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Als in gewisser Hinsicht heimatloser Mensch, der an vielen Orten gelebt hat, ohne irgendwo feste Wurzeln bilden zu können, habe ich zunächst gedacht, ein Buch über "Heimat" zu schreiben, über die Art Heimat, die ich gefunden habe. Dann habe ich in meinen Erinnerungen an den Ort meiner Kindheit gedacht, an Daxlanden, an jenen Ort, der mir noch am ehesten das Gefühl eines Heimatortes vermitteln konnte. Doch was sollte ich mit meiner übrigen "heimatlosen" Lebenszeit anfangen? Dann bin ich auf die Idee gekommen, parallel zur Schilderung meiner Kinderjahre in Daxlanden diese Zeit rückwärts zu erzählen, von meinem aktuellen Leben in einem Dorf einem umgedrehten Zeitpfeil folgend zurück bis zum Ende meiner Kindheit, dem Wegzug aus dem heimeligen Daxlanden in das spröde und hektische Hannover. Um dort und später an weiteren Orten nach Gelegenheiten zu suchen, bei denen jene Jahre in Daxlanden bedeutsam gewesen sind.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2026
Szenen einer Kindheit
Bilder eines Alters
In
Kapitel 1
I
Kapitel 2
II
Kapitel 3
III
Kapitel 4
IV
Kapitel 5
V
Kapitel 6
VI
Kapitel 7
VII
Kapitel 8
VIII
Kapitel 9
IX
Kapitel 10
X
Kapitel 11
XI
Kapitel 12
XII
Kapitel 13
XIII
Kapitel 14
XIV
Kapitel 15
XV
Kapitel 16
XVI
Kapitel 17
XVII
Kapitel 18
XVIII
Kapitel 19
XIX
Out
Welche Erinnerung meiner Kindheit ist die erste Erinnerung, die ich habe? Ist es die Fahrt mit dem Nachtzug von Berlin nach Karlsruhe? Das regelmäßige ratá – ratá – ratá – ratá des Drehgestells des Schlafwagens unter mir, jedes Mal, wenn wir über einen Schienenstoß gefahren sind? Oder ist es der intensive Geruch des frisch geteerten Holzstegs am Moorweg in Berlin-Tegel, über den wir wenige Stunden zuvor unsere Wohnung verlassen haben? Es ist Mitte August 1941 und ich bin gerade zwei Jahre alt geworden. Von den Jahren, die wir bis dahin in Tegel gelebt haben, weiß ich nichts mehr. Ich erinnere mich nur an das, was meine Eltern mir später erzählt haben.
Doch, es gibt noch einen weiteren Erinnerungsfetzen. An einem Sommertag befinde ich mich auf einer mit Kastanienbäumen gesäumten schmalen Landstraße an einem See und blicke auf eine alte Fischerkate. Meine Eltern haben mir später erzählt, das müsste am Neuruppiner See gewesen sein, wo sich der Sommersitz des Berliner Kunstmalers Willy Zirges und seiner Frau Elisabeth befunden hat, die meine Eltern mit mir von Berlin aus besucht haben. Zirges ist heute weitgehend unbekannt. Über Zirges und die Verbindung meiner Eltern speziell mit seiner Frau, unserer Tante Li, habe ich später noch zu berichten.
Von Ziel und Zweck unserer Eisenbahnfahrt nach Karlsruhe hatte ich natürlich keine Ahnung. Ich wusste nur, wir haben von Berlin aus sehr weit weg fahren müssen. Weitere Erinnerungen an die ersten beiden Jahre meines Lebens in Berlin gibt es nicht.
Welche Erinnerungen sind die ersten, die ich von Karlsruhe habe? Das ist eine interessante Frage. Weil mit der Ankunft meiner Familie in Karlsruhe viele neue Eindrücke auf mich eingeprasselt sind, kann ich keine rechte Ordnung in den Wust dieser Erinnerungen bringen. Ich kann nicht sagen, welche dieser Erinnerungen die erste oder eine der ersten gewesen sein könnte. Ist es diese furchtbar eindrückliche Stimme, die am frühen Abend nach der immer gleichen Eröffnungsfanfare aus unserem Volksempfänger gedröhnt hat: „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt“? Ich habe natürlich nicht verstanden, was über die Erfolge des Krieges an der Ostfront und anderswo mitgeteilt worden ist. Ist es etwas gewesen, was mein Vater über die ersten Luftangriffe der Engländer auf deutsche Städte berichtet hat: „In Berlin gibt es immer öfter Luftalarm; wir hier in Karlsruhe werden noch verschont“? Ist es der erste Probealarm gewesen, bei dem wir den großen Bunker in unserer Nähe aufsuchen mussten? Ich erinnere mich, plötzlich in einem dunklen Gebäude gewesen zu sein, in dem ganz viele Menschen auf engem Raum zusammengepfercht waren. Mir ist unheimlich zumute gewesen und ich habe mich an meine Mutter und meinen kleinen Bruder im Kindersulky gedrängt.
Mein Vater war gar nicht da. Während des Krieges haben wir ihn nur selten zu sehen bekommen. Er ist immer dienstlich unterwegs gewesen. Wenige Jahre vor Ausbruch des Krieges hatte er nach einigen Jahren unbefriedigender Beschäftigungsverhältnisse in Berlin-Reinickendorf bei den Argus-Flugmotorenwerken eine zukunftsträchtige Stellung als Metallurge und Chemiker antreten können. Von Berlin aus ist er als Direktionsassistent in ein wohl erst zu Beginn des Krieges errichtetes Außenwerk nach Karlsruhe versetzt worden. Die Argus-Flugmotorenwerke haben bis zum Kriegsende existiert. Ständig ist er zwischen Berlin und Karlsruhe unterwegs gewesen. Weil er in einem kriegswichtigen Betrieb gearbeitet hat, hat er das Glück gehabt, nicht zur Wehrmacht eingezogen worden zu sein.
In Karlsruhe haben wir im Vorort Daxlanden in einer Doppelhaushälfte in der Römerstraße gewohnt. Daxlanden ist damals ein weitab von Karlsruhe gelegenes kleines eingemeindetes Dorf und stolz darauf gewesen, tausend Jahre älter als Karlsruhe zu sein. Ich konnte schon sehr gut sprechen und habe meinen Vater gefragt, woher die Namen Karlsruhe und Daxlanden kommen. Die Erklärung, die er für Karlsruhe genannt hat, habe ich sofort verstehen können. Der badische Markgraf Karl hat um 1715 bei einer Jagd, so geht die Erzählung, im nordöstlich von Daxlanden gelegenen Hardtwald in einer Lichtung ausgeruht. Die Ruhe und die Umgebung haben ihm so gut gefallen, dass er sich entschlossen hat, an dieser Stelle mit dem Bau des Schlossturms beginnend und mit fächerförmig vom Schloss ausgehenden Straßenzügen eine neue Stadt zu gründen, die er Karlsruhe genannt hat. Diese auf dem Reißbrett erfolgte Stadtgründung ist später Thema im Unterricht der Volksschule gewesen und in den ersten Klassen des Gymnasiums mit der ebenfalls auf dem Reißbrett entstandenen völlig anders gestalteten Stadt Mannheim verglichen worden.
Die Erklärung für den Namen Daxlanden, die er meinem Bruder und mir gegeben hat, würde ich heute mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen. Er hat uns erzählt, Daxlanden wäre an einer Landungsstelle des alten Rheins gegründet worden: „do kannscht landen“. Tatsächlich liegt Daxlanden an einer der früheren Altrheinschleifen. Daxlanden ist ein altes Fischerdorf, weil die Rheinschleifen gute Fischgründe waren. Der frühere Rhein hat sich in vielen Mäandern durch die Rheinebene zwischen Schwarzwald, Vogesen, Pfälzer Wald und Odenwald geschlängelt. Die von Tulla ab 1810 nördlich von Karlsruhe begonnene Begradigung des Rheins ist bis 1866 seinen Plänen folgend in der ganzen oberrheinischen Tiefebene verwirklicht worden. Bei Daxlanden hat die Begradigung 1822 stattgefunden. Auch dieser durch die wachsende Bedeutung der Schifffahrt auf dem Rhein bedingte starke Eingriff in den natürlichen Verlauf des Rheins ist ein beliebtes Thema des Schulunterrichts gewesen – damals aber nicht in Gestalt einer Kritik an einem der größten und folgenschwersten Eingriffe in einen Flusslauf in Deutschland, sondern als Würdigung einer berühmten Ingenieurleistung.
Nach der Begradigung ist Daxlanden von der aufstrebenden Schifffahrt auf dem Rhein abgeschnitten gewesen. Das war jedoch nicht allzu schlimm, denn nur einen Kilometer von Daxlanden entfernt ist der neue Rheinhafen von Karlsruhe entstanden, der zwei Jahre nach unserer Umsiedlung von Berlin nach Karlsruhe zum Ziel alliierter Bomberangriffe geworden ist. Denn der Rheinhafen war und ist nicht nur ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und Güterumschlagplatz mit vielen Lagerhallen, sondern auch ein Zentrum der Petrolindustrie mit vielen großen Öltanks geworden.
Als mein Bruder das Laufen erlernt hatte und wir unsere Entdeckungsausflüge immer weiter ausdehnen konnten, haben wir auch versucht, den weitläufigen Rheinhafen zu erkunden. Das mag heute seltsam klingen, doch damals sind Kinder auf den wenigen Straßen und Fahrwegen sicher gewesen; die ersten Tieffliegerangriffe gab es erst drei Jahre nach unserem Umzug nach Daxlanden. Unsere Eltern waren wie die meisten anderen Eltern mit den Folgen der Kriegsereignisse beschäftigt und konnten sich keine weiteren Sorgen um ihre Kinder machen. Auf den Straßen fand praktisch kein Verkehr statt, überall gab es jedoch viele Kinder. Jeder Erwachsene, der mit einem Fahrzeug unterwegs war, wusste, dass er auf Kinder zu achten hatte. Überall draußen durften wir Kinder spielen, solange wir nicht in die privaten Gärten eingedrungen sind, um reifes Obst zu naschen. Nicht nur wegen der politischen Propaganda sind wir Kinder überall geduldet worden.
Mein besonderes Interesse hat dem Eisenbahnwesen des Rheinhafens gegolten, daran erinnere ich mich genau. Dort wurde ständig rangiert. Die Rangierlokomotiven waren hauptsächlich kleinere Dampfloks, seltener waren Dieselloks im Einsatz. Ich habe es faszinierend gefunden, wie Güterzüge am Ablaufberg zusammengestellt und später von den großen Dampfloks abgeholt worden sind. Von einer Brücke aus konnte ich diesem Geschehen stundenlang zusehen. Diese Beobachtung der Eisenbahn ist später der Grund für mein Interesse an Modelleisenbahnen geworden.
Daxlanden ist damals mit einer Straßenbahnlinie vom Entenfang im Stadtteil Mühlburg aus an das Karlsruher Straßenbahnnetz angeschlossen gewesen. Das Besondere an diesem Straßenbahnnetz war die Spurweite: Es war die Normspurweite der deutschen Eisenbahn. So war es möglich, dass kurze und leichte Güterzüge auf den Straßenbahngleisen fahren konnten. Das ist wichtig gewesen, um den begehrten Rheinkies aus den Gruben an den Altrheinarmen abtransportieren zu können. Für uns Kinder war es immer ein Erlebnis, wenn ein kurzer Güterzug mit Wohnwagen, demontierten Fahrgeschäften und kleinen Buden in Daxlanden eingetroffen ist. Dann wussten wir, auf dem freien Platz am Hochufer der Alb würde bald ein reges Kerbestreiben herrschen.
Daxlanden war noch nicht die Endstation dieser Straßenbahnlinie. Über Daxlanden hinaus konnte man bis zum Rheinstrandbad Rappenwörth fahren, das wir Kinder aber erst einige Jahre später kennen gelernt haben, als wir sicher schwimmen konnten. Zu einer der ersten Entdeckungen in der Nähe unserer Wohnung gehörte eine schmalspurige Feldbahn, die an der Einmündung der Römerstraße in die breitere Pfalzstraße (heute Rheinhafenstraße) vorbeigetuckert ist, an der auch der mächtige Bunker gelegen hat. Die kleine Zugmaschine dieser Feldbahn wurde liebevoll ´s Lopperle genannt. Wir Kinder haben nur so zum Spaß versucht, den langsam fahrenden Lorenzug anzuhalten. Das ist uns natürlich nicht gelungen. Der Lokführer hat uns ausgeschimpft und verjagt, wenn er uns entdeckt hatte. Oft konnten wir in eine der Loren springen und heimlich ein Stück mitfahren.
Wie der Beginn meines bewussten Lebens findet auch dessen Ende in einem Dorf statt. Einem Dorf, in dem ich seit dreiundfünfzig Jahren lebe, zuerst mit Anna, meiner großen Liebe, und unseren Kindern; nachdem sie groß geworden sind, wieder mit Anna allein – und jetzt nach dem Tod Annas ganz allein. Während ich meine Kindheitserinnerungen aus Daxlanden, dem ersten Dorf, in dem ich gelebt habe, aufschreibe, während ich davon schreibe, wie wir des Hochdeutschen mächtigen Evangelischen aus Berlin uns im Dialekt sprechenden erzkatholischen Daxlanden gefühlt und zurecht gefunden haben, stelle ich mir die Frage: Was weiß ich von dem Dorf, in dem ich jetzt lebe? In Daxlanden habe ich bis zur Vollendung des vierzehnten Lebensjahres gewohnt und dabei jene Vielzahl von Erlebnissen gehabt, über die in diesem Buch geschrieben wird. Könnte ich auch nur etwas Ähnliches aus den über fünfzig Jahren berichten, die ich wieder in einem Dorf lebe? Ich glaube nicht!
Schon der Anfang, die Wahl des Hauses, in dem Anna, unsere Kinder und ich gelebt haben, und in dem ich auch jetzt mein Lebensende erwarte, hat uns zu „Außenseitern“ gemacht. Wir haben zu jenen gehört, die meistens aus der Universitätsstadt stammend sich auf einem am Rand des Ortes gelegenen Hügel angesiedelt haben, einem Hügel, der von den Dörflern als „Hypothekenhügel“ bezeichnet worden ist. Wenn es besonders in der Anfangszeit zu Bekanntschaften und manchmal auch zu Freundschaften gekommen ist, dann unter den Neuangesiedelten, eigentlich gar nicht zu den Alteingesessenen im Dorf. Kontakte zu den Einwohnern des Dorfes sind auch deshalb selten gewesen, weil unsere Arbeitsstellen in der nahegelegenen Universitätsstadt waren, weil unsere Kinder nach der Grundschule eines der Gymnasien dieser Stadt besuchten, und weil unser Bekannten- und Freundeskreis sich in dieser etwa acht Kilometer entfernten Stadt befunden hat.
Zu diesen Ansiedlungsbedingungen, über die Anna und ich seinerzeit nie nachgedacht haben, sind in meiner Familie noch jene besonderen Probleme hinzugekommen, die die Ausrichtung unseres Lebens auf die Universitätsstadt bis heute bestimmen. Von den drei Kindern, die Anna und ich haben bzw. hatten, sind zwei von Geburt an so beeinträchtigt gewesen, dass sie kein eigenbestimmtes Leben führen können. Eines dieser Kinder lebt seit vierzig Jahren in einer Pflegeeinrichtung der Stadt, das andere Kind ist nach einem durchaus glücklichen Leben in einer weit entfernten anderen Einrichtung vor drei Jahren verstorben. Bevor es dort Aufnahme hat finden können, hat es in der Universitätsstadt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr eine Sonderschule besucht. Annas und meine sozialen Kontakte sind daher nicht nur wegen unserer Berufe, sondern auch wegen der besonderen Lebensbedingungen unserer beiden Sorgenkinder auf die nahegelegene Universitätsstadt konzentriert gewesen – das Dorfleben an unserem Wohnort dagegen hat immer weit weg von uns stattgefunden.
Es ist nicht so gewesen, dass Anna und ich uns bewusst aus dem Dorfleben herausgehalten haben. Mit den Kindern haben wir die Dorfkirmes besucht, unsere ältere Tochter ist Mitglied im örtlichen Sportverein gewesen, Anna und ich sind der Ortsgruppe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) beigetreten, ich bin passives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr des Dorfes. Zum jeweiligen Ortspastor haben wir immer einen guten Kontakt gesucht, obwohl wir wahrlich keine guten Kirchgänger gewesen sind. Dazu waren wir nicht nur durch Annas Mutter gehalten, die zehn Jahre bis zu ihrem Tod bei uns gelebt hat, und der zu Ehren vor unserem Haus aus Anlass ihres neunzigsten Geburtstages ein Konzert des örtlichen Posaunenvereins gegeben worden ist. Auch unsere jüngere Tochter hat den Pastor geliebt und ist zuerst zusammen mit mir, später als sie älter war, selbständig zum Gottesdienst gegangen. Als wir im Ruhestand waren, ist zu Annas und meinen Geburtstagen immer eine Angehörige des Kirchenvorstands bei uns erschienen, hat uns gratuliert und uns zu einem Nachmittagskaffee unter weiteren älteren Geburtstagskindern des Dorfes ins Gemeindehaus eingeladen. Da wir dort niemanden dieser Älteren gekannt haben und zu den Dorfgesprächen nichts beizutragen hatten, haben wir darauf verzichtet.
Im Verlauf der Jahre haben wir mehrere Pastöre erlebt. Mit einem von ihnen hatte ich eine besondere Verbindung. Er hat gewusst, dass ich von Beruf her Naturwissenschaftler bin. Er hat mir gesagt, dass er sich nicht wohlfühlen würde, von der Kanzel herab über Entwicklungen der modernen Wissenschaften zu sprechen, ohne wirkliche Ahnung davon zu haben, und mich gebeten, ihm ein paar Dinge zu erklären. Wir haben uns etwa zehn Wochen lang an einem Abend der Woche bei ihm im Pfarrhaus zu einem Glas Wein getroffen und über die Bedeutung der Mathematik und der Naturwissenschaften für unser Alltagsleben gesprochen. Ich weiß gar nicht mehr, wodurch diese Abende angestoßen worden sind, ich weiß aber noch, wie interessant diese Gespräche auch für mich gewesen sind. Ähnliche Gespräche habe ich später mit meinem Schwager, dem Mann meiner Schwester führen können, der sich als Psychologe und Pastor ebenfalls für die Rolle der Wissenschaften und der Wissenschaftler im religiösen Weltbild interessiert hat.
In meinem Leben als Erwachsener habe ich eine Reihe von Freundschaften schließen können. Freundschaften an den Orten, an denen ich gelebt habe, waren jedoch selten. Meine Freundschaften habe ich in meiner Ausbildungszeit, in meinem Berufsleben und in meinen sozialen Engagements gefunden. Diejenigen, die noch leben, leben alle zum Teil weit weg von meinem letzten Lebensort, dem Dorf, in dem ich seit über fünfzig Jahren wohne. Bis jetzt ist das Leben ohne einen Freund in meiner Nähe noch nicht zu einem Problem geworden. Bis jetzt habe ich mir trotz aller sonstigen Beeinträchtigungen immer selbst helfen können. Zu einem Eigenbrötler bin ich noch nicht geworden – zumindest glaube ich das. Doch was mit mir geschehen wird, sollte ich einmal wirklich Hilfe benötigen, daran möchte ich eigentlich gar nicht denken. Den im Dorf beheimateten örtlichen Pflegedienst habe ich zweimal erlebt: zuerst während der über drei Jahre andauernden Pflege meiner Schwiegermutter, die zehn Jahre bei uns gelebt hat und bei uns gestorben ist, und dann in der Endzeit der Krebserkrankung Annas, die vor acht Jahren verstorben ist.
Bei Kriegsende war ich noch keine sechs Jahre alt und hatte schon einiges vom Krieg miterlebt. Doch in den ersten Jahren des Krieges hatte ich davon, dass Krieg herrschte, lange nichts gemerkt. Bis auf die dröhnenden täglichen Radiomeldungen und gelegentlichen Berichte meines Vaters habe ich eigentlich gar nicht gewusst, was Krieg ist. Ich habe allerdings auch nicht gewusst, was Frieden bedeutet. Das Leben im Dorf schien ungestört weiterzugehen, ich kann mich nicht erinnern, dass im Kindergarten vom Krieg gesprochen worden ist. Noch war der Krieg etwas, was weit weg geschehen ist.
Bis die ersten Alarmsirenen in Daxlanden aufgeheult haben, und wir Kinder nach dem Ende des Luftalarms am frühen Morgen zum ersten Mal in großer Höhe Bomberschwärme über uns hinwegfliegen gesehen haben. „Die hen Sturget (Stuttgart) bombardiert“ hat es geheißen, „bald sin mir dran“. Es hat dann nicht mehr lange gedauert, bis in der Nacht wieder die Sirenen aufheulten, Luftalarm. Meine Mutter musste uns verschlafene Kindern aus den Betten holen, uns so schnell wie möglich etwas anziehen und mit uns zum Bunker eilen. Unterwegs habe ich die langsam herabsinkenden Christbäume gesehen, mit denen die Vorflieger den nachfolgenden Bomberpiloten ihre Ziele markiert haben. Ich weiß noch, wie spannend ich das gefunden habe, während meine Mutter uns zur Eile getrieben hat. Kaum waren wir im Bunker, hörten wir schon die ersten Explosionen. „Die greife de Rheinhafe an“, wurde gesagt. Als die Einschläge immer näher kamen, hieß es: „Jetzt sin se bald bei uns.“
Und so war es auch. Unvergesslich sind mir am Morgen nach dieser ersten Bombennacht der furchtbare Geruch nach Verbranntem und der Blick von unserem zur Straßenseite gelegenen Balkon auf die Römerstraße, auf der ein Gewirr von Schläuchen herumgelegen hat, durch das Menschen in Feuerwehruniform rannten. Unser Haus ist verschont geblieben, doch einige Nachbarhäuser hat es erwischt. Dort musste noch gelöscht werden. Mein Bruder und ich wollten raus, wir hätten uns das gern angesehen, doch unsere Mutter hat uns im Haus gehalten.
Zwei Jahre vor dem Kriegsende ist unsere Mutter erneut schwanger geworden. Zu ihrer Unterstützung besonders während seiner dienstbedingten Abwesenheitszeiten hat mein Vater dafür gesorgt, dass ein Pflichtjahrmädchen bei uns in der Römerstraße gewohnt hat. Sie hat eines der beiden kleinen Mansardenzimmer im Geschoss direkt unter dem Dach bezogen und ist unserer Mutter während ihrer Schwangerschaft und natürlich bei der Versorgung von uns Kindern während der nächtlichen Bombenalarme zur Hand gegangen. Nach einem dieser Alarme sind wir aus dem Bunker zurückgekehrt. „Des wäre nur Brandbombe g‘wese“ ist gesagt worden, als wir Kinder uns über die wenigen Explosionen gewundert haben. Doch als wir bei unserem Haus angekommen sind, war ein großes Loch in unserem Dach, aus dem Rauch hervorquoll, und einige Nachbarn hatten noch mit Lösch- und Räumarbeiten zu tun. Eine Brandbombe sei genau an der Stelle durch das Dach gerauscht, unter der unser Pflichtjahrmädchen ihr Bett hatte. „Do hasch aber Glick g’habt“, meinte ein Nachbar. Bevor der Brand sich im Haus ausbreiten konnte, hätte jemand geistesgegenwärtig die Bombe rausgeworfen, sagte er.
An einem der seltenen Wochenenden, an denen unser Vater bei uns sein konnte, hat er uns auf die Geburt eines Geschwisterchens vorbereiten wollen. Nachdem er meinem Bruder und mir von einem neuen Brüderchen oder einem Schwesterchen vorgeschwärmt hatte, fragte er uns, was wir davon halten würden. „Vati, öl uns lieber unsere Roller“ war unsere Antwort. Diese Reaktion ist uns Brüdern später noch oft vorgehalten worden, unsere Eltern haben es mit Humor genommen.
Von der Landung der Alliierten in der Normandie wurden wir im Radio vom Oberkommando der Wehrmacht informiert, es hat aber geheißen, das wäre ein nur kurzes Gefecht, dann wären die Invasoren vertrieben. So ist es aber nicht gewesen! Während die alliierten Truppen immer näher rückten, ist unser Schwesterchen auf die Welt gekommen – in einer dramatischen Geburt, wie unser Vater berichtet hat. Einer ihrer Lungenflügel ist voll Fruchtwasser gelaufen; um ihr Leben ist lange gekämpft worden. Sie hat Kraftnahrung benötigt, die zu Kriegszeiten nicht erhältlich war. Bis zum Kriegsende hat es zwar keine Not an Grundnahrungsmitteln gegeben, doch die Nahrung, die unser Schwesterchen benötigt hat, die hat es nicht gegeben. Im Gegenteil: Als unser Vater kostbare Frischmilch hat besorgen können, hat unsere Mutter berichtet, diese Milch sei so eigenartig dünn. Unser Pflichtjahrmädchen wurde zur Rede gestellt und hat zugegeben, einen großen Teil dieser Milch für sich verbraucht zu haben. „Des Wirmle schafft’s doch sowieso net!“ war ihre Begründung. Daraufhin ist sie von unserem Vater hinausgeworfen worden.
In dem Maß, wie die alliierten Truppen in Frankreich und Belgien sich dem Rhein näherten, entstand eine neue Gefahr: Angriffe durch tief fliegende Jagdflugzeuge, die tagsüber plötzlich und unerwartet den Rhein überquert und alles beschossen haben, was sich bewegt hat. Unser Vater hat meinen Bruder und mich darauf trainiert, beim Geräusch eines heranfliegenden Flugzeugs sofort im nächsten Straßengraben Deckung zu suchen. „Warum schießen die auf Kinder?“ haben wir gefragt, „wir tun ihnen doch gar nichts!“
Die Spitzen der alliierten Truppen waren auf der anderen Rheinseite angekommen. Bomberangriffe auf den Karlsruher Rheinhafen und damit Luftalarme gab es nicht mehr. Dafür gab es den Artilleriebeschuss von der anderen Rheinseite her – zu irgendeiner Zeit und ohne jegliche Vorwarnung. Hörten wir das Pfeifen der Granaten, dann hieß es: wie bei den Tieffliegerangriffen schnell eine Deckung suchen. Obwohl wir erst drei und fünf Jahre alt waren, sind mein Bruder und ich schon ziemlich perfekt darin gewesen.
Gegen den Artilleriebeschuss waren die Luftschutzräume in unserem Keller gut genug gesichert. Unser Haus in der Römerstraße war Teil eines Doppelhauses; im anderen Teil lebten die Besitzer, ein freundliches älteres Ehepaar. Jedes Mal, wenn wir Granaten heranheulen gehört haben, sind wir in den Keller geflüchtet. An einem Abend, als das Dauerfeuer nicht enden wollte, haben wir Kinder eine Überraschung erlebt. Die Kellerräume des Doppelhauses waren zwar untereinander verbunden; doch es gab immer schon eine verschlossene Tür. Diese Tür wurde von der anderen Seite her plötzlich geöffnet. Unsere Nachbarn hatten den größeren Garten mit mehreren Kirschbäumen und deshalb eine große Anzahl eingeweckter Gläser mit Süßkirschen in den Regalen. Die haben sie uns Kindern zum Verspeisen angeboten. Mitten im Krieg bei unseren Nachbarn im Keller ohne Ende eingeweckte Süßkirschen essen zu können, während draußen die Granaten eingeschlagen sind, das war schon ein besonderes Erlebnis!
Was habe ich kürzlich zu einem Freund gesagt, der mich zusammen mit seiner Frau besucht hat? Mit dem Alter werde ich immer komischer. Ich habe das bei einer Gelegenheit gesagt, als wir darüber gesprochen haben, worüber man im Alter so alles nachdenkt. Woran man sich zum Beispiel erinnert. Wir haben uns während unseres Studiums kennengelernt. Er hat Chemie, ich habe Physik studiert. Wir haben zwei benachbarte winzige Mansardenbuden bewohnt. Mit zwei Partnerinnen, mit denen wir noch längst nicht verheiratet waren, sind wir zu Beginn der Semesterferien für fast zwei Wochen in die Wildnis der österreichischen Tauern aufgebrochen. Weit weg von jeder Zivilisation haben wir in einer hochgelegenen strom- und wasserlosen Sennerhütte in der Nähe einer Wasserstelle wunderbare Tage erlebt. Nach unserem Studium haben sich unsere Wege getrennt. Er hat ähnlich wie ich eine bewegte Vergangenheit und in seinem Leben an verschiedenen Orten gewohnt.
In unserer Rückbesinnung ist auch das Wort Heimat gefallen. Wir haben uns gefragt, was das ist: Heimat. Was ist das Besondere an einem Ort oder an einem Landstrich, den wir als Heimat empfinden? Mein Freund hatte in seinem Leben einen ähnlichen Weg hinter sich wie ich. Nach seinen Kindheitsjahren in einer im Osten Deutschlands gelegenen Großstadt und der Flucht seiner Eltern in den Westen hat eine Wanderung durch Deutschland stattgefunden, die im Berufsleben und der Ansiedlung in einer benachbarten großen Stadt geendet hat. Beide haben wir nirgendwo feste Wurzeln bilden können, feste Wurzeln, wie sie zum Beispiel diejenigen haben, die ihr ganzes Leben in einem Dorf wie dem, in dem ich jetzt wohne, verbracht haben. Überall, wo wir einmal gewohnt haben, sind wir nach wenigen Jahren „wieder weg“ gewesen. Von diesen Wohn- und Arbeitsorten haben wir weder etwas mitgenommen, noch haben wir außer Erinnerungen etwas zurückgelassen. Wir haben uns gefragt, ob jener Ort, an dem wir die letzten Jahrzehnte zugebracht haben, so etwas wie eine Heimat für uns geworden ist. Uns sind keine überzeugenden Argumente eingefallen.
Wenn ich das recht sehe, hat es dieses „Nomadendasein“ auch schon bei meinen Eltern gegeben – bei Annas Eltern erst gegen Ende ihres Lebens. Nach einer während des ersten Weltkriegs noch weitgehend schönen Kindheit haben bei meinen Eltern die Probleme angefangen. Meine Mutter ist mit zehn Jahren Halbwaise, mein Vater mit zwölf Jahren Vollwaise geworden. Was beide in ihren Jugendjahren als „Heimat“ erlebt haben, hat dazu geführt, die Lebensorte ihrer Kindheit zu verlassen und nach wenigen Zwischenstationen ihr Glück in einer der damals größten Städte der Welt, in Berlin zu suchen. Mein Vater hat später noch öfter versucht, die Verbindung zum Ort seiner Kindheit aufzunehmen, zu jenem Landstrich, wo man heute noch unseren Familiennamen auf einem Straßenschild finden kann, wo es eine Flurbezeichnung mit unserem Familiennamen gibt, und wo einmal ein Bauernhof gestanden hat, in dem seine Vorfahren gelebt haben. Er hat wieder Kontakt zu jenen Menschen gefunden, an die er sich noch erinnern konnte, seine Geschwister, die alle noch am Ort seiner Kindheit oder in dessen Nähe lebten. Meine Mutter hatte nicht so viel Glück; von ihren Geschwistern lebte nur noch eine Schwester in der Stadt ihrer Kindheit. Ihr älterer Bruder ist verschollen, ihr jüngerer Bruder war Soldat, ist verwundet worden und hat nach dem zweiten Weltkrieg einige Jahre bei uns in Daxlanden gelebt, bevor er im Württembergischen verstorben ist.
Mit dem Begriff Heimat sind meine Eltern später wieder konfrontiert worden, als sie nach einem arbeitsreichen,
