deinSein - Martin Andreas Walser - E-Book

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Martin Andreas Walser

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Beschreibung

Felix Amboden, zweiundfünfzig Jahre alt, einhundertachtundsiebzig Zentimeter gross, zweiundachtzig Kilo schwer (gestern gewogen, am frühen Morgen und vor dem Frühstück, wie immer zur exakt gleichen Zeit), unverheiratet, kinderlos. Seit »das mit Lydia« geschah, wohnt er im karg möblierten Appartement Elf D in Haus II der Siedlung »Am Bach«, einer gesichtslosen Überbauung, bestehend aus vier langgezogenen, je fünfzehn Stockwerken hohen Wohnblocks. Sie stehen just an der Stelle, wo sich einst das kleine Arbeiterhäuschen seines Grossvaters befand. Dieses Leben in der Anonymität ist ihm angenehm, er mag es, unbehelligt zu bleiben und an nichts teilhaben zu müssen, was draussen vor sich geht. Trotzdem entscheidet er sich eines Tages aus heiterem Himmel, er weiss nicht, weshalb, sich seinen Kollegen aus der Firma anzuschliessen, die sich an jedem Freitag nach der Arbeit ein Feierabendbier gönnen. Und da liegt er nun am nächsten Morgen: bequem ausgestreckt im Bett von Monique, die er im Pub kennengelernt hat. Während er die Augen noch bewusst geschlossen hält, zieht sein Leben an ihm vorbei und erinnert ihn sein innerer Vertrauter daran, was war und was eventuell nicht, was ist, was sein könnte oder ihn allenfalls erwartet. Was aber wird sich Felix Amboden tatsächlich zeigen, wenn er die Augen endlich öffnet? In Martin Andreas Walsers Geschichten ist nie auszuschliessen, dass die Wirklichkeit von dem abweicht, was man sich darunter vorgestellt hat. »deinSein« ist Martin Andreas Walsers 15. Buchveröffentlichung.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Monique

in deren Bett ich vielleicht nie lag,

nicht liege eben jetzt

nicht liegen werde

in absehbarer oder in fernerer Zukunft.

Doch was wissen wir schon über

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,

wenn wir die Augen nicht öffnen,

um sehend zu ergründen,

was war,

was ist,

was uns erwarten könnte.

Felix Amboden

Inhalt

Eins

I

Andrea

II

Bettina

III

Claudia

Zwei

I

Dora

II

Elisabeth

III

Fiona

Drei

I

Geraldine

II

Hanna

III

Iris

Vier

I

Jolanda

II

Katharina

III

Lydia

Fünf

I

Epilog

Eins

I

Ein leises Hallo. Ein hingehauchtes. Höchstens. Von weit entfernt sich nähernd, tänzelt es auf samtenen Pfoten heran wie ein Schmusekätzchen mit dem einzigen Ziel, sich an dich zu schmiegen. Ist es noch ein sehr früher oder ein Morgen, der nicht bloß ein bereits angebrochener ist, sondern der schon ein beachtliches Stück seines Weges zurückgelegt hat? Sieben, acht, neun, neun Uhr dreißig gar?

Noch fehlt ihm, der sich eben noch tief schlafend wusste oder glaubte, jeglicher Bezug zu dem, was sein neuer Tag werden soll, werden könnte. Eines jeden Menschen neuer Tag ist ein individueller, dessen einzige, durchgehende Übereinstimmung mit all den anderen persönlichen neuen Tagen die Dimension Zeit ist, und, dies bereits nur bedingt, das Datum: Es ist Samstag, 18. Juni.

Er, derzeit in angenehmer Ruhestellung, hatte, wird ihm sehr zögerlich bewusst, in Gedanken eine Vorstellung entwickelt, lange, scheint ihm, bevor er dem Traumreich entglitten ist oder hinüber gefunden hat in sein derzeitiges, wohliges Dösen, was dieser, sein individueller neuer Tag ihm schenken könnte, eine Erwartung daraus abgeleitet und in einer heftigen Gefühlswallung vervollständigt, nachgerade vervollkommnet, ohne sich nun, im Moment des derzeitigen Standes seines Wechsels von Schlaf zu Wachsein, auch nur andeutungsweise daran erinnern zu können, worum es im Einzelnen ging.

Hochgepriesen wird das Ereignis, wo hinein man nach erholsamem Schlaf eintritt oder hineingestoßen, hineingeworfen wird von jenen, die sich aller Unbill zum Trotz die Hoffnung nicht nehmen lassen: Ein neuer Tag! Alles wird nicht nur gut, vielmehr: ungleich besser noch wie am verflossenen! Er allerdings, dessen Denken in diesen Minuten des Erwachens für eine sich rasch verflüchtigende Weile rückwärts, nämlich auf seinen Traum gerichtet bleibt, der sich aus dem Erinnern zu schleichen beginnt (Träume sind ihm oft als geheimnisvolle Scheinrealität lieber als jene tatsächliche, die er nach dem Erwachen antrifft), zweifelt üblicherweise bereits in diesen ersten Sekunden des wiedererwachenden, bewussten Er- beziehungsweise Lebens: Der neue Tag, würde er tatsächlich zum (lange ersehnten) Neuanfang, oder entpuppte er sich nur allzu rasch als langweilige Fortsetzung, als billige Kopie des gestrigen, der dem vorgestrigen, dem davorliegenden, allen verflossenen Tage folgen würde, die sich seit zu langer Zeit allesamt als gleichförmig und monoton, zudem zäh verrinnende Stunden in sein Gedächtnis eingekerbt haben?

Aber, aber, würde die vertraute Person, der er sich öffnen wollte, so sie existierte, wem hatte er sich denn je anvertraut in dieser Periode, die nun ihr Ende gefunden haben könnte?, niemandem!, wohl stirnrunzelnd mahnend ihrer Sorge um ihn Ausdruck verleihen, du willst doch nicht behaupten, dies sei bei dir die Regel, auf diese Weise, mit mürrischen Gedanken, voller Zweifel!, in einen neuen Tag einzutreten? Daran musst du, daran müssen wir arbeiten, sonst wird nichts mehr mit dir, mit deinem Leben! Was eine erste Erklärung dafür liefert, weshalb er sich, und dies seit geraumer Zeit, rundum ausschweigt; der große, durch nichts von seinem Vorhaben, seinem Entschluss abzubringende Schweiger inmitten einer Welt, der es an nichts weniger mangelt, denn an gedankenlos Plappernden. Das Schweigen pflegt er mit aller Konsequenz. Selten, aber immerhin, war in letzter Zeit, Tendenz: zunehmend, gar vermutet worden, er sei ein nicht bloß Verstummter, vielmehr ein Stummer zwar nicht von Geburt, sondern geworden: allenfalls die Folge eines uns unbekannt gebliebenen Unfalls? Ansprechen darauf wollte man ihn indessen nicht. Die Wahrheit allerdings ist weniger dramatisch: Jedes Wort zu viel, zumal über sich, seinen Zustand, darüber, wie es dazu gekommen ist, könnte, ist er überzeugt, fatale Folgen für ihn haben (und er hat eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, sie sich auszumalen). Sorgenfalten provozieren. Mitleid erwecken. Doch keine Anteilnahme will er, keine Hilfe angeboten erhalten. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, hat er schon in der Schule gelernt.

Weshalb ihn dieser erste Eindruck neuerlichen Wachseins schlagartig hoffen lässt an diesem, es handle sich um einem speziellen Morgen, ist er sich sicher, völlig wider alle bisherigen ersten Empfindungen beim Wiedereintritt in die Welt der Nichtschlafenden (nicht jeder, hat er, auf sein eigenes Beispiel verweisend, in einem seiner Selbstgespräche argumentiert, sei ein Wacher, bloß weil er dem Zustand des Schlafens entronnen sei)? Dies liegt alleine in diesem Hauch eines liebevoll gedachten Morgengrußes begründet, der sein Ohr erreicht, ihm schmeichelt, einen Nerv in ihm zum Schwingen bringt, tief in seinem Innersten, den er bis eben tot glaubte. Das Säuseln ist ihm wohltuend ungewohnt, und das kaum wahrnehmbare Rascheln an seiner Seite ein Geräusch, das einordnen zu können ihm einige Lebenssekunden abfordert. Dann jedoch kehrt, gemächlich, die Erinnerung zurück: Der mutmaßlichen Veränderung, die seine gesamte Zukunft in völlig andere Bahnen lenken könnte, ihr galt sein letzter Gedanke, bevor er einschlief.

Zu später Nacht-, vielmehr: zu früher Morgenstunde.

Vom klitzekleinen Sei-willkommen-im-neuen-Tag-Lüftchen, das ihn umstreicht, smile, smile: er vermag sich, ohne die Augen zu öffnen, das Lächeln vorzustellen, das dabei ihre Lippen umspielt, darf er annehmen, es schlösse ein Du-hast-hoffentlich-gut-geschlafen ebenso ein, wie ein Alles-andere-würde-mich-überraschen-nach-dieser-wunderbaren-Nacht. Tonlos, präzise bezeichnet (und sie steht bei ihm in vielerlei Hinsicht weit über vielen anderen Dingen: die Präzision!), diese sanfte Begrüßung zum neuen, dem Morgen danach, geformt von Lippen, die sich kaum öffnen und schließen, während sie nichtformulierend formulieren. Gedacht übertragen: so am ehesten, empfindet, denkt, spürt, fühlt er; sämtliche Sinne sind beteiligt, selbst zu sehen vermag er den stummen Gruß durch die geschlossenen Augenlider hindurch: Diese intensive, lediglich durch Schwingungen eines Hirns übertragene, eine zärtliche Empfindung wird unvermittelt zum strahlend farbigen Gemälde; es könnte einem Traum entstammen, doch scheint es ihm real zu sein: derart scharf bis in die letzte Winzigkeit, derart detailverliebt!

Glaubst du daran?, hätte er sich in der zweiten Person um ein Haar gefragt, in der er sich oft anspricht, ist er auf der erfolglosen, zum besseren Verständnis: gar nicht erst eingeleiteten, Suche nach einem Gesprächspartner schließlich und ergo wenig überraschend bei sich selbst fündig geworden: Glaubst du an die, an etwas, das der Gedankenübertragung entspricht oder ihr nahekommt (für wie viel, was sich in solchen Phänomenen ausdrückt, uns doch die passenden, die exakten Worte und Begriffe fehlen!)? Er unterdrückt die Frage im Wissen, sie würde ihn über eines der ihm gewohnten und vertrauten und in einer gewissen Weise lieb gewordenen Streitgespräche mit sich, in denen er jeweils alle Für und Wider engagiert, mitunter hitzig erörtert, unweigerlich zurück ins Traumreich führen. Intensives Denken, wie es diesen gedachten Debatten und Disputen eigen ist, ermüden ihn in letzter Zeit nur zu schnell, lassen ihn erschlaffen und faul werden und eher früher, denn später in einen unruhigen Schlaf hinüber oder zurück gleiten.

Dies soll, dies darf ihm, ausgerechnet heute!, keinesfalls widerfahren! Dagegen wird er sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen!

Er will wach bleiben!

Vielmehr, dies steht unverrückbar an erster Stelle: definitiv erwachen will er!

Komme danach, was wolle!

(Er tritt demnach, ebenso fundamental anders als sonst, zumindest seit ihm »das mit Lydia« widerfahren ist, mutig, statt, wie so oft zuvor, verzagt, in diesen, einen außergewöhnlichen Samstag ein.)

Andrea

Felix? Ach, das ist so lange her! Meine erste Liebe. Wir haben herumgeknutscht, mehr nicht. Wir saßen zusammen in der gleichen Klasse. Es war eigentlich eher so, dass ich mich an ihn herangemacht habe, nicht er sich an mich. Keines von uns Mädchen konnte ihn haben, obwohl ihn einige sehr… nicht süß, nein, er war nicht von der Art, aber… ich weiß nicht… interessant vielleicht?, fanden. Und ich habe es geschafft, ausgerechnet ich! Ich war bisher nur belächelt worden, etwas herablassend, wie ich fand, weil ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nichts aus Jungs gemacht hatte. Felix war also auch eine Art Trophäe, die mir Respekt unter uns Mädchen verschaffte. Aber etwas Ernsthaftes? Aber nicht doch! Nicht in diesem Alter! Oh ja, ich weiß, er hat ein wenig gelitten, als es zu Ende war nach jenem Nachmittag im Schwimmbad, aus dem wir gewiesen wurden, weil ein Vater, der mit seinen Kindern da war, es obszön fand, wie wir aneinander herummachten, und den Bademeister rief. Dabei hatten wir doch nichts getan, als uns geküsst. Lange und intensiv. Zungenküsse. Das war aber auch alles! Doch so waren die Zeiten damals. Etwas knutschen genügte, um mit Schimpf und Schande aus einem öffentlichen Freibad geworfen zu werden.

II

Die Frage hatte ihn beileibe nicht überrascht, einem Ritual gleich wurde sie beinahe jeden Freitag gegen Arbeitsschluss an ihn herangetragen. Er war sich der an diesem Abend unausweichlichen Frage seines Bürokollegen somit bereits und spätestens frühmorgens, als er unter der Dusche stand, gewiss gewesen und hatte nur sehr kurz mit dem Gedanken gespielt, ihr auszuweichen, indem er sich krankmelden würde. Dieser Überlegung machte sein Pflichtbewusstsein aber augenblicklich den Garaus. Er war jedoch davon ausgegangen, er würde sie beantworten, die unausweichliche Frage, bevor alle ins Wochenende entschwanden, wie an allen vorangegangenen Freitagen: abschlägig, mit falschem Bedauern im Gesicht: ich bin untröstlich. Sich gleichzeitig, gut erzogen, Großvater wäre stolz auf mich!, artig bedankend.

John, er hatte sich halbwegs von seinem Bürostuhl erhoben, was einen nicht unwesentlichen Teil dieses sich im Wochenrhythmus wiederholenden Vorgangs bildete, als wolle er den privaten Charakter seiner Frage durch diese demonstrative Abwendung vom Arbeitsplatz zusätzlich unterstreichen, erwartete von Felix selbstverständlich keine andere Äußerung als sein stereotypes, ewiggleiches, monotones Nein-aber-danke-dass-ihr-an-mich-gedacht-habt. Der Anstand allein ließ ihn die Frage gleichwohl Freitag für Freitag wiederholen, Feiertage und Ferien ausgenommen. Entsprechend hatte die Art und Weise, in der John seine obligate Freitagsfrage an Felix richtete, sich mit der Zeit verändert. Nicht mehr Vorschlag, Idee, Angebot, Aufforderung schwang in ihr, sondern es nahm der Tonfall, mit der John sie vortrug, die abschlägige Antwort praktisch vorweg.

Irgendwann im Verlaufe des Vormittags, Felix hatte noch nicht eruieren können (dazu fehlte die Zeit, schließlich hatte er zu arbeiten!), was diesen Mechanismus in Gang gesetzt hatte, war es ihm an diesem Freitag allmählich gedämmert, er könnte allenfalls Lust darauf verspüren, er hatte sie, ohne dieses vage Gefühl einordnen zu können, wohl schon länger in sich getragen, diesmal die Einladung anzunehmen. In der Mittagspause, die Felix wie üblich so kurz wie nur möglich hielt, zwanzig Minuten genügten vollauf, das Gebäude schnell zu verlassen, über die Straße zu eilen, in »Ali’s Imbiss« (in genau dieser Schreibweise angeschrieben das kleine, schmale, überaus beliebte Lokal) ein Sandwich und eine Cola zu erstehen, beides zurück ins Büro zu tragen und sich am Schreibtisch einzuverleiben, fragte sich Felix zweierlei (mahlt der Kiefer erst einmal, lässt sich wunderbar denken, befreit ist das Hirn vom nagenden Hungergefühl, von der unbedingt zu stillenden Lust, den Durst »unvernünftig«, so hätte dies seine Mutter bezeichnet, nämlich mit einer Cola, stillen zu wollen): Erstens, wie er sich verhalten sollte, bliebe ausgerechnet an diesem Freitag die übliche Frage aus (vielleicht wäre es John aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet heute leid, sich Woche für Woche dieselbe Antwort anhören zu müssen). Und zweitens, weshalb er ausgerechnet an diesem Freitag Mitte Juni mit dem Gedanken spielte, kopfnickend, nein: freudig!, Ja zu sagen. Dass dies bedeuten könnte, die scheinbar offensichtlichste Erklärung, er habe »das mit Lydia« endgültig überwunden, oder er sei es wenigstens leid, sich weiterhin mit diesem Problem und den Folgen herumzuschlagen, erschien ihm nachgerade grotesk. Natürlich empfand er sein jetziges, also »das Leben danach« als ereignislos (manche hätten das Ende zweifellos ganz anders gewertet, bejubelt zum Beispiel als endlich zurückgewonnene Freiheit und sich entsprechend verhalten, »ausgetobt« gar), doch hatte ihn dies bislang kaum je gestört. Lieber etwas zu viel Ruhe, hatte Felix sich immer und immer wieder gesagt, als mich erneut diesem Lärm, dieser Hektik, dieser Oberflächlichkeit auszusetzen, woraus das angeblich moderne Leben in seinen Augen beinahe einzig bestand und das Lydia so sehr gefallen hatte. Und trotzdem gelüstete es ihn plötzlich, es heute wagen zu wollen, sich ausgerechnet dem erneut zu stellen, was ihm spätestens seit Lydia abgrundtief zuwider war? Merkwürdig!

Beinahe noch größer war begreiflicherweise Johns Verblüffung, dass Felix, aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung: »du, ich habe nachgedacht«, oder: »du, es hat sich etwas ergeben«, nicht länger abseits stehen wollte. wenn seine Kollegen am Freitagabend loszogen, um bei einem Bier auf den Wochenschluss anzustoßen. Felix brauchte sich nicht anzustrengen, dies seinem Gesichtsausdruck zu entnehmen.

Bettina

Wir sind damals per Zufall zusammengekommen, könnte man sagen. Ja, bis hierhin stimmen wohl meine und die Wahrnehmung von Felix überein: Die starken Gefühle füreinander überfielen uns wie ein Naturereignis, das völlig überraschend eintritt, ein Erdbeben etwa. Wir sahen uns und haben uns sofort ineinander verliebt. Ja, darüber haben wir gesprochen: dass es bei ihm und bei mir augenblicklich gefunkt hatte. Und wie! Nun ja, wie man sich so verliebt in dieser Phase des Lebens, kurz vor dem Ende unserer Schulzeit, genauer: seiner, ich hatte ja noch ein Jahr vor mir, und wir steckten damals mitten in der Pubertät. Heute kommt das ja alles früher, wird behauptet. Nach etwa zwei Monaten hatte ich genug: Er klammerte, er machte Pläne für die Zukunft, die weit über den Zeitraum hinausgingen, den ich zu jener Zeit überblicken wollte. Ich hatte keine Lust, an Familie und Kinder und ein gemeinsames Haus auf dem Land zu denken! Nicht im Alter von etwas mehr als fünfzehn Jahren! Als das mit seiner anderen Freundin vorbei war, mit der er sich wohl über mich hinwegtrösten wollte, sind wir noch einmal kurz zusammengekommen. Aber es ist nichts mehr daraus geworden, die Liebe war erloschen. Und außerdem hatte er sich kein bisschen verändert.

III

Du: Felix Amboden, zweiundfünfzig Jahre alt bist du mittlerweile, einhundertachtundsiebzig Zentimeter groß, zweiundachtzig Kilo schwer (gestern gewogen, am frühen Morgen, vor dem Frühstück, wie immer zur exakt gleichen Zeit, auch darin bist du stark: in deiner konsequenten, präzisen Anwendung einmal festgelegter Messmethoden), unverheiratet, kinderlos, und, sagen manche hinter vorgehaltener Hand und durchaus anerkennend, noch immer ein stattlicher Mann (allerdings gehst du dermaßen abweisend durch die Gegend, dass dich niemand anspricht, niemand anlächelt, niemand sich dir auch nur um einige wenige Millimeter anzunähern getraut). Du schaust aus dem Fenster. Angestrengt, interessiert, würden die vielen dein Hinausblicken deuten, die dich nicht oder kaum, gelangweilt, desinteressiert die wenigen, die dich gut kennen. Sie allerdings sind an einer Hand abzählbar, und sie hätten dich oder sich längst gefragt, ob du je wahrnimmst, worauf du schaust. Dein Blickfeld, dich scheint dies nicht zu stören, ist beschränkt auf ein weiteres Wohnsilo, identisch mit jenem, in welchem du wohnhaft bist. Darüber ein Stück des von grauen Wolken überzogenen Himmels.

Regen droht.

An diesen Ort hast du das verschwindend (erschreckend?) Wenige gebracht, das dir geblieben ist, beziehungsweise: was dir wichtig oder unbelastet genug war vom Vergangenen, es aus der damaligen in deine neue Wohnung zu transportieren. Du bist also nicht etwa beraubt worden, was man angesichts der kargen Möblierung deines neuen Zuhauses vermuten könnte, und es ist nicht dein früheres Zuhause ab- oder ausgebrannt oder das Haus eingestürzt, sodass du nach einigen Erinnerungsstücken erst graben musstest, mit bloßen Händen eventuell gar. Und weder hast du beinahe dein gesamtes Hab und Gut verzockt, noch hast du alles zurücklassen müssen zum Beispiel, weil du die Miete nicht bezahlt hast, dich also eines Tages, besser (deinem Wunsch nach Präzision geschuldet): eines Nachts, genötigt sahst, das Weite zu suchen, um möglichst unauffällig in der Anonymität dieser Anhäufung von Beton ein neues Leben zu beginnen (oder das alte, schändliche, hier so lange, jedoch ohne die angehäufte Schuldenlast, weiterzuleben, bis du dich erneut zur Flucht gezwungen sehen könntest). Im Vergleich zu all den denkbaren, diesen tragischen, traurigen, abenteuerlichen Varianten, die sich sogleich in die Gehirngänge jener Menschen drängen würden, die über genügend Vorstellungskraft verfügen, sich einen Reim auf dein armselig eingerichtetes, heutiges Zuhause zu machen, hört sich die Wahrheit (jedoch: hinkt die Realität, über weite Strecken in Schwarzweiß gehalten, nicht fast stets der kunterbunten Fantasie hinterher?) weitaus lapidarer an, und du würdest sie auch nicht verschweigen (obwohl es dich reizen könnte, dich einer der ungewöhnlicheren und spektakuläreren Legenden zu bedienen, die nicht nur das Gehirn der von dir Hörenden oder Lesenden, sondern selbstredend auch deines beschäftigt und die Fantasie beflügelt haben): Du hast es, schlicht, so gewollt.

Besitz, hast du für dich in deiner damaligen Lebenssituation erkannt, hemmt, und dir geschworen, diese Erkenntnis nie wieder zu vergessen. Also hast du beinahe alles gelassen, wo es sich gerade befand, als du dort aus- und hier eingezogen bist. Ohne dich nur einmal umzusehen. Ohne Wehmut. Ohne Trennungsschmerz. Du hast höchstens gestaunt, wie leicht es dir fiel, dich von alledem zu trennen, was eben noch voller Geschichten steckte und was du eben noch meintest, deswegen nie mehr hergeben zu wollen oder zu können. Weshalb du nicht gleich auf einen festen Wohnsitz, das berühmte »Dach über dem Kopf«, und auf deine geregelte Arbeit verzichtet und stattdessen deinen anderen Plan verwirklicht hast: Wirst du dich später dazu äußern, es später erklären wollen? Denn seither lebst du, was manche irritierend finden, im elften Stockwerk in Appartement D von Haus II der Siedlung »Am Bach«, einst an- und landesweit gepriesen als Überbauung mit besonders hoher Lebensqualität. Ausgemachter Blödsinn.

Zu Beginn hatten sich zwar durchaus einige so genannte »Besserverdiener« von den hochtrabenden Werbebotschaften verführen lassen, ihren Irrtum aber bald eingesehen und waren wieder ausgezogen. Heute lebt hier, wer sich keine bessere Wohnlage leisten kann (nur wenige wohnen uneingeschränkt gewollt in diesen damals eilig hochgezogenen Bauten, du zählst somit zu den spärlichen Ausnahmen, welche die Regel bestätigen). Es haben hier, die Aufzählung mag unvollständig sein, somit: zum Beispiel, ein Zuhause, eine Unterkunft, eine Bleibe, einen Platz zum Schlafen (um fernzusehen, Computerspiele zu spielen, zu lieben, zu streiten, zu hassen, sich zu versöhnen) gefunden: Einsame, Vereinsamte, Verlassene, Vergessene, die verschiedensten Nationalitäten, die sich, kunterbunt gemischt, auf vier langgezogene, je fünfzehn Stockwerke hohe, parallel und ziemlich eng nebeneinander stehende Wohnblocks verteilen, denen eines gemeinsam ist: Sie sind mittlerweile nicht bloß in die Jahre, sondern ziemlich heruntergekommen. Du aber könntest, wie zuvor, ganz anders leben, deine finanziellen Verhältnisse ließen dies unzweifelhaft zu, doch hast du dieses Dasein aus freien Stücken für dich als passend erkannt und gewählt. Deshalb nochmals: Weshalb nur hast du bloß einen halben und keinen ganzen, einen konsequenten Schritt in jene Richtung getan, die dir die einzig richtige zu sein schien?

Trittst du im elften Stockwerk aus dem stets muffelnden Fahrstuhl, wendest du dich auf dem karg beleuchteten Flur, in dem sich die unterschiedlichsten Gerüche aus den anliegenden Appartements eingefunden haben, eine bunte Mixtur aus Küchendüften aus beinahe allen Kontinenten dieser Welt, rasch und ohne aufzublicken nach links. Die dritte Tür rechts führt in deine Wohnung. Dem winzigen Vorraum schließen sich an: Küche. Bad. Wohnzimmer. Schlafraum.

Wenige Quadratmeter insgesamt.

Nachdem du die Jacke ausgezogen und in die billige Garderobe gehängt hast, du hast sie dir nach deinem Umzug erstanden in einem Anflug von Übermut, schlurfst du die wenigen Schritte ins Schlafzimmer (was du zu Hause, insbesondere im Haus deiner Großeltern, nie tun durftest). Ein Bett, ein Stuhl, ein Schrank, ein Beistelltischchen neben dem Nachtlager, darauf ein Buch, eine Leselampe, der Wecker erwarten dich. Du reißt dir die Krawatte vom Hals, ziehst dir das weiße Hemd über den Kopf, meist, ohne zuvor sämtliche Knöpfe zu öffnen, und lässt es achtlos zu Boden fallen. Kommt eh in die Schmutzwäsche. Später. Du ziehst dir das T-Shirt über, das du am Morgen bereitgelegt hast. Zwängst dich aus der Hose mit der Bügelfalte. Hängst dein bestes Beinkleid sorgfältig über den Bügel: du brauchst es noch. Also sollte es möglichst nicht zerknittern. Nicht schon wieder bügeln! Unabdingbar die einigermaßen korrekte Kleidung bei der Arbeit. Wobei man dir gegenüber eine gewisse Nachsicht zeigen würde. Aber da du mit kaum jemandem mehr sprichst, erfährst du davon nichts. Schlüpfst in deine Jeans (ein Besitz aus grauen Vortagen, durchgewetzt, ausgefranst an den Hosenstößen, nur noch innerhalb deiner vier Wände zu gebrauchen).

Das einzige Bild in deiner Wohnung ist ein Werbeplakat. Es hängt an jener Schlafzimmerwand, die du bequem, nämlich vom Bett aus sehen kannst, liegst du, deine Lieblingsstellung, die du an Wochenenden mitunter den halben Tag nicht aufgibst (es sei denn, um schnell pinkeln zu gehen, um danach sofort wieder unter die warme Bettdecke zu schlüpfen), aufgestützt der Nacken auf dem Kissen, auf dem Rücken, und es zeigt: »die Malediven«.

Sonne.

Weite.

Blauer Himmel.

Blaues Meer.

Die endlose Freiheit, die du dir insgeheim weiterhin wünschen könntest, trotz deines vordergründig so anspruchslosen, derart tristen Lebens, bliebe allenfalls also dein eigentlicher Lebenstraum und findet hier Ausdruck und Niederschlag. Das geheime Ventil, nachdem du in der Öffentlichkeit kein Wort mehr über deine Träume und Wünsche und Ansprüche ans Leben mehr verlierst. In einem einzigen Bild, das dir geblieben ist von deinen Sehnsüchten (die einst einmal höher griffen und die dein Leben einschneidender verändert hätten, als an gewissen Orten einmal den Urlaub verbracht zu haben).

Es gab einige Bekanntschaften in deinem damaligen Leben.

Beziehungen für einige Tage.

Wochen.

Monate.

Deine meist schnell Verflossenen, die Aufzählung ist wohl deiner beruflichen Tätigkeit als Statistiker zwingend geschuldet, hießen Andrea. Bettina. Claudia. Dora. Elisabeth. Fiona. Geraldine.

Geraldine: Das war im Urlaub.

Urlaub hast du bis vor wenigen Jahren regelmäßig gemacht. Mindestens einmal im Jahr.

Mehrheitlich allein.

Du bist in deinen besseren Tagen, noch ein wenig mehr Statistik, nach Kuba, in die Dominikanische Republik, nach Haiti geflogen. In die Rocky Mountains. Nach Afrika. In den Fernen Osten. Nach Südamerika. Spanien. Frankreich. Portugal. Auf die Seychellen. Nach Schweden und Finnland, Bulgarien und an die Ostsee. Nach Ägypten und Kreta. Rhodos. Lanzarote. Mallorca. London. Paris. New York. San Francisco. Moskau. Prag. Berlin. Rom. Madrid. Singapur. Mumbai. Peking. Tokio. Nur wer die Welt kennt, wurdest du nicht müde, festzuhalten, nachgerade zu predigen, der kann, der darf mitreden in globalen sowie in Fragen, die die entsprechenden Orte und Regionen betreffen.

Danach und zwischendurch: Hanna. Iris. Jolanda. Nicht zu vergessen: Katharina.

Einzig mit Lydia warst du länger zusammen. Eine lange Zeit in unserer schnelllebigen Welt, in der sich alles von heute auf morgen abnutzt, heute nichts mehr zählt, was gestern noch scheinbar unzerstörbar schien. Selbst Gefühle haben in der modernen Welt ihr Verfalldatum.

Nebenan, im Wohnzimmer, steht ein Sofa. Ein nicht dazu passender Einzelsessel. Ein Regal, das beinahe eine ganze Wand einnimmt. Enthaltend einen Fernseher. Eine Stereoanlage. Einige CDs, eine spärliche Zahl DVDs (sämtliche mehrfach abgespielt, in früheren Tagen, weshalb du ausgerechnet sie behalten wolltest, ist nicht einmal dir geläufig), wenige Bücher. Viel freie Fläche. Ergänzt wird die Einrichtung des Zimmers durch einen Beistelltisch. Eine Stehlampe.

In der Küche gibt es einen etwas wackeligen Tisch, damals, als du deine erste Wohnung bezogst und noch voller Hoffnung und Erwartung (und mit einer gewissen Ehrfurcht) auf das Leben blicktest, ein Sonderangebot, an dem du gleich dein Abendessen einnehmen wirst. Ein Fertiggericht. In der Mikrowelle erwärmt. Gestern, vielleicht morgen wieder, wird es Pizza aus dem Karton sein, die du unterwegs gekauft haben wirst. Oder ein Burger (dazu Pommes aus der Tüte). Du wirst aus dem Bus steigen, nachdem du dir während der Fahrt überlegt hast, was dich gelüsten könnte oder dir am wenigsten zu essen widerstrebt. Gestern und vielleicht morgen also: Einige