Dem Leben entgegen - Ursula Meert - E-Book

Dem Leben entgegen E-Book

Ursula Meert

0,0

Beschreibung

„Das Leben geht einfach seinen Weg, unaufhaltsam, in ständiger Bewegung bringt es Licht und Schatten und Herausforderungen denen wir uns nicht entziehen können!“ Das plötzliche Ende der Kindheit, das Auseinanderbrechen der Familie, der Zweite Weltkrieg, die Begegnung mit der ersten großen Liebe, die Auswanderung nach Übersee und die Erfahrung, dass der Traum von einem glücklichen Leben wie ein Kartenhaus zerfallen kann, lassen eine junge Frau zu einer Überlebenskünstlerin werden. Trotz aller Weggabelungen, Stolpersteine und Hindernisse auf ihrer Straße des Lebens verliert sie nie den Glauben daran, dass ihr schicksalhafter Weg einen Sinn hat. Ihre Ideale und Werte geben ihr immer wieder Kraft zum Weitergehen. Die Geschichte der heute 93-jährigen Ursula Meert reicht für neun Leben und mündet nun in einer Autobiographie, die den Leser auf eine emotionale Reise durch ein Leben und eine Zeit schickt, die von Leid und Verlusten, aber auch Wundern und Menschlichkeit geprägt ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ursula Meert

Dem Leben entgegen

Mein Weg im Wechsel der Impulse

p  u  b  l  i  c    b  o  o  k    m  e  d  i  a    v  e  r  l  a  g

F R A N K F U R T   A / M     L O N D O N     N E W   Y O R K

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit. Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2016 FRANKFURTER TASCHENBUCHVERLAG FRANKFURT AM MAIN

Ein Unternehmen der

FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE

AKTIENGESELLSCHAFT

Mainstraße 143

D-63065 Offenbach

Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

E-Mail [email protected]

Medien- und Buchverlage

DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

Websites der Verlagshäuser der

Frankfurter Verlagsgruppe:

www.frankfurter-verlagsgruppe.de

www.frankfurter-literaturverlag.de

www.frankfurter-taschenbuchverlag.de

www.publicbookmedia.de

www.august-goethe-literaturverlag.de

www.fouque-literaturverlag.de

www.weimarer-schiller-presse.de

www.deutsche-hochschulschriften.de

www.deutsche-bibliothek-der-wissenschaften.de

www.haensel-hohenhausen.de

www.prinz-von-hohenzollern-emden.de

Dieses Werk und alle seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Nachdruck, Speicherung, Sendung und Vervielfältigung in jeder Form, insbesondere Kopieren, Digitalisieren, Smoothing, Komprimierung, Konvertierung in andere Formate, Farbverfremdung sowie Bearbeitung und Übertragung des Werkes oder von Teilen desselben in andere Medien und Speicher sind ohne vorgehende schriftliche Zustimmung des Verlags unzulässig und werden auch strafrechtlich verfolgt.

Titelbild: Ursula Meert

ISBN 978-3-86369-529-3

Widmung

Ich möchte diese, meine Lebenserinnerungen für meine Kinder, Enkel, Urenkel und vielleicht auch für Menschen, denen ich damit etwas vermitteln kann, erzählen. – Ich schreibe aus meinem Herzen!

Mut als Antwort auf das Leben

Vorwort

Diese Erinnerungen sind von der ersten bis zur letzten Seite ein bemerkenswertes Zeugnis über ein außergewöhnliches Leben. Es entfaltet sich für den Leser eine Lebensgeschichte, die von tragischen Schicksalsschlägen und dramatischen Wendungen geprägt ist und als Leser dieser Erinnerungen ertappt man sich während der Lektüre dabei, dass man diese Aufzeichnungen einige Male aus der Hand legen, inne halten muss und sich fragt: Wie viel kann ein Mensch in seinem Leben an Niederschlägen, leidvollen Erfahrungen, Verlusten und schmerzlichen Begebenheiten ertragen, ohne daran zu zerbrechen?

Die Autorin Ursula Meert musste in ihrem ereignisreichen Leben viele leidvolle Momente überstehen und etliche Bürden auf ihren Schultern tragen und ist dabei immer wieder weitergegangen - eben „dem Leben entgegen“. Nicht immer hat sie die Wahl gehabt, welchen Weg sie gehen will. Das Leben hat ihr diese Entscheidungsfreiheit nicht immer verfügt, die äußeren Umstände haben sie mit dem Rücken an die Wand gedrängt oder sie zu Fall bringen wollen, aber mit einer ihr ganz eigenen Haltung zum Leben hat sie immer in ihre Spur zurückgefunden.

Zur Sprache kommen private und persönliche Schicksalsschläge, die in eine Zeit eingebettet sind, die ans Ganze, ans Überleben, ging: Krieg und Nachkriegszeit. Für Angehörige jüngerer Generationen, wie dem Verfasser dieses Vorworts, der glücklicherweise das Leben ausschließlich als Ausdruck von Frieden, Freiheit und materieller Sicherheit kennt, ist es schwer vorzustellen, welchen Mut Ursula Meert als junge, alleinstehende Mutter zweier kleiner Söhne auf sich genommen hat, welche Energie sie antrieb, um 1953 auf ein Schiff zu steigen und sich auf eine Reise nach Kanada zu begeben. Sie wollte mit diesem Aufbruch ihrem Mann folgen und den Kindern das Aufwachsen in einer intakten Familie ermöglichen. Als sie sich eingestehen musste, dass sich der Wunsch nach einem Zusammenleben nicht verwirklichen lässt und sie wiederum die Reise zurück nach Europa wird antreten müssen, sorgt diese Enttäuschung für eine Verwundung, aber Ursula Meert übersteht auch diese und sortiert sich, ihre Existenz und ihre Pläne neu.

Sie bleibt nicht stehen, gibt sich nicht dem Gram über das Scheitern ihrer ersten Ehe hin, sondern geht dem Leben weiter mutig „entgegen“. Auf ihrem Lebensweg begegnen ihr neue Lebenspartner, neue familiäre Bindungen entstehen, Kinder kommen hinzu, berufliche Herausforderungen und ehrenamtliches Engagement ergeben sich und doch gibt es in diesen Jahren und Jahrzehnten Situationen, die Ursula Meert ganz auf sich zurückwerfen, in denen sie auf sich und ihre Werte gestellt sein wird. Diesen Erschütterungen, finanziellen Nöten oder existentiellen Sorgen stellt sie sich, indem sie sie annimmt, aber sie lässt ihnen nicht die Oberhand. Sie bleibt sich und ihrer grundsätzlich optimistischen und offenen Einstellung zum Leben treu.

Das eigene Leben nach außen zu wenden, indem man es schriftlich niederlegt, und einen Leser, diese unbekannte, fremde Gestalt, daran teilhaben lässt, erfordert Mut. Denn der Autor gewährt Einblick in seine Gedanken, seine Einstellungen und vielmehr noch – in seine Seele.

Bei Ursula Meert kann man das Veröffentlichen ihrer Lebenserinnerungen als folgerichtige Konsequenz ihres mutigen Lebens betrachten, denn dieser Charakterzug, dieser Wille, dem Leben standzuhalten, der gepaart ist mit der tiefen Hoffnung, dass jeder Tunnel wieder ans Licht führen muss, hat sie ihr Leben gestalten lassen. Und daher ist diese Autobiographie auch kein Dokument des Selbstmitleids oder des Lamentos. Anstatt sich dem Bedauern über die Widrigkeiten hinzugeben, plädieren diese persönlichen Erinnerungen dafür, das Leben als Lernprozess zu begreifen und sich den Neuanfängen und Wegen ins Ungewisse, den Brüchen und Tiefschlägen, die den Menschen ereilen, couragiert und bewusst zu stellen. Diese Lebenserinnerungen sind ein Buch, das uns Lesern Mut macht und uns hoffnungsfrohe Auswege aus individuellen Notlagen erkennen lässt.

Als Ursula Meert sich zum Publizieren ihrer Lebenserinnerungen entscheidet, ist sie im 92. Lebensjahr. Gespannt wartet sie, welchen Weg ihr Buch gehen wird. Sie bejaht diesen neuen Abschnitt, den ihr das Leben ermöglicht und der letztlich nur eine weitere Etappe einer ereignisreichen Biographie markiert.

Dr. Matthias Deußer

Frankfurt/Main, im Sommer 2016

Table of Contents

Widmung

Mut als Antwort auf das Leben

Vorwort

Kapitel 1

Kindheit: Tränen, Sehnsüchte, Wut – Warum ist das

alles so?

Kapitel 2

Jugendjahre, Schrecken des Krieges, auf der Flucht!

Kapitel 3

Neubeginn, die große Liebe, Aufbau der Firma

Kapitel 4

Zusammenbruch, betrügerischer Konkurs, Flucht nach Kanada!

Kapitel 5

Mit den Kindern allein, Versuch zu überleben!

Kapitel 6

Versöhnungsversuch in Kanada, Enttäuschung!

Kapitel 7

Zurück nach Deutschland, Neuanfang

Kapitel 8

Der Kampf um Horst, das Versprechen!

Kapitel 9

Große Familie, Freude, Luxus!

Kapitel 10

Entscheidende Veränderungen, Antwerpen

Kapitel 11

Horst, nach 28 Jahren, Familienzusammenführung,

sein Tod!

Kapitel 12

Die Suche nach dem Sinn, neue Aufgaben, Studium

„Freunde der Erde“

Kapitel 13

Reiner’s Leben, seine Familie, seine Einsamkeit, sein Tod!

Kapitel 14

Kapitel 1

Kindheit: Tränen, Sehnsüchte, Wut – Warum ist das

alles so?

Traurig, verlassen, hilflos, wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, so sitze ich als Vierjährige auf den Stufen meines Elternhauses. Ich habe große Angst!

Bisher war alles so schön, wir hatten drei große Gärten am Haus, einen Blumengarten, einen Gemüsegarten und einen Spielgarten für uns Kinder, denn ich habe zwei Schwestern, sie sind acht und vier Jahre älter als ich.

Mein Vater war ein Hobbygärtner, ich ging gerne zu ihm in seine Gärten, keiner sonst durfte hinein, weil er seine Beete ganz besonders ordentlich pflegte. Die Ränder z.B. mussten mit der Harke geklopft werden, damit sie mit den Rillen eine schöne Umrandung hatten. Ordnung und Disziplin waren die Leitsätze meines Vaters, als Offizier lebte er uns das vor. Ich gab mir große Mühe, so durfte ich Blumen säen, Gemüse pflanzen, mich mit der Erde beschäftigen. Im Spielgarten konnten wir Kinder springen und toben. So waren meine ersten Kinderjahre fröhlich und unbeschwert.

Dann aber kam die Zeit, als meine Mutter immer trauriger wurde, sie weinte so viel, jeden Tag, bis sie eines Tages für lange Zeit in ein Krankenhaus musste. –

Meine bange Frage, wie lange?

Eines Tages ging mein Vater mit uns in das Krankenhaus, um meine Mutter zu besuchen. Ich schaute sie mit großen Augen an, sie war ganz verändert, nervös, unruhig und sehr traurig.

Zu Hause war meine Mutter sehr liebevoll, allerdings mussten wir uns immer gut benehmen. Ganz besonders bei Oma, Opa und Tante Cläre, wenn wir Sonntagnachmittags mit dem Mercedes-Automobil von Opa spazieren fuhren. Jedes Mal gingen wir in ein Gartenlokal, da gab es Kaffee und Kuchen, ich bekam immer ein großes Stück Sandkuchen. Aber meine Mutter konnte nicht mehr fröhlich sein. Meine Eltern hatten oft Streit wegen des Geldes, der Mitgift meiner Mutter. Vater hatte eine Leidenschaft, er verspielte jeden Sonntag beim Pferderennen viel Geld in der Hoffnung, einmal einen großen Gewinn zu machen.

Es vergingen Jahre, meine Mutter kam aus dem Krankenhaus nicht wieder, trotzdem sie meinen Vater so verzweifelt gebettelt hatte: „Bitte, bitte hol mich hier raus, hier gehe ich zu Grunde!“ Wie oft sagte ich zu meinem Vater: „Du holst doch Mutti wieder nach Hause?“ Er hatte immer nur ein ernstes Kopfschütteln. Ich habe das nicht verstanden, immer stand ich dann hilflos, mit Tränen in den Augen da, meine Sehnsucht nach meiner Mutter wurde immer größer!

Mein kindliches Denken wollte einfach nicht glauben, dass man über meine Mutter so verfügen und bestimmen kann.

Erst heute erkenne ich, dass sich wahrscheinlich hieraus in mir eine starke lebenskämpfende Energie entwickelte. Diese wurde auch mehrfach in meinem Leben auf die Probe gestellt.

Im sechsten Lebensjahr ging ich in die Vorstufe vom Gymnasium, wo meine Schwestern auch waren. Ich wurde ein sehr in sich gekehrtes Kind und hatte vor vielen Dingen Angst. Ich wusste nichts von Gut und Böse oder richtig und falsch. Mein Vater hatte keine Zeit, so war ich sehr allein, immer wieder wollte ich in das Krankenhaus zu meiner Mutter, aber ich durfte nicht.

Manchmal kam Vater abends in unser Kinderzimmer, setzte sich auf die Bettkante und erzählte Geschichten. Meistens vom 1. Weltkrieg, was die Soldaten alles aushalten mussten. Ich hing an seinen Lippen, so spannend war es, aber ich bekam auch große Angst.

Besonders gerne habe ich mit ihm abends an unserem großen runden Tisch, mit der schönen Fransenlampe darüber, Karten gespielt, manchmal durfte ich da ein bisschen frech sein. Mein Vater machte Spaß, legte oft eine Karte auf seinen Kopf, er hatte eine Glatze, das war lustig und komisch, dabei konnte ich auch mal lachen und fröhlich sein. Dabei merkte ich, dass er mich doch ein klein wenig lieb hat, ich war ja die Kleinste und wahrscheinlich meiner Mutter sehr ähnlich.

Eines Morgens änderte sich schlagartig unser Leben! Die Tür zu unserem Kinderzimmer ging auf, wir lagen noch in den Betten. Vater kam mit einer fremden Frau herein und sagte: „Das ist jetzt eure neue Mutter!“ Die fremde Frau kam auf mich zu und wollte mich küssen. Das konnte ich nicht aushalten, ich machte mich ganz steif und rief: „Wieso eine neue Mutter, wo ist unsere richtige Mutti?“ Ich weinte und weinte und konnte nicht aufhören. Diese fremde Frau sollten wir Li nennen, oder besser Mutti sagen. Ich konnte beides nicht, sie schaute mich erstaunt an und dann fing sie ganz laut an zu lachen.

Es war wohl eine entscheidende Stunde meiner Kindheit. So bin ich ein schwieriges Kind geworden, denn ich wurde immer verschlossener. Diese Frau war für mich ein Eindringling, ich lehnte mich innerlich gegen sie auf, äußerlich war ich ein braves Kind. Li war unruhig und hektisch, sie redete manchmal ununterbrochen, da fühlte ich mich noch einsamer.

So vergingen die Jahre, ich wurde von Li vom Gymnasium in die Volksschule umgeschult, sie meinte: „Als Mädchen brauchst du nicht so viel zu wissen, du lernst besser die Hausarbeit.“ In der Schule war ich nicht gut und nicht schlecht, hatte auch nicht viel Lust zu lernen, mein Lieblingsfach war Musik und Gesang.

Ich fühlte mich inzwischen so allein, dass ich nur alles tat, um Li zu gefallen. Ich stand früh auf, brachte ihr Frühstück ans Bett, räumte die Wohnung auf, so buhlte ich um ein bisschen Liebe. Aber sie war immer kalt und abweisend zu mir, sie sagte:

„Du bist ein Krebs, du wirst immer in deinem Leben rückwärtsgehen!“

Das war so schlimm für mich, dass ich mein Leben lang mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte.

Einmal hatte mein Vater wieder Gäste geladen, wir gehörten zu der sogenannten gehobenen Gesellschaft. Wir Kinder waren schon größer und durften dabei sein. Bei einem Gesellschaftsspiel sollte jeder einen Spruch auf einen Zettel schreiben. Ich schrieb: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ und dachte, es wäre ein guter Spruch, aber scheinbar doch nicht, denn Li bekam einen Wutanfall.

Eines Tages sagte mein Vater zu uns, dass unsere Mutter unheilbar krank sei und sie nie wieder gesund werden könne, er hat deshalb die Scheidung eingereicht und wollte Li heiraten. Ich war entsetzt, zog mich zurück und sagte kein Wort dazu.

Eine Ahnung zog in mir auf, ich dachte an das Erlebnis in meiner Zeit als Kleinkind, als meine Mutter auf die Knie fiel und meinen Vater anflehte, wieder nach Hause zu dürfen. Ich war ja nun schon größer geworden und immer wieder fühlte ich, wie traurig sie wohl war, und dass es ihr nicht gut gehen kann. Noch immer war in mir eine kleine Hoffnung, dass meine Mutter wieder gesund werden würde, und dass sie nach Hause kommen kann. Nun aber ist es unumstößlich wahr geworden, dass sie aus dieser Nervenanstalt nicht mehr heraus kam, mir wurde klar und dachte, „Mutti, ich werde dich nie wieder sehen!“ Meine Seele weinte.

So kam der Tag, dass mein Vater Li heiratete, ich kann mich an diesen Tag nicht erinnern, er war nicht so wichtig für mich. Aber etwas Schreckliches ist dabei passiert! Meine Tante Cläre, die Schwester meiner Mutter, war auf meinen Vater sehr böse. Sie liebte ihre Schwester sehr und war mit der Hochzeit meines Vaters mit Li nicht einverstanden. Deshalb ließ sie alle unsere schönen Möbel abholen, sie gehörten ja meiner Mutter. Meine Tante stand auf der anderen Straßenseite und kontrollierte, ob alles richtig abtransportiert wurde. Ich musste Bier holen für die Möbelträger. Li hat mir verboten, Tante Cläre zu grüßen. Weinend rannte ich an ihr vorbei, ich mochte sie so sehr, sie hatte mir einmal einen großen Teddybär geschenkt.

Was für ein schrecklicher Tag, unsere Wohnung fast leer, die schönen geschnitzten Eichenmöbel, das Meißner Porzellan, das ganze Silber, alles war nicht mehr da! Dann kam ein anderer Möbelwagen, Li brachte ihre Möbel, sie waren nicht schön, alles war mir fremd.

Meine große Schwester Anneliese hatte zu dieser Zeit das Elternhaus verlassen, sie war schon erwachsen und in der Ausbildung als Krankenschwester. Ganz selten kam sie nach Hause, wir hatten den Kontakt zueinander verloren. Meine vier Jahre ältere Schwester Christa war gleichaltrig mit der Tochter von Li aus ihrer ersten Ehe. Die beiden waren Freundinnen geworden, Li verwöhnte sie sehr, ich fühlte mich immer beiseitegeschoben.

Wir wohnten in Breslau/Schlesien, mein Vater wurde 1936 nach Wiesbaden versetzt. Ich war damals 13 Jahre alt und hatte das siebte Schuljahr noch nicht beendet. Li meinte, ich bräuchte nicht weiter zur Schule gehen, sie meldete mich in der Haushaltsschule an. Mir war das damals ziemlich egal, mein Wunsch war immer Sängerin zu werden. Ich hatte eine sehr schöne Sopranstimme. So schwärmte ich für alle großen Sänger und Sängerinnen, vor allem für die große Sängerin Erna Sack, sie sang den Frühlingsstimmenwalzer, mit wunderbarer Leichtigkeit.

In Wiesbaden wohnte im Hinterhof eine ältere Frau, ich besuchte sie sehr gerne. Auf ihrem Plüschsofa und Sessel waren lauter schöne gehäkelte Deckchen. Sie zeigte mir das Häkeln und ich konnte es schnell, so saß ich stundenlang bei ihr, es entstanden lauter unterschiedliche kleine Deckchen.

Eines Tages wollte ich ein großes Geschenk häkeln. Es sollte zu Weihnachten für Li eine große runde Decke für den Wohnzimmertisch werden. Ich suchte eine Rosenvorlage aus und ging an die Arbeit. Die liebe, alte Frau zeigte mir immer wieder, wie man das Muster auszählt und richtig häkelt. Ich hatte die Arbeit unterschätzt und merkte bald, wie viel Zeit und wie viel Garn ich dafür brauchte.

Mein Taschengeld reichte für das viele Garn nicht, so verzichtete ich sonntags auf den Kinobesuch, ich bekam jedes Wochenende Kinogeld. Davon kaufte ich das Garn und lief, anstatt ins Kino, zwei Stunden durch die Straßen. Ich habe angefangen, nachts zu häkeln aus Angst, ich würde es bis Weihnachten nicht schaffen. Die Decke hatte einen Durchmesser von 1,40m. Ein regelrechtes Häkelfieber erfasste mich, aber bis ein paar Tage vor Weihnachten habe ich es wirklich geschafft. Nun musste sie aber noch gespannt werden, auch das wurde fertig, es war ein Prachtstück geworden. Ich war so stolz darauf und hoffte so sehr, dass Li sich freuen würde. Voller Stolz und Freude nahm ich meine fertige Häkeldecke mit dem schönen Rosenmuster vom Spanntisch, faltete sie so, dass eine Rose voll sichtbar wurde, und packte sie ins Weihnachtspapier. Voller Vorfreude erwartete ich Heiligabend. Mir war nur wichtig, diese Decke Li zu schenken.

Dieses Weihnachtsfest habe ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen!

Mein Vater hatte Heiligabend immer selbst gestaltet. Wir Kinder wurden nachmittags auf die Eisbahn zum Schlittschuhlaufen geschickt. Das war herrlich, ich konnte gut Schlittschuhlaufen, rechts und links herum, sogar im Bogen und Walzer tanzen. Dabei sang ich mein Lied:

„Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt, heididel, deididel dumm bumm, und

der lange Jochen schiebt immer durch den Saal, denn sein kleines Mädel, das will

immer noch einmal ! „ . . .

Darauf tanzte ich Walzer auf dem Eis. Ich war voller Freude und Erwartung!

Vati schmückte den Weihnachtsbaum, keiner durfte ins Zimmer, Li kochte das Weihnachtsessen, sie konnte sehr gut kochen, alles war sehr geheimnisvoll. Um 18.00 Uhr durften wir nach Hause kommen. Vor der Bescherung wurde festlich gegessen, wir hatten mächtig Hunger. Danach setzte sich Vater an das Klavier und alle Weihnachtslieder wurden gesungen. Das war herrlich für mich, ich sang aus vollem Herzen. – Dann kam die Bescherung, alles war in schöne Päckchen gepackt, ich fieberte dem Moment entgegen, wo Li meine Häkeldecke auspacken würde. Li sah erstaunt dieses große Paket an, öffnete es, nahm die Decke an der zusammengelegten Spitze hoch, faltete sie nicht auseinander, legte sie zurück auf den Tisch und sagte zu mir: „Wenn du mal heiratest, bekommst du sie wieder!“

Sie hat die Decke nicht einmal auseinandergefaltet und angesehen!

Fassungslos starrte ich sie an, mein Herz wurde zu Stein, eine unbändige Wut stieg in mir auf, ich fühlte einen solchen Hass, rannte in mein Zimmer, schloss mich ein, meine Geschenke interessierten mich nicht mehr, es gab kein Weihnachten für mich. Hier habe ich ein Stück meiner Kindheit verloren. Das Böse, Feindliche, Herzlose nahm Raum in mir ein, zerwühlte meine Seele!

Ich betete inbrünstig, lieber Gott, hilf mir bitte, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, denn ich habe kein zu Hause mehr!

Mein einziger Trost war unser Schäferhund Wolf, wir gehörten zusammen, ich versorgte ihn, er war immer bei mir, wenn ich traurig war, leckte er mir die Hände und drückte sich ganz eng an mich.

Der 2. Weltkrieg begann im September 1939, nach dem Polenfeldzug wurde mein Vater nach Posen im Warthegau versetzt. Ich fand in Posen eine Freundin, wir hatten gemeinsam ein Paddelboot und waren oft an dem Fluss Warthe, er war gefährlich und hatte viele Strudel. Ich ging mit meinem Wolf sehr oft an den Fluss, er sprang gerne ins Wasser, um zu spielen und Stöckchen zu holen. Die Steinböschung aber war sehr steil und Wolf musste jedes Mal hinaufklettern, er war schnell erschöpft. Wir hatten ein polnisches Dienstmädchen, eines Tages ging sie mit ihm auch an den Fluss, er sprang immer wieder hinein, zu oft! Wolf wurde von einem Strudel erfasst und heruntergezogen, er hatte keine Kraft mehr, ich habe meinen Wolf nie wieder gesehen!

Linda, das Dienstmädchen, kam schreiend und weinend nach Hause, entsetzt fragte ich sie: „Wo ist denn Wolf?“ Meine Ahnung wurde bestätigt – mein Wolf ist ertrunken, ich hatte keinen Wolf mehr. Alles stand still in mir, ich fühlte mich allein und einsam, ich wollte nicht mehr leben. Ich dachte, ich halte das alles nicht mehr aus, nahm meine letzte Kraft zusammen und schlich mich nachts heimlich aus meinem Elternhaus. Mit meinen letzten Ersparnissen löste ich am Bahnhof eine Karte nach Wiesbaden zu meiner Freundin Afra. Mit einem kleinen Koffer saß ich fünf Stunden am Bahnhof, bis endlich der Zug kam.

Mein Glaube an den „lieben Gott“ war meine Zuversicht und hat mich immer wieder gerettet und getragen.

Aber ich war erst 16 Jahre und noch nicht volljährig.