kleinen wie im Großen – in den Köpfen, auf den Plätzen, auf den Kanzeln und auf den Feldern, und wenn sie auf den Gestirnen sind, dann auch dort. Überall.

Una

(Sarajevo, 1992)

1992 flogen Granaten statt Vogelschwärmen durch die Luft über Sarajevo. Die Stadt war verwüstet: Rauchsäulen am Himmel, zerbrochene Fenster, zerschossene Fassaden – Geröll, Schutt und Tränen.