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Das Glück kommt von verschiedenen Seiten auf uns zu. Manchmal zeigen wir ihm die kalte Schulter, weil wir es nicht erkennen, manchmal erwarten wir zu viel und erkennen nicht das wahre Wesen von Glück. In jeder der zehn Geschichten sind Menschen in Situationen gestellt, in denen es zu einer Wendung kommt, einer unerwarteten Herausforderung oder gar einer unbezwingbar scheinenden Aufgabe. Irren ist erlaubt, erfahren sie auch und erkennen zuletzt, dass die eigentliche Aufgabe war, sich treu zu bleiben.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Sigrid Jo Gruner
Dem Glück auf der Spur Band 3
Bittersüße Geschichten, wie das Leben sie erzählt.
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Überraschungsgäste oder Eine Hausfrau aus dem Bilderbuch
Kapitel 2: Familienbande
Kapitel 3: Wissen Sie vielleicht, wer ich bin?
Kapitel 4: Ein Gut in Holstein
Kapitel 5: Mein Ex drängte sich zwischen mich und die Jungs
Kapitel 6: Gute Mutter - schlechte Mutter?
Kapitel 7: Vater wider Willen
Kapitel 8: Viel Liebe – Deine Britta!
Kapitel 9: Bei Männern ging ich lieber auf Distanz
Kapitel 10: Brunos religiöser Wahn brachte unser Baby in Lebensgefahr
Infobox vegane Ernährung
Infobox Sekte
Impressum neobooks
Franziska ist eine gelassene Hausfrau, auch zu Terminplanung und Organisation hat sie eine eigene Einstellung. Allerdings kocht sie leidenschaftlich gerne. Nun soll der Chef ihres Mannes Christian nebst Gattin zu Besuch kommen, dafür plant sie ein schönes Essen. Es steht auch einiges auf dem Spiel, denn es ist eine Art Testessen. Christian hat gute Chancen befördert zu werden, und das würde das knappe Finanzbudget der jungen Familie, die sich vor drei Jahren in das Abenteuer eines Hauskaufs gestürzt hat, sehr erleichtern.
"Tobi, mach schnell, wir müssen nachhause!" Franziska hatte die Zeit verschwatzt. Auf dem Markt war es wieder rappelvoll. So sehr sie es auch liebte, zwischen den farbenfrohen Ständen voller Frühlingsgemüse, den ersten Erdbeeren und wilden Kräutern herumzuschlendern und mit den Marktfrauen, die in ihrer satten Fülle hinter ihrer Ware thronten, über das bevorstehende Stadtteilfest oder die steigenden Spargelpreise zu reden, mit dem zweijährigen Tobi zusammen war es kein wirkliches Vergnügen. Er quengelte an ihrer Hand und zerrte an den Einkaufstüten. Franziska hatte eine angeborene Distanz zum Putzen und war kein Freak von Wäschewaschen. Doch Kochen konnte sie, das gab selbst Christian, ihr kritischer Ehemann, neidlos zu. Sie hatte eine Fähigkeit, die sie in der Küche einfach unschlagbar machte, sie konnte improvisieren.
Heute allerdings hatte sie eine sorgfältig erstellte Einkaufsliste abgearbeitet. Ein Perlhuhn sollte es sein, dazu einheimische Champignons, Spargelspitzen, frische Artischocken vorweg, neue Kartöffelchen, die Franziska zusammen mit Rosmarin im Backofen schmoren wollte, Limonen, Minze und Sahne für das Sorbet zum Nachtisch. Auch an einen dicken Bund Narzissen hatte sie gedacht. Alles ein wenig zu kostspielig für ihre immer knappe Haushaltskasse, aber es hing schließlich einiges vom Gelingen des morgigen Abends ab
Nun machte Franzi noch rasch einen Boxenstopp bei ihrer Nachbarin Vera, um sich bei einer Tasse Tee den letzten Tratsch aus dem Viertel zu holen, denn auf Vera war Verlass, sie ... nun ja, sagen wir es so: sie interessierte sich sehr für ihre Mitmenschen. "Was gibt’s denn morgen Wichtiges, dass du so einen Aufstand machst?" fragte sie Franziska, die ihre Beine hoch gelegt hatte und genüsslich an einem Muffin kaute.
Tobias machte sich gerade am Herd zu schaffen. "Vorsicht", grummelte Franziska mit vollem Mund, "willst du deine Finger braten?" Tobias drehte sich um und strahlte seine Mutter aus blauen Augen an. Er sprach noch nicht viel, das hat er von Christian, pflegte Franziska immer zu spötteln.
"Du hast wirklich die Ruhe weg", meinte Vera mit neidvollem Unterton.
"Ach, was kommen soll kommt, meinte meine Omi immer", feixte Franziska.
"Nun sag endlich", drängelte die Freundin.
"Also, stell dir vor, Krischans Chef will mich kennenlernen und unser trautes Heim dazu“. Franziska blies die aufgeregt geröteten Wangen auf. "Es geht um eine Beförderung, Krischan hat gute Chancen, aber da gibt’s noch zwei andere, die beim Chef herumschleimen."
„Holla die Waldsfee!“ Vera staunte. „Lohnt es sich denn?"
"Allerdings! Der Job ist wesentlich besser bezahlt, ein richtiger Quantensprung, er hat nur einen Haken - Krischan müsste dabei viele ausländische Gäste betreuen und auch mal zu uns einladen", grübelte Franziska.
"Na und?" Veras Stimme hatte jetzt eine leicht spitze Note.
"Na ja, du kennst mich doch, Organisation und Ordnung sind nicht gerade meine starken Seiten." Beim Schlag der Standuhr sprang Franziska auf. "Himmel, schon sechse! Gleich kommt Christian. Wir wollen uns heute einen gemütlichen Abend machen, morgen früh nehme ich dann die Zimmer in Angriff, damit sie abends glänzen!"
"Mensch Franzi, schaffst du das, putzen und ein Drei-Gang-Menü kochen, und das alles an einem Tag?" meinte Vera zweifelnd.
"Und Haare waschen und Tobias schrubben und dann entspannt Konversation machen", meinte Franziska kichernd. "Weiß Gott, ein Großkampftag."
"Soll ich dir am Vormittag zur Hand gehen?"
"Ja, würdest du?"
Franzi freute sich und fand endlich den Absprung in die eigenen vier Wände. Dort sah es deutlich weniger ordentlich aus als bei der Super-Hausfrau Vera, aber das kratzte Franzi wenig. Legosteine auf dem Sofa, ein kleiner Tretroller umgekippt neben dem Fernseher, ein invalider Teddy mit nur einem Bein auf dem Fußabtreter, verklebte Schokospuren auf dem Glastisch, manana! Sie ließ Tobi im Wohnzimmer das Chaos vergrößern und suchte im Kühlschrank die Reste des Hackbratens vom Vortag zusammen. Dazu Gürkchen und Vollkornbrot, dachte sie, eine Hähnersuppe aus der Dose vorweg, das musste reichen. Dafür würde es ja morgen ein Festessen geben!
„Hi Liebling!“ Krischan begrüßte seine Frau mit einem Kuss auf die Wange. "Im Esszimmer stehen ja schon Blumen .. aber kalt ist es dort noch."
"Reicht doch, wenn ich morgen Nachmittag heize", meinte Franzi.
"Franzi, hast du an den Wein gedacht?"
"Nein, mache ich morgen."
"Morgen, morgen..!“ Christian betrachtete seine Frau kopfschüttelnd. "Morgen darf wirklich nichts schief gehen, Süße!"
"Vera wird mir helfen", beschwichtigte ihn Franzi.
"Na, ich geh erst mal duschen." Christian verzog sich.
Im Schlafzimmer schlüpfte Franziska in ihren Morgenmantel und begutachtete ihr volles Haar. Nach einigem Suchen fand sie ihr Lieblingsshampoo ohne Verschluss und daher ausgelaufen hinter der Waschmaschine. Franzi buchte es auf das Konto "Nun mal geschehen, nicht zu ändern" und verschob die Verschönerungsaktion auf "morgen."
"Läuft die Serie schon auf Kanal 7?" rief sie nach unten. Ihr Krischan antwortete nur mit einem Grunzton, weil er sich gerade eine Bierdose an den Mund setzte.
Gerade als Franziska sich in den Ohrensessel geflegelt und die Beine hochgehievt hatte, läutete es an der Haustür. "Wer kann das sein? Vielleicht Vera?" murmelte sie und erhob sich seufzend. Im Guckloch sah sie zwei bejahrte, sorgfältig gekleidete Herrschaften, von denen der Mann mit einem Blumenstrauß bewaffnet schien, die Frau mit einem breitkrempigen, gefederten Hut und einem stählernen Lächeln. Franzi öffnete zögernd, sandte ein "Hallo" in die frische Abendluft und setzte eine neutrale Miene auf.
"Guten Abend, Sie müssen Frau Hansen sein?" fragte das Paar fast unisono. Jetzt erst bemerkte Franziska, dass die beiden sie erst erwartungsfroh und auffordernd angrinsten und dann ihren Blick über Franziskas Outfit wandern ließen. "Gestatten Sie, Wiederhut, Direktor Wiederhut, und das ist meine Gattin. Vielen Dank für Ihre Einladung."
Der Chef nebst Gattin! Franziska wurde es kühl. Eine Gänsehaut lief ganz langsam über ihren Rücken und die kleinen Härchen im Nacken stellten sich hoch. Sie hatte das Datum verwechselt!! Das war die einzige Erklärung. Ja, war sie denn von allen guten Geistern verlassen gewesen, als sie vor zwei Wochen mit der Gattin telefoniert hatte??
Nach einer Ewigkeit wie es Franzi schien, kam auch der aufgescheuchte Krischan dazu, der sich geistesgegenwärtig des Paares bemächtigte, es in das Wohnzimmer schob und mit Drinks versorgte. Herr und Frau Direktor Wiederhut sahen sich interessiert um. Frau Wiederhuts Blick schweifte über die lila angestrichenen Regale, über die gebauschten orangefarbenen Vorhänge, die Picasso-Drucke an der Wand. "Schön haben Sie's hier, so unkonventionell." Christian räusperte sich und schob mit dem Fuß einen Stoß zerfledderter Zeitschriften unter das zerknautschte Sofa.
"Sicherlich haben Sie einen Hund, da ist es schwer, Ordnung zu halten", meinte Frau Wiederhut mit leicht säuerlicher Miene und strich mit dem Finger über den Glastisch. "Hund weniger", kicherte Franziska, "aber einen zweijährigen kleinen Schlingel." Frau Wiederhuts Miene drückte äußerstes Verständnis aus, während sie sich zwischen den Legosteinen niederließ.
Franziska floh in die Küche und entdeckte im Fach für Teigwaren ein paar Salzmandeln, die sie zusammen mit einem Rest Oliven in ein Schälchen schüttete. Oh Gott, was sollte sie jetzt tun? Panik überflutete sie für einen kurzen, schmerzvollen Moment und setzte ihr Gehirn lahm. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, warf ihr Krischan einen unheilvollen Blick zu, den sie zu ignorieren beschloss. "Ja, ich dachte mir, wir machen es uns mit Ihnen so recht bequem", zwitscherte sie, "steife Einladungen müssen Sie sicher allzu oft über sich ergehen lassen."
Frau Wiederhut nickte hölzern und fasste mit behandschuhten Händen nach ihrem Martiniglas. Von oben rief eine Kinderstimme: "Mami, bin fertig!" Tobias auf dem Töpfchen. Mit hochrotem Kopf lief Franziska los, steckte den wütend protestierenden Tobias innerhalb von zwei Minuten ins Bett und schaffte es in einer weiteren Minute, in Leinenhose und Seidenpulli zu schlüpfen. Makeup - no chance, von Frisur war ohnehin nicht zu sprechen, dafür eine Wolke Obsessione. Konnte nicht schaden. Und jetzt Mut, Franziska!
Drunten war die Unterhaltung nicht eben munterer geworden. Christian bemühte sich nach Kräften, mit der Situation fertig zu werden. In seiner Not holte er gerade das Fotoalbum ihrer Hochzeitsreise aus dem Schrank.
Franziska riss den Kühlschrank auf. Das Perlhuhn konnte sie getrost vergessen, das Limonensorbet ebenso, was gab der Kühlschrank noch her? Wenig, wie sie sofort feststellte. Ein Glas Ententerrine vom letzten Frankreichurlaub, das sich ganz hinten versteckt hielt, dazu konnte sie die Gürkchen nehmen und ein paar Feigen aus der Dose, eine Handvoll trockene Cracker aufbacken, dazu die Blüten der Kapuzinerkresse vom Fensterbrett. (Passte das eigentlich zusammen? - Egal, es sah auf jeden Fall hübsch aus). Während sie eine kalte Platte arrangierte, klemmte sie das Telefon ans rechte Ohr. "Vera, um Gottes Willen, was gibt's bei dir heute zum Abendessen?"
"Wieso das denn?"
"Himmel, fragt nicht, sag's einfach."
"Also Franzi!!! - Heute mal was Schnelles. Ein Fertiggericht, asiatisch, aufgetaut, sieht ganz gut aus, mit Huhn, Morcheln, chinesischem Rettich und so."
"Könnte gehen. Tust du mir einen Gefallen - bringst du mir's rüber? Und von der Tankstelle um die Ecke zwei Flaschen Wein?" Bevor die konsternierte Vera nachfragen konnte, legte Franzi auf und balancierte das Vorspeisenbrett ins Esszimmer. Dann bat sie zu Tisch. "Originell", urteilte die Frau Direktor, "Paté mit Feigen, das kenne ich gar nicht. Und diese Blüten isst man mit?"
"Sicher", bestätigte die gute Hausfrau mit Unschuldsmiene, "köstlich nicht?" Die Gäste nickten ergeben und befanden die Einrichtung des Esszimmers, die das junge Paar größtenteils vom Trödelmarkt geholt hatte, als ebenso originell. "Erbstücke?" meinte der Chef. Franzi räusperte sich. "Ja, sozusagen."
Christian hatte mittlerweile einen Heizstrahler organisiert, der ein wenig Wärme in die ausgekühlte Atmosphäre brachte. "Die Heizung in diesem Raum funktioniert nicht gut", murmelte er entschuldigend, und wieder streifte ein strafender Blick die errötende Franzi. Wo blieben Vera und ihr Chinatopf? Franziska nötigte die Gäste zu zweimaliger Paté. Die Unterhaltung kam langsam in Gang, als Tobias im Schlafanzug ins Zimmer trollte und lauthals eine Himbeerlimo forderte. Das gab Franzi Gelegenheit zu entschwinden und Vera zu öffnen, die mit einem dampfenden Topf, den sie zwischen zwei Lappen trug, eintraf. "Endlich, gottseidank!"
"Vorsicht, das ist kochend heiß!" warnte Vera. "Nun sag endlich, warum wir heute ohne warmes Abendbrot bleiben sollen? Thomas war nicht begeistert!"
"Rate, wer gerade bei uns am Esstisch sitzt?"
Veronika stutzte, dann grinste sie und brach in Lachen aus. "Der Chef..?"
"Exakt - nebst lieber Gattin", ergänzte Franziska.
Vera ließ sich auf einen Stuhl fallen. "Aber der Chinesentopf reicht nicht für vier Leute!" sagte sie und schlug die Hände zusammen.
"Das klappt schon", rief die resolute Franzi. Sie schnitt die verschmähten Bratenreste vom Vortag in mundgerechten Happen in den dampfenden China-Schmaus, riffelte rote Paprika und ein paar Peperonis dazu ("Vorsicht", schrie Vera, "das ist eh schon sehr scharf!") und goss alles mit Fleischbrühe aus der Dose auf. Der Tütenreis köchelte schon. Dann schob sie Freundin zur Seite und servierte so anmutig wie sie nur konnte.
Die Gäste griffen zu, nachdem die Gattin verlauten ließ, dass sie Asiatisches und namentlich Scharfes wirklich sehr liebe, dabei blickte sie leicht gequält auf ihren Mann und hob die Serviette an den Mund. Dass sie danach das Wasserglas mehrmals hektisch leerte und in lang andauerndes Schweigen verfiel, stimmte Franziska ein wenig nachdenklich. Aber Zeit sich Sorgen zu machen, hatte sie keine, denn nun stand der Nachtisch an. Vera, die in der Küche die Strippen zog, hatte sich eine Tüte Marshmallows gegriffen.
"Ich kann ihnen doch nicht nur Marshmallows zum Dessert servieren", sagte Franziska gehetzt.
"Na, dann denk dir was aus!"
Franziska schob die Marshmallows kurz entschlossen zum Schmelzen in das Bratrohr und bereitete in der Zwischenzeit eine Soße aus zwei Tafeln Schokolade zu, die sie aus dem Vorrat für Tobias Kindergeburtstag stibitzte. Verziert mit ein paar gesprühten Sahnemonden, Maraschinokirschen und den restlichen Kapuzinerblüten sah es dann gar nicht übel aus, das Dessert, das sie kurzentschlossen "Präriemond" nannte und damit schwer Eindruck auf die Wiederhuts machte. "Amerikanisch!" befand Frau Wiederhut. "Interessant!"
Der Cognac zum als Espresso deklarierten Pulverkaffee tat dann ein übriges. Als sich das Paar dann rasch mit der Entschuldigung, früh raus zu müssen, und dem heißen Dank für einen unvergesslichen Abend verabschiedet hatte, fielen Franziska und Christian in die Sessel. "Das wird nichts", murmelte Krischan resigniert.
"Fürcht' ich auch", bestätigte Franziska und machte ein betretenes Gesicht. "Diese Blamage.. und alles meine Schuld... Wir hätten den Finanzschub weiß Gott gebrauchen können! Mein Gott, wenn ich an unsere Hypothek denke!" Nun rollten Franzi doch ein paar erschöpfte Tränen über die Wangen.
"Kind, warum legst du dir nicht endlich einen Terminkalender zu? Und über gute Organisation will ich gar nicht erst reden", brummelte Krischan mit genervter Stimme und legte die Stirn in Falten. Aber das zerknirschte Gesicht seiner Frau rührte ihn doch. Er stand auf, um sie hochzuziehen und ihr einen Kuss zu geben: "Komm, ist jetzt nicht mehr zu ändern, wir haben uns ja wacker geschlagen. Sollte eben nicht sein." Beide gingen eng umschlungen die Treppe hoch. Betrübt, aber gefasst und glücklich darüber, dass das kleine Debakel zumindest zu keiner Trübung ihrer Beziehung geführt hatte.
Als Franzi in den Kissen lag, flüsterte sie ihm noch zu: "Aber es wäre schon nett gewesen - weißt du, denn schließlich könnte es sein, dass wir bald nicht mehr zu dritt, sondern zu viert sein sind."
Christian richtete sich mit einem Ruck auf: "Sag das noch mal!"
"Schschschhh, noch ist es ja nicht ganz sicher." Franzi kicherte über die Miene ihres Mannes, der sich nach hinten fallen ließ und mit gespielter Verzweiflung die Hände rang. "Oh Himmel, nicht schon wieder..!"
"Wir werden es schon irgendwie schaffen, ja ich denke, wir kriegen das hin, auch ohne Beförderung, das wäre ja gelacht", murmelte Franzi beschwörend in sich hinein, es klang fast wie ein Mantra.
Als Franziska am nächsten Morgen die geplante Putzaktion startete, ging ihr nicht aus dem Kopf, was der Chef beim Abschied gesagt hatte: "Na, kleine Frau, das war's dann wohl!" Ganz offensichtlich war die Sache für ihn klar. Franziska tat es für Christian leid, aber wenn der neue Job an so viele Unannehmlichkeiten gebunden war, dann konnte er ihr auch schnurz-piep-egal sein. Sie schnaubte und ließ den Staubsauger aufheulen.
Eben als sich Franziska eine Tasse Kaffee aufbrühte, klingelte das Telefon. "Liebes Kind, meine Güte, ich weiß gar nicht was ich sagen soll!" Eine aufgeregte Stimme. Frau Direktor Wiederhut. Franziska atmete tief durch. Jetzt kam die Standpauke!
"Wo hatte ich nur meinen Kopf? Können Sie mir das nachsehen?" Frau Wiederhuts Stimme drang durch alle Knochen.
Franziska stotterte etwas wie "Ähm, wieso denn bloß?"
"Ich hatte mich vertan, wir waren ja erst heute Abend verabredet. Sie haben uns gar nicht erwartet und dennoch so nett bewirtet!!" Die Frau Direktor war ganz baff und voller Huld. "Ich kann mich nicht genug bei Ihnen entschuldigen. Nochmals vielen Dank für dieses köstliche originelle Essen, wir haben es wirklich genossen."
Ach? Franziska zwickte sich erst mal in den Arm, dann machte sie einen inneren Luftsprung und war mit einer Gegeneinladung zu Wiederhuts "so bald es nur irgend möglich wäre" nun genauso huldvoll einverstanden.
Ihr Mann kam mit Verspätung und einem Strauß gelber Rosen nachhause. "Rate, von wem?" fragte er seine verdutzte Frau. "Vom Chef - für dich", fuhr er fort. "Er sagte, wenn eine Frau so großes Geschick im Improvisieren hat und ein derartig internationales Menü aus dem Nichts zaubern kann, ist sie geradezu prädestiniert für den Job. Und ihr Mann ohnehin." Christian zog seine Franzi fest an sich.
Franziska wurde ein wenig schwindelig. Ihr Krischan hatte es geschafft, nein, sie hatte es geschafft. Unglaublich. "Ja, willst du den Job denn überhaupt noch?" fragte sie ihren Mann und registrierte einen Soßenfleck auf seiner Krawatte.
"Nur, wenn du mitmachst!" kam es wie aus der Pistole.
"Ja klar, aber eines kann ich dir jetzt schon sagen!" Franzis Tonfall wurde kämpferisch. Christian setzte seinen kritisch-fragenden Blick auf.
"Ändern werde ich meinen Haushaltsstil nicht, auf gar keinen Fall", fuhr Franzi selbstbewusst fort.
"Nein, dieses Erfolgsmodell solltest du unbedingt beibehalten. Bloß keine Änderungen!!"
Beide fielen sich in die Arme und kicherten wie Backfische. Im Hintergrund pfiff der Wassertopf. Tobias schlug auf seine Trommel ein und im Fernseher quakte die Sesamstraße. Aber Christian und Franziska kriegten von alledem kaum was mit.
Friede, Freude, Eierkuchen – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte aus Franzis Nähkästchen!
Franzi, Christian und Jonas, eine junge Familie, wohnen in einem bescheidenen, leicht maroden Haus mit einem unansehnlichen Garten. Sie kommen wirtschaftlich gerade über die Runden, das zweite Kind hat sich angekündigt. Da kommt der schrullige Onkel Franz zu Besuch, ein als Geizkragen verschriener alter Herr, der zwar schwerhörig ist, aber die Dinge noch ganz genau mitkriegt. Wochen später erhält Franzi einen überraschenden Anruf.
Franzi ließ das Telefon lange läuten. Sie hatte die Füße hochgelegt und versuchte, die Mittagszeit für ein kleines Nickerchen zu nutzen, bevor Jonas sie wieder in den gewohnten Zirkus ziehen würde, den ein energiegeladener Dreijähriger nun mal macht, wenn er nach seinem Mittagsschlaf tatendurstig, mit geröteten Wangen und blitzenden Augen in der Tür steht. Vielleicht gab es ja von selbst Ruhe! Tat es nicht. Aufseufzend stemmte sie sich hoch und meldete sich mit einem knappen "Ja?"
"Liebes, ich bin's."
"Christian!! Was ist los, ich dachte, du bist auf Dienstreise in München?"
"Ja, das dachte ich auch", grummelte ihr Mann, "das Auto streikte, mitten auf der Autobahn, kannst dir denken, wie begeistert ich war. Musste mich abschleppen lassen und zurück ins Büro.. Aber deswegen rufe ich nicht an."
"Sondern? Was Wichtiges?" Franziska hielt ein wenig den Atem an. Eine Autoreparatur, oh je, auch das noch! Dieser Monat war eh so knapp. Ihr Mann Christian war sonst umsichtig und die Ruhe selbst. Wenn er so herumdruckste, dann verhieß das erst mal nichts Gutes.
"Nein, ja, na, wie man's nimmt...", stotterte Christian. "Also der gute Onkel Franz hat sich gerade bei mir gemeldet. Du weißt schon, der bei unserer Hochzeit mitten in den Ringwechsel hineinplatzte."
"Aber hallo erinnere ich mich. Er aß für drei, verärgerte zwei alte Damen, weil er sich auf ihre Hüte setzte und hatte kein Geschenk dabei", meinte Franzi spitz.
"Na ja, gut, er ist ein wenig eigenartig, aber eine Seele von Mensch, wie meine Mutter immer sagt. Er hat sich nach dem frühen Tod von Tante Sophia sehr zurückgezogen, und haust seit seiner Pensionierung in dieser verschrobenen Villa in einem Winkel, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen."
"Und was ist jetzt mit ihm?" drängelte Franzi.
"Ja, also - er kommt am Wochenende in die Stadt, sein alter Freund Manfred wird zu Grabe getragen. Er fragte zwar nicht ausdrücklich, aber..." Christian machte eine Pause, "ich würde ihn gern zu uns einladen. Und keine Sorge, übernachten wird er im Hotel."
"Das ist auch besser so, unser Bad ist nicht wirklich vorzeigbar", konterte Franzi. Dann fiel ihr ein: "Mensch, Krischan, am Samstag sind wir doch zu Lena aufs Segelboot eingeladen, Jonas freut sich so darauf, und ich auch, wir wollten endlich mal wieder ins Grüne“, platzte Franzi heraus, "raus aus der stickigen Stadt."
"Tut mir wirklich leid", bat Christian, "aber können wir das nicht auf nächste Woche verschieben? Schau, er hat seinen alten Freund verloren. Das trifft ihn schwer. Er hatte ja ohnehin nicht viele, nehme ich an."
Franzi schluckte. Christian hatte eindeutig mehr Familiensinn als sie. Na ja, es hätte schlimmer kommen können. Bei einem solch traurigen Anlass wollte sie sich gerne ein wenig um den alten Herrn kümmern. "Okay, lass ihn kommen", sagte sie nicht ohne Bedauern.
Danach musterte sie ihre Wohnung. Ihr Häuschen war zweifellos das unahnsehnlichste im Viertel, schmal wie ein Küchenhandtuch, der Garten war mehr ein holpriger Acker, eine knorrige alte Kastanie nahm den Fenstern mit ihrem weiten Blätterschirm das ganze Licht, aber sobald sie ein wenig Geld übrig hätten - das hatte Christian versprochen - , würden sie den Garten kultivieren. Aber das konnte noch etwas dauern. Franzi seufzte schon wieder.
Das erste, was Onkel Franz verlauten ließ, als er mit Krischan in der Haustür stand: "Hässliches Haus das!" Er sprach mit der tönenden Stimme eines Schwerhörigen. Als erstes kratzte er mit seinem Stock an einer bröckeligem Mauerstelle, von der sich sofort Putz löste und fragte: "Schwamm, wie?"
In Krischans Gesicht zuckte ein Muskel, aber er blieb höflich und gelassen und nahm dem Onkel den abgetragenen, schweren Wollmantel ab, den er trotz mildem Aprilwetter fest zugeknöpft und mit hochgeschlagenen Kragen trug.
"Kühl hier!" Onkel Franz schob Franzi eine knochige Hand entgegen, die durch Gichtknötchen und hervortretende Adern an einen Baumstamm denken ließ. Sie griff nach seinem Arm und führte ihn in das Wohnzimmer. "Mach es dir gemütlich, setz dich an dicht an die Heizung."
Der alte Herr klappte wie ein Taschenmesser zusammen und ließ sich steif in einen Sessel nieder. Dann rieb er die großen Hände aneinander; es gab ein Geräusch, als ob ein Reptil sich schuppte. Franzi sah ihn beinahe fasziniert an. Er hatte einen unglaublich langen Kopf. Unter einem hohen weißen Haarschopf fixierten tief liegende Augen die Einrichtung.
"Ich habe Tee gerichtet", sagte Franzi und schob ihm ein Kissen in den Rücken. Onkel Franz zuckte zusammen, dann dankte er mit einem sonoren Räuspern. Franzi goss duftenden Darjeeling in ihre besten Tassen, und Onkel Franz beugte sich über einen Teller mit hauchdünnen Lachs- und Gurkenschnittchen.
"Es gibt auch was Süßes, selbstgebackene Kekse, dazu hausgemachte Marmelade", bot Franzi an.
"Muss erst mal ankommen", tönte der alte Herr, "war ja nicht gerade eine Unterhaltungsshow. Sterben alle weg, das war der letzte aus meiner alten Klasse, mein bester Freund. Es wird jetzt leer um mich herum." Seine Augen wurden wässerig, er schluckte.
Nanu, dachte Franzi, er ist ja sensibler, als ich dachte. "Das tut uns auch sehr leid", meinte sie mitfühlend.
"Ach was! Ihr kanntet ihn doch gar nicht. Junge Leute sollten sich nicht mit dem Alter beschweren!" polterte Onkel Franz. Franzi senkte den Kopf. Es war nicht einfach. Worüber sollten sie eigentlich mit ihm reden? Aber Onkel Franz kam ihr zu Hilfe. "Wo ist denn euer Kind? Ein Mädchen, nicht wahr?"
"Ein Junge, der Jonas", meinte Krischan, der von Onkel Franz argwöhnisch beäugt seine Teetasse auf dem Knie balancierte.
