Dawns Liebe - C.J. Stern - E-Book

Dawns Liebe E-Book

C.J. Stern

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Beschreibung

Dawn weiß sehr genau, was es heißt, ständig von allen als Außenseiterin behandelt zu werden. Alles über sich ergehen zu lassen und sich nicht wehren, das haben ihr ihre Eltern von klein auf beigebracht. Doch dann tritt Daniel in ihr Leben und stellt es von einem Tag auf den anderen völlig auf den Kopf. Er muss kämpfen, damit sie ihm vertraut, denn siebzehn Jahre Gewohnheit lassen sich nicht so einfach abschütteln, auch wenn sie spürt, dass Daniel ihr auf eine unerklärliche Weise vertraut ist. Aber nur Daniel weiß, dass die beiden sich bereits im Himmel begegnet sind. Sein Kampf um Dawn schwört einen Krieg herauf, der die gesamte Menschheit vernichten könnte. Können der ranghöchste Engel und Dawn das Schlimmste verhindern? Hat ihre Liebe überhaupt eine Zukunft? Alles hängt allein von Dawn ab, es muss sich zeigen, wie stark ihre Seele wirklich ist ...

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2015

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C.J. Stern

Dawns Liebe

Einmal Himmel und Zurück

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

»Bist du dir absolut sicher, dass du das tun willst, Daniel?« Gabriel sah seinen Freund eindringlich an, doch Daniel schaute nur mit einem sturen Funkeln in seinen türkisblauen Augen zurück. Die beiden standen auf einem langen Gang, der gesäumt war von alten, hohen Säulen im griechischen Stil. Der Tempel in dem sie sich befanden, war so alt wie der zweite Himmel selbst, welcher nur den Erzengeln vorbehalten war. Im Gegenzug dazu war der erste Himmel alleine für Gott bestimmt.

»Daniel! Du bist der Ranghöchste Erzengel. Du kannst nicht einfach so auf die Erde gehen ohne richtig darüber nachzudenken!«

»Gabriel ich muss!« Daniel war kurz davor sich die rot-blonden Haare zu raufen und rang darum, die Beherrschung über seine Hände zu behalten. »Du hast doch gesehen, was Cassiel angestellt hat! Statt sie zu schützen, hat sie ihr das Leben zur Hölle gemacht!«

»Ja, und genau das solltest du Gott mitteilen. Du bist seine rechte Hand, vor allem du solltest ihm alles sagen können!« Gabriel hatte seine Stimme erhoben, er wollte einfach nicht zulassen, dass sein bester Freund sich alles ruinierte, nur weil er im Affekt handelte. Sie alle hatten heute Nachmittag gesehen, was Cassiel ihrem Schützling angetan hatte. Sie wurden Zeugen, wie der Schutzengel der Einsamen und Traurigen, dieses junge Mädchen, einfach ihrem Schicksal überlassen hatte, statt ihr beizustehen. Keiner der Erzengel hieß ihr Handeln gut, sie wussten, dass sie einfach nur eifersüchtig war, was das alles noch schlimmer machte. Denn niemand von ihnen sollte sich von so niederen und unreinen Gefühlen in seinem Handeln beeinflussen lassen. Dennoch sollte Daniel nicht überstürzt reagieren, es gab andere Mittel und Wege und das versuchte Gabriel ihm klar machen.

Doch an Daniel war im Moment kein heran kommen, er hatte seinen Entschluss gefasst und war dafür bekannt, eine einmal gefasste Entscheidung nicht mehr zu überdenken. Er war nicht umsonst der Engel der Liebe, Güte, Gnade und Barmherzigkeit, wenn er jemanden in sein Herz geschlossen hatte, würde er für diesen jemand sterben. Und diesem schüchternen Menschenmädchen, mit den braunen Haaren und grünen Augen, hatte er einen festen Platz in seinem Herzen geschenkt.

»Gott kann nichts tun und das weißt du auch.« Daniel lief auf und ab, wobei sich seine drei Flügel entfalteten, was jedem deutlich machte, wie angespannt er war. Die beiden äußeren dehnten sich nach links und rechts, während der in der Mitte, wie ein Horn über seinem Kopf aufragte. »Er lässt jedem seinen freien Willen und mischt sich niemals direkt ein.« Gabriel ließ seinen Freund nicht aus den Augen, er wirkte wie eine Raubkatze im Käfig, jeden Moment bereit zum tödlichen Schlag auszuholen.

»Aber vielleicht kann er dennoch etwas tun, denk bitte nochmal drüber nach.«

Daniel sah seinem besten Freund in die Augen und seufzte resigniert. »Ich habe drüber nachgedacht Gabriel, sehr gut sogar und Azzael hält es auch für eine gute Idee.«

»Azzael!« Gabriel spie den Namen regelrecht aus. »Der will doch nur an deinen Posten! Er will die rechte Hand Gottes werden und wirkt auf uns schon lange nicht mehr so freundlich und zuvorkommend wie auf dich!«

»Jetzt ist aber genug!« Daniel legte all seine Macht in diese wenigen Worte welche nun zu vibrieren schienen. »Wenn Azzael meinen Posten gewollt hätte, hätte er ihn sich schon längst genommen und nicht auf so eine ungewisse Gelegenheit gewartet.« Gabriel sagte eine ganze Weile nichts sondern blickte in die Lehre. Schließlich sah er Daniel nur in die Augen und erkannte, dass diese Diskussion zwecklos war. Traurig schüttelte er den Kopf und wandte sich ab, bereit zu gehen.

»Merk dir eins: Du wirst hier oben immer einen Freund haben, ganz gleich was passieren wird.« Mit diesen Worten drehte er sich endgültig um und ging den langen Flur entlang davon, bis ihn die scheinbare Endlosigkeit verschluckte. Daniel sah ihm hinterher während sich leise Zweifel in ihm breit machten, doch ehe er genau darüber nachdenken konnte, trat Azzael an seine Seite und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Daniels Flügel falteten sich beinahe augenblicklich wieder auf seinem Rücken zusammen.

»Du tust das Richtige, mein Freund.« Daniel antwortete nichts, er hörte seinen alten Freund kaum, war er in Gedanken doch schon auf der Reise. Auf der Reise zu der einzigen Frau, die er jemals lieben würde...

Kapitel 1

»Guckt euch die mal an.«

»Das ist doch die Cooper.«

»Ja, wie die immer herum läuft, die geht bestimmt den Altkleidercontainer plündern, so wie ihre Klamotten immer aussehen.« Jeden Morgen der gleiche Spießrutenlauf, die gleichen immer wiederkehrenden Sprüche. Wieder einmal stehe ich an meinem Spind und lasse dieses morgendliche Grauen über mich ergehen. Das trostlose Grau der Schränke, spiegelt haargenau meine Stimmung wider, aber ihre Sticheleien prallen mittlerweile an mir ab, als würde ich nicht mehr hören als den Wind in den Blättern. In den siebzehn Jahren, die ich nun schon lebe, habe ich noch nie etwas anderes gekannt, als Spott und Hohn sobald ich mit anderen Kindern zusammen war. Dabei kann ich mich nicht einmal daran erinnern, wann das alles angefangen hat. Seit ich denken kann, bin ich eine Einzelgängerin, glücklich damit solange ich meine Ruhe habe. Ich kämpfte mich mein Leben lang schon alleine durch, fast ohne irgendwelche Freunde welche mir bei erster Gelegenheit in den Rücken fallen wie ich es schon so oft beobachtet habe. Wenn ich früher zu meinen Eltern mit meinen Problemen ging, bekam ich immer die gleichen Aussagen zu hören: »Sei nicht so ein Weichei.« oder »Lass die doch, die werden schon aufhören wenn sie merken, dass es dich nicht interessiert.« Aber genau das ist das Problem, es hat mich interessiert und es hörte nie auf. Auch jetzt, mit siebzehn Jahren, bekomme ich meinen Mund nicht auf um mich zu wehren. Ich schultere meine blaue Umhängetasche und beeile mich, in mein Klassenzimmer zu kommen, bevor es zur Stunde klingelt. So unauffällig wie möglich husche ich die Flure des Gymnasiums entlang und versuche keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Wände der Schule sind in einem hellen gelb gestrichen, was die Umgebung allgemein freundlich wirken lässt. Doch mich kann dieses Umfeld nicht täuschen, an vielen Stellen sind Schmierereien und andere Bilder der Schüler mehrfach übermalt und in etlichen Ecken blättert die Farbe ab. Ein paar Minuten später erreiche ich die rote Tür meines Klassenzimmers, welche wie immer geschlossen ist und ich wappne mich noch einmal, bevor ich die Türklinke hinunterdrücke. Hoffentlich ist Caprice noch nicht da, dann habe ich eine gute Chance, ungesehen in die Klasse zu kommen. Caprice Dante ist meine beste und einzige Freundin, wobei ich mich jedes Mal frage, wie es dazu kam, dass ausgerechnet sie meine Freundin wurde. Sie ist der Inbegriff der Schönheit: Schlank, blond und blauäugig, immer perfekt gestylt und nie um eine Antwort verlegen. Schon oft habe ich mir gewünscht, doch nur ein kleines bisschen wie sie zu sein, doch leider färben Charakterzüge nicht ab. Caprice und ich gehen in die zwölfte Klasse des Albert-Einstein-Gymnasiums in Neubrandenburg und kennen uns schon seit wir im Kindergarten waren. Mein Leben hier war bis jetzt kein Kinderspiel, selbst mit ihr als beste Freundin und so wie es aussieht, wird sich daran so schnell nichts ändern. Ich fahre mir noch einmal mit der Hand über meine braunen, glatten Haare, die ich zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden habe und öffne die Tür mit einem entschlossenem Ruck. Kaum betrete ich den Raum, schreit Caprice meinen Namen und zwar so laut, dass ihn niemand überhören kann. »Dawn! Da bist du ja endlich!« Ich seufze, ringe mir ein Lächeln ab und winke Caprice zu, die in der hinteren Ecke an einem der Doppeltische sitzt und gehe zu meinem Platz am Fenster. Ich sitze allein und bin auch froh darüber, so habe ich wenigstens während des Unterrichts meine Ruhe. Naja vielleicht wäre es schöner, wenn Cap neben mir sitzen würde, aber sie hat genügend andere Freunde, die deutlich mehr mit ihr gemeinsam haben und so hoffe ich erst gar nicht, dass sie sich mal zu mir setzt. Glücklicherweise ist unsere Klasse klein. Wir sind nur zwölf Schüler und in den meisten Klassenzimmern gibt es mehr als zwölf Doppeltische. Ursprünglich waren die Räume für größere Klassen ausgelegt, so dass wir nun freie Platzwahl hatten.

»Ich verstehe nicht, warum du dich mit der abgibst.« Sharon versucht erst gar nicht leise zu sprechen und so kann ich sie durch den Raum sehr gut verstehen. Sie weiß genau, dass ich sie höre und legt es darauf an, mich zu demütigen. Als ich aufschaue, sehe ich wie sie mich mit ihren grün-braunen Augen fixiert, ein fieses Lächeln im Gesicht. Ihre brünetten Locken, hat sie ordentlich am Hinterkopf zusammengesteckt und ich muss mir erneut eingestehen, dass sie wirklich hübsch ist.

»Du hättest das Zeug zu unserer Clique zu gehören, Caprice.« Während sie spricht, lässt sie mich keinen Moment aus den Augen.

»Bevor ich in eure Clique komme, rasiere ich mir lieber den Schädel kahl.« Caps Blick bohrt sich in den von Sharon, welche den Blick von mir abgewandt hat um meine beste Freundin zornig an zu funkeln. Sie gibt ständig solche Antworten worum ich sie ziemlich beneide. Sharon antwortet nicht weiter, sondern rümpft nur die Nase während sie sich neben Taylor setzt, welche Sharon förmlich anhimmelt. Es klingelt und unser Lehrer kommt endlich hinein. Er stellt sich an den Lehrertisch und zieht eine Weltkarte vor der Tafel herunter um damit den Erdkundeunterricht zu beginnen. Natürlich muss ich an die Karte, warum sollte ich auch verschont werden. Seufzend stehe ich auf und gehe nach vorne. Ich hasse es vor der Klasse zu stehen, denn kaum stehe ich dort, geht auch das Gekicher wieder los. Und ich weiß noch nicht einmal, warum sie kichern. Meine Sachen sind ganz normal und alltäglich. Blaue Jeans, schwarzes T-Shirt, Turnschuhe. Aber wahrscheinlich ist das nicht cool genug, denn es stehen keine Markennamen drauf.

»Dawn, wiederhole doch bitte noch einmal den Stoff von der letzten Stunde.« Herr Meier überhört das Gekicher einfach und ich versuche es ihm gleich zu tun. Den Stoff der letzten Unterrichtsstunde habe ich noch gut im Kopf, also wiederhole ich alles was ich weiß und darf mich dann wieder setzen. Der Rest der Stunde geht viel zu schnell vorbei, denn die Pausen sind am Schlimmsten und daher hoffe ich immer, dass es möglichst lange dauert bis es klingelt. In den Stunden habe ich meine Ruhe, aber kaum hat Herr Meier den Raum verlassen, gehen das Geplapper und die Sticheleien von vorne los. Also sitze ich einfach nur auf meinem Platz und kritzele in meinen Schreibblock. So lange es nur kleine Sticheleien sind, ignoriere ich es einfach und tue so als wäre ich taub. Obwohl das Zimmer in einem schönen Orangerot gestrichen ist und große Fenster hat, kommt es mir vor, als würde ich in einem Kerker sitzen und die Zeit will einfach nicht vorbeigehen. Dabei hat diese Pause nur zehn Minuten, doch jede Minute erwarte ich einen neuen Mobbing Angriff von Sharon und ihrer Clique. Gerade als ich zum gefühlt hundertsten Mal auf die Uhr schaue, kommt Caprice an und setzt sich auf meinen Tisch.

»Ich gehe heute Nachmittag einkaufen, hast du Lust mitzukommen?« Grinsend schaue ich auf.

»Wie oft willst du das eigentlich noch Fragen?« Jeden Tag stellt sie mir dieselbe Frage. Und immer wieder bekommt sie die gleiche Antwort.

»So lange bis du endlich einmal ja sagst.« Ich muss grinsen.

»Zum Ja-sagen ist es doch noch viel zu früh«, spreche ich das erstbeste aus, was mir in den Sinn kommt. »Wir haben uns ja noch nicht einmal geoutet.« Caprice lacht und mein Lächeln wird noch ein wenig breiter. »Dawn, du kannst so witzig sein, wenn du willst. Du solltest diese Seite öfter zeigen.« Ich zucke nur mit den Schultern und senke den Blick. Caprice weiß ganz genau, dass ich mich nur bei ihr so geben kann. »Du weißt, dass ich das nicht kann.«

»Doch du kannst, du musst dich nur mal trauen.« Mit diesen Worten lässt sie mich allein und geht wieder auf ihren Platz. Endlich klingelt es zur nächsten Stunde, doch auch diese geht wieder viel zu schnell vorbei. Der ganze Schultag läuft nach diesem Schema ab und so geht es jeden Tag, Woche für Woche. Nach der siebten Stunde, mache ich mich auf den Weg nach Hause. Der Dienstag ist geschafft und ich zähle die Tage bis zum Wochenende, es sind nur noch drei. Als ich den Schulhof verlassen will, stellt sich mir Jerome in den Weg. Auch er ist ein Schüler aus meiner Klasse und der on – off Freund von Sharon. Zurzeit mal wieder der off-Freund soweit ich weiß.

»Na Püppchen.« Ich versuche ihn böse anzuschauen, was nicht gerade meine Stärke ist und mich an ihn vorbeizuschieben, doch Jerome lässt mich nicht. Er hat mich an einen Zaun gedrängt und wird von seinen besten Kumpels flankiert. Seine Sprüche sind keinesfalls nett gemeint, das weiß ich aus Erfahrung, sie sollen mich demütigen und verunsichern, was sie meistens auch schaffen.

»Wo willst du denn so schnell hin?« Seine Begleiter Robin und Markus lachen und Markus klopft ihm auf die Schulter. Ich schaffe es nicht einmal zu sagen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, alles in mir ist blockiert und ich werde rot. Also machen sie weiter, während ich beschämt zu Boden schaue und hoffe, dass es schnell vorbei ist.

»Warum denn so verkrampft?« Während er spricht, fängt Jerome an mich zu betatschen und ich verschränke die Arme vor meiner üppigen Brust, um ihn wenigstens ein bisschen auf Abstand zu halten. Dabei muss ich mich zusammenreißen, damit mir nicht die Tränen in die Augen steigen. Auch wenn ich ihm keine Ansage machen kann, ich werde ihm nicht die Genugtuung gönnen mich weinen zu sehen.

»Du musst mal lockerer werden, Püppchen. Bist bestimmt noch nie gepoppt worden.« Markus bricht in schallendes Gelächter aus und ich merke wie mein Gesicht noch dunkler wird.

»Aber auf so etwas wie die steigt doch eh keiner freiwillig rauf«, sagt er zu Jerome. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die pubertären Teenager. Robin scheint es unangenehm zu sein, denn er blickt nicht in meine Richtung und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen.

»Kommt, lass die doch, da kommt der Meier und der hat uns schon auf dem Kieker«, er zieht Jerome am Arm von mir weg, während Markus sich gleich aus dem Staub macht. Jerome geht widerwillig mit, wirft mir im Gehen aber noch ein anzügliches Grinsen zu, ich kann es in seinen braunen Augen aufblitzen sehen.

»Wenn du mal bisschen entspannen willst«, bei dem Wort entspannen zeichnet er mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, während er sich rückwärts von mir fort bewegt.

»Dann opfere ich mich gern für dich.«

Er dreht sich um und folgt den anderen. Ich schaue den Jungs hinterher und frage mich wie jedes Mal, was in diesen Idioten vor sich geht. Mein Blick trifft den von Robin. Überrascht stelle ich fest, dass er bestürzt aussieht, doch so schnell wie er wegschaut, bin ich mir nicht sicher, ob ich es richtig gesehen habe. Innerlich wappne ich mich und warte darauf, dass Herr Meier kommt und mir seine Fragen stellt, wie er es jedes Mal macht, wenn er sieht, dass die Jungs mich bedrängen. Und immer bekommt er die gleiche Antwort, nämlich das alles in Ordnung ist. Doch er kommt nicht. Also schaue ich mich um, um zu sehen, ob er noch weit weg ist und ich es schaffe die Flucht zu ergreifen, doch unser Klassenlehrer ist nirgendwo zu sehen. Verwirrt blicke ich noch einmal in Richtung der Jungs und sehe wie Robin mir ein zaghaftes Lächeln zuwirft. Ich laufe rot an und kann nicht zurück lächeln, es ist als wären meine gesamten Muskeln gelähmt. Schnell schaue ich weg und mache, dass ich nach Hause komme. Mutti und Papa sind noch arbeiten, als ich daheim ankomme. Unser Haus ist klein und hat zwei Stockwerke. Im oberen Stockwerk liegen die Zimmer von mir und meinen Geschwistern. Unten findet man das Schlafzimmer meiner Eltern, ein Gästezimmer, eine große Küche und ein Wohnzimmer. Badezimmer gibt es zwei Stück, verteilt auf die beiden Stockwerke. Dennoch reichen sie morgens nie aus. Als ich das Haus betrete, ist von meinen beiden Geschwistern niemand zu sehen. Wahrscheinlich ist Lily mit ihren Freundinnen unterwegs genauso wie Nick. Lily ist vier Jahre jünger, aber viel beliebter an der Schule und Nick ist sechs Jahre jünger. Meine Geschwister sind beide das genaue Gegenteil von mir. Es fällt ihnen deutlich leichter Anschluss zu finden. Allerdings hat meine Schwester eine körperliche Behinderung und ist daher der Liebling unserer Mutter, Nick geht auf eine Förderschule und ist das Nesthäkchen unserer Familie. Dadurch haben beide auch eine andere Erziehung genossen. Während meine Eltern zu mir immer streng waren, so wurde bei Lily sehr oft Nachsicht geübt, da sie es mit ihrer Behinderung ja eh schon schwer hat. Vieles was sie tat wurde nie bestraft, aber wenn ich mal etwas angestellt habe, war die Strafe umso härter. Meistens habe auch ich die Schuld bekommen, wenn etwas passierte. Entweder ich habe nicht gut genug aufgepasst oder ich habe nicht gemacht, was man mir gesagt hat, oder, oder, oder … Dabei gab es nie Schläge oder so, wir hatten auch so genug Respekt vor unseren Eltern. Mittlerweile bin ich daran gewöhnt und habe ein dickes Fell. Die Vorwürfe meiner Eltern prallen an mir ab, dass sie mich dennoch lieben, weiß ich. Sie können es nur nicht so zeigen, weil sie es selbst nie gelernt haben.

Nachdem ich die Haustür hinter mir geschlossen habe, gehe ich die Treppe hinauf in mein Zimmer und setze mich an meinen Schreibtisch. Mein Reich ist nicht das Größte und neben dem Schreibtisch stehen noch ein Futon Bett und ein Kleiderschrank drin, was den Platz zum Bewegen stark einschränkt. Meine Wände sind in einem schönen Apricot-Ton gestrichen und meine Füße versinken bei jedem Schritt in einem dicken, weichen Teppich dessen Farbe an den Himmel bei Vollmond erinnert. Als erstes erledige ich meine Hausaufgaben und lerne danach noch eine Weile bis mein Handy mich aus meinen Gedanken reißt und ich Caprice ihren Namen erblicke.

»Hey, Schätzchen«, meldet sie sich, nachdem ich abgehoben habe.

»Hey, Cap.«

»Und? Hast du dich endlich mal anders entschieden? Mein Pa fährt uns auch.« Ich verkneife mir ein seufzen, jedoch verdrehe ich die Augen auch wenn sie es nicht sehen kann, oder vielleicht gerade deswegen.

»Caprice, ich muss noch lernen.« Sie schnaubt ins Telefon und ich kann ihr Gesicht dabei förmlich vor mir sehen.

»Du lernst jeden Tag und hast in fast allen Fächern eine eins. Was willst du denn noch?«

»In allen Fächern eine Eins?« Caprice lacht und sagt: »Du bist einfach unverbesserlich.«

»Tja so bin ich.«

»Ok, dann sehen wir uns morgen in der Schule.« Ich nicke nur, obwohl ich weiß, dass sie mich gar nicht sehen kann.

»Dann bis morgen, Cap.« Caprice legt auf und kurz darauf bin ich schon wieder ganz in meine Bücher versunken. Zwischendurch denke ich darüber nach, wie es wohl wäre Caprice zu sein, nicht mehr so schüchtern und endlich mal den Mund auf zu kriegen. Während ich mir ausmale, wie es sein könnte, kaue ich auf meinem Kugelschreiber herum, eine lästige Angewohnheit. Wenn ich nicht mehr so schüchtern wäre, würde ich mich vielleicht auch trauen, mal mit Robin zu sprechen, oder zurück zu lächeln. Für mich ist er der süßeste Typ in unserer Klasse und ständig frage ich mich, was die anderen Mädels an Jerome finden. Das Einzige was an dem attraktiv ist, sind seine braunen Augen, das war es dann aber auch schon. Zumindest, wenn es nach mir geht. Robin hingegen, mit seinen blonden Locken und seinem stämmigen Körperbau, der wäre schon eher was für mich, sein Anblick berührte etwas ganz tief in meinem Inneren.

Ich seufze und befinde mich augenblicklich in der kalten Realität wieder. Tagträume sind etwas wirklich schönes, nur leider kann man nicht in ihnen leben. Wenn ich doch nur nicht so schüchtern wäre, würde ich wohl auch nicht, auf Ewig Jungfrau bleiben ...

Unten geht die Haustür auf und ich bereite mich auf das vor, was kommen wird. Wir wohnen am Stadtrand von Neubrandenburg, nicht weit entfernt vom Tollensesee. Von Nicks Zimmer aus, kann man das Belvedere sehen. Ich liebe den Anblick des kleinen Tempels inmitten all der Bäume und den glitzernden See darunter, der funkelt wie tausend Sterne, wenn die Sonne darauf scheint. Wie gerne würde ich in Nicks Zimmer wohnen. Aber der Kleinste braucht aus irgendeinem Grund ja das größte Zimmer, doch kaum, habe ich diesen Gedanken, schäme ich mich auch schon dafür. Ich sollte nicht so missgünstig gegenüber meinem kleinen Bruder sein, jedoch ist es alles andere als einfach.

»Dawn!« Mutti schreit mal wieder das halbe Haus zusammen und bevor sie nochmal los schreit, rufe ich: »Ich komme!« Den Kugelschreiber packe ich weg und gehe nach unten.

»Du hast wieder nicht das Wohnzimmer aufgeräumt«, schimpft sie gleich los.

»Ich habe gelernt und meine Hausaufgaben gemacht und fange gleich mit dem Wohnzimmer an.« Sie sagt nichts, zieht sich nur aus und hilft dann Lily aus ihren Sachen. Mama muss sie mit nach Hause gebracht haben. Ihr beeinträchtigter Arm ist mit neuen Armreifen geschmückt und ich muss erneut das aufkeimende Gefühl der Eifersucht unterdrücken, Lily ist schon gestraft genug. Sie kann ihren linken Arm nur an der Schulter bewegen, der Rest ist steif und ihre Hand endet in Stummeln, statt in richtigen Fingern. Ich schüttele den Kopf und gehe ins helle und geräumige Wohnzimmer. Eine schöne Wohnwand ziert die eine Seite, direkt gegenüber der großen Sofalandschaft. Vor dem großen Erkerfenster steht ein Schreibtisch, auf dem der PC meiner Eltern zu finden ist und ich beginne schweigend während Lily um mich herum springt und mir ihre Armbänder zeigt. Sie sind nicht die einzigen Sachen die sie bekommen hat, aber wenn ich mal etwas brauche heißt es immer nur: Wir haben keinen Esel der Geld scheißt, nicht einmal Taschengeld bekomme ich und da soll man lernen mit Geld umzugehen. Wieder seufze ich auf.

»Alles ok, Dawn?« Lily klingt ehrlich besorgt und ich lächele sie an.

»Ja, alles gut.« Nachdem ich mit aufräumen fertig bin, frage ich Mutti ob ich noch etwas machen soll, doch sie verneint, also verziehe ich mich wieder in mein Zimmer und lese. Bücher sind neben Caprice meine besten Freunde, denn sie widersprechen nicht und verarschen mich auch nicht. Sie sind immer da und wann immer ich will, kann ich in ihnen abtauchen, in andere Welten verschwinden und die Realität um mich herum vergessen. Doch auch wenn die Realität mich immer wieder einholt, stürze ich mich erst einmal mit Harry, Ron und Hermine in ein weiteres Abenteuer.

Nach knapp einer Stunde lesen, schreit meine Mutter wieder nach mir, denn es gibt Abendbrot und obwohl ich keinen Hunger habe, gehe ich in die Küche. Das Licht in der Küche ist gedämpft wodurch die mintgrünen Fliesen dem Raum eine magische Note geben und gut mit der roten Küchenzeile harmonieren. Meine Familie sitzt schon und so setze ich mich auf meinen Platz neben Nick, gegenüber von Lily und Mama an den großen Eichentisch. Papa sitzt am Kopf des Tisches als Oberhaupt der Familie. Er ist erst vor einigen Minuten nach Hause gekommen und sitzt noch in seinen Arbeitssachen da. Normalerweise zieht er seinen Anzug vor dem Abendessen aus, aber heute scheint er zu hungrig zu sein um sich diese Zeit noch zu nehmen. Sein Job im Büro muss mal wieder ziemlich Stressig gewesen sein.

»Und Dawn, wie war dein Tag heute?« Papa sieht mich fragend an, seine schwarzen Haare liegen perfekt und die grauen Augen leuchten. »Wie immer. Alles ok. Ich habe auch schon meine Hausaufgaben erledigt und gelernt.« Papa nickt und widmet sich dann seinem Abendbrot, es gibt Nudelauflauf mit Hackfleisch. Ich weiß, dass meine Eltern mich lieben, aber manchmal wünschte ich mir wirklich, sie würden mehr für mich da sein. Oder mir mehr das Gefühl geben, sich mehr für mich zu interessieren, aber selbst wenn sie ahnen, dass etwas nicht stimmt, sagen sie nichts. Irgendwann in der dritten Klasse habe ich aufgehört, meinen Eltern von dem Mobbing zu erzählen. Ich habe alles in mich hineingefressen, habe alles still ertragen und meine Eltern haben nie nachgefragt. Nur, wenn es mal wieder ganz besonders schlimm ist, gehe ich zu meinem Vater. Einmal wurde ich von einem ehemaligen Klassenkameraden gewürgt, bin heulend nach Hause gelaufen und habe ihm unter Tränen erzählt was passiert ist. Ohne ein Wort zu sagen, setzte Papa sich ins Auto und fuhr zu diesem Jungen, er hieß David. David hat mich nie wieder angepackt oder auch nur ein Wort zu mir gesagt. Ich weiß nicht was mein Papa gemacht hat, aber es hat mir gezeigt, dass ich ihm nicht egal bin. Außer den paar kleinen Fragen, die Papa stellt, wird nicht großartig gesprochen. Mutti ist eh nicht so der Typ der viel redet, sie stürzt sich in ihre Aufgaben als Mutter, wobei Lily absoluten Vorrang hat, und ansonsten ist sie einfach eine schüchterne Frau mit wenig Freunden, fast gar keine. Sie tut mir oft leid, denn sie ist meine Mama und ich liebe sie und mit anzusehen, wie ihr nicht vorhandenes Sozialleben, sie Stück für Stück zerbricht, macht mich traurig. Da ich selbst genau weiß wie es ist ohne Freunde zu leben, kann ich mir gut vorstellen wie Mutti sich fühlt. Papa ist das genaue Gegenteil. Wenn er einen seiner vielen Bekannten trifft, dann kann es schon mal passieren, dass er sich fest quatscht und erst Stunden später wieder nach Hause kommt. Mutti ist dann meist sauer, weil sie sich allein gelassen fühlt und redet einen ganzen Abend lang nicht mit ihm. Nach dem Essen versammeln wir uns im Wohnzimmer und schauen eine Serie zusammen, dies ist fast die einzige Zeit die wir als Familie zusammensitzen, außer beim Essen natürlich. Sobald die Serie endet, geht jeder wieder seinen Aktivitäten nach. Lily und Nick spielen zusammen bis es Zeit für sie ist ins Bett zu gehen. Mutti und Papa unterhalten sich über den Tag, wobei Papa mehr redet und Mutti eher zuhört. Ich weiß, dass sie das Interesse meistens nur Vortäuscht, nur selten interessiert es sie wirklich was Papa zu sagen hat. Doch es funktioniert, nach außen hin sehen sie glücklich aus. Doch manchmal frage ich mich, wie es in ihnen aussieht. Da sie nie darüber reden, werde ich das wohl niemals erfahren. Kopfschüttelnd wende ich mich von meinen Eltern ab, die auf der Couch sitzen und sich unterhalten. Ich gehe in mein Zimmer und lese weiter, bis es auch für mich Zeit ist, schlafen zu gehen und den nächsten bescheidenen Tag zu erwarten.

Kapitel 2

Am Mittwochmorgen habe ich das Gefühl, dass irgendetwas anders ist. Ich bin wie immer um sechs Uhr aufgestanden und normalerweise werde ich schon nervös, wenn der Wecker klingelt. Eigentlich habe ich Angst vor der Schule und will gar nicht aufstehen, heute ist da jedoch keine Nervosität, keine Angst. Ich bin sofort hellwach und springe gut gelaunt unter die Dusche, um danach, immer noch fröhlich in die Küche zu kommen. Mutti sieht mich verwundert an, es passt nicht zu mir, dass ich mir eine schicke, hellblaue Bluse und eine moderne Jeans angezogen habe. Doch was sie am meisten verwundert ist wohl die Tatsache, dass ich nicht meine einfachen Turnschuhe trage, sondern hübsche Sandalen mit Keilabsätzen. Wir haben zwar schon Mitte September, aber das Wetter ist sehr schön und ich habe einfach das Gefühl, es ausnutzen zu müssen. »Was ist denn mit dir los?« Mutti lächelt mich an und ich zucke mit den Schultern, wobei es mich ziemlich berührt, sie so glücklich über mein neues Outfit zu sehen. »Mir war einfach danach.« »Deine Haare sehen schick aus.« Bei ihren Worten wird mein Lächeln noch breiter. »Danke.« Statt wie sonst einen schlichten Pferdeschwanz zu binden, habe ich mir die Haare mit einer Spange, die die Form einer Rosenblüte hat, zusammengesteckt. »Nur noch etwas Make-up und du siehst aus wie jedes andere siebzehn jährige Mädchen.« Ich werfe ihr einen skeptischen Blick zu, so etwas aus dem Mund meiner immer ungeschminkten und doch recht konservativen Mutter zu hören ist schon etwas komisch. »Als ob du besser wärst, Mutti.« Sie verdreht die Augen, muss aber schmunzeln. »Ich weiß«, sagt sie kleinlaut, »ich bin nicht gerade das beste Vorbild.« Dazu sage ich nichts, denn sie hat Recht, aber das will ich ihr nicht sagen. Dennoch lege ich ihr im Vorbeigehen kurz die Hand auf den Arm um ihr zu zeigen, dass ich sie dennoch liebe. Da es so gut wie nie Körperkontakt zwischen uns gibt, ist dies eine sehr intime Geste und ich weiß, dass sie diese ebenfalls zu schätzen weiß. »Also was ist los, dass du dich heute so zurechtgemacht hast?« Mutti sieht mich verschwörerisch an, ein neugieriges funkeln in ihren Augen. »Nichts. Ich hatte einfach Lust heute mal etwas anderes zu tragen.« Sie hebt eine Augenbraue und an ihrem Blick kann ich ganz genau erkennen, dass sie mir nicht glaubt aber was soll ich ihr auch sagen? Dass ich mich fühle, als könnte mir heute nichts passieren, als hätte mein Schutzengel endlich seine Arbeit aufgenommen und niemand könnte mir etwas anhaben? Sie würde sagen ich sei verrückt geworden. Aber genau das beschreibt mein Gefühl am besten, also halte ich lieber den Mund. Nach dem gemeinsamen Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Schule und das erste Mal, seit ich in die Schule gehe, habe ich keine Angst sondern freue mich sogar richtig, was jedoch nur hält, bis ich das Schulgelände betrete und mich die übliche Gefühlswelle aus Nervosität und Angst eingeholt hat. Ich habe das Gefühl beobachtet zu werden und schaue mich um, doch ich kann niemanden entdecken. Also gehe ich zu meinem Spinnt und schließe einen Teil meiner Bücher ein, damit meine Tasche leichter wird, ständig begleitet von dem Gefühl, dass mich jemand beobachtet. Aber auf dem Flur ist niemand zu sehen, also schließe ich hektisch den Spinnt und haste so eilig wie noch nie in mein Klassenzimmer. Ich gehe einfach hinein, ohne nochmal tief Luft zu holen und schnurstracks auf meinen Platz zu. Erst als ich sitze, fällt mir auf das Caprice noch nicht da ist und schaue auf mein Handy. Caprice hat mir bei Whats App geschrieben, dass sie krank ist und heute nicht kommen kann. Na klasse... Das tolle Gefühl von heute Morgen ist nun endgültig verschwunden und ich bereue es, mich heute so anders gekleidet zu haben. Damit die anderen nicht auf dumme Gedanken kommen, versuche ich mich so klein wie möglich zu machen, doch hat Sharon mich schon längst gesehen. »Sieh mal einer an«, flötet sie los. »Unser graues Mäuschen ist heute mal ein bunter Vogel, ist sie etwa in einen Farbtopf gefallen?« Taylor lacht übertrieben laut und ich verdrehe nur die Augen, versuche die Sticheleien zu überhören. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass es nur noch sieben Minuten bis zum Unterrichtsbeginn sind, doch weiß ich aus Erfahrung, dass diese sieben Minuten die reinste Hölle bedeuten können »Weißt du was, Dawn?« Sharon steht nun vor meinem Tisch, die Arme in die Hüften gestemmt, während ich auf meinen Tisch starre und innerlich aufstöhne. »Du hast nur zwei klitzekleine Fehler. Erstens:« Sie hält ihren Zeigefinger dirket vor mein Gesicht, so dass ich ein bisschen zurück zucke. »Du lebst. Und zweitens:« Sie nimmt den Mittelfinger dazu. »Du tust nichts dagegen.« Die Klasse bricht in lautes Gelächter aus und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als im Erdboden zu versinken und verberge mein Gesicht hinter meiner Hand. Sharon scheint dieser Auftritt fürs Erste zu reichen, denn sie begibt sich zurück auf ihren Platz. Einmal mehr bin ich froh, dass ich allein sitze und es sind nur noch fünf Minuten bis der Unterricht beginnt. Ich hoffe, dass bis dahin nichts mehr passiert, doch kaum hat Sharon sich hingesetzt, trifft mich etwas am Kopf. Neben mir sehe ich ein zusammengeknülltes Stück Papier auf den Boden fallen. Das Gelächter verrät mir, dass diese Attacke von Jerome kommt und ich dachte, wir wären aus dem Kindergartenalter herausgewachsen. Das zweite Knäuel trifft mich im Genick, auch kann ich hören wie er das nächste Stück Papier zusammen knüllt, doch ertrage ich wie immer alles schweigend, den Blick weiter auf die Tischplatte vor mir gerichtet, die eine Hand vorm Gesicht. Ich höre sogar wie er es wirft und warte auf den Treffer, allerdings trifft er nicht und ohne mich großartig zu bewegen, schaue ich zur Seite, ob Jerome daneben geworfen hat. Aber ich sehe nichts weiter als eine Jeans. Nun bewege ich mich doch und schaue, wer dort neben meinem Tisch steht. Mitten in der Bewegung erstarre ich. Der schönste Junge … Mann den ich jemals gesehen habe, steht neben meinem Platz und hält das Papierknäuel in der Hand. Er hat wunderschöne, rotblonde Locken und sein Gesicht sieht aus, als hätten Engel es gemalt, seine Augen haben die Farbe von einem klaren Bergsee. »Es ist aber nicht die feine Art, ein hübsches Mädchen mit Papier zu bewerfen, wurdest du von einer Horde Affen erzogen?«, sagt er an Jerome gewandt. Seine Stimme ist atemberaubend, geschmeidig und wie flüssiges Gold, ich könnte ihr ewig zuhören. »Stimmt«, sagt Sharon und es wundert mich, dass sie zustimmt. Ich werfe einen Blick in ihre Richtung. Sie hat das Kinn hochnäsig vorgeschoben. »Aber Dawn ist ja nun wirklich alles andere als hübsch.« Es war ja klar, dass von ihr nichts Nettes kommen kann, ich verdrehe die Augen, werde rot und wünsche mir zum Zweiten mal innerhalb von fünf Minuten, der Erdboden möge sich unter mir auftun. »Schönheit liegt im Auge des Betrachters«, sagt der Unbekannte und sieht mich dabei mit einem so umwerfendem Lächeln an, dass ich das Gefühl habe zu schweben. In dem Moment kommt Frau Peters herein, einen Stapel Bücher unter dem Arm, welche sie auf dem Tisch abstellt und dann klingelt es auch schon zur ersten Stunde. Der Unbekannte geht nach vorn zu Frau Peters und wechselt einige Worte mit ihr, sie nickt und stellt sich an den Lehrertisch. »Wie ich gerade erfahren habe«, wendet sie sich an die Klasse, »Habt ihr einen neuen Mitschüler bekommen. Dies« Sie zeigt mit der Hand auf den Neuen. »Ist Daniel Abaloy und er geht ab heute in eure Klasse. Nehmt ihn bitte gut auf und seid nett zu ihm.« Als ob irgendjemand nett wäre, nur weil sie es sagt. »Daniel such dir doch bitte einen Platz, du siehst ja, dass du die freie Auswahl hast.« Auf meinen Block kritzelnd, warte ich darauf, dass Frau Peters fortfährt, als plötzlich ein Schatten auf meinen Tisch fällt. Ich schaue auf und da steht Daniel neben meinem Tisch und lächelt mich wieder so unglaublich an, dass in meinem Bauch tausend Schmetterlinge auf einmal starten. »Ist hier noch frei?« Mein Kopf läuft erneut rot an und ich kann nichts weiter tun, als stumm zu nicken, obwohl ich eigentlich gar nicht will, dass er sich neben mich setzt. »Ich glaube nicht, dass du dich wirklich neben die setzen willst.« Sharons Stimme ist klar und deutlich, doch ohne mich aus den Augen zu lassen, antwortet Daniel: »Ich kann ganz gut selbst entscheiden, wo ich sitzen will.« Seine Stimme ist so sanft und weich, dass mir ein Schauer den Rücken hinunterläuft. Als wäre diese Stimme nur dazu gemacht, um mir zu gefallen. Dann setzt er sich und erst nach einer halben Ewigkeit, als er mich mit hochgezogenen Augenbrauen und einem schiefen Lächeln ansieht, fällt mir auf, dass ich ihn schon die ganze Zeit ungläubig anstarre. Augenblicklich werde ich wieder rot, senke meinen Blick ruckartig auf meinen Block und tue so als würde ich mir Notizen machen. In meinem Kopf kreisen tausende Fragen, wie in einem Wirbelsturm. Warum ich? Und wie lange wird er da sitzen? Sicher auch nur ein paar Tage wie damals Robin, als er neu in die Klasse kam. Er saß zwar nicht neben mir, aber die ersten Wochen hat er des Öfteren versucht mit mir zu reden, bis Jerome und der Rest der Klasse ihm gezeigt haben, dass ich es nicht wert bin, sich die Mühe zu machen. Robin schloss sich Jeromes Clique an und versuchte auch nicht mehr mit mir zu reden, im Gegenteil, eine Zeit lang waren seine Mobbing-Attacken die Schlimmsten gewesen. Mit Daniel wird es nicht anders sein, da bin ich mir ziemlich sicher. Auch er wird bald wissen, mit wem man sich hier besser nicht abgeben sollte, um nicht ebenfalls ausgeschlossen zu werden. Ich würde ihn sogar verstehen, immerhin wünsche ich keinem mein Leben zu teilen. Ich versuche dem Unterricht zu folgen, doch irgendwie ist mir das heute nicht möglich. Es ist als wäre alles im Raum dunkel und Daniel die einzige Lichtquelle. Immer wieder schaue ich verstohlen zu ihm hinüber, nur um festzustellen,

dass er mich anschaut und sogar lächelt. Dann erröte ich immer aufs Neue und schaue schnell auf meine Notizen. Es klingelt zur Pause, zehn Minuten die wieder nicht vergehen werden. Kaum ist Frau Peters aus dem Raum, sitzt auch schon Sharon auf meinen Unterlagen, ignoriert mich geflissentlich und streckt Daniel lächelnd die Hand entgegen. »Ich bin Sharon.« Ihre Stimme ist samtweich und verführerisch, wie immer wenn sie versucht jemanden um den Finger zu wickeln. Daniel schaut auf Sharons Hand, mit den manikürten Fingernägeln und blickt ihr dann mit einem kalten Lächeln ins Gesicht. »Und ich nicht interessiert!«, ist alles was er sagt und Sharons Lächeln gefriert. Ich stelle fest, dass es wirklich interessant ist, zu sehen wie Sharon einmal nicht alles bekommt was sie will und es fällt mir schwer mir ein Lächeln zu verkneifen. Doch sie hat sich schnell wieder gefangen und tut, als wäre nichts gewesen. »Weißt du, die wirklich coolen Kids sitzen dort hinten.« Mit dem Finger zeigt sie auf die letzte Reihe, in der sie und ihre Clique sitzen und die Reihe davor, in der Jerome und seine Kumpanen ihren Platz haben. »Nur gut dass ich kein Kind mehr bin«, antwortet Daniel gelassen, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Jerome taucht an seiner Seite auf, ich weiß genau wie eifersüchtig er sein kann und fühle mich hier überhaupt nicht wohl. Am liebsten würde ich weglaufen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Stimmung umschlägt und alles an mir ausgelassen wird. »Na, Darling.« Besitzergreifend legt Jerome seinen Arm um Sharons Taille, welche sich ihm sofort entwindet und ihn kühl anlächelt. »Ich bin nicht mehr dein Darling, schon vergessen?« Jerome erwidert nichts und Sharon wendet sich wieder Daniel zu: »Soll ich dir ein wenig die Schule zeigen? Es gibt wirklich schöne Ecken hier.« Bei diesen Worten hebt sie die Augenbrauen und man hört die Zweideutigkeit in ihrer Stimme. Jeromes Gesicht verdüstert sich und wie erwartet, schlägt die Stimmung um und ich werde mit in den Streit hineingezogen. »Warum lässt du nicht unserm Freak hier zeigen, wo diese tollen Ecken sind!« Ich verdrehe die Augen und lege meine Hand über mein Gesicht, während ich versuche im Stuhl zu verschwinden. »Ja genau.« Der Spot in Sharons Stimme ist nicht zu überhören. »Was soll er denn mit der da, wenn ich ihm alles zeigen kann.« Dabei wirft sie ihr Haar zurück und wackelt mit den Hüften. Mein Gesicht ist heiß und ich weiß, dass ich puterrot bin, durch meine Finger sehe ich, dass Daniel mich ansieht. Ich will gar nicht wissen was er denkt, noch peinlicher kann es wirklich nicht mehr werden und wie üblich bekomme ich meinen Mund nicht auf. »Es wäre mir eine Ehre, wenn du mir die Schule zeigen würdest, Dawn.« Verblüfft nehme ich die Hand von meinem Gesicht weg und starre ihn, mit nun doch offenem Mund, an. Woher weiß er meinen Namen? »Du weißt nicht was du da sagst!« Ich kann deutlich die Wut in Sharons Stimme hören, doch einen Wimpernschlag später, hat sie wieder diesen säuselnden Klang angenommen. »Komm mit uns und wir zeigen dir, wer hier das sagen hat.« »Nein Danke«, noch immer lächelt Daniel mich an und ich bin nicht fähig weg zu schauen. »Ich glaube ich habe alles, was ich möchte.« Sharon schnaubt ungläubig auf, doch sie scheint zu merken, dass sie keine Chance hat, zumindest im Moment nicht und geht aufgebracht zurück zu ihren Leuten. Da leitet das Klingeln auch schon Englisch ein und Frau Braun kommt wie immer zu spät. Nach einem weiteren finsteren Blick auf Daniel, folgt Jerome seiner Gelegenheitsfreundin nach hinten. Ich kann sie leise miteinander lästern hören. »Ab jetzt wird alles anders.« Daniels Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern und ich bin mir nicht sicher, ob ich mir daher seine Worte nicht nur eingebildet habe, denn als ich ihn anschaue, sieht er nach vorne und nur ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Frau Braun kommt rein und der Unterricht beginnt. Verwirrt versuche ich mich zu konzentrieren, doch es fällt mir unheimlich schwer. Trotzdem vergeht die Stunde wie im Flug und eine große Pause steht an, was bedeutet, dass alle Schüler nach draußen zu gehen haben. Ich warte gar nicht lange, sondern packe meine Sachen so schnell wie möglich ein, um aus dem Raum zu kommen. Als ich durch die Tür gehe, höre ich Sharon kichern. »Da interessiert sich so ein Unwissender mal für den Freak und schon nimmt sie Reißaus.« Gott sei Dank bin ich schon den Flur entlang, auf dem Weg zu meinem Spinnt, in den ich schnell meine Tasche hinein werfe und meine Jacke herausnehme um sie mir anzuziehen. Auf dem Pausenhof gehe ich in eine Ecke, in welcher ich mich immer aufhalte. Am Zaun unter mehreren Bäumen stehend, beobachte ich wie die Sonne das Gelb, in welchem die Schule gestrichen ist, so richtig zum Leuchten bringt. Ich setze mich auf die Bank neben der alten Eiche und halte mein Gesicht, mit geschlossenen Augen, in die warmen Sonnenstrahlen. Caprice fehlt mir, ebenso die Unterhaltungen mit ihr welche den Tag erträglich machen, doch ich werde aus meinen Gedanken gerissen, jemand steht vor mir in der Sonne. Innerlich stöhne ich auf und wappne mich gegen einen weiteren Angriff von Sharon. »Darf ich mich setzen?« Die Stimme jagt mir Schauer über den Rücken, und obwohl ich sie erst heute das Erste Mal gehört habe, würde ich sie unter tausenden wiedererkennen. »J … ja … natürlich«, stammele ich nachdem ich die Augen geöffnet habe und Daniel anschaue. Wieder werde ich rot und schaue auf meine Finger. Ich weiß nicht was Daniel von mir will, er kennt mich nicht einmal und besonders toll sehe ich auch nicht aus. Es gibt nichts an mir, was die Aufmerksamkeit der Jungs auf mich ziehen könnte, abgesehen von meinem gut entwickelten Oberkörper, aber der ist unter einer Schicht Pullover verborgen. Also warum gibt er sich überhaupt mit mir ab? »Ich bin neu hier her gezogen. Meinst du, du könntest mir mal ein wenig die Stadt zeigen?« Ich starre ihn an. Hat er das gerade wirklich gesagt? »I … Ich glaube nicht, dass das geht.« Wieder blicke ich auf meine Finger. »Und warum nicht?« Daniels Stimme ist weich und freundlich. »Ich … Hab noch zu viel zu tun.« Es ist schon ein Wunder, dass überhaupt ganze Sätze aus meinem Mund kommen. »Oh, schade.« Er scheint es wirklich zu bedauern und ich beobachte aus dem Augenwinkel seine enttäuschte Mine. Aber sicher nur solange, bis Sharon oder vielleicht auch Taylor ihn trösten. Ich antworte nicht und ich weiß auch gar nicht was ich sagen sollte und das Schweigen ist mir unangenehm. Wenn ich doch nur so Schlagfertig wäre, wie Caprice es immer ist. »Magst du mir etwas über dich erzählen, Dawn?« Erschrocken zucke ich zusammen, außer Caprice hat sich noch nie jemand für mich interessiert und die Frage ist mir unangenehm. »I … Ich … Da gibt es nichts zu erzählen«, stottere ich, doch das scheint Daniel nicht abzuschrecken. »Da gibt es doch sicher etwas.« Es gibt so viel was ich gerne erzählen würde, doch ich traue ihm nicht und stelle mir schon vor, wie er nachher zu Sharon rennt um sich lustig zu machen. Wenn ich mir jetzt Hoffnungen mache, dass es diesmal doch anders abläuft, werde ich nachher doch nur wieder enttäuscht und das will ich auf jeden Fall vermeiden. Noch weniger Selbstvertrauen als ich eh schon habe, kann ich wirklich nicht gebrauchen. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und falle dabei fast über meine eigenen Füße. »Ich muss gehen«, sage ich, ohne eine Erklärung abzugeben und verschwinde schnell im Schulgebäude. Auf der Toilette schließe ich mich erst einmal in einer Kabine ein. »Ruhig bleiben. Ganz ruhig«, flüstere ich mir selbst zu und versuche gleichmäßig zu atmen. Das erste klingeln verrät mir das die Pause fast um ist, also gehe ich zurück in mein Klassenzimmer. Daniel ist schon da und sitzt auf seinem Platz. Ich setze mich neben ihn und achte darauf, dass ich ihm ja nicht zu nahe komme. Für den Rest des Tages macht er keine Annäherungsversuche mehr und nach der sechsten Stunde beeile ich mich, aus dem Klassenzimmer und nach Hause zu kommen und kann den Schulhof ohne Zwischenfälle verlassen. Den ganzen Weg nach Hause, denke ich über Daniel nach. Ich werde das Gefühl nicht los, ihn zu kennen, obwohl er mir vollkommen fremd ist, wirkt er doch so vertraut wie sonst nur Caprice. Mir ist als würde da eine Erinnerung am Rande meines Bewusstseins schweben, die ich aber nicht erfassen kann. Wie ein Traum den man krampfhaft versucht zu fassen zu bekommen, aber umso mehr man sich müht, umso weiter entfernt er sich von einem. Zu Hause angekommen öffne ich die Haustür. Lily ist da und empfängt mich: »Erzähl mir alles.« Verdattert schaue ich sie an. »Was meinst du?« »Ach komm! Die ganze Schule hat von dem heißen neuen Typen gehört, der auch noch ausgerechnet in deine Klasse geht.« »Hast du keine anderen Sorgen, Lily?« Ich will eigentlich gar nicht so schroff klingen, kann es aber nicht verhindern. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?« Lily sieht mich besorgt an und meine Worte von eben tun mir leid. »Es ist nichts. Ich bin nur irgendwie müde.« Bevor sie weiter nachfragen kann, verschwinde ich die Treppen hoch und gehe in mein Zimmer. Oben angekommen, schmeiße ich meine Tasche in die Ecke und lasse mich aufs Bett fallen. Was zum Teufel war das heute für ein komischer Tag? Erst begann er so toll und so anders und dann kommt Daniel in meine Klasse und setzt sich auch noch neben mich. Ich seufze und stehe wieder auf. Zum Nachdenken habe ich nach den Hausaufgaben genug Zeit und so setze ich mich an den Tisch und verbanne die Gedanken an Daniel aus meinen Kopf. Als ich gerade sehr tief in meinen Aufgaben versunken bin, klingelt mein Handy. Da die Anzahl der Menschen, die meine Handynummer haben, sehr überschaubar ist, denke ich, dass es Caprice sein wird und gehe ran ohne auf das Display zu schauen. »Ja?« »Hallo Dawn.« Beim Klang seiner Stimme erstarre ich und mein Kopf ist wie leer gefegt. Ich kann Daniel