delfin - Ralf Bruggmann - E-Book

delfin E-Book

Ralf Bruggmann

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Beschreibung

An einem Strand findet ein Delfin den Tod. Und auch die Menschen, die in der unteren und oberen Stadt wohnen, sehen sich mit Enden aller Art konfrontiert. Da ist zum Beispiel Nina, die ihren Sohn allein grosszieht und sich abmüht, ein Zuhause aufrechtzuerhalten, das langsam, aber sicher vom Meer verschlungen wird. Und da ist Milly, die das Unmögliche versucht, um den Verlust ihres Lebenspartners zu verdrängen. Als sich die ungleichen Frauen in einem kleinen Restaurant an der Küste kennenlernen, keimt aus Einsamkeit eine unerwartete Freundschaft. Gemeinsam scheinen die beiden sich den Wogen des Lebens stellen und Trost im Untröstlichen finden zu können. Doch das Ende lässt sich nicht aufhalten. Bleibt die Frage: Was kommt danach? «delfin» ist ein ebenso berührender wie brisanter Roman. Autor Ralf Bruggmann verpackt hochaktuelle Debatten in poetische Gespräche und innere Monologe, die nichts ungerührt lassen. Selbst – oder vielmehr vor allem – den Kern des Menschlichen.

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ralf Bruggmann

delfin

roman

delfin

Ralf Bruggmann

orte Verlag

«Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit.»

Thomas Mann

Inhaltsverzeichnis

Prolog/Wellen

Die Würfel sind gefallen

Wie früher, aber anders

Zeitverschwendung

Der Toaster ist kaputt

Delfin

Sie müsste

Eidechsen

Er fällt in Zeitlupe

Sand

Weisse Hemden

Kauende Männer

Spaghetti

Ihre Hand auf Noahs Kopf

Gemüseeintopf mit Erbsen

Höhenangst

Die Beständigkeit der Dinge

Nur

Unkraut

Beerdigung

Der Ast im Wohnzimmer

Monster

Sollen und müssen

Orenji Ōgon

El Principio

Perspektiven

Eine Spaziergängerin

Einfache Fragen

Das Gästezimmer

Albtraum

Abwesende

Tom und Jerry

Der Hubschrauber

Ein potenzieller Vater

Tauchen

Ausser Kontrolle

Angehörige

Besucherin

Am Telefon

Auflösung

Bröckeln

The Goldheart Mountaintop Queen Directory

Als wäre die Zeit zu einem Ende gekommen

Epilog/Del Fin

Prolog / Wellen

Weit draussen auf dem Meer streicht der Wind über das Wasser. Luftwirbel eilen über die Oberfläche, bringen Wasserteilchen in Bewegung. Kleine Hügel und Furchen entstehen, eine fluide Landschaft, stetig wandernd. Der Wind schiebt die Hügel vor sich her, lässt sie zu Bergen heranwachsen, die sich über Täler erheben und sich beharrlich vorwärtsbewegen. Im Innern der Berge rotieren die Wassermoleküle, pflanzen sich fort. Wellenkämme bauen sich auf, nur um von der Schwerkraft wieder hinabgezogen zu werden. Unter dem stummen Himmel rollen die Wellenberge durch Raum und Zeit, ungehindert, nähern sich dem Land. Wie der Meeresboden ansteigt, bremst er die Wasserteilchen auf ihren Kreisbahnen, stösst die Moleküle immer höher hinauf. Die Oberfläche des Wassers kann der Spannung nicht mehr standhalten. Die Wellen brechen und stürzen tosend und schäumend in den Sand.

Beinahe zärtlich hüllt das Wasser den langgezogenen Körper am Strand ein und lässt ihn wieder los, zieht sich zurück und nähert sich erneut. Die glatte Haut glitzert in der Sonne, während sie vom Wasser gestreichelt wird. Weit oben fliegt eine Möwe vorüber. Ihr Schatten gleitet lautlos über den Sand wie eine farblose Kopie, streift den Körper und wandert weiter. Im Sand bilden sich kleine Löcher, Luftblasen platzen auf.

Als das Meer sich beruhigt und die Wellen nur noch zaghaft das Ufer erreichen, bleibt der Körper schliesslich vom Wasser unberührt. Still und elegant und schön liegt er da, im schwindenden Licht, einem Denkmal gleich. Eine Irritation in der Szenerie, eine Anomalie am Ende eines normalen Tages.

Die Würfel sind gefallen

Der Würfel rollt über das Spielbrett. Kurz vor der Kante bleibt er liegen, direkt neben dem Bild eines Mannes mit einem grossen Kopf, der in einem kleinen Feuerwehrwagen sitzt.

«Eine Sechs!», ruft Noah, seine Stimme wie immer viel zu tief für einen Achtjährigen. «Eine Sechs!», wiederholt er, für den Fall, dass Nina ihn beim ersten Mal nicht gehört hat.

«Toll, ganz toll, Noah.» Nina lächelt ihren Sohn an. Sie ist in den unwahrscheinlichsten Momenten stolz auf ihn.

Er zählt bei jedem Feld mit. «Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Ha!»

Der gewinnende Ausdruck passt nicht richtig in sein Gesicht, es scheint, als müsse Noah seine Muskeln erst noch dressieren, damit sie seinen Befehlen gehorchen. Nina beobachtet ihn fasziniert und hebt dann die Hand, um sie an seine Wange zu legen. Doch Noah dreht sich weg.

«Du bist dran, Mama.»

Sie formt die Hand zu einem Hohlkörper und lässt den Würfel darin tanzen. Dann wirft sie ihn auf das Spielbrett.

«Eine Zwei.»

«Haha, dann musst du fünf Felder zurück!»

«Warum denn?»

«Sieh doch, Mama.» Noah lässt sein Gesicht professorenhafte Züge annehmen. «Wenn du zwei Felder nach vorn gehst, kommst du auf dieses Feld hier, und von dort musst du fünf Felder zurück.»

«Das ist blöd.»

«So sind die Regeln, Mama.»

«Dann sind die Regeln eben blöd.»

«Die Regeln sind nicht blöd. Es braucht Regeln. Ohne Regeln ist alles durcheinander.»

Sie mag den Ernst, die Förmlichkeit in seiner Stimme, die Art und Weise, wie sich seine Lippen zusammenziehen, wenn er erklärt Mag sein, dass er weniger Kind sein kann als andere Kinder. Doch das macht ihn nicht weniger wundervoll.

Nina bewegt ihre Spielfigur zwei Felder nach vorn und fünf zurück. Noah lacht glucksend. Dann atmet er ein, bis seine Brust sich hebt.

Einige Züge später liegt Nina plötzlich vor Noah, und ihr Abstand wächst mit jedem rollenden Würfel weiter an. Sie beobachtet, wie seine Augen sich verfinstern und kleiner werden. Er sieht sich um, als würde er darauf hoffen, dass jemand kommt und ihn rettet. Stumm beisst er auf seine Unterlippe. Sie weiss, woran er knabbert.

Als Kind war Nina äusserst ehrgeizig, wollte stets gewinnen und vor allem das Verlieren verhindern. Einmal belegte sie in einem Mehrkampf in der Schule den zweiten Platz und verpasste den Sieg nur knapp, doch sie konnte sich nicht damit abfinden, also schrieb sie ihrem Sportlehrer einen Brief und forderte darin die Wiederholung des Wettbewerbs. Freilich kam es zu keiner Wiederholung. Stattdessen wollte der Sportlehrer mit ihren Eltern reden. Zudem erfuhren die anderen Kinder in ihrer Klasse von dem Brief und liessen in der Folge keine Gelegenheit aus, um Nina ihren übertriebenen Eifer vorzuhalten. Sie erinnert sich nicht, was ihre Eltern ihr in diesem Moment rieten. Und ob sie überhaupt mit ihr darüber redeten.

Während Noah unvermindert an seiner Lippe nagt, fragt sie ihn, ob er etwas trinken wolle. Er nickt stumm, und Nina sagt, er solle sich selbst ein Glas Wasser aus der Küche holen. Widerwillig steht er auf und schleicht aus dem Wohnzimmer, den Kopf gesenkt. Nina lässt den Würfel fallen, stöhnt dann auf und zischt ein Fluchwort, laut genug, damit er sie hört.

«Was ist los, Mama?», will Noah wissen, als er zurückkommt.

«Ach, ich musste etwa zwanzig Felder zurück.»

«Zwanzig Felder?» Seine Augen werden gross.

«Vielleicht auch mehr. Jedenfalls bin ich jetzt hier.» Sie zeigt auf ihre Spielfigur, und Noah prüft ihre Position, schaut dann auf das Feld, auf dem seine Figur steht, und lässt schliesslich wieder sein glucksendes Lachen ertönen.

«Du bist wieder hinter mir, Mama!»

«Ich weiss, Noah. Ich weiss.» Sie versucht, möglichst viel Ernüchterung in ihre Stimme zu mischen. Noah würfelt und grinst, und bei jedem Würfeln grinst er breiter, und sie schaut ihm zu, wie er wieder aufblüht.

Als er das Ziel erreicht, reisst er seine Arme in die Höhe und jubelt. Genau so hätte sie jubeln wollen, damals beim Mehrkampf in der Schule. Aber sie bezweifelt, dass ihr Jubel so wahrhaftig und echt geklungen hätte wie jener von Noah. Jetzt ballt er seine Hand zu einer Faust. Er sieht aus wie ein Sportler, stark, männlich. Sie fragt sich, woher sie stammt, diese Faust. Ihr selbst ist sie fremd.

Sie hat Noah nicht zum ersten Mal gewinnen lassen. Sie tut es oft, so oft wie möglich, und jedes Mal befürchtet sie, dass er es bemerkt. Zwar möchte sie ihrem Sohn nichts vorspielen, möchte ihn nicht belügen oder mit gefälschten Gefühlen konfrontieren. Gleichzeitig ist sie überzeugt, dass diese kleinen Triumphe wichtig sind, dass sie Reservoire in seinem Innern aufzufüllen vermögen. Die Triumphe machen ihn stärker, festigen sein Selbstvertrauen, also können sie nicht schlecht sein, selbst wenn sie die Folge einer Inszenierung sind.

Nachdem er ein weiteres Spiel gewonnen hat, mag Noah nicht mehr und liest lieber in seinem Buch. Nina stellt sich ans Fenster und blickt hinaus, richtet den Fokus auf das kleine Stück Wasser, das zwischen den Häuserwänden sichtbar ist. Sie erinnert sich an keinen Moment, in dem sie das Meer nicht geliebt hat. Das Kühle und Frische des Wassers, die Wucht der Wellen, der salzige Geschmack, der Dunst über dem Strand, das Rauschen an ansonsten stillen Abenden, die unzähligen Fische, die toten und lebendigen Krebse, die kreischenden Möwen – in allen Dingen des Meeres wohnt eine Schönheit, die sie nirgendwo sonst zu erkennen vermag. Nun soll ausgerechnet diese Schönheit sich zur übermächtigen Gefahr gewandelt haben, zu einer Bedrohung, der sich nicht beikommen lässt.

Als Esther, eine flüchtige und mittlerweile geflüchtete Bekannte, einst meinte, es sei verantwortungslos, ein Kind in der unteren Stadt aufwachsen zu lassen, widersprach Nina energisch. Esther argumentierte, dass es angesichts der andauernden Ausschreitungen und der drohenden Katastrophe nur logisch sei, mit seinem Kind an einen sichereren Ort zu ziehen, einen Ort mit Zukunft. Nina hielt dagegen und nannte die untere Stadt ein Zuhause, das einzige Zuhause, das Noah und sie kannten. Sie hält unvermindert an dieser Einstellung fest. Aber wenn sie an die Wut der Menschen und den Zorn der Natur denkt, wird sie nervös. Dass sie das, was kommt, kaum mehr einzuschätzen vermag, bringt sie ins Taumeln.

Nina hat die Warnungen nie infrage gestellt. Während viele dem Anstieg des Meeresspiegels und den prognostizierten Entwicklungen mit einem Achselzucken begegneten und weder die kommunalen noch die staatlichen Behörden der Situation die gebotene Brisanz zubilligen wollten, war ihr klar, wie ernst die Lage sich darstellte. Das Szenario, dass die untere Stadt aufgrund des steigenden Wasserpegels in naher Zukunft unbewohnbar werden würde, erfüllte sie mit einer zähflüssigen Angst, in die sich immer dickere Schlieren von Ohnmacht mischten. Trotzdem brachte sie diese Angst nie direkt mit ihr und Noah in Verbindung, schuf eine Wand zwischen der Bedrohung und ihrem Leben.

Als die Demonstrationen anfingen, teilte sie die Überzeugung der Aufständischen, erkannte ihre Argumente als Tatsache an. Dennoch nahm sie nicht an den Kundgebungen teil, vor allem wegen Noah. Sie wollte die wenige Zeit, die neben der Arbeit im Restaurant und den Notwendigkeiten ihres Alltags übrigblieb, mit ihm verbringen. Doch sie wäre auch in den Jahren vor Noahs Geburt nicht mitmarschiert. Vielleicht war Angst der Grund. Vielleicht Trägheit.

Heute zweifelt Nina manchmal an den Motiven der Protestierenden, die sich noch immer regelmässig versammeln und durch die Strassen der unteren Stadt ziehen. Viele von ihnen sind nicht mehr nur von Unzufriedenheit und Aktivismus angetrieben, sondern auch von einer unverblümten Lust am Krawall. An die Stelle von Meinungen und Mahnungen tritt immer häufiger unverhohlene Wut, die sich gewaltsam entlädt. Die Aufmerksamkeit, die sie zu Beginn auf die bedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels lenken wollten, richtet sich nun vornehmlich auf sie und ihre Aktionen. Jene, die sich mit Mut und Entschiedenheit gegen ein Problem zur Wehr setzen wollten, sind selbst zum Problem geworden.

Wie früher, aber anders

Wenn Milly mit ihrem Blick den kleinen Fleck auf der Fensterscheibe fokussiert, verschwimmen das Meer und der Strand und der Himmel. Der kleine Fleck wird zum Ort der Klarheit, die Welt dahinter wird vage. Sie überlegt, ob sie den Fleck wegwischen soll, schliesslich gehört er da nicht hin. Doch sie lässt ihn stehen. Es ist gut, wenn die Klarheit greifbar bleibt.

Sie stellt das Bild des Meeres wieder scharf, folgt mit ihrem Blick der Linie, die Luft und Wasser trennt. Es ist merkwürdig, dass am Horizont der Himmel unmittelbar über der Wasseroberfläche beginnt, während er hier weit über ihrem Kopf liegt. Wenn sie sich von sich selbst entfernen würde, wäre sie dem Himmel näher, denkt sie. Diese Erkenntnis lässt Milly lächeln, und sie dreht sich um, möchte Hugo davon erzählen, doch dann fällt ihr ein, dass er nicht zu Hause ist. Wahrscheinlich ist es besser so. Er würde ihre Aussage lediglich mit einem Schulterzucken quittieren und sich wieder anderen Dingen zuwenden, wichtigeren Dingen, zumindest in seinen Augen. Wo der Himmel beginnt, ist ihm egal.

Der Tag, an dem Hugo und sie dieses Haus bezogen, liegt rund vier Jahrzehnte zurück. Dass Milly in Dekaden rechnet, verleiht der Zeit eine eigentümliche Trivialität. Eigentlich müsste die Geschichte, die sie seit 72 Jahren schreibt, immer vielschichtiger und bunter und reichhaltiger werden. Stattdessen ist sie in ausgedehnte Kapitel eingeteilt, ein grober Raster, der sich über ihr Leben legt.

Sie weiss, dass sie von der gleichen Stadt wie damals auf das gleiche Bild wie früher blickt. Es ist der gleiche Himmel, das gleiche Meer, der gleiche Strand. Doch das Gleiche sieht mittlerweile anders aus. Damals schienen das Blau des Himmels und das Grün der Wiesen intensiver, der Kontrast zwischen weissen und grauen Wolken stärker. Der schroffe Felsen am Ufer wirkt heute kleiner, unbedeutender, die Farben blass und bleich.

Eine kurze Melodie dringt aus dem alten kleinen Radio, dann beginnt der Nachrichtensprecher zu reden. Er erzählt von einem Waldbrand, der sich noch immer nicht hat eindämmen lassen, und Milly ist froh, dass der Wald weit weg von ihrem Haus brennt. Früher hätte sie mehr Mitgefühl verspürt, hätte mitgelitten, hätte vielleicht gebetet, doch irgendwann hat sie damit aufgehört. Wenn sie heute die Hände faltet, lässt Milly sie danach matt und müde in den Schoss fallen. Sie schaut auf die Fingernägel, die grob aus der Haut ragen, auf die Furchen. Dann schliesst sie die Augen und dreht den Kopf weg.

Der Waldbrand sei vom Wind weiter angefacht worden, sagt die Stimme aus dem Radio. Milly stellt sich vor, wie der Mann aussieht. Er ist weder jung noch alt, hat dunkle Haare, trägt einen Bart, vereinzelt zeigen sich graue Stoppeln. Seine Nase ist gross, und manchmal stösst sie gegen das Mikrofon, nur ganz leicht. Im ganzen Land lauschen die Menschen seiner Stimme, und zwischendurch hören sie den Klang seiner Nase und wissen nicht genau, was er zu bedeuten hat. Wenn der Mann vom Waldbrand erzählt, sieht sein Gesicht ernst aus, traurig sogar. Vor allem wohnt eine Wärme in seinen Augen, sein Blick auf die Welt ist der Blick eines Vaters auf seinen Sohn, ein Blick voller Liebe, voller Sorge, ein Blick, der jene Geschichten erzählt, für die es an passenden Worten mangelt. Es gab eine Zeit, in der Milly diesen Blick gern in Hugos Gesicht gesehen hätte. Irgendwann fand sie sich damit ab, dass ihm ein solcher Blick nicht gelingen konnte, und mit der Zeit spielte es keine Rolle mehr, ob er es nicht vermochte, mit warmen Augen auf ihr Leben zu blicken, oder ob er sich weigerte.

Der Mann im Radio redet nicht mehr über den Waldbrand, sondern über Börsendaten. Es ist dieselbe Stimme, aber ein anderer Klang, und seine Nase stösst nicht mehr ans Mikrofon. Milly hat noch nie verstanden, was an Börsendaten interessant sein soll. Hugo wollte die Börsendaten immer hören. Ab und an entfuhr ihm dabei ein unterdrücktes «Ha!» Sie erachtete es als Ausdruck der Freude. Vollkommen sicher war sie sich jedoch nicht, und als sie Hugo einmal fragte, ob die Börsendaten erfreulich seien, antwortete er mit jenem «Jaja», das er häufig von sich gab, wenn er glaubte, dass sie nicht verstand, worum es ging. In den letzten Jahren wollte auch er die Börsendaten nicht mehr hören, und so füllt sich ihr Haus mit Zahlen, die niemanden mehr kümmern.

Milly blickt wieder zum Meer. Weit draussen zieht ein grosses Schiff vorüber. Sie könnte jetzt dort auf der Brücke stehen, an die Reling gelehnt, könnte den Wind in den Haaren spüren, das Salz schmecken, das Dröhnen des Schiffsmotors hören. Stattdessen steht sie am Fenster ihres Hauses, in der Stille ihrer engen Welt, und alles, was sie hört, ist der Wetterbericht.

Zeitverschwendung

Sie sind seltener geworden, die Spaziergänge mit Hanna. Noch bis vor etwa einem Jahr trafen sie sich regelmässig, schlenderten dem Strand entlang oder über die Feldwege, die sich wie ein ungeordnetes Netz zwischen die obere und untere Stadt gelegt haben. Meistens ging Noah neben ihnen her, lief voraus oder liess sich zurückfallen, um dann rennend wieder aufzuholen. Hanna und Nina nahmen ihn in ihre Mitte, und mit seinen kleinen Händen schuf er eine körperliche Verbindung zwischen ihnen.

Weder bei Hanna noch bei Nina war der Alltag von einschneidenden Veränderungen geprägt, doch sie fanden stets neue Themen, die zu bereden sich lohnten. Der Stoff, aus dem bereichernde Gespräche sind, schien sich in unendlicher Vielfalt zu bilden, jeder noch so kleine Aspekt, der zur Sprache kam, öffnete sich zu allen Seiten, breitete sich aus, multiplizierte sich. An manchen Tagen war es Hanna, die mehr redete und die Konversation in immer neue Richtungen trieb, dann wiederum liess Nina ihren Gedanken freien Lauf, und selbst, wenn beide schwiegen, verstanden sie sich. Mit oder ohne Noah zählten die Spaziergänge zu den wundersamsten Wegen, mit der Zeit umzugehen.

Heute sieht Noah ihre Freundin deutlich häufiger als sie selbst. Hanna wohnt mit ihrem Mann in einem neuen grauen Ungetüm von Haus in der oberen Stadt, und wenn Nina arbeiten muss, ist Noah häufig zu Besuch bei ihr. Meistens spielen die beiden, oder sie malen und zeichnen. Praktisch alle Zeichnungen, die zu Hause am Kühlschrank oder an Wänden hängen, sind bei Hanna in jenem grossen grauen Haus entstanden.

Dass die Begegnungen mit Hanna sowohl an Frequenz als auch an Intensität verloren haben, ist Nina erst kürzlich bewusst geworden. Sie fragt sich, wer von ihnen beiden diese Entwicklung stärker vorangetrieben hat. Eine eindeutige Antwort findet sie nicht. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich manche Veränderungen nicht abschliessend erklären lassen.

Als sie Hanna anrief und fragte, ob sie Lust auf einen Spaziergang habe, sagte diese umgehend zu. Und jetzt, während sie Hanna näherkommen sieht, bemerkt Nina, wie sehr ihr diese Begegnungen gefehlt haben.

«Hallo, Nina», sagt Hanna, das ungeschminkte Gesicht von einem Strahlen erhellt. «Wie geht es dir?»

«Gut, danke. Ich freue mich sehr, dass wir uns endlich wieder treffen. Wir tun es nur noch selten.»

«Ja, viel zu selten. Keine Ahnung, woran das liegt. Aber umso schöner, dass wir jetzt hier sind. Also, wie geht’s dir?»

«Das hast du bereits gefragt.»

«Ja, ich weiss. Beim ersten Mal war die Frage wohl nur die bekannte Floskel. Jetzt ist sie mir ernst, diese Frage. Ich will wissen, wie es dir geht.»

«Mir geht es eigentlich ziemlich gut.»

«Eigentlich. Ziemlich.» Hanna neigt den Kopf. «Gleich doppelt relativierend.»

«Stimmt», gibt Nina lachend zurück. «Eine einfache Relativierung würde genügen. Mir geht es ziemlich gut.»

Sie schlendern einem Kiesweg entlang, neben ihnen liegen karge Felder in der Sonne. Nina ist froh, dass Noah in der Schule ist und sich nicht plappernd zwischen sie stellen kann.

«Manchmal spüre ich, wie sich eine Unsicherheit in mir breitmacht», erklärt Nina. «In den vierunddreissig Jahren meines Lebens habe ich an keinem anderen Ort gelebt, immer nur hier. Seit acht Jahren zusammen mit Noah. Das Leben hier, es hat sich verändert. Immer mehr Leute ziehen weg. In unserer Strasse ist mindestens die Hälfte der Häuser leer. Schilder sind zu sehen. ‹Zu verkaufen›, ist auf ihnen zu lesen. Aber kein Mensch verharrt und notiert sich die Telefonnummer. Auf einem Schild steht: ‹Gratis›. Stell dir das vor: Jemand verschenkt ein Haus! Einziehen mag trotzdem niemand. Manchmal schleichen Noah und ich in jenes Haus, setzen uns an den Esstisch, der zurückgelassen wurde, packen mitgebrachte Brote aus. Einmal hat Noah mich gefragt, ob wir dort wohnen könnten. Ich habe ihm erklärt, dass das nicht möglich sei. ‹Warum nicht?›, hat er gefragt. Ich habe ihm keine Antwort geben können und ihm gesagt, er soll sein Brot essen.»

«Hast du nie daran gedacht, ebenfalls wegzuziehen?»

«Natürlich habe ich daran gedacht. Ich denke immer wieder daran.» Nina starrt über das Meer. «Hin und wieder frage ich jene, die wegziehen, wohin sie gehen. Einige erzählen dann von einem Neuanfang in einer anderen Stadt im Landesinneren. Andere haben eine Wohnung im oberen Teil gefunden. Bitte werde nicht wütend, aber ich kann nicht begreifen, wie man ein Haus am Meer verlassen kann und lieber in einem dieser Betonklötze im oberen Teil leben möchte.»

«Mir gefällt es dort oben», sagt Hanna und klingt dabei entschuldigend.

«Ihr habt es ja auch schön, habt viel Platz. Viele Häuser in der oberen Stadt sind jedoch plump und nüchtern.»

«Immerhin müssen wir keine Angst vor dem Wasser haben.»

«Das Wasser, ja, das Wasser kommt, es ist schon da. Aber selbst mit nassen Füssen scheint mir die untere Stadt schöner und lebenswerter als die obere. Allerdings dürften nur wenige Menschen meine Meinung teilen. Und allmählich bin auch ich vom steigenden Wasser überfordert.»

«Ja», stimmt Hanna zu, wobei Nina nicht sicher ist, welche ihrer Aussagen sie bestätigt. Hannas Lippen bewegen sich, als würde sie nach Worten suchen, um weiterreden zu können. Offensichtlich findet sie keine. Sie lässt ihren Mund wieder zufallen und blickt schweigend zum Meer hinab.

Bei einer alten Parkbank am Rande des Weges bleiben sie stehen. Nina setzt sich, und nachdem Hanna das alte Holz und die abgeblätterte Farbe gemustert hat, lässt auch sie sich auf der Parkbank nieder. Vielleicht ist ihre Hose neu, denkt Nina. Hanna sitzt mit durchgestrecktem Rücken neben ihr und versucht, ihren Oberkörper von der Rückenlehne fernzuhalten und dennoch entspannt zu wirken. Beides gelingt ihr nicht.

«Wir verschwenden alle so viel Zeit.» Erneut ist es Nina, die das Wort ergreift, nachdem Hanna diesbezüglich keine Anstalten gemacht hat. «Weisst du noch, wie du mir einmal gesagt hast, dass man seine Zeit nicht verschwenden kann? Dass selbst die langweiligsten, sinnlosesten, schrecklichsten Minuten einen Wert haben? Ich habe es damals nicht geglaubt, und ich glaube es noch immer nicht. Es gibt sie, die leere Zeit, die ungelebte Zeit, und es sind in der Regel mehr als nur Minuten. Es sind Stunden, Tage. Die Uhrzeiger drehen ihre Kreise, ohne dass etwas Bedeutsames geschieht. Sogar in Momenten, die ich mit Noah verbringe, kommt es vor, dass die Zeit leer bleibt. Dabei sind es jene Momente, die Momente mit Noah, die mehr als alle anderen einen Sinn ergeben.»

«Noah ist ein wunderbarer Junge.» Hannas Stimme klingt zaghaft, beinahe brüchig. Nina erwartet, dass Hanna weiterredet, aber erneut bleibt ihre Freundin stumm, presst lediglich ihre Lippen zusammen. Die Freude, die sich zu Beginn ihres Treffens so unverstellt in Hannas Gesicht zeigte, hat sich in Schwermut gewandelt. Sie würde Hanna gerne unverblümt fragen, was in ihr vorgeht, möchte wissen, was sie so offensichtlich beschäftigt, ob sie sich vielleicht angegriffen fühlte, als Nina sagte, sie könne sich ein Leben in der oberen Stadt nicht vorstellen. Zugleich hat sie Angst, dass ihr Hannas Antworten nicht gefallen würden. Sie schiebt mit ihrer Schuhspitze einen kleinen Stein zur Seite und räuspert sich.

«Letzthin sassen Noah und ich auf einer Mauer auf halber Strecke zwischen oberer und unterer Stadt. Hier in der Nähe. Wir taten nichts, wir redeten kaum, wir sogen bloss die kühle Meeresluft ein und atmeten sie wieder aus. Wir warteten auf nichts und niemanden, wir mussten nirgends hin, hatten keine Pläne. Es war schön, dort zu sitzen und nichts zu tun. Noah summte ein Lied, und ich summte mit. Es war ein Lied, das ich ihm früher hin und wieder vorgesungen hatte. The Goldheart Mountaintop Queen Directory von Guided by Voices. Kennst du das?»

Hanna schüttelt den Kopf. Nina überlegt, ob sie ihr das Lied vorsingen soll, doch die Vorstellung ist ihr unangenehm.

«Einmal hatte er mich gefragt, was die Worte bedeuteten. Ich konnte nur antworten, dass ich es nicht wisse. Dennoch schien ihn meine Antwort zufriedenzustellen, er nickte und lächelte, und ich bemühte mich, meine Tränen zurückzuhalten, weil ich ihm nicht erklären wollte oder konnte, woher sie rührten. Manchmal kann ich sein unerschütterliches Vertrauen in mich kaum aushalten.»

Nina hält inne und wartet vergeblich auf eine Reaktion von Hanna. Deren Wortkargheit verunsichert Nina immer mehr, es behagt ihr nicht, dass das Gespräch so stark von ihrer Initiative abhängig ist. Trotzdem redet Nina weiter, wenn auch vorsichtig.

«Wie wir dort auf jener Mauer sassen, hatte ich den Eindruck, die Zeit sei zum Stillstand gekommen. Das war keine ungefüllte Zeit. Es war das absolute Gegenteil. Ich blickte auf Noah, wie er summend auf der Mauer sass, und war einfach nur stolz und dankbar. Zunächst wollte ich ihm sagen, was ich fühlte, wollte ihm von der Zeit erzählen, der leeren und der stillstehenden. Ich tat es nicht. Ich schaute ihn an und wartete, bis sich die Zeit wieder in Bewegung setzte. Wir summten The Goldheart Mountaintop Queen Directory, und irgendwann gingen wir weiter.»

Ein weiteres Mal drängen sich mehrere Minuten des Schweigens zwischen Hanna und Nina. Sie blicken beide auf einen bestimmten Punkt in der Landschaft, doch Nina bezweifelt, dass es der gleiche Punkt ist.

«Als ich zum ersten Mal hörte, dass der untere Teil der Stadt nicht mehr lange bewohnbar bleiben würde, konnte ich es kaum einordnen, und wahrscheinlich nahm ich es nicht ernst. Jetzt muss ich es ernst nehmen. Wir alle müssen. Und womöglich wiegt die verschwendete Zeit auch deshalb so schwer. Weil wir Zeit nicht unendlich auf Vorrat haben.»

Sie sitzen nebeneinander, auf dieser Parkbank, von deren Holzplanken die Farbe abblättert, und schauen schweigend auf ihre eigenen Punkte in der Landschaft. Nina möchte Hanna die gleiche Frage stellen, die ihr Treffen eröffnet hat, jenes ernst gemeinte, tiefgreifende «Wie geht es dir?», das so viel mehr ist als eine Floskel. Es ist eine einfache Frage, und Nina versteht nicht, warum sie ihr so schwerfällt. Nachdem weitere Minuten vergangen sind, stellt sie die Frage doch noch.

«Gut. Danke.»

Der Toaster ist kaputt

«Hugo? Bist du da?»

Das Haus bleibt stumm, wie so oft hängt das Schweigen alt und schwer in den Räumen. Milly zieht den Seidenschal vom Hals und legt den Mantel ab.

«Hugo? Wo bist du? Hugo!»

Beim dritten «Hugo» kippt ihre Stimme, gleicht einem Kreischen. Milly mag es nicht, wenn sie wie eine alte Hexe klingt. Sie räuspert sich, geht zum Spülbecken in der Küche, lässt das Wasser laufen, nimmt ein Glas aus dem Schrank, füllt es und trinkt es leer, ohne abzusetzen. Noch einmal ruft sie nach Hugo. Als eine Antwort erneut ausbleibt, beginnt sie dennoch zu reden.

«Das war wieder einmal anstrengend in der Stadt. Die Demonstranten waren wieder da, gleich neben dem Einkaufszentrum. Es waren nicht so viele wie beim letzten Mal. Sie waren laut. Einer hat immer in ein Megafon gerufen, doch ich habe nicht verstanden, was er gesagt hat. Egal. Ich frage mich, warum die das noch machen. Sie verändern ja doch nichts, machen alles nur noch schlimmer. Einer hat mich sogar angespuckt. Er hat mich nicht getroffen, aber er hat es versucht, hat in meine Richtung gespuckt. Der hat richtig krank ausgesehen. Ich bin froh, dass er mich nicht getroffen hat. Man weiss ja nie … Hugo?»

Milly hält den Atem an und wartet auf Hugos Stimme, auf ein Geräusch, auf einen beliebigen Klang. Als sie nichts hört, atmet sie weiter.

Sie ist ernüchtert, dass Hugo sich nicht über die Demonstranten empört. Gründe und Veranlassungen hätte er schliesslich genug. Einmal beschädigten sie den Aussenspiegel seines Wagens, doch er wurde nicht wütend, er regte sich nicht auf, sondern bestellte einen neuen Aussenspiegel beim Mechaniker und verlor kein weiteres Wort darüber. Vielleicht ist es Demut, die Hugo so gelassen bleiben lässt. Vielleicht Ignoranz oder Apathie oder eine Art von Faulheit. Was es auch ist, Milly wird es nie nachvollziehen können.

Er war nicht immer so. Als sie sich kennenlernten, schien es, als würde er von einer Maschine in seinem Innern angetrieben, dampfend und schnaubend und hungrig. Der Lauf der grossen Welt, die Lamellen eines Pilzes, Millys Gefühle, die Zutaten ihrer Tomatensauce, die Pläne und Ideen in ihrem Hinterkopf, das Leben indigener Völker – alles interessierte ihn, er wollte alles wissen und erfahren und gab sich selten mit einfachen Erklärungen zufrieden. Und obschon sie von Hugos Wissbegierde mitunter überfordert war, begeisterte sie dieser ungezügelte Enthusiasmus, diese unbändige Neugier. Dass er nach ihrer Hochzeit allmählich stiller wurde, schien ihr zunächst normal, ein gewöhnliches Nachlassen von Dynamik, eine neu gewonnene Seriosität. Sie weiss nicht genau, wann und wie die Maschine in Hugos Körper zu stottern und zu stocken begann. Sie weiss nicht, wann sie den Betrieb einstellte. Sie weiss nur, dass es lange her ist.

Jetzt hockt er manchmal in seinem Sessel, ein behäbiger Bär, müde und stumm. Eine alte Fabrik, in der alles stillsteht und der Staub sich immer dicker auf die mächtigen Apparate aus Stahl und Blech und Kunststoff legt. Meistens jedoch ist Hugo unten im Keller, in seinem Hobbyraum, der kein Hobbyraum ist, denn Hugo hat kein Hobby, sondern nur eine merkwürdige Angewohnheit. Hin und wieder nimmt er alte Elektrogeräte auseinander, um sie zu reparieren, und dann liegen sie da, wie ausgeweidete Körper, tagelang. Er versucht, die Geräte wieder in Gang zu setzen, doch meistens scheitert er. Eigentlich scheitert er immer. Häufig flucht er, nicht allzu laut, aber laut genug, dass Milly ihn hört. Sie hat längst eingesehen, dass sie in solchen Momenten nicht zu ihm in den Hobbyraum gehen muss, denn er will ihren Trost nicht, er braucht ihn wohl auch nicht.

Bei einigen dieser Leichen aus Plastik und Metall macht sich Hugo die Mühe, die einzelnen Teile zumindest rudimentär wieder zusammenzufügen. In der Regel wirft er sie einfach in den grossen Mülleimer, und wenn der Mülleimer voll ist, nimmt er den Müllsack heraus, verknotet ihn und stellt ihn an die Strasse. Dann steht Hugo da, neben dem Müllsack, mehrere Minuten lang, als wolle er den Leichenteilen der Elektrogeräte das letzte Geleit geben. Schliesslich geht er wieder hinein und nimmt das nächste Gerät auseinander.

Milly setzt sich auf die Couch im Wohnzimmer und redet weiter, obschon ihr bewusst ist, dass Hugo entweder nicht in Hörweite ist oder sich nicht für ihre Worte interessiert.

«Die Polizei … Die Polizei war anders heute. Es waren ungewöhnlich viele Uniformierte, die sich den Demonstrierenden in den Weg gestellt haben, viel mehr als sonst. Und sie waren schlecht gelaunt und ziemlich aufbrausend. Sie haben den Demonstrierenden befohlen, sich zurückzuziehen, und als jene nicht reagiert haben, hat ein Polizist seine Pistole aus dem Halfter gezogen und auf die Gruppe gezielt. Ich weiss nicht, ob er abgedrückt hätte. Seine Hand hat gezittert, ziemlich heftig gezittert. Er war noch sehr jung, der Polizist, fast noch ein Kind. Man hat durch das Visier des Helmes gesehen, dass er Angst hatte, trotz der Waffe in seinen Händen. Ein anderer Polizist hat ihm etwas zugerufen, dann noch ein zweiter. Irgendwann hat er den Arm sinken lassen und die Waffe wieder in das Halfter gesteckt. Danach sind die Demonstrierenden nur noch wütender und lauter geworden. Ich bin rasch weitergegangen. Keine Ahnung, was noch passiert ist.»

Milly lehnt sich zurück, bis ihr Rücken die Lehne der Couch berührt, legt ihre Hände in den Schoss und schliesst die Augen. In einer Zeitschrift hat sie gelesen, dass es entspannend wirkt, wenn man still von eins bis hundert zählt. Milly beginnt zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn. Siebzehn. Achtzehn. Neunzehn. Zwanzig. Einundzwanzig. Zwei …

Als Hugo die Kellertür aufstösst, zuckt sie heftig zusammen und japst. Er brummt etwas, doch Milly versteht ihn nicht. Sie fragt nach, und er brummt erneut, und wieder versteht sie kein Wort. Mit Mühe hebt sie ihren Körper von der Couch hoch, geht hinter Hugo her in die Küche.

«Was hast du gesagt?», will sie wissen.

«Wann habe ich was gesagt?», erwidert Hugo, weniger brummend als zuvor.

«Na vorhin, als du aus dem Keller gekommen bist.»

«Dass der Toaster wohl endgültig kaputt ist.»

«Der Toaster?», fragt Milly.

«Ja, der Toaster.»

«Welcher Toaster? Wir haben schon seit Jahren keinen Toaster mehr. Du magst doch keinen Toast.»

«Ich habe ihn gekauft. Auf dem Flohmarkt.»

«Du hast einen kaputten Toaster gekauft?»

«Ja.»

«Damit du ihn reparieren kannst?»

«Ja.»

«Und du hast ihn nicht reparieren können?»

«Nein.»

«Nun. Dann ist es halt so.»

«Ja. Dann ist es halt so.»

«Willst du einen neuen Toaster kaufen?»

«Einen neuen Toaster? Nein. Ich mag ja keinen Toast. Willst du einen neuen Toaster?»

«Ich? Nein.»

«Dann ist gut.»

Delfin

Am Tag nach dem Spaziergang mit Hanna ist das Wetter merklich kühler, aber ansonsten unverändert. Ein leichter Dunst hängt über dem Strand, der friedlich und menschenleer in der Sonne liegt. Nina hat ihre Schuhe ausgezogen, hält sie in der Hand. Das Schweigen, das sich in das Treffen mit Hanna mischte, sitzt noch in Ninas Kopf fest, füllt ihn aus, dass sie das Rauschen der Wellen kaum wahrnimmt. Sie fühle sich manchmal allein, sagte Hanna lapidar, bevor sie sich verabschiedeten. Zwar liegt es nahe, den Grund für Hannas Alleinsein in Thom zu suchen, der seiner Rolle als Ehemann selten Priorität einräumt. Trotzdem ist Nina noch immer nicht sicher, ob sie sich den vorwurfsvollen Unterton in der Stimme nur einbildete.

Das Meer besänftigt und heilt, es relativiert, vor allem, wenn Nina hadert. Der Blick aufs Wasser dämpft die Irritation über das Treffen mit Hanna, zumindest ein wenig, zumindest vorübergehend.

Als sie den Kopf wendet, fällt ihr etwas auf. Zunächst glaubt sie, dass es sich um ein Stück Plastik handelt, eine Folie, eine grosse Tüte vielleicht, dunkelgrau und prall und feucht. Sie will das Objekt ignorieren, zu gewöhnlich und gewohnt ist der Anblick von angeschwemmtem Abfall. Doch bevor sie sich abwenden kann, registriert sie die merkwürdige Form an einem Ende des Objekts, eine schmale Ausdehnung, stumpf zulaufend. Nina nähert sich dem Ding, das einige Meter vom Ufer entfernt liegt.

Einmal sah sie einige Delfine springen, weit draussen auf dem Meer. Nichts daran war magisch. Womöglich waren es gar keine Delfine, es hätten auch grosse Fische sein können, oder optische Täuschungen. Abgesehen davon kennt sie Delfine nur von Filmen und Fotos, ihre Gesichter wirken stets freundlich, gutmütig. Nina hat irgendwo gelesen, dass dies nur schöner Schein sei, dass Delfine weder freundlich noch gutmütig seien, sondern tote Fische begatten und Artgenossinnen vergewaltigen würden. Doch sie weiss nicht, ob dies der Wahrheit entspricht.

Eigentlich wollte sie längst mit Noah einen der Bootsausflüge machen, die einige Kilometer entfernt im kleinen Touristenort angeboten werden, wollte mit ihm hinausfahren, um gemeinsam Delfine zu sehen. Jedes Mal ist etwas dazwischen gekommen, oder die Delfine sind vergessen gegangen in den Strömungen des Alltags.

Sie ist noch einige Schritte vom dunkelgrauen Objekt entfernt, als sie keine Zweifel mehr daran hat, dass es sich tatsächlich um einen Delfin handelt. Nina bleibt stehen, wankt leicht, lässt sich auf die Knie sinken. Der Körper des Tieres ist fehl am Platz, er widersetzt sich dem natürlichen Gang der Dinge, er ist unpassend und erstaunlich gross. Dennoch wirkt er elegant, anmutig. Nina setzt sich und starrt auf den Delfin, als warte sie darauf, dass er sich lösen und zurück ins Wasser bewegen würde. Aber das tut er nicht, er liegt regungslos im Sand. Etwas, das Delfine nicht tun sollten.

Die Haut ist kühl und feucht und glatt. Während Nina sie berührt, schliesst sie ihre Augen und denkt an die Oberfläche eines gekochten Eis, weich und elastisch. Sie lässt ihre Handfläche über die Haut gleiten, ganz langsam und nur ein Stück weit, immer in gleicher Richtung. Ihr ist bewusst, dass der Delfin tot ist, wahrscheinlich schon tot war, als er ans Ufer gespült wurde. Dennoch beginnt sie, mit ihm zu sprechen, leise, aber nicht flüsternd.

«Es ist gut. Alles ist gut. Ich bin hier. Es ist gut.»

In stetiger Wiederholung redet Nina auf ihn ein, der Delfin jedoch bleibt starr. Während sie die glatte Haut streichelt, stellt sie sich vor, wie das Tier durch die Tiefen des Meeres schwimmt, wie seine schnabelförmige Schnauze das Wasser teilt, wie sein langer Körper sich windet. Diese Kraft, diese Dynamik, dieses Leben, alles ist entwichen, nur noch ein glänzender Klumpen Fleisch ist übriggeblieben. Nina lässt ihre Hand auf der kühlen Haut ruhen, ihre Fingerkuppen bewegen sich zaghaft und kleinräumig, als wolle sie vermeiden, den Delfin aufzuwecken. Sie kann ihn nicht aufwecken.

Sie sucht ihn nach Wunden ab, nach einem Grund für sein Sterben. Die Haut scheint unversehrt. Vielleicht war er alt, denkt sie, jedoch wirkt er nicht alt, auch nicht krank, obschon sie mit den Augen einer Laiin kaum eine valide Aussage machen kann. Wie sie um den toten Körper schleicht, spürt sie, dass sich in ihrem Hals etwas verschiebt und querlegt. Die Kehle wird trocken, das Schlucken schwer. Die Traurigkeit bringt sie ins Wanken, also setzt sie sich wieder neben den Delfin, lehnt ihren Körper gegen seinen, legt ihren Kopf behutsam neben der grossen Rückenflosse auf seine Haut und wartet mit geschlossenen Augen, bis der störende Brocken in ihrem Hals sich gelöst hat.

«Was mache ich denn nun mit dir?» Der heisere Klang ihrer eigenen Stimme lässt Nina zusammenzucken. Sie blickt sich um. Sie könnte den Körper wieder dem Meer überlassen, schliesslich sterben Delfine in der Regel im Wasser, ihr Lebensraum ist auch der Ort ihres Todes. Trotzdem fühlt es sich falsch an, ihn einfach in den Ozean zu befördern, wie ein Stück Treibholz oder Abfall. Nina zögert, dann packt sie den Delfin an der Schwanzflosse und versucht, ihn in Richtung des nahen Waldes zu ziehen. Nach wenigen Sekunden muss sie aufgeben und sinkt in den Sand. Sie hat nicht damit gerechnet, dass der Delfin so schwer ist. Das Bild des anmutig durchs Meer gleitenden Tieres hat eine Leichtigkeit vorgespielt, die sich nicht mit der Realität deckt, in der sie den wuchtigen Körper nicht vom Fleck zu bewegen vermag.

Während sie neben dem toten Delfin im Sand liegt und wartet, bis ihr Atem sich allmählich normalisiert, betrachtet sie die wenigen Wolken am Himmel. In einer dieser Wolken glaubt sie, die langgestreckte Form eines Delfins zu erkennen, ein Abbild jenes Körpers, neben dem ihr eigener gerade liegt. Nach wenigen Sekunden löst sich das Bild auf, der Delfin franst aus und zerfällt in vereinzelte Schwaden, die nach allen Seiten streben und sich im Blau des Himmels verlieren.

Nina beobachtet das Auflösen eines dieser Wolkenfetzen, als sie einen Ruf hört. Im ersten Moment kann sie das neue Geräusch nicht einordnen. Wie sie es zum zweiten Mal hört, sieht sie sich um und registriert Bewegungen am Rand des Waldes. Da sind Männer, fünf, sechs, nein, sieben Männer. Mit energischen Schritten nähern sie sich, immer schneller, ihr Gehen wird zum Laufen. Der Ruf vervielfacht sich, klingt aggressiv, zornig. Nina denkt an das Gebrüll während der Demonstrationen und vermutet, dass es sich um Aufständische handelt. Sie kann nicht verstehen, was die Männer rufen, doch ihr ist klar, dass es keine guten Nachrichten sind, die sie ihr überbringen möchten.

Sie kommen immer näher, und Nina bemerkt erst jetzt, dass sie sich an den Delfin klammert. Ob sie das tote Tier beschützen will oder es eher als Deckung zu nutzen versucht, weiss sie nicht genau. Sie lockert den Griff, aber nur vorübergehend. Als die Männer sie und den Delfin erreichen, schliesst sie die Augen und hofft, dass sie weiterrennen, ohne sie zu beachten.

«Geh da weg!», bellt einer, die Stimme viel höher und jünger als erwartet.

Nina bewegt sich nicht, klammert sich noch heftiger an den Delfin. Sie spürt, wie ihre Muskeln sich verkrampfen, und presst die Zähne aufeinander.

«Ich habe gesagt, du sollst da weggehen!», tönt die hohe Stimme.

Noch immer schweigt Nina, und erst, als einer der Männer sie an der Schulter berührt, reagiert sie.

«Lasst mich in Ruhe.»

«Du bist uns egal. Wir wollen nur den Fisch.» Es ist die Stimme eines anderen Mannes, bedeutend tiefer und ruhiger als die andere.

«Das ist kein Fisch! Das ist ein Delfin!»

«Auch das ist uns egal. Geh einfach weg von ihm.»

«Nein!»

«Mach’s doch nicht unnötig schwierig.»

Nina beisst sich auf die Unterlippe. Der Schmerz lenkt ab, und einen Moment lang glaubt sie, dass sie die Männer damit ausblenden oder eliminieren könnte, wie eine Welle, die eine Spur im Sand wegspült.

«Geh jetzt weg vom Fisch!», brüllt die hohe Stimme wieder und überschlägt sich.

«Es ist kein Fisch! Es ist …»

Sie wird von rohen Händen gepackt und weggezerrt, jemand schubst sie zur Seite, und Nina fällt in den Sand. Reflexartig hebt sie die Arme, legt sie um den Kopf, um ihn vor Schlägen zu schützen, doch nichts geschieht. Nach einigen Sekunden schaut sie sich um. Die Männer kümmern sich nicht um sie, sondern scharen sich um den Delfin und versuchen, ihn gemeinsam wegzuzerren. Aus ihrem Rufen und Stöhnen klingt Zorn und Ungeduld, vor allem aber tobende Gier. Sie sehen ungepflegt aus, ihre Kleidung ist schmutzig und abgetragen, ihre Körper wirken ausgemergelt. Nachdem sie das tote Tier vielleicht zwei oder drei Meter durch den Sand gezogen haben, lassen sie fluchend von ihm ab.

«Dieser verdammte Fisch ist zu schwer!», hört sie die hohe Stimme.

«Es ist ein Delfin, und er gehört euch nicht!»

Nina steht auf und taumelt zum Körper des Tieres, entschlossen, ihn vor den Männern zu schützen. Sie blickt kämpferisch auf die Gruppe, als sich einer daraus löst und sich ihr nähert. Er geht auf sie zu, als wolle er sie umarmen, lächelnd, die Augen gross und weiss, die Hände weit von sich gestreckt. Erst im letzten Moment verändern sich Körperhaltung und Gesichtsausdruck. Der Schlag kommt unangekündigt, lässt ihren Kopf zur Seite schnellen, ihre Knie geben nach und knicken ein. Wie heftig der Schlag war, bemerkt sie erst, als sie das Blut schmeckt.

«Bleib liegen, sonst bereust du’s», knurrt der Mann, der sie geschlagen hat, und wendet sich wieder dem Delfin zu. Nina rappelt sich erneut auf, spürt aber sogleich einen heftigen Hieb gegen den Oberschenkel.

«Was stimmt nicht mit dir?», fragt der junge Mann mit der hohen Stimme, und einen Moment lang ist Nina geneigt, eine aufrichtige Antwort auf die Frage zu formulieren, eine Erklärung für ihr Verhalten zu geben, vielleicht sogar ihre Wut zu rechtfertigen. Nach einem Blick in das Gesicht des jungen Mannes muss sie einsehen, dass ihre Motivation und ihre Gefühlslandschaften ihm im besten Fall gleichgültig sind. Sie schluckt ihren blutgetränkten Speichel hinunter und starrt auf den Delfin.

Einer der Männer zieht ein Taschenmesser aus seiner Hose, klappt es auf und prüft die Schärfe der Klinge. Dann rammt er das Messer in den Körper des Tieres und bewegt seine Hand hin und her, regelmässig, rhythmisch, als würde ihn der Takt einer Musik leiten, die nur er hören kann. Während er die graue Haut bearbeitet, glaubt Nina, sich übergeben zu müssen, schluckt aber lediglich leer. Kurz darauf schreit der Mann auf und reckt seinen Arm empor. Zwischen seinen Fingern hängt ein weiches Etwas, ein Stück Fleisch, grau und weiss und dunkelrot. Die anderen starren den triumphierenden Mann an, lassen ihre Unterkiefer ein wenig sinken, nur einen Zentimeter weit vielleicht, aber weit genug, um eine Art von Ehrfurcht in ihr Gesicht zu zeichnen. Das Bild friert ein. Es könnte das Ende eines Filmes sein, das Ende einer Geschichte, doch es ist nur ein Innehalten. Was folgt, ist das Toben von sieben Menschen, denen das Menschliche abhandengekommen ist. Oder womöglich ist es gerade das Menschliche, das sich Bahn bricht. Die Männer, mit ihren geifernden Mäulern und den stechenden Augen und dem wütenden Heulen, das sind keine Tiere. Nina starrt auf den rasenden Pulk aus Männerkörpern, die sich um das Messer balgen und es, sobald sie es in ihren Händen halten, in den toten Delfin rammen, um Stücke herauszuschneiden. Wenn sie das rohe Fleisch essen, bleiben Blutspuren im Gesicht, doch keiner scheint sich daran zu stören. Ihre kauenden Kiefer wirken stoisch im unheilvollen Tosen.