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Geschichten vom Leben, dem Tod und anderen Merkwürdigkeiten. In spannungsvoll erzählten Geschichten werden mit Sinn fürs Makabre und Mystische und einer guten Portion Eigenwitz menschliche Schicksale und die Mühen des Miteinanders geschildert. Intrigen und tiefgreifende Ereignisse ziehen in ihren Bann – oft mit überraschendem Ausgang.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jürgen Drehmann. Jahrgang 1960. Als Sohn einer Schneiderin und eines Zimmermanns in der hessischen Wetterau geboren und aufgewachsen. Dort lebt und arbeitet er heute noch.
Querfeldeinumherschweifkünstler mit freiheitsliebendem Wesen, der die Buntheit und Vielfalt des Lebens, mit all seinen Höhen und Tiefen, nach eigenem Gemüt durchwandert.
Mit seiner eigenwilligen Art, Dinge auch von der einen oder anderen Warte zu betrachten, lädt Jürgen Drehmann dazu ein, mit ihm einen augenzwinkernden Blick auf so manche Merkwürdigkeit des Lebens zu werfen.
Sei geblieben, was sie im Herz hat verbunden, sei vergangen, was sie im Leben hat entzweit.
Möge das Vermächtnis der Ahnen sich lichten, mögen der Kinder und Kindeskinder Wege erfüllt sein von Liebe, Wahrheit und Frieden.
In Erinnerung an meine Eltern
Lieselotte und Heinz Drehmann
Jürgen Drehmann
Alle Handlungen, Namen und Personen sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Menschen sind zufällig und ungewollt.
Elsa und Luise
Das Leben des Anton Haberkuck
Bei Ankunft Tod
Weidmannsdank!
Lea
Trilogie einer Freundschaft
Ein etwas schwieriger Fall
Wanderer
Einführung in die seltsamen Wege und Erkenntnisse des Ludger Mechtelbrink
Als ich noch in der Stadt lebte, fuhr ich während der Sommermonate an den Wochenenden oft hinaus aufs Land und verbrachte ganze Nachmittage auf meiner Bank am Wegesrand eines viel genutzten Wanderpfades. Ich ließ mich in die bunte Vielfalt der Natur sinken, wie die zahlreichen Ausflügler, die sich in dem Idyll von Wäldern, Blumenwiesen und Bachläufen tummelten und mit mir diese Freude teilten.
Ich träumte gerade vor mich hin und verfolgte dabei eher beiläufig den endlosen Kampf der mächtigen, von wucherndem Dickicht umsäumten Laubbäume, die von heftigen Windböen hin und her geworfen wurden. Da tauchten sie in einiger Entfernung auf dem Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte, auf: zwei Mädchen, hinter ihnen folgend der größere Teil der siebenköpfigen Gruppe. Die Familie der beiden – so nahm ich an, die fröhlich und ohne Eile bei einer Fahrradtour die gemeinsame freie Zeit genoss. Ihr Weg führte sie unmittelbar an meiner Bank vorbei. Die beiden Mädchen, in luftigen, bunten Sommerkleidchen, rollten auf billigen Klapprädern, die eben so ihren Zweck erfüllten, vornweg. Eine deutlich kleiner als die andere, aber genauso dünn. Die Mädchen berührten sich fast mit ihren Rädern, tuschelten, schwatzten und schmunzelten über Heimlichkeiten, die ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nahmen, dass die zwei mich gar nicht zu bemerken schienen. Die beiden mochten nicht mehr als zwölf oder dreizehn Lenze zählen. Sie versprühten eine solche Lebenslust, und es lag eine so anrührend schnörkellose und unverhohlene Ehrlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck, dass es mir für einen Moment vor Entzückung den Atem verschlug; und nicht der geringste Zweifel in ihren Mienen darüber, dass all ihre Wünsche und Forderungen an das Leben und die Menschen um sie herum, erfüllt würden – weil es ihr Recht war. Sie hatten sich ihrer Kindlichkeit schon ein gutes Stück entledigt. In ihrem Blick unübersehbare Zeichen ihrer sich entwickelnden Persönlichkeit, mit der sie schon bald, mit Verstand und Raffinesse, die Bühne der Erwachsenenwelt betreten und ohne Frage ihren Platz behaupten würden. Bereit, in jugendlicher Unbefangenheit für sich selbst ein zu stehen, ohne Furcht vor allem, was das Leben, als Erfüllung oder Schicksal, mit sich bringen könnte.
Die Lange redete unentwegt auf die Kleine ein und klebte dabei förmlich mit ihren Augen an ihr, um noch die feinste, möglicherweise als Reaktion und Antwort zu deutende Regung begierig ablesen zu können. Die Kleine hingegen hörte meist nur zu, machte sich Gedanken, antwortete mit wohlüberlegten, wenigen Worten. Ein aufregendes Wechselspiel erfrischender Unruhe und lebendigem Gleichklang. Wie gerne wollte ich diesen so alltäglichen und dennoch so besonderen, von purer Lebensfreude erfüllten Augenblick im Gedächtnis behalten. Doch wie schnell verblasst eine namenlose Erinnerung. So taufte ich im Gedanken die Mädchen Elsa und Luise, ohne mich jedoch endgültig entscheiden zu wollen, welche der beiden Elsa und welche Luise sei. In Höhe meiner Bank angekommen, grüßten mich die Eltern mit einem freundlichen, stummen Lächeln. Dann entfernte sich die ganze Familie wieder auf ihren Fahrrädern in gemächlicher Langsamkeit. Ich schaute Elsa und Luise zum Abschied noch eine Weile nach.
Halb wach, halb vor sich hindösend hockte der dreizehnjährige Bub, auf einem der Notsitze, den Kopf gegen das dicke Glas der großen, braun getönten Seitenscheibe gelegt. Beiläufig beobachtete er das hektische Treiben auf der belebten Einkaufstraße seiner Heimatstadt und genoss es, von dem über den glatten Asphalt schnurrenden Bus, sanft auf und ab geschaukelt zu werden. Eine Fußgängerampel schaltete auf Grün. Der bis auf den letzten Platz besetzte Bus rollte langsam heran und kam mit einem leichten Ruck zum Stehen. Doch anstatt die Straße zu überqueren, gafften die Passanten in die Frontscheibe des Fahrzeuges. Der Junge beugte sich zum Mittelgang und schaute nach vorn. Der Fahrer lag regungslos über dem Steuer. Einige besorgte Fahrgäste drängten sich schon um ihn. Der pensionierte Arzt des Städtchens, der ganz vorn, gleich neben dem Bürgermeister gesessen hatte, fühlte dem Chauffeur den Puls, zog ihm die Augenlider hoch und spekulierte mit seinem Monokel in die Pupillen des dickleibigen, bereits ergrauten Busfahrers.
„Nichts mehr zu machen“, brummelte der kauzige Mediziner mit ernster Miene zu Bürgermeister Stökel, „vermutlich Hirnschlag!“
Stökel wurde blass. Er erhob sich zögernd von seinem Sitz und starrte ungläubig auf den Toten. Schließlich griff sich der Stadtvater das Mikrofon von der Frontkonsole.
„Verehrte Fahrgäste“, tönte seine aufgeregte Stimme aus den Lautsprechern, „welch eine furchtbare Tragik. Das Schicksal hat soeben einen geliebten Menschen aus unserer Mitte gerissen!“
Für einen Moment wurde es totenstill. Dann huschten zwei, drei leise Huster durch den Bus. Ein japanischer Dolmetscher in einer der hinteren Sitzreihen tuschelte ein paar Landsleuten, was er hörte, auf japanisch ins Ohr. Stökel räusperte sich nervös und fuhr wehmütig fort: „Wir müssen Abschied nehmen ... Abschied nehmen von einem Mann, den wir alle achteten und verehrten. Verehrten für sein Lebenswerk, verehrten dafür, wie er sich pflichtbewusst und selbstlos über Jahrzehnte in den Dienst unserer Gemeinde gestellt hat. Er hat unser einst so verschlafenes Städtchen aus seinem Dornröschenschlaf erweckt. Hat historische Ereignisse, längst vergessene Kulturdenkmäler und Kultstätten unserer Väter wiederentdeckt und nicht nur die Bewohner, sondern Menschen aus allen Teilen der Welt für diese Schätze begeistert!“ Einheimische Fahrgäste und Touristen schauten sich fragend an, nickten zustimmend. Die Japaner warfen mehrmals im Sitzen den Kopf samt Oberkörper huldigend nach vorn. Bürgermeister Stökels Augen funkelten schwärmerisch. „Er war es, der mit seinem Fünfer der Linie Drei, die ‘große Runde‘ ins Leben rief. Jeden Tag, pünktlich zwischen zwölf und drei Uhr mittags, kreuzte er mit seinem Omnibus quer durch die Stadt, durchstreifte das Umland und passierte auf seinen Entdeckungsreisen selbst die abgelegensten, malerischen Winkel“, Stökel grinste verschmitzt und zwickte die Augen zusammen, „über die er die eine oder andere nette Anekdote zu erzählen wusste.“ Ein junges Fräulein himmelte ihren Liebsten neben sich an und kicherte verschämt.
„Abertausende ließ er den Glanz und den Zauber unserer heimatlichen Auen und Haine spüren und den Geist unserer Vorfahren, zu denen er sich jetzt selbst hinzugesellen wird.“ Bürgermeister Stökel tupfte sich mit einem Taschentuch die feuchten Augen. Jemand reichte dem Stadtvater einen Becher Wasser, den er mit geblinzeltem Dank entgegennahm. Im Mittelgang stehende Fahrgäste setzten sich wieder auf ihre Plätze und lauschten ergriffen der Trauerrede. Ein Schluchzen aus dem hinteren Teil des Busses bestärkte Stökel, mit seiner Würdigung des Verblichenen voller Inbrunst fortzufahren. „Oh, er fuhr nicht einfach nur Bus“, der Bürgermeister warf den hoch gestreckten Zeigefinger heftig hin und her, „neiiin, er lenkte ein Schiff, thronte auf seinem Sessel hinter dem mächtigen Steuerrad, manövrierte seine Passagiere sicher durch jede gefährliche Enge, dirigierte aufsässige Verkehrsrüpel“, einige Zuhörer schmunzelten verlegen, „mit meisterlichem Geschick, aus dem Weg – und nicht einmal in all den Jahren ein Unfall. Nicht der kleinste Kratzer an seinem Fünfer!“
Stökel wandte sich zu dem Dahingeschiedenen auf dem breiten Fahrersitz. „Lebewohl, Anton Haberkuck!“ Bürgermeister Stökel schwenkte den Arm mit dem Trinkbecher, wie ein Geistlicher zur Segnung. „Möge Gott deine Seele zu sich nehmen und dich begleiten auf deinen himmlischen Wegen!“
Gedämpftes Gewimmer vermischte sich mit gemurmelten Gebetsformeln. Die Fahrgäste erhoben sich und tippelten nacheinander gesenkten Hauptes an dem Busfahrer vorüber, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Mancher klopfte dem toten Anton Haberkuck zum Abschied noch einmal auf die Schulter. Nur der Junge kauerte auf seinem Sitz und verfolgte die Szene zu Tränen gerührt.
„Was für ein Mensch“, flüsterte er leise mit halbgeschlossenen Augen, „was für ein Leben. Voller Respekt von allen bewundert bis in den Tod. Ein Held!“ Der Junge weinte mit einem Lächeln im Gesicht still vor sich hin.
Ein derber Stoß eines Klassenkameraden in die Seite riss den Dreizehnjährigen aus seiner Verzückung.
“Heh, Anton Haberkuck! Jeden Morgen dasselbe: Noch keine zehn Minuten im Schulbus und schon pennt er. Was dein Traumberuf ist, habe ich gefragt?“
Widerwillig erwachte Anton aus seinem Dämmerschlaf. „Busfahrer“, sagte er mit fester Stimme, „ein berühmter Busfahrer!“
Nervös tippte der dickleibige Walter Krause auf die Tastatur der halboffenen Telefonzelle im Flughafen. Neben dem Frühpensionär, ungeduldig auf einem Koffer hockend, seine Gattin Agnes: Eine reife Frau und Dame aus gutem Hause, die sich in ihren besten Jahren gewiss einer großen Zahl Verehrer hatte erwehren müssen. Ihre jugendliche Schönheit von einst schimmerte nur noch ein wenig durch den aufpolierten, nicht mehr ganz glatten Teint. Unbekümmerte Lebensfreude war verbittertem Eigensinn gewichen, der sich in zwei tiefen Stirnfalten abzeichnete.
Ein junger, sommerlich-leger gekleideter Puertoricaner mit Strohhut und Sonnenbrille wartete, bis die Telefonzelle frei wurde. Er war mit Krauses in derselben Maschine von der Mittelamerika-Rundreise angekommen.
„Hallo?“, erkundigte sich der sonnengebräunte Krause am Telefon. „Ja, grüß dich, Perl ... äh Simone, hier ist Walter!“, rief er entzückt. „Wir sind gerade gelandet. Ich wollte fragen, ob du uns vielleicht abholen könntest? Es sind doch nur wenige Minuten von dir bis zum Airport ... Wie? Ja, ja – das mit dem Hai war wirklich ein tolles Ding. Agnes hat einen schönen Schock bekommen.“ Herr Krause lachte gekünstelt und drehte sich dabei zu seiner Frau um. „Aber das habe ich ja ausführlich im Brief geschrieben ... Was, gestern erst angekommen? – Na ja, der Service lässt immer mehr nach. Dafür steigen die Preise ... Sicher, aber ...“ Agnes gestikulierte ihm, dass sie sich Zigaretten holen wolle. Ihr Gatte nickte überschwänglich und setzte das Gespräch fort: „Natürlich würde ich nächstes Jahr wieder fahren. Schade, dass du nicht sehen kannst, wie braun ich bin“, flirtete er, „und die herrliche Fahrt mit dem Boot im Vollmond über das Meer. Das muss man erlebt haben, um es zu verstehen!“ Krauses Frau war nicht mehr zu sehen. Er beugte sich zum Telefon. Seine Stimme wurde ernst und gedämpft. „Hör zu, Perlchen, sie ist für einen Moment weg-gegangen. Das mit dem Hai hat nicht geklappt. Dein dubioser Tauchlehrer muss beschränkt sein. Beinah hätte es sogar mich erwischt. Alles wegen der Lebensversicherung ... Ja, ich weiß, zwei Millionen und der gesamte Besitz, weil sie – außer dir – die letzte eurer Familie ist!“
„... Aber Simone“, tönte Walter gönnerhaft, wieder in gehobener Lautstärke, „macht nichts, wenn du uns nicht abholen kannst, nehmen wir eben ein Taxi – und alles weitere dann am Mittwoch ... Ja, genau.“
Der Puertoricaner – inzwischen von dem langen Telefonat offensichtlich doch genervt – verschwand mit grimmigen Gesicht hinter einem Reklameständer. Er holte ein Mobiltelefon hervor und wählte ... „Sie haben recht, Miss Agnes, die wollen Sie umbringen!“, tuschelte er in das Gerät.
„Pah!“, schrie Frau Krause am anderen Ende zornig. „Meine Cousine, dieses habgierige Früchtchen – und Walter, der Mistkerl!“ Ihre Stimme zitterte vor Aufregung. „Carlos, Sie wissen, was Sie zu tun haben. Es muss aussehen wie ein dummer Autounfall. Ihr Geld bekommen Sie, sobald es erledigt ist – verlassen sie sich drauf!“
„Ich vertraue Ihnen, Miss Agnes. Und denken Sie daran: Er muss mir direkt vor den Wagen fallen – ein gelber Jeep.“
„Er wird, keine Angst, Carlos ... Er wird!“
Kurze Zeit später verließen Herr und Frau Krause das Flughafengebäude. Mit zwei großen Koffern und einigen Umhängetaschen bepackt, stakste Walter Krause vornweg.
„Ganz schön schwer, was?“, fauchte Agnes Krause. „Vor allem die vielen Geschenke für meine liebe Cousine, dieses billige Flittchen!“ Sie schielte unauffällig zur nahen Straße.
„Wie ... was, du ...?“, stotterte Krause unterwürfig.
„Ja-ich-weiß-über-euch-Bescheid!“ Frau Krause verzog angewidert das Gesicht und schoss mit einen mächtigen Schritt auf ihren Mann zu. Der zuckte erschrocken zurück und stolperte über die an ihm herunterbaumelnden Taschen. Im Fallen griff Walter Krause reflexartig nach Agnes‘ Arm, zog sie dabei mit sich und stürzte mit ihr auf die Ausfallstraße des Flughafens. Der mit Tempo herankommende Geländewagen konnte nicht mehr ausweichen und rollte ungebremst über Krauses hinweg. Hastig sprang der Fahrer aus dem Auto. Er drängelte sich zwischen den Schaulustigen, die sich inzwischen um die Unfallopfer versammelt hatten, durch bis zu Krauses.
Agnes und Walter lagen regungslos auf dem Asphalt. Ein Krankenwagen kündigte sein Kommen mit lautem Signalhorn an. Der Fahrer des Unfallwagens löste sich wieder aus der Menschenansammlung und entfernte sich einige Meter. Er holte sein Mobiltelefon hervor und wählte ... „Simone? – Carlos hier. Du glaubst es nicht“, sagte er leise, „wir haben beide zusammen erwischt!“ – „Okay, nach dem Unfallprotokoll in deiner Wohnung. Tschau, meine Süße!“
Kühler, morgendlicher Tau liegt über den frischen, groben Schollen eines erst vor kurzem umgepflügten Ackers. Ein feiner, feuchter Nebel füllt in dicken Schwaden die schwere Luft.
Mit fragendem Blick nähern sich der Jagdaufseher und sein Münsterländer dem Kleinwagen, der, verlassen und halb in den Seitengraben gerutscht, am Rand der wenig befahrenen, waldnahen Landstraße steht. Der rechte Kotflügel des Wagens ist beschädigt, der Scheinwerfer zerborsten. Die Tür der Beifahrerseite steht weit offen. Das untere Ende hat sich einige Zentimeter ins Erdreich geschoben. Die Vordersitze sind blutverschmiert. Kleidungsfetzen liegen herum, und ein Bedienungshebel baumelt herausgerissen am Lenkrad. Unter den Pedalen klemmt ein Schuh. Im Beifahrersitz steckt ein langes Stück Zahn – der abgebrochene Hauer eines Wildschweins. Hier muss es einen Kampf auf Leben und Tod gegeben haben, denkt der Jäger bei sich, und ein Schauer läuft ihm über den Rücken.
Der Hund schnuppert aufgeregt im wuchernden Gras, bis er, heftig mit dem Schwanz wedelnd, ein haariges Knäuel unter dem Fahrzeug hervorzerrt. Ein struppiger, lebloser Tierkörper. Trotz Dreck und Blut sind die dunklen Längsstreifen gut zu erkennen – ein Frischling, höchstens zehn Wochen alt, schätzt der Jägersmann.
Als er sich nach vorn beugt, um den Kadaver zu greifen, blickt er in zwei starre, tote Augen. Der Fahrer hat in seiner Verzweiflung, als letzte Rettung, Schutz unter seinem Wagen gesucht. Vergeblich. Gesicht und Hals des jungen Mannes sind mit tiefen Risswunden überzogen, verursacht von den spitzen Eckzähnen eines Wildschweins. Der arme Kerl war offensichtlich mit dem Hosengurt an der Auspuffhalterung hängen geblieben und hat sich wohl deshalb nicht weit genug unter sein Fahrzeug verkriechen können. Unter seinen Fingernägeln haben sich feuchte Erde und kleine Büschel Tierborsten ins Nagelbett gepresst. An einer Hand fehlt der Zeigefinger und der Handrücken ist eine einzige große, schmutzige Wunde.
Eine Bache, die ihre Jungen in Gefahr wähnt oder gar eines verliert, kann zur Furie werden. Doch nie zuvor hat der erfahrene Jägersmann so etwas gesehen.
Aufgeschreckt vom Gebell seines wachsamen vierbeinigen Freundes fährt der Forstmann herum. Augenblicklich huscht seine Hand zur geschulterten Büchse, die er bei seinen Kontrollgängen stets mit sich führt. Kaum mehr als zehn Schritte entfernt, auf einem mit saftigem Grün überzogenen Hügel zwischen Straße und Wald, thront sie – majestätisch, bedrohlich, kolossal: Eine riesige Wildsau, zu allem entschlossen, zum Angriff bereit!
Das Herz des Jägers pocht bis in die Schläfen. Hastig entsichert er seine Schrotflinte und bringt sie in Anschlag. Er hat sie genau im Visier, die aufgeregt schnaubende Muttersau, umringt von vier Winzlingen, die dicht gepresst an ihrem massigen Leib kauern, als wollten sie todesmutig ihrer Mutter bei einer Attacke beistehen.
Doch den Finger bereits am Abzug hält der Jagdaufseher mit einem Mal nachdenklich inne. Er senkt die Waffe mit ruhiger Hand.
„Weidmannsheil!“, brummelt er halblaut und schaut huldigend hinüber zu der Sau. Dann streift der Jäger den Gurt mit seinem Gewehr wieder über die Schulter und macht sich auf, um den Verkehrsunfall ordnungsgemäß bei der Dorfgendarmerie zu melden.
Das Wildschwein und ihre nervös hin und her trappelnden Frischlinge glotzen dem Jägersmann noch eine Weile misstrauisch hinterher. Dann verschwindet die Rotte in wildem Galopp im nahen Wald.
