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Der finnische Journalist Markus Siltanen zieht Anfang der 1980er Jahre mit seiner Familie von Helsinki nach Ostberlin, um dort für seine linksgerichtete Zeitung als Auslandskorrespondent zu arbeiten. Vilja, seine Tochter, verbringt ihre Kindheit in der geteilten Stadt, bis die Familie überstürzt nach Finnland zurückkehrt. Mit der Zeit lösen sich Viljas Erinnerungen an ihre Kindheit in Ostberlin auf, ähnlich wie das Land selbst. Jahre später findet Vilja nach dem Tod ihres Vaters ein verstörendes Konvolut von Briefen, unterzeichnet von einer mysteriösen Berlinerin mit dem Decknamen »Margot«, mit der ihr Vater eine leidenschaftliche Liebesbeziehung hatte. Vilja erkennt sich in dem »Kastanie« genannten Kind wieder, das in einer engeren Beziehung mit Margot gelebt haben musste. Aber welche? Und was wird verborgen? Vilja beschließt, die Unbekannte aufzuspüren, und reist nach 30 Jahren erstmals wieder nach Berlin, um Antworten zu finden. Die nach der Wende verwandelte Stadt bringt verschüttete Erinnerungen ans Licht, aber das Wichtigste scheint zu fehlen. Die spannungsgeladene Suche nach Margot reißt alle Gewissheiten ein und stellt infrage, was sie über Eltern und Kindheit zu wissen glaubte. Im Mittelpunkt von Meri Valkamas von Beginn an fesselnder Erzählung steht die Suche einer jungen Frau nach drängenden Antworten. In ihrer prall erzählten Geschichte gelingt der Autorin ein sehr menschliches Buch, das nach und nach die zerbrechlichen Fragmente der Erinnerungen ihrer Protagonistin und damit die Geschichte der Familie Siltanen zusammensetzt. Und sie erzählt von einer untergegangenen Epoche, denn die selbst in Ostberlin aufgewachsene Valkama zeichnet gleichzeitig ein lebendiges Bild vom Untergang einer Ideologie und der bis ins Private reichenden Kollateralschäden.
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Seitenzahl: 613
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Der finnische Journalist Markus Siltanen zieht Anfang der 1980er Jahre mit seiner Familie von Helsinki nach Ostberlin, um dort für seine linksgerichtete Zeitung als Auslandskorrespondent zu arbeiten. Vilja, seine Tochter, verbringt ihre Kindheit in der geteilten Stadt, bis die Familie überstürzt nach Finnland zurückkehrt. Mit der Zeit lösen sich Viljas Erinnerungen an ihre Kindheit in Ostberlin auf, ähnlich wie das Land selbst. Jahre später findet Vilja nach dem Tod ihres Vaters ein verstörendes Konvolut von Briefen, unterzeichnet von einer mysteriösen Berlinerin mit dem Decknamen »Margot«, mit der ihr Vater eine leidenschaftliche Liebesbeziehung hatte. Vilja erkennt sich in dem »Kastanie« genannten Kind wieder, das in einer engeren Beziehung mit Margot gelebt haben musste. Aber welche? Und was wird verborgen? Vilja beschließt, die Unbekannte aufzuspüren und reist nach 30 Jahren erstmals wieder nach Berlin, um Antworten zu finden. Die nach der Wende verwandelte Stadt bringt verschüttete Erinnerungen ans Licht, aber das Wichtigste scheint zu fehlen. Die spannungsgeladene Suche nach Margot reißt alle Gewissheiten ein und stellt infrage, was sie über Eltern und Kindheit zu wissen glaubte. Bis sie am Ende auf Margot trifft.
Im Mittelpunkt von Meri Valkamas von Beginn an fesselnder Erzählung steht die Suche einer jungen Frau nach drängenden Antworten. In ihrer prall erzählten Geschichte gelingt der Autorin ein sehr menschliches Buch, das nach und nach die zerbrechlichen Fragmente der Erinnerungen ihrer Protagonistin und damit die Geschichte der Familie Siltanen zusammensetzt. Und sie erzählt von einer untergegangenen Epoche, denn die selbst in Ostberlin aufgewachsene Valkama zeichnet gleichzeitig ein lebendiges Bild vom Untergang einer Ideologie und der bis ins Private reichenden Kollateralschäden.
Teil I
Berlin, 8. Oktober 1989
2011 – Der Boden auf der Fischerinsel …
1983 – Das Zuhause …
Berlin, 30. September 1989
1983 – Jedes Mal dasselbe …
2011 – Vilja hatte geplant, am Bahnhof Pankow …
1983 – Als das Telefon klingelte …
Berlin, 11. September 1989
1983 – Die elektrischen Weihnachtsbaumkerzen …
2011 – Gerade wollte Vilja das Restaurant …
Berlin, 15. August 1989
1983 – Der Zirkus begann …
2011 – Der von einem Gemisch aus Schnee und Eis …
1983 – Wenn Rosa später hätte erzählen sollen …
Teil II
DER SPIEGEL 44/2009: Von meiner Heimat sind nur Ruinen übrig
2011 – Vilja legte des aus dem SPIEGEL …
1984 – Er erwachte ausgeruht und …
1984 – Um Punkt vier Uhr sah Rosa …
Berlin, 30. Juli 1989
2011 – Am Donnerstagabend …
1984 – Alles war klar …
Berlin, 1. Juli 1989
1984 – Das Licht war leicht und hell …
1984 – Sie trafen sich im Pressezentrum …
2011 – Ein paar Wochen nachdem der Artikel …
1984 – In jener Nacht erwachte Rosa …
1984 – Einen Augenblick lang schien …
Berlin, 7. Juni 1989
2011 – Sie hatten sich über eine Stunde …
1984 – Das schwarze Wasser des Sees …
1984 – Loddin war wie ein Spalt …
1984 – An jenem Morgen erwachte Rosa …
Loddin, 2. April 1989
2011 – Vilja wartete, bis Saga und Hertta …
1984 – Alles begann, sobald …
2011 – Die Temperatur war …
1984 – Rosa bemerkte Ute …
Teil III
1987 – Die Welt fand den Morgen …
2011 – Die Straße war in schlechtem Zustand …
1987 – Dann stellte das Leben sich …
2011 – Der dunkle, feuchte Himmel …
1987 – In ihrem Herzen gab es …
2012 – Um Punkt acht Uhr …
1987 – Markus betrachtete Luises Rücken …
2012 – Dann, an einem Nachmittag …
1989 – Der September öffnete sich sonnig …
1989 – Wenn jemand Markus …
2012 – Vilja fuhr durch das flache …
Berlin, 18. August 1987
Danksagung
Die Personen
Glossar
Für meine Eltern,die mir Berlin geschenkt haben
Das, was wir ersehnen,werden wir nie verlieren.Das, was wir lieben,werden wir immer ersehnen.
CLAES ANDERSSON
Berlin, 8. Oktober 1989
Das Kleid des Mädchens ist aus Samt, der Rock schwingt, und seine Haare wehen wie Sommergras am Feldrand. Kastanie springt vorwärts wie ein wildes Ren, sie ist wild und furchtlos. Ich rufe: Bleib stehen, bleib sofort stehen, aber das Mädchen hört nicht, es ist schon fast am Ziel. Der Himmel verströmt Rosa und Purpur, ich bemühe mich hinterherzukommen, aber die Steine kratzen an meinen Fußsohlen. Die Braunkohle verbrennt mir die Lunge, die Abgase die Schleimhäute, und ich hole das Mädchen nicht ein. Kastanie erreicht die Mauer und den Grenzübergang und den Mann, der, wie ich sehe, den Blick schärft und dann seine Waffe hebt. Ich schreie, aber meine Stimme ist nicht zu hören, ich renne, aber meine Beine tragen mich nicht. Ich stürze. Aus meinem Knie perlt das Blut. Von irgendwoher fällt Licht, grünlich und kalt. Kastanie bleibt vor dem Soldaten stehen, aber der Mann schießt nicht. Er legt dem Kind die Hand auf die Schulter, beugt sich hinab und lächelt, und ich begreife: Das Mädchen ist weg. Noch erkenne ich seine Umrisse vor der Mauer, aber dann, nur einen Augenblick später, ist das Kind weg, es gehört dem Westen.
Schweißgebadet erwache ich, mich friert. Die Uhr auf dem Schrank durchsticht die Stille, die nicht zur Nacht gehört und nicht zum Morgen, sondern zu einem Zwischenraum, schwerelos und stumm. Erst einige Stunden zuvor füllte der Herbstwind die Reihen der Fahnen – Hammer, Zirkel, Ähren. Klarinetten und Hörner drückten ihre Klänge in den Wind, rhythmisch und gerade. Ich hatte mich nur mühsam vom Bett aufraffen können und mich gezwungen, mich anzuziehen, zu essen, eine Tasse Tee zu trinken und hinaus unter Menschen zu gehen. Ich fürchtete, die Gedanken des Roten Rades würden auch mich endgültig in ihre Gewalt bekommen. Was, wenn auch ich anfangen würde, alles so zu sehen wie sie und so viele andere – als wertlos, falsch, verbrecherisch? Unter Tausenden von Menschen, die sich in der Karl-Marx-Allee versammelt hatten, vergaß ich für einen Augenblick meine Angst. Vierzig Jahre. Was für eine Errungenschaft für ein Land, an das der Westen niemals geglaubt hat! Im Winter hatte Honecker gesagt: »Die Berliner Mauer wird noch hundert Jahre stehen!« Und heute: »Wir sind ewig! Der Sozialismus leuchtet in den Farben der DDR stolzer denn je!« Ich betrachtete die Kinder, die ihre Fähnchen schwenkten. Und schloss die Augen. Auferstanden aus Ruinen, die schönste aller Hymnen, ich hörte sie mir an und stellte mir vor, du stündest neben mir, und das Kind, an dessen Geburtstag ich nicht dabei sein durfte.
Ich ging nach Hause, den milden Herbstabend an meiner Haut. Ich ließ Badewasser in die Wanne. Dann ging ich schlafen. Als ich aufwachte, mussten die Rufe auf der Straße schon über Stunden zu hören gewesen sein. Ich zerrte die Fenstervorhänge beiseite. Die Menschen, Tausende, Zehntausende, wer kann sie zählen, alle dicht gedrängt auf den Straßen, auf dem Alexanderplatz. Ich öffnete das Fenster, draußen auf den Straßen roch es nach Wut. Die Menschenmenge rückte vor in Richtung Palast der Republik. »Gorbi, hilf uns! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!«, riefen sie, doch der Palast schwieg. Ich ließ meine Tränen kommen.
Dann raffte ich mich auf und stürmte auf die Straße. Die Verhaftung von Lesnik beherrschte immer noch meine Gedanken. Ohne sie hätte ich die Einladung zur Versammlung um halb fünf vielleicht gehört. Vielleicht hätte ich die immer mehr und mehr anwachsende Demo von Anfang an beobachtet und wäre die Rathausstraße entlang zum Platz der Republik gegangen, vor dem die Polizeilastwagen eine Mauer gebildet hatten. Vielleicht hätte ich mich widersetzt, als die Autos sich in Bewegung setzten und die Demonstranten zurückdrängten, denn – wie du weißt – an die chinesische Lösung glaube ich nicht. Doch ich erreichte die Menge erst, als jemand ins Megafon rief: »Jetzt in Richtung Prenzlauer Berg!« Und so wanderte ich in ihrem Kielwasser die Karl-Liebknecht-Straße entlang, während die Parolen erschallten und die Polizisten die Menge ratlos vom Straßenrand her anstarrten.
Erich. Es gibt Tage, an denen ich hoffe, du mögest an deinem Kalbsschnitzel ersticken. Und sterben. Oder noch schlimmer: Ich hoffe, du mögest niemals durch die Tür des Roten Rades eingetreten sein, dich zuerst Ähre, dann Katja, dem Kranz, Doktor Tomate, Lesnik und zuletzt mir vorgestellt haben. Manchmal wünsche ich, es hätte diesen Tag nie gegeben – den Tag, an dem du mich zum ersten Mal ansahst; den Tag, nach dem ich mich für niemand anders mehr interessiert habe.
Aber immer noch gibt es auch Augenblicke, in denen ich dich brauche. Und Kastanie. Nächte wie diese, wenn die Sehnsucht ein Schmerz ist, der sich unter der Haut festgesetzt hat. In diesen Augenblicken stelle ich mir das Kind vor, wie es im Schatten auf der Decke liegt, kurz davor einzuschlafen. Am Sandstrand, auf dem Anleger, auf der Wiese, den Wind im Haar. Ich stelle mir dich vor, wie du mir ins Ohr flüsterst: So fühlst du dich an. Ich atme deinen Duft ein, der sich auf meiner Haut festgesetzt hat.
Wo bist du? Du hast doch wohl meinen Brief bekommen? Warum antwortest du nicht? Ähre und Kranz sind verschwunden, und jetzt sind auch das Rote Rad und Doktor Tomate nicht mehr da. Sie sind verschwunden, verloren gegangen, die meisten über Ungarn oder Österreich in den Westen. Erich, sollte ich auch gehen? Das würde ich gern. Und doch auch wieder nicht.
Als ich nach der langen Nacht nach Hause kam, schloss ich das Fenster, dämpfte die Rufe. Ich möchte nicht sie in meinem Leben haben, sondern euch. Ich holte das Foto hervor. Lassen sich Kastanies Haare schon zu Zöpfen flechten? Wie geht es ihr? Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass wenigstens sie von diesem Irrsinn verschont bleibt, wenigstens sie. Wenn ich an das Kind denke, erscheint mir der Entschluss leicht: Noch gehe ich nicht, noch warte ich. Einen Augenblick noch, aber dann nicht mehr.
Dann kannst du ebenso gut an deinem Schnitzel ersticken.
Deine Margot
Der Boden auf der Fischerinsel war nass, an seiner Oberfläche funkelten Steine, kleine und scharfe. Vilja bückte sich, hob von der Baumwurzel eine tiefbraune Kastanie auf und schloss sie in ihre Hand wie eine Kostbarkeit. Ein Ahorn hatte seine Samen zu unregelmäßigen Anordnungen auf den Sand fallen lassen, der Regen war von ihnen aufgesaugt worden und hatte sie zu blassen Streifen verfärbt. Das Haus vor ihr war gewaltig groß, noch genauso wie vor Jahren, eckig und monumental. Sie griff sich ihre Tasche, überquerte den Spielplatz und ließ die toten Ahornblätter, die Schalen der Kastanien und die vom Sturm abgerissenen Zweigstücke unter ihren Füßen rascheln. Jemand hatte vor dem Haus einen hellblauen Scooter geparkt. Mit einem Ruck zog sie die schwere Glastür auf. Ein Mann in knielangem Mantel wartete im Windfang, er hielt in der einen Hand einen Regenschirm, in der anderen eine Mappe mit Lederdeckel.
»Kommen Sie wegen der Wohnung?«
Vilja nickte, reichte ihm die Hand und begrüßte den Mann. Er zeigte ihr den Weg zum Fahrstuhl, und Vilja folgte ihm. Sie schwieg, obwohl es höflich gewesen wäre, etwas zu sagen, egal was. Der Mann starrte die Decke an, klopfte mit der Schuhspitze auf den Boden und atmete so, dass seine großporige Nase pfiff. Das Haus trug geräuschlos seine Etagen.
»Ein trostloser Winter. Echt trostlos«, sagte der Mann schließlich und schüttelte das Wasser von seinem Regenschirm in der Ecke des Fahrstuhls ab.
»Ja, er ist trostlos.«
Für einen verschwindend kurzen Moment fielen ihr Helsinki, die Schneewälle dort, die die Straßen verstopften, und der Frost ein, der die Wangen verbrannte.
Der Geruch flutete ihr entgegen, als die Fahrstuhltüren sich im achtzehnten Stock öffneten. Derselbe Geruch, derselbe noch nach fünfundzwanzig Jahren, dachte Vilja, und auch wenn sie sich unter anderen Umständen den Schal vor das Gesicht gedrückt und sich vor dem Gestank des Müllschluckers geschützt hätte, ließ sie jetzt den süßlich-fauligen Geruch in sich hineinströmen. Der Mann ging bis zum Ende des Ganges und steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch.
»Die Handtücher sind im Badezimmer, die Betten frisch bezogen. Putzen müssen Sie selbst.«
Der Mann wies ihr den Weg in die Wohnung und entnahm seiner Mappe ein Papier und einen Stift.
»Ich würde Sie dann jetzt hier auch gleich um die Kaution bitten und um die Miete für die erste Woche. Das Weitere vereinbaren wir später, wenn Sie wissen, wie lange Sie bleiben wollen.«
Vilja unterschrieb das Papier, gleich darauf auch das zweite, reichte sie dem Mann und holte dann aus ihrer Tasche ein Bündel Geldscheine.
»Ein ruhiges Haus«, sagte sie, warf einen Blick ins Treppenhaus und reichte dem Mann das Geld. »Kennen Sie die Nachbarn? Was für Leute wohnen hier?«
Der Mann zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und stellte den Kragen auf.
»Wissen Sie, in diesem Haus gibt es ungefähr zweihundert Wohnungen. Hier wohnen alle Arten von Leuten.«
Vilja stellte ihre Tasche auf das Sofa im Wohnzimmer und holte aus einer Seitentasche ein Foto hervor. Der Vater im Ruderboot, ein Lächeln im Gesicht, im Hintergrund die im freundlichen Meer untergehende Sonne. Vilja stellte das Foto auf die Fensterbank und legte die Kastanie, die sie auf dem Spielplatz gefunden hatte, daneben. Der Regen lief am Fenster hinab, aber auch hinter dieser Verschwommenheit erkannte sie den über die Dächer hinausragenden Turm. Er war lang und hell und wurde zum Himmel hin schmaler, und an seinem Ende durchdrang eine graue Kugel die Landschaft, als erinnerte sie daran, dass nichts hier ein Traum, sondern Realität war, so real wie nur je die verlorene Zeit. Einen Augenblick lang starrte sie das Bauwerk an, trat dann in den Vorraum und öffnete die Wohnungstür. Der Geruch des Müllschluckers war widerlich, und wieder atmete sie ihn tief ein. Den Fußboden bedeckte ein gelber Kunststoffteppich, den Rand eine rauchgraue Scheuerleiste. Müllraum stand an der Tür am anderen Ende des Ganges, und auch wenn das dort nicht gestanden hätte, hätte sie gewusst, was sich dahinter befand.
Mit dem Fahrstuhl fuhr sie in die vierte Etage hinunter. Der Korridor war schmaler, als sie ihn in Erinnerung hatte, auch kürzer. Sie ging bis zum anderen Ende und spürte, wie es in ihren Handflächen prickelte. Hatte es hier so ausgesehen? Ja, natürlich. Als Erstes bemerkte Vilja den Weihnachtsschmuck. Die Tannenzweige aus Plastik und die Weihnachtskugeln, die Schleife aus einem roten Seidenband. Kietzmann stand auf dem Namensschild. Sie fasste nach dem Türknauf und drehte daran, aber die Tür rührte sich nicht, sie drehte noch einmal und gab dann auf. Sie ließ die Lungen sich von Luft entleeren und die Schultern sich entspannen, atmete ein und aus, dann setzte sie sich auf den Fußboden vor die Tür und zog ein zusammengefaltetes, vergilbtes Papier aus der Tasche. Die Dunkelheit vertrieb schon die Dämmerung, als Vilja den Blick über die Buchstaben gleiten ließ, die dünn und luftig waren. Schon waren ihre Gedanken in Helsinki, bei der Beerdigung, bei den in der Zweizimmerwohnung des Vaters gepackten Kisten, bei der Schreibtischschublade, der flachen Blechdose und dem Bündel Briefe, das sich darin gefunden hatte an jenem Nachmittag, an dem sie sich heimlich in die Kochnische zurückgezogen und von dem Bündel den obersten Briefumschlag ausgewählt hatte. Die Adresse darauf war ein ihr unbekanntes Postfach, die Briefmarke stammte aus Ostdeutschland, der Stempel war von 1989. Sie hatte den Brief gelesen, einmal, zweimal, ein drittes Mal und war zu ihrer Mutter gegangen.
»Wer ist Margot?«
Die Mutter hatte mit dem Fensterputzen aufgehört und den Brief in ihrer Hand angestarrt. Einen Augenblick lang war es in der Wohnung stiller gewesen als an jenem Oktobernachmittag, an dem Vilja den Vater gefunden hatte.
»Hat er die immer noch aufbewahrt?«
Die Mutter hatte die Worte langsam aus ihrem Mund entlassen, als hätte sie zunächst gar nicht verstanden, was sie da sah, hatte dann Vilja den Rücken zugekehrt und weiteres Putzmittel versprüht und die Fensterscheibe gewienert, als gäbe es darauf eine zehn Jahre alte Schmutzschicht. Der Schaum hatte die krumme Kiefer, das Haus gegenüber und das schon verblassende Herbstgold verdeckt, und Vilja hatte das Blut in den Ohren rauschen hören.
»Wer ist Erich? Von wem sind diese Briefe?«
Die Mutter hatte den Lappen sinken lassen, sich Vilja zugewandt, und die hatte gesehen: Die Farbe war der Mutter aus dem Gesicht gewichen, das aussah, als hätte sich eine straffe Folie darübergelegt. Ihre Stimme war müde und langsam gewesen.
»Diese Briefe wurden an einen Mann geschrieben, von dem ich einmal glaubte, ich kennte ihn. An deinen Vater. Dein Vater war Erich.«
Mutters Blick hatte sich mit Trauer gefüllt, mit alter und starker Trauer, sie schimmerte auf der Oberfläche ihrer Augen, drückte sich zu Falten zusammen, die bis zum Haaransatz reichten. Die Mutter hatte langsam und tief geseufzt.
»Ich dachte, er hätte sie schon längst verbrannt. Zerschneide diesen Müll, er bringt nichts als Kummer.«
»Du hast sie gelesen.«
»Zum Teil. Vor langer Zeit. Vor sehr langer Zeit.«
»Du weißt also, wer Margot ist.«
Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt und geschwiegen. Erst als Vilja ungeduldig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert hatte, sagte die Mutter leise, fast flüsternd:
»Ich weiß, dass es eine Margot gab. Das war eine Person, die deinen Vater Erich nannte. Aber ich weiß nicht, wer das war. Und will es auch jetzt nicht wissen. Sei so gut, vernichte diese Briefe.«
»Dieser hier ist von 1989. Damals wart ihr verheiratet, und wir wohnten noch alle zusammen.«
Die Mutter hatte den Blick auf das Fenster gerichtet, an dessen Oberfläche sich das Putzmittel als langsames Blasenfeld wie eine Eisscholle im Wasser des Eismeers bewegte.
»Ja. Aber nicht lange. Du erinnerst dich bestimmt noch an jenen Herbst.«
Vilja hatte den Brief noch einmal entfaltet und hier und dort darin gelesen.
»Margot schreibt von einem Mädchen. Sie nennt es Kastanie.«
Die Stille hatte die Luft anschwellen und die Hände klebrig werden lassen, und plötzlich wirkte die vor ihr stehende Frau gleichzeitig bekannter und fremder denn je.
»Ja, Vilja. Und nicht nur in diesem Brief. Margot hat viel über das Mädchen geschrieben.«
»Über mich.«
»Über dich.«
Vilja las den Brief ein zweites Mal, bevor sie ihn zusammenfaltete, und kehrte dann in die Wohnung zurück. Sie trat zum Wohnzimmerfenster und starrte über die Dächer von Berlin hinweg. Durch den Regen sah sie ein rotes Blinken, das regelmäßig von der Antenne des Fernsehturms ausgespuckt wurde, und zugleich war da ein klarer und fester Gedanke, und sie ließ ihn für sich selbst Ränder bauen. Morgen suche ich dich, Margot.
Das Zuhause. Hier ist mein Zuhause.
Der Gedanke ließ Markus Siltanen lächeln. Er wickelte den Ledermantel fester um sich, zog sich tiefer unter das Schutzdach zurück und blinzelte, um durch den Sprühregen hindurchzublicken. Trotz des Hundewetters fühlte er sich festlich gestimmt: Hier stand er tatsächlich, im Herzen seiner neuen Heimatstadt, ringsum der Alexanderplatz, der Fernsehturm, die Weltuhr und das Rote Rathaus. Hier stand er, hier wohnte er, und dieser Jubel wurde nicht einmal durch diesen fürchterlichen mitteleuropäischen Wintersturm getrübt, der die Schiffe nach Rostock und die Wochen des Skispringens in der Tschechoslowakei lahmgelegt hatte. Markus hüpfte ein wenig, um warm zu bleiben, als ihm die Idee kam: Natürlich, er würde über den Sturm schreiben! Wie gelangten die Menschen an ihren Arbeitsplatz? Funktionierten die Fabriken? Wie wurden die von der Natur verursachten Schäden im Westen kommentiert? Natürlich würden nicht einmal die fürchterlichsten Wetterverhältnisse den Sozialismus ins Wanken bringen, aber trotzdem war es gut, diese Fragen zu stellen und Antworten zu geben, die die Wahrheit zeigten. Storythemen waren ihm schon lange durch den Kopf gegangen. Es waren viele, aber mit welchem sollte er das Spiel eröffnen, wie die unsterbliche Eröffnung formulieren, nach der keinem Leser seiner Zeitung Kansan Voima, Kraft des Volkes, unklar bleiben würde, dass es Markus Siltanen war, der in den kommenden vier Jahren für die Berichterstattung aus dem Herzen der Deutschen Demokratischen Republik zuständig war, der ehemalige Redaktionsleiter und jetzige Berlinkorrespondent. Der Sturm und seine Folgen, das war es – das perfekte Thema, alltäglich und dramatisch zugleich.
Kälte und Feuchtigkeit drangen Markus in Knochen und Mark. Er verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere, dann wieder auf das andere, und hüpfte auf der Stelle. Noch hatte er keine Lust, sich in das Unwetter hinauszubegeben. Bis nach Hause war es weniger als ein Kilometer, aber es graute ihm vor den Ästen, an denen der Wind zerrte, und vor den unberechenbaren Sturmböen. Er spähte nach oben und genoss das Wissen, dass hoch über ihm der Fernsehturm aufragte. Wenn der Sturm vorüber ist, werden wir zusammen hierherkommen, Rosa und die Kinder und ich, dachte er. Wir fahren mit dem Fahrstuhl hinauf, betrachten von oben die Stadt, ich zeige den Kindern die Mauer und das Pressezentrum und den Himmel über Berlin.
Da bemerkte Markus die Frau und das Kind. In gelbe Regenjacken gehüllt, rannten die beiden durch den Regen zu der Tür, die in die Eingangshalle des Turms führte. In die Halle, nach drinnen, begriff Markus plötzlich und setzte ihnen nach. Der Wind packte das Glas, es fehlte nicht viel, und er hätte die Tür aus den Angeln gerissen, als Markus sie mit beiden Händen packte. Die Frau ging zum anderen Ende der Halle und setzte das Kind auf eine Bank. Markus blieb in der Nähe der Außentür und bemerkte einen Mann, der sich auf die Frau zubewegte, wobei seine Füße den Boden abtasteten.
»Gute Frau, hätten Sie einen Moment Zeit?«, fragte der Mann.
Die Frau hob den Blick. Aus ihren Haaren rann der Schneeregen, über ihre Wangen die Wimperntusche.
»Ja?«
»Mein Kollege und ich«, sagte der Mann und deutete auf einen Burschen mit schlechter Haltung, der in einigen Metern Entfernung stand und mit übertriebenen Bewegungen Kaugummi kaute. In den Händen hielt er eine Filmkamera. »Wir machen ein Programm. Der Zeitpunkt ist etwas unglücklich, es sind nicht viele Leute unterwegs. Ich nehme an, Sie sind Ostdeutsche?«
»Natürlich bin ich das.«
»Natürlich, natürlich sind Sie das. Ich wollte mich nur vergewissern, dass Sie nicht Tschechin sind. Oder Ungarin.«
Markus ging ein paar Schritte näher zu den Leuten heran. Die Frau verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere.
»Was wollen Sie?«
»Nur ein paar Fragen stellen. Ganz kurz, das Interview ist gleich fertig. Und die Frage nicht schwieriger als: Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?«
»Wozu brauchen Sie so eine Information?«
»Wir machen ein Programm für das ZDF, eine Reportage zum Thema, wie wird Weihnachten in der DDR gefeiert. Und über die Weihnachtswünsche der DDR-Bürger.«
»Für das West-Fernsehen. Warum?«
»Im Westen dürstet man nach Informationen über das Leben der Ostdeutschen. Viele wünschen sich Informationen über das Leben ihrer hier wohnenden Verwandten. Vielleicht ist das bei Ihnen genauso? Wohnen auch einige Ihrer Angehörigen auf der anderen Seite der Mauer?«
Noch ehe die Frau über eine Antwort auch nur hätte nachdenken können, hatte der Mann dem Kaugummikauer schon ein Zeichen gegeben, und er kam herbeigeschlurft.
»Kurt Bäcker, mein Kameramann. Und ich – ich bin Klaus Hauser.«
Der Mann streckte die Hand aus und berührte damit fast die Frau.
»Anne Stern«, sagte die und ergriff zögernd Hausers Hand.
»Frau Stern, ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte der Mann mit übertriebener Ehrerbietung in der Stimme. »Und du, wie heißt du?«
Hauser beugte sich zu dem Jungen hinunter.
»Peter.«
Der Junge versteckte sich hinter dem Bein seiner Mutter.
»Peter! Wie alt bist du?«
»Vier.«
»Vier!«, rief Hauser aus und hielt sein Mikrofon Anne Stern vors Gesicht, nickte dann dem Kaugummikauer zu, der sich die Kamera auf die Schulter gewuchtet hatte.
»Frau Stern, erzählen Sie uns doch bitte, wie man sich hier in der DDR auf Weihnachten vorbereitet.«
Markus glaubte, er könne sich vorstellen, was Frau Stern jetzt durch den Kopf ging: Wenn sie nichts sagte, würde die Kamera ihre schroffe Weigerung festhalten, wenn sie jedoch antwortete, würde dieser unverschämte Kerl, der so stümperhaft ein Interview verlangte, das bekommen, was er wollte. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde Frau Stern schweigen, aber Hauser ließ nicht locker:
»Haben Sie sich schon überlegt, was Sie sich zu Weihnachten wünschen?«
Anne Stern starrte Hauser in die Augen und sagte dann:
»Freilich. Weihnachten ist ja in einer Woche. Ein passender Weihnachtswunsch könnte zum Beispiel sein, dass die Amerikaner ihre Raketen aus Westdeutschland abziehen.«
Markus fuhr zusammen. Hauser schien das Lächeln zu vergehen.
»Ahaa. Ja. Und weitere Wünsche? Haben Sie noch andere Wünsche?«
»Eigentlich nicht. Ich wünsche mir nur Frieden, richtigen Frieden. Der ist schwer zu bekommen, wenn im Nachbarland Dutzende von Raketen stationiert sind. Ich hoffe, dass Reagan und Kohl endlich verstehen, dass Krieg und das Androhen von Gewalt nicht dazu beitragen, Beziehungen zwischen Staaten aufzubauen. Wir in der DDR wünschen uns Frieden für hier und anderswo, zu Weihnachten und zu allen anderen Zeiten.«
Klaus Hauser lachte trocken. Wie jemand, der einen über seine Kräfte gehenden Kampf aufgegeben hat, führte er das Mikrofon weg von Anne Stern und hielt es Peter hin.
»Und du, Peter? Was wünschst du dir zu Weihnachten? Was wäre das Beste, was du zu Weihnachten bekommen könntest?«
»Ein Fahrrad«, sagte der Junge leise.
»Ein Fahrrad!« Hauser schien von Peters Antwort begeistert zu sein. »Hast du eine Lieblingsfarbe? Grün, oder vielleicht Blau?«
»Rot. Ich wünsch mir ein rotes Rad.«
»Na, das wäre ja was, ein rotes Fahrrad!«
Plötzlich zog Klaus Hauser sein Mikrofon von Peter fort, kehrte Anne Stern und dem Jungen den Rücken und trat vor die Kamera. Das Lächeln war von seinem Gesicht verschwunden, an seine Stelle war ein überbetonter Ausdruck von Sorge getreten.
»Der vierjährige Ostberliner Junge Peter wünscht sich zu Weihnachten ein rotes Fahrrad. Wie mag es diesem Wunsch ergehen? Hat die Mutter die Möglichkeit, den Wunsch ihres Sohnes zu erfüllen? Hier hinter der Grenze leiden die Ostdeutschen an ständigem Mangel. Sie können sich nicht immer das Nötigste leisten, Essen und Trinken, und auch wenn sie es könnten, sind doch so manche Grundbedarfsgüter im Handumdrehen ausverkauft. Es mangelt sogar an Zucker, Brot und Mehl, ganz zu schweigen von Kaffee und Früchten. Bananen hat man hier kaum jemals gesehen …«
Anne Stern stürmte aus dem Vorraum des Fernsehturms ins Freie und zog den kleinen Peter hinter sich her. Einen Augenblick lang wusste Markus nicht, was er machen sollte. Der Wind hinter den Glasscheiben wirbelte abgerissene Blätter, Müll und Schneeregen durch die Luft, und von dem Baum, der vorhin noch aufrecht dagestanden hatte, hing einer der unteren Äste abgespalten herab. Was, wenn der Frau und dem Kind jetzt etwas passierte? Einer plötzlichen Eingebung folgend stürzte Markus auf den Platz hinaus.
Der Himmel hing wie eine schwere Decke über dem Vorhang aus Tropfen, der sich überallhin ausgebreitet hatte. Markus rannte um die Ecke des Turms in Richtung Rathaus und Nikolaiviertel.Die Frau und der Junge waren nirgends zu sehen. Waren sie in eine andere Richtung gegangen, zum Palast der Republik oder zum Prenzlauer Berg? Einen Augenblick lang überlegte Markus, entschied sich dann für das Nikolaiviertel und rannte los, und da: die gelben Regenjacken. Die Frau stürmte mit ungewöhnlich großen Schritten in Richtung Rathaus, durch die eisige graue Luft, dass der kleine Peter nur so über die Pfützen flog.
»Frau Stern!«, rief Markus, doch der Sturm verschluckte seine Stimme.
Beim Rathaus verlangsamte die Frau ihre Schritte, blieb stehen und machte sich an den Stiefeln des Jungen zu schaffen. Markus erreichte sie.
»Frau Stern, es ist nicht sicher, bei diesem Wetter draußen unterwegs zu sein.«
Anne Stern wandte sich um.
»Wer sind Sie? Lassen Sie mich in Ruhe.«
Markus trat einen Schritt zurück.
»Verzeihung, ich wollte nicht aufdringlich sein. Mein Name ist Markus Siltanen. Ich bin aus Finnland, gerade in Ihr Land gezogen. Sie haben mich vielleicht nicht bemerkt, aber ich habe Ihr Gespräch mit dem Journalisten aus dem Westfernsehen mitangehört. Was für ein ungehobelter Kerl! Ich würde Ihnen gern helfen, bei diesem Wetter ist es gefährlich, draußen zu sein. Darf ich Sie nach Hause begleiten? Dann käme Ihr Sohn schneller unter ein sicheres Dach.«
Falls die Frau zögerte, so bemerkte Markus nichts davon. Er war darum bemüht, die Frau seiner guten Absichten zu versichern, ihr seinen Presseausweis und seinen Pass zu zeigen und mit ihr seine politischen Ansichten zu teilen, aber Frau Stern fragte nicht danach. Zu seiner Überraschung setzte sie ihm das Kind auf den Arm.
»Wallstraße neunzig. Seine Gummistiefel scheuern.«
Peter war leicht wie ein Vogel, knochig und mit scharfen Rändern, er duftete nach Kartoffeln und eingelegter roter Bete. Der Junge schlang ihm die Arme um den Hals und drückte seine feuchte Wange gegen Markus’ Haut.
»Zeig mir den Weg!«, rief Markus Anne Stern zu.
Der Regen pladderte ihnen ins Gesicht. Sie strebten eilig in Richtung Fluss und stiegen die Steintreppen zur Straße hinauf. Peter klammerte sich an seinen Hals wie eine Schlange. Jemand hatte einen Handschuh auf die Straße fallen lassen, aus schwarzem Leder.
»Hier lang. Es ist nicht weit«, rief Anne Stern, als sie die Brücke überquerten.
Durch den Schneeregen hindurch erkannte Markus einen Spielplatz. Nach drei Häuserblöcken und Dutzenden von Pfützen blieb die Frau vor einem gelben Haus stehen.
»Hier!«
Anne Stern nahm Markus das Kind ab. Peter drückte seine Schulter gegen die der Mutter.
»Wohnen Sie weit von hier?«
»Auf der Fischerinsel, im Haus Nummer zehn. Mein Orientierungssinn ist erbärmlich, aber das müsste hier ziemlich in der Nähe sein.«
Die Frau lachte.
»Fischerinsel zehn? Sie müssen tatsächlich gerade erst hierhergezogen sein. Das ist wirklich ganz in der Nähe. Dort, über die Brücke.«
Sie trat auf die Fahrbahn, deutete mit der Hand auf die Turmhäuser, die hinter dem Regen aufragten, und Markus begriff: Der Weg nach Hause betrug nur etwa zweihundert Meter.
»Wo arbeiten Sie?«, rief Anne Stern durch den Regen und kehrte zur Haustür zurück.
»Im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße. Ich bin Journalist.«
»Haa. Also so wie Klaus Hauser.«
»Ja, abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht so wie Klaus Hauser arbeite.«
Anne Stern lächelte.
»Zweifellos nicht.«
Frau Stern steckte den Schlüssel ins Schloss und zog die Tür auf. Die Wand des Korridors hinter Frau Stern war mit Briefkästen bedeckt, die aus Blech und grau waren.
»Danke für Ihre Hilfe. Ohne Sie würden wir immer noch in der Pfütze stehen. Und jetzt laufen Sie schnell nach Hause!«
Die Tür hinter der Frau schloss sich, aber Markus hatte noch gesehen: Unter den Briefkästen stand an die Wand gelehnt ein Fahrrad, klein und rot.
Berlin, 30. September 1989
Der Anblick lässt mir keine Ruhe, und darüber schreibe ich dir, Erich. Die Männer, die die ganze Zeit in meiner Nähe sind, drängen sich an Lesnik vorbei in den Vorraum und ins Wohnzimmer, leeren die Kommodenschubladen auf den Fußboden aus und durchwühlen die Schränke. Sie zerren die Sofakissen, die Tischtücher, die Teppiche und Gardinen von ihrem Platz und stellen meine Wohnung auf den Kopf. Und Lesnik erstarrt an seinem Platz, er versteht genau, was da passiert, bevor er versteht, was da passiert. Er sagt: »Lasst das. Seid so gut. Dies muss ein Irrtum sein.« Ein ums andere Mal: »Dies muss ein Irrtum sein.« Einer der Männer stellt sich vor das Fenster und lächelt ein Lächeln, dem ich entnehme, dass alles schon vorher beschlossen ist, das Chaos ist eine bloße Inszenierung nach einem vorgefertigten Drehbuch, dessen letzten Akt keine Einwände verändern werden. Immer wieder hallen in meinem Kopf die Worte, die man mir sagt, als ich mich in die Tür des Vorraums stelle und versuche zu verhindern, dass sie Lesnik mitnehmen. »Genossin, seien Sie nicht dumm. Das Beste für Sie ist, jetzt sofort den Weg freizugeben.«
Für Sie das Beste.
Jetzt sofort.
Den Weg freizugeben.
Sie fragen nichts, begründen nichts, legen keine Beweise vor. Die bloße Behauptung genügt. Sie nehmen Lesnik mit, sagen nicht, wohin, nennen ihn einen Volksverräter, ohne zu begreifen, dass der einzige Verrat das grundlose Verhaften treuer Bürger ist. Volksverräter. Lesnik – ein Volksverräter? Ich verstehe überhaupt nichts mehr.
Sie führen ihn ab. Die Tür klappt zu. Das Zimmer um mich herum dreht sich. Die Möbel wanken, das Licht verbrennt mir die Augen, und dann senkt sich über alles eine quälende Stille. Und ich mit meinen Halluzinationen bin ihre Gefangene.
Ich will weg, so sehr. Und doch auch wieder nicht. Wohin soll ich, weg aus meiner Wohnung? Die Tage sind lang, bei der Arbeit kriecht die Zeit dahin, ebenso zu Hause, überall. Immer häufiger ertappe ich mich dabei, wie ich hinausstarre, mit dem Blick Kastanie suche und jedes Mal enttäuscht bin, wenn mir bewusst wird, dass sie jetzt weg ist und – so fürchte ich – auch in Zukunft wegbleiben wird. Ich denke an Dich und an sie und wehre mich gegen die Angst, dass wir kein Glück haben werden. Dass das Mädchen, mein Mädchen, ohne mich aufwachsen und mich schließlich völlig vergessen wird. Andererseits fürchte ich, dass wir uns wiedersehen werden und feststellen müssen, dass die Zeit, die zwischen uns gewachsen ist, uns verändert hat. Was, wenn wir im wirklichen Leben gar nicht mehr füreinander da sein können? Wenn du mir doch etwas antworten könntest, und seien es auch nur ein paar Zeilen. Wenn du mir doch endlich schreiben würdest, Erich, denn gerade jetzt führen meine Überlegungen mich von dir fort, und ich werde den Gedanken nicht los: Wenn du zu mir nach Berlin zurückgekehrt wärest, dann wärest du jetzt der, der du warst. Wenn du gekommen wärest, wäre das der größte Beweis unserer Liebe gewesen. Jetzt fehlt dieser Beweis.
Jeden Tag warte ich auf deine Antwort. Jeden Tag warte ich darauf, dass das Telefon klingelt und Patrone mir mitteilt, dass von dir endlich ein Brief gekommen ist. Jeden Tag reserviere ich die Zeit für den kurzen Spaziergang von hier ins Zentrum zu Patrone. In verzweifelten Momenten war ich drauf und dran, ihn anzurufen, manchmal auch, direkt zu ihm hinzumarschieren und ihn dazu zu bewegen, dass er Dich anruft und eine Antwort verlangt, aber ich habe mich beherrscht. Ich bin nicht dumm. Wenn sie Lesnik abgeholt haben, werde auch ich beobachtet. Trotzdem frage ich dich: Weißt du, wie es ist, sich an eine Hoffnung zu klammern, tagaus, tagein, und dann loszulassen und enttäuscht zu sein? Ich hoffe, dass du mit Nein antwortest. Meine Frage zu bejahen würde bedeuten, dass du zugibst, mich absichtlich zu quälen.
Dass du es nur weißt: Ich sehne mich nach dir. Du fehlst mir hier und jetzt und immer.
Deine Margot
Jedes Mal dasselbe.
Obwohl der Umzug erst ein paar Tage her war, hatte Rosa schon begriffen: Der Geruch kam in die Wohnung geflutet, jedes Mal, wenn die Wohnungstür geöffnet wurde. Der süßlich-faulige Geruch, der aus dem Müllraum im Treppenhaus kam von den Eierschalen, Teeblättern, Apfelgriebsen, den Fisch- und Fleischabfällen und all dem, was sonst noch in diesen Schacht gekippt worden war. Um sich vor diesem Geruch zu schützen, musste man schnell sein. Den Schlüssel ins Schloss schieben, den Türknauf drehen, in die Wohnung schlüpfen und blitzschnell die Tür hinter sich zuziehen. Mit Kindern eine unmögliche Aufgabe, war Rosa überzeugt, obwohl sie es noch nicht ausprobiert hatte: Der Sturm hatte sie die gesamte Zeit nach dem Umzug in der Wohnung festgehalten, schon tagelang. Erst als sie hörte, dass Markus den Schlüssel im Schloss umdrehte, fiel ihr ein, dass sie noch nicht daran gedacht hatte, ihn bei diesem Vorgang um größtmögliche Eile zu bitten.
So was Dummes, bald würde die Wohnung wieder stinken.
Rosa stand vor der Seitenwand des Wohnzimmers an derselben Stelle, wo sie schon seit einer halben Stunde gestanden, abwechselnd von dem Rotwein getrunken und dann wieder versucht hatte, vier verschiedene Bilder an einen aus der Wand ragenden Nagel zu hängen – zwei, die ihr Vater gemalt hatte, eins davon mit Friedenstauben und ein gerahmtes Plakat zum Film Kampf um Algerien. Als die Wohnungstür ging, sah sie auf die Armbanduhr, es war kurz nach neun. Ohne sich von der Stelle zu rühren, rief sie:
»Mach schnell die Tür zu, es stinkt!«
Und gleich darauf: »Ich hab schon gedacht, du hättest in dem Sturm den Löffel abgegeben.«
Markus schloss die Tür und hängte seinen Mantel auf den Bügel. Der Kunststoff knirschte unter dem Gewicht des nassen Mantels.
»Na, das wäre ja ein Anfang in unserer neuen Heimat!«
Rosa wandte sich um.
»Oha, du siehst ja aus wie aus dem Wasser gezogen. Wie hast du bloß den Heimweg überstanden?«
»Äh, ich bin gerannt.«
Markus zog die klitschnassen Schuhe aus und stellte sie auf die Matte. Rosa winkte ihn zu sich.
»Hilf mir doch mal. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich an diesen Nagel hängen soll. Was meinst du, Vaters Kuppelbild oder die Friedenstauben?«
Markus schüttelte das Wasser aus den Haaren und schaute auf die Wand.
»Die Friedenstauben«, antwortete er. »Unbedingt die Friedenstauben.«
Dann ging er in die Küche, nahm aus dem Kühlschrank die Reste des Chili con carne und öffnete eine Bierflasche.
»Die Kinder sind sofort eingeschlafen«, sagte Rosa und hängte die Tauben an die Wand.
Ja, das war die beste Wahl. Sie wischte den Staub vom Rahmen und rückte das Bild zurecht.
»Vorhin haben sie einen Parcours gebaut. Und herumgetobt wie die Irren. Hoffentlich bedeutet das ununterbrochenen Nachtschlaf.«
Und dann: das Bedürfnis, einen großen Schluck Rotwein zu nehmen, einen Moment die Augen zu schließen, den Geschmack sich am Gaumen und im Hirn ausbreiten zu lassen, einen leichten Schwindel und zugleich die Füße fest am Boden zu spüren.
»In Hoffnung ist gut leben«, sagte Markus und lächelte. »Hat sich Viljas Plüschkatze wieder angefunden?«
Rosa riss die Augen auf und gab einen zustimmenden Laut von sich, obwohl sie eigentlich schon vergessen hatte, wie sie das Lieblingsspielzeug des Mädchens vom Grund des Kartons hervorgekramt hatte, und drehte sich um, sodass der Rest Wein in ihrem Glas beinahe über den Rand geschwappt wäre.
»Komm, ich will dir was zeigen.«
Markus legte die Gabel auf den Teller und folgte Rosa zur Tür des Kinderzimmers. Die Lichter der Stadt durchdrangen die Vorhänge, von deren weißen Fasern sich Blumen abhoben.
Rosa trat in das Halbdunkel ein. Das Zimmer war klein, das Etagenbett an der rechten Wand beanspruchte ein Drittel des Raums. Von den Matratzen war Atmen zu hören, gleichmäßig und matt. Auf dem oberen Bett lag Matias auf dem Rücken, den Mund leicht geöffnet, das Oberteil seines Pyjamas hatte sich aufgerollt. Auf dem unteren Bett schlief die zweijährige Vilja, zusammengekauert in Embryonalstellung, die Hände um die Katze aus rotem Frottee gelegt. Rosa deutete auf die Wand hinter dem Bett und sagte leise:
»Ich hatte die Idee, dorthin einen Drachen zu malen. Vielleicht einen gelben. Und dort einen zweiten, der könnte rot sein. Mit langen Schnüren. Ein bisschen so wie ein kleines Mädchen, das sich in den Wind geflüchtet hat.«
Markus nickte zustimmend, trat neben Rosa, legte ihr die Hand auf die Schulter und zog sie an sich. Rosa dämpfte ihre Stimme noch mehr:
»Und dann möchte ich hier neue Vorhänge haben. Der deutsche Sozialismus ist prachtvoll, was man von den DDR-Stoffen wahrlich nicht behaupten kann.«
Markus lehnte sich gegen Rosa und dämpfte die Stimme:
»In Westberlin gibt es Ikea. Da fahren wir hin, wenn der Sturm vorüber ist.«
»Das machen wir! Und kaufen meterweise schwedischen Vorhangstoff. Und Marabou-Schokolade! Die hiesige Schokolade kann ich nicht verknusen, die schmeckt irgendwie, ich weiß nicht recht, nach Gemüse.«
Sie lachten, verließen das Zimmer, und Markus kehrte zu seinem Essen zurück. Rosa ging leise zum Fenster und öffnete die Lüftungsklappe. Ein Windstoß fuhr ihr ins Gesicht. Während der Sturmwind am Fenster rüttelte, rauchte sie und ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Ihr Gedanke: Wir werden uns hier ein Zuhause schaffen, ganz allmählich, trotz allem. Wenn alle Bücher ins Regal eingeordnet sein würden, überlegte sie und tat einen Lungenzug, wenn auch die letzten Gardinen aufgehängt und Teller und Tassen in die Schränke geräumt sein würden, wenn die Lenin-Büste ihren Platz gefunden haben und Platten, Teller und Besteck sowie der Krimskrams vom Grund der Umzugskartons ausgepackt sein und die fehlenden Dinge für die Küche angeschafft und auch die letzten Anmeldeformulare ausgefüllt sein würden – dann würde sie die Wohnung als ihr Zuhause empfinden und nicht nur als die Wohnung, die einem Korrespondenten nach dem anderen als Behausung diente. Hier würden sie wohnen und leben, hier würde sie schreiben, hier würden ihre Kinder aufwachsen.
Sie drückte den Zigarettenstummel aus.
»Laut den Nachrichten des Westfernsehens kann der Sturm noch Tage, vielleicht sogar noch Wochen andauern. Wusstest du, dass wir das Westfernsehen empfangen können? Zwei Kanäle.«
Markus schob sich mit dem Messer etwas von dem kühlschrankkalten Reis und dem Bohneneintopf auf die Gabel.
»Ja. Das können fast alle sehen. Aber ich würde dem Westfernsehen kein bisschen Glauben schenken.«
Und er erzählte von Klaus Hauser und dem Kaugummikauer und von Anne Stern und dem kleinen Peter. Rosa schüttelte den Kopf.
»Die wollen nur Angst verbreiten. Sie lügen sogar über das Wetter, um das Bild zu vermitteln, dass der Sturm die DDR ins Wanken bringt.«
»Es würde mich nicht überraschen, wenn es genau so wäre. Morgen kann durchaus die Sonne scheinen.«
Markus spülte die letzten Bissen mit Bier hinunter, stand auf, kam zu Rosa ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an.
»Und wenn sie scheint, dann sehen wir uns die ganze Stadt an.«
»Wir gehen zum Rosa-Luxemburg-Platz.«
»Wir fahren mit der U-Bahn bis zur Endhaltestelle und zurück.«
»Und kaufen uns in der Bäckerei Proviant.«
»Aber wir essen unauffällig. Die Deutschen mögen es nicht, wenn man herumkrümelt. Ordnung muss sein!«
Sie lachten, und Markus blies den Rauch in die Lüftungsklappe, obwohl das so gut wie nichts nützte, denn der Wind drückte ihm die Asche ins Gesicht und den Rauch wieder herein. Hinter dem Regen und den Spritzern schimmerte am Himmel ein fahles Gebilde, die Kugel des Fernsehturms. Rosa lehnte sich gegen Markus, und, die Hand auf seiner Schulter, wandte sie sich der Seitenwand zu und war fast überrascht: Da hingen sie, die Friedenstauben, neben dem noch leeren Bücherregal, so als wären sie schon immer genau dort geflogen.
Sie liebten sich auf dem Sofa, Rosa wiegte sich auf Markus’ Schoß. Rosa wusste, dass ihre Brüste noch tröpfelten von Milch, und dennoch drückte sie sie Markus auf das Gesicht. Danach lagen sie auf dem Bett, eng beieinander. Hier und dort durchschnitten Lichtstreifen die Nacht. Die Bettwäsche duftete nach der Ruusulanstraße. Rosa drückte sich das Kissen ins Gesicht, dachte an die hohen Räume und die hellen Fenster ihres alten Zuhauses, den Schreibtisch und die Blumenkästen mit den Pelargonien, das Licht von Helsinki und die vorbeirumpelnde Straßenbahn, von deren Kraft das ganze Haus bebte. Ob wohl irgendetwas auch diesen zwanzigstöckigen Plattenbau erschüttern würde, in dem die Einwohner eines kleinen südfinnischen Dorfes genug Wohnraum finden würden? Die U-Bahn, die darunter fuhr? Panzerwagen, eine Abteilung Soldaten? Eines Tages, dachte Rosa und spürte, wie die Müdigkeit ihr die Augen zufallen ließ, eines Tages in vielen Jahren werde ich den Duft dieser Stadt einatmen und mich hierher zurücksehnen. Der Gedanke war voller Gelassenheit und Glück, und mit diesem Gefühl empfing sie den Schlaf.
Rosa erwachte von einem Schrei so wie jedes Mal: Erst glaubte sie einen unklaren Augenblick lang, es sei ein Traum, dann begriff sie, dass das Gebrüll von ihrem eigenen Kind kam.
Sie ließ einen Augenblick verstreichen, ehe sie die Augen öffnete.
Der Sekundenzeiger schnitt die Nacht in Scheibchen.
Hinter dem Weinen des Kindes war Markus’ schweres Atmen kaum zu hören.
Sie raffte sich auf und schleppte sich ins Kinderzimmer. Ein Bein von Matias hing über den Rand des oberen Bettes, sein Gesicht war verzerrt vom Schreien.
»Sch, sch, sch«, beruhigte ihn Rosa.
Matias reagierte nicht. Rosa legte ihm die Hand auf den Bauch, er war angespannt und hart.
»Komm in meine Arme.«
Matias setzte sich auf und streckte der Mutter die Arme entgegen, die ihn aufnahm und sich auf die Hüfte setzte. Rotz floss Rosa als Rinnsal auf die Schulter, Matias griff nach ihrer nackten Brust und tastete nach ihrer von der Kälte angespannten Brustwarze. Rosa trat zum Wohnzimmerfenster, an dem der Regen herabperlte. Sie wusste, dass da draußen etwas war, das das Kind beruhigen würde.
»Guck mal dort draußen, was ist das da?«
Mit der in der stürmischen Nacht schlafenden Stadt vor Augen beruhigte sich Matias. Im Brummen des Kühlschranks, das aus der Küche herüberdrang und noch fremd klang, betrachteten sie die Landschaft: den Fernsehturm, dessen rot blinkende Antenne, den ein Stück davon entfernt aufragenden Turm des Rathauses und die unterhalb des Wohnzimmerfensters liegende kastenartige Schwimmhalle, deren gewelltes Dach eine Wasseroberfläche imitierte. Matias atmete schwer. Der Rotz blubberte ihm in Nase und Schlund, doch jetzt schien ihn nichts zu stören, mit tränennassen Augen starrte er hinaus, als hätte er diese Landschaft noch nie gesehen.
Das Gefühl von schwindelerregender Müdigkeit brachte Rosa ins Wanken. Angestrengt schloss sie die Augen, riss sie auf, schloss und öffnete sie erneut, und allmählich ließ das von dem plötzlichen Erwachen verursachte Brennen der Augen nach. Sie korrigierte ihre Haltung, löste eine Hand von Matias’ Rücken und strich mit den Fingern langsam über das blonde Haar des Jungen.
»Warum schläfst du denn nie? Du bist doch schon vier.«
»Milch«, murmelte Matias, das Kinn an Rosas vom Rotz nasser Schulter.
Rosa betrachtete prüfend sein Gesicht.
»Milch? Na, dann holen wir eben Milch. Warte hier.«
Mit Händen, die vor Müdigkeit ganz steif waren, setzte sie den Jungen aufs Sofa, ging in die Küche, schenkte Milch in das erstbeste Glas, das sie auf der Spüle fand, und reichte es ihrem kaum noch wachen Kind. Im Nu leerte Matias das Glas.
»Na, dann wollen wir mal weiterschlafen.«
Rosa stellte das Glas auf den Sofatisch und nahm das Kind auf den Arm, ging zurück ins Kinderzimmer, legte es auf das obere Bett und deckte es zu. Wenn alles gut ginge, würde der Junge bis zum Morgen durchschlafen. Wenn schlecht, würde als Nächstes Vilja aufwachen, dann wieder Matias, und dann würde der Morgen grauen. Rosa blieb einen Moment an der Tür des Kinderzimmers stehen und horchte. Der röchelnde Atem war sofort tiefer geworden, Matias schlief.
An der Tür zum Schlafzimmer bemerkte Rosa, dass sie auch selbst durstig war, kehrte in die Küche zurück, schrak aber an der Tür von einem Geräusch zusammen.
Von irgendwo war ein Kratzen zu hören.
Sie trat in die dunkle Küche. Blieb stehen.
Wieder.
Das Geräusch kam vom Fußboden her, aus dem Raum zwischen Herd und Spüle, erkannte sie und knipste das Licht an. Obwohl die Augen das Licht nicht mochten, entdeckte sie unten neben dem Schrank sieben oder acht schwarzbraune Lebewesen. Es schüttelte sie. Schaben, erkannte Rosa, in ihrer Küche wimmelte es von Schaben. Ohne nachzudenken, griff sie nach Schaufel und Handfeger, wischte die mit ihren fadendünnen Beinen zappelnden Tiere auf die Schaufel, prüfte mit einem raschen Blick den Fußboden, stellte fest, dass sie alle erwischt hatte, warf sie im Badezimmer in die Toilette und spülte sie hinunter. Das Wasser wirbelte in dem Porzellanbecken, und Rosa holte tief Luft. Mist, murmelte sie leise, dann ging sie ins Schlafzimmer.
Sie legte sich neben Markus aufs Bett, zog die Decke über sich und verdrängte den unangenehmen Gedanken an eine Schar von Schaben, die sich im Bettzeug eingenistet hatte. Markus’ Haut war warm und verschwitzt, Rosa schob sich in seine Nähe und drückte die Nase in seinen schlafwarmen Nacken. Sofort überfiel sie eine Müdigkeit, die ihr ihre schwere Hand auf Knochen und Muskeln legte, und sie sank rasch in den Schlaf.
Vilja hatte geplant, am Bahnhof Pankow in die Straßenbahn zu steigen – so wie Ute es ihr in ihrer E-Mail geraten hatte und wie sie es sich auf einem Zettel notiert hatte –, aber als die Zugtüren sich öffneten, wurde ihr klar, dass sie frische Luft brauchte. Es war kurz vor halb zehn. In der Nacht hatte es aufgehört zu regnen, die Temperatur war unter null gefallen, und an diesem knackig-kalten Dezembermorgen schritt Vilja über eine hauchdünne Schneeschicht in Fußspuren, die erst vor Kurzem die Schuhe von Menschen hinterlassen hatten, die in die Schulen und zur Arbeit geeilt waren. Pankow: Blumenläden, die bis auf die Bürgersteige hinauswucherten mit ihren Türkränzen, die mit Flechten und gefärbten Zapfen verziert waren. Im Winter radelnde Erwachsene und kleine Kinder. Männer, die in ihren Steppwesten gegen die Fassaden der Kebablokale lehnten. Typische Berliner Häuser. Sie betrat eine Bäckerei, kaufte eine Tüte Croissants und zwei Stück Apfelkuchen, prüfte an der Tür auf dem Stadtplan nochmals die richtige Richtung und ging dann weiter in die Ossietzkystraße. Obwohl sie sich nicht erinnern konnte, ob sie schon mal in dieser Gegend gewesen war, überkam sie, als sie an einem gelben mehrstöckigen Haus vorbeikam, ein unerklärliches Gefühl der Vertrautheit. Lag das an der Stadt selbst? Oder daran, dass sie jetzt Ute treffen würde? Die letzte Begegnung lag Jahre zurück, genauer gesagt: sechzehn Jahre. Die Mutter hatte Ute nach Finnland eingeladen. Sie hatte ihr Finnland zeigen wollen und ihr Leben, das neue, andersartige, das so war wie ihrer Vorstellung nach auch das von Ute nach der Wende, doch statt eines fröhlichen Wiedersehens war es zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen und zu Streit über all das gekommen, worüber sie einst einer Meinung gewesen waren. Ute hatte mit roten Wangen und glänzenden Augen am Küchentisch gesessen und gesagt:
»Das ist alles total beschissen, kapierst du das? Es war naiv anzunehmen, dass sich alles zum Besseren wenden würde. Rosa, glaub mir, wenn ich dir sage: die Löhne, die Renten, die Wohnungen – die Kluft hat sich wahnsinnig vertieft und wird immer noch größer.«
Aber die Mutter hatte das nicht glauben wollen, sie war nicht bereit, das zu glauben; die DDR war von der Weltkarte getilgt und aus Mutters Leben gewischt worden, das vereinigte Deutschland blickte nach Westen, und das tat auch die Mutter. Mutters Atem hatte sich beschleunigt, sobald sie sich wegen der von dem Wandel hervorgerufenen Tiefpunkte und Missgeschicke ereifert hatte, die unvermeidlich waren, mit der Zeit jedoch in Ordnung kommen und ein neues, besseres Leben mit sich bringen würden. Doch Ute war davon nicht überzeugt.
»Niemand von uns hat vor fünf Jahren verstanden, mit wie wenig Plänen die Revolution durchgeführt wurde. Verdammt, es gab überhaupt keinen Plan, verstehst du, überhaupt keinen! Wir wollten nicht den Kapitalismus, wir wollten einen demokratischen Sozialismus. Aber dies haben wir nun bekommen. Darunter leiden die Menschen, diejenigen, um derentwillen der Wandel eingeleitet wurde. Diejenigen, die auch dir einst etwas bedeutet haben.«
Die Mutter war vom Tisch aufgesprungen, hatte dabei die Teetasse umgerissen und war zur Spüle gegangen wie um den mentalen Abstand zu betonen, der zwischen ihnen entstanden war.
»Ich brauche mich vor ihnen nicht zu rechtfertigen wegen meiner Überzeugung. Und ich brauche mich auch vor dir nicht zu rechtfertigen wegen meiner Überzeugung.«
»Wer hat denn hier von Rechtfertigung gesprochen? Ich spreche von Solidarität! Von Empathie, von Verständnis!«
Aber die Mutter war in spöttisches Gelächter ausgebrochen.
»Sprichst du ganz im Ernst über die DDR und Solidarität in ein und demselben Satz? Nach allem, was ans Tageslicht gekommen ist? Wann öffnest du endlich die Augen?«
»O Gott, aus dir ist eine Kapitalistin geworden.«
»Und du hast dich überhaupt nicht verändert.«
Sie kam zu dem Park, blieb einen Augenblick stehen, um auf den Fluss zu sehen, der ihn teilte, und auf die Frau, die auf der Brücke stand und die Enten fütterte. Hinter den kahlen Bäumen erkannte Vilja das Schloss und das Tor, dahinter die an Masten wehenden Fahnen – die von Deutschland und die der Europäischen Union. Sie ging weiter bis zur Kreuzung und bemerkte das Schild: Majakowskiring. Die stille, einen Kreis bildende Straße mit Kopfsteinpflaster war von hundertjährigen Bäumen und vornehmen, von Eisenzäunen umgebenen Villen gesäumt, die von Überwachungskameras an den Dachrinnen bewacht wurden. Sie kam zu dem Haus mit der Nummer Dreizehn und war verblüfft: Zwar wusste sie, dass Utes vierter Film überall in Europa erfolgreich gewesen war, aber wie dieser Erfolg das Leben der einstigen Bewohnerin eines Plattenbaus verändert hatte, das hatte sie nicht verstanden. Die hohe, saubere weiße Steinwand war in zwei Etagen von Sprossenfenstern mit gebeizten Rahmen durchbrochen. Auf ihrer Innenseite brachte ein Luftstrom leichte Zierschneeflocken zum Tanzen. Auf dem Hof wuchsen in stattlichen Keramiktöpfen Ziernadelgewächse und Heidekraut, und unter dem Schnee war ein Steingarten zu erkennen. Sie stieg die Stufen zur Haustür hinauf, drückte auf den Klingelknopf aus Messing und hörte sich nähernde Schritte. Rasch öffnete sich die Tür, als hätte die Person drinnen befürchtet, dass der Gast bei einer zu langsamen Reaktion verschwinden könnte.
»Vilja!«
Ute hatte einen festen Händedruck. Sie schloss Vilja in die Arme, hielt sie lange und fest, und Vilja drückte sie ebenso, nahm Utes Parfum und den Duft ihres Zuhauses wahr, der durch die Tür nach draußen gelangte.
»Ute! Wie schön, dich zu sehen!«
Ute gab sie wieder frei und ergriff ihre Hände.
»Schrecklich, wie lange wir uns nicht gesehen haben. Zu lange! Komm rein.«
Vilja musste lächeln über Utes Eifer. Sie gab ihr die Croissants und den Karton mit den Apfelkuchenstücken, und Ute dankte ihr wortreicher, als es nötig gewesen wäre. Vilja legte ab und folgte Ute durch die Halle in die Küche, einen Raum mit hoher Decke, der zum Hof ging und durch dessen Fenster man die Bäume mit ihren kahlen Ästen, ein verfallenes Gartenhäuschen und am Ende des Hinterhofs ein Fließgewässer sah. Die Küche: alte restaurierte Holzschränke. Auf dem Fensterbrett Blumentöpfe mit Kräutern. An der Wand gerahmte Plakate von Margarethe von Trottas Filmen, auf dem Paradeplatz ein Bildnis der ernsten Rosa Luxemburg. Und Ute, nach all den Jahren und Veränderungen noch immer dieselbe Frau, die auf einem von Viljas wenigen Erinnerungsbildern eine Gurke in die Zazikischüssel rieb und lachte, den Kopf in den Nacken gelegt.
»Dies ist eine prachtvolle Gegend. In dieser Ecke von Berlin bin ich noch nie gewesen. Was für Ruhe und Frieden.«
Ute lächelte.
»Ich hab das Haus vor zehn Jahren gekauft und will seitdem nirgendwo anders hin. Dies hier ist besser als das Vorstadtleben von Marzahn, obwohl ich das, ehrlich gesagt, nie verachtet habe. Manche, die von dort weggegangen sind, wollen nie wieder einen Fuß dorthin setzen, aber ich fahre ab und zu gern dorthin, streife durch die alte Gegend und erinnere mich an die Vergangenheit. Es ist gesund, sich daran zu erinnern, wo man gestartet ist.«
Ute seufzte und lächelte.
»Möchtest du einen Smoothie?«
Vilja nickte, und Ute erzählte weiter:
»Du erinnerst dich doch bestimmt an meinen Sohn Roman? Er studiert in London und kommt jetzt nur selten nach Berlin, aber wenn er nach Hause kommt, dann ist hier Platz. Hier treffen wir nicht dauernd aufeinander. Ohne dieses Haus würden wir uns wahrscheinlich kaum jemals sehen. An jedem anderen Ort würden wir einander sofort an den Rand des Wahnsinns treiben.«
»Ich würde Roman bestimmt nicht wiedererkennen, wenn er mir auf der Straße entgegenkäme.«
»Ja, ist das nicht verrückt?«
Ute nahm Früchte aus einer Schüssel und begann Kiwis und Avocados zu schälen, schnitt Bananen in eine hohe Glaskanne, fügte eine Handvoll Himbeeren hinzu und sprach weiter:
»Diese Straße hat eine interessante Geschichte, obwohl natürlich – zeig mir eine Straße in Berlin, die das nicht hätte. Als die DDR 1949 gegründet wurde, zog ein großer Teil der DDR-Elite hierher. Das Gebiet hat den Krieg unbeschadet überstanden. Die früheren Villenbewohner wurden verjagt und die Häuser enteignet, natürlich ohne Entschädigung.«
Ute nickte zur Straße hin und fuhr fort:
»In den 1970er-Jahren wohnte in der Nummer Achtundzwanzig Walter Ulbricht mit seiner Frau Lotte. Als Walter starb, zog Lotte in die Nummer Zwölf. Dort wohnte sie auch dann noch, als ich dieses Haus kaufte. Als Neunundneunzigjährige, stell dir das vor!«
Ute goss etwas in die Kanne, von dem Vilja vermutete, dass es Sojajoghurt war, gab ein wenig Honig und zuletzt Apfelsaft hinzu und schaltete den Mixer ein. Über den Lärm hinweg rief sie:
»Ein paar Monate nach meinem Einzug standen eines Tages bei ihr mehrere Krankenwagen vor der Tür. Lotte hatte sich in der Nacht aus dem Rollstuhl auf die Leiter gequält und versucht, ein Buch aus dem Regal zu nehmen, war aber gestürzt. Das endete schlimm.«
Ute grinste, schaltete den Mixer aus, tunkte den Finger in das Getränk und kostete.
»Außerdem haben hier Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl gewohnt. Und natürlich Honecker.«
Vilja musste laut lachen.
»Ich hab zu Hause einen Karton mit meinen Kinderzeichnungen. Auf vielen davon ist Honecker dargestellt. Auf allen bedeckt eine große Brille den halben Kopf.«
Auch Ute lachte. Sie füllte das pastellfarbene Getränk in hohe Gläser.
»Das geschieht dem müden Kerl ganz recht.«
Vilja wurde ernst.
»Ich kann mich kaum an irgendetwas aus jenen Jahren erinnern. Manchmal überlege ich, wie es sein kann, dass man von so langen Jahren nur fragmentarische schwache Erinnerungen hat.«
»Natürlich ist das so. Du warst noch ein Kind.«
»Ja. Und irgendwann fand ich das alles nicht mehr wichtig. In Finnland wollte ich an all das nicht mehr denken, in dem Leben, das mit den vergangenen Jahren nichts mehr zu tun hatte. Ich weiß nicht.«
Schweigend sah Ute sie einen Augenblick lang an, dann tat sie die Kuchenstücke auf einen Teller und reichte Vilja den Smoothie.
»Ich möchte gern hören, wie es deiner Mutter geht. Und allen anderen. Aber zuerst möchte ich, dass du von deinem eigenen Leben erzählst. Ich war ganz überrascht, dass du dich bei mir gemeldet hast. Wie geht es dir? Es muss schwer für dich gewesen sein, der Tod deines Vaters.«
Vilja setzte das Glas an die Lippen und nahm einen Schluck. Am Küchentisch in dem stillen Pankower Wohnhaus verspürte sie plötzlich die starke Verlockung, nicht zu erzählen, warum sie überhaupt hier aufgetaucht war. Um sich vor ihren eigenen Launen zu schützen, entnahm sie ihrer Tasche rasch ein Bündel Briefe und legte sie vor Ute auf den Tisch.
»Ich bin gekommen, weil ich deine Hilfe brauche. Ich weiß nicht, wen ich sonst darum bitten könnte.«
Ute zog die Brauen hoch. Einen Augenblick lang starrte sie den Briefstapel an, und dann Vilja, die sagte:
»Diese Briefe hab ich in Vaters Wohnung gefunden. Mutter und ich haben sie nach der Beerdigung ausgeräumt. Da fand ich Dutzende Briefe von einer Frau namens Margot. Alle waren an Vater adressiert.«
»Margot?«
»Das ist nicht ihr richtiger Name. In ihren Briefen nennt die Frau meinen Vater Erich. Auch für andere Personen verwendet sie Decknamen. Der Briefwechsel hat zwei Jahre gedauert. Der letzte Brief ist von Oktober 1989, geschrieben am vierzigsten Jahrestag der DDR, der auch mein Geburtstag ist, der erste Brief wurde nur kurz nach unserem Umzug nach Finnland vor zwei Jahren geschrieben.«
»Erich und Margot? So wie …«
»So wie Erich und Margot Honecker. Liebesbriefe. Von der Zeit, als Vater und Mutter noch zusammen waren. Sie müssen Angst gehabt haben aufzufliegen. Deshalb die Namen.«
Ute schüttelte langsam den Kopf. Vilja schaute sie an.
»Du warst Mutters beste Freundin. Ich wusste, dass Mutter es wusste. Du musstest es also auch wissen.«
Ute richtete den Blick auf den Tisch und starrte dessen Oberfläche an.
»Ich wusste von einer Frau, aber nicht, wer das war. Als Rosa von dem Verhältnis erfuhr, wollte sie wohl letztlich auch nicht wissen, um wen es sich handelte. Das vermute ich, sie war über die Sache ganz außer sich und war auch nicht bereit, mit mir darüber zu sprechen. Sie wollte nur weg von hier und zurück nach Finnland. Ich hatte den Eindruck, dass die Sache Rosa verändert hat. Sie wurde dadurch irgendwie entrückt und verschlossen, ein anderer Mensch. Danach hatte sie zu allem eine andere Einstellung, zur DDR und zu uns, die wir von hier stammen. Ehrlich gesagt hätte ich mir gewünscht, dass niemand sonst unter diesem Schlamassel zu leiden hätte, und ganz besonders du nicht.«
»Du hast also keine Ahnung, wer Margot ist?«
»Nein.«
Vilja schwieg einen Moment.
»Ich möchte herausfinden, wer das war. Hilfst du mir dabei? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, was ich tun soll. Ich muss sie finden.«
Ute wurde ernst.
»Warum?«
Vilja senkte den Blick auf den Tisch, an dessen Oberfläche die Fasern parallel verliefen. Ute trat einen Schritt auf sie zu.
»Dir ist doch klar, dass Markus nicht zurückkehren wird? Egal, was du herausfindest.«
Vilja richtete den Blick auf den Hof hinaus. Ein Strauch mit roten Zweigen reichte bis zum Fluss hinab, dessen Oberfläche schwarz war und glänzend, und sie sah am Ufer, mit Moos an den Wurzeln, mit dem tief hängenden Himmel über sich, alt und schief, einen Kastanienbaum aufragen.
»Wusstest du, dass Vater uns ihretwegen verlassen wollte? Mich wollte er mitnehmen. Und Mutter verlassen. Und Matias. Und uns trennen. Die Frau schreibt über mich so, als wäre ich ihre eigene Tochter. In diesen Briefen, Ute. Sie schreibt, als wäre ich ihr Kind, und ich erinnere mich überhaupt nicht an sie. Wenn du an meiner Stelle wärest, würdest du es auch wissen wollen.«
Ute ließ ein Glas voll Wasser laufen.
»Weiß Rosa, dass du diese Sache aufklären willst?«
Vilja schüttelte den Kopf.
»Mutter verhält sich so, als hätte sie niemals hier gelebt. Man kann mit ihr nicht darüber sprechen. Über nichts, was mit der alten Zeit zu tun hat. Und erst jetzt wird mir klar, woran das liegt.«
Ute lehnte sich gegen die Spüle und nickte.
»Also gut. Wie soll ich dir helfen?«
Vilja nahm den Briefstapel und reichte ihn Ute.
