Dem Leben entsagt? - Anneliese Schumann - E-Book

Dem Leben entsagt? E-Book

Anneliese Schumann

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Beschreibung

Nun gibt es eine exklusive Sonderausgabe – Fürstenkrone Classic In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. Graf Florian von Friedenau schaute aus dem Fenster seines Arbeitszimmers und trommelte nervös gegen die Scheiben Auf seinem Antlitz lag ein finsterer Ausdruck, genauso finster wie der Novembertag war. Am Himmel zogen grauschwarze Wolken dahin. Der Sturm fuhr peitschend in die mächtigen alten Parkbäume, daß sie sich ächzend neigten. Gleich werden sich die Schleusen des Himmels öffnen, dachte Graf Florian. Obwohl er das wußte, hielt ihn nichts in den schützenden Mauern von Schloß Friedenau. Nach der Unterhaltung, die er soeben mit seinem Vater geführt hatte, lag ihm das Herz wie ein Stein in der Brust. Sein Inneres war aufgewühlt. Der Wald mit den alten Föhren und Lärchen nahm ihn auf. Er hörte das Heulen des Sturmes, aber er spürte ihn nicht. Die Hände tief in die Taschen vergraben, eilte er vorwärts. Es war fast finster geworden. Und nun regnete es auch, als würde das Wasser mit Kübeln vom Himmel gegossen. Florian suchte einen Unterschlupf. Vielleicht stehen die Bäume irgendwo besonders dicht, hoffte er. Plötzlich fiel ihm die alte Waldarbeiterhütte ein, die ganz in der Nähe war. Es war nur eine kurze Strecke, die er zurücklegen mußte. Er schritt schneller aus, um die schützende Hütte zu erreichen. Es ist alles vorbei, meine liebe kleine Julia, all die Träume von dem gemeinsamen Glück sind ausgeträumt, dachte Graf Florian bitter, während er die Hütte betrat. Etwas Würgendes saß ihm in der Kehle und erschwerte ihm das Atmen. Graf Florian setzte sich auf einen der alten Bretterstühle, die hier standen.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Fürstenkrone Classic – 97 –Dem Leben entsagt?

Wie das Glück doch noch zu Christina kam...

Anneliese Schumann

Graf Florian von Friedenau schaute aus dem Fenster seines Arbeitszimmers und trommelte nervös gegen die Scheiben Auf seinem Antlitz lag ein finsterer Ausdruck, genauso finster wie der Novembertag war.

Am Himmel zogen grauschwarze Wolken dahin. Der Sturm fuhr peitschend in die mächtigen alten Parkbäume, daß sie sich ächzend neigten.

Gleich werden sich die Schleusen des Himmels öffnen, dachte Graf Florian. Obwohl er das wußte, hielt ihn nichts in den schützenden Mauern von Schloß Friedenau. Nach der Unterhaltung, die er soeben mit seinem Vater geführt hatte, lag ihm das Herz wie ein Stein in der Brust. Sein Inneres war aufgewühlt.

Der Wald mit den alten Föhren und Lärchen nahm ihn auf. Er hörte das Heulen des Sturmes, aber er spürte ihn nicht. Die Hände tief in die Taschen vergraben, eilte er vorwärts.

Es war fast finster geworden. Und nun regnete es auch, als würde das Wasser mit Kübeln vom Himmel gegossen.

Florian suchte einen Unterschlupf. Vielleicht stehen die Bäume irgendwo besonders dicht, hoffte er. Plötzlich fiel ihm die alte Waldarbeiterhütte ein, die ganz in der Nähe war. Es war nur eine kurze Strecke, die er zurücklegen mußte.

Er schritt schneller aus, um die schützende Hütte zu erreichen.

Es ist alles vorbei, meine liebe kleine Julia, all die Träume von dem gemeinsamen Glück sind ausgeträumt, dachte Graf Florian bitter, während er die Hütte betrat. Etwas Würgendes saß ihm in der Kehle und erschwerte ihm das Atmen. Graf Florian setzte sich auf einen der alten Bretterstühle, die hier standen. Er hielt den Kopf in die Hände gestützt und starrte grübelnd vor sich hin.

Ich liebe Julia über alles, dachte er, aber ich darf sie nicht heiraten, auch wenn ich es ihr versprochen habe. Er ballte die Hände zu Fäusten, daß die Knöchel weiß hervortraten. Vor seinen Augen erschien das Bild eines dunkelhaarigen Mädels mit großen braunen Augen. Er biß die Zähne aufeinander. Ein schmerzlicher Zug grub sich um seinen Mund. Was sollte er Julia sagen? Sie glaubte und vertraute ihm. Wie sollte er ihr beibringen, daß er eine andere heiraten mußte? Eine Frau, die Geld mit in die Ehe brachte. Geld, weil man es auf Friedenau dringend benötigte, damit das Schloß nicht unter den Hammer kam.

Plötzlich sah er seine Eltern vor sich. In den Augen des Vaters hatten Tränen gestanden, als er ihm mitgeteilt hatte, daß Friedenau verloren sei, wenn er nicht eine Frau heimführen würde, die Geld mit in die Ehe brächte. Er hatte ihn an die alte kränkliche Mutter gemahnt und an seine Pflicht, den seit Generationen von den Vätern auf die Söhne vererbten Besitz vor dem Ruin zu bewahren.

Einen Augenblick sann er vor sich hin. Erst jetzt kam ihm so recht zum Bewußtsein, daß der Vater scheinbar schon eine Frau für ihn erwählt hatte. Denn er hatte ihm wärmstens die Tochter des reichen Bankiers Seidel empfohlen. Christina Seidel war ein stilles, sanftes Mädchen, blondhaarig und blauäugig. Er war Christina gelegentlich auf Gesellschaften begegnet. Sie war ihm nicht sonderlich aufgefallen. Er hatte fast den Eindruck, daß sie ein wenig schüchtern war. Trotz ihres gewaltigen Reichtums hatte sie nicht allzuviele Bewerber. Beim Tanzen war sie oft ein Mauerblümchen gewesen. Einmal – er konnte sich genau erinnern, es war auf einem Ball in ihrem Elternhaus gewesen – hatte er versucht, sie in ein Gespräch zu ziehen, weil er Mitleid mit ihr hatte. Doch bald hatte er es aufgegeben. Sie brachte vor Schüchternheit fast kein Wort über die Lippen. Dabei hatte sich ihr Gesicht, sobald er sie anschaute, mit einem lichten Rot überzogen, und ihre blauen Augen hielt sie hinter den Lidern versteckt.

Graf Florian hatte nicht wissen können, daß sie ihn aus einem ganz bestimmten Grund nicht angeschaut hatte, nämlich aus Furcht, er könnte erraten, daß sie ihn liebte und sich dann über sie amüsieren. Denn daß er jemals auch nur das geringste Interesse für sie haben konnte, war für die kindhaft zarte Christina Seidel undenkbar. Und zu einer Verbindung zwischen ihr und dem Grafen Friedenau konnte es sowieso nicht kommen, denn die Friedenaus waren ein adelsstolzes Geschlecht. Man erzählte sich Wunderdinge über ihren Stolz. Es war wohl noch nicht vorgekommen, daß ein Sproß dieses Hauses eine Frau geheiratet hatte, in deren Adern nicht das blaue Blut floß.

Florian schien allerdings nicht so veranlagt zu sein. Es hatte schon manche harte Auseinandersetzung zwischen ihm und den Eltern gegeben. Eure Einstellung in dieser Beziehung ist veraltet und müßte einmal gründlich abgestaubt werden, hatte er oft gesagt.

Jetzt, da das Schloß und die Besitztümer vollkommen verschuldet sind, ist ihnen plötzlich eine bürgerliche Schwiegertochter recht, dachte Graf Florian mit einem bitteren Lächeln.

Das Geld der Seidels war gerade gut genug, um sie vor dem Bettelstab zu bewahren.

Ich werde also die Tochter des millionenschweren Bankiers Seidel zur Ehefrau nehmen, dachte Florian. Er war davon überzeugt, daß sie ihm nicht viele Unbequemlichkeiten bringen würde. Wahrscheinlich genügte es ihr, durch eine Heirat den Titel einer Gräfin zu erringen. Auf jeden Fall würde sie keine großen Schwierigkeiten machen, wenn er sich nicht viel um sie kümmerte. Vielleicht würde Julia ihn nicht gleich aufgeben, wenn er ihr erzählte, wie schwer ihn eine Trennung treffen würde.

»Ich weiß nicht, wie ich es fertigbringe, ohne dich zu leben, schöne Julia«, flüsterte er.

Einen Augenblick überlegte er, ob er jetzt gleich zu Julia gehen sollte. Sie waren zwar erst am Abend verabredet. Sie wollten eine nette kleine Bar besuchen. Julia zeigte sich gern mit Graf Florian. Der gutaussehende Mann mit dem blonden Haarschopf und dem markanten Gesicht hatte es ihr angetan.

Ich werde erst am Abend zu ihr gehen, dachte er und erhob sich, bis dahin habe ich mich ein wenig gesammelt und kann ihr ruhiger entgegentreten. Graf Florian ging vor die Hütte. Es hatte aufgehört zu regnen, sah aber ganz so aus, als wollte es noch einmal einen Schauer geben. Graf Florian hatte noch keine Lust, nach Hause zu gehen. Er verließ die Hütte und streifte ziellos im Wald umher. So kam es, daß er bei Tisch fehlte.

»Es scheint ihn doch ziemlich hart zu treffen«, meinte der Vater, Graf Hubertus, als sich die Friedenaus in den gelben Salon zurückgezogen hatten. Hier nahm die gräfliche Familie stets, nachdem sie gespeist hatte, den Mokka ein.

Gräfin Eleonore stellte die Mokkatasse aus der Hand. »Er wird sich schon mit dem Gedanken vertraut machen«, lächelte sie.

Die schlanke Frau in dem schwarzen Seidenkleid, dessen Halsausschnitt und Ärmelaufschläge mit echter Brüsseler Spitze verziert waren, machte einen sehr vornehmen Eindruck.

»Die Hauptsache ist, daß deine Worte nicht in den Wind gesprochen waren, lieber Hubertus.« Sie reckte ihren Kopf noch höher, in ihren hellblauen Augen lag ein kalter Glanz.

»Florian ist ein guterzogener Sohn und weiß, was er seiner Familie schuldig ist«, sagte Graf Hubertus.

»Wovon redet ihr eigentlich, Mama?« Komteß Hella ließ ihre Blicke zwischen Vater und Mutter hin und her schweifen. Ihre Hand griff in das silberne Zigarettenkästchen. Graf Hubertus beeilte sich, seiner Tochter Feuer zu reichen. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Es fiel ihm nicht ganz leicht, daß den Friedenaus von dem riesengroßen Besitz kein Stein rnehr gehörte. Graf Hubertus fühlte sich nämlich nicht so ganz unschuldig an den schlechten Verhältnissen. Letzten Endes hatte er ein schuldenfreies Erbe angetreten.

Vor ein paar Tagen hatte ihn der Bankier Seidel zu sich gebeten. Er hatte dem Grafen mitzuteilen, daß Friedenau ihm gehörte.

»Ich wüßte einen Ausweg«, hatte der rundliche Herr Seidel gemeint und hatte seinen vornehmen Besucher über den Rand seiner goldgeränderten Brille angeschaut. In seinen Augen hatte ein undefinierbares Glitzern gelegen.

»Und, Herr Seidel, was wäre das für ein Ausweg?« hatte Graf Hubertus gespannt gefragt.

Herr Seidel hatte sich einige Male geräuspert, dann war er entschlossen auf sein Ziel losgesteuert.

»Ganz einfach, Sie haben einen Sohn, und ich habe eine Tochter, Graf Friedenau, alles Weitere brauche ich Ihnen nicht zu sagen.«

Im ersten Augenblick war Graf Hubertus aufgefahren. Wütend hatte er den Bankier Seidel angefunkelt. Wie eine wilde Flamme war der alte Adelstolz in ihm hochgeschossen.

»Es war nur ein Vorschlag, Graf Friedenau«, hatte der geschäftstüchtige Bankier spöttisch geantwortet. »Ich nahm nur an, daß Sie daran interessiert wären, Ihren alten Familienstammsitz nicht zu verlieren. Sie sehen in mir nämlich den neuen Besitzer von Friedenau«, hatte er mit einer leichten Verbeugung gemeint. »Ich hatte keine Ahnung, daß Ihnen das Schloß Ihrer Väter so wenig am Herzen liegt«, meint er achselzuckend.

Mit zusammengebissenen Zähnen hatte Graf Hubertus wieder Platz genommen. Der Mann hatte ihn in der Hand.

»Mein lieber Herr Seidel, wir wissen ja gar nicht, ob unsere Kinder gewillt sind, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen«, hatte er vorsichtig zu bedenken gegeben.

»Larifari, meine Tochter ist es gewohnt, mir zu gehorchen. Ich bin der Herr im Haus. Was ich wünsche, geschieht. Und ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß meine Tochter und Ihr Sohn Florian ein Paar werden. Und ich möchte wohl glauben, daß Sie schwerlich eine Frau finden, die Ihnen eine größere Mitgift in die Ehe bringt. In diesem Fall brächte sie sogar noch den Familienstammsitz ihres Gatten mit in die Ehe.«

»Was soll ich dazu sagen, Herr Seidel? Ich kann Ihnen nichts versprechen. Es kommt ganz auf meinen Sohn an. Über seinen Kopf hinweg kann ich nicht entscheiden. Zwar möchte ich annehmen, daß er sich meinen Wünschen gefügig zeigt, doch versprechen kann ich Ihnen leider nichts. Ich hoffe, Sie sehen das ein, mein Herr. Letzten Endes ist mein Sohn Florian kein Kind mehr, ich kann nicht einfach über ihn bestimmen. Es könnte möglich sein, daß er schon heimlich gewählt hat, das würde die Angelegenheit natürlich erschweren.«

Graf Hubertus nahm eine von den dickbauchigen Zigarren, die ihm Herr Seidel reichte. Dabei entdeckte er, daß seine Hand bebte.

»Träumst du, Papa?«

Mit diesen Worten riß ihn Komteß Hella in die Wirklichkeit zurück.

Graf Hubertus strich sich mit einer Handbewegung über die Augen, als gälte es, etwas fortzuwischen. Wie ein Film war die Unterhaltung, die er mit dem millionenschweren Bankier Seidel geführt hatte, an seinem geistigen Augen vorübergezogen.

»Ich habe das unbestimmte Gefühl, ihr verbergt etwas vor mir. Eure Gesichter verraten es jedenfalls. Bitte, Papa, was ist los?«

Einen Augenblick sah Graf Hubertus fragend zu seiner Gattin. Gräfin Eleonore nickte leicht mit dem Kopf, damit andeutend, daß Graf Hubertus zu der Tochter sprechen sollte.

»Mein Gott, wie geheimnisvoll«, spottete Komteß Hella.

»Die Blicke, die ihr euch zuwerft, sind wahrhaftig dazu angetan, Neugierde zu erwecken.« Auf ihren rotgeschminkten Lippen erschien ein mokantes Lächeln. »Habt ihr am Ende vor, mich zu verheiraten?« fragte sie mit glitzernden Augen.

»Beinahe bist du auf der rechten Fährte, mein Kind. Nur betreffen unsere Heiratspläne nicht dich, sondern deinen Bruder Florian«, lächelte Graf Hubertus.

»Florian?« fragte Komteß Hella gedehnt. »Ihr glaubt doch nicht etwa, er läßt sich von euch verheiraten? Im übrigen wißt ihr scheinbar nicht, daß er im Augenblick engagiert ist. Ich hörte, er ist mit der bildhübschen Julia Friese befreundet. Man sagt, er habe sogar geäu­ßert, sie zu heiraten.« Komteß Hella lachte gurrend. »Zuzutrau­en ist es unserem guten Florian. Er war schon immer ein Außenseiter und gab nicht viel darauf, daß er den Vorzug genoß, auf eine stattliche Reihe von Ahnen zurückblicken zu können. Er hat nicht nur einmal gesagt, daß er, wie er sich auszudrücken beliebte, für die so­genannte blaublütige Rasse nicht allzuviel übrig hat. Hoffentlich macht er euch da nicht einen dicken Strich durch die Rechnung. Denn wie ich vermute, habt ihr für ihn eine Frau, die auf eine besonders stattliche Anzahl von Ahnen zurückblicken kann.« Komteß Hella legte sich in ihren Sessel zurück und wippte mit der Fußspitze.

»Diesmal hast du vollkommen danebengetippt, mein Kind. Dein Bruder wird keine ebenbürtige Frau heiraten, sondern…«

»Keine ebenbürtige Frau?« fuhr Komteß Hella auf. »Wie solll ich das verstehen? Das kann doch euer Ernst nicht sein. Ihr scherzt gewiß.«

Erstaunt blickte Komteß Hella in das seltsam ernste Gesicht des Vaters: »Sprichst du im Ernst, Papa?«

Stumm nickte der Schloßherr. »Frage deine Mutter, sie wird meine Worte bestätigen.«

»Aber warum denn, Mama, bitte, weshalb drückt ihr euch nicht deutlicher aus? Ihr tut so geheimnisvoll«, schmollte sie. »Also, was ist los?« wandte sie sich an den Vater.

Graf Hubertus sah angelegentlich auf seine Fingernägel. »Friedenau gehört uns nicht mehr«, sagte er monoton, ohne den Blick zu heben.

*

Von dem, was sich über ihrem Haupt zusammenbraute, ahnte Christina Seidel nicht das geringste. Sie saß mit ihrer Mutter in dem gemütlichen Salon. Als sich der Himmel verdüsterte, trat sie ans Fenster und schaute hinaus.

Bankier Seidel, sonst ein harter, unerbittlicher Mann, war in den Händen seines Kindes wie Wachs. Für sie holte er, wenn es sein mußte, die Sterne vom Himmel. In seiner verblendeten Liebe glaubte er, Christina glücklich zu machen, wenn er ihr verhalf, den Grafen Friedenau zu heiraten. Und daß sie dem blonden Riesen, dem Grafen Friedenau, von Herzen zugetan war, hatte er schon längst bemerkt. Und was er nicht mit eigenen Augen gesehen, hatte ihm ihr Tagebuch verraten.

Christina hatte es vor einiger Zeit in der Fliederlaube vergessen. Es war Herrn Seidel ganz zufällig in die Hände gefallen. Erst hatte er gar nicht hineinschauen wollen. Er hatte sich in einen der bunten Korbstühle gesetzt, damit rechnend, daß Christina jeden Augenblick zurückkommen würde. Ganz ohne Absicht hatte er dann in dem Buch aus feinstem Saffianleder geblättert. Plötzlich hatten sich seine Augen geweitet. Ganz klar und deutlich hatte seine kleine, zarte Christina ihrem Tagebuch anvertraut, daß sie den jungen Friedenau liebte. Das Antlitz des Bankiers hatte dabei einen undefinierbaren Ausdruck angenommen. Herr Seidel wußte, daß es um den alten Herrensitz schlecht stand und daß nur eine reiche Heirat die Friedenaus vor dem Bettelstab bewahren konnte. In seinem Herzen reifte ein Plan. Christina sollte den Mann, an den sie ihr Herz verloren hatte, bekommen. Am nächsten Tag hatte er gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit er alle Fäden in die Hand bekam. So war es gekommen, daß er jetzt der Besitzer von Friedenau war.

»Es sieht aus, als wollte die Welt untergehen, Mama.« Christina sprach, ohne sich vom Fenster abzuwenden. »Wie Gespenster jagen die düsteren Wolken am Himmel dahin.« Christinas Blick suchte die Türme Schloß Friedenaus. Ihre Augen glänzten sehnsüchtig. Sie wußte, daß ihre Liebe keine Erfüllung finden würde. Eine Verbindung zwischen der bürgerlichen Christina Seidel und dem hochgeborenen Grafen Florian von Friedenau konnte es nie und nimmer geben.

Einem plötzlichen Impuls folgend, legte Christina die Arme um den Hals der Mutter und schmiegte ihre Wange an die ihre. Beide, Mutter und Tochter, hatten überhört, daß Herr Seidel den Salon betrat Er hatte soeben mit dem Grafen Friedenau telefoniert und erfahren, daß Graf Florian mit einer Heirat einverstanden war. Auf seinem Gesicht lag ein befriedigtes Lächeln.

»Sieh einer an, was für ein zärtliches Beisammensein!« rief er aufgeräumt zum Fenster hinüber. »Da möchte ich gleich einmal fragen: Wer küßt mich?«