DEN ERSTEN STEIN - Bernhard J. Mathiuet - E-Book

DEN ERSTEN STEIN E-Book

Bernhard J. Mathiuet

0,0
4,00 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Klimawandel bringt das Dorf Azoka in eine so arge Notlage, dass seine Bewohner bald auswandern müssen. Doch da hat die fünfzehnjährige Nischii eine glänzende Idee, welche dem ganzen Dorf eine gute Zukunft verheißt. Aber durch blinden Fanatismus und Gier verursachte Konflikte verwandeln ihr Streben nach Glück, Liebe und Gedeihen in einen harten Überlebenskampf. Nischiis Vater ist ein wegen seiner Weisheit und Stärke geschätzter Mann. Seine Familie stellt sich — zusammen mit den meisten Dorfbewohnern — hinter ihn, um sich von den Fanatikern zu befreien. Werden sie es schaffen? Was wird ihre Familie für ihre Träume opfern? Die spannenden Ereignisse, die starken Gefühle und die tiefen Lebensfragen der Protagonisten entführen uns mitten in das Geschehen des dramatischen Romans um Liebe, Glück und Überlebenskampf. Am Ende wartet auf alle Leser ein beeindruckendes und überraschendes Finale.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bernhard J. Mathiuet

DEN ERSTEN STEIN

© 2020 Bernhard J. Mathiuet

Umschlaggestaltung: Bernhard J. Mathiuet

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg

978-3-347-06710-3 (Paperback)

978-3-347-06711-0 (Hardcover)

978-3-347-06712-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Er nahm den faustgroßen Stein in seine rechte Hand, wog ihn kurz ab, zielte und warf ihn mit aller Kraft. Die Schädelknochen knackten, der Körper brach zusammen.

Beim Weggehen hörte er hinter sich, durch das Geschrei der Männer hindurch, noch Dutzende dumpfer Einschläge in den leblosen Körper.

 

Azoka, das Dorf mit etwas weniger als tausend Einwohnern erwachte wieder einmal in einen tristen Morgen hinein. Seine Tage verkamen seit langem in kleinen Schritten, mit einem eigenen Rhythmus. Die Hauptstadt, die Provinzstädtchen und die großen Dörfer an den wichtigsten Straßen waren inzwischen – dank Reformen, Fortschritt und Freiheit – kurz aufgeblüht und hatten Wohlstand genossen, nur um gleich wieder durch Aufruhren, Krieg und Zerstörung in tiefstes Elend zu fallen. Bis jetzt hatten diese drastischen Veränderungen Azoka nicht berührt. Der Rhythmus seines Aufstiegs und Niedergangs wurde von der Natur bestimmt und von den Entscheidungen der Menschen, die ihr gehorchen mussten, wenn sie überleben wollten.

Außerdem hielten die Männer des Dorfes die großen nationalen und internationalen Auseinandersetzungen fern, indem sie – meist unfreiwillig – auswärts kämpften und danach weiser zurückkehrten, weil sie gelernt hatten, was man für ein gutes Leben braucht und – vor allem – was man nicht braucht.

 

Einer dieser Männer war Atal Ziam. Sein Opfer, als er in den Krieg musste, war groß, denn er ließ seine geliebte Frau Erieel und seine achtjährigen Zwillingskinder Nischii und Baz zurück. Vier Jahre lang sehnte er sich nach ihnen, nach seinem Hof, den Tieren und dem Dorf. Aber er kehrte mit einem reichen Schatz heim. Niemand fragte Atal selber, was ihn so stark verwandelt hatte, doch unter sich erwähnten die Leute, wie sehr sie sein Mut, seine innere Kraft und sein würdevoller, gefasster Blick beeindruckte, vor allem aber seine Weisheit, seine guten Ratschläge und seine Fähigkeit, die Leute des Dorfes in einer solidarischen Gemeinschaft zu vereinen. Die meisten schätzten diese Gabe besonders, weil einige Bewohner in letzter Zeit unter einem gefährlichen Fanatismus-Fieber litten, welches den Frieden der Dorfgemeinde zu zerstören drohte. Im Gemeinderat erhielten Atals Worte deshalb große Aufmerksamkeit und wogen viel.

 

An jenem Tag wollten sich die Männer mit der Hoffnung versammeln, eine rettende Lösung für ein ständig wachsendes Problem zu finden, welches den Untergang des Dorfes herbeiführen könnte. Nachdem Atal zu Hause das Wichtigste erledigt hatte, fragte er seine Frau:

»Erieel, brauchst du Hilfe bei den Ziegen?«

»Nur kurz, um die Mutter mit dem Neugeborenen vom Rest der Herde zu trennen.«

»Gut. Ich schicke dir Nischii, denn ich muss jetzt gehen. Tschüss.«

Gerade als Atal das Haus verlassen wollte, kam sein Sohn Baz.

»Papa, Nischii hat geflucht. Soll ich sie schlagen?«

»Nur wenn du noch nie geflucht hast. Baz, du bist jetzt fünfzehn und solltest wissen, dass der Stärkere die Aufgabe hat, die Seinen zu schützen, nicht sie zu misshandeln.«

»Ja Papa, aber wenn jetzt niemand sie für ihre Sünden bestraft, wird Gott es tun, wenn sie stirbt.«

»Die Leute sagen, Gott sei barmherzig. Schick Nischii zu mir. Ich werde mit ihr reden.«

»Nischii, meine Liebe, hast du geflucht?«

»Nein Papa! Ich habe Baz nur „Dummkopf“ genannt, weil er mich ausgelacht hat und „Dummkopf“ ist kein Schimpfwort und keine Gotteslästerung.«

»Nein mein Kind. Aber du wirst auch nicht klüger, indem du andere Dummkopf nennst. Hilf jetzt noch schnell Mama mit den Ziegen, bevor du zur Schule gehst. Ich werde in der Gemeindeversammlung erwartet.«

 

Die Versammlung hatte sehr lange gedauert und als Atal nach Hause kam, stand schon das Abendessen bereit. Sie setzten sich und Erieel fragte:

»Worüber habt ihr so lange gesprochen?«

»Über das Wasser. Es kommt immer weniger. Sie sagen, dass wir alle die meisten Tiere in weniger als einem Jahr verkaufen müssen, wenn es so weiter geht und viele werden sogar auswandern müssen. Schlimmstenfalls versiegt die Quelle in fünf bis zehn Jahren ganz. Dann wird hier niemand mehr leben können.«

»Aber wie sollen wir durchkommen, ohne Ziegen, Papa?« fragte Baz.

»Ich weiß es nicht, mein Sohn, noch weiß ich es nicht.«

Nischii fragte:

»Und warum zapfen wir nicht die Quelle hinter dem Berg Kunar an?«

»Weil es nicht geht. Wir hatten schon lange daran gedacht und zwei Jahre bevor ihr zur Welt kamt, brachten wir sogar einen Ingenieur aus der Stadt. Er sagte, es sei unmöglich, das Wasser über den Berg ins Dorf zu bringen. Oder willst du es etwa auf deinen Schultern hertragen?«

»Nein Papa«, antwortete Nischii, aber das Thema ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. In der Nacht konnte sie nicht einschlafen.

»Es ist eine schöne und üppige Quelle«, sagte sie zu sich selber, »mit mehr als genug Wasser fürs ganze Dorf, und alles geht verloren, weil es gleich wieder in der Erde verschwindet. Das darf nicht sein!«

Stundenlang drehten sich ihre Gedanken um das Thema. Sie erinnerte sich an die Formen der Landschaft, in der sie die Ziegen schon so oft mit ihrem Vater und ihrem Bruder weiden ließ. Sie stellte sich dutzende Techniken vor, wie man das Wasser die zweihundert Meter hohe senkrechte Felswand hoch bis zur Bergspitze hieven könnte, um es auf der anderen Seite runter ins Dorf zu lassen. Keine konnte funktionieren und ein Tunnel durch den Berg war auch nicht machbar. Schließlich sah sie sich mit einem Krug voll Wasser auf der Schulter von der Quelle aus nach Hause gehen. Da fiel ihr plötzlich eine Möglichkeit ein. Nischii ließ sich die neue Idee mehrmals durch den Kopf gehen, bis sie einschlief.

Beim Frühstück sagte sie:

»Heute haben wir keine Schule. Papa, wir könnten mit den Ziegen an einen Ort gehen, den ich dir zeigen möchte. Sie können unterwegs fressen und wenn wir da sind, haben sie auch noch Zeit zu weiden.«

»An welchen Ort denkst du?«

»Es ist eine Überraschung, aber es wird dir gefallen.«

»Erieel, kommst du auch?« fragte Atal. »Wir sind schon lange nicht mehr zusammen spazieren gegangen.«

»Ja, gern. Wir könnten das Essen mitnehmen, damit wir nicht so bald wieder nach Hause müssen.«

»Das ist eine gute Idee«, meinte Nischii. »Ich hole den Korb und helfe dir beim Vorbereiten.«

Zuerst gingen sie ein Stück geradewegs steil hinauf Richtung Gipfel. Auf halber Höhe führte Nischii sie dann mehrere Kilometer am Abhang entlang ostwärts, bis zu einem Pass, von wo aus sie die nördliche Ebene überblicken konnten. Nun bogen sie nach links ab und wanderten weiter, um den Berg Kunar herum Richtung Westen. Nach viereinhalb Stunden erreichten sie die Quelle.

»Voilà. Da sind wir«, sagte Nischii.

»Und, was willst du hier? Soll das ein Witz sein?« fragte Atal.

»Wie sind wir gekommen?«

»Normal, langsam. Warum fragst du?«

»Wie sind wir gekommen?« insistierte Nischii.

»Langsam aufwärts…«:

»Immer aufwärts?«

»Ja, natürlich.«

»Ohne einmal abwärts zu gehen?«

»Ja.«

»Und wie gehen wir nachher heim?«

»Abwärts natürlich. Was zum Teu…«

»Immer abwärts, wie das Wasser?«

»Nischii! Das ist genial! Wie bist du nur darauf gekommen?«

»Was habt ihr denn bloß?« fragte Erieel.

»Wir werden einen Kanal bauen!« antwortete Atal ganz aufgeregt.

Baz hörte still zu und versuchte dabei, seine Unzufriedenheit zu verbergen.

»Wieder einmal darf sie die Kluge sein… und ich hab nichts zu sagen…« murmelte er in sich hinein. »Ich liebe sie, ja bewundere sie sogar und bin stolz darauf, dass sie meine Schwester ist. Aber warum muss ich immer der Dumme in der Familie sein? Sie ist die Beste der ganzen Schule und ich gehöre zum letzten Haufen…«

»Das Essen ist bereit«, rief Erieel. Sie hatte das Tischtuch und die Speisen so ausgelegt, dass die vier sich im Halbkreis setzen und beim Essen die Aussicht ins Tal genießen konnten. Die Wanderung hatte ihren Hunger angeregt und die Frauen genossen das Picknick. Aber Baz würgte mehr an seiner Eifersucht als am Essen und Atal kaute sehr langsam mit verklärtem Blick in die nördliche Leere.

»Was ist los? Habt ihr keinen Hunger?«

Atal antwortete:

»Doch, aber ich denke gerade etwas…«

»Kommt, esst jetzt und danach können wir denken und das Thema besprechen«, befahl Erieel.

Als sie fertig waren, sagte Atal:

»Es gibt zwei Probleme. Das erste ist, dass die Quelle im Winter einfriert und dann werden wir wieder kein Wasser haben. Ich hab gedacht, man könnte im Dorf ein großes Reservoir bauen, aber das reicht auch nicht weit.«

Alle vier betrachteten die Quelle. Das Wasser sprudelte etwa eineinhalb Meter über dem Boden aus der Felswand, fiel in einen kleinen Teich und verschwand in zwei Metern Entfernung wieder in einem Loch im Boden. Nischii fragte:

»Und wie wär‘s, wenn wir das Wasser mit einem Rohr in der Felswand abfassen würden, das wir irgendwie vor der Kälte schützen?«

»Ich weiß nicht… die Idee überzeugt mich nicht«, antwortete der Vater.

Baz dachte an die Kälte, die im Winter herrschte und dabei kam ihm die Erinnerung, wie gut er sich einmal direkt unter der Kuppel fühlte, als er half, den Tempel zu reparieren. Da oben, unter der Wölbung, war es angenehm warm im Vergleich mit der eisigen Kälte auf dem Boden.

»Man könnte eine halbe Kuppel über die Quelle bauen und sie mit einem oder zwei Metern Erde zudecken«, sagte er.

»Das ist es! Bravo!« rief Atal aus. »Was für Genies ihr doch seid! Eigentlich solltet ihr Ingenieure werden.«

Nischii und Baz schauten sich zufrieden an, legten sich gegenseitig die Arme auf die Schultern und verneigten sich, während Baz sagte:

»Meine Damen und Herren, wir stellen Ihnen die Ingenieurgesellschaft „Baznisch“ vor.«

Nach dem Gelächter fragte Nischii:

»Und was ist das andere Problem?«

»Wir können nicht sagen, dass es deine Idee war, Nischii. Im Dorf gibt es sehr traditionelle Leute mit alter Mentalität. Sie würden sagen, dass das niemals funktionieren könne, nur weil es einer Frau eingefallen ist und dazu noch einem so jungen Mädchen. Wir werden erzählen, dass es meine Idee war und später, wenn das Projekt fertig ist, werden wir die Wahrheit sagen.«

»Sehr gut«, antwortete Nischii unbekümmert.

»Mit der Idee der Kuppel kannst du dasselbe machen«, fügte Baz solidarisch hinzu.

Kaum waren sie am Abend zu Hause angekommen, ging Atal ins Dorf, um den Gemeinderat zusammenzurufen.

»Morgen früh müssen wir uns versammeln. Ich muss euch etwas ganz Wichtiges zeigen. Bringt etwas zu essen mit, wir werden einen schönen Ausflug machen.«

Früh am nächsten Morgen machten sich die Männer – mit Baz neben seinem Vater – auf den Weg. Zu Ehren Nischiis und weil es eine perfekte und überzeugende Inszenierung gewesen war, wiederholte Atal alles genau, wie sie es gemacht hatte. Und um Baz zu ehren, erwähnte er das Problem mit der Kälte nicht. Er wartete, bis einer der Männer darauf hinwies, dann sagte er:

»Baz, du bist dran. Erklär ihnen, welches deine Idee war.«

Die Männer hörten zu und dann sagte Chokhi:

»Das ist auch perfekt. Stimmen wir gleich ab. Wer ist für die Durchführung dieses Projekts?«

Alle stimmten begeistert dafür.

Auf dem Heimweg gingen die Männer zu zweit und in kleinen Gruppen, während sie eifrig über Einzelheiten der verschiedenen Arbeiten, über die Tiefe, die der Kanal haben muss, um im Winter nicht einzufrieren, über die Kosten usw. diskutierten.

Einer der Männer näherte sich Baz und fragte:

»Baz, kennst du unseren Ehrencode?«

»Ja.«

»Und bist du bereit, nach ihm zu leben?«

»Jawohl!«

»Ich frage dich, weil du trotz deiner Jugend bewiesen hast, dass du viel taugst. Deshalb könnten wir bald dein Übergangsritual zum Mann feiern, damit du auch in den Gemeinderat kannst.«

»Ich glaube, das hat noch Zeit, bis die Arbeiten abgeschlossen sind und wir sehen, ob das Projekt auch wirklich funktioniert«, sagte Atal, denn seiner Meinung nach fehlte Baz noch etwas Reife und Stärke zum Mann.

Sie rechneten mit einem Jahr für das ganze Projekt. Von den sechzehn Kilometern des Kanals konnte ihres Erachtens nur ungefähr ein Drittel mit Maschinen ausgehoben werden. Der Rest war hartes Pickeln und Schaufeln. Dafür bildeten sie zehn Teams zu zwölf Männern für die Arbeit direkt am Kanal, mit den stärksten für die steilsten und schwierigsten Zonen. Die übrigen Männer kümmerten sich um Planung und Gestaltung die einen, sowie um den Materialtransport mit Hilfe von Pferden und Maultieren die anderen. Die Frauen organisierten sich untereinander, um alle mit Essen und Trinken zu versorgen.