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Seit jeher galt Religion als eine Sache des Glaubens, die sich strikt von der verstandesmäßigen Erfassung der Welt unterscheidet. Trifft dies auch auf die islamische Religion zu? In seiner aufsehenerregenden Untersuchung dieses philosophischen Problems gelangt Al-Aqqad zu der überraschenden Einsicht, dass Verstand und Denken im Koran eine zentrale Stellung einnehmen. In scharfsinnigen Interpretationen zahlreicher Suren des Koran und ihrer aktuellen Auslegungen beleuchtet der Autor die geschichtliche Sonderstellung der islamischen Religion in Bezug auf ihre Auseinandersetzung mit den großen geistesgeschichtlichen Errungenschaften des Menschen Logik, Philosophie und Wissenschaft bis hin zu den sozialrevolutionären neuzeitlichen Denkschulen.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
Denken ist eine islamische Pflicht
Über den Autor
Der Übersetzer
Widmung
Das erste Kapitel
Das zweite Kapitel
Das dritte Kapitel
Das vierte Kapitel
Das fünfte Kapitel
Das sechste Kapitel
Das siebte Kapitel
Das achte Kapitel
Das neunte Kapitel
Das zehnte Kapitel
Das elfte Kapitel
Das zwölfte Kapitel
Fazit
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© 2026 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-348-0
ISBN e-book: 978-3-99130-349-7
Lektorat: CB
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Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
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In diesem Buch versucht Al-Aqqad, zwei zentrale Fragen zu beantworten: Stimmen Denken und Religion überein? Kann der moderne Mensch seinen islamischen Glauben auf der Grundlage des Denkens begründen? Al-Aqqad antwortet mit Ja und erwähnt die Verse des Koran, die zum Nachdenken auffordern und die Bedeutung des Verstandes hervorheben. Er stellt fest, dass der Edle Koran den Verstand nicht erwähnt – außer mit Ausdrücken der Hochachtung – und fordert eine Rückbesinnung auf ihn. Daher kommt er eher zu dem Schluss, dass das Denken und die Umsetzung des Verstands eine islamische Verpflichtung sind. Warum auch nicht, wenn es sich um eine Religion handelt, die ohne Wahrsagerei und ohne eine vermittelnde Instanz zwischen Diener und Herrn auskommt? Daher spricht der koranische Diskurs den freien und vernünftigen Menschen an und drängt ihn dazu, über Allahs Verse in Bezug auf das Universum und sich selbst nachzudenken, um die wahre Realität seiner Existenz zu erkennen.
Abbas Mahmoud Al-Aqqad – ein großer Schriftsteller, Dichter, Philosoph, Politiker, Historiker, Journalist und ein Mönch in der Nische der Literatur. Er wurde berühmt, füllte die Welt mit seiner Literatur und stellte einen einzigartigen Fall in der modernen arabischen Literatur dar, in der er einen einzigartigen Rang erreichte.
Er wurde 1889 n. Chr. im Gouvernement Assuan geboren, als Sohn eines einfachen Archivars. Al-Aqqad war damit zufrieden, das Hauptzertifikat der Grundschule zu erhalten, aber er widmete sich dem Lesen und bildete sich weiter, da seine Bibliothek mehr als dreißigtausend Bücher umfasste. Er arbeitete in vielen Regierungsstellen, aber hasste die Regierungsarbeit und betrachtete sie als Gefängnis für seine Literatur. So hielt er in keinem Job, den er annahm, lange durch. Er arbeitete als Journalist für die Zeitung Al-Dustour („Die Verfassung“), gab die Zeitung Al-Diyaa („Das Licht“) heraus und schrieb für die damals bekanntesten Zeitungen und Zeitschriften. Al-Aqqad widmete sein Leben der Literatur. Er heiratete nicht, verewigte aber zwei seiner Liebesgeschichten in seinem Roman „Sarah“.
Al-Aqqad wurde sehr geehrt, indem er Mitglied in der „Liga der Arabischen Sprache“ in Kairo wurde. Er war korrespondierendes Mitglied der „Liga der arabischen Sprache“ in Damaskus und ihres Pendants in Bagdad. Er wurde mit dem Staatlichen Anerkennungspreis für Literatur ausgezeichnet, aber weigerte sich, ihn anzunehmen. Auch eine „Ehrendoktorwürde“ der Universität Kairo lehnte er ab.
Al-Aqqad war ein Kämpfer, der viele Schlachten geschlagen hat. In der Literatur stieß er mit den großen Dichtern und Schriftstellern zusammen und in seinem Buch „Al-Diwan in Literatur und Kritik“ entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen ihm und dem Dichterfürsten Ahmed Schauqi1. Er gründete auch die „Diwan-Schule“ mit Abd Al-Qadir Al-Mazni2 und Abd Al-Rahman Schukri3, wo er die Erneuerung der Vorstellungskraft und des poetischen Bildes und die Verpflichtung zur organischen Einheit in der poetischen Konstruktion forderte. Er griff auch viele Schriftsteller und Dichter wie Mustafa Sadiq Al-Rafii4 an. Ferner führte er auch intellektuelle Kämpfe mit Taha Hussein5, Zaki Mubarak6, Mustafa Jawad7 und Bint Al-Schatii8.
Al-Aqqad nahm engagiert am politischen Leben teil. Er trat der Wafd-Partei bei und verteidigte tapfer Saad Zaghloul9, trat jedoch 1933 nach einem Streit mit Mustafa Al-Nahhas10 aus der Partei aus und griff den König während der Vorbereitung der Verfassung an. Dann wurde er neun Monate inhaftiert und widersprach auch dem Vertrag von 1936. Er kämpfte zudem gegen Tyrannei, absolute Herrschaft, Faschismus und Nationalsozialismus. Er gründete eine Dichterschule, die er Al-Diwan nannte.
Er veröffentlichte über hundert Bücher. Zu den berühmtesten von ihnen gehört „Die Genies“. Sein einziger Roman ist „Sarah“.
Er starb 1964 und hinterließ ein riesiges Erbe und eine freie Plattform für seine Nachfolger.
1 Ägyptischer Dichter, gilt als ein Wegbereiter der modernen arabischen Lyrik, geboren 16. Oktober 1868, Kairo, Ägypten und verstorben 1932, Kairo, Ägypten.
2 Ägyptischer Dichter, Schriftsteller, Journalist und Übersetzer, geboren 19. August 1889, Kairo, Ägypten und verstorben10. August 1949, Kairo, Ägypten.
3 Ägyptischer Dichter aus der Diwan-Dichterschule, geboren 12. Oktober 1886, Port Said, Ägypten und verstorben 15. Dezember 1958.
4 Er gehörte zu den berühmtesten arabischen Poeten des frühen 20. Jahrhunderts. Er war ägyptisch-syrischer Abstammung. Ar-Rāfi’ī schrieb den Text der ägyptischen Nationalhymne „Eslami ya Misr“, die von 1923 bis 1936 benutzt wurde, geboren 1. Januar 1880, Al-Qalyubiyya, Ägypten und verstorben1. Mai 1937, Tanta, Ägypten.
5 Einer der bedeutendsten und einflussreichsten arabischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der erste arabische Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfuz sagte, Taha Hussein hätte vor ihm den Nobelpreis verdient, geboren 15. November 1889, Maghāgha, Ägypten und verstorben 28. Oktober 1973, Kairo, Ägypten.
6 Ägyptisch-arabischer Schriftsteller, Dichter, Journalist und Akademiker. Er besaß drei Doktorgrade, geboren 5. August 1892, Sintiris, Ägypten und verstorben 23. Januar 1952, Kairo, Ägypten.
7 Irakischer Poet, geboren 1904 und verstorben 17. Dezember 1969, Bagdad, Irak.
8 Aischa Abd Al-Rahman war eine ägyptische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie war Professorin für arabische Literatur, die sowohl Fiktion als auch Biografien von Frauen verfasste. Sie betonte die Fähigkeit von Frauen, die Geschichten anderer Frauen zu analysieren, geboren18. November 1913, Damiette, Ägypten und verstorben 1. Dezember 1998, Kairo, Ägypten.
9 Ägyptischer Politiker, der sich als Führer der nationalistischen Wafd-Partei für die ägyptische Unabhängigkeit einsetzte und 1924 ägyptischer Premierminister wurde, geboren 1859, Kafr asch-Schaich, Ägypten und verstorben 23. August 1927, Kairo, Ägypten.
10 Ägyptischer Politiker, geboren 15. Juni 1879, Al-Gharbiyya, Ägypten und verstorben 23. August 1965, Alexandria, Ägypten.
Der 1964 in Kairo geborene Mag. Dr. Magdy Elleisy hat akademische Abschlüsse in Archäologie (Bachelor), Islamistik (Diplom) und Arabistik (Diplom). Darüber hinaus promovierte er im Fach Philosophie zu einem Thema aus der Arabistik und den Islamwissenschaften: „Die Seele in der arabischen Korankommentarliteratur unter besonderer Berücksichtigung der Grundwerke und der Kommentare der sunnitischen Sufiyya.“ Zudem vermittelt er seine Kenntnisse im Rahmen akademischer Lehrtätigkeit an öffentlichen Pflichtschulen und verschiedenen Allgemein bildenden höheren Schulen. Ferner war er Medienreferent der Islamischen Glaubensgemeinschaft Steiermark und Mitarbeiter bei diversen kulturellen Projekten.
Den Seelen, die uns am 10 Juni 2025 in der Borg Dreierschützengasse in Graz verlassen haben.
Die Pflicht zum Nachdenken im Buch des Islam
Zu den vielen Vorteilen des Koran zählt, dass es über ihn nur wenige Meinungsverschiedenheiten zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gibt. Dies lässt sich durch die Rezitation jener Verse eindeutig erkennen, die durch rechnerische Beweise und die Semantik der Ausdrücke für ausreichende Klarheit sorgen, bevor man sich mit ihnen in Diskussionen und Lehren auseinandersetzt, in denen die Meinungen unterschiedlich sein könnten.
Dieser Vorteil besteht darin, den Verstand miteinzubeziehen und sich auf ihn zu stützen, wenn es um Glauben, Haftung und Verpflichtung geht.
In den Büchern der großen Religionen gibt es explizite oder indirekte Hinweise auf den Verstand und das Unterscheidungsvermögen des Menschen, die jedoch eher willkürlich werden. Der Leser kann sogar manchmal etwas wie Verachtung für den Verstand oder gar eine Warnung vor ihm bemerken. Denn der Verstand gilt als Widersacher der Dogmen und eine Verführung zu Gegen-Behauptung und Verleugnung.
Der Edle Koran erwähnt den Verstand jedoch nur im Sinne seiner Hochschätzung und Mahnung zur Notwendigkeit, danach zu handeln und sich auf ihn zu beziehen. Solche Hinweise erfolgen nicht beiläufig oder kurz im Kontext eines Verses. Vielmehr kommen sie überall vor, betont und definitiv, wortwörtlich oder sinngemäß. Sie wiederholen sich bei allen nur denkbaren Geboten und Verboten, in denen der Gläubige aufgefordert wird, seinen Verstand zu nutzen, oder in denen der Leugner beschuldigt wird, weil er seinen Verstand vernachlässigt und das Verbot ignoriert hat.
Die Wiederholung des Verweises auf den Verstand bezieht sich aber nicht nur auf die moderne, psychologische Auffassung desselben. Vielmehr umfasst der Begriff hier die mentalen Funktionen des Menschen insgesamt, unabhängig von seinen unterschiedlichen Anlagen und Fähigkeiten, und unterscheidet diese Funktionen und Ausprägungen bewusst nach den Umständen und Anlässen des jeweiligen Diskurses. Der Begriff des Verstands ist weder auf den unterscheidenden noch auf den wahrnehmenden oder auf den Verstand, der mit philosophischer Kontemplation oder korrektem Urteil betraut ist, beschränkt. Vielmehr umfasst der Begriff in den koranischen Versen alles, was der menschliche Verstand in Bezug auf ein Merkmal oder eine Funktion aufnehmen kann. Diese Auffassungsmöglichkeiten sind zahlreich und es besteht keine Notwendigkeit, sie in diesem allgemeinen Kontext zu detaillieren. Es kann darunter alles, was der unterscheidende, der wahrnehmende und der denkende Verstand, der sich bemüht, Bedeutungen und Dinge auszugleichen und zu beurteilen, verstanden werden.
Der Verstand im Sinne dieses allgemeinen Begriffs ist eine Fähigkeit, die mit den moralischen Prinzipien oder der Verhinderung von Verbotenem und Bösem betraut ist. Dementsprechend leitet sich der Begriff „Verstand“ aus der gleichen Wortfamilie ab, aus der die Begriffe „binden, fesseln“ stammen. Die Berühmtheit des Verstands wird fast in allen großen Sprachen, die von Hunderten von Millionen Menschen gesprochen werden, ausgedrückt. Denn das Wort „Mind“ – und was daraus in den germanischen Sprachen abgeleitet und übernommen wurde – weist auf die Begriffe „Vorsicht“ und „Interesse“ hin und wendet sich an die Unaufmerksamen, die gewarnt werden müssen.
Wir denken, dass die Sprachen kein gleichbedeutendes Wort wie „Verstand“ haben, das einen Hinweis auf Abschreckung oder Warnung oder Vorsicht enthielte.
Zu den Wesensmerkmalen des Verstands gehört die Fähigkeit des Verstehens, das mit Verständnis und Vorstellungskraft verknüpft ist. Obwohl es notwendig ist, das moralische Motiv und seine Ursachen und Folgen zu verstehen, ist die Verstandestätigkeit durchaus in der Lage, Dinge wahrzunehmen, die nichts mit Geboten und Verboten oder guten und schlechten Taten zu tun haben.
Eine der Eigenschaften des Verstands ist, dass er über das nachdenkt, was er wahrnimmt, es reflektiert, das Wesentliche und Verborgene daraus extrahiert und seine Schlussfolgerungen und Urteile darauf aufbaut. Diese Eigenschaften werden in ihrer Gesamtheit durch die Fähigkeit der „Beurteilung“ definiert. Darauf baut die Fähigkeit zur Weisheit auf, sowie das Unterscheidungsvermögen, das die Weisheit des Weisen dadurch krönt, dass er differenzieren kann zwischen dem Guten und dem Schlechten, zwischen dem, was er annehmen und dem, was er ablehnen sollte.
Eine der höchsten Eigenschaften des menschlichen Verstands ist die „Rechtschaffenheit“, die sich idealerweise im vernünftigen Rechtschaffenen verkörpert. Die Funktion der Rechtschaffenheit steht über der Funktion des unterscheidenden, des wahrnehmenden und des weisen Verstands, weil sie die Vollendung all dieser Funktionen ist. Sie besitzt ein Höchstmaß an Reife, verknüpft Vollständigkeit des Urteils und Unterscheidungskraft mit dem Vorteil der Rationalität, bei der es keine Lücken oder Ungleichgewichtung gibt. Ein weiser Mensch mag unter einem Mangel an Wahrnehmung leiden, und ein vernünftiger Verstand mag unter einem Mangel an Weisheit leiden, aber ein rationaler Verstand gleicht beides aus.
Die Verpflichtung des Nachdenkens im Edlen Koran schließt den menschlichen Verstand mit all seinen Funktionen und all seinen Eigenschaften und Implikationen ein. Sie umfasst den unterscheidenden, den wahrnehmenden, den weisen und den rechtschaffenen Verstand und gilt nicht nur fallweise. Vielmehr erwähnt der Edle Koran sie in beispielloser Weise, absichtlich und ausführlich, in einem Buch der Religionen!
Zum Thema des Verstands im Allgemeinen – einiges davon betrifft den unterscheidenden Verstand – gehört die Aussage in der Sure 2:164 Al-Baqara (Die Kuh):
In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Nacht und Tag; in den Schiffen, die das Meer befahren mit dem, was den Menschen nützt; darin, dass Allah Wasser vom Himmel herabkommen lässt, und damit dann die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht und auf ihr allerlei Tiere sich ausbreiten lässt; und im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.
In Sure 23:80 Al-Muminun (Die Gläubigen) steht: Und Er ist es, Der lebendig macht und sterben lässt; und auf Ihn geht der Unterschied von Nacht und Tag zurück. Begreift ihr denn nicht?
In Sure 30:25-28 Al-Rum (Die Römer) heißt es: Und es gehört zu Seinen Zeichen, dass der Himmel und die Erde durch Seinen Befehl bestehen. Wenn Er euch hierauf ein (einziges Mal) ruft, da kommt ihr sogleich aus der Erde hervor. Ihm gehört, wer in den Himmeln und auf der Erde ist. Alle sind Ihm demütig ergeben. Und Er ist es, Der die Schöpfung am Anfang macht und sie hierauf wiederholt; das ist für Ihn noch leichter. Er hat die höchste Eigenschaft in den Himmeln und auf der Erde, und Er ist der Allmächtige und Allweise. Er prägt euch aus eurem eigenen (Lebens)Bereich ein Gleichnis: Habt ihr denn (aus der Schar) unter denjenigen, die eure rechte Hand (an Sklaven) besitzt, Teilhaber an dem, womit Wir euch versorgt haben, sodass ihr darin gleich wäret und ihr sie fürchten müsstet, wie ihr einander fürchtet? So legen Wir die Zeichen ausführlich dar für Leute, die begreifen.
Sure 29:43 Al-Ankabut (Die Spinne) besagt: Diese Gleichnisse prägen Wir für die Menschen. Aber nur diejenigen verstehen sie, die Wissen besitzen.
Einiges davon spricht den Verstand an und bezieht den unterscheidenden Verstand ein, wie der Allmächtige in der Sure 67:10 Al-Mulk (Die Herrschaft) sagt: Und sie werden sagen: „Hätten wir nur gehört und begriffen, wären wir (nun) nicht unter den Insassen der Feuerglut.“
In Sure 6:151 Al-Anam (Das Vieh) heißt es: Und nähert euch nicht den Abscheulichkeiten, was von ihnen offen und was verborgen ist; und tötet nicht die Seele, die Allah verboten hat (zu töten), außer aus einem rechtmäßigen Grund! Dies hat Er euch anbefohlen, auf dass ihr begreifen möget.
Daraus wird, nachdem die Rechte geschiedener Frauen in Sure 2:242 Al-Baqara (Die Kuh) erklärt wurden: So macht Allah euch Seine Zeichen klar, auf dass ihr begreifen möget.
In Sure 12:109 Yusuf (Josef) steht: Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt von den Bewohnern der Städte, denen Wir (Offenbarungen) eingaben. Sind sie denn nicht auf der Erde umhergereist, sodass sie schauen (konnten), wie das Ende derjenigen war, die vor ihnen waren? Die Wohnstätte des Jenseits ist wahrlich besser für diejenigen, die gottesfürchtig sind. Begreift ihr denn nicht?
Daraus folgt in der Sure 59:14 Al-Haschr (Die Versammlung) eine Erklärung der Ursachen von Meinungsverschiedenheiten und Uneinigkeit zwischen den Nationen:
Du meinst, sie halten zusammen, doch ihre Herzen sind verschieden. Dies (ist so), weil sie Leute sind, die nicht begreifen.
Dazu kommt eine Vielzahl von Versen, die mit Ermahnungen beginnen und mit der Erinnerung an den Verstand enden, weil er die beste Referenz für die Anleitung in Fragen des Gewissens ist. Wie der Allmächtige in der Sure 2:44 Al-Baqara (Die Kuh) sagt: Befehlt ihr denn den Menschen Güte, während ihr euch selbst vergesst, wo ihr doch die Schrift lest? Begreift ihr denn nicht?
In der Sure 3:65 Al-i-Imran (Die Sippe Imrans) wird gesagt: O Leute der Schrift, warum streitet ihr über Ibrahim, wo die Thora und das Evangelium erst nach ihm (als Offenbarung) herabgesandt worden sind? Begreift ihr denn nicht?
Wie der Allmächtige in der Sure 5:58 Al-Maida (Der Tisch) sagt: Wenn ihr zum Gebet ruft, machen sie sich darüber lustig und nehmen es zum Gegenstand des Spiels. Dies, weil sie Leute sind, die nicht begreifen.
In Sure 6:32 Al-Anam (Das Vieh) steht dazu: Das diesseitige Leben ist nur Spiel und Zerstreuung. Die jenseitige Wohnstätte ist für diejenigen, die gottesfürchtig sind, wahrlich besser. Begreift ihr denn nicht?
In Sure Hud: 11/51 heißt es: O mein Volk, ich verlange von euch keinen Lohn dafür. Mein Lohn obliegt nur demjenigen, Der mich erschaffen hat. Begreift ihr denn nicht?
In der Sure 21:67 Al-Anbiya (Die Propheten) steht: Pfui über euch und über das, dem ihr anstatt Allahs dient! Begreift ihr denn nicht?
In anderen edlen Suren wird in einem solchen Zusammenhang der Verstand hervorgehoben, wie das, was in diesen Versen erwähnt wird, zeigt.
Dieser wiederholte Bezug auf den unterscheidenden Verstand entspricht im Edlen Koran einem ähnlichen wiederkehrenden Hinweis auf den wahrnehmenden Verstand oder den Verstand, der durch Verständnis und Bewusstsein gekennzeichnet ist. Diese Kategorien des Verstands sind allgemeiner und tiefer als bloße Wahrnehmung. Jede Ansprache an diejenigen mit Verständnis im Edlen Koran ist eine Ansprache an den Verstand – diesen wahrnehmenden und verstehenden Verstand –, denn er ist die Quelle des Verstehens und der Wahrnehmung im menschlichen Verstand, wie der Name auf Arabisch andeutet.
Und diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, sagen: „Wir glauben daran; alles ist von unserem Herrn.“ Aber nur diejenigen bedenken, die Verstand besitzen. Sure 3:7 Al-i-Imran (Die Sippe Imrans)
Sag: Nicht gleich sind das Schlechte und das Gute, auch wenn die Menge des Schlechten dir gefallen sollte. Darum fürchtet Allah, o die ihr Verstand besitzt, auf dass es euch wohl ergehen möge! Sure 5:100 Al-Maida (Der Tisch)
Die auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen. Das sind diejenigen, die Allah rechtleitet, und das sind diejenigen, die Verstand besitzen. Sure 39:18 Al-Zumar (Die Scharen)
In ihren Geschichten ist wahrlich eine Lehre für diejenigen, die Verstand besitzen. Sure 12:111 Yusuf (Josef)
Er gibt Weisheit, wem Er will; und wem Weisheit gegeben wurde, dem wurde da viel Gutes gegeben. Aber nur diejenigen bedenken, die Verstand besitzen. Sure 2:269 Al-Baqara (Die Kuh)
Und versorgt euch mit Reisevorrat, doch der beste Vorrat ist die Gottesfurcht. Und fürchtet Mich, o die ihr Verstand besitzt! Sure 2:197 Al-Baqara (Die Kuh)
In der Wiedervergeltung liegt Leben für euch, o die ihr Verstand besitzt, auf dass ihr gottesfürchtig werden möget! Sure 2:179 Al-Baqara (Die Kuh)
Aus diesen Versen wird deutlich, dass der Verstand, an den sich der Edle Koran richtet, mentaler Funktion ist und den unterscheidenden, den wahrnehmenden und den Verstand, der Weisheit empfängt und durch Erinnerung und Anspielung aktiviert wird, umfasst. Seine Rede richtet sich an weise Menschen, die einen größeren Anteil an Verständnis und Bewusstsein haben als nur das Ausmaß an Verstand, das seinen Besitzer vom Bösen abhält und das sich nicht zur Standfestigkeit im Wissen und der Unterscheidung zwischen Gut und Böse erhebt und zwischen dem Guten und dem Besseren nicht zu unterscheiden weiß.
Was den Verstand betrifft, der denkt und aus seinen Gedanken die Essenz von Meinung und Überlegung herausfiltert, so drückt der Edle Koran dies mit verschiedenen Worten aus, die manchmal dieselbe Bedeutung haben. Einige von ihnen sind je nach Kontext und je nach Zeit in ihrer Bedeutung eindeutig. Es sind Denken, Sehen, Überlegung, Kontemplation, Rücksichtnahme, Erinnerung, Wissen und der Rest dieser geistigen Fähigkeiten, die manchmal in der Bedeutung übereinstimmen – wie wir bereits erwähnt haben. Dieser Sinn wird nicht nur an einem einzigen Wort, unter Verzicht auf alle anderen festgemacht.
Und sie fragen dich, was sie ausgeben sollen. Sag: Den Überschuss. So macht Allah euch die Zeichen klar, auf dass ihr nachdenken möget. Sure 2:219 Al-Baqara (Die Kuh)
Des Allahs stehend, sitzend und auf der Seite (liegend) gedenken und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken. Sure 3:191 Al-i-Imran (Die Sippe Imrans)
Sag: Sind (etwa) der Blinde und der Sehende gleich? Denkt ihr denn nicht nach? Sure 6:50 Al-Anam (Das Vieh)
Er lässt euch damit Getreide wachsen, und Ölbäume, Palmen, Rebstöcke und von allen Früchten. Darin ist wahrlich ein Zeichen für Leute, die nachdenken. Sure 16:11 Al-Nahl (Die Bienen)
Denken sie denn nicht in ihrem Inneren (darüber) nach? Allah hat die Himmel und die Erde und was dazwischen ist nur in Wahrheit erschaffen. Sure 30:8 Al-Rum (Die Römer)
Schau, wie Wir die Zeichen verschiedenartig darlegen, auf dass sie verstehen mögen! Sure 6:65 Al-Anam (Das Vieh)
Haben sie sich denn nicht im Reich der Himmel und der Erde umgeschaut und was Allah an Dingen erschaffen hat? Sure 7:185 Al-Araf (Die Höhen)
Sag: Schaut, was in den Himmeln und auf der Erde ist! Aber die Zeichen und die Warnungen werden den Leuten, die nicht glauben, nicht nützen. Sure 10:101 Yunus (Jonas)
Schauen sie denn nicht zum Himmel über ihnen, wie Wir ihn aufgebaut und geschmückt haben, und dass er keine Spalten hat? Sure 50:6 Qaf
Schauen sie denn nicht zu den Kamelen, wie sie erschaffen worden sind. Sure 88:17 Al-Ghaschiya (Die Überdeckende)
Wer wäre (dann) Gott außer Allah, Der euch eine Nacht bringen würde, in der ihr ruht? Wollt ihr denn nicht einsichtig sein? Sure 28:72 Al-Qasas (Die Geschichten)
Sehen sie denn nicht, dass Wir das Wasser zum dürren Land treiben und dann dadurch Pflanzen hervorbringen, von denen ihr Vieh und sie selbst essen? Wollen sie denn nicht einsichtig sein? Sure 32:27 Al-Sagda (Die Niederwerfung)
Und Allah stärkt mit Seiner Hilfe, wen Er will. Darin ist wahrlich eine Lehre für diejenigen, die Einsicht besitzen. Sure 3:13 Al-i-Imran (Die Sippe Imrans)
Haben sie denn nicht über das Wort nachgedacht, oder ist zu ihnen gekommen, was nicht zu ihren Vorvätern kam? Sure 23:68 Al-Muminun (Die Gläubigen)
(Dies ist) ein gesegnetes Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit sie über seine Zeichen nachsinnen und damit diejenigen bedenken, die Verstand besitzen. Sure 38:29 Sad
Denken sie denn nicht sorgfältig über den Quran nach? Oder sind an (diesen) Herzen deren Verriegelungen (angebracht)? Sure 47:24 Muhammad
Da kam Allah über sie, von wo sie nicht (damit) rechneten, und jagte in ihre Herzen Schrecken, sodass sie ihre Häuser mit ihren (eigenen) Händen und den Händen der Gläubigen zerstörten. Darum zieht die Lehre daraus, o die ihr Einsicht besitzt. Sure 59:2 Al-Haschr (Die Versammlung)
und macht den Menschen Seine Zeichen klar, auf dass sie bedenken mögen. Sure 2:221 Al-Baqara (Die Kuh)
Und dies ist der Weg deines Herrn, ein gerader. Nunmehr haben Wir die Zeichen ausführlich dargelegt für Leute, die bedenken. Sure 6:126 Al-Anam (Das Vieh)
Ist etwa jemand, der weiß, dass das, was zu dir von deinem Herrn (als Offenbarung) herabgesandt worden ist, die Wahrheit ist, wie jemand, der blind ist? Jedoch bedenken nur diejenigen, die Verstand besitzen. Sure 13:19 Al-Raad (Der Donner)
Und (dienstbar gemacht ist auch,) was Er euch auf der Erde in unterschiedlichen Farben hat wachsen lassen. Darin ist wahrlich ein Zeichen für Leute, die bedenken. Sure 16:13 Al-Nahl (Die Bienen)
oder bedenkt, so dass ihm die Ermahnung nützt. Sure 80:4 Abasa (Er blickte düster)
So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr (etwas) nicht wisst. Sure 16:43 Al-Nahl (Die Bienen)
Und Wir gaben ja Musa die Schrift –, nachdem Wir die früheren Geschlechter vernichteten –, als einsichtbringende Zeichen für die Menschen und als Rechtleitung und Barmherzigkeit, auf dass sie bedenken mögen. Sure 28:43 Al-Qasas (Die Geschichten)
und euch die Schrift und die Wahrheit lehrt und euch lehrt, was ihr nicht wusstet. Sure 2:151 Al-Baqara (Die Kuh)
Sie sagten: „Wie sollte er die Herrschaft über uns haben, wo wir doch ein größeres Anrecht auf die Herrschaft haben, und ihm nicht Wohlstand gegeben ist?“ Er sagte: „Allah hat ihn vor euch auserwählt und ihm ein Übermaß an Wissen und körperlichen Vorzügen verliehen“. Sure 2:247 Al-Baqara (Die Kuh)
Und Er ist es, Der euch die Sterne gemacht hat, damit ihr euch durch sie rechtleiten lasst in den Finsternissen des Festlandes und des Meeres. Wir haben ja die Zeichen ausführlich dargelegt für Leute, die Bescheid wissen. Sure 6:97 Al-Anam (Das Vieh)
Sag: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich? Doch bedenken nur diejenigen, die Verstand besitzen. Sure 39:9 Al-Zumar (Die Scharen)
So erhöht auch Allah diejenigen von euch, die glauben, und diejenigen, denen das Wissen gegeben worden ist, um Rangstufen. Und Allah ist dessen, was ihr tut, kundig. Sure 58:11 Al-Mugadila (Die Streitende)
Er ist es, Der die Sonne zu einer Leuchte und den Mond zu einem Licht gemacht und ihm Himmelspunkte zugemessen hat, damit ihr die Zahl der Jahre und die (Zeit)rechnung wisst. Allah hat dies ja nur in Wahrheit erschaffen. Er legt die Zeichen ausführlich dar für Leute, die Bescheid wissen. Sure 10:5 Yunus (Jonas)
Musa sagte zu ihm: „Darf ich dir folgen, auf dass du mich von dem lehrst, was dir an Besonnenheit gelehrt worden ist?“. Sure 18:66 Al-Kahf (Die Höhle)
Er hat den Menschen erschaffen.
Er hat ihn die klare Darlegung gelehrt. Sure 55:3-4 Al-Rahman (Der Allerbarmer)
Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste. Sure 96:4-5 Al-Alaq (Das Anhängsel)
Aber niemand weiß ihre Deutung außer Allah. Und diejenigen, die im Wissen fest gegründet sind, sagen: „Wir glauben daran; alles ist von unserem Herrn.“ Aber nur diejenigen bedenken, die Verstand besitzen. Sure 3:7 Al-i-Imran (Die Sippe Imrans)
Mit diesen und anderen Versen wurde entschieden, dass das Nachdenken im Islam eine Verpflichtung ist. Aus ihnen wurde klar, dass der Verstand, den der Islam anspricht, derjenige ist, der das Gewissen hütet, Tatsachen begreift, zwischen Dingen unterscheidet, zwischen Gegensätzen balanciert, sieht, reflektiert und gut im Erinnern und Überlegen ist. Es ist der Verstand, dem Stagnation, Eigensinn und Wahn gegenüberstehen, es ist nicht nur der Verstand, der begreifen kann und dem Wahnsinn widerspricht. Denn der Wahnsinn entbindet von der Verpflichtung in allen Religionen und Gesetzen und in jeder Sitte und Tradition, aber Stagnation, Stursinn und Täuschung schließen die Verpflichtung im Islam nicht aus. Niemand hat das Recht, dafür Nachsicht einzufordern, wie ein Wahnsinniger für seinen Wahnsinn entschuldigt wird, denn damit lädt man Schuld auf sich, noch exkulpiert es von der Verantwortlichkeit für Fahrlässigkeit.
Der Islam fordert jeden dazu auf, der an ihn glaubt, eine höhere Denkebene als diejenige zu besteigen, die ihn von jeder Schuld freispricht oder seine Beschuldigung ablehnt, sodass er sie dank seiner Weisheit und Redlichkeit erreichen kann. Der Vorrang der Tugenden Weisheit und Redlichkeit über bloße Klugheit und Verständnis geht aus mehreren Versen im Edlen Koran hervor, in denen die Aussagen des Allmächtigen angedeutet werden: Und wem Weisheit gegeben wurde, dem wurde da viel Gutes gegeben. Sure 2:269 Al-Baqara (Die Kuh)
Es wird dadurch angezeigt, dass die Propheten Rechenschaft suchten. Sie erwarteten Kenntnis darüber von den rechtschaffenen Dienern Allahs, wie es in der Geschichte von Moses und seinem Lehrer geschah, Friede sei mit ihnen beiden.
Wir sollten immer wieder darauf verweisen, dass die Erwähnung des Verstands mit seinen verschiedenen Eigenschaften nicht zufällig in den Koran kam. Es handelte sich also nicht um eine bloß willkürliche Erwähnung. Vielmehr war die Bezugnahme auf den Verstand logischerweise durch das Wesen und den inhaltlichen Kern dieser Religion geboten, und durfte von jedem erwartet werden, der die Wertschätzung des menschlichen Wesens im Koran erkennt.
Die islamische Religion kennt keine Wahrsagerei und die Wächter und Rabbiner vermitteln nicht zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer. Es ist für einen Menschen nicht verpflichtend, ein Opfer darzubringen, das sie mit der Fürsprache eines autoritativen Wächters oder eines gehorsamen Heiligen dem Heiligtum näherbringt. Es gibt hier keinen Dolmetscher zwischen Allah und seinen Dienern mit der Vollmacht des Verbietens und Erlaubens und dem Urteil über Verdammung oder Erlösung. Es gibt somit in dieser Religion keine Wahrheit, die Menschen einfach gutgläubig akzeptieren müssten. Der Diskurs richtet sich nur an den menschlichen Verstand, frei von der Autorität von Tempeln und Heiligtümern. Ein Verstand, der unabhängig von der Autorität irgendwelcher Wahrsager ist, die den Auftrag des verehrten Gottes erfüllen, wie Angehörige anderer Religionen glauben.
Wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Allahs Angesicht. Sure 2:115 Al-Baqara (Die Kuh)
Es gibt keinen Tempel im Islam und es gibt keine Wahrsagerei, wo es keinen Tempel gibt. Jedes Land ist eine Moschee und jeder in der Moschee steht zwischen den Händen Allahs.
Es ist eine Religion ohne Tempel oder Priesterschaft, in der sich der Diskurs – intuitiv – an niemanden anderen als den vernünftigen Menschen wendet, frei und unabhängig von jeder Autorität, die ihn am richtigen Verstehen und gesunden Denken hindern könnte.
Ebenso ist es mit der Religion, die jeden Menschen bei seiner eigenen Verantwortung packt und ihn für seine Taten zur Rechenschaft zieht, sodass niemand für die Taten eines anderen zur Verantwortung gezogen wird:
Keine lasttragende (Seele) nimmt die Last einer anderen auf sich. Sure 35:18 Fatir (Der Erschaffer)
Jedermann ist an das, was er erworben hat, gebunden. Sure 52:21 Al-Tur (Der Berg)
und dass es für den Menschen nichts anderes geben wird als das, worum er sich (selbst) bemüht, dass sein Bemühen gesehen werden wird Sure 53:39-40 Al-Nagm (Der Stern)
Wenn es also Religionen gibt, in denen ein Mensch nur auf Grund seiner Abstammung oder Zugehörigkeit zu einem auserwählten Stamm erlöst oder verdammt wird oder wenn er in irgendeiner Religion für Sünden zur Rechenschaft gezogen wird, die nicht er selbst, sondern ein anderer begangen hat: dann gibt es jedoch im Islam keinen Menschen, der bloß durch seine besondere Geburt gerettet oder vernichtet würde. Sondern es ist dies eine Religion, in der Erlösung oder Verdammnis ganz allein von den Bemühungen und der Arbeit des einzelnen Menschen abhängen.
Der Mensch wird durch seine Vernunftbegabung rechtgeleitet. Die Arbeit des Verstands entkräftet nicht die Tatsache, dass Allah alles umfasst, denn die Erschaffung des Verstands für den Menschen beraubt ihn nicht der Möglichkeit, nicht zu denken, noch beraubt es ihn der Folgen von Irreführung, Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit.
Auf diese Weise sind das Wesen des Islam und seine Gebote konsistent, und die wiederholten Mahnungen zur Vernunft und Unterscheidung sind folgerichtig und konsequent, ohne Platz für Zufälle, noch sind sie bloße Phrasen, die in einer unzusammenhängenden und unverbundenen Art und Weise dahingesagt werden; sie sind „logische“ Gebote in einer Religion, die jedem Hörer eines Diskurses, der belehrt werden möchte, eine stringente Logik abverlangt; das ist die Religion, in der Anbetung Mensch und Gott ohne Vermittler oder Bevormundung verbindet, in der der Mensch für seine Taten selbst verantwortlich ist, die von seiner Vernunft geleitet werden, und in der die Vernunft ihre Fähigkeit der weisen Führung beweisen kann.
Hindernisse und Ausreden
Wenn das Handeln mit Verstand ein Gebot des Schöpfers ist, dann ist es dem Geschöpf nicht erlaubt, seinen Verstand einem anderen zuliebe oder aus Angst vor ihm zu unterdrücken – selbst wenn es sich um eine zeitgenössische Meinungsdiktatur handelt, die sich in jeder Generation in wechselnder Gestalt findet.
Es gibt viele solcher Hindernisse, die den Verstand behindern, und der Edle Koran erforscht sie, so wie er Spannweite des Verstands mit all seinen Funktionen und Fähigkeiten erforscht. Man kann drei Haupthindernisse unterscheiden, von denen sich die verschiedenen Hindernisse verzweigen. Wer frei von einem solchen Haupthindernis ist, sollte frei sein von allem, das seinen Verstand blockieren und seinen Weg des Denkens verwirren könnte, so dass ihn keine andere Meinung beeinflusst und er seine eigene findet.
Die größten Hindernisse auf dem Weg der Vernunft sind die Verehrung der Vorfahren, die als Gewohnheit bezeichnet wird, die blinde Nachahmung religiöser und die demütigende Angst vor weltlichen Autoritäten.
Der Islam lässt nicht zu, dass ein Muslim seinen Verstand stilllegt, um dem Beispiel seiner Väter und Großväter zu folgen oder weil er sich denen unterwirft, die ihn im Namen der Religion in einer Weise nutzen, die der Vernunft und der Religion nicht entspricht, noch lässt er zu, dass er seinen Verstand nicht gebraucht, weil er sich vor der Unterdrückung durch die Mächtigen und der Tyrannei der Starken fürchtet. Er verlangt aber in diesen Situationen nichts, wozu jemand nicht in der Lage wäre; denn der Edle Koran wiederholt an vielen Stellen, dass Gott einer Seele nichts auferlegt, was sie nicht ertragen könnte, noch verlangt er von seinen Geschöpfen etwas, wozu sie nicht in der Lage wären.
Keiner Seele wird mehr auferlegt, als sie zu leisten vermag. Sure 2:233 Al-Baqara (Die Kuh)
Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Sure 6:152 Al-Anam (Das Vieh)
Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Sure 7:42 Al-Araf (Die Höhen)
Wir erlegen keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Sure 23:62 Al-Muminun (Die Gläubigen)
Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag. Ihr kommt (nur) zu, was sie verdient hat, und angelastet wird ihr (nur), was sie verdient hat. „Unser Herr, belange uns nicht, wenn wir (etwas) vergessen oder einen Fehler begehen. Unser Herr, lege uns keine Bürde auf, wie Du sie denjenigen vor uns auferlegt hast. Unser Herr, bürde uns nichts auf, wozu wir keine Kraft haben.“ Sure 2:286 Al-Baqara (Die Kuh)
Niemand, der sich von seiner Vernunft leiten lässt, kann nicht erkennen, was richtig ist, und wird das Falsche unterlassen; wenn er gezwungen würde, das Richtige abzulehnen und das Falsche zu begehen, kann er sich dem Zwang entziehen, wo immer er sich befindet, und wenn er daran gehindert würde, sollte er den Schaden erleiden, der ihm von denen zugefügt wird, die seine Würde zerstören und sein Gewissen töten; das ist das kleinere Übel von zwei. Es hat nichts mit Religion und Moral zu tun, wenn der Mensch zwar die Schädigung seines Körpers, nicht aber die seiner Seele und seines Gewissens fürchtet und sein verbleibendes Leben auf ein bloßes Überleben, ohne Ehre und ohne Anstand reduziert.
Alle diese Hindernisse – die Hindernisse der Gewohnheit, des blinden Gehorchens und der demütigen Furcht – bestehen und bleiben bestehen, solange es dem Menschen unmöglich ist, ohne selbstbestimmte Vernunft zu leben, um sich auf sie für seine ehrenwerteste „menschliche“ Forderung zu berufen, die die in der Reinheit des Gewissens besteht. Aber sie verschwinden an dem Tag, an dem er zu seiner Vernunft zurückkehrt. Es mag ihm schwerfallen, diese Hindernisse zu überwinden oder zu beseitigen, aber das ist das Recht der Vernunft, und es muss ein solches Recht geben, das eine geringere Mühsal darstellt, als wenn der Mensch seiner höchsten Tugend beraubt wird und sich auf ein Leben verlässt, das nicht vernunftbegabt ist, oder auf ein Leben, das zwar vernunftbegabt ist, sich aber dafür entscheidet, die Erkenntnis dessen, was höher ist als es selbst, zu verleugnen.
Das Recht der Vernunft im Islam misst sich an der Stärke aller Kräfte jener Hindernisse, die sie behindern und von ihrem Weg abhalten, von denen das erste und stärkste in den frühen Tagen des Islam die Stärke der Sitte oder des Gottesdienstes der Vorgänger war; denn die Gebote der Sitte in der Dschahiliyya (Zeit der Unwissenheit vor dem Islam) erreichten die Ebene der Anbetung in Bezug auf die geforderte Ehrfurcht und Fürsorge und die Unterwerfung der Seelen unter die Sittenherrschaft, indem ihnen Sitten auferlegt wurden, die ihnen die genaue äußere Form des Gottesdienstes vorzeichneten; manchmal vergaß ja der Mensch die richtigen Riten eines religiösen Dienstes und vielleicht hatte der Gottesdienst in den Zeiten der Dschahiliyya nur mehr deshalb eine bestimmende Macht, weil die vorgeschriebenen Sitten eine Orientierung lieferten.
