DECIMUS - Veronika Voigt - E-Book

DECIMUS E-Book

Veronika Voigt

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 95 nach Christi Geburt. Roms kriegerische Auseinandersetzungen mit den Chatten spitzen sich zu. Domitian, der jüngste Sohn des Kaisers Vespasian, hat den Thron bestiegen. Er herrscht mit Tyrannei, Folter und bringt Verderben über sein Volk. Als er von der Existenz eines weiteren Erben Kenntnis erlangt, setzt er alle Hebel in Bewegung, um diesen zu beseitigen. Decimus ist ein junger römischer Soldat. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren erfährt er, dass er der rechtmäßige Erbe des Kaisers Vespasian ist. Laut einer Prophezeiung soll er einer der letzten Unsterblichen in der Alten und Neuen Welt sein. Verfolgt von denen, die ihm nach dem Leben trachten, begibt er sich auf die Suche nach seiner wahren Bestimmung auf eine Reise durch Zeit und Raum.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2020

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DAS BUCH

Wir schreiben das Jahr 95 nach Christi Geburt. Roms kriegerische Auseinandersetzungen mit den Chatten spitzen sich zu. Domitian, der jüngste Sohn des Kaisers Vespasian, hat den Thron bestiegen. Er herrscht mit Tyrannei, Folter und bringt Verderben über sein Volk. Als er von der Existenz eines weiteren Erben Kenntnis erlangt, setzt er alle Hebel in Bewegung, um diesen zu beseitigen.

Decimus ist ein junger römischer Soldat. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren erfährt er, dass er der rechtmäßige Erbe des Kaisers Vespasian ist. Laut einer Prophezeiung soll er einer der letzten Unsterblichen in der Alten und Neuen Welt sein.

Verfolgt von denen, die ihm nach dem Leben trachten, begibt er sich auf die Suche nach seiner wahren Bestimmung auf eine Reise durch Zeit und Raum.

Veronika Voigt

Decimus - Der Erbe Roms

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 2020

Copyright © 2020 Veronika Voigt

All rights reserved.

Korrektorat & Lektorat: Senta Herrmann

www.facebook.com/polarfuchslektorat/

Umschlaggestaltung, Foto und Konzept:

LoreDana Arts, Erftstadt

Satz: LoreDana Arts, Erftstadt

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

Paperback (11,99€) : 978-3-347-13839-1

Hardcover (20,99€) : 978-3-347-13301-3

e-Book (2,99€) : 978-3-347-13302-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.autorinveronikavoigt.com

PROLOG

Es war ein sonniger Tag im April, kurz vor dem Osterfest, als Decimus, ein junger römischer Tribun, mit seinem Kameraden Julius auf dem Rückweg in das Lager der XI. Legion war, welche am Rhein in der Nähe des heutigen Mainz stationierte. Sie hatten eine alte germanische Feste im Auental ausgekundschaftet.

Der Weg, auf dem sie mit ihrem Pferden voranritten, grenzte an die Ländereien eines Dorfes der Chatten. Der germanische Stamm hatte sich hierher zurückgezogen, nachdem die Römer sie in mehreren Schlachten immer weiter reduziert hatten. Sie kämpften um ihre Freiheit, für ihre Familie, für ihre Ideologien und ihre Traditionen. Es schien ein nahezu aussichtsloser Kampf zu sein.

Decimus wusste dies und fühlte Mitleid mit diesen Menschen, deren Schicksal oft daraus bestand, als Sklaven verkauft zu werden und somit das aufzugeben, was ihnen am wichtigsten war, ihre Freiheit. Sie waren seine Feinde, dennoch fühlte er eine Verbundenheit mit ihnen, die er sich nicht erklären konnte.

Nachdem es nur noch zwei Stunden bis zu ihrem Lager waren, geschah es. Decimus bemerkte eine Bewegung in dem Gebüsch direkt vor ihnen, als sechs Männer daraus hervorbrachen und auf sie zurannten. Sie waren zwar zu Pferde und somit schneller, aber ihre Angreifer waren schwer bewaffnet mit Schwertern, Pfeilen und Bogen. Und Decimus und sein Begleiter waren nur zu zweit!

Im selben Augenblick hörte er einen schmerzvollen Aufschrei. Julius war von einem Wurfspeer getroffen worden. Einer der Männer, der den beiden am nächsten war, hatte einen Dolch gezogen und diesen bis zum Heft in das Herz des Pferdes gerammt, welches strauchelte und seinen Reiter und sich begrub. Julius war auf der Stelle tot.

Decimus war bewusst, dass er alleine gegen eine Übermacht kaum eine Chance haben würde, zog dennoch sein Schwert aus der Halterung, welche seitlich am Pferd festgebunden war. Da traf ihn der erste Pfeil ins rechte Bein. Ächzend vor Schmerzen versuchte er, sein Tier zu wenden und sich außer Reichweite seiner Angreifer zu begeben. Zu spät! Der Zweite traf ihn in die linke Schulter. Der Dritte bohrte sich tief in den Hals seines Pferdes, das daraufhin aufschrie, strauchelte und zu Boden fiel. Decimus verlor den Halt und stürzte seitlich vom Pferd. Trotz der immensen Verletzungen schaffte er es mit letzter Kraft, sich von dem massigen Körper des Tieres wegzurollen.

Die Angreifer hatten die Zeit genutzt, um näher zu kommen und beugten sich über ihn. Er sah die grimmigen, mit struppigen Bärten und verfilzten Haaren ausgestatteten, grinsenden Gesichter seiner Feinde, als ihn der erste Schlag seitlich an der Schulter traf. Stöhnend versuchte er, sich aufzurichten. Verzweifelt suchte er nach einer Waffe. Sein Schwert steckte in der Halterung am Pferd und lag unter diesem begraben. Der Schimmel gab nur noch röchelnde Laute von sich.

Ein weiterer Hieb traf ihn am Kopf. Er merkte, dass seine Kräfte schwanden. Das Letzte, was er mitbekam, war das dröhnende Lachen einer der Männer, bevor er die Besinnung verlor …

KAPITEL I

ROM, IM JAHRE 95 N. CHR.

DASGEHEIMNIS WIRD AUFGEDECKT.

Als Decimus wieder zu sich kam, lag er auf einem Bett in einem ihm fremden Raum. Verwirrt sah er sich um. Er hatte auf einer dicken Lage Strohs geschlafen, das wie ein Feld in einem heißen Sommer roch. Es war nur von einem dünnen Leinenlaken verdeckt. Einzelne Halme stachen ihn in den Rücken, sodass er sich hin und her wandte, um eine bequeme Position zu erlangen. Dann sah er die Sonne durch die Fensterluken scheinen, in deren grellem Licht Staubpartikel tanzten. Es handelte sich um einen großen Raum, vollgestopft mit allem möglichen Gerümpel. Zuerst erkannte er im Dämmerlicht nichts. Er versuchte sich aufzusetzen, dabei schoss ein irrsinniger Schmerz durch seine Schulter, seinen Bauch und seine Beine. Er und sah an sich herunter, was seine langen braunen Locken wie einen Schleier vors Gesicht fielen ließ. Genervt schob er diese nach hinten. Jemand hatte seine Wunden verbunden; sein Körper war von Kopf bis Fuß in einen Ganzkörperwickel gehüllt.

Dann kam die Erinnerung: Sein Kamerad, Julius und er hatte die Chatten, einen germanischen Stamm, der im Wald bei der Feste Auental seinen geheimen Rückzugsort hatte, erfolgreich ausgekundschaftet, so wie es ihm sein Kommandeur befohlen hatte. Auf dem Ritt zurück ins Lager waren sie dann von diesen Barbaren überfallen worden. Diese Teufel! Zu sechst waren sie über sie hergefallen, hatten Julius mit einem Wurfspeer sofort getötet. Er hatte versucht, sich zu wehren, ohne Erfolg. Verdrießlich verzog Decimus das Gesicht. Er selber hatte Verletzungen erlitten bei dem Versuch, sich zu verteidigen. Welchen Ausmaßes diese waren, entzog sich seinem Wissen. Im Gegensatz zu Julius war er mit dem Leben davon gekommen.

Seufzend versuchte er, sich in eine etwas bequemere Position aufzusetzen, um die Einrichtung des Raumes, in dem er sich aufhielt, näher zu betrachten. Dabei spürte er Schmerzen im Oberkörper und der Kopf pochte, als wenn jemand mit einem Hammer auf ihn einschlagen würde. Die barbarischen Teufel hatten Decimus doch schlimmer erwischt, wie angenommen.

Ich befinde mich in einem Langhaus, so wie es die Germanen errichten. Aber was zum Teufel mache ich in einer Wohnstätte der Barbaren?

Eine Frau betrat den Raum. Sie wirkte wie eine Germanin. Ihre grauen Haare waren ordentlich zu einem Knoten hochgesteckt und mit ihrem auffällig aufrechten Gang strahlte sie trotz ihres hohen Alters eine gewisse Würde aus.

Decimus empfand Ehrfurcht, als er die Frau erblickte. Aber da war etwas anderes, etwas … Bekanntes. Er betrachtete sie genauer. Sie trug einen wollenden bodenlangen Umhang in dunklem Farbton – dunkelblau oder schwarz, das konnte er in dem Dämmerlicht nicht ausmachen. Der Umhang wurde von einer silbernen Brosche zusammengehalten, den sie über einem schlichten, sauberen Kleid aus beigem Leinen trug. Die Augen der Frau, welche die Farbe von einem tiefen Grau hatten, sahen ihn an. Dann erkannte er sie.

»Anna? Du bist doch Anna! Was machst du denn hier?«

Anna, seine frühere Amme, die ihn an Kindesstatt aufgezogen hatte, sah den jungen Römer wohlwollend an.

»Ein Mann aus unserem Dorf hat dich auf der Lichtung nahe dem Fluss gefunden, dort, wo deine Legion lagert«, antwortete sie ihm.

»Wieso hat er mich in ein Lager der Barbaren gebracht, anstatt mich zu meiner Legion zu bringen?«

Mit zusammengekniffenen Lippen sah Anna ihren ehemaligen Schützling an.

»Zunächst einmal wäre es wohl ziemlich absurd gewesen, wenn ein G e r m a n e«, sie zog das Wort betont langsam in die Länge, »in einer römischen Festung mit einem verwundeten römischen Soldaten erschienen wäre. Außerdem befindest du dich in der Wohnstätte der Chatten.« Und mit mehr Nachdruck sagte sie:»Bitte benutze in meiner Gegenwart das Wort ‚Barbaren‘ nicht!«

»Entschuldige bitte«, irritiert sah Decimus die alte Frau an. Er runzelte die Stirn. Was hatte das alles zu bedeuten?

Anna hob den rechten Zeigefinger, als wollte sie ihm damit Einhalt gebieten: »Sei still und iss erst einmal einen Happen und trinke etwas von dem Met, den ich dir mitgebracht habe. Das Fleisch wird deinen Hunger stillen und dich zu Kräften bringen. Und dann musst du Geduld haben. Ich werde alle deine Fragen zu gegebener Zeit beantworten.«

Decimus hatte viele Fragen, schluckte die nächste herunter und tat, wie ihm geheißen. Als er zu Ende gegessen hatte, versuchte er, sich erneut aufzusetzen, und sackte mit einem Schmerzschrei wieder zusammen. »Ah, verdammt!«

Er erinnerte sich daran, dass ihn die Barbaren von seinem Pferd gerissen hatten, um dann auf ihn einzuprügeln mit gewaltigen Knüppeln, so lang wie ein Männerarm. Immer und immer wieder, bis er bewusstlos wurde. Bei dem Gedanken daran zuckte er zusammen, als würde er die Schläge noch einmal durchleben. Er sah Anna ins Gesicht:

»Sprich, Anna, warum befinde ich mich hier? Ich verstehe das nicht!«

»Weil du hierher gehörst.«

»Weil ich hierher gehöre? Was redest du da für einen Unsinn, Anna? Dies ist ein Haus der Barbaren, meiner Feinde! Und sicherlich gehöre ich nicht hierher! Ich bin Römer, wie du weißt.« Aufgebracht starrte er Anna an. Sie schien nicht mehr bei Trost zu sein! Er suchte nach seinen Sachen, um sich schnellstmöglich auf den Weg zurück ins Lager zu begeben. Sein Kommandant vermisste ihn sicherlich schon.

»Bleib bitte ruhig liegen, Decimus. Ich werde dir alles erklären«, sagte Anna und drückte den jungen Mann zurück auf seine Lagerstatt. Dies geschah mit großer Kraft, die man der alten Frau gar nicht zugetraut hätte. Dann zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sie sich zu ihm.

Sie begann zu erzählen: »Hast du dich noch nicht gewundert, warum du weder deinen Vater noch deine Mutter kanntest, Decimus? Und dass du so früh in die Legion aufgenommen wurdest? Normalerweise geschieht das erst mit zwanzig Jahren.«

»Ich war fünfzehn, als ich meine Soldatenlaufbahn begann.«

Fragend, mit erhobener Augenbraue, sah Anna den jungen Römer an, der die Stirn runzelte und mit zusammengekniffenen Lippen überlegte.

Es stimmte, er kannte seine Eltern nicht. Anna hatte ihn aufgezogen. Seit er ein drei Monate alter Säugling war, hatte er sich in der Obhut von ihr befunden. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, deswegen nachzufragen. Als er alt genug war, hatte man ihm erzählt, dass seine Eltern bei einem Brand ums Leben gekommen waren, bei dem ihr Haus zerstört wurde. So war es für ihn nur logisch gewesen, dass ihn Anna, seine Amme, aufgezogen hatte. Annas Worte machten ihn neugierig.

»Du hast recht mit dem, was du sagst, Anna. Weißt du, wer meine Eltern waren? Ich hatte nie Gelegenheit, danach zu fragen.«

Tiefe Sorgenfalten hatten sich um den Mund der alten Frau eingegraben, die darauf hindeuteten, dass sie einiges im Leben durchgemacht hatte.

»Decimus, was ich dir jetzt erzähle, ist die Wahrheit. Die Situation ist kompliziert. Ich werde es dir überlassen, ob du mir glaubst oder nicht.«

»In Ordnung.« Er nickte zustimmend.

Sie seufzte, sah ihn abschätzend an, holte tief Luft und presste dann die folgenden Sätze heraus: »Du befindest dich in großer Gefahr!« Anna griff nach Decimus‘ Händen und drückte sie um ihre eigenen Worte zu bekräftigen.

Er schluckte, bevor er mit leiser Stimme antwortete: »Sprich weiter. Ich höre dir zu.«

»Dir wurde erzählt, dass deine Eltern durch einen Brand ums Leben gekommen seien.«

»Das stimmt.«

»Nun, das ist nur die halbe Wahrheit. Es entspricht der Wahrheit, dass deine Mutter tatsächlich bei einem Brand starb, aber nicht eines Unfalls wegen, sondern weil man sie umgebracht hatte. Sie wurde heimtückisch ermordet! Decimus, deine Mutter war keine Römerin. Sie war eine von uns, eine Germanin. Wenn es jemand erfahren hätte, wäre das der sichere Tod für euch beide gewesen.«

Decimus hörte die Worte, die Anna zu ihm sprach, aber sie drangen nur schwerlich bis in sein Innerstes vor. Eine Germanin, meine Mutter? Das durfte nicht wahr sein! Wie er annahm, hatten alte Leute manchmal Hirngespinste. Aber … er sah sich Anna genau an, musterte sie stillschweigend, suchte nach irgendeiner Regung in ihrem Gesicht, die ihm verriet, dass sie schwachsinnig wäre. Er konnte nichts dergleichen feststellen. Log Sie? Doch er kannte sie zu gut von früher und glaubte nicht, dass sie ihn belügen würde. Sie sah ihn ernst an. Decimus sinnierte weiter. Anna sah nicht so aus, als wäre sie geisteskrank. Sie wirkte und sprach völlig klar zu ihm. Sie war, soweit er sich erinnerte, schon immer eine intelligente Frau, die ihm allerhand über ihre Heilkünste erzählt hatte,gewesen.

Er hörte ihr schweigend zu und nickte dann, damit sie fortfuhr.

Anna streckte kurz ihren Rücken, das lange Sitzen hatte sie angestrengt, holte tief Luft und sprach mit ruhiger Stimme: »Deine Mutter war eine Germanin vom Stamm der Chatten. Ja, du hast richtig gehört. Dein Vater jedoch …«, wieder machte sie eine bedeutungsvolle Pause, während Decimus den Atem anhielt, »war ein Römer. Ein sehr geachteter Römer sogar!«

Mit einem verschmitzten Lächeln, das ihren Mund umspielte, sah sie ihn erwartungsvoll an.

»Nun spann mich nicht auf die Folter!«, entgegnete Decimus.

Liebevoll lachend strich Anna ihm über den Kopf.

»Du bist schon immer gewesen, bereits als Kind. Hat man dir bei den Römern keine Geduld beigebracht? … Ach, lassen wir das. Hör gut zu! Dein Vater lebt nicht mehr, er ist in dem Jahr gestorben, als du geboren wurdest. Er war Kaiser von Rom. Kaiser Vespasian. Du bist sein erstgeborener Sohn. Und du bist der Sohn, der ihm niemals auf den Thron folgen kann. An deiner statt regiert dein Halbbruder Domitian.«

Mit den letzten Worten lehnte sich Anna zurück und beobachte Decimus. Wie erwartet reagierte dieser geschockt und saß mit weit aufgerissenen Augen auf seiner Liege.

»Ich bin ein Sohn von Kaiser Vespasian? Was redest du da?«

»Es stimmt. Vespasian ist dein Vater. Er wusste von deiner Existenz. Du wurdest im Jahre siebzig nach Christi Geburt geboren. Bis heute hatte ich angenommen, du wärst in Sicherheit. Niemand kannte dein Geheimnis, aber irgendjemand muss dich verraten haben. Nach dem Gesetz hättest du nämlich ein Anrecht auf das Erbe deines Vaters und somit auch auf den Thron. Zudem Domitian beim Volk nicht gerade angesehen ist, und sich auch mit den meisten Senatoren zerstritten hat.«

Anna pausierte, in der sie Decimus Gelegenheit gab, über ihre Worte nachzudenken, bevor sie mit ihrer Erzählung fortfuhr.

»Begreifst du nicht, Decimus, was da heute Morgen am Waldrand passiert ist? Diese Männer waren keine Germanen. Sie waren als Germanen verkleidete Römer, die dir nach dem Leben trachteten. Sie wollten dich ermorden. Du kannst nicht mehr nach Rom oder in das Lager deiner Legion zurückkehren. Das wäre zu gefährlich!«

Decimus sah Anna an und legte gedankenverloren seine rechte Hand an den Mund: »Hm?« Wer hatte dafür gesorgt, dass ich ein gutes Auskommen als Soldat hatte? War es mein Vater gewesen oder ein Freund, ein Vertrauter von ihm? Als Kaiser wäre es ihm leicht gefallen. Aber es muss Mitwisser geben. Wer weiß von meiner Existenz und davon, dass ich der rechtmäßige Erbe von Kaiser Vespasian bin?

Ein weiterer Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Das merkwürdige Handeln der vermeintlichen Germanen ergab keinen Sinn! Sie hätten ihn gefangen genommen, um ihn zu verhören und nicht gleich halbtot geschlagen.

Wenn es sich bei seinen Angreifern um verkleidete Römer gehandelt haben sollte, dann war er wahrhaftig in Gefahr! Er rieb sich die Schläfen mit den Fingerspitzen.

»Ich habe das Gefühl, als würde mein Kopf gleich explodieren!«

Sie stand auf, streckte ihren Rücken und bewegte sich ein paar Schritte von ihm fort zu einem kleinen Tisch. Auf ihm befand sich ein steinerner Krug, aus dem feiner Dunst emporstieg. Tee? Decimus leckte sich die Lippen. Er konnte jetzt einen Schluck von Annas berühmtem Heiltee gebrauchen.

Als er sie dort am Tisch stehen und die Flüssigkeit in einen hölzernen Becher füllen sah, überlegte er: War Anna etwa eine Germanin? Das würde erklären, warum sie hier lebte. Oder hielt sie sich hier versteckt?

»Anna, ich habe eine Frage.«

Sie dreht sich mit einem gefüllten Becher zu ihm, aus dem es verführerisch dampfte.

»Frag. Alles, was dich bewegt.«

Anna kam näher und hielt Blickkontakt mit ihm, als sie ankam. Decimus wartete ab, bis sie sich wieder gesetzt hatte. »Bist du eine Römerin?« »Nein, ich bin zur Hälfte Germanin und gehöre, wie deine Mutter, dem Stamm der Chatten an. Man sieht es mir jedoch nicht an, da mein Vater ebenfalls ein Römer gewesen ist. Du musst wissen, dass dein Vater, der Kaiser Vespasian, zwar sehr viele Feinde, jedoch genauso viele Freunde und Verbündete hatte und noch immer hat. Er liebte deine Mutter sehr, auch wenn es sich nur um eine kurzfristige und heimliche Beziehung handelte. Als sie starb, setzte er alle Hebel in Bewegung, um dich in Sicherheit zu bringen. Ich war unbedeutend als Tochter eines Fischers. Niemand hegte Verdacht, als das kleine Baby, das du damals warst, in meine Obhut gegeben wurde. Er vertraute dich mir an, weil er nicht selbst für dich sorgen konnte.«

Decimus sah Anna an und schüttelte ungläubig den Kopf. Gleichzeitig verspürte er eine Erleichterung der Art, dass er Klarheit über seine Herkunft hatte. Aber ausgerechnet der Kaiser Vespasian war sein Vater! Das ist nicht wahr!

Wenn es der Wahrheit entsprach, bedeutete dies, Domitian, sein Halbbruder, durfte von seiner Existenz genauso wenig erfahren, wie alle anderen. Aber sein Geheimnis war ja aufgeflogen – jemand hatte geredet.

Er hatte weder Vater noch Mutter je kennengelernt. Trotzdem verspürte er eine unendliche Traurigkeit über den großen Verlust, den er erlitten hatte. Bei diesem Gedanken zog sich sein Herz zusammen. Und trotz der Stärke, die er als Soldat täglich an den Tag legte, fühlte er sich auf einmal hilflos und elend.

Er war ein Bastard! Er war ein Halbblut - halb Römer und halb Germane. Er war ein Nichts. Voller Verzweiflung wollte er sich wegdrehen. Mit Schmerz in den Augen, sah er seine ehemalige Amme mit seinen dunkelbraunen, von langen Wimpern umrahmten Augen, an, an denen nicht weggewischte Tränen hafteten. Sie glitzerten im Schein der Kerzen wie tausend Diamanten. Ein stummer Schrei der Ungerechtigkeit und des Schmerzes.

»Decimus. Ich weiß, es ist viel, was du soeben von mir erfahren hast. Ich möchte dich jedoch noch einmal um dein Gehör bitten, denn etwas Wichtiges muss ich dir noch erzählen, bevor ich dich in Ruhe lasse.«

»Ja«, krächzte er, denn zu mehr war er nicht mehr im Stande.

»Gut.« Anna atmete einmal tief ein und aus. Dann sah sie Decimus an, als wollte sie abschätzen, ob er damit fertigwerden würde. Er bemerkte die Unsicherheit und nickte ihr aufmunternd zu.

»Deine Mutter sowie ihre Mutter und deren Mutter waren Heilerinnen und Zauberinnen. Sie übten Magie aus. Üblicherweise werden diese Magie und die besonderen Fähigkeiten, die damit einhergehen, an das nächste weibliche Kind vererbt. Veronika gebar jedoch einen Sohn – dich, Decimus. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie viel sie dir von ihren magischen Fähigkeiten vererbt hat. Tatsache ist, dass sich die magischen Künste erst ab dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr ihrem Träger offenbaren.«

Decimus sah Anna mit großen Augen an. Er versuchte zu verstehen. Als Anna einen Moment still war, vernahm er die Stimmen von zwei Frauen, die draußen am Fenster vorbeiliefen. Die Ruhe wurde auf einmal bedrückend. Decimus knetete nervös seine Hände.

Anna holte tief Luft, als würde sie kurz vor dem Endspurt eines finalen Rennens stehen. »Deine Mutter war außerdem eine Unsterbliche.«

Das durfte ja alles nicht wahr sein! Magie, Unsterbliche – was kam denn noch? Er brauchte einen Augenblick, um wieder klar denken zu können. Heftig stieß er die Luft aus, die er bei Annas Worten unbewusst angehalten hatte. Dann überlegte er fieberhaft.

»Anna, ich denke, ich muss mich jetzt mal einen Moment hinstellen. Mir wird das alles zu viel. Ich kann nicht mehr ruhig im Bett liegen.«

Mit gerunzelter Stirn sah Anna den jungen Mann an: »Meinst du denn, dass das schon geht?«

»Ja«, erwiderte er heftiger als beabsichtigt. »Ich brauche das jetzt. Nur so kann ich mich abreagieren.«

»In Ordnung. Ich helfe dir.«

Anna stellte sich neben die Lagerstatt von Decimus, er rückte näher an sie heran und gemeinsam schafften sie es, dass er ächzend aufstehen konnte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sich Decimus die rechte Seite, wo einer der Schläge ihm eine Rippe angebrochen hatte. Er keuchte kurz, dann richtete er sich auf.

»Ah verdammt! Das tut arg weh.«

»Kein Wunder. Überleg mal, wie lange die Verletzungen her sind.«

Mit einer wegwischenden Handbewegung deutete er Anna an, dass er es trotzdem wollte. Er sprach weiter: »Aber wenn meine Mutter unsterblich war, wieso konnte sie dann … wie war es möglich, dass sie starb?« Tief atmete er ein.

»Auch ein Unsterblicher kann ,sterben‘. Jedoch nur das Abschlagen des Kopfes oder Feuer können einen Unsterblichen in den Tod befördern. Wunden heilen schneller als bei Normalsterblichen. Schau dir deine Wunden an.«

Als Decimus damit beginnen wollte, seine Verbände abzuwickeln, sagte sie: »Deine Wunden benötigen noch eine Weile, um vollständig zu heilen.«

»Was willst du mir damit sagen?«

»Selbst eine tödliche Wunde kann dich nicht aus dem Leben reißen.«

Decimus zog seine Stirn kraus, und langsam dämmerte es ihm.

»Du meinst … willst du mir damit sagen, ich sei auch unsterblich?«

»Ja«, bestätigte Anna schlicht.

Sie stand auf und trat an ein Regal an der hinteren Wand. Auf ihm waren zahlreiche Bücher in Reih und Glied aufgestellt. Daneben befand sich ein Kästchen. Sie nahm es und kam damit zurück. Es handelte sich um einen hölzernen kleinen Kasten mit eingeritzten mystischen Symbolen von alten germanischen Göttern und ihm unbekannten Zeichen.

»Ich habe hier etwas für dich, Decimus. Es ist das Erbe deiner Mutter.«

Fünf kleine Edelsteine, die im sanften, flackernden Kerzenlicht schimmerten, zierten die Schatulle. Decimus sah Anna fragend an.

»Öffne es. Es gehört dir.«

Sie überreichte ihm das Kunstwerk. Er nahm ihr das Utensil behutsam aus den Händen, als handele es sich um einen zerbrechlichen Gegenstand. In dem Kästchen lag ein goldenes Medaillon in Form eines Adlers mit einem wunderschönen Rubin in der Fassung. Es hing an einer goldenen Halskette.

Decimus starrte das Schmuckstück fasziniert an.

»Dieses Medaillon beinhaltet ganz besondere Kräfte. Es ist ein Schutzamulett. Du musst es immer bei dir tragen!«

»Welche Kräfte hat das Amulett?«, wandte sich Decimus aufgeregt an Anna.

»Zu gegebener Zeit werden sie sich dir offenbaren«, erklärte ihm Anna geheimnisvoll.

Decimus besah sich das Schmuckstück genauer. Als er wieder aufblickte, geschah etwas Merkwürdiges mit ihr. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Ihre Augen überzog ein Schatten, aus ihnen wich das klare Grau und ein Schleier legte sich darüber. Sie war in Trance und sprach mit weltentrückter Stimme: »Das Medaillon der Wahrheit und des Schutzes. Suche nach der Unsterblichen, die das Gegenstück trägt! In der Zukunft musst du suchen und dich mit ihr verbinden. Hüte dich vor falschen Freunden und Weggefährten! Am Ende wirst du vor einer schweren Entscheidung stehen, die alles oder nichts bedeuten kann.«

Nachdem die letzte Silbe im Raum verklungen war, sackte Anna ohnmächtig in sich zusammen.

»Anna!« Decimus humpelte auf sie zu. »Anna, bei den Göttern, wach auf!«

Oh größter aller Götter, Zeus, hilf!, flehte er stumm.

Voller Verzweiflung fasste er sich an den Kopf und fuhr sich durch die Haare. Dann fiel sein Blick auf einen Krug mit Wasser, der neben einer Waschschüssel auf einem kleinen Tischchen vor einem Spiegel stand, auf den er zuhumpelte. Er nahm das Wassergefäß in die Hand und humpelte zurück zu Anna. Verdammt, sein Bein schmerzte! Als er bei ihr angekommen war, kippte er den gesamten Inhalt über die Ohnmächtige.

Diese erwachte prustend und schnaubend: »Was bei den Heiligen Neun … Decimus? Was machst du?«

»Du bist ohnmächtig gewesen. Entschuldige bitte«, antworte er verlegen.

»Du bist auf einmal weggewesen, mit deinen Gedanken woanders. Deine Augen, sie haben auf einmal die Farbe verloren. Es war, als hätte sich ein Schleier über sie gelegt. Dann hast du so wirres Zeug geredet. Und am Ende bist du einfach zusammengesackt.«

»Schleier … wirres Zeug? Bei Wodan, ich war in der Trance. Das ist schon sehr lange Zeit nicht mehr passiert!«

Anna setzte sich auf, fuhr sich mit den Fingern durch ihre triefnassen Haare und strich sie nach hinten. Die vormals schönen Locken waren platt gedrückt, was ihr ein trauriges Aussehen verlieh.

Decimus half ihr auf, und Anna setze sich wieder auf ihren Stuhl. »Erzähl mir von den Worten, die ich gesprochen habe.«

»In Ordnung. Mal schauen, ob ich sie noch wortwörtlich zusammenbekomme.«

Decimus überlegte grübelnd und kaute dabei auf seinen Lippen. Dann höre er in seinem Kopf eine Stimme, die ihm die Prophezeiung soufflierte. Laut wiederholte er, was ihm zuvor zugetragen worden war.

Anna sah Decimus an, dachte nach und sagte: »Das macht Sinn. Ja, das macht durchaus Sinn. Hm, ich hätte nicht gedacht, dass es dazu ein Gegenstück geben würde. Interessant, interessant. Ich denke, ich weiß, wie wir es machen werden. Ich habe auch schon mit ihr gesprochen.«

»Mit wem? Du sprichst in Rätseln, Anna.«

»Ich habe mit unserer größten Zauberin und Priesterin der Heiligen Neun gesprochen. Sie heißt Rana und ist mir eine langjährige Vertraute. Ich habe mir schon die ganze Zeit überlegt, was wir mit dir machen sollen, denn hier bist du einfach nicht mehr sicher, Decimus.«

»Du sagtest, ich kann nicht mehr zurück. Dies leuchtet mir ein. Aber wohin soll ich gehen? Wo bin ich in Sicherheit? Wo findet man mich nicht?«

»Bei den Heiligen Neun.«

»Die Heiligen Neun? Wer sind die Heiligen Neun?«

»Das sind die Priesterinnen, die Rana unterstellt sind. Sie ist ihre Hohepriesterin. Rana ist die mächtigste Zauberin der Germanen, aller Germanen. Zu ihr wirst du gehen. Und sie wird dich unterweisen in der Kunst der Magie … und im Überleben. Sie lebt im Erlengrund.«

Staunend sah Decimus Anna an. Ihre Worte verschlugen ihm die Sprache.

»Wo befindet sich dieser ,Erlengrund‘?«

»Mit dem Pferd circa eine Tagesreise entfernt.«

Decimus nickte und grübelte.

Ich werde Magie lernen. Man würde mich darin unterweisen? Und diese Rana war eine der mächtigsten Zauberinnen der Germanen. Nein, DIE mächtigste Zauberin!, verbesserte er sich. Anna verließ den Raum, um ihm Zeit zu geben, sich mit dem soeben Gehörten auseinanderzusetzen.

Decimus sah Anna nach. Er musste in Ruhe über alles nachdenken. Er legte sich in das Bett, streckte sich lang aus und schloss für einen Moment die Augen. Es war viel für einen Tag. Und wenn er nicht alles verstanden hatte, war ihm doch eines klar geworden: Er war keinesfalls ein Nichts und niemand. Er war unsterblich und hatte magische Kräfte. Das änderte auf einmal alles!

KAPITEL II

IMMER WEITER SÜDLICH DURCH DASLAND DERCHATTEN

Zwei Wochen verbrachte Decimus noch im Dorf der Chatten, bis seine Verletzungen vollends verheilt waren. Die übrigen Bewohner, bei denen es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder handelte, mieden ihn. Bei seinen seltenen Spaziergängen auf dem Gelände des kleinen Dorfes bekam er sie nur wenig zu Gesicht. Und wenn sie ihm begegneten, dann erntete er nur misstrauische, scheue Blicke. Dank Anna wurde er in Ruhe gelassen, was ihm recht war. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, wie sein zukünftiges Leben aussehen sollte. Für den nächsten Tag war seine Reise in den Erlengrund auf dem Schafskopf geplant. Dort würde er die höchste der germanischen Zauberinnen, Rana, treffen, die für zwei Jahre seine Mentorin in magischen Belangen sein würde.

Seine wenigen Sachen, bestehend aus einigen Hemden, Hosen und zwei Paar Sandalen lagen neben seinem Bett auf einer hölzernen Truhe. Anna hatte ihm einen Wollumhang anfertigen und Wechselkleidung zukommen lassen und ihm von seiner Mutter eine silberne Brosche gegeben, mit der er den Mantel zusammenhalten konnte. In dieser Aufmachung würde er nicht wie ein römischer Soldat aussehen, sondern wirkte wie ein junger, adliger germanischer Mann, der auf dem Weg zu seinen Verwandten war. Nach anfänglichem Zögern stopfte er ein zusätzliches Paar römischer Hosen, die bis zum Knie reichten, seinen roten Umhang sowie eine weiße knielange Tunika in den Beutel, welchen er in den Satteltaschen seines Pferdes verstauen würde. Wer weiß, wozu diese Kleidung gut sein konnte? Auf dem Ritt durch das Land der Germanen wollte er lieber die germanische Gewandung tragen, denn er wollte ungesehen bei Rana ankommen. Nur seine Waffen, ein Kurzschwert und seinen Dolch würde er bei sich tragen.

Er hielt mit dem Packen seines Hab und Guts inne und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Die Reise dauerte laut Anna ungefähr einen Tagesritt. Sein Pferd war verschwunden. Daher war er darauf angewiesen, dass Anna ihm eines der Pferde aus dem Stall des Adalmar, der der Anführer dieses Chatten-Stamms war, zur Verfügung stellte. Zu Fuß konnte er den Erlengrund nicht erreichen.

Er kam sich vor wie ein Bettler, weil er sich so von den Menschen leihen musste, die er bis vor kurzem zu seinen Feinden gezählt hatte. Und von denen er jetzt wusste, dass ihr Blut zum Teil durch seine Adern floss, war seine Mutter doch eine von ihnen gewesen. Eine Magierin, eine hochangesehene Frau.

Seufzend packte Decimus den Rest seiner wenigen Habseligkeiten zusammen. Es würde ein langer und beschwerlicher Weg werden.

Da sich das Dorf der Chatten unweit des apud Aram Ubiorum1, des Lagers, in dem er bis vor kurzem als Soldat gedient hatte, befand, konnte er bei seinen Rundgängen manchmal die Rufe der Soldaten von den Wachtürmen hören. Im Dunkeln vernahm er den Schein von Lagerfeuern im römischen Kastell. Dabei verspürte er immer eine eigenartige Sehnsucht, als hätte er mit seinem vorherigen Leben abgeschlossen. Und im Grunde genommen hatte er das. Sein altes Dasein als römischer Soldat, mit dem Rang eines Tribun, lag hinter ihm und sein neues Leben vor ihm. Ungewiss und mit Zweifeln behaftet, ob er mit dem Erbe, das ihm seine Mutter aufgebürdet hatte, zurechtkommen würde. Nie zuvor hatte er sich mit Magie auseinandersetzen müssen. Dies war den Alchemisten im kaiserlichen Palast vorherbestimmt gewesen, aber nicht einem Soldaten.

Mit seinen Überlegungen beschäftigt, hatte Decimus nicht bemerkt, dass Anna den Schlafraum betreten hatte und ihn nachdenklich musterte.

»Decimus, geht es dir gut?«

»Ja. Danke, Anna, ich war bloß in Gedanken.«

»Befürchtest du, dass du den Weg zum Erlengrund nicht finden wirst? Das dürfte nicht allzu schwierig werden, denn du reist nicht alleine. Ich werde dir einen Knecht zur Seite stellen, der dich begleitet. Er kennt den Weg, denn er ist ihn schon viele Male zuvor geritten, wenn er Rana wichtige Informationen aus dem Stamm übermitteln musste.«

1 Später: Flottenlager Arnsburg-Altenburg (Nähe Stadt Lich, Gießener Land)

»Ich dachte, sie wäre eine Zauberin. Müsste sie dann nicht alles wissen, was hier im Stamm und im römischen Lager vor sich geht?«, fragte Decimus belustigt.

»Nun ganz so verhält es sich nicht. Sicherlich weiß sie vieles, sie ist sehr weise. Aber hin und wieder ist sie schon darauf angewiesen, dass wir ihr Informationen zukommen lassen. Außerdem ist bald Eostre2. Wir müssen mit ihr über den Ablauf der Feierlichkeiten im Stamm sprechen. Dies kann man nicht per Gedankenübertragung tun, falls du gedacht hast, dass das hier bei uns so üblich ist.«

»Nein, das habe ich ganz und gar nicht gedacht, liebste Anna. Ich habe dich nur ein wenig aufgezogen.«

Decimus stand auf und trat an die Frau heran, die ihm in jungen Jahren eine Ersatzmutter gewesen war und heute eine Freundin für ihn darstellte. Er vermisste sie jetzt schon, obwohl er sich noch gar nicht auf den Weg in den Erlenhain gemacht hatte. Decimus kannte diese emotionalen Aufwallungen gar nicht von sich. Als Soldat konnte er sich so etwas nicht leisten. Wie leicht könnte es ihm als Schwäche ausgelegt werden oder im schlimmsten Fall sogar tödlich enden. Fest drückte er sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

2 Germanischer Name für das Osterfest

»Decimus!«, schimpfte sie. »Du machst mich noch ganz verlegen!« Decimus sah in ihren Augen nicht vergossene Tränen schimmern und ahnte, dass es ihr in diesem Augenblick genauso erging wie ihm. Es schmerzte sie sicherlich ähnlich wie ihn. Nachdem sie sich nach vielen Jahren wiedergefunden hatten, war der Schmerz des Abschieds um so größer! Es lagen schwierige Aufgaben vor ihm. Und, was noch wichtiger war, er musste diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Er hielt sich schon zu lange hier auf. Späher, die Adalmar als Kundschafter ausgesandt hatte, berichteten ihm, dass im römischen Lager nach Decimus gesucht wurde. Man davon aus, dass er von den germanischen Feinden gefangengehalten wurde, um ihm wichtige Informationen gewaltsam zu entlocken. Dass er übergelaufen war, davon ahnte niemand etwas.

»Decimus, lass uns noch ein letztes Mal zusammen zu Abend essen.«

»Das klingt so endgültig, als würden wir uns nie wiedersehen.«

Decimus hörte eine gewisse Resignation aus diesen Worten heraus und spürte, wie sein Herz zu pochen begann.

»Wir werden uns wiedersehen!«, antwortete ihm Anna. »Daran musst du immer fest glauben.«

Decimus nickte. Er hoffte, dass Anna recht behielt.

Am nächsten Morgen, nach einer unruhigen Nacht, stand er auf. Er hatte einen eigentümlichen Traum gehabt von einer Frau mit lockigen braunen Haaren, die ihm ihre Hände entgegenstreckte und ihm etwas zurief. Er konnte sich die Verbundenheit und Vertrautheit, die er gegenüber dieser Frau empfand, nicht erklären, denn er hatte sie nie zuvor getroffen. Als er Anna darauf ansprach, konnte sie ihm keine befriedigende Antwort geben, sah ihn eigentümlich an und riet ihm, falls der Traum sich wiederholen sollte, mit Rana darüber zu sprechen.

Er beschloss, diesen Rat zu befolgen, sollte der Traum ihn noch mal heimsuchen.

Dann war es Zeit für den Abschied. Der gesamte Hausstand war angesichts seiner Abreise vor der Tür des Langhauses erschienen. Sämtliche Frauen und Kinder hatten sich im Hof versammelt. Einige Männer, die frühzeitig zurückgekehrt waren, hatten sich dazugesellt. Unter ihnen befanden sich auch die drei Späher, und einige Knechte.

Welcher davon wird mich begleiten?, überlegte Decimus und musterte die Männer. Da zog Anna aus den Reihen der Umherstehenden einen Mann hervor, der sich ungefähr in Decimus‘ Alter befinden musste, in den Mittzwanzigern.