Den Teufel im Blut - Howard Duff - E-Book

Den Teufel im Blut E-Book

Howard Duff

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Beschreibung

Western Helden – Die neue Reihe für echte Western-Fans! Harte Männer, wilde Landschaften und erbarmungslose Duelle – hier entscheidet Mut über Leben und Tod. Ob Revolverhelden, Gesetzlose oder einsame Reiter auf der Suche nach Gerechtigkeit – jede Geschichte steckt voller Spannung, Abenteuer und wilder Freiheit. Erlebe die ungeschönte Wahrheit über den Wilden Westen Wir preschten durch die Furt des Angela Draw zum anderen Ufer hinüber. Das Wasser spritzte mir bis zur Hüfte herauf, während ich meinem Cayusen die Sporen in die Weichen stieß, um ihn hinüberzuzwingen. Hinter meinem Vater ritt ich die Böschung hinauf. Die Hufe der Pferde trommelten über den sonnentrockenen, staubigen, von spärlichem Bunchgras bewachsenen Boden. Während wir auf die Stadt zurasten, konnte ich das Gesicht meines Vaters von der Seite her sehen. Es war hart und starr wie eine Bronzemaske und ebenso dunkel. Er saß aufrecht im Sattel, die hochhackigen Reitstiefel in die Steigbügel gestemmt. Seine harten, sehnigen Hände umklammerten fest die Zügel. In scharfem Galopp ritten wir in Yellow Butte ein. Ich konnte bis zur bunten, fahnengeschmückten Fassade des Alhambra Saloons am anderen Ende der Straße sehen. Wir ritten darauf zu, ohne das Tempo zu verringern, bis mein Vater seinen hochbeinigen Kentuckyfuchs dicht vor der Treppe zum Stepwalk des Saloons so hart zurückriss, dass er sich aufbäumte. Vor dem Saloon saß ein alter graubärtiger Mann in einem Schaukelstuhl. Er unterbrach sein Schaukeln jäh, als er uns erkannte. Mein Vater bückte sich und zog ein Gewehr aus dem Sattelschuh. Es war nicht die Winchester, die er immer mit sich führte, wenn er zu den Weiden hinausritt. Das war eine Parker-Schrotflinte mit doppeltem Lauf, ihre Läufe waren bis zur Länge eines Unterarmes verkürzt. »Chip, ist Valance da drin?«, fragte mein Vater den Alten im Schaukelstuhl. Der Mann nickte. »Dann geh hinein und sag ihm, dass Ben Wyatt ihn sprechen will!

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Western Helden – 52 –Den Teufel im Blut

Howard Duff

Wir preschten durch die Furt des Angela Draw zum anderen Ufer hinüber. Das Wasser spritzte mir bis zur Hüfte herauf, während ich meinem Cayusen die Sporen in die Weichen stieß, um ihn hinüberzuzwingen.

Hinter meinem Vater ritt ich die Böschung hinauf. Die Hufe der Pferde trommelten über den sonnentrockenen, staubigen, von spärlichem Bunchgras bewachsenen Boden.

Während wir auf die Stadt zurasten, konnte ich das Gesicht meines Vaters von der Seite her sehen. Es war hart und starr wie eine Bronzemaske und ebenso dunkel.

Er saß aufrecht im Sattel, die hochhackigen Reitstiefel in die Steigbügel gestemmt. Seine harten, sehnigen Hände umklammerten fest die Zügel.

In scharfem Galopp ritten wir in Yellow Butte ein. Ich konnte bis zur bunten, fahnengeschmückten Fassade des Alhambra Saloons am anderen Ende der Straße sehen. Wir ritten darauf zu, ohne das Tempo zu verringern, bis mein Vater seinen hochbeinigen Kentuckyfuchs dicht vor der Treppe zum Stepwalk des Saloons so hart zurückriss, dass er sich aufbäumte.

Vor dem Saloon saß ein alter graubärtiger Mann in einem Schaukelstuhl. Er unterbrach sein Schaukeln jäh, als er uns erkannte.

Mein Vater bückte sich und zog ein Gewehr aus dem Sattelschuh. Es war nicht die Winchester, die er immer mit sich führte, wenn er zu den Weiden hinausritt. Das war eine Parker-Schrotflinte mit doppeltem Lauf, ihre Läufe waren bis zur Länge eines Unterarmes verkürzt.

»Chip, ist Valance da drin?«, fragte mein Vater den Alten im Schaukelstuhl.

Der Mann nickte.

»Dann geh hinein und sag ihm, dass Ben Wyatt ihn sprechen will! Er soll herauskommen und sein Gewehr mitbringen, mit dem er Abe Leatherham erschossen hat! Und er soll sich beeilen!«

Ich saß zusammengesunken in meinem McClellan-Sattel, die Zügel hielt ich in der Linken, und meine Rechte lag auf der Hüfte, eine knappe Handbreit über dem Griff des Revolvers.

Während wir warteten, beobachtete ich das Gesicht meines Vaters. Es war verschlossen und starr. Nur in seinen Augen schien noch Leben zu sein. Tief in ihrem Hintergrund brannte ein zuckendes, züngelndes Feuer.

Er saß aufgerichtet im Sattel und hatte den Kolben der Parker auf den rechten Oberschenkel gestemmt. Hinter uns hielten in weitem Halbkreis sieben Reiter, die wir von der Ranch mitgenommen hatten.

Ich sah auf, als die Schwingtür des Saloons quietschte.

Ein Mann trat aus dem Halbdunkel des Raumes in den helleren Schatten des Vordaches über dem Stepwalk, ein Schrotgewehr lässig in der rechten Hand.

Caleb Valance kannte ich vom Sehen, gesprochen hatten wir nie zusammen.

Valance war der Anführer der Siedler im Sutton County, hünenhaft, fast so groß wie mein Vater, und breitschultrig. Er trug die raue Kleidung der Siedler, dunkle Cordhosen, ein kariertes Wollhemd und eine Jacke darüber, Schnürstiefel und einen Stetson mit breitem Rand und flacher Krone. Unter der Jacke trug er einen Revolver am Gurt.

Hinter ihm schoben sich zwei weitere Männer aus dem Saloon. Ich kannte sie beide. Es waren Bascomb und Cartwright. Auch sie waren bewaffnet.

Valance kam bis zu der Treppe und blieb dann stehen, hob das Gewehr und stützte den Kolben in die Hüfte. Er hatte getrunken, aber nicht genug, um keinen klaren Blick mehr zu haben.

»Sieh da, Ben und Brack Wyatt«, höhnte er. »Was willst du von mir, Wyatt?«

»Vor zwei Stunden kam einer meiner Männer zu mir und berichtete, dass er gesehen hätte, wie du Abe Leatherham erschossen hast, Valance. Du musstest dir doch im Klaren darüber sein, dass ich kommen würde.«

Ich sah, wie es um Valances Mundwinkel zuckte, und unwillkürlich schloss sich meine Hand um den Revolvergriff.

»Dein Reiter hat versucht, den Zaun zu durchschneiden, den wir um unseren Grund errichtet haben«, erwiderte Valance herausfordernd.

»Die Wasserlöcher, die ihr eingezäunt habt, gehören nicht zu eurem Land«, widersprach ihm mein Vater. »Sie liegen auf der freien Regierungsweide. Leatherham und Turk hatten von mir den Auftrag, den Zaun zu durchschneiden. Auf freier Weide gibt es keinen Stacheldraht.«

»Es gibt dort Stacheldraht, wo wir ihn haben wollen«, versetzte Valance. »Lass dir sagen, Wyatt, dass jeder deiner Männer, den wir in Zukunft auf unserem Land antreffen, eine Kugel bekommt. Halte dein Vieh auf deinen Weiden und suche keinen Streit mit uns.«

»Darüber wird der Friedensrichter in Sonora entscheiden«, entgegnete mein Vater und richtete sich mehr in den Steigbügeln auf.

»Der Friedensrichter weiß, wo er mich finden kann«, antwortete Valance gepresst. »Kein Gericht der Welt kann mich verurteilen, weil ich mein Eigentum beschützt habe. Leatherham griff als Erster zur Waffe, als er mich kommen sah. Ich war nur schneller als er, Wyatt. Reite weg aus Yellow Butte! Dies ist nicht deine Stadt.«

»Das Gewehr, das du da in der Hand hältst«, fragte mein Vater, »ist es dasselbe, mit dem du Abe erschossen hast?«

»Du solltest keinen Streit mit mir suchen, Wyatt«, erwiderte Valance, und seine Stimme war jetzt so leise, dass man sie kaum noch verstehen konnte. »Unser Land ist unser Land. Alle Siedler im Sonora-Distrikt haben eine Eingabe unterschrieben, in der wir einen US Deputy Marshal für das Sutton County fordern.«

Langsam wiederholte mein Vater: »Ich will wissen, ob dieses Gewehr, das du da in der Hand hast, die Waffe ist, mit der du Abe erschossen hast, Valance. Nimm dein Pferd und komm mit uns nach Sonora zum Marshal – halt! Lass das Gewehr, wo es ist.«

Valances Schultern spannten sich wie in einem Schraubstock.

»Warum spielst du dich als Herrscher dieses Countys auf, Wyatt? Warum kommst du nach Yellow Butte? Wir wollen keinen von euch in dieser Stadt haben. Verschwindet von hier!«

Mein Vater hob die linke Hand. Die Reiter, die hinter uns hielten, kamen langsam heran.

»Wir bringen dich und deine Leute nach Sonora«, erklärte er und senkte die Hand. »Wirf das Gewehr weg, Valance, und …«

In diesem Moment zuckte die Parker in Valances Hand herum. Die Spannung war zu groß für ihn geworden.

Ich riss den Revolver heraus, und im selben Augenblick ließ mein Vater seinen Fuchs steigen.

Valances Parker dröhnte. In das Krachen seines Schusses mischte sich ein zweiter Schuss, der aus dem Gewehr meines Vaters kam.

Valance wurde durch die Gewalt der Schrotkörner herumgerissen und gegen die Schwingtür des Saloons geschleudert.

Der Fuchs stieß ein grelles, schmerzliches, fast nach einem menschlichen Aufschrei klingendes Wiehern aus und fiel zur Seite. Er hatte Valances Schrotschuss mit der Brust aufgefangen.

Valance stürzte krachend zu Boden.

Ich riss meinen Cayusen auf die andere Seite und hob den Revolver.

Bascomb und Cartwright hatten ebenfalls zu den Waffen gegriffen, aber da ich die Hand schon am Revolvergriff gehabt hatte, war ich um einen Sekundenbruchteil schneller.

Meine Kugel traf Bascomb in die linke Schulter.

Ich sah, wie er herumfuhr, und hörte seinen Schrei, dann vernahm ich das dumpfe Peitschen eines zweiten Schusses. Cartwright stand mit erhobenem Revolver auf dem Stepwalk und zielte auf mich.

Pulverrauch hing über der Straße.

Ich drückte auf Cartwright ab, doch mein Cayuse drehte sich im selben Augenblick zur Seite, sodass ich den Heimstätter um mehr als einen Yard verfehlte.

Da peitschten die Schüsse unserer Reiter über die unter sengender Sonnenglut liegende Straße. Als ich mein Pferd herumwarf, sah ich Cartwright langsam an einem der Stützpfosten zu Boden gleiten. Sein Revolver lag im Staub.

Bascomb stand an die Holzwand des Saloons gelehnt und umklammerte seine linke Schulter. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor. Sein Gesicht war grau wie ein Morgen ohne Sonnenaufgang.

Ich glitt aus dem Sattel und half meinem Vater. Sein linkes Bein war unter dem schweren Körper des Pferdes eingeklemmt. Er zerrte sich frei und stieß mich beiseite, als ich ihm auf die Beine helfen wollte.

»Gib mir das Gewehr!«, sagte er.

Ich bückte mich, hob die Parker auf und gab sie ihm.

Bascombs Gesicht wurde weiß, als er sah, dass sich die beiden Läufe auf ihn richteten.

»Hör zu!«, sagte mein Vater. »Bring Valance und Cartwright weg von hier und danke Gott, dass du noch am Leben bist! Reite zu deinen Leuten und sage ihnen, dass ich keine Stacheldrahtzäune auf unserem Lande dulden werde! Wenn ihr mich vom Wasser abschneiden wollt, dann werdet ihr hart kämpfen müssen. Ich habe fünfundzwanzig Reiter auf meinen Weiden und das Gesetz auf meiner Seite. Ich war in diesem Lande, ehe einer von euch den Fuß darauf gesetzt hat.«

Langsam senkte er das Gewehr, öffnete das Schloss und zog die abgeschossene Patronenhülse heraus, dann klappte er die Läufe mit einer schlenkernden Handbewegung zu und sagte, ohne mich dabei anzusehen:

»Brack, ich brauche ein Pferd. Hier ist alles erledigt. Wir reiten zur Ranch zurück.«

*

José, unser mexikanischer Diener, nahm uns die Pferde ab, während die Cowboys zu ihrer Unterkunft ritten. Die schneeweiße Fassade des im alten spanischen Kolonialstil errichteten Ranchhauses mit seinem Säulengang und den hohen, schmalen Fenstern leuchtete in der Junisonne, als wir den Patio überquerten und durch den Arkadengang das Haus betraten.

»Wo ist Johnny?«, fragte Vater, als wir durch die offen stehende Tür eintraten.

»Señor Juan ist nicht im Hause«, sagte der Diener.

Ich ging zu dem geschnitzten Schrank hinüber und öffnete ihn.

»Whisky?«, fragte ich.

»Ich werde mit diesem Nestergesindel aufräumen«, hörte ich Vater in meinem Rücken. »José! José! Zum Teufel, wo steckst du? Bring einen Krug mit kaltem Wasser!«

Ich nahm eine Flasche Whisky und zwei Gläser aus dem Schrank und ging zum Tisch.

»Bring drei«, sagte Vater. »Johnny muss jeden Augenblick kommen.«

Ich fühlte, dass er mich beobachtete, als ich wieder zum Schrank zurückging, um noch ein Glas zu holen.

»Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Revolver umgehen kannst«, sagte er, ließ sich in einen Stuhl mit hoher, durchbrochener Lehne fallen und sah mir entgegen. »Woher hast du den Revolver?«

»In Sonora gekauft«, erwiderte ich.

»Ich hätte dich nicht nach Yellow Butte mitnehmen dürfen«, sagte er nach einer Weile.

»Warum nicht?«

»Es wäre Johnnys Arbeit gewesen, mich zu begleiten. Aber er steckt wieder in Sonora bei den Weibern.«

Ich schob ihm ein halb mit Whisky gefülltes Glas zu.

»Wasser«, sagte er kurz. Ich goss es bis zum Rand mit Wasser voll, und er nahm einen Schluck.

»Soll ich dir etwas sagen?«, begann er. »Auf diesem Land habe ich meine erste Kuh weiden lassen, Brack. Ich werde es mir nicht von ein paar lumpigen Siedlern streitig machen lassen.«

Ich nahm mir mein Glas und ging zum Kamin hinüber, um mich gegen den kühlen, kaum behauenen Stein zu lehnen.

»Hast du gehört, was Valance über den Deputy Marshal gesagt hat, den sie rufen wollen?«

»Ich fürchte keinen Deputy.« Herrisch starrte Vater aus der offenen Tür in den gleißenden Sonnenschein des Patio hinaus. »Wir werden ihre Zäune niederreißen, wenn sie sie errichten. Und wenn sie unsere Leute erschießen, dann werden wir die finden, die sie ermordet haben, so, wie wir Valance gefunden haben.«

»War dies unbedingt nötig?«, fragte ich. »Wir hätten auch …«

Er fuhr im Stuhl herum und sah mich aus schmalen Augen an.

»An dir ist nicht mehr von einem Wyatt als an irgendeinem hergelaufenen Burschen. Du hast gesehen, dass er zuerst schoss.«

»Er glaubte, keine andere Wahl zu haben«, warf ich ein. »Meinst du, dass die Heimstätter das hinnehmen werden?«

»Hinnehmen?« Er sah mich sonderbar an, dann stand er auf und ging zum Barschrank. »Dieses Land gehört mir, jeder Fußbreit davon. Und ehe ich es aufgebe, muss man mir jeden Fußbreit davon einzeln wieder wegnehmen. Du weißt nicht, was Land bedeutet. Du hast es nicht im Blut. Manchmal möchte ich wissen, was du in den Adern hast.«

»Vielleicht begehst du einen Fehler«, sagte ich. »Damals, als du hier zu ranchen anfingst, schrieb man 1856. Inzwischen sind fast fünfundzwanzig Jahre vergangen, Vater. Und …«

»Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du mich nicht Vater nennen sollst. Sag Ben zu mir! Oder kannst du das nicht?«

»Also gut – das Land, in dem wir leben, hat sich aber seither geändert. Wir müssen uns auch ändern, wenn wir nicht untergehen wollen.«

»Ich bin hier geboren«, beharrte er. »Texas kann sich ebenso wenig ändern, wie ich mich ändere. Dieses Land, das mir gehört, habe ich gegen Mexikaner, Banditen, Kiowas und Yankees verteidigt. Ich weiß, du bist nicht wie ich. Du hast nie gutgeheißen, was ich getan habe.«

»Natürlich hat er es nie gutgeheißen. Natürlich ist er nicht wie du«, erklang es hinter uns.

Ein langer Schatten fiel durch das helle Rechteck der Tür auf die altersgelben Steinplatten des Bodens.

Ich sah auf.

Es war Johnny.

Mein Bruder stand da, im Gewirr von Sonnenlicht und Schatten, in der einfachen Weidereiterkleidung mit dem tief geschnallten Revolver und den schmutzigen Stiefeln, dem flachkronigen Texashut in der Hand. Das dunkelblonde Haar hing ihm in die Stirn, Licht und Schatten spielten in seinen Augen, deren Blicke zwischen unserem Vater und mir hin und her schweiften.

»Bruder Brack wird Gewalt nie gutheißen«, sagte er und lächelte.

In diesem Lächeln lag für einen Moment mehr Zynismus und Hohn, als ich je zuvor in seinem Gesicht gesehen hatte. Es fiel ihm schwer, seine Abneigung gegen mich zu verbergen – meist gab er sich gar keine Mühe damit.

»Brack sagt: Liebet einander«, fuhr er fort und trat näher. Seine Sporen klirrten leise auf den Steinplatten. Er warf seinen Hut auf den Tisch und füllte das dritte Glas bis zum Rande mit Whisky.

Dann stellte er die Flasche zurück, setzte sich auf die Tischkante und hob mir das Glas entgegen: »Ich trinke auf dein Wohl, Brack.«

»Wo warst du?«, fragte Vater.

Johnny gab keine Antwort. Er trank und starrte mich über den Rand des Glases hinweg an.

Vater stand auf und schob den Stuhl zurück. Er war mehr als einen Kopf größer als Johnny, der etwa meine Größe hatte.

»Du warst wieder in Sonora?«

Johnny setzte das Glas ab.

»Frag ihn!« Er deutete mit dem Glas auf mich. »Frag ihn nach den netten kleinen Mädchen bei Nelly McPherson.«

»Nelly McPherson?«

»Jaaaa«, sagte Johnny gedehnt. »Das Haus mit der roten Laterne in der Front Street von Sonora. Nelly McPhersons Haus. Ah, komm, sag mir nicht, dass du es nicht kennst, Brack. Hast du Eve St. Clair vergessen? Sie lässt dich grüßen.«

Vater stand stumm neben Johnny.

Johnny grinste mich an. Es war jene Art des Lächelns, die er nur für mich hatte. Das Lächeln berührte sein ganzes Gesicht, nur seine Augen nicht.

»Vielleicht erzählst du uns, woher du sie kennst«, stieß er nach. »Die süße kleine Eve St. Clair.«

»Wer von euch geht zu Nelly McPherson?«, fragte Vater. »Wenn ihr nicht genug Arbeit habt, werde ich euch welche dazugeben.«

Johnny glitt vom Tisch herunter, schnallte die Sporen und den Gurt ab und warf alles dem Majordomo zu, der eben hereinkam.

»Jeder sucht sein Vergnügen, wo er kann«, sagte er. »Ich suche es in Sonora, und ihr sucht es in Yellow Butte.«

Vater sah ihn von der Seite an.

»Man weiß es also schon in Sonora?«

»Einer der Siedler war beim Marshal in Sonora und hat erzählt, dass Ben Wyatt und seine Reiter in Yellow Butte waren, Valance und Cartwright erschossen und Bascomb verwundet haben. Ich glaube, dass der Marshal bald hier erscheinen wird. Ich habe ihn in den Hügeln überholt. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du nach Yellow Butte reiten willst? Du hättest mich mitnehmen sollen, nicht Brack. Bei solchen Ritten braucht man Leute, die mit der Waffe umgehen können.«

»Brack kann mit der Waffe umgehen«, murmelte unser Vater. »Nicht so gut wie du, aber er kann es. Er hat Bascomb verwundet.«

Johnny zuckte mit den Schultern.

»Ich hätte dich mitgenommen, wenn du hier gewesen wärest«, sagte Vater. »Aber du verbringst deine Zeit lieber in Sonora. Ich will nicht, dass du dauernd nach Sonora reitest. Das ist kein Ort für dich. Wir werden jetzt jede Hand auf der Ranch brauchen. Die Trockenheit nimmt noch immer zu, und wir müssen die Herden von einer Wasserstelle zur anderen treiben.«

»Und die Siedler werden auch in Zukunft die Wasserstellen, die an ihr Land grenzen, einzäunen.«

»Dann werden wir den verdammten Stacheldraht zerschneiden und die Pfähle niederreißen. Wir brauchen jetzt jeden Tropfen Wasser.« Er griff nach seinem Whiskyglas und sah mich an.

»Du, Brack, wirst morgen mit den Herden von der Nordweide zu den Wasserlöchern reiten, bei denen Abe heute erschossen worden ist. Reißt die Zäune nieder, zerhackt die Pfosten und zerschneidet die Drähte.«

»Weiß er wirklich, was er zu tun hat?«, warf Johnny ein. »Glaubst du, er wird auf einen Siedler schießen? Ich glaub’s nicht.«

Ich stieß mich vom Kamin ab und ging langsam auf Johnny zu. Meine Nerven waren noch von der Schießerei von Yellow Butte her zum Zerreißen gespannt, und ich hatte keine Lust, mir alles von ihm gefallen zu lassen.

Er sah mir entgegen, ohne sich zu bewegen. Seine braunen Augen tasteten sich sprunghaft über mein Gesicht hinweg.

»Such keinen Streit mit mir«, sagte ich heiser. »Ich weiß, dass du stärker bist als ich. Aber selbst auf diese Gefahr hin …«

»Hör auf, Brack«, mahnte Vater scharf.

Da war es wieder, dieses stumme, geheime Einverständnis zwischen den beiden. Sie waren vom gleichen Schlag und ich nicht. Wenn jemand die Schuld an irgendwelchen Streitigkeiten trug, dann war es nie Johnny. Ich drehte mich um und ging zum Kamin zurück.

»Dann lass Johnny mit den Herden reiten«, sagte ich. »Lass ihn reiten und zusehen, wie er damit fertig wird. Ich benütze für meine Arbeit das Lasso. Ich stehe nicht stundenlang vor einem Spiegel, um mich im Revolverziehen zu üben.«

Sie sahen mich beide an, dann wandte sich Vater an Johnny.

»Stimmt das?«

Johnny antwortete nicht.

Vater ging zu seinem Schreibtisch, öffnete ihn und zog ein schwarzes mexikanisches Zigarillo aus einer Schublade.

»Vor dem Spiegel zu üben ist ein guter Trick«, sagte er und biss die Spitze ab. »Auf diese Weise kann man seine eigene Schnelligkeit kontrollieren.« Er riss ein Schwefelholz an und hielt es an das Zigarillo.

»Würdest du das auch sagen, wenn ich vor dem Spiegel stünde?«, fragte ich ihn. »Wenn ich mit dem Revolver üben würde?«

Einen Moment blieb es still, dann sagte er: »Es bleibt also dabei. Du reitest morgen mit den Herden zu den Wasserlöchern und reißt alle Zäune nieder, die du findest.«

»Glaubst du nicht, dass es einen Weg gibt, sich vernünftig mit den Siedlern zu einigen?«, fragte ich. »Was geschieht, wenn sie wirklich einen Deputy Marshal kommen lassen?«

»Was geschehen muss, wird geschehen«, erwiderte er kurz. »Wir sind im Recht, wir brauchen das Wasser, und Zäune sind auf freiem Regierungsland ungesetzlich. Wenn du die Herden zum Wasser treibst, dann gib acht, dass es nicht vergiftet ist. Ein paar Eimer Kupfervitriol – und die ganze Wasserstelle ist für Jahre unbrauchbar.«

Er trank mit einem raschen Ruck seinen Whisky aus, stellte das Glas zurück auf den Tisch und ging hinaus.

Ehe ich noch etwas sagen konnte, war ich mit Johnny allein.

Ich lehnte am Kamin.

Es dauerte mehrere Minuten, bis er den Mund auftat.