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Darf ich mich vorstellen. Ich bin Simon Stauffer, nicht mehr der Jüngste, aber meistens voller Lebensfreude und immer voller Sehnsucht. Ein richtiger Sehnsüchtling sei ich, sagen manche Leute, im Besonderen ein gewisser Mic, der sich selbst als «meinen gesunden Menschenverstand » ausgibt, geht mir damit andauernd auf die Nerven. Aber es stimmt schon. Besonders stark sehne ich mich nach dem Ort des Anfangs, nach dem Quellgebiet des Lebens, der Natur, der Wirklichkeit. Und der Flüsse. Sei vielen Jahren spreche und schreibe ich davon. Ich berufe mich dabei auf Erfahrungen der gesamten Menschheit, wonach eine lebendige Verbindung mit dem Ort der Herkunft immer und unter allen Umständen im Hier und Jetzt eine segensreiche Wirkung entfaltet. Und für segensreiche Wirkungen aller Art bin ich, Simon Stauffer, schon immer sehr empfänglich gewesen. In der Sprache meines gesunden Menschenverstandes könnte ich sagen, dieses Buch sei ein Beitrag dazu, ehrenwerte Naturgottheiten (Okeanos, Tethys, Quellnymphen und andere) aus dem Gefängnis zu befreien, in welches sie Kaiser und Papst vor über 1700 Jahren wegen «Heidentums» verbannt haben.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Den Durstigen dieser Zeit.
«Unsere Welt wurde entzaubert, die Natur entgöttert, uns wurde unser Selbst geraubt.»
Robert D. Laing
Zur Orientierung
Die Geschichte in Kürze
Orte der Handlungen
Die Zeit
Personen
Erster Teil
Vorspiel
Zwischenspiel
Am Chalbersäntis
Zweiter Teil
«Zauberflöte»
Übungsabbruch?
Abschied mit Wehmut
«Können wir!»
Die Oktave
Horizonterweiterung
Rauschen und Tropfen
Es werde Licht
Die Wassermacher
Delphine
Die Mitte
Dritter Teil
Die Thur ist ein Fluss in der Ostschweiz. Sie entspringt an zwei Quellorten im Obertoggenburg (Kanton St. Gallen) und mündet nach rund 135 Kilometern bei Flaach (Kanton Zürich) in den Rhein. Der Kanton Thurgau, den sie von Osten nach Wesen durchfliesst, verdankt der Thur seinen Namen.
Der Chalbersäntis (2378 M.ü.M.) ist ein Gipfel im Alpstein, den Schweizer Ostalpen. Er ist ein Nebengipfel des Säntis und Quellort der Säntisthur. Ihre kleinere Schwester, die Wildhuser Thur, entspringt auf der anderen Talseite oberhalb von Wildhaus auf der Freienalp. Bei Unterwasser vereinen sich die beiden Quellflüsse zur Thur.
«Hoo, aseweg» ist ein Mundartausdruck aus dem Obertoggenburg und hat die Bedeutung von «Ach so ist das» (Brunner, Röbi. Hoo, aseweg!! Wörter, Ausdrücke, Redensarten im Obertoggenburg).
«Vom Wasser haben wir's gelernt...»
Simon (hebr. «der Erhörte»), die Hauptperson, ist Zeit seines Lebens «auf krummen Touren» unterwegs. Nicht etwa so, dass sich die Gesetzeshüter für ihn hätten interessieren müssen, sondern «krumm» nach dem Vorbild des sich schlängelnden Wasserlaufs und ganz im Sinne des griechischen «rheo», ich fliesse, einmal dahin, einmal dorthin – das Leben als Spiel, das Leben als Tanz. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Simon als «Wassernarr» bezeichnet, obwohl er extrem wasserscheu ist.
Für den «gesunden Menschenverstand», Simons treuer und aufsässiger Begleiter, ist Simons mäandernde Lebensweise natürlich eine Zumutung, weshalb er sich – in der Geschichte als Michael personalisiert – ständig bemüht, Simon auf den «geraden Weg» zu führen.
Das ist vergebliche Liebesmüh, denn in seinem «Herzen», dessen Stimme mit Mila personalisiert ist, weiss Simon, dass nur ein einziger Ort gefeit ist gegen den Vorwurf der Unzuverlässigkeit, des «einmal Hü und einmal Hott» – es ist die Mitte, der Ursprungsort des Lebens. Deshalb ist Simon immer wieder auf Wanderungen «dem Wasser nach» anzutreffen, flussaufwärts, auf der Suche nach der Quelle. In unsrer Geschichte ist es die Thur.
Auf seiner Wanderung «gegen den Strom» hofft Simon auch, einen Weg zu finden, um sein «Herzensprojekt» verwirklichen zu können – eine Reise in den Hirnstamm, wo Simons Vermutung zufolge Erinnerungen bis zurück zum Anfang der Welten gespeichert sein sollen.
Doch es kommt anders. Ein eindeutiger Quellenort der Thur ist auf der Freienalp ob Wildhaus nicht auszumachen. Simons Enttäuschung ist gross. Doch dann hört er den eigenartigen Gesang des Alphirts Jok: «I ha di so gern, i ha di so gern…», singt er in einer für Simon ungewohnt «schrägen» Tonfolge. Darauf angesprochen verrät Jok sein Geheimnis: «Damit kann ich Janis hervorrufen.» Und tatsächlich, plötzlich steht sie da – die Quellnymphe der Wildhuser Thur. Von ihr erfährt Simon Wesentliches über die Natur des Wassers, der Flüsse, der Berge, der Täler und des Meeres, der wahren Quelle von Allem. Und Janis verspricht Simon und Jok, «heute noch» mit ihnen «hinüberzufliegen» ins Quellgebiet der Säntisthur zu ihrer Schwester Zoé, unter einer Bedingung allerdings...
Damit beginnt für Simon und seine «alter» Egos Mila und Mic, für Jok, für den «Autor» und für die Journalistin Sandra in seiner Begleitung das wirkliche Abenteuer.
Das bleibt in der normalen Aussenwelt nicht unbemerkt. Man ist dort sehr darauf bedacht, alles, was die sogenannte Gesundheit als «Esoterik» bedrohen könnte, zu ermitteln und zu bekämpfen. Zwei Funktionäre des Amtes für Gesundheit AfG sind auf Simon angesetzt. Auf deren «Radar» ist er geraten, als er Mitte der neunziger Jahre begonnen hatte, vor dem Gebrauch der Teleskopstöcke «walking sticks» zu warnen, weil sie den Menschen zurück zur Vierfüssigkeit führten. Simons Wortschöpfung «Re-Evolution» hatte die Gesundheitsagenten hellhörig gemacht, allerdings unter Auslassung des Bindestrichs zwischen den beiden «e», sie hörten damals nur «Revolution», wenn sie auf allen möglichen Kanälen Simon belauschten. Inzwischen ist Simons Schlüsselwort «Hirnstamm» das Alarmsignal für den AfG-Algorithmus «Wasser–Ursprung–Quelle–Sehnsucht».
Als Simon seine Thurwanderung beginnt, folgen ihm die zwei AfG-Männer diskret. Und erleben oben auf der Freienalp eine böse Überraschung.
Auf Simons Frage an Janis, ob sie ihn in den Hirnstamm führen könne, winkt die Flussgöttin ab: «Das wäre zu kompliziert – und auch zu gefährlich. Es sind dir zwei Ermittler des AfG auf den Fersen, aber denen werden wir heimzünden. Dir haben wir etwas Besseres zu bieten. Zoé, meine Schwester, und ich führen dich und alle, die uns begleiten wollen, in eine Höhle im Chalbersäntis. Dort werden wir sehnlich von unseren Ureltern Tethys und Okeanos erwartet. Zoé und ich sind von ihnen seit Jahr und Tag beauftragt, Menschen zu finden mit «reinem Herzen», denen sie sich als Wasser des Lebens zu erkennen geben können.»
«Hoo, aseweg!», staunt Jok und ist gleich Feuer und Flamme, was auch damit zu tun haben mag, dass Jok bis über beide Ohren in die Nymphe verliebt ist – «I ha di so gern…» singen sie inzwischen im Duett.
Janis verspricht Simon und Jok, im Festsaal würden Tethys und Okeanos viele Lebensfragen herzlich gern beantworten: Wo kommt der Urklang her? Wie viele Welten gibt es, die die gesamte Wirklichkeit ausmachen? Was hat es mit der Doppelnatur des Menschen auf sich? Und viele mehr.
Tethys und Okeanos entlassen ihre Gäste mit dem Wunsch an sie, zurückzukehren in ihre reale Daseinswelt und dort alles zur Sprache zu bringen, was sie im Chalbersäntis in der Zeitlosigkeit der wirklichen Gegenwart erfahren haben. Es sei Zeit für eine neue Zeit auch draussen, sagen sie…
Dort, draussen, macht sich diese «neue Neuzeit» unter anderem dadurch bemerkbar, dass Vernunft und Verstand als Leitungsorgane des Menschen aus ihrer bisherigen lebensfeindlichen Dualität herausfinden – sie werden ein Paar – und mit ihnen die Innen- und die Aussenwelt.
Und eine ferne Nachwelt wird sich vielleicht fragen, warum sich dieses Menschheitswunder ausgerechnet auf dem Weg «dem Thurwasser nach», ausgerechnet im Obertoggenburg ereignet habe. Nur für Jok gibt es nichts zu fragen: «Hoo, aseweg!»*, sagt er noch einmal und schaut «seiner Nymphe» tief in die Augen.
Es ist zwar viel von Natur die Rede in diesen Texten, was aber nicht heisst, dass die Schauplätze der Handlungen sehr naturalistisch gestaltet sein sollen, im Gegenteil, minimalistisch, aber mit einem Augenfänger, an dem sofort zu erkennen ist, wo wir uns befinden.
Reale Orte
Bischofszell, Mündung der Sitter in die Thur.
Dem Wasser nach von Bischofszell bis ins Obertoggenburg.
Freienalp oberhalb von Oberdorf/Wildhaus, Quellgebiet der Wildhuser Thur.
Chalbersäntis oberhalb von Unterwasser, Quellgebiet der Säntisthur.
Am Ufer der Thur bei Alt St. Johann
Phantasieorte
Eine bislang unbekannte Karsthöhle im Chalbersäntis mit Vorhof und Festsaal der Tethys und des Okeanos.
In der Aussenwelt ist Maschinenzeit; sie hat die Mehrheit der Bevölkerung längst daran gewöhnt, das Künstliche im weitesten Sinn sei in jedem Fall besser und sicherer als das Natürliche, weshalb dieses inzwischen fast vollständig durch Künstliches ersetzt ist. Alle diese Bemühungen laufen unter dem Titel «Wissenschaftlicher Naturschutz». Wo die Verdrängung des Natürlichen durch das Künstliche noch nicht möglich ist, wird das Natürliche streng kontrolliert und erforscht, um auch diese Naturteile schliesslich doch noch «zukunftstauglich», im Klartext: nutzbar zu machen.
Auch das fliessende Wasser ist weitgehend unter Kontrolle der Maschinenwelt: begradigt, kanalisiert, kontrolliert, aus-nützlich. Nur dort, wo ein paar wenige Wasserläufe ihre natürliche Gestalt bewahren konnten, ist noch der Klang des Wassers zu hören. Einige Unentwegte suchen gerne solche Orte auf, weil sie spüren, dass der Klang des Wassers der Klang des Lebens ist. Anderweitig wird auch der Klang des Lebens längst von den Maschinengeräuschen imitiert und verdrängt.
Die Maschinenzeit hat es auch geschafft, einem zeitweise starken «Heimweh» vieler Menschen nach Innerlichkeit, nach dem Unsichtbaren, nach dem nur Hör-baren einen starken Verstandes- und Kontrolldruck von aussen entgegenzusetzen.
Das Natürliche generell und das Innerliche, nur Hörbare im Besonderen, sind längst als gesundheitsschädlich «erkannt» worden. Die staatlichen Vorschriften zum Schutz der Gesundheit (Gesundheitspolizei) sind sehr streng. Wer sich widersetzt, gilt als «gefährliches Virus», wird überwacht und nötigenfalls aus dem Verkehr gezogen.
Andererseits ist es auch eine Zeit, in der immer mehr Menschen spüren, dass die rein äusserliche Erklärung des «Lebens», der «Natur», der «Wirklichkeit», deren Beschränkung auf das Sicht- und Messbare die Seele verhungern lässt, sie leidet daran, «in sich selbst vereinsamt» zu sein (Heiner Ruland). Sie spitzen ihre Ohren, fangen an zu fragen, zu suchen, zu forschen, auszuprobieren, zu phantasieren, und ja, gerade das – sie fangen an zu singen und zu spielen. Sie sind auf ihren Wegen «dem Wasser nach» auf der Suche nach dem Klang des Lebens…
Simon Stauffer, beunfugter und sehnsüchtiger Taugenichts, phantasievoller Fragensteller
Mic, sein (angeblich) gesunder Menschenverstand in der Aussenwelt
Mila, seine Vernunft in der Innenwelt (keine Angaben zu ihrem Gesundheitszustand)
Jok, einzelgängerischer Naturmensch auf der Freienalp, leidenschaftlicher Solo-«Johler», wenn er allein ist
Janis, Quellnymphe der Wildhuser Thur
Zoé, Quellnymphe der Säntisthur, Schwester von Janis, beide sind Nachkommen von Tethys und Okeanos
Der Autor, Verfasser des Sprech- und Singspiels, gewisse Ähnlichkeiten mit Simon Stauffer sind kaum zu übersehen
Sandra. Journalistin, mit dem Autor unterwegs, immer auf der Jagd nach einer «heissen Story»
Tethys, Wassergöttin, Gattin des Okeanos und Ahnin von Janis und Zoé
Okeanos, Wassergott, Gatte der Tethys und Ahne von Janis und Zoé
Ananke, Göttin, Grosse Mutter der Mitte
Protheus («der Erste»), früher Meeresgott
Max Schertenleib und Sibi Keller, Gesundheitspolizisten des Amtes für Gesundheit in Bern
Die Erzählerin und der Erzähler
Aline, das Mädchen mit den Eselsohren an der Thur
Simi, der Bub ohne Eselsohren an der Thur
(Der erste Teil ist entstanden, als der Autor noch sehr von der Idee eingenommen war, dieser Stoff eigne sich vorzüglich für ein Sprech- und Singspiel nach dem Vorbild etwa der «Zauberflöte».)
(Wir sind an der Sittermündung bei Bischofszell.)
Mila
Dass uns etwas zur Sprache käme in dieser lärmigen Zeit.
Voller Getöse und Geschwätz.
Dass uns etwas zur Sprache käme,
dann wollte die Seele lange Ohren bekommen.
Sehr still würde sie. Und freudig.
Mic
Hätten sie uns bloss das Spielen gelehrt.
Aufs Kartoffelgraben wären wir von alleine gekommen.
So wär‘ uns vielleicht erspart geblieben,
wegzustrampeln, was sie Leben nennen,
wie das Kind die feuchte Decke nach albschwerer Nacht.
Hätten sie bloss von Sprache etwas gesagt.
Wir wären schneller gelaufen, als sie uns riefen.
Mila und Mic im Duett
Dass uns etwas zur Sprache käme.
Nur ein Wort, das uns berührte.
Und wir lebten, statt zu zappeln.
Dass uns etwas zur Sprache käme...
Freudig stimmten wir ein.
Freudig stimmen wir ein.
Simon
Darf ich mich vorstellen. Ich bin Simon Stauffer, nicht mehr der Jüngste, aber meistens voller Lebensfreude und immer voller Sehnsucht. Ein richtiger Sehnsüchtling sei ich, sagen manche Leute, im Besonderen ein gewisser Mic, der sich selbst als «meinen gesunden Menschenverstand» ausgibt, geht mir damit andauernd auf die Nerven.
Aber es stimmt schon. Besonders stark sehne ich mich nach dem Ort des Anfangs, nach dem Quellgebiet des Lebens, der Natur, der Wirklichkeit. Und der Flüsse. Sei vielen Jahren spreche und schreibe ich davon. Ich berufe mich dabei auf Erfahrungen der gesamten Menschheit, wonach eine lebendige Verbindung mit dem Ort der Herkunft immer und unter allen Umständen im Hier und Jetzt eine segensreiche Wirkung entfaltet. Und für segensreiche Wirkungen aller Art bin ich, Simon Stauffer, schon immer sehr empfänglich gewesen.
Erzählerin
Wieder befindet sich Simon wie so oft in letzter Zeit an der Thur, im thurgauischen Bischofszell, wo sie zum Empfang der Sitter, die von der Appenzeller Seite des Säntis kommt, einen ziemlichen Zirkus veranstaltet. Es muss ihr wirklich sehr viel daran gelegen gewesen sein, das Appenzeller Wasser aufzunehmen und nicht zusehen zu müssen, wie sich die Sitter andernfalls auf ihrem eigenen Weg Richtung Rhein bewegen würde.
Erzähler
Simon sitzt mit Augen und Ohren flussaufwärts «gespitzt» auf der Brüstung der Alten Thurbrücke aus dem 15. Jahrhundert und lauscht dem ankommenden Wasser. Wobei das Wort «Brüstung» eine masslose Übertreibung ist, denn die Mäuerchen links und rechts des schmalen Fuss- und Fahrwegs reichen Simon nur knapp über die Knie und er fragt sich, wie viele arme Teufel in den bald sechshundert Jahren Existenz der Alten Thurbrücke bei Bischofszell «über Bord» gegangen sind.
Erzählerin
Doch als Simon zum aberhundertsten Mal fragt…
Simon
Thur, wo kommst du her?
Mic
Ich will das nicht mehr hören. Steh einfach auf, du fauler Arsch, mach dich auf den Weg und sieh nach, wo die Thur ihr Wasser her hat.
Simon
Warum eigentlich nicht, wenn es mir wirklich so wichtig ist, den Ursprungsort zu finden, komme ich ums Suchen an Ort und Stelle wohl nicht herum.
Erzähler
Anderntags packt er seinen Rucksack und macht sich auf den Weg. Von Bischofszell aus – flussaufwärts natürlich. Allerdings schweren Herzens. Als er zuhause auf der Landkarte seine Wanderung «theoretisch» erkundete, hat er sofort festgestellt, dass die Thur auf weiten Strecken kein natürlicher Fluss mehr ist, sondern, wie die meisten Flachlandgewässer, ein Kanal, begradigt und vergewaltigt.
Erzählerin
Zum Wesen des Flusses gehört der natürliche Spiraldrang des fliessenden Wassers, der die wunderbarsten Mäander in die Landschaft zaubert, wie Simon weiter oben, im Toggenburg, mit Freude wird feststellen können. Aber bevor er den Weg dorthin unter die Füsse nimmt, geht er ein paar Schritte flussabwärts, bis zur Mündung der Sitter in die Thur. Ein magischer Ort, denn wenn es stimmt, was er gehört hat, verfügt das Wasser über die Fähigkeit, Klang zu speichern, das Wasser sei das eigentliche Gedächtnis der Natur, heisst es. Dann müssten im Sitter-Wasser die Appenzeller Zäuerli- und Ruggusseli-Klänge, im Thur-Wasser diejenigen der Toggenburger Johler zu finden sein. Und wenn sie sich hier ineinander ergiessen...
Simon
Ach, wenn ich bloss Ohren hätte, die hören…
Erzählerin
Er sieht sie sofort. Und sofort hat er auch das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben – früher, viel früher. Aber sein Gedächtnis lässt ihn im Stich, was Aussenstehende vielleicht damit begründen mögen, für einen so Kopflastigen wie den gesunden Menschenverstand sei ein mangelhaftes Erinnerungsvermögen nichts Aussergewöhnliches. Seine Welt ist das Hier und Jetzt, da hat die Vergangenheit wenig zu suchen.
Erzähler
Sie ist schön, sehr schön sogar. Und sie scheint keinerlei Begegnungsscheu zu haben, als sie und ihr Kollege an diesem Frühsommertag am Zusammenfluss von Sitter und Thur bei Bischofszell ihren Dienst antreten. Mic ausserhalb seines normalen Einsatzplans, was in letzter Zeit nicht mehr so häufig vorkommt wie früher, als er praktisch Tag und Nacht darüber zu wachen gehabt hatte, dass sein Dienstherr Simon Stauffer keinen Schaden nahm, wenn er fröhlich der Nase nach seinem nächsten Unglück entgegenstolperte.
Erzählerin
Jetzt steht Mic da und staunt seine «Kollegin» an, deren offener Gesichtsausdruck und strahlende Lebensfreude einer gerade aufgegangenen Blume, einer Seerose vielleicht, gleicht. Als Mila, «seine Vernunft», stellt sie sich vor und reicht Mic die Hand. Für ihn ist das mehr als verwunderlich, denn aus der Theorie seiner harten und Jahre dauernden Berufsausbildung wie auch aus der Praxis weiss er nur zu gut, dass Verstand und Vernunft ausser der Vorsilbe ihrer Berufsbezeichnung und ihres Dienstherrn kaum etwas Gemeinsames haben. Katz‘ und Hund ist die übliche Charakterisierung. Aber ein wesentlicher Punkt verbindet die zwei Fachleute eben doch – sie verfügen über reichhaltiges Insiderwissen.
Mila
Er schreibt wieder.
Mic
Woher weisst du das?
Mila
Ich brauche ihm nur zuzuhören.
Mic
Wieso, führt er wieder Selbstgespräche?
Mila
Was im Herzen gesprochen wird, ist selten für die Aussenwelt bestimmt.
Mic
(Spöttisch.) Für dich aber schon.
Mila
(Gelassen.) Man nennt mich die Vernunft, und als diese gehöre ich, wie du vielleicht weisst, zu seiner Innenausstattung, ich bin fürs Hören zuständig. Und manchmal höre ich Dinge, von denen nicht einmal Simon etwas weiss.
Mic
Und das wäre?
Mila
Ich glaube, er möchte ein Jubiläum feiern.
Mic
Jubiläum? Was gibt’s denn im Leben unseres verehrten Simon Stauffer zu feiern? Heldentaten? Meisterleistungen? Den Lotto-Jackpot? Geschäftserfolge? Ist er Begründer einer Dynastie geworden? Vater einer grossen Kinderschar? Genialer Forscher? Anerkannter Wissenschaftler? Oder hat er es inzwischen geschafft, für einen der vielen Dutzend leeren Buchtitel einen vollständigen Inhalt zu erarbeiten?
Mila
Du müsstest das eigentlich wissen, vor bald einmal fünfundzwanzig Jahren hat er nämlich dich erschaffen.
Mic
Mich? Das müsste ich wissen.
Mila
Du wurdest damals noch unter dem Kürzel «MGM» geführt.
Mic
Ach, du meine Güte. Sein «Roman» 'Die letzte Prothese' mit den Teleskopstöcken. «Mein Gesunder Menschenverstand» war seine Erfindung, ich wurde nicht um meine Meinung gefragt.
Mila
Ausserdem glaube ich, er ist verliebt. Die Angebetete ist ein paar Jährchen jünger als er, sehr intelligent, sehr lebenstüchtig und bildschön.
Mic
Jetzt schlägt‘s dreizehn. Dieser alte Sack, was bildet der sich eigentlich ein? Und wo steckt er überhaupt?
Mila
So viel ich weiss, ist er zu einer Reise in seinen Hirnstamm aufgebrochen.
Mic
Alarm! Das heisst nichts Gutes. Mir hat er gesagt, er mache eine Flusswanderung an der Thur.
Mila
Macht er ja auch, genau genommen weiss er noch gar nicht, wer und was ihn im Quellgebiet der Wildhuser Thur im obersten Toggenburg erwartet, und dass sein Herzensanliegen in Erfüllung gehen wird. Denn dort oben weiss man längst Bescheid.
Mic
Herzensanliegen! Wenn ich das nur schon höre, wird mir schwindlig. (Nach einer Murrpause) Um was geht’s?
Mila
Er wird auf eine Reise in den Hirnstamm mitgenommen.
Mic
(Nachdenklich) Hirnstamm, sagst du? Da war doch mal was. Moment, ich schaue in seinem Journal nach.
Mila
Hast du das Passwort?
Mic
Brauch ich nicht, auch unsereins hat Privilegien, als sein Verstand muss ich mit dem Sichtbaren auskommen. Also auch mit Passwörtern.
Mila
Ich bin ganz Ohr.
Mic
(Hantiert mit seinem Notebook.) Warte, ich gebe das Stichwort ein. «Hirnstamm», Mann, nicht zu fassen, 142 Einträge, der erste schon 2009, allerdings noch versteckt in einem längeren Artikel über die «Doppelzeugung».
Mila
Sein Lieblingsthema, ich weiss. Doppelzeugung, Doppelgeburt, Doppelnatur. Auch er ist noch einmal auf die Welt gekommen.
Mic
Sagst du. Reine Schwärmerei.
Mila
Vielleicht müsstest du auch in den Hirnstamm und dich dort ein bisschen umhören.
Mic
(Dozierend) Der Hirnstamm ist zunächst wie gesagt versteckt in einem anderen Thema, also noch unverdächtig.
Aber dann, 2014, im Juni geht’s los. Peter Levine hat ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt. Simon lässt sich nicht zweimal bitten und spekuliert frisch drauflos: «Ist im Hirnstamm, dem ältesten Teil des Hirns, nicht viel mehr enthalten als unsere angeblich tierische Vergangenheit, nämlich die Vorgeschichte der gesamten Schöpfung?» Ich sage dir eins, liebe Mila, unser verehrter Simon ist wieder einmal auf einem «Trip». Wie ich in seinem Journal lese, glaubt er tatsächlich, sich in eine Zelle des Hörnervs verwandeln und als solche in den Hirnstamm reisen zu können, wo man ihm dann brühwarm die gesamte Weltengeschichte von A bis Z erzählt.
Mila
Da würde ich auch gerne zuhören, du nicht?
Mic
Jaja, ich weiss, wenn’s ums Phantasieren geht, seid ihr ein Herz und eine Seele. Und ich darf ihn dann einmal mehr mühsam aufpäppeln, wenn er wieder auf die Schnauze gefallen ist. Du solltest mal sein Gejammer anhören müssen, wenn er die besagte Liste seiner Buchtitel ohne Buchinhalt durchgeht und sich zum tausendsten Mal eingestehen muss, es zu nichts gebracht zu haben.
Mila
Das ist nur die eine, sozusagen seine äussere Seite. Aber das war vorgestern. Inzwischen ist viel, sehr viel Wasser die Thur hinuntergelaufen. Und Simon hat gelernt, Wünsche zu haben, die in Erfüllung gehen können. Ohne ganz auf die unerfüllbaren zu verzichten, wie ich zugeben muss.
Mic
Spielst du auf sein Verliebtsein an? Oder auf die Vollendung seines neuesten Buchprojektes?
Mila
Hat er es tatsächlich geschafft?
Mic
Im Dateiverzeichnis seines Computers gibt es einen Ordner «Hirnstamm». Aber es ist noch nichts drin, ausser einem Auszug aus seinem Journal mit dem Schlüsselwort «Hirnstamm». Und ein rätselhaftes Bild mit einem ganzen Netzwerk von Wegen, das er vor Jahren auf «Facebook» veröffentlicht hat. Mit der grossartigen Ankündigung, eine Reise in den Hirnstamm unternehmen zu wollen. Typisch Simon, reine Phantasie.
Mila
Wart’s ab. Er hat ja nicht gesagt, wann die Reise stattfinden soll, oder?
Mic
Du hast wieder einmal das letzte Wort. Aber was soll’s. Ich werde unserem feinen Herrn Stauffer dann schon klar machen, dass man mit Seifenblasen keine Häuser baut.
(Stille.)
Mila
Sag mal, was ist aus deiner Sicht das Wichtigste im Leben?
Mic
Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität zu stehen, geerdet zu sein. Aufrecht, wenn’s geht.
Mila
Weisst du auch, was es dafür braucht?
Mic
Mich.
Mila
(Lacht herzlich.)
Mic
Dir wird dein dreckiges Lachen schon noch vergehen.
Mila
Getragenwerden von unserer Erdenmutter, das ist es – einerseits. Aber genau so natürlich ist die andere Seite. Du hast ja das Schlüsselwort «Doppelzeugung» erwähnt. Wenn der Mensch tatsächlich mit «zwei Seelen in seiner Brust» herumläuft, -steht und -liegt, gehört ein verlässliches Gehaltenwerden von oben genauso zur Grundausstattung wie das Getragenwerden von unten. Das macht allerhand Unmögliches möglich, sogar ein vollendetes Buch über eine Reise in den Hirnstamm.
Mic
Spielst du auf Simons «Himmelanziehungskraft» an? Das ist auch eines seiner Steckenpferde, monatelang lag er mir damit in den Ohren. Es hat mich eine Heidenmühe gekostet, ihm klar zu machen, dass er mit seiner «Leichtkraft» garantiert nicht zum Himmel fliegen kann, sich aber mit Sicherheit den Ruf eines Vollblut-Esoterikers einhandelt.
Mila
Apropos Esoteriker. Weisst du, was «eso» bedeutet?
Mic
Ich weiss, was Esoterik bedeutet, das reicht mir.
Mila
Du machst es dir zu einfach.
Mic
Wieso?
Mila
«Esoterisch» heisst schlicht «innerlich».
Mic
Na und?
Mila
Das Gegenteil von äusserlich, oberflächlich, scheinbar. Wer das Innen leugnet, leugnet das Leben.
Mic
Was du nicht sagst.
Mila
Komm, es geht los.
(Alte Thurbrücke, Bischofszell.)
Erzähler
Simon sitzt mit Augen und Ohren flussaufwärts «gespitzt» auf der Brüstung der Alten Thurbrücke und lauscht dem ankommenden Wasser.
Erzählerin
Simon ist mit leichtem Gepäck und leichten Schuhen unterwegs auf dem Thur-Uferweg. Gleich nach der Alten Thurbrücke in Bischofszell kommt er an einem Brunnen vorbei. Er stutzt und bleibt stehen: «Kein Trinkwasser – Lebensgefahr», steht auf einer Hinweistafel, ein hässlicher Totenkopf unterstreicht die böse Botschaft.
Simon
«Kein Trinkwasser!» Na ja, ich habe ja zum Glück mein eigenes im Rucksack.
Erzählerin
Er öffnet den Rucksack, holt eine Trinkflasche heraus. Schüttelt sie. Leer!
Simon
Mir ist wirklich nicht zu helfen. Wo hatte ich bloss meinen Kopf, die leere Flasche einzupacken? Aber es kommt sicher bald wieder ein Brunnen…
Erzähler
Simon wandert weiter flussaufwärts. Doch schon auch beim nächsten Brunnen steht er wieder vor einer Warntafel «Kein Trinkwasser – Lebensgefahr!» Noch einmal bleibt er davor stehen, schüttelt den Kopf.
Simon
Steht es wirklich so schlimm um unser Wasser!?
Erzählerin
Bis er gegen Abend am Eingang zum Toggenburg angelangt ist, ist Simon noch mindestens an einem halben Dutzend dieser Warntafeln vorbeigekommen. Doch zuvor hat er einen Entschluss gefasst, um sein Wasserproblem zu lösen. Er biegt vom Flussufer ab, dem nächsten Dorf zu. Gleich am Dorfeingang steht ein Brunnen.
Simon
Na also, frisches Wasser nach Belieben.
Erzähler
Simon hat Durst und freut sich auf einen kühlen Trunk. Doch als er ganz beim Brunnen angelangt ist, sieht er auch hier: «Kein Trinkwasser – Lebensgefahr!»
Simon
Das gibt’s doch nicht. Ein Dorfbrunnen mit ungeniessbarem, möglicherweise sogar giftigem Wasser!
Erzählerin
