deinethalben - Tommy Durrer - E-Book

deinethalben E-Book

Tommy Durrer

0,0

Beschreibung

Hans ist zurück. Zurück im geheimnisvollen Tal, zurück im Dorf Chlisterli und zurück bei Lea. Endlich scheint die Zeit für eine gemeinsame Zukunft gekommen zu sein. Doch das Schicksal wird die beiden auf eine harte Probe stellen. Nicht nur einmal. Und sie sehen sich mit ganz unterschiedlichen Fragen des Lebens konfrontiert, beispielsweise was Zeit ist, wer sie wirklich sind und warum Wolken nicht vom Himmel fallen. Dieses Buch liefert Antworten (oder versucht es zumindest). Und nimmt uns mit auf eine Reise, die beinahe ein ganzes Leben widerspiegeln mag: abenteuerlich, heiter, poetisch, schmerzhaft, sehnsuchtsschwelgend, überraschend und zeitwebend. «deinethalben» ist die Fortsetzung der Geschichte von Hans aus «bestwärts» und zugleich Abschluss dieses autofiktional geschriebenen Zweiteilers. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hinweis in eigener Sache:

Dieses Buch wurde mit viel Herzblut und Leidenschaft, aber auch in Eigenregie geschrieben. Es kann deshalb sein, dass sich noch der eine oder andere kleine Tippfehler, Buchstabensalat oder Komma-Rebell eingeschlichen hat. Gut, ich hätte auch einfach sagen können, das war alles Absicht und Teil einer orthografischen und sprachlichen Kunstinstallation. Aber nein, doch eher sind es charmante Beweisstücke echter Handarbeit.

Eines Tages werden wir sterben, ja.

Aber an allen anderen Tagen eben nicht.

Darum: Mach etwas aus deinem Leben.

Und zwar am besten schon heute!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – hinfort

Kapitel 2 – anderwärts

Kapitel 3 – blauversunken

Kapitel 4 – deinethalben

Kapitel 1 – hinfort

Hans öffnete die Augen. Ein heller Schleier umhüllte ihn, als hätte die Welt ihre Konturen verloren. Und verloren wirkte auch er. Hell. Zu hell. Still. Zu still. Wo war er? Das Licht, welches durch den Schleier drang, war diffus und mystisch zugleich, als wäre es von einer geheimnisvollen Energie durchzogen. Ein Gefühl der Unwirklichkeit legte sich über ihn und er spürte, dass er an einem Ort zwischen Schein und Sein verweilte. Er tastete innerlich nach Halt, nach irgendetwas, das ihm den Moment begreifbar machen könnte. Doch kein Geräusch, kein Wind, rein gar nichts – nur dieses Licht, das ihn zugleich trug und fesselte. Die Zeit schien aufgehoben, der Raum endlos. Es war, als hätte jemand den Takt der Welt ausgeblendet und ihn an einen Ort gestellt, an dem alles gleichzeitig begann und endete. In seinem Kopf formten sich erste Gedanken. Wie Blasen, die aus der Tiefe aufstiegen – zögerlich, brüchig, noch ohne Ziel. Doch dann war sie da, die eine Frage, die inzwischen unausweichlich war: War er tot? Oder befand er sich gerade an einem Übergang in eine andere Welt, eine Welt jenseits des Lebens? Er hatte im Vergleich zum Rest um ihm herum keinen Schimmer.

So blieb Hans liegen, umgeben von eben diesem schimmernden Licht, hin- und hergerissen zwischen Angst und Hoffnung, zwischen der Dunkelheit des Unbekannten und der warmen Umarmung des Lichts. Auf einmal aber war die Unsicherheit verflogen. Auch die Antwort auf die elementare Frage war ihm gerade egal. Denn er verspürte in diesem Moment eine unbeschreibliche Ruhe und Gelassenheit, ein Gefühl von innerem Frieden. Es war gut so, es fühlte sich richtig an. Hans fühlte, wie seine Sinne zurückkehrten. Langsam offenbarte sich ihm nicht nur seine Umgebung, sondern auch sein Körper und sein Geist. Er verspürte ein leichtes Stechen im Kopf und eine für ihn eher untypische Müdigkeit. Er tastete rasche den Kopf ab, eine Wunde war nicht auszumachen. Halb so wild also.

Die Luft um ihn herum roch nach frischer Kühle, ein Hauch von feuchter Erde stieg ihm in die Nase. Er stand langsam auf und musterte, weil es nach wie vor nichts Anderes zu mustern gab, fürs Erste halt sich selbst. Hans registrierte: Er trug massive Bergschuhe, eine wasser- und winddichte Softshell-Hose sowie eine ebenso wetterfeste Jacke. Zudem trug er ein über die linke Schulter gelegtes, aufbereitetes Seil mit sich, welches mit einem Karabiner rechts am Hosenbund befestigt war. Auf dem Boden fand er einen kompakten Rucksack, der genügend Platz für das Nötigste bot und an welchem ein Kletterhelm befestigt war. Neben ihm lag ausserdem eine leere Wasserflasche mit offenem Deckel. Nach dieser kurzen Analyse war klar: Hans befand sich in den Bergen, im Hochgebirge. Trotz der scheinbar undurchdringbaren Nebelschleier spürte er einen inneren Drang, der ihm Kraft und Orientierung zugleich verlieh. Die Stille des Nebels schien ihn wie ein innerer Kompass behutsam und zielstrebig leiten zu wollen. Hans schnappte seinen Rucksack und humpelte gemächlich los. Einerseits, weil er gerade nichts anders konnte und andererseits, weil es fahrlässig gewesen wäre, sich in diesem hellen Nichts viel zu schnell zu bewegen. Seine Sinne waren daher geschärft.

Er war bereits seit einiger Zeit unterwegs, doch besser wurde die Sicht nicht. Aufgeben? Kam für ihn nicht in Frage. Zwar war sein Mund ausgetrocknet, die Lippen spröde und regelmässig zwangen ihn Krämpfe in den Beinen zu einer kurzen Pause. Für einen Profi im medizinischen Bereich ein klares Zeichen von Dehydration. Also Volumenmangel der extrazellulären Flüssigkeit. Auch wenn Hans nicht vom Fach war, wusste auch er, Flüssigkeit hätte hier schnell und einfach Abhilfe geschafft. Doch seine Wasserflasche war leer und ebenso sein Rucksack, zumindest was Essbares betraf. Nichtsdestotrotz ging er weiter. Nach wie vor nicht frustriert, sondern noch immer hoffnungsvoll. Und diese Hoffnung, an die er sich auch sonst immer gerne klammerte, schien sich bald auszuzahlen. Denn auf einmal stand er auf einem schmalen Grat. Auf der obersten Kante des imposanten Bergrückens durchströmte ihn ein vertrautes Gefühl. Es war, als würde er sich gerade inmitten von alten Erinnerungen wiederfinden. Mit jedem Schritt wurde die Vertrautheit stärker und die Gewissheit wuchs, dass er nicht zum ersten Mal hier war. Aber eben, wo genau dieses Hier und Jetzt war, wusste er noch immer nicht.

«E, dui huärä Huär!1» Oh ja, vor sich hin fluchen konnte er schon immer wie kein Zweiter. Denn er wusste: Alleiniges Schimpfen hat eine besonders starke Wirkung, da man sich in diesen Momenten hemmungslos auslassen kann, ohne sich danach vor anderen schämen zu müssen. Im Gegenteil, dieses ausgelassene Fluchen kann einem vorübergehend gar zu mehr Durchhaltevermögen und Kraft verhelfen. Auch Stresssymptome oder Drucksituationen lassen sich so besser aushalten, weil durch bewusstes Fluchen im Gehirn die Areale für Alarmzustände reguliert werden. Dies besagt zumindest die Wissenschaft. Und Hans mochte die Wissenschaft. Sehr sogar. Wer also wie Hans in solchen Situationen flucht, wächst nochmals ein Stück über sich hinaus. Sicherlich nicht das Dümmste in diesem Moment.

Endlich. Mit jedem Schritt wich der Nebel zurück. Der Schleier hob sich und unterhalb von Hans erstreckte sich ein geheimnisvoller Talkessel. Nach wie vor leicht verschleiert zwar, doch auch so zeichneten sich bereits Konturen steiler Berggipfel ab, während sich in der Tiefe ein dichter Wald erstreckte. Der Boden des Talkessels war von einem sanften Grün überzogen und zwischen Wald und Felswänden lag eingebettet ein idyllischer Bergsee. Die spezielle Energie, welche er bereits zuvor gespürt hatte, schien nun die ganze Landschaft zu durchdringen. Hier oben auf dem schmalen Grat fühlte sich Hans zwar winzig und unbedeutsam, aber gleichzeitig auch mit allem verbunden. Er musterte die Umgebung und entdeckte unterhalb der steilen – auf den ersten Blick unbezwingbaren – Felswand ein grosses Geröllfeld. Sein Herz begann zu rasen. Aber nicht etwa aus Angst oder Verzweiflung, sondern aus purer Freude: «Ich bin zurück!»

Beim Anblick dieses unspektakulären und unattraktiven Geröllfelds wurde bei Hans jedoch ein Feuerwerk an positiven und farbenfrohen Gedanken gezündet. Bereits beim ersten neuralen Knall waren all die Erinnerungen zurück. Wie nach einer Art retrograden Amnesie, ausgelöst durch einen Sturz oder wie hier – so vermutete er mit gefährlichem Halbwissen – wegen einer Mischung aus akuter Dehydration, Stress und Angst. Angst, die ihn seit seinem Aufbruch begleitete, es trotz all seiner immensen Anstrengungen nicht zurückzuschaffen. Zurück in dieses wundervolle Tal, zurück ins Dorf Chlisterli, aber vor allem zurück zu Lea. Denn nur ihretwegen hatte er sich vor Wochen erneut auf den beschwerlichen Weg gemacht. Nun war er also tatsächlich wieder hier, zumindest fast. Denn da war ja noch diese eine Felswand, die er beim letzten Mal etwas gar schnell und vor allem unkontrolliert passiert hatte. Das Resultat, damals kam er ziemlich unsanft und verletzt auf dem Geröllfeld zu liegen.

Nun aber war Hans besser vorbereitet. Entschlossen griff er nach Helm, Klettergurt und Seil und begann, sich langsam abzuseilen. Dieses Gelände zwar anspruchsvoll, doch er hatte Übung im Umgang mit Seil und Fels. Als er etwa die Hälfte geschafft hatte, blickte er nochmals nach oben. Am Gipfelkamm klebte inzwischen wieder diese eine grosse Wolke, eine sogenannte Gipfelfahne. Auch die kannte er vom ersten Besuch. Kein Grund zur Sorge und so machte er weiter. Wenig später stand Hans inmitten dieses trostlosen Geröllfelds auf festem Boden. Er hob den Blick. Vor ihm erstreckte sich eine atemberaubende Landschaft, ein Tal von unglaublicher Schönheit. Ein Tal, welches er bereits vor Jahren einmal betreten hatte. Doch die Farben wirkten jetzt noch intensiver und die Fichten und Birken im nahegelegenen Wald erstrahlten an diesem Tag in einem besonders zauberhaften Licht. Er hatte es also tatsächlich geschafft und den Übergang zwischen den Welten wieder gefunden, den scheinbar verborgenen Pfad, der die allgemein bekannte Realität mit der mystischen Welt dieses Tals verband. Hans stand da, erschöpft und überwältigt von der Magie des Augenblicks. Aber plötzlich auch etwas unsicher: Was würde ihn hier erwarten? War es die von ihm erhoffte zweite Chance? Wo er doch eigentlicher immer die Meinung vertrat, zweite Chancen seien die Zuflucht für Menschen, die scheitern. Egal. Doch würde sich sein Unterfangen am Ende vielleicht trotzdem als Fehler herausstellen und Lea ihn sogar zurückweisen?

«Zhinderfir! Hör auf, so zu denken», sprach er sich selbst Mut zu. «Immer schön firsidruis, es kommt alles gut. Wenn dieses Tal dich nicht hier haben möchte, wärst du bestimmt nicht wieder hier, Hans.»

Er verdrängte die letzten negativen Gedanken, verstaute das Material im Rucksack und marschierte zielstrebig auf den kleinen Wald zu. Seine Schritte hallten gedämpft auf dem weichen Boden, während er dem Pfad hinunter zum See folgte. Mit jedem Schritt spürte er, wie die Aufregung in ihm hochstieg. Schon bald liess er den Wald hinter sich und fand sich auf einer Art Trampelpfad wieder, der leicht oberhalb des Seeufers angelegt worden war. Ein vertrautes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Stelle erreichte, wo Lea und er jeweils den alten Holzwagen deponierten und oben im steilen Hang so einige wundervolle Stunden inmitten einer Herde sanftmütiger Schafe verbrachten. Hier war es auch, wo er zum ersten Mal spürte, dass Lea und er füreinander bestimmt waren. Hier war es aber auch, wo er zu zweifeln begann, ob er das andere Leben wirklich einfach so hinter sich lassen konnte. Zu gross war in diesem Moment die Überzeugung, dass er woanders noch gebraucht würde. Die Sehnsucht nach seinen beiden Söhnen war damals grösser als das Verlangen nach einer gemeinsamen Zukunft mit Lea. Hans blieb stehen. Würde er heute anders entscheiden? Dumme Frage! Denn auch nach all den Jahren war Hans keiner, der mit Vergangenem haderte. Vielmehr schaute er vorwärts, dachte wann immer möglich, positiv und pragmatisch. Denn: Die Vergangenheit ist ganz simpel betrachtet die Menge aller zeitlich zurückliegenden Ereignisse. Es ist die Zeit, die früher war. Sie ist also bereits vorbei. Ändern konnte man das Vergangene nicht. Aber die Zukunft hatte Hans nach wie vor in den eigenen Händen, Füssen oder was auch immer. Doch zuerst musste er dringend seinen Durst stillen, genug taggeträumt. Hans verliess den Pfad und marschierte zügig runter an den See, um seine Trinkflasche zu füllen. Bereits beim ersten Schluck realisierte er, wie toll doch sauberes Trinkwasser sein konnte und er spürte sofort, wie die Vitalität in seinem Körper zurückkam und mit ihr auch ein vertrautes Gefühl, das sich wenig später zu erkennen gab.

«He, einfach so die mitgebrachte Gutterä nachfüllen, ist für Tagesgäste hier eigentlich nicht erlaubt.»

Das Wasser blieb Hans im Hals stecken und seine Pupillen weiteten sich, während er sich wenig später langsam umdrehte. Wahrhaftig, da stand Lea, seine Lea. In all den Jahren hatte er sich zig Varianten über- und zurechtgelegt, wie er sie bei seiner Rückkehr begrüssen würde. Mit welchen schönen Worten, mit welchen warmen Gesten. Doch Theorie und Praxis sind oft zwei ganz unterschiedliche Dinge, wie seine Antwort sogleich zeigte:

«Sorry, das habe ich nicht gewusst. Und ich bin gerade wirklich sehr durstig.»

Bei jedem Dating-Kurs wäre er für eine solch hölzerne und plumpe Antwort vom Kursleiter bestimmt gerügt worden und das wusste auch er. Sein Gesicht sprach Bände, er ärgerte sich über seine ungewohnte Unbeholfenheit, welche jedoch auch sein Gegenüber etwas zu verunsichern schien.

«Palaaveri! So kenn ich dich gar nicht. Das war doch nur ein dummer Spruch, lieber Hans!»

Da Hans die nächsten Worte nun sorgfältiger wählen wollte, blieb er vorerst stumm und starrte nach wie vor etwas verlegen in den Boden. Doch mit jedem Herzschlag wurde das Verlangen grösser. Er hob den Kopf und schaute Lea endlich in ihre wunderschönen grünen Augen. Die Zeit schien dabei kurz stillzustehen, nur um eine Sekunde später alles in die richtigen Bahnen zu lenken. Hans machte einen Schritt auf Lea zu und umarmte sie. Er spürte, wie seine Zärtlichkeit erwidert wurde und sie ihn gar noch näher an sich heranzog. Sie küsste ihn sanft auf die Wange und flüsterte ihm mit zittriger Stimme ins Ohr.

«Hans, du bist tatsächlich zurückgekommen. Wie auch immer, aber du hast es geschafft. Du machst mich gerade zur glücklichsten Frau weit und breit!»

«Du bist ja auch die einzige Frau weit und breit. Aber wegen dir bin ich glücklicherweise ja auch hier.»

Nun mussten beide lachen und das Eis schien definitiv gebrochen.

«Ich weiss gar nicht, wo ich mit all meinen Fragen anfangen soll, du schuldest mir mindestens 827 Antworten…»

«Frag, was immer du willst, wir haben Zeit. Ich gehe nicht mehr fort. Ohne dich gehe nirgends mehr hin.»

Sie schmunzelte und machte einen Schritt zurück, um Hans vollständig zu mustern.

«Hhm, du siehst etwas mitgenommen aus. Muss wohl eine lange und intensive Anreise gewesen sein. Aber immerhin sind nun offensichtlich alle Knochen heil geblieben. Lass uns nach Hause gehen, die anderen werden sich bestimmt auch über deine Rückkehr freuen.»

Hans nickte und packte seine Sachen zusammen.

«Die Freude ist ganz meinerseits. Ich bin gespannt, was sich hier alles getan hat.»

Hans und Lea schlenderten gemütlich ins Dorf. Wortlos, aber Hand in Hand. Vögel zwitscherten irgendwo in der Nähe und eine sanfte Brise spielte mit Leas Haaren. Ihre Schritte waren langsam und gleichmässig, als wollten sie diesen Augenblick für immer festhalten. Jeder Baum und jeder Stein, den sie passierten, war mit gemeinsamen Erinnerungen verbunden. Schliesslich erreichten sie die Hütte am See, wo Hans Lea nochmals sanft an sich zog und ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn drückte, bevor sie wortlos eintraten. Immer noch Hand in Hand.

*

Paul sass in der offenen Küche am Holztisch – mit dem Rücken zur Tür. Eine dampfende Schüssel Eintopf vor ihm, daneben ein Stück dunkles Brot. Und noch bevor Hans und Lea mit beiden Füssen in der Hütte standen, legte er den Löffel hin. Als hätte er ihre Ankunft erwartet.

«Wilkum zuän is, mein Freund. Da bist du also wieder. Endlich.»

Paul drehte sich um und lächelte Hans an.

«Aber du siehst einmal mehr aus, als käme etwas Chustiges nicht ungelegen.» Er schüttelte den Kopf. «Lea, bring uns doch bitte noch zwei Teller. Es hat genug für alle. Und auch frischen Most haben wir uwadlich viel. Du siehst, es ist alles bereit für ein Nätschi. Lange ist es her!»

Das war es tatsächlich. Doch wie viel Zeit war tatsächlich vergangen, als er Paul zum letzten Mal sah? Hans wusste es nicht. Egal. Paul sah noch genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hatte. Sein Gesicht hatte einen kräftigen Teint. Ein klares Zeichen dafür, dass er nicht die ganze Zeit in der Hütte sass. Paul hatte zwar einen gut gefüllten Teller Eintopf vor sich und einen gesunden Appetit, aber definitiv kein Gramm Fett zu viel an sich. Geformt und gedrillt von der täglichen Arbeit in den Bergen.

«Schön, auch dich zu sehen, lieber Paul. Als wäre es gestern gewesen. Und wie das wieder herrlich riecht. Da setz ich mich doch liebend gern zu dir.»

Hans legte seinen Rucksack neben den Ofen, klopfte sich den Staub von den Kleidern und setzte sich ihm gegenüber auf die Eckbank.

«Wie geht es dir?», fragte Hans schliesslich.

«Du, ich darf nicht klagen. Manchmal ein bisschen müde, man wird ja nicht jünger. Aber sonst bin ich nach wie vor im Schuss. Und du? Bist du noch der, der damals gegangen ist?»

Hans zögerte, denn mit einer solchen Frage hatte er nicht gerechnet. Zumindest nicht so früh.

«Ich weiss es nicht… Ich habe damals geglaubt, ich müsste zurück, um wieder ganz mich selbst zu werden. Doch als ich dort war, fragte ich mich, ob nicht doch alles, was ich suchte, hier war. Wenn du weisst, was ich meine?»

Paul schnaubte leise.

«Ach Hans, so reden doch nur Menschen, die zu viel nachgedacht haben. Man sollte mehr machen, nicht nur denken.»

«Ja, deshalb bin ich wohl auch wieder hier.»

Paul tunkte das Brot in den Eintopf. Inzwischen war auch der Teller vor Hans gefüllt. Es schmeckte wie früher: würzig, kräftig, einfach. Wie das Tal selbst. Auch Lea schöpfte sich eine Portion, verschwand aber noch kurz in der Vorratskammer, um mehr Most zu holen. Hans nutzte die Gelegenheit.

«Weisst du, ich habe Lea vermisst», sagte er. Leise. Als wäre es ein unerwartetes Geständnis. Paul nickte.

«Sie dich doch auch, dein Gspuisi.»

Ein flüchtiger Ausdruck flog über Pauls Gesicht – eine Mischung aus Sorge und Erleichterung.

«Aber sie hat sich verändert. Ist stiller geworden. Na gut, ein Ploderifidlä war sie sowieso nie. Aber jetzt ist sie noch... tiefgründiger.»

Hans nickte.

«Und wie geht es Bäri? Ich habe ihn gar nicht gesehen. Er war das erste Lebewesen, dem ich damals auf dieser Seite begegnet bin. Zum Glück hatte er mich im Geröll gefunden.»

Paul senkte seinen Blick und schluckte leer. Er hätte nicht antworten müssen, so eindeutig waren diese Signale. Trotzdem tat er es:

«Unser guter alter Freund ist leider vor einigen Monaten von uns gegangen. Er war auch nicht mehr der Jüngste. Aber immerhin der letzte seiner Art hier im Dorf. Tja, behalten wir ihn in guter Erinnerung…»

Hans bereute, diese Frage gestellt zu haben. Immer diese Fettnäpfchen. Aber er hätte diesen liebevollen Collie mit seinen braunen Augen wirklich gerne wiedergesehen. Er versuchte, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

«Das tut mir wirklich leid… aber wie war es sonst hier – all die Jahre? Läuft das Geschäft?»

Paul legte den Löffel hin.

«Du und deine Fragen. Das sind wir uns gar nicht mehr gewohnt. Und irgendwie hast du mich mit dieser ‘Denkerei’ auch etwas angesteckt. Denn auch ich habe nach deinem Verschwinden viel nachgedacht. Über unser Dorf. Über früher. Über Lea. Ob ich ihr nach dem Tod ihrer Mutter nicht zu wenig gegeben habe...»

Hans sah ihn an.

«Du hast ihr mehr gegeben, als es die meisten Väter es dort draussen jemals schaffen.»

Doch Paul schüttelte den Kopf.

«Nett gemeint. Aber ich habe ihr diese andere Welt nicht gezeigt. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Zusammen mit ihr aufbrechen. Denn ich habe gespürt, dass etwas in ihr zum Leben erwacht ist, als du damals herkamst.»

Hans antwortete mit einem vehementen Kopfschütteln.

«Dui Gaggälaari, so reden doch nur Menschen, die zu viel nachgedacht haben. Mach’ dir bitte keinen Kopf…»

Er stockte, denn Lea war soeben zurück. Sie trug eine Flasche Most in der Hand und grinste die beiden an.

«Ah, dann ist yyseräis wohl bereits das Gesprächsthema bei den Herren? Keine Sorge, ihr kriegt euer Männergespräch schon noch, ich muss nach dem Zaabä sowieso noch eine Weile zu den Schafen.»

Sie ging zum kleinen Ofen und legte ein Stück Holz nach. Dann setzte sie sich zu den beiden an den Tisch.

«Aber zuerst esse ich noch etwas mit euch, solange das Ganze noch warm ist.»

Und so wurde es kurzzeitig ruhig. Die Nahrungsaufnahme hatte Vorrang. Doch hungrig schien sie nicht, ihre Gedanken waren ganz woanders. Anders Paul. Er schob sich mit ruhiger Beharrlichkeit Löffel für Löffel in den Mund, als hätte er gelernt, ein solches Schweigen zu kauen wie das Brot. Es war schliesslich Hans, der die ungemütliche Ruhe durchbrach.

«Wie ich sehe, ist hier vieles gleich geblieben.» sagte er, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

Paul brummte sanft. Es war mehr ein undeutliches, zustimmendes Geräusch, welches sich bald wieder in die Stille zurückzog. Lea stand auf.

«Ich gehe zu den Schafen. Die sind vielleicht etwas gesprächiger… Aber lasst ruhig alles liegen. Die Küche mache ich dann später. Das reicht saift.»

Ihre Stimme war leise, fast entschuldigend. Sie nahm ihre Strickjacke von der Lehne, zog sie über und trat hinaus. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Leise, aber bestimmt. Kurz hörte man noch ihre Schritte, dann war nur noch der Wind da draussen.

Paul schob seinen leeren Teller in die Tischmitte und faltete die Hände.

«Du hast ihr wirklich gefehlt», sagte er, ohne aufzusehen. Hans nickte.

«Ich weiss.»