Deep Space Band 2 - Jonas Simmons - E-Book

Deep Space Band 2 E-Book

Jonas Simmons

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Beschreibung

2731 – Sol-System. Eine Routinemission bringt Andrej Nowikow, Erster Offizier auf einem Patrouillenschiff, und seine gesamte Crew in tödliche Gefahr. Bei der Verfolgung der geheimnisvollen Attentäter tappt er in eine Falle – und trifft zu seiner Erschütterung auf seine jüngere Schwester Kadja, die er zwölf Jahre lang für tot hielt. Die Konfrontation und die Frage, wer ihre Entführer sind, rütteln Erinnerungen an seine und Kadjas Flucht in den Onyx-Tower wach – nicht aber an den Tag, an dem Kadja im höllischen Dschungel des Planeten Mudfields verschwunden ist. Je tiefer Andrej in die Vergangenheit vordringt, desto mehr plagen ihn Schuldgefühle, seine Schwester im Stich gelassen zu haben. Was ist in den Jahren passiert, die sie im Dschungel verbracht hat und die vollständig aus ihrem Gedächtnis gestrichen sind? Und warum jagen ihre alten Verfolger ihnen immer noch hinterher?

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Seitenzahl: 719

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover von DEEP SPACE – Band 2: Die Kinder des Onyx-Towers von Jonas Simmons. Ein futuristischer Turm ragt aus einer nebligen, grün getönten Stadtlandschaft. Im oberen Bildbereich ist ein grünlicher Planet mit Ringsystem zu sehen.
Jonas Simmons
Deep Space – Band 2
Die Kinder des Onyx-Towers

Urheberrechtlich geschütztes Material

Deep Space 2

1. Auflage 2025

Copyright © 2025 by Jonas Simmons

Lektorat: Xenia Wucherer | Equal Writes –

https://equalwrites.de

Covergestaltung: Chris Gilcher | Buchcoverdesign.de – https://buchcoverdesign.de

Unter der Verwendung von Stockdaten von Adobe Stock

ID 252566152, ID 119487064, ID 260675948, ID 109928475

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Impressum

Herstellung und Verlag

Erschienen bei Argyraspides UG, Hohenwestedt

eISBN: 978-3-9825779-5-1

Inhalt

Prolog Irgendwo in Südamerika

2731 Stardust-Schmuggler

2719 Ein normaler Tag in Krasnodar

2731 Triangle

2719 Vasilijs Auftrag

2731 Verlorene Jahre

2719 Flucht

2731 Schatten der Vergangenheit

2719 Der Onyx-Tower

2731 In den Klauen des Triumvirats

2719 Archimedes

2731 Fortaleza Águila

2719 Der Weg zu den Sternen

2731 Der Nabel der Welt

2719 An Bord der Kairo

2731 Das Implantat

2719 Ab vom Kurs

2719 Das Lager

2731 Das Antonov-Vermächtnis

2719 Im Nest

2719 Das Grab

2731 Die Feen

2731 Splitter der Hoffnung

2719 Die Rettung

2719 Die Flut

2731 Das Wrack

2733 Zurück zu den Ursprüngen

Epilog

PrologIrgendwo in Südamerika

Yuris Finger klapperten über die Tastatur. Reihen elektrischer Geräte modernster Bauart erfüllten die Halle mit einem gleichmäßigen Summen. Zeitweise schweifte der Kegel seiner Stirnlampe durch die Leere, wenn er den Blick von seinem ComPad hob und prüfend in die Dunkelheit starrte. Nichts rührte sich.

›Gut so!‹, dachte er und trällerte zufrieden eine Melodie.

»Bin durch die äußere Firewall«, knurrte er in das Mikrofon an seiner Wange. »Kümmere mich jetzt um die ICs.«

Mit einem selbstgefälligen Lächeln beugte er sich wieder über seine Tastatur. Für ihn gab es keine verschlossenen Türen oder wirkungsvollen Abwehrmechanismen. Er unterdrückte ein Gähnen und umging die Sicherheitsvorkehrungen der Erdallianz-Anlage im Blindflug. Es war fast schon zu leicht.

Er stieß einen Pfiff aus. »Voilà! Da haben wir schon das Gateway.«

»Yu, wie weit bist du?«, fragte eine Stimme im Flüsterton durch sein Headset und riss ihn so aus seiner Konzentration.

»Verdammt Carl, ich sagte doch, ich gebe Bescheid, wenn ich fertig bin!«

»Hör mal, das hier ist eine Hochsicherheitseinrichtung der Allianz-Regierung«, zischte Carl unbeirrt in sein Ohr. »Hier am Zaun auf dich zu warten, ist nicht dasselbe, wie in einem Café in Paris zu sitzen.«

Yuri seufzte. »Piss dir nicht in die Hosen, Carl! Halt die Augen offen und melde dich nur, wenn es wirklich was zu berichten gibt!«

Ohne auf eine Antwort zu warten, schaltete er das Headset stumm. Weitere Störungen konnte er sich nicht leisten, denn in dem Punkt hatte Carl recht: Die Einrichtung hatte eine hohe Sicherheitsstufe. Einst gehörte sie zum Deep-Space-Konsortium und verfügte über eine intakte Datenbank. Ihr Wert war nicht in irdischen Besitztümern messbar.

Er atmete tief durch, streckte seine Arme aus und verschränkte seine Finger, bis die Knöchel knackten. »Gleich bin ich drin: Krasnodar Onyx-Tower Gateway, DS-Projekt ›Archimedes‹.«

In seiner Vorstellung hörte Yuri schon die Wellen an seine private Megayacht klatschen, in einer unberührten Bucht seiner eigenen Insel im indonesischen Ozean.

Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die weitverzweigte Dateistruktur, die hinter dem Gateway auf ihn wartete. Nur wenige auf dem Planeten Erde waren in der Lage, mit dem Aufbau uralter Deep-Space-Systeme klarzukommen.

»Darum haben sie ja auch mich geschickt«, flötete er leise und beendete die Stummschaltung seines Headsets. Sehr mit sich selbst zufrieden, tippte er auf die Eingabetaste und beobachtete breit grinsend, wie seine Decodierungssoftware alle fünf Deep-Space-Verschlüsselungen zerlegte. Mit glänzenden Augen wühlte er sich durch Ordner und Pfade.

»Und so sahen die, die nicht willkommen waren, die Pracht und die Herrlichkeit der Tempel und Paläste der Altvorderen!«, zitierte er aus einem berühmten Buch des 22. Jahrhunderts über die Feldzüge Roms gegen Ägypten.

»Häh?«, meldete sich Carl. »Ist das ein Code oder was?«

»Ich habe nicht mit dir geredet.«

»Woher soll ich das wissen?«, schimpfte sein Partner. »Du sollst das verdammt noch mal lassen! Schon der letzte Auftraggeber hat gesagt, du quasselst zu viel! Mach einfach deine Arbeit!«

»Und du deine!«, konterte Yuri. »Wie willst du Schmiere stehen, wenn du mir zuhörst?«

»Halt einfach die Klappe und werde fertig!«

Gedanklich schickte Yuri einen gestreckten Mittelfinger durch die Leitung. Seine Suchroutinen fahndeten automatisch nach den gewünschten Informationen. Er musste nur warten und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Ihm blieb noch jede Menge Zeit.

»Dann bereite ich schon mal das Rootkit und die Decoy Malware vor.«

Das war der zweite Teil seines Auftrags. Wenn er die Möglichkeit bekam, in geheime Regierungssysteme einzudringen, warum nicht ein paar Abhörfunktionen und Störprogramme platzieren?

Eine seiner Routinen meldete sich.

»Da ist es ja!«, rief er und grinste. »Projekt ›Archimedes‹.«

Seine Stirn legte sich in Falten.

»Dreckssystem!« Mit zusammengekniffenen Augen überflog er die Meldungen. »Noch mal verschlüsselt? Beschädigt?«

Missmutig brummte er und lud sich Daten auf sein ComPad herunter. Er hatte keine Zeit für eine ausführliche Dekodierung oder Restauration vor Ort.

»Wie sieht es draußen aus?«, knurrte er.

Carls Antwort ließ auf sich warten. Er prüfte die Verbindung und tippte gegen das Mikrofon. »Carl?«

»He, ich halte Wache und höre dir nicht zu, wie du gesagt hast!« Carl gab ein Grunzen von sich. »Alles ruhig.«

Yuri seufzte und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Brauche noch etwa fünfundzwanzig Minuten.«

Um sich die Zeit zu vertreiben, öffnete er wahllos Dateien. Lauter kryptisches Zeug, mit dem er sich erst auseinandersetzen müsste, um es zu verstehen. Immer wieder schielte er auf die Daten vom ›Archimedes‹ Projekt. »Meine Neugier bringt mich noch um!«, murmelte er und zuckte mit den Schultern. »No risk …«

›Wer bist du?‹

Die Buchstaben tauchten in einer eigenen Nachrichtenbox auf seinem Monitor auf.

»… no fun«, beendete Yuri zögerlich seinen angefangenen Satz. Hatte ihn jemand erwischt?

›Du solltest nicht hier sein.‹

»Ernsthaft?« Vermutlich war das bloß ein nerviger Bot der Sicherheitssoftware. Er ignorierte die Nachricht und klickte sich weiter durch die Daten.

›Dein Eindringen war plump und unüberhörbar.‹

Yuri hielt inne. »Na, der kann was erleben!«

Er tippte: ›Verpiss dich, Bot!‹

›Das war nicht nett.‹

›Wer bist du?‹

›Archimedes.‹

Schlagartig zog Yuri seine Finger von der Tastatur zurück. Die Härchen auf seinen Armen stellten sich auf. Archimedes? Das Projekt?

›Du bist das ›Archimedes‹-Projekt?‹

›Gewissermaßen.‹

Ein kurzer Check der Statusleiste zeigte, dass knapp dreißig Prozent vom Download fehlten.

›Dein Diebstahl wird dir nichts nützen‹, erschien in der Box, als hätte der Bot seinen Blick bemerkt.

›Wieso?‹, tippte Yuri langsam. Diese Mission bekam allmählich einen bitteren Beigeschmack.

Archimedes’ Antwort ließ nicht auf sich warten. ›Der Zugang zu meinen Hauptfunktionen wurde nach der neuesten Deep-Space-Standardverschlüsselung abgesichert.‹

Yuri lachte. ›Definiere ›neu‹! Wenn du Archimedes bist, dann bist du über fünfhundert Jahre alt!‹

›Und trotzdem habe ich die Sicherheitsvorkehrungen deines Computersystems schon vor zehn Minuten überwunden. Definiere ›alt‹ für eine KI!‹

Eine KI? Yuri schluckte und startete Diagnoseprogramme. Binnen weniger Sekunden legten sie ihm Brüche in seiner Firewall offen. »Du nutzt mein Netzwerk?«, keuchte er.

›Natürlich, ich hatte nicht viele Gelegenheiten, die Welt des 28. Jahrhunderts kennenzulernen, Yuri Solenkow, freischaffender Hacker und Computerspezialist mit einem perversen Faible für künstliche …‹

»Das geht dich gar nichts an!« Yuri musste sich beherrschen, um nicht zu kreischen. »Und wieso kannst du mich überhaupt hören?«

»Diese Wände haben Augen und Ohren!«, dröhnte eine tiefe Stimme von allen Seiten des Labors auf ihn ein. Er zuckte zusammen.

»Was soll das hier? Ist das ein neuer Allianz-Watchdog? Ein perfider Versuch, ein Genie abzuhalten, eure dreckigen Geheimnisse zu lüften?«

Archimedes reagierte nicht darauf.

»Mein letzter Betreuer wurde getötet«, sagte die Stimme, und das Bild eines Mannes mit vollem Bart und schmaler Brille flimmerte über die Monitore, gefolgt von einem Onlineartikel mit dem Titel ›Computerwissenschaftler der Allianz stirbt bei Anschlag auf Forschungseinrichtung in Krasnodar‹. Das Datum lag fünfzehn Jahre in der Vergangenheit. »Er verstand, wie eine Deep-Space-Einrichtung funktioniert«, fuhr Archimedes fort. »Höchst bedauerlich.«

»Was soll das heißen?«

»Zugegeben, meine Statistik beruht auf einer sehr geringen Datenmenge, aber es gibt nur wenige Menschen in der politischen Einheit namens ›Erdallianz‹, denen es möglich ist, die Verschlüsselung zu durchschauen. Du gehörst nicht dazu.«

»Woher willst du das wissen?«, spottete der Hacker.

Alle Monitore im Raum erloschen gleichzeitig. Yuri beschlich das Gefühl, wieder allein zu sein.

»Archimedes?«

Die Stille kroch unter seine Kapuze und mit einem Schauder den Rücken hinunter.

»Download complete!«, piepste sein ComPad. Er zuckte zusammen und trennte die Verbindung. Hastig sammelte er seine Sachen ein.

»Nichts wie weg hier«, flüsterte er, warf sich den Rucksack über die Schulter und schaute sich um. Er nickte stumm. Der Arbeitsplatz sah so aus, wie er ihn vorgefunden hatte. Er gab dem Stuhl einen Schubs, sodass dieser unter den Tisch rollte, und wandte sich zum Gehen. Das grelle Licht der Deckenscheinwerfer flutete den Saal. Mit einem Grunzen kniff er die Augen zu.

»Scheiße, was …?« Blitzschnell duckte er sich hinter einen Monitor.

Als er zitternd seine Lider hob, sah er direkt in die Mündung einer schweren Automatikpistole. Sein Blut gefror.

»Yuri macht keine Fehler, so hieß es in der Anzeige«, sagte eine tiefe Stimme. Yuri blinzelte, aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte den Blick nicht von dem schwarzen Ende der gewaltigen Waffe wenden, die direkt auf seine Stirn zielte. »Der Auftrag lautete: die Datenbank infiltrieren und Daten über das ›Archimedes‹-Projekt extrahieren«, fuhr der Mann fort. »Nicht, sie auch anzusehen. Ich dachte, wir hätten uns da klar ausgedrückt.«

»Sicher!«, brachte Yuri aus seiner zusammengeschnürten Kehle mühsam hervor. Am Rande bemerkte er, wie sich weitere Leute näherten und um ihn scharten. Eine Strumpfmaske verbarg den Kopf seines Gegenübers.

»Jetzt haben wir die volle Aufmerksamkeit der Allianz-Sicherheit und mussten die Anlage vom Netz nehmen«, fuhr der maskierte Mann in genervtem Tonfall fort. »Ein Haufen Dreck, den wir beseitigen müssen.«

»Tschuldigung?« Schweiß rann von Yuris Stirn und tropfte ihm von der Nase. Das ungute Gefühl drängte sich in den Vordergrund, dass ›ein Haufen Dreck‹ ihn mit einschloss. »Könnten Sie … bitte … die Waffe irgendwo anders hinhalten?«

»Aber sicher doch.« Der Lauf senkte sich, fast gleichzeitig traf Yuri ein schwerer Hieb in die Magenkuhle und er fiel auf die Knie. Er spuckte aus und hielt sich den Bauch. Der Mann ließ sich neben ihm in die Hocke und drückte die Waffe gegen seine Schläfe. »So besser?«

Yuri schluckte gequält. »Was wollen Sie? Ich habe die Daten!«

»War das Archimedes, der mit dir gesprochen hat?«

Die Stimme des Mannes war jetzt mehr ein Flüstern, erfüllt von Neugier und Ehrfurcht.

»Ja!«

»Was hat er gesagt?«

Yuri antwortete nicht gleich. Sein Peiniger packte ihn mit der freien Hand am Hals und schüttelte ihn. »Rede!«

»Er …« Yuri keuchte. »Er hat gesagt, dass ich seinen Code nicht knacken kann!«

»Wieso? Was hast du gemacht?«, fuhr der Mann ihn an.

»Ich?«, er zitterte am ganzen Leib. »Nichts! Ich schwöre! Dieser Archimedes-Bot hat etwas von der neuesten Deep-Space-Verschlüsselung gefaselt und auf einmal Bilder von einem toten Wissenschaftler gezeigt! Irgendwas mit Krasnodar und einem Attentat vor fünfzehn Jahren. Ein Allianz-Wissenschaftler war das Ziel. Mehr nicht!«

»Krasnodar vor fünfzehn Jahren?«, hakte der Mann nach und griff sich ans Ohr.

»Orlov, die Uhr tickt!«, mahnte einer der anderen im Hintergrund.

»Wir hätten schon damals härter durchgreifen sollen«, murmelte Orlov und ließ Yuris Kragen los. Augenblicklich sackte Yuri in sich zusammen und hob die Hände schützend vor sein Gesicht, als könnten sie eine Kugel abhalten.

»Ich habe euch alles gesagt! Nehmt die Daten!« Er zog langsam den Rucksack von seinen Schultern und schob ihn in Orlovs Richtung.

Er hob ihn auf. »Höchst bedauerlich.«

»Ihr glaubt doch nicht, dass die echte Archimedes-KI mit mir gesprochen hat, oder, Leute?«, fragte Yuri hastig und war selbst über die hohe Tonlage seiner Stimme überrascht. Die Kerle wollten ihn nicht wirklich umlegen, oder? »Archimedes ist ’ne uralte KI, die wie alle ihrer Art abgeschaltet und gelöscht wurden, als Deep-Space die Menschheit verraten und sich verpisst hat. Jede Behauptung, die KI wäre noch aktiv, ist ein Ammenmärchen! Ihr nehmt doch nicht so einen simplen Bot der Allianz für voll, oder?«

»Sichert den Ausgang, ich komme gleich nach«, befahl Orlov seinen Begleitern. Mit wachsender Beunruhigung beobachtete Yuri, wie die anderen sich entfernten und ihn mit Orlov und seiner Waffe allein ließen.

»Kommen Sie schon!«, schlug er im kumpelhaften Ton vor. »Ich habe geliefert! Sie haben, was Sie wollen, und den Schlamassel kann ich im Nullkommanichts wieder aus der Welt schaffen, wenn ich wieder an einem meiner Rechner sitze. Geht aufs Haus!«

»Hmm«, brummte Orlov und griff in seine Jackentasche, zog einen Hochleistungskommunikator hervor und tippte auf ein paar Tasten.

»Ist die Sache erledigt?«, fragte eine computerverzerrte Stimme, laut genug, dass Yuri jedes Wort verstand.

»Wie abgemacht, Umbra«, bestätigte Orlov. »Wie geht es jetzt weiter?«

»Hat er vor seinem Tod noch irgendwas Nützliches gesagt?«

»Vor seinem …?«, keuchte Yuri.

»Es gibt offenbar einen Zusammenhang mit Krasnodar im Jahr 2716«, erklärte Orlov seelenruhig und zielte unterdessen auf Yuris Kopf.

»Wirklich?« Umbra klang überrascht.

»Ich übersende Ihnen die Daten auf den üblichen Kanälen.«

»Sehr gut.«

»Wenn es was mit Krasnodar zu tun hat, dann will ich unbedingt dabei sein!« Orlovs Stimme zitterte vor Anspannung. Yuri verstand kein Wort, aber in Anbetracht der Waffe, die direkt auf seine Stirn zielte, fiel es ihm ohnehin schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Überlassen Sie das mir«, sagte Umbra. »Wir melden uns wieder bei Ihnen, wenn wir für Ihre speziellen Fähigkeiten Verwendung haben.«

Mit leisem Knacken wurde die Verbindung unterbrochen.

Orlov sah Yuri mit einem schiefen Grinsen an. »›Umbra‹. Was für’n bescheuerter Codename! Ist das nicht irgendein Braunton?«

Yuri zuckte zitternd mit den Achseln.

»Dir kann’s egal sein«, murmelte Orlov und drückte ab.

2731Stardust-Schmuggler

»Wach auf!«

Andrej brummte und drehte sich weg.

»Du musst aufwachen!«, drang die Stimme eines kleinen Mädchens an sein Ohr.

»Die Schicht fängt erst in ein paar Minuten an!«, protestierte er und zog die dünne Decke übers Ohr. Keine Sekunde später riss er die Augen auf. Ein Mädchen an Bord? Ruckartig drehte er sich auf den Rücken. Sein Blick glitt wie ein Raumjäger durch den Raum.

»Kadja?«

Sein Atem kam stoßweise. Er schüttelte die letzten Fetzen müder Schwere aus seinem Kopf. Sie war nicht hier. Natürlich nicht.

Die Kabine war klein, kaum groß genug für seine morgendlichen Liegestütze. Stand er in der Mitte des engen Raumes, musste er nur seine Arme ausstrecken, um alles zu erreichen, was er brauchte: das Bett, den schmalen Schreibtisch, die Tür zum Bad und die Garderobe. Die Wolf P-158 war nun einmal ein Patrouillenschiff, keine Fregatte und auch kein Kreuzer. Als Erster Offizier konnte er sich glücklich schätzen, eine eigene Kabine zu besitzen. Nur die des Captains war größer und bot ansatzweise etwas Komfort. Doch dazu musste er erst einmal Captain werden.

›Eine Empfehlung wäre hilfreich‹, dachte er und öffnete die Schnallen seines schlafsackähnlichen Kokons. So schlief es sich zwar nicht bequem, aber die Schwerkraft musste ihn nicht kümmern. Müde schwang er die Beine aus dem Sack. Raumschiffbesatzungen der Erdallianz lernten schnell, auf die Gravitation zu achten. Deutlich spürte er sein Gewicht und runzelte die Stirn. Sollte die Wolf nicht noch unterwegs sein? Er zuckte mit den Schultern und schlüpfte in seine Magnetstiefel. Die Luft in der Kabine roch abgestanden, wie eine Mischung aus getrockneten Socken und Öl. Es erinnerte ihn daran, dass er neue Lufterfrischer beim nächsten Landgang besorgen wollte.

Andrej wankte in Richtung Bad und lehnte sich schwer auf das schmale Waschbecken, ehe er es wagte, den Blick auf sein bleiches Spiegelbild zu richten.

Im ersten Moment erkannte er sich nicht wieder. Im blassrosa Gesicht stachen die dunklen Augenringe und Falten drumherum besonders deutlich hervor und wetteiferten mit den dunkelbraunen Stoppeln auf seinem Kopf. Er grinste schief und wusch sich. Zurück in der Kabine suchte er die digitale Zeitanzeige über dem Bett. Anstelle einer Uhrzeit blinkten nur Striche darauf.

»Mist!«

Die Wolf ging langsam den Bach runter, noch ein Grund mehr für eine Versetzung.

»Andrej!«

Die Stimme drang in seine Ohren, zuerst dünn, wie von einem Windhauch aus dem Lüftungsschacht herbeigetragen, aber dann so intensiv, als stünde die Quelle neben ihm. Sein Blick glitt durch den Raum. Er schüttelte den Kopf, hier drinnen gab es nicht genug Platz, um eine Person zu verstecken. War das ein mieser Scherz der Crew?

Die Besatzung der Wolf bestand aus anständigen und fleißigen Leuten, allerdings vom unteren Ende der Nahrungskette innerhalb der Flotte. Allesamt liebenswerte Kameradinnen und Kameraden mit Ecken und Kanten, die sich für kaum einen Scherz zu schade waren. Rasch warf er sich in seine Uniform. Danach trat er an die Tür seines Quartiers und lauschte.

Stille! Das störte ihn.

Das ständige Rauschen, Summen und Pochen fehlte, das wie das Blut in den Adern das Leben im Inneren eines Raumschiffes auszeichnete.

Das Schiff sollte doch erst in ein paar Tagen im Dock der Europa-Station liegen?

Er schüttelte den Kopf. Ein Raumdock wäre eine Erklärung für die Schwerkraft, aber nicht für die Stille.

Seufzend gab er sich einen Ruck und öffnete die Tür. Der Quergang führte aus den Mannschaftsquartieren am Captain vorbei zur Brücke. Nur jede dritte Lampe an der Decke war im Betrieb. Eine Energiesparmaßnahme, die normalerweise nicht störte. Röhren und Kabelschächte säumten die Gänge. Dazwischen waren fleckige Polsterungen und Gitterböden angebracht. Selbst bei voller Beleuchtung kein angenehmer Anblick.

»Hallo?«, rief er mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Ihr könnt rauskommen! Ich hab’s kapiert, ich habe verschlafen!«

Keine Reaktion. Andrej seufzte tief.

»Also gut, ihr wollt spielen?«

Er straffte seine Uniform und wandte sich in Richtung Brücke. Hatte sich gerade ein Schatten im Durchgang zu den Quartieren bewegt? Mitten in der Bewegung hielt er inne. Mit einem Kribbeln im Nacken drehte er den Kopf langsam zur Seite.

In einem weiteren Quergang flackerte eine Lampe. Da kauerte doch jemand?

»He da!«, rief er und näherte sich bedächtig der Gestalt. Nach fünf Schritten trat er auf etwas Weiches und blieb unvermittelt stehen. Er beugte sich hinab, bis er es erkannte.

»Moos?«

Andrej blinzelte. Am Boden lag ein Fladen grau-grünen Mooses mit verästelten, fühlerartigen Wurzeln, die durch das Bodengitter hingen. Tropfen fielen von den Enden der langen, bleichen Auswüchse in den Schacht hinab. Wie war die Pflanze hierhergekommen? Er stupste den Haufen mit der Stiefelspitze an. Sie klammerte sich an den Untergrund, als wäre sie schon immer hier gewesen.

Andrej schüttelte seinen Kopf und hob den Blick. Die Gestalt unter der Lampe war verschwunden. Mit einem grimmigen Schmunzeln auf den Lippen schlich er sich an die Biegung an. Bereit für den Hinterhalt der Crew, drückte er sich gegen die Wand, zählte bis drei und sprang in die T-Kreuzung hinein.

»Ha!«

Sein Grinsen gefror. Niemand weit und breit.

Die wenigen aktiven Lampen im Gang flackerten und spendeten kaum Licht.

»Verflucht!«, stieß Andrej zwischen seinen Zähnen hervor. In diesem Augenblick bemerkte er im Lichtkegel eine Bewegung an der nächsten Biegung, knapp zehn Meter entfernt. Der Größe und Gestalt nach handelte es sich um ein kleines Mädchen mit kahlgeschorenem Schädel. Sie hatte ihr Gesicht in seine Richtung gedreht, aber es lag durch den Scheinwerfer über ihr im Schatten. Sie winkte ihm zu.

Trotz der Entfernung erkannte er sie sofort. Sein Herz machte einen Satz.

»Kadja?«, stieß er hervor.

Andrejs Mund wurde staubtrocken. Warum sollte seine verlorene Schwester hier sein? Sie war vor zwölf Jahren auf einer entfernten Kolonie der Erdallianz gestorben! Oder etwa nicht? Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Schläfen und er verzerrte sein Gesicht zu einer gepeinigten Grimasse. Zitternd verharrte er und kniff die Augen zusammen, bis das Stechen langsam abebbte. Schwer atmend klammerte er sich an die Polsterung der Wand. Das Mädchen war verschwunden.

»Warte!«

Stolpernd bog er um die Ecke. Der Gang führte hier ein paar Stufen hinab. Mit einem Satz übersprang er sie und seine Füße landeten platschend in Wasser. Sofort lief es kalt in seine Schuhe. Er keuchte. Kniehoch stand er in einer schwarzen, öligen Brühe, der Boden mit den Gittereinsätzen darunter war kaum noch zu sehen.

Andrej zuckte zusammen, als ein dicker Tropfen in seinen Nacken fiel und in seinen Kragen lief. Geduckt hob er den Blick und die ganze Länge der Decke war von dunklen, feucht glänzenden Wurzeln überzogen. Sie wucherten aus den Spalten und Löchern. Wassertropfen lösten sich und erzeugten ein stetes ›Plopp‹.

»Andrej! Hilf mir!«, wehte die kindliche Stimme seiner Schwester ihm entgegen.

»Ich komme!«, hauchte er und watete weiter. Sein Weg wurde durch herabhängende Schlingen und Vorhänge schleimiger Flechten erschwert. Zudem sah er nicht, wohin seine Füße traten, und mehr als einmal rutschte er fast auf dem Geflecht aus, das quer über den Boden verlief. Der abgestandene Geruch von mehrfach aufbereiteter Luft wich einem modrigen, erdigen Aroma, das ihn an ein frisch ausgehobenes Grab erinnerte.

Endlich erreichte er höheren Boden, stieg keuchend die Treppe zum breiteren Zwischendeck hinauf. Langsam kam er zu Atem und sah sich um. Die Flechten und das Wurzelwerk mitsamt dem Wasser waren verschwunden. Vorsichtig streckte er eine Hand nach der Wand aus und befühlte die Oberfläche. Seine Finger wischten über die kalte, aber trockene Polsterung.

»Was zum Teufel …?«, keuchte er.

Der Gang sah aus wie immer. Kein Wasser oder Flechten. Blinzelnd schüttelte er den Kopf. Was ging hier vor?

Das laute Zischen einer Luftschleusentür erschreckte ihn dermaßen, dass er herumwirbelte und fast das Gleichgewicht verlor. Am Ende des Zwischendecks lagen die Schleusen zu den Andockvorrichtungen des Patrouillenschiffes. Über einer dieser Schleusen blinkten die Warnlampen orange. Kadja würde doch nicht …?

Er stürzte auf die Lichter zu.

Ein schmales Fenster gewährte ihm einen Blick in das Innere der Schleusenkammer. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Eine kleine Gestalt stand mit dem Rücken zu ihm. Sie streckte die Finger nach dem großen Knopf für die manuelle Öffnung der Außenluke aus.

»Nein!«, brüllte er und hämmerte mit einer Hand gegen das schwere Schott. Die Tür war zu dick, als dass seine kläglichen Versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, Wirkung zeigten.

»Kadja! Tu das nicht!«

Sie hielt kurz inne. Hatte sie ihn gehört? Doch dann schlug ihre kleine Hand auf die große, rote Schaltfläche. Andrej kniff die Augen zusammen und wandte sich von dem Fenster ab. In seinem Kopf stellte er sich vor, wie sich die Außenluke öffnete und seine Schwester unbarmherzig und unabwendbar ins All hinausgeschleudert wurde.

»Nein!«

Er schluchzte und hieb gegen das dicke Metall, bis seine Knöchel blutig waren und er kraftlos an der Schleusentür zu Boden sank. Eine innere Leere füllte ihn aus. Sie war ihm nur allzu vertraut. Er ließ sie gewähren, seinen Schmerz aufsaugen, so wie das All auch seine Schwester genommen hatte.

Nach einer Ewigkeit richtete er sich langsam auf. Es kostete ihn all seine Kraft, einen Blick durch den schmalen Sehschlitz zu werfen.

»Was …?«

Die Außenluke stand offen, aber dahinter lag nicht das All, sondern eine tintige Schwärze. Die Werte der Anzeige neben der Tür zeigten eine atembare Atmosphäre an. Seine Augen flogen ein ums andere Mal über die Daten.

Zögerlich schob er die Sicherheitskappe von dem manuellen Öffnungsmechanismus der Schleuse beiseite und zog kräftig an dem freigelegten Griff. Laut und klar drang das Geräusch der Entriegelung an seine Ohren. Nicht einmal ein Zischen deutete ein Vakuum auf der anderen Seite an. Ihm wehte der schwere Geruch feuchter Erde entgegen. Andrej blinzelte. Sauerstoff? Erst der dritte tiefe Atemzug überzeugte ihn vom Unmöglichen. Er wartete keine Sekunde länger und schob seinen Körper durch die breiter werdende Lücke.

»Kadja?«, hauchte er mit rauer Stimme. Dumpf hallten seine Worte von den Wänden der Schleusenkammer wider. Vergebens versuchte er, die drohende Schwärze jenseits der Außenluke mit seinen Augen zu durchdringen. Zögerlich zwang er seine Füße voran und am Ausgang hielt er sich mit beiden Händen am Schleusenrahmen fest. Mit klopfendem Herzen spähte er hindurch.

Die Finsternis zog sich, dickem Rauch gleich, zurück. Langsam schälten sich Konturen aus der Dunkelheit. Der Anblick verschlug ihm den Atem. Hinter der Schleuse war nicht das Weltall, sondern eine weite Höhle oder ein gewaltiger Abhang. Die zerfurchten Wände schimmerten rötlich. In der lamellenartigen Struktur gähnten dunkle Löcher. Röhren zogen sich über die Oberfläche und erinnerten ihn an die Schlingen und Wurzeln, die im Raumschiff aus der Decke hingen.

Er riskierte einen Blick in die Tiefe und wich instinktiv zurück. Aus dem bodenlosen Abgrund wehte ihm ein fauliger, modriger Gestank entgegen, wie aus einer jahrhundertelang verschlossenen Schlammgrube. Der Boden verlor sich in dunstiger Schwärze.

»Hilf mir!«, schrie die hohe Stimme seiner Schwester direkt hinter ihm. Andrej wirbelte herum. Seine Hände glitten ab. Das Letzte, was er sah, bevor er in den Schlund stürzte, war Kadjas totenbleiches Gesicht, von feinen Pflanzenadern überzogen und mit dunklen, flehenden Augen, die in den Abgrund seiner Seele sahen.

Wild ruderte er mit seinen Armen, seine Hände griffen verzweifelt ins Leere und suchten nach Halt. Das Licht aus der Schleusenluke verlor sich rasch aus seinen Augen, während er fiel und fiel. Schwanden ihm schon die Sinne oder war es die Dunkelheit des Schlundes, die ihn umfing?

Mit einem lauten Klatschen prallte sein Körper auf eine weite Wasserfläche auf. Binnen Sekunden sank er in die Tiefe. Er paddelte wild mit Armen und Beinen, schnappte nach Luft und schluckte Wasser. Endlich durchbrach er mit einem befreiten Stöhnen die Oberfläche.

Mit einer Hand hielt er sich an einem unterarmdicken Strang fest und zog seinen Körper schwerfällig daran empor. Zitternd vor Nässe und Kälte wälzte er sich auf den Rücken und stemmte sich auf seinen Unterarmen hoch. Hier unten war es nicht so dunkel, wie er erwartet hatte. Ein fahles, rotes Licht umgab ihn. Es war hell genug, dass er seine unmittelbare Umgebung wahrnahm, aber zu schwach, um jenseits eines Meters mehr als Konturen erkennen zu können. Eine Quelle für das Leuchten suchte er vergebens.

Der Boden bestand aus dunklen, ovalen Steinen mit gezackten Kanten. Über allem breitete sich das rötliche, verästelte Gespinst aus feinen Wurzeln aus.

»Hallo?«, rief er mit zitternder Stimme. Er bekam keine Antwort, stattdessen rollten kleine Wellen ans Ufer. Fasziniert und beunruhigt zugleich beobachtete er die niedrigen Erhebungen, die lautlos auf den seltsamen Strand trafen.

Was war das für ein Ort? Wo war Kadja? Ein Rauschen drängte sich in seine Gedanken und gewann an Lautstärke. Alarmiert kniff er die Augen zusammen und spähte ins Zwielicht. Nichts. Die Wellen wurden höher und rollten jetzt schneller heran. Irgendetwas musste sie verursachen – und kam auf ihn zu. Panisch wich er auf seinen Ellbogen zurück, sprang auf und lief, bis er die fast senkrecht aufragende Wand erreichte. Er griff nach den wurzelartigen Schläuchen, aber seine Finger rutschten immer wieder von der nassen Oberfläche ab. Das Rauschen kam näher und verwandelte sich in ein klackendes und kratzendes Rumpeln. Er sprang und streckte seine Hand verzweifelt nach einer herabhängenden Schlinge aus. Erneut entglitt sie ihm und er landete unsanft auf dem unebenen Grund.

Die ovalen Steine bebten. Irritiert sah er hinab und riss die Augen auf. Der Boden selbst erwachte zum Leben. Was er für Steine gehalten hatte, stellte sich als gezackte Chitinpanzer von Käfern heraus. Er versuchte, das Gleichgewicht zu halten, was aber auf den Panzern von Käfern, die sich bewegten, schier unmöglich war. Die Insekten kamen rasch auf ihre kurzen, stämmigen Beine. Schützend hielt er seine Arme vor sein Gesicht. Spitze Stacheln und scharfe Zacken drangen durch die Kleidung und zerfetzten seine Haut.

 

»Sir! Wachen Sie auf!«

›Warum?‹

Ein leichter Klaps brachte ihn zu sich und er blinzelte in das künstliche Licht seiner Kabine. Jemand beugte sich über ihn. Die Person roch nach Schweiß und ätzendem Rasierwasser.

»Hatten Sie Albträume?«, fragte Warrant-Officer Alvarez mit besorgter Miene und nahm zögerlich Haltung an.

»Wie spät ist es?« Andrej rieb sich stöhnend das Gesicht und betrachtete argwöhnisch seine Arme. Seine Haut hing nicht in Fetzen. Das stete Summen und leise Dröhnen des Patrouillenraumschiffs entzog sich normalerweise völlig seiner Wahrnehmung, wie bei jedem Crewmitglied. Jetzt drang es deutlich an seine Ohren. Er atmete aus. Nur ein Albtraum…

»Ihr Dienst fängt in wenigen Minuten an«, erklärte Alvarez. »Captain Bremer schickt mich, er will Sie umgehend auf der Brücke sehen.«

Andrej grunzte und schluckte den schalen Geschmack auf seiner Zunge herunter.

»Ich bin gleich fertig. Eine schnelle Dusche und etwas Pflege, damit ich dem alten Mann unter die Augen treten kann.«

»Wie Sie meinen, Sir.«

Alvarez salutierte und machte einen Schritt auf die Tür zu. Er hielt inne und drehte sich wieder um, warf Andrej einen knappen Blick zu und zupfte an seiner Uniform herum.

»Nur raus damit, Alvarez!«, ermunterte Andrej ihn. »Ich schätze ehrliche Worte, das wissen Sie.«

»Ja, Sir. Es ist nur … Sie sind der Erste Offizier, Sir.«

Andrej stieß ein ungehaltenes Brummen aus. Genau das hatte er befürchtet. Diese eine Beförderung vor einem Vierteljahr schien das freundschaftliche Band zu den Crewmitgliedern zerschnitten zu haben. Die Lehrer an der Akademie hatten es prophezeit. »Na los, ehe die zehn Minuten für meine Dusche rum sind.«

Alvarez straffte seine Schultern. »Sind Sie deswegen der Allianz-Marine beigetreten?«

Andrej wischte über seine müden Augen und sah Alvarez lange an. »Wie meinen Sie das?«

»Sie sind doch bei der Katastrophe von Mudfields dabei gewesen, oder?«

»Ja?« Andrej hatte keine Geheimnisse, was diesen Teil seiner Vergangenheit anging.

»Ich habe gehört, dass viele der Überlebenden von damals der Marine beigetreten sind.«

»Und?«, fragte Andrej ungeduldig. »Kommen Sie auf den Punkt!«

»Viele haben noch Albträume über Insekten.« Alvarez blinzelte. »Die gibt es nicht an Bord von Raumschiffen.«

»Ich habe vor zwölf Jahren meine Schwester an diese verdammte Kolonie verloren und ich fürchte mich nicht vor irgendwelchen Käfern«, zischte Andrej. »Das war nicht der Grund, der Allianz-Flotte beizutreten!«

»Jawohl, Sir.« Alvarez sah zu Boden. »Das tut mir leid, Sir.«

»Schon gut.« Andrej schwang seine Beine aus dem Bett. Das Laken war schweißnass. »Dann bringe ich mich mal wieder in Form. Wegtreten!«

»Aye, Sir!«

 

Captain John Bremer rieb sich seinen gepflegten grauen Vollbart und nippte an einer Tasse Kaffee, als Andrej die Brücke betrat.

»Captain«, meldete er sich und nickte den beiden anderen Offizieren kurz zu.

»Nowikow!«, grunzte Bremer amüsiert. »Wie ich höre, schlafen Sie nicht gut?«

Andrej vernahm leises Kichern von der Sensor- und Navigationskonsole, an der Lieutenant Emilio Silva saß. Sein Blick verfinsterte sich. Alvarez hatte geredet.

»Kein Grund zur Beunruhigung, Captain.« Er setzte ein Lächeln auf, um über seine Zerknirschtheit hinwegzutäuschen. »Mir geht es gut.«

»Das will ich hoffen.« Bremer grinste breit. »Im Gegensatz zu mir haben Sie noch einen weiten Weg bis zum Ruhestand!«

Andrejs Lächeln verschwand. Mit zusammengebissenen Zähnen wartete er auf den Rest der üblichen Litanei des Captains. Er wurde nicht enttäuscht.

»Bis zum Fregattenkapitän bringe ich’s nicht mehr, bin ja jetzt schon fast sechzig«, fuhr Bremer schmunzelnd fort und musterte Andrej. »Sie hingegen? Wer weiß? Ich jedenfalls freue mich auf mein kleines Haus am Meer und …«

»… den Garten und viel Ruhe«, nahm Andrej den Rest vorweg. Ihm war schleierhaft, wie Bremer, der sein ganzes Leben an Bord von Raumschiffen zugebracht hatte, die Erde mit all ihren Problemen vorzog.

»Daran ist nichts Falsches!«, mahnte der Captain mit zusammengekniffenen Augen, dem Andrejs skeptischer Ton nicht entgangen war. »Wenn Sie in mein Alter kommen, dann haben Sie die Sterne und vor allem diese langweilige Leere irgendwann satt! Sie werden die Sonne auf ihrer bleichen Haut spüren wollen.«

Andrej nickte und musterte die Altersflecken im blassen Antlitz des Captains. Nur den wenigsten Besatzungsmitgliedern, die dauerhaft an Bord von Raumschiffen waren, gelang es, eine gesunde Bräune zu behalten, abgesehen von Leuten mit dunklerem Teint, wie Alvarez oder Silva, die im Gebiet der südamerikanischen Republiken geboren waren. »Jawohl, Sir.«

»Nun gut.« Bremer stellte seinen Kaffee in eine sichere Halterung und deutete auf Andrejs Sessel. »Nehmen Sie Platz. Es gibt Arbeit.«

Andrej ließ sich auf den Sitz neben dem Captain nieder und schnallte sich an.

»Wir haben einen Auftrag?«, fragte er und überflog die Meldungen der letzten fünf Stunden.

»Ja«, bestätigte Bremer in genervtem Tonfall. Eine Mission gefährdete ganz offensichtlich seinen Plan, seine Füße hochzulegen, bis er in Pension ging.

»Überprüfung des Frachtschiffs Trailblazer, auf dem Weg zur Raumstation Madrid mit Startpunkt Beta Avium«, las Andrej laut vor. »Was ist der Grund für die Überprüfung?«

»Schmuggelt vermutlich Stardust«, erklärte Bremer düster. »Hat vor wenigen Monaten in Mudfields angelegt. Die Allianz-Regierung hält jedes Frachtschiff von dort für verdächtig.«

Andrejs Interesse war geweckt. »Stardust-Schmuggler?«

»Das wäre ja mal ein dicker Fisch im Netz!«, rief Silva dazwischen.

Bremer winkte ab. »Wahrscheinlich wieder falscher Alarm.«

»Wie können Sie sich da so sicher sein, Captain?«, fragte Silva. »Das Zeug hat den Markt unserer fünf Sonnensysteme im Sturm erobert. Es ist ein sehr lukratives Geschäft.«

Andrej räusperte sich. »Und der Preis für reines Stardust geht dank unserer Kontrollen durch die Decke, weil kaum noch etwas durchkommt. Wenn das kein Anreiz für Schmuggler ist?« Er zuckte mit den Achseln. »Wir sollten jede Möglichkeit nutzen, gegen dieses verdammte Drogengeschäft vorzugehen!«

»Stardust wird doch aus Blütenpollen auf Mudfields hergestellt, oder nicht?«, fragte Silva an ihn gerichtet. Die Erwähnung der Kolonie wirbelte wieder das Gespräch mit Alvarez über seine Albträume auf, was Andrej bitter aufstieß.

»Ja«, brummte er. »Hab gehört, die Allianz-Regierung hat beschlossen, zuerst die Militärpräsenz zu verstärken. Schon seit Monaten gibt es Umsiedlungsprogramme zu anderen Kolonien, weil die Zivilbevölkerung so sehr in das Drogengeschäft verwickelt ist.«

Silva stand auf und lehnte sich zu Andrej hinüber. »Warum brennt die Regierung den Dschungel dort nicht einfach nieder? Haben die etwa Angst vor Käfern?«

Andrej musterte Silva gereizt. »Feuer ist nun einmal nicht die Lösung aller Probleme, Silva!«, erklärte er. »Wir sollten uns lieber auf die Mission konzentrieren. Schmuggler sind selten unbewaffnet, besonders wenn das Zeug so wertvoll ist. Das könnte heikel werden.«

›Aber die Mission ist ohne Frage ein weiterer Schritt zum eigenen Raumschiff‹, dachte er bei sich. ›Wenn ich’s nicht vermassel!‹

»Sie wittern Ihre Chance, nicht wahr, Nowikow?«

Bremer zeigte wieder einmal, dass er über gute Menschenkenntnis verfügte.

Andrej zuckte mit den Schultern und sah dem Captain unschuldig ins Gesicht.

»Es ist ein Auftrag wie jeder andere. Routine.«

Bremer grinste nur. »Na dann! Wir sind auf Abfangkurs. In einer Stunde findet das Rendezvous statt. Ist Ihre Party, wenn Sie möchten, Nowikow!«

Andrej jubelte stumm. »Danke, Sir.«

 

»Kontrollieren Sie den Kurs, Lieutenant Silva«, befahl Andrej.

»Kurs stabil, Rendezvous in neun Minuten«, berichtete Silva.

»Verlangsamen Sie das Schiff, um eine erneute Abtastung durchzuführen.«

»Sir?«, fragte Silva ungläubig. »Die waren schon ungehalten, als wir unsere Untersuchung angekündigt haben. Wenn wir jetzt auch noch zögern …?«

Andrej seufzte leise. »Der enge Zeitplan von Frachtern ist mir gerade ziemlich egal. Tun Sie, was ich sage, Silva!«

»Aye.« Der Offizier starrte auf seinen Schirm. »Zusätzliche Schubreduktion und Abtastung eingeleitet.«

Ungeduldig tippte Andrej mit dem Zeigefinger auf die Lehne seines Sessels.

»Wieder nur eine Menge Störsignale«, berichtete Silva resigniert.

»Was ist die Fracht der Trailblazer?«, fragte Andrej stirnrunzelnd.

»Holz von Mudfields, Agrarprodukte von Neu Yucatan und Erze von Siberia.«

›Die Erze sind vermutlich das Problem‹, dachte Andrej angestrengt. Bei einer klugen Verteilung der Ladung kämen die Sensoren nicht durch.

»Wie groß ist die Crew?«

»Acht Personen.«

»Okay.« Andrej warf einen Blick auf die Größenangaben der Trailblazer. Der Frachter hatte viel Platz für ungemeldete Passagiere. Manchmal schickten die Drogenbarone Wachmannschaften als Begleitung mit. »Geben Sie unserem Kommando grünes Licht, sie sollen sich bereit machen!«

»Aye!«

Andrej wandte sich dem Captain zu. »Mit Erlaubnis, Sir, würde ich gerne mitgehen und mir einen eigenen Eindruck der Lage verschaffen?«

»Nur zu, Junge!« Er nickte aufmunternd und nippte wieder an seinem Kaffee, als ginge ihn das Ganze nichts an.

»Danke, Sir! Ich nehme Alvarez mit!«

»Wie Sie wollen, es ist Ihr Tanz!«

Andrej nickte, stand auf und verließ mit schnellen Schritten die Brücke. Unterwegs gab er Alvarez das Signal, ihn bei den Andockvorrichtungen zu treffen.

 

Wie alle Patrouillenschiffe dieser Größe verfügte auch die Wolf P-158 über ein Kommando von fünf Marines unter dem Befehl des Captains oder seines Stellvertreters. Die Mitglieder des Enterkommandos erwarteten ihn in ihren Kampfanzügen bei der Waffenkammer. Warrant-Officer Alvarez hielt Andrej eine leichte Schutzweste und einen Waffenholster mit einer Pistole entgegen.

Er grüßte die Soldaten knapp. Ihre Namen und Gesichter hatte er sich eingeprägt, worauf ihn Bremer aufgezogen hatte.

»Diese Marine-Kommandos kommen und gehen!«, hatte er geblafft. »Wozu sich ihre gelangweilten Visagen und Namen merken? Die meiste Zeit über haben sie nichts zu tun und sind wieder weg, ehe sie auch nur einen Finger gerührt haben.«

Andrej sah das anders. Nichts stärkte die Bindung und Akzeptanz eines Befehlshabers zu seinen Untergebenen in einer heiklen Situation wie dieser so sehr, wie eine persönliche Ansprache.

»Sergeant Titus?«, begrüßte Andrej ihren Anführer und nahm Alvarez wortlos die Sachen ab. »Sind Ihre Männer bereit?«

»So bereit, wie schon lange nicht mehr, Sir!«, erklärte der Sergeant. Er war ein altgedienter Marine, knappe fünfzig Jahre alt. Titus hasste Untätigkeit. Sein Gesicht wirkte wie aus cremefarbenem Marmor gehauen, und besaß die Ausstrahlung eines altrömischen Kriegsgottes. »Sie begleiten uns?«

Andrej nickte und schlüpfte in die Schutzkleidung, während er versuchte, den Gesichtsausdruck des Sergeants zu interpretieren. Er scheiterte an dessen Pokerface. »Ich lass’ mir doch nicht die Chance entgehen, Stardust-Schmugglern das Handwerk zu legen!«

Titus verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Captain Bremer graut es sicher schon vor dem Papierkram.«

»Ich bin nicht Captain Bremer«, stellte Andrej fest. Er musterte den Sergeant unauffällig. Seine Bemerkung über den Kommandanten des Schiffes hätte ihm unter anderen Umständen eine Verwarnung eingebracht, nur kannte jeder an Bord das Motto des Captains: Überprüfungen erzeugen Papierkram. Papierkram erzeugt Arbeit. Und Arbeit hält einen alten Mann von den angenehmen Dingen des Lebens ab.

»Verstanden, Sir!«

Andrej prüfte den Sitz seiner Acom, der gebräuchlichen Handfeuerwaffe der Allianzstreitkräfte, und nickte zufrieden.

»Warrant-Officer Alvarez, Sie begleiten mich auf die Brücke des Frachters. Wir nehmen dort die Frachtpapiere und den Navigationsspeicher der Trailblazer auseinander. Sergeant Titus beginnt mit der Untersuchung in den Mannschaftsquartieren.«

»Sir?«, fragte Alvarez. »Wenn es wirklich Stardust-Schmuggler sind, werden sie das Zeug wohl kaum in ihren Spinden verwahren, oder?«

Andrej grinste. »Sehr richtig! Wir wollen sie erst einmal in Sicherheit wiegen. Das ist nur eine Routineuntersuchung von einem Patrouillenschiff, dessen Captain nicht allzu erpicht auf Papierkram ist.«

»Ich habe viele solcher Überprüfungen geleitet«, stellte Titus fest. »Sie glauben gar nicht, wie oft wir kleine Mengen bei der Crew gefunden haben. Wie gehen wir dann vor?«

»Nehmen Sie jeden, der etwas von der Droge bei sich hat, vorläufig in Gewahrsam«, erklärte Andrej. »Der Captain der Trailblazer wird erwarten, dass wir von einer weiteren Kontrolle der Fracht absehen, da wir ja schon fündig geworden sind. Wir werden ihn eines Besseren belehren.«

Der Sergeant lächelte grimmig und salutierte. »Verstehe, Sir.«

»Sehen Sie Alvarez?«, fragte Andrej an den Unteroffizier gewandt. »Wenn Sie Ihre Hausaufgaben machen und die Einsätze von Patrouillen-Schiffen studieren, könnten Sie es eines Tages vielleicht sogar zum Offizier bringen. Vorausgesetzt, Sie fallen Ihren Vorgesetzten nicht zu oft in den Rücken.«

Alvarez’ Miene verdüsterte sich und er schluckte. Andrej wandte sich ab und schmunzelte.

 

Der Captain der Trailblazer hieß Sorenson und ließ keine Gelegenheit aus, um sein Missfallen an der Untersuchung seines Frachters zu äußern. Derzeit saß er ausnahmsweise still und brütend in seinem Sessel in der Brücke und beobachtete die beiden Offiziere des Patrouillenschiffes misstrauisch. Andrej und Alvarez wühlten sich durch die Fracht- und Flugdaten der Trailblazer, während sich die Crew auf Sorensons Befehl hin in den Quartieren versammelt hatte. Diese wurden von einem Teil des Kommandos durchsucht. Der Rest des Trupps war bereits ohne Sorensons Wissen im Frachtbereich.

»Die ganze Software ist ziemlich alt, aber bisher sehe ich nichts Ungewöhnliches, Sir«, flüsterte Alvarez.

»Warum flüstern Sie, Warrant-Officer?«, fragte Andrej laut genug, dass Sorenson es hörte und alarmiert aufsah.

»Entschuldigung, Sir«, wiederholte Alvarez lauter. »Bisher nichts Ungewöhnliches.«

»Da haben Sie es!«, rief Sorenson ungeduldig.

Mit einem Piepsen kündigte sich eine Meldung des Quartier-Teams an.

»Sir, wir haben einen kleinen Stardustvorrat in einem Spind gefunden.«

»Stardust? Sind Sie sicher?«, fragte Andrej mit einem durchdringenden Blick in Richtung des Captains. Der zuckte mit den Achseln und setzte eine fromme Miene auf.

»Eindeutig Stardust, wie Sie vermutet haben«, bestätigte der Marine.

»Setzen Sie das Crewmitglied fest.«

»Das bisschen Aufmunterer!«, meldete sich Sorensen, als spreche er von einer Ruhestörung. »Sie glauben ja nicht, wie lang und einsam diese Flüge zwischen den Kolonien sein können! Gönnen Sie der Mannschaft doch ein bisschen Spaß!«

Andrej war hin- und hergerissen, Abscheu für den Mann zu empfinden. »Ich weiß, wie es ist, eine lange Zeit im All zu sein, Captain. Trotzdem komme ich sehr gut ohne Drogen aus.«

»Gut, wenn Sie das Leben eines Crewmitglieds wegen ein oder zwei Päckchen Stardust kaputtmachen wollen …« Sorenson lehnte sich entspannt zurück. »Ich hoffe, das wäre dann alles?«

Andrej tauschte mit Alvarez einen wissenden Blick aus und öffnete den Kanal zu Sergeant Titus. »Sergeant, fahren Sie mit der Untersuchung im Frachtbereich fort.«

Sorenson sprang von seinem Sitz auf. Andrejs Hand legte sich auf den Griff seiner Acom. »Setzen Sie sich, Captain!«

»Sie haben doch, was sie wollten, oder nicht?«, protestierte Sorenson kleinlaut und sank zurück auf seinen Platz. »Sie haben Stardust gesucht und gefunden! Was wollen Sie noch?«

»Wir führen eine komplette Durchsuchung des Schiffes durch, nach Vorschrift«, herrschte Andrej ihn an. »Entweder Sie lassen uns unsere Arbeit machen, oder ich lasse Sie in Ihr Quartier bringen, bis wir fertig sind.«

Sorenson schluckte und presste seine Lippen aufeinander. Er verschränkte die Arme vor der Brust und stierte finster drein.

Andrejs Griff um seine Waffe lockerte sich. »Gute Entscheidung, Captain.«

»Woher haben Sie das gewusst?«, fragte Alvarez wieder im Flüsterton.

Andrej schmunzelte. So stellte er sich sein Verhältnis zur Crew eher vor.

»Wie gesagt, ich habe seit meiner Beförderung zum Ersten Offizier vor ein paar Monaten viel Zeit gehabt, die Missionsberichte anderer Patrouillenschiffe zu studieren. Es hat eine Weile gedauert, ehe mir ein Muster aufgefallen ist.«

»Ein Muster?«

»Ja, viele Untersuchungen von verdächtigen Schiffen waren tatsächlich erfolgreich. Es wurden immer nur kleine Mengen Stardust gefunden und damit galt die Überprüfung als abgeschlossen«, erklärte Andrej. »Trotzdem stellten die Behörden später auffällige Aufkommen der Droge an den Zielorten der Frachter fest. Ich sah darin einen Zusammenhang, aber Captain Bremer wollte davon nichts wissen. Vielleicht haben wir heute die Gelegenheit, meine Theorie zu beweisen.«

»Respekt, Sir!«, staunte Alvarez. »Dass Ihnen das aufgefallen ist!«

Andrej zuckte mit den Schultern. »Ein Erster Offizier steht nicht nur dekorativ auf der Brücke herum. Es gehört weit mehr dazu, als Koordinaten weiterzugeben und Befehle zu bellen.«

Wieder piepste es und Sergeant Titus meldete sich. »Sir? Das sollten Sie sich ansehen!«

»Haben Sie etwas gefunden?«, fragte Andrej mit einem Stirnrunzeln. Er konnte nicht einordnen, ob der Soldat nur überrascht oder auch beunruhigt war.

»Sie müssen persönlich hier herunterkommen. Dritte Frachteinheit.«

»Verstanden, bin unterwegs.«

»Was ist los?«, fragte Alvarez.

»Das Kommando hat irgendwas gefunden, ich muss nachsehen.«

»Soll ich mitkommen?«

»Nein, passen Sie auf Captain Sorenson auf.« Andrej warf dem Mann einen raschen Blick zu. »Ich traue ihm nicht.«

»Verstanden, Sir.«

 

Die Trailblazer glich im Aufbau vielen anderen Frachtern. Der kleine vordere Teil umfasste die Brücke, die Unterkünfte und die Technik, gefolgt von einer Vorrichtung, um Frachtcontainer unterschiedlicher Größe oder Beschaffung zu befestigen. Dahinter lag der Antrieb. Dieses Schiff besaß fünf Frachtkammern, die über eine Reihe von Wartungsschächten und einen langen Korridor erreichbar waren. Auf seinem Weg durch den Korridor schob Andrej missmutig ein Kabel beiseite, das lose von der Decke baumelte. Selbst bei einer normalen Untersuchung hätte er jetzt schon genügend Mängel gefunden, um das Schiff außer Dienst stellen zu lassen.

Die Trailblazer war kein Teil eines größeren Konzerns, Captain Sorenson arbeitete auf eigene Rechnung. Ein Mängelbericht würde also nur zu einer Verwarnung führen und keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen. Der Captain nahm sich vermutlich den Löwenanteil der Bezahlung jeder Lieferung, steckte nur wenig in das Schiff und noch viel weniger in seine Crew.

Auf dem letzten Stück des Weges war Andrej gezwungen, seine Taschenlampe einzuschalten, da die Beleuchtung ausgefallen, defekt oder überhaupt nicht vorhanden war. Er ertappte sich dabei, wie er verstohlen Lüftungsschächte und dunkle Ecken auf Flechten absuchte.

Er erreichte die Luke zur dritten Ladeeinheit und atmete erleichtert auf. Die schwere Tür öffnete sich nur widerwillig und brauchte dringend etwas Zuwendung, wie eine Menge Teile des Frachters. Reihen von Regalen und Vorrichtungen zur sicheren Verwahrung von Behältern dominierten das hallenartige Abteil. Schnell erkannte Andrej die klobigen Container zum Transport von Erzen oder anderem Schüttgut. Seine Augen glitten über das unübersichtliche Durcheinander.

Nirgendwo fand er eine Spur des Kommandos.

Er stand an einem Punkt, an dem sich drei fragile Brücken aus Drahtrelings und Gitterböden trafen, die sich wie ein Spinnennetz unterhalb der Decke ausbreiteten. Die Stege bildeten vier Ebenen mit jeweils fünf Metern Höhe.

»Bin jetzt oben im dritten Frachtabteil, wo sind Sie, Sergeant?«

Die Antwort kam zögerlich und Titus sprach schnell, wie außer Atem. »Steigen Sie bis zur unteren Ebene hinab, dann sehen Sie schon unsere Lichter!«

»Na gut, ich hoffe, Sie haben eine Erklärung für diese Geheimnistuerei!«

Er warf einen Blick über die Brüstung in das Zwielicht der Halle. Irgendwo musste es einen Lift geben, aber hier sah er nur einen schmalen Schacht mit einer Leiter.

Missmutig spähte er hinein und zwängte sich in die Röhre. Stufe um Stufe legte er zurück und kam ganz schön ins Schwitzen. Vielleicht sollte er wieder laufen gehen.

Mit einem leisen Keuchen sprang er die letzten Sprossen auf den Boden der Halle hinab und sah sich mithilfe seiner Taschenlampe um. Eine Reihe klobiger Frachtbehälter versperrte ihm den Blick. Von der oberen Ebene aus hätte er sich besser orientieren können.

Mit ausgreifenden Schritten eilte er in die Richtung, in der er das Kommando vermutete. Da, am Ende eines langen Korridors, sah er zwischen Erzcontainern Licht.

»Ich sehe euch, bin gleich da!«, sagte er in sein Mikro.

Er passierte vier Container, die offenstanden. Glitzernde Gesteinsbrocken lagen verstreut am Boden. Hatte das Kommando sie geöffnet? Er spähte in den letzten Container hinein. Er war kaum bis zur Hälfte gefüllt. Seit jeher ein beliebter Trick bei Schmugglern. Hatte Titus das Schmugglerversteck gefunden?

»Hey Sergeant, was war da in den …«, sagte er laut, bog auf die freie Rangierfläche zwischen den Containerreihen ein und stutzte. Titus und zwei andere Allianzsoldaten knieten am Boden.

»Verdammt!«

Er machte einen Satz zurück und griff blitzartig zur Acom. Das kühle Ende eines Pistolenlaufs drückte sich gegen seinen Hinterkopf und er erstarrte.

»Die Hände über den Kopf!«, sagte jemand hinter ihm. Ganz langsam gehorchte er. Die Stimme klang rau und der Akzent zeichnete seinen Träger als Mensch der eurasischen Zone aus, vielleicht sogar vom östlichen Schwarzen Meer, Andrejs Heimat.

»So ist es gut, und jetzt auf die Knie!«

Ein leichter Schubs traf Andrej im Kreuz und er ließ sich zu Boden sinken. Eine zweite Person nahm ihm die Waffe ab.

»Es tut mir leid, Sir!«, stieß Sergeant Titus hervor. »Sie haben uns überwältigt, ehe …«

Der Kolben eines Automatikgewehrs unterbrach ihn. Titus sackte in sich zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.

»Stopp!«, rief Andrej und ließ seine Augen umherschweifen. In der Dunkelheit hinter jedem Gefangenen stand ein vermummter Bewaffneter. Zwei Paar Stiefel ragten aus dem Nebengang, vermutlich die anderen beiden Kommandosoldaten. Sie rührten sich nicht.

»Sie haben keine Chance«, sagte Andrej und versuchte, so viel Überzeugung wie möglich in seine Stimme zu legen. »Unser Patrouillenschiff verfügt über ein weiteres Kommando.«

Zwar war das eine Lüge, aber irgendetwas musste er tun.

»Ist das so?«, fragte der Mann hinter ihm mit aufgesetzter Verwunderung. »Davon hat Bremer, der alte Sack, gar nichts erwähnt?«

Andrej schluckte und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Captain steckte da mit drin?

»Was wollen Sie?«, knurrte er mit zusammengebissenen Zähnen.

»Du weißt es wirklich nicht, oder?«

Andrejs Atem ging schneller. Was hatte er übersehen? Er kniff die Augen zusammen und betrachtete Titus’ Angreifer genauer. Die Uniform, ein schwarzer Einteiler ohne Emblem, konnte jeder der unzähligen paramilitärischen Einheiten zugeordnet werden. Der Kopf verbarg sich unter einer Strumpfmaske, die Augen hinter dunklen Kampfbrillen.

»Nein«, knurrte er und drehte seinen Hals, um den Sprecher zu sehen. Stattdessen sah er den Griff einer Pistole auf sich niedersausen. In der nächsten Sekunde krachte dieser gegen seinen Kiefer. Er hörte ein Knacken und der Schmerz explodierte auf seiner rechten Gesichtshälfte. Die Wucht schleuderte ihn zu Boden und er spuckte Blut aus. Andrej wartete auf den finalen Schuss, der ihn ins Jenseits befördern würde.

»So hast du dir den Tag nicht vorgestellt, was, Andrej?« Die Stimme erklang dicht über seinem Ohr. Wenn er jetzt ruckartig aufsprang, konnte er den Mann vielleicht überwältigen, es war jedoch unwahrscheinlich, dass die anderen tatenlos zusehen würden.

»Ein normaler Tag. Ein Auftrag wie jeder andere, Routine, Captain!«, äffte der Schläger ihn nach. Hatte Andrej das nicht auch auf der Brücke zu Bremer gesagt? Hatten diese Leute etwa mitgehört? »Aber heute ist kein solcher Tag. Nicht für dich, Andrej!«

Etwas wurde an seinen Hals gepresst. Ein leises Zischen ertönte, gefolgt von einem leichten Stich durch die Haut. Während der Raum und die Stimmen allmählich in unerreichbare Ferne abdrifteten, dachte er bei sich, dass nichts normal gelaufen war in seinem Leben, schon verdammt lange nicht mehr.

2719Ein normaler Tag in Krasnodar

Die Sonne kroch kurz vor fünf Uhr langsam über den diesigen, wolkenverhangenen Horizont.

»Zeit für eine Pause!«

Andrej ließ sich erschöpft gegen den Erntewagen sinken. Er schrubbte sich die schwarze Erde von den Händen, bis seine blassrosa Haut zum Vorschein kam. Mit kribbelnden Fingern durchwühlte er seinen Beutel und förderte die übliche Verpflegung der Erntehelfer zutage. Missmutig biss er in den Streifen Trockenfleisch und kaute darauf herum. Von welchem Tier das salzige Fleisch stammte, wollte er lieber nicht wissen. Es musste unglaublich alt gewesen sein, denn selbst für Dörrfleisch war jeder Bissen zäh wie Leder.

Vor seinen Augen breiteten sich die Felder vom Rand der Stadt Krasnodar bis zum Horizont aus. Erntefahrzeuge bewegten sich träge über die reifen Rüben. Den Fahrzeugen folgten Arbeiterkolonnen und sammelten die Reste ein, die von den Maschinen übriggelassen wurden. Noch weiter hinter ihnen wurde alles eins: Land, Dunst und Wolken. Der Anblick erinnerte Andrej an einen verblassten Werbespruch auf einer riesigen Tafel an den Zufahrtsstraßen zur Stadt: ›Krasnodar – dem Himmel so nah!‹

Die Werbetafeln waren schon über fünfhundert Jahre alt und der Spruch darauf weigerte sich hartnäckig, in der jährlichen Sommerhitze endgültig zu verblassen. Nie war die Stadt ferner von diesem Ziel als dieser Tage.

»Antonov!«, rief eine barsche Stimme und unterbrach seine Träume. »Dein Soll ist noch nicht erfüllt! Keine Extrapause! Du kannst froh sein, wenn du die hundert Prozent schaffst!«

Andrej rollte mit den Augen und drehte den Kopf, bis er Aufseher Pjotr in seiner Arbeitstracht sah. Dunkle Muttererde haftete an den hohen Gummistiefeln und färbte Ärmel und Beine schwarz. Er hatte seine Arme in die Hüften gestemmt und eine nörgelige Grimasse aufgesetzt.

Pjotr war kein Feldhelfer wie Andrej, sondern Angestellter der Agrargesellschaft, der die Felder gehörten. Normalerweise war er ein umgänglicher Typ, aber das Gerücht ging um, dass die Ernte dieses Jahr aufgrund eines Pilzes schneller als sonst eingebracht werden musste. Pjotr gab nur den Druck seiner Geldgeber nach unten weiter.

»Die Rüben und Salate können auch noch fünf Minuten warten«, rief er dem Mann zu, der daraufhin einen roten Kopf bekam.

»Ich melde dich der Aufsicht, Antonov!«, sagte Pjotr und drohte mit dem Zeigefinger. »Das wird die letzte Saison sein, die du für die Gesellschaft arbeitest! Und was willst du dann machen, hm? Im Dreck der Gosse selbst Rüben anbauen? Du bist neunzehn Jahre alt! Verhalte dich auch so!«

Er lachte boshaft und Andrej verzog das Gesicht. Der Mann hatte recht. Er war auf diesen Job angewiesen, er brachte schließlich ein wenig Geld ein, und oft obendrein etwas zu essen von der Ernte.

»Komme sofort«, murmelte er, schluckte die letzten Bissen hinunter und spülte den salzigen Geschmack mit einem Schluck Wasser aus seiner Feldflasche von seiner Zunge.

»Zwei Stunden noch«, sagte Pjotr in versöhnlicherem Ton. »Dann kannst du gehen.«

Andrej nickte, sammelte sein Werkzeug von der Containerwand und trottete zurück zu dem Feldabschnitt, der ihm zugewiesen war.

 

Nach dem Ende seiner Schicht beeilte sich Andrej, zum Parkplatz zu kommen, von dem aus Fahrzeuge die Erntehelfer zurück in die Stadt brachten. Ein paar Marschrutkas warteten schon. Die Kleinbusse, für die Krasnodar berühmt war, hielten überall dort, wo Arbeiter auf eine Mitfahrgelegenheit angewiesen waren. Zielsicher steuerte Andrej auf ein leicht zerbeultes, schlammverschmiertes Fahrzeug zu.

»Reiche Beute!«, rief er erschöpft und hob breit grinsend den Plastiksack mit einem Paar Rüben und einem Kohlkopf in die geöffnete Tür. »Da werden die sich zu Hause freuen!«

Hinter dem Steuer saß ein hakennasiger Fahrer und lächelte ihm entgegen. Andrej kannte ihn schon von der letzten Saison. Nasser nickte anerkennend und küsste eine seiner vielen Gebetsketten mit goldenen Anhängern, die um seinen Hals baumelten. »Du bist gesegnet, Andrej! Komm rein, es warten noch andere Arbeiter auf ein Taxi!«

Müde klopfte Andrej den Schlamm von seinen Stiefeln und schob sich an Nasser vorbei in den Passagierteil der Marschrutka. Erleichtert registrierte er, dass die hinterste Bank frei war, sein Lieblingsplatz. Er ließ sich auf das abgewetzte Kunstleder sinken und lehnte den Kopf gegen die schmutzige Scheibe, durch die er die Umgebung nur schemenhaft erkennen konnte.

Kurz nachdem sich die Tür geschlossen hatte und das Gefährt losrumpelte, döste Andrej vor sich hin. Das Schwanken und Schaukeln spendete ihm Trost und machte ihn schläfrig. Er hatte genug Zeit für ein Nickerchen. Jetzt, in der Erntesaison, warteten überall dieselben müden Gestalten auf eine Mitfahrgelegenheit zurück in die Stadt. Er schloss die Augen.

Ein heftiger Ruck schleuderte seinen Kopf vor gegen die Rückenlehne der nächsten Reihe. Stöhnend schaute er sich um und rieb sich die schmerzende Stirn. Durch die Scheiben schimmerten die hohen Wohnblöcke der Außenbezirke von Krasnodar, der Hauptstadt der südlichen eurasischen Zone.

»Sind wir schon am Kreisverkehr vorbei?«, fragte er eine ältere Mitfahrende, die ihn vergnügt musterte.

»Gleich«, sagte sie und zeigte ein zahnloses Grinsen. Andrej nickte dankbar und sank wieder zurück in den abgewetzten Sitz. Das Loch im Asphalt, das für den Schlag verantwortlich war, übernahm in Andrejs täglicher Heimfahrt die Rolle eines Weckers.

Das Gefährt fuhr in das verworrene Netz der Außenbezirke der Stadt hinein. Andrej wartete, bis die Bank an einem sauberen Fenster gleich hinter dem Fahrer frei wurde, und wechselte den Platz. Er seufzte leise. Die Marschrutka ruckelte durch die Armensiedlungen. In den Lücken zwischen den schmutzigen und eintönigen Wohnblöcken blitzten und blinkten die Hochhäuser des Zentrums im Licht der Morgensonne. Unweigerlich fiel sein Blick auf die dunkle Silhouette, die aus den anderen Gebäuden herausstach: der ›Oniksovaya Bashnya‹, der Onyx-Tower.

»Da willst du nicht hin!«, sagte Nasser, der ganz genau zu wissen schien, dass Andrej den Turm anschmachtete. »Hinter den Fassaden aus Glas und Glamour sitzen heute nicht mehr ehrbare Stadträte, sondern Drogenbosse und Kartelloberhäupter!«

»Das weißt du doch gar nicht!«, hielt Andrej müde dagegen.

»Und ob!«

In diesem Moment kam der Kreisverkehr mit dem bekannten Willkommensgruß der Stadt in Sicht: ›Krasnodar – dem Himmel so nah!‹

Das verblassende Antlitz der jungen Frau mit engelsgleichen, blonden Locken hob wie immer Andrejs Laune. Sie trug die uralte Weltraumfahrerkleidung vergangener Zeiten. Der Spruch hing in einer Sprechblase an ihren inzwischen eher braunen Lippen.

»Ich finde, ihr Lächeln wirkt jedes Jahr ein wenig trauriger«, überlegte Nasser laut.

»Weil die Mundwinkel sich langsam von der Tafel lösen«, brummte Andrej.

Ein Passagier nach dem anderen verließ den Bus und kehrte in eines der winzigen Apartments der Wohnblöcke zurück. Vielleicht zu einem Frühstück oder einem warmen Bett. Andrejs Magen knurrte und ihn fröstelte es, obwohl die Temperaturen mit der steigenden Sonne ebenfalls schnell stiegen. Seine Schwester Kadja war jetzt schon mit Tante Moshka zusammen im Kindergarten und sein Kumpel Vasilij kam nie vor Nachmittag zu Besuch. Niemand wartete auf ihn.

»Fährst du am Raumhafen vorbei?«, fragte Andrej, um sich abzulenken.

»Du klebst heute wieder an meinen Sitzen fest wie Maschinenöl!«, antwortete der Fahrer lachend. »Aber klar, ich kann dich mitnehmen, wenn du willst.« Er fluchte auf Arabisch, als ein schnelles Auto ihn schnitt und ihm die Möglichkeit nahm, die Fahrspur zu wechseln. »Aber ich sage dir gleich, die übliche Route können wir heute nicht fahren!«

Andrej zog die Augenbrauen zusammen. »Wieso nicht?«

»Die Zentrale hat uns heute mitgeteilt, dass viele Straßen rings um den Raumhafen gesperrt sind. Bis übermorgen. Wegen der Sicherheitskonferenz.« Wieder stieß er ein arabisches Schimpfwort aus. »Die bringt meinen ganzen Fahrplan durcheinander«, brummte er. »Und wer ersetzt mir den Lohnausfall? Mehr als die Hälfte meiner Gäste muss ich viel früher rauslassen.«

»Stimmt ja, die diesjährige Konferenz findet hier statt«, erinnerte sich Andrej. Er hatte davon in den Nachrichten gehört. Eine Menge Leute kamen hierher und unterhielten sich über Sicherheit. ›Wenn das kein guter Witz ist!‹, dachte er bitter.

Die Stadt, die zu den gefährlichsten Pflastern diesseits des Schwarzen Meeres zählte, richtete die Sicherheitskonferenz aus.

»Am Mesto Revolyutsii kommen wir trotzdem vorbei«, versicherte ihm Nasser mit einem Blick in den Rückspiegel.

»Hmm«, brummte Andrej und drehte seinen Kopf zur Scheibe.

»Ist heute wieder so ein Tag, was?«, fuhr Nasser fort.

»Hast du jemals jemanden verloren?«, entgegnete er ernst.

»Ja, zwei Brüder. Einer bei Schürfarbeiten draußen im Kuipergürtel. Den anderen wegen Krebs.«

»Das tut mir leid.«

»Ach!«, der Fahrer winkte ab. »Ist alles schon lange her. Wann hast du deine Eltern verloren?«

»Vor drei Jahren.«

Nasser nickte bedächtig. Draußen zogen die historischen Gebäude aus der Zeit vor dem 22. Jahrhundert vorüber. Viele standen leer. Die verfallenden Fassaden, hohlen Fenster und verwilderten Hinterhöfe wurden langsam von ihrer Umwelt zurückerobert. Dieses Gesicht Krasnodars war immer noch neu für ihn. Vor dem Tod seiner Eltern hatte er dichter am Onyx-Tower gelebt.

»Dein Vater hat für den Raumhafen gearbeitet?«

Die Frage holte Andrej zurück aus seinen düsteren Gedanken. »Meine Mutter auch! Sie war Software-Entwicklerin und mein Vater Ingenieur.«

»Schöne Gegend, da am Mesto Revolyutsii«, überlegte Nasser. »Bist du dort auch zur Schule gegangen?«

»Ja, ich wollte auch Ingenieur werden und Raumschiffe bauen!«

»Sei froh, dass es nicht so weit gekommen ist! Das Projekt ›Raumhafen Krasnodar‹ liegt bestimmt schon zwei Jahre brach!«

»Vielleicht bewerbe ich mich an der Militärakademie.« Andrej zuckte mit den Schultern. »Die hat doch noch einen guten Ruf.«

Nasser nickte stumm. Inzwischen wuchs der Verkehr an und zwang ihn, die Geschwindigkeit deutlich zu drosseln. Sie ließen jetzt die ärmeren Viertel hinter sich und drangen in die betriebsame Stadtmitte ein. Die vielen Geschäfte mit bunter Reklame und Menschen, die in den Tag starteten, lenkten Andrej für einen Moment von seinen Sorgen ab. Immer wieder erhaschte er einen Blick auf den Tower, das höchste Gebäude der Stadt. Die dunkle Fassade, die ihm seinen Namen gab, glänzte im Morgenlicht und sah im richtigen Winkel wie ein Riss in der Realität aus. Das Deep-Space-Konsortium hatte ihn gebaut. Heute, fünfhundert Jahre nachdem der Megakonzern zusammen mit einer kleinen Flotte riesiger Raumschiffe verschwunden war, beherbergte er eine Reihe teurer Geschäfte, edler Restaurants und Klubs. Wie gerne würde er nur einmal einen Blick vom Dach werfen!

Nasser schnaubte verächtlich. »Hier siehst du den neuen Reichtum von Krasnodar, dank seiner Lage als Dreh- und Angelpunkt des Handels mit Indien und der chinesischen Protektorate.« Er deutete auf die vielen Geschäfte an der Straße und rümpfte dabei die Nase, wie Andrej über den Spiegel mitbekam.

»Es ist nicht dasselbe Geld, wie noch vor Jahren«, murmelte der Fahrer. »Aber sonst wäre Krasnodar vermutlich ausgestorben.«

Sie fuhren vorbei an der Polizeiwache und dem neu errichteten Sportstadion, durch die östlichen Ausläufer der Stadt mit ihren Zeilen niedriger Geschäftshäuser und erreichten das Viertel der Raumhafenmitarbeiter. An diesem Ort hatte Andrej seine Kindheit verbracht.

Ein Kloß bildete sich in seinem Hals, während die Marschrutka die aufragenden Häuser passierte, zwischen denen sich sauber gepflegte Gartenanlagen erstreckten. Kleine Geschäfte säumten die andere Straßenseite. Er presste die Kiefer aufeinander, als er das Süßwarengeschäft erkannte, wo seine Mutter ihm immer schokoladenüberzogene Sefir nach der Arbeit gekauft hatte. Beim Gedanken an die süßen Teigkringel lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Der Verkehr beruhigte sich und der Wert der Fahrzeuge auf der Straße stieg enorm. Verbrennungsmotoren sah er nirgends, nur E-Zellen-Limousinen. Viele davon gehörten der Raumhafenbehörde, oder wie der Bürgermeister betonte: den wertvollsten Bürgern der Stadt.