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Einfach alles hinter sich lassen und anderswo frei sein, geht das?
Nie hätte Aimée Thaler gedacht, dass sie jemals wieder in ihren alten VW-Bus steigen würde. Sie hatte geglaubt, ihr altes Leben zusammen mit dem Bulli in der Garage eingemottet zu haben. Doch sie hält es nicht mehr aus mit Per, der ihren gemeinsamen Sohn Len ablehnt. Und so tut sie es doch, fährt eines Tages mit Len einfach los - wie früher, als sie mit ihrer Mutter im Wohnmobil lebte.
Im windgepeitschten St. Ives an der Küste Südenglands will Aimée neu anfangen. Doch ihr altes Leben holt sie ein: Auf dem kleinen Zeltplatz über dem Meer steht plötzlich Daniel, ihre Jugendliebe, vor ihr. Aimée muss sich der Vergangenheit stellen - damit sie endlich bei sich selbst ankommen kann.
"Berührender, engagierter Roman über eine Frau unterwegs zu sich selbst." Inken Bartels, Für Sie
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einfach alles hinter sich lassen und anderswo frei sein, geht das?
Nie hätte Aimée Thaler gedacht, dass sie jemals wieder in ihren alten VW-Bus steigen würde. Sie hatte geglaubt, ihr altes Leben zusammen mit dem Bulli in der Garage eingemottet zu haben. Doch sie hält es nicht mehr aus mit Per, der ihren gemeinsamen Sohn Len ablehnt. Und so tut sie es doch, fährt eines Tages mit Len einfach los – wie früher, als sie mit ihrer Mutter im Wohnmobil lebte.
Im windgepeitschten St. Ives an der Küste Südenglands will Aimée neu anfangen. Doch ihr altes Leben holt sie ein: Auf dem kleinen Zeltplatz über dem Meer steht plötzlich Daniel, ihre Jugendliebe, vor ihr. Aimée muss sich der Vergangenheit stellen – damit sie endlich bei sich selbst ankommen kann.
Eine berührende Geschichte über Familie, die Kraft der Sehnsucht und die große Liebe
Hanna Miller, Jahrgang 1977, wuchs im Rheinland auf. Sie studierte Germanistik und Kulturwissenschaften, arbeitete als Verlegerin und Lektorin und schrieb zwei Reiseführer zu ihrem Lieblingslandstrich Cornwall. Für »Denn das Leben ist eine Reise« tourte sie mit ihrem Sohn zu zweit in einem Bulli durch Südengland. Hannah Miller lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
HANNA MILLER
DennDAS LEBENist eineREISE
ROMAN
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2020/2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Lisa Kuppler, Berlin
Umschlaggestaltung:
Einband-/Umschlagmotiv: © shutterstock: Kathie Nichols | MSNTY | Angie Makes
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-8648-6
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Aimée stieg nicht sofort aus. Wie immer, wenn sie ihre alte Trödlerkommune erreichte, blieb sie noch eine Weile im Wagen sitzen und blickte durch die Windschutzscheibe auf den See. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht, die Blätter der Bäume ringsherum regten sich kaum.
Schau nicht hinüber!
Einmal musste sie es doch schaffen, nicht als Allererstes zur großen Wiese mit den Unterkünften zu sehen. Ganz am Ende der Wiese, hinter den Bauwagen der anderen, stand das Wohnmobil ihrer Mutter.
Aimée richtete ihren Blick fest aufs Wasser. Die haarigen Zweige der Trauerweide strichen in leisen Bewegungen über den See und trieben träge Kreise über die Oberfläche. Es war ein warmer Morgen, der einen heißen Tag versprach, einen heißen ersten Sonntag im August. Das würde sie wohl nie vergessen.
Langsam glitt ihr Blick nun doch übers Schilf, sie konnte nicht anders. Das Wohnmobil ihrer Mutter war alt, ein Ford Transit in Beigebraun, Baujahr 1983, klein, aber mit einem Alkoven. Die Tür war in einem grünlichen Gelb gestrichen. Jedes Mal, wenn sich ihre Mutter ein neues altes Wohnmobil zulegte, tat sie das als Erstes: Sie strich die Tür in diesem grellen Schwefelton. Keine Ahnung, wann Marilou das letzte Mal mit dem Wohnmobil gefahren war. Marilou, so nannte sich ihre Mutter. Eigentlich war es albern, eigentlich hieß sie Marielouise. Aber darauf reagierte sie nicht. Und Mama passte schon lange nicht mehr.
Aimée ließ das Wagenfenster hochfahren und schob den Sitz ganz nach hinten. So konnte sie leichter aussteigen. Sie war erst im sechsten Monat, aber ihr Bauch war schon riesig. Gerade gestern hatte die Frau im Blumenladen, bei der sie jede Woche frische Lilien kaufte, gefragt, wann es denn so weit wäre. Als sie sagte: Anfang Dezember, in vier Monaten, hatten sich sämtliche Leute im Laden entgeistert zu ihr umgedreht. Sie selbst hatte auch Anfang Dezember Geburtstag, sie wurde dreißig.
Aimée schloss die Wagentür hinter sich zu. Eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, kein Mensch war heute hier. Aber es gab ihr ein gutes Gefühl. Sie parkte mitten auf dem Hof, wo an regenfreien, verkaufsoffenen Tagen die Stände aufgebaut waren, vor ihr der See, von dem sie wusste, dass er viel tiefer war, als er aussah. Links von ihr grenzte das Kopfsteinpflaster an die Wiese mit den Bauwagen. Rechts stand die große ehemalige Scheune, in der alle ihre Verkaufsnischen hatten. Die alte Melkkammer war schon immer der Bereich ihrer Mutter gewesen, vollgestopft mit angelaufenem Silberschmuck, Vasen und Kleidern, die sich in der Hand mürbe anfühlten. Noch vor zwei Jahren hatte Aimée hier auf dem Hof an ihren Möbelstücken gearbeitet. Dann war sie zu Per gezogen, und er hatte ihr diese wundervolle Werkstatt unterm Dach seines Hauses eingerichtet.
Das Gras unter ihren Füßen war vollkommen trocken, keine Spur von morgendlichem Tau. Aimée atmete tief durch und sog den vertrauten saftigen Geruch der grünblauen Landschaft ein. Sie brauchte das Wohnmobil nur von Weitem zu sehen und wusste sofort, was sich drinnen abspielte. Es gab vier mögliche Szenarien, vollkommen unabhängig von der jeweiligen Tageszeit. Entweder schlief ihre Mutter oben im Alkoven oder sie saß mit einer Flasche Wein am Tisch. Oder sie war nicht allein, was allerdings schon länger nicht mehr vorgekommen war. Heute lag sie, Szenario Nummer vier, zusammengerollt auf der Eckbank, da war sich Aimée sicher. Es war, als wäre das Schlafgewicht ihrer Mutter höher als ihr Wachgewicht und würde das Gefährt zu einer Seite neigen. Als vibrierte der Transit unter ihrem Schnarchen.
Die Tür quietschte, als Aimée sie aufzog und ins schummrige Wageninnere trat. Der Geruch von abgestandenem Dosenessen schlug ihr entgegen, von ungespülten Töpfen, billigem Rotwein, Schweiß, feuchten Klamotten und moderndem Holz. Mit angehaltenem Atem beugte sie sich über die Bank mit ihrer schlafenden Mutter und stieß das Fenster auf. Seit sie schwanger war, ertrug sie die Gerüche hier drinnen noch weniger als sonst.
Marilou rührte sich nicht. Schnell räumte Aimée die leeren Flaschen zusammen, packte den Abfall in einen großen Müllbeutel, die herumliegende Kleidung in den Wäschesack, sie wischte über den Tisch und spülte das Nötigste ab. Dabei sammelte sie alle Rechnungen, Kassenbons und sonstige Belege ein, die sie auf Tisch und Boden, oben auf der Matratze, in den Schränken, im Portemonnaie und unter dem schweren, warmen Körper ihrer Mutter finden konnte. Heute musste sie sich um Marilous Buchhaltung kümmern. Es war Aimée zuwider, in diesem Drecksloch zu kramen – anders konnte sie die höhlenartige Behausung kaum bezeichnen –, aber was wäre die Alternative gewesen?
Per hatte sie neulich beim Abendessen gefragt, was denn passieren könnte, wenn sie mal nicht nach Marilou schauen würde. Was wäre, wenn sie eine Woche oder noch länger nicht bei ihrer alten Kommune aufschlug? Sie hatte darauf keine Antwort gehabt, nur das diffuse Gefühl, dass es dann ein Unglück gab.
Aimée zog ihrer Mutter den einen Schuh vom Fuß und stellte ihn neben den anderen unter die Bank. Als sie sich aufrichtete, mühsam wegen ihres Bauches, blieb ihr Blick an Marilous Gesicht hängen. Normalerweise wandte sie sich sofort ab, weil sie das Fahle, Verquollene im Gesicht ihrer Mutter nicht ertrug. Aber diesmal sah sie nicht weg. Aus irgendeinem Grund glitt ihr Blick über die langen strähnigen Haare, die dunklen Schatten unter ihren geschlossenen Lidern, die gerötete Nase, die feinen Adern auf ihren Wangen, den verschmierten Schönheitsfleck rechts oberhalb der Lippe, den sich Marilou Tag für Tag aufs Neue mit einem Kajalstift aufmalte. Es war, als müsste sich Aimée an diesem ersten Sonntag im August jedes Detail im Gesicht ihrer Mutter sorgfältig einprägen.
Erst als sie noch mit geschlossenen Augen jede Falte und jedes Härchen vor sich sehen konnte, trat sie wieder hinaus ins Freie, mit einem Schluckauf, der nicht ihrer war, einem regelmäßigen Zucken unter ihrer gespannten Bauchdecke, wie ein Herzschlag.
Der See glänzte, die Vögel sangen, ein Buchfink tat sich mit hellem Pfeifen hervor. Aimée lief über die Wiese, umrundete Pers Wagen auf dem Kopfsteinpflaster und schloss das Tor zur Scheune auf.
Staub tanzte im Sonnenlicht, und auch wenn hier schon jahrelang kein Heu mehr lagerte, hingen noch immer feine Reste von trockenen Gräsern in der Luft. Vermischt mit Schimmel, dem Geruch von Räucherstäbchen und speckigem Leder war das für Aimée heute keine gute Mischung. Sie war heilfroh, dass sie nicht mehr hier arbeiten musste. Arbeiten und leben. Schnell lief sie an den Nischen der anderen vorbei und wollte sich gerade Marilous Klapptisch schnappen, als ihr Blick auf eine große Tüte fiel. Für Aimée stand auf einem Zettel, der mit einer Nadel ans Plastik gepinnt war. Und darunter: Vielleicht kannst du das gebrauchen. Take care, my love. Barbara x.
Aimée schaute in die Tüte und lächelte. Barbara hatte ihr ein ganzes Dutzend ausgewaschener Leinenlaken eingepackt. Sicherlich hatte sie die von einer der Haushaltsauflösungen mitgebracht, wo sie bei Kaffee und Kuchen den Geschichten der Hinterbliebenen lauschte. Aimée konnte solche Bauernwäsche bestens gebrauchen. Sie würde sie in Rechtecke zerschneiden und daraus kleine Ballen formen, mit denen sie alte, glanzlose Holzflächen aufpolierte. Baumwolle eignete sich dafür überhaupt nicht, da wurde alles nur fusselig. Barbara war ein Schatz. Aimée kannte sie seit ihrem sechsten Lebensjahr, seit Marilou und sie sich der Trödlerkommune angeschlossen hatten – Barbara und ihren Sohn Daniel. Aimée strich ein paarmal über den kühlen Stoff, bevor sie sich Tüte, Klapptisch und Klappstuhl unter die Arme klemmte, was so gerade eben ging, und mit dem Fuß das Scheunentor aufstieß.
Sie stellte den Tisch direkt vor die Scheune und breitete alles darauf aus: zusammengeknüllte Rechnungen, unleserliche Kassenbons, Quittungen über Kleinstbeträge, die Marilou in ihrer weitschwingenden Handschrift mehr oder weniger korrekt ausgefüllt hatte. Das alte Backsteingemäuer im Rücken legte sich Aimée eine Hand auf den Bauch und spürte der Wärme nach, die tief in ihr war. Noch vier Monate. Sie konnte es kaum erwarten. Zu Hause neben ihrem Bett stand schon die breite Jugendstilwiege, die sie in den letzten Wochen in aller Ruhe aufgearbeitet hatte. Sie rückte sich den Stuhl zurecht und fing an, die Belege zu sortieren.
Die Sonne war höhergewandert und stand jetzt auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, noch immer regte sich kein Lüftchen. Es war ein friedlicher Tag. Ein Tag, wie sie ihn immer gemocht hatte, wenn sie früher ihren Stoffballen, hier vor der alten Scheune, in die Schellacklösung getaucht hatte und Stunde um Stunde über die matte Platte eines Tischs gefahren war.
Aimée hielt eine der Quittungen gegen das Licht, um das Datum zu entziffern, als sich in das Singen der Vögel ein Schnarren mischte, ein kratzender Laut, vielleicht von einem Eichelhäher. Die Vögel in den Bäumen waren unsichtbar, nur die Schwalben flogen kreuz und quer über den See. Aimée richtete sich auf, noch bevor die schwefelgelbe Tür am Ende der Wiese aufgestoßen wurde.
Marilou war wie eine Katze. Sie kam und ging, wann es ihr passte, und wenn sie fiel, landete sie auf den Füßen. In ihrem grauen Batikkleid wankte sie in Richtung See und schwenkte dabei den prall gefüllten Wäschesack.
»Waschtag!« Ihre Stimme klang wie so oft überdreht.
Aimée unterdrückte ein Stöhnen. Diese abrupten Stimmungswechsel ihrer Mutter hatte sie schon viel zu oft erlebt.
Marilou stolperte, fing sich an der morschen Holzbank ab und winkte. Aimée hob automatisch die Hand. Waschtag also.
Früher, als sie klein gewesen war, waren sie einmal in der Woche mit dem Wohnmobil zum Waschsalon gefahren, weil die Maschine auf dem Hof andauernd besetzt war. Immer mittwochs. Waschtag bedeutete auch Kinotag. In den anderthalb Stunden, die sich die Wäsche in der Maschine drehte, igelten sie sich zusammen bei zugezogenen Gardinen im Wohnmobil ein und schauten sich französische Filme an, Belle de Jour und Le Château de ma mère, weil Marilou das Französische so sehr liebte. Filme, für die Aimée noch viel zu jung war. Während ihre Mutter ein Bettlaken als Leinwand aufspannte und die Spule auf den Projektor steckte, hatte Aimée dem Ploppen der Maiskörner gelauscht.
Jetzt stand Marilou am Ufer, beugte sich vor und zog den Wäschesack in einem Halbkreis durchs Wasser. Bitte nicht. Aimée schloss die Augen, öffnete sie aber sofort wieder. Marilous Silberketten baumelten im See, ihr Lachen flog über die Wiese, die langen Haare verdeckten ihr Gesicht. Es rauschte in den Bäumen, das Schilf neigte sich, ein Windstoß wirbelte die Zettel vor Aimée auf. Marilou ließ den Sack fallen und watete ins Wasser.
Aimée bückte sich nach einem Stein und beschwerte die Papiere, ohne ihre Mutter aus den Augen zu lassen. Ein Surren legte sich über den See, wie das Geräusch des Projektors früher. Die Schwalben flatterten wild durcheinander, sie sahen aus wie Fledermäuse. Ihre Mutter war schon bis zur Hüfte im Wasser.
»Marilou!«
Sie drehte sich nicht um, schlingerte nur immer tiefer ins Wasser hinein. Jetzt musste sie an der Stelle sein, wo der Seeboden steil abfiel. Aimée sprang auf, der Klappstuhl klatschte neben ihr aufs Pflaster.
»Marilou!«, schrie sie noch einmal.
Aber als Antwort kam nur ein irres Lachen. Aimée sah noch den Kopf ihrer Mutter, die Haare, die sich wie ein Fächer auf das Wasser legten.
So schnell sie mit ihrem Bauch konnte, rannte sie das sandige Ufer hinunter. Ohne anzuhalten, lief sie in den See.
Das Wasser war wie eine Wand. Mit aller Kraft schob sie es von sich weg. Sie war langsam, viel zu langsam. Sie stemmte sich nach vorn und fixierte den Punkt, an dem sie Marilous Kopf zuletzt gesehen hatte. Die Sonne spiegelte sich grell auf der Oberfläche, es war, als leuchtete ihr jemand mit einer Taschenlampe in die Augen.
Das Wasser stand ihr bis zur Brust. Aimée drehte sich um die eigene Achse.
»Mama!« Ihr Schrei gellte über den See.
Rechts und links, vorne, hinten, oben und unten war alles hell.
Daniel! Warum war Daniel nicht hier?
Immer tiefer lief sie in den See. Wasser schwappte ihr in den Mund. Sie blieb stehen.
Alles war still. Die Oberfläche des Sees war in einem kalten Gleißen erstarrt. Kein Vogel sang mehr. Aimée hörte sich atmen, nur sich.
Als die ersten stacheligen Kapseln zu Boden fielen und platzten, sammelte sie die Kastanien im feuchten Gras auf. Sie waren weit von ihren Schalen weggerollt. Schwerkraftwanderer hießen sie deshalb, das hatte Daniel ihr erklärt. Mit dem Handbohrer drehte er Löcher in die glänzenden Früchte und fädelte sie auf eine silberne Kette. Sie trug die Kastanienkette den ganzen Herbst.
»Schön ist die Welt, dru-hum, Brüder, lasst uns reisen, wohl in die weite Welt, wohl in die weite Welt.« Im Takt zu seinem Gesang strich Len, den Pinsel fest in seiner Kinderhand, über die retuschierten Stellen im Holz.
Es war ein herrlicher Freitagnachmittag im Oktober. Per war bei einem Kunden, und Len und Aimée werkelten Seite an Seite in ihrem Werkstattraum unter dem Dach. Sie betrachtete ihren Jungen im warmen Licht der Herbstsonne, das durch die Blätter der Kastanie zu ihnen hereinfiel. Die Bewegungen seiner Hand waren gleichmäßig, sein Körper auf dem Drehhocker ging geschmeidig mit, der Ausdruck auf seinem kleinen Gesicht war hochkonzentriert. Er war letzten Monat sechs geworden. Manchmal, wie jetzt, kam er Aimée sehr groß vor, doch dann fiel ihr Blick auf die Puppe, die er sich vorne ins T-Shirt gestopft hatte, und schon sah sie wieder das kleine Kind, das er auch noch war. Am liebsten hätte sie Len fest in die Arme geschlossen. Aber sie wollte ihn nicht stören, beim Singen nicht und auch nicht bei seiner Lehrlingsarbeit. So nannte er das. Mama, ich bin dein Lehrling. Ich mach alles, was du sagst. Okay?
»Fertig!« Len ließ den Hocker einmal kreisen und kitzelte sie mit dem Pinsel an der Nase.
Aimée lachte und fuhr ihm mit ihrem eigenen Pinsel übers Gesicht. Es faszinierte ihn sehr, dass die Borsten einmal Schnurrbarthaare von Mäusen gewesen waren.
»Lass mal sehen.« Sie beugte sich über den schmalen Pultdeckel des Mahagonisekretärs, kaum breiter als ihre eigenen Schultern. Sie hatte ihn abgeschraubt, um die kleinen Löcher im Furnier zu kitten und die Kittstellen anschließend mit Aquarell zu lasieren. Len hatte mit seinem Mäusehaarpinsel die rötlichbraune Farbe zart verstrichen. Die Übergänge sahen ganz natürlich aus. »Sehr schön.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Len bekam sein stolzes Gesicht – breit gezogener Mund, tiefe Grübchen rechts und links, ein Strahlen in den Augen.
»Guck mal.« Aimée wies auf eine Reihe von dünnen Kratzern im Holz.
Len zog sich mit dem Hocker näher an die Werkbank heran. Die Werkbank war eigentlich ein alter Küchentisch aus Apfelbaumholz mit einer auffällig breiten rötlichen Maserung, den sie vor einiger Zeit restauriert hatte. Ursprünglich war er für die Wohnküche unten gedacht gewesen, aber dann war er doch bei ihr hier oben gelandet.
Len begutachtete die vielen winzigen Schrammen unter dem Schlüsselloch des Sekretärs. »Was ist das?«
»Da hatte jemand den Schlüssel an einem Schlüsselbund. Und jedes Mal, wenn er den Deckel hier aufgeschlossen hat, sind die anderen Schlüssel gegen das Holz gescheppert.«
»Aber warum hat er den Schlüssel denn nicht einfach stecken lassen?«
Aimée strich Len über den braunen Lockenkopf. Genau wie sie liebte er die Geschichten, die die Möbel erzählten. »Ich glaube, das muss eine reiche Familie gewesen sein, der dieser Sekretär gehörte. Die hatten ganz sicher Leute in ihrem Haus, die für sie gearbeitet haben. Vielleicht einen Koch oder einen Gärtner oder jemanden, der auf die Kinder aufgepasst hat. Und diese reiche Familie hatte Sorge, dass ihr jemand was klaut.«
»Und deshalb haben sie den Schlüssel nicht stecken lassen.«
»Das nehme ich an.«
»Aber wir machen die Schrammen nicht weg, oder?« Er zog die Stirn kraus und für einen kurzen Moment sah Aimée, wie er später einmal aussehen würde, als junger Mann.
»Auf keinen Fall.«
Mit den Schrammen würde der Käufer des Sekretärs leben müssen. Per war Architekt, und ein paar seiner Kunden kauften ihr regelmäßig Antiquitäten ab. Stühle, Beistelltische, Bilderrahmen, kleinere Dinge. Aimée besuchte nach wie vor Haushaltsauflösungen, manchmal auch eine Auktion, und hatte mittlerweile einen guten Blick dafür, was Pers Kunden gefallen könnte. Sie war dankbar für diesen Vertriebskanal.
Aimée wusch die Pinsel an dem Waschbecken in der Ecke aus, wischte sich die Hände an der Schürze ab und wandte sich wieder Len zu. »Kratzer senden Botschaften, und die wollen wir ja nicht löschen, oder?«
Er nickte und ließ sich vom Hocker gleiten. »Gehen wir jetzt raus?«
»Unbedingt. Ich räum nur schnell auf, dann geht’s los.«
Len stiefelte schon die Treppen hinunter. »Wir sind nicht stolz, wi-hir brauchen keine Pferde, die uns von dannen zieh’n, die uns von dannen zieh’n.«
Sie stellte die Pinsel in Einweggläser und die Gläser ins Regal zu den Leimen und Lacken und der schon ziemlich prall gefüllten Blechdose mit den Einnahmen. Per gab ihr das Geld in bar und brachte die Möbel eigenhändig bei seinen Kunden vorbei. Sie schaltete die Wärmeplatte aus, auf der sie den Knochenleim im Wasserbad flüssig gehalten hatte.
Draußen im Vorgarten waren die Eiben und Zypressen in kugelige Formen geschnitten, der Rasen war getrimmt, nur die Kastanie vor ihrem Fenster durfte so wachsen, wie sie wollte. Der Baum war diesen Sommer geradezu explodiert und stahl Aimée mit seiner Krone einiges an Licht, aber Pers Vorschlag, ihn zu fällen, hatte sie sofort abgelehnt.
»Mama!« Lens Stimme klang aufgeregt.
Aimée streifte sich die Arbeitsschürze ab, zog die Tür ihrer Werkstatt hinter sich zu und ging die zwei Stockwerke hinunter.
Len stand in Turnschuhen in der Wohnküche. Sein Mund zitterte, als würde er gleich weinen.
»Was ist?« Aimée ging neben ihm in die Hocke.
Seine Puppe, Lenna, hing noch immer in seinem Shirt. Ihr Körper war aus wattierter Baumwolle, ihre braunen Wollzöpfe baumelten über den Kragen. Len trug sie immer bei sich. Manchmal fand Aimée das für einen sechsjährigen Jungen unpassend, aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, fand sie es eigentlich nur deswegen unpassend, weil andere Leute es unpassend finden könnten. Also ließ sie ihm die Puppe. Len presste die Lippen aufeinander und wies mit der Hand durch den großen Raum.
Aimée konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. Links war der Küchenbereich mit dem großen Betontresen, auf dem nur der Messerblock stand. Rechts der kantige Esstisch aus gebürstetem Stahl, drum herum die acht Eames Plastic Chairs. Auf dem Tisch thronte wie immer eine hohe Vase mit weißen Lilien. Am anderen Ende des Raumes stand das L-förmige Sofa, daneben gruppierten sich die graue Chaiselongue und der schwarze Ledersessel. Auf einem der gläsernen Beistelltische lagen drei Bildbände über Architektur, der oberste wie immer aufgeschlagen. Das bodentiefe Fenster zog sich über die gesamte Breite des Raumes und vermittelte einen Eindruck, als wäre kein Glas zwischen innen und außen und der weitläufige Garten noch Teil des Wohnbereichs.
»Das Kissen.« Len zitterte. »Das rote.«
»Was ist damit?« Aimée nahm ihn bei der Hand. Das Kissen lag wie immer hinten auf der Chaiselongue.
»Wolke hat draufgemacht. Es ist nass und stinkt.« Tränen liefen ihm über die Wangen.
»Hey.« Sie wartete, bis Len sich mit dem Ärmel über die Augen wischte und sie ansah. »Das ist doch nicht schlimm. Wir machen das jetzt weg, und dann ist alles gut.«
»Und wenn Papa es merkt?«
»Ach, Len.« Sie nahm ihn in den Arm.
Per war einmal ziemlich wütend geworden, als Wolke, ihre betagte Katze, auf die Chaiselongue gepinkelt hatte. Das ganze Möbelstück hatte abgeholt werden müssen, weil dem Fleck auf dem feinen Stoff mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen gewesen war. Und Len hatte sich die Schuld für das Malheur gegeben, auch wenn Aimée immer wieder versucht hatte, ihm das auszureden.
»Komm, das ist doch nur ein Kissen. Wir waschen es ab, und bis Papa heute Abend wiederkommt, ist alles längst wieder trocken und sauber.«
»Meinst du?« Len blinzelte sie an.
»Ganz sicher.« Zielstrebig lief sie zum Sofa, nahm das tatsächlich ziemlich übelriechende Kissen an sich, zog die Füllung heraus und wusch den Bezug in der Keramikspüle sorgfältig aus. »So.« Sie hängte ihn über einen der weißen Plastikstühle. »Jetzt holen wir uns noch ein neues Innenkissen aus dem Schrank und werfen das alte in die Tonne.« Sie fasste Len an der Schulter. »Alles klar?«
Er nickte.
»Dann los.« Aimée schlüpfte in ihre Schuhe und zog die Haustür auf.
Im nächsten Augenblick standen sie nebeneinander auf der Türschwelle und ließen sich das goldene Licht der Oktobersonne ins Gesicht scheinen. Die Blätter der Bäume changierten zwischen Grün und Rot, und in der Ferne knatterten die Maishäcksler. Als hätte ihm die frische Luft einen Stoß versetzt, kam Bewegung in Len. Mit fliegenden Locken rannte er los und verschwand zwischen den Büschen. Aimée sog den erdigen Geruch ein, stopfte die nasse Kissenfüllung in die Mülltonne und bückte sich nach einer Kastanie. Sie glänzte in einem satten Rotbraun, wie der Mahagonisekretär oben in ihrer Werkstatt. Aimée umschloss sie mit der Hand. Len kam mit einem Eimer wieder, den Herr Hansen, ihr Gärtner, für Pflanzenabfälle benutzte.
»Guck mal.« Er hielt ihr den Eimer hin, der bereits halbvoll mit Kastanien war. »Wollen wir nachher damit basteln? Eine Schlange? Oder eine Rakete?«
»Gute Idee.« Aimée war froh, dass er nicht mehr an das blöde Kissen dachte.
Len bückte sich und sammelte weiter. Der Rasen war ein einziges schimmerndes Kastanienmeer.
»Wir reisen fort, vo-hon einer Stadt zur ander’n, wo uns die Luft gefällt, wo uns die …« Len sah auf. »Hast du das gehört?«
Aimée lauschte. Die Kastanie in ihrer Hand fühlte sich sehr glatt und neu an. In der Ferne hörte sie ein Miauen.
»Wolke!« Len ließ den Eimer los und schoss über den Rasen zur Einfahrt.
Aimée folgte ihm. Miauend saß ihre Katze vor dem alten Garagentor. Aimée hatte lange nicht mehr an diese Garage gedacht, weil ihr Alltag sie kaum in diese schattige Ecke des Grundstücks führte.
Das Haus hatte zwei Garagen. Einmal die Doppelgarage, in der Pers schwarzer SUV parkte, wenn er nicht gerade wie jetzt damit unterwegs war, zusammen mit Aimées silbernem Wagen, beides BMWs – die genauen Modellbezeichnungen konnte sie sich nie merken. Und dann gab es noch eine zweite, alte Garage, die ein gutes Stück zurückgesetzt lag, unsichtbar für Besucher, die über die breite Einfahrt aufs Haus zusteuerten. Vor dieser Garage saß Wolke. Ihr schwarzes Fell verschmolz mit dem Halbdunkel, das sie umgab.
Len hockte sich hin und streckte die Hand nach ihr aus. Wolke kam näher und ließ sich von ihm an dem weißen Fleck unter dem Kinn kraulen. Das mochte sie. Aimée hatte sie damals von der Kommune mitgebracht, und seit Lens Geburt waren er und die Katze unzertrennlich. Manchmal bezog Wolke ihren Schlafplatz am Fußende seines Bettes. Per sah es zwar nicht gern, doch Aimée hatte den Eindruck, dass Len in diesen Nächten besonders ruhig und tief schlief. Jetzt miaute Wolke das Garagentor an. Die graue Farbe blätterte vom Blech, Efeu rankte von oben und von den Seiten über das Tor, es roch moderig.
»Was ist denn los, Wolke?« Len gab seiner Stimme einen weichen Klang.
Wolke miaute stoisch vor dem Tor. Aimée fiel auf, wie dünn die Katze in den letzten Monaten geworden war.
»Mama, Wolke will da rein.« Len zupfte am Ärmel ihrer blauen Seidenbluse.
»Ja, das seh ich.«
»Können wir die Garage aufmachen? Bitte, Mama.«
Sie hatte wirklich sehr lange nicht mehr an diesen Ort gedacht. Und daran, dass es ihn noch gab: den Bulli.
Aimée verschränkte die Arme. »Ich weiß nicht. Der Efeu …«
»Bitte!«
Aimée seufzte. Na schön. Ein kurzer Blick konnte ja nicht schaden. Sie zog den Schlüsselbund aus der Rocktasche.
»Juchhu!« Len nahm Wolke auf den Arm und führte einen kleinen Freudentanz auf. Jede andere Katze hätte erschrocken das Weite gesucht.
Neben den drei Schlüsseln, die Aimée täglich benutzte – Haustür, Briefkasten, Auto –, hingen noch zwei andere Schlüssel am Bund, die sie nie abgemacht hatte. Seit acht Jahren hatte sie nichts mehr damit aufgeschlossen. Sie hatte die Schlüssel gar nicht mehr wahrgenommen, aber wären sie plötzlich nicht mehr da gewesen, hätte sie ihr Fehlen sicher bemerkt. Der Bund in ihrer Hand wäre zu leicht gewesen.
Aimée steckte den Garagenschlüssel ins Schloss, drehte ihn mit einem Quietschen und kippte das Tor. Als sie die Stoßstange ihres alten VW-Busses erkannte, hörte sie den Efeu leise reißen. Sie schob das Garagentor weiter hoch, und die lang gezogenen Rücklichter tauchten vor ihr auf. Wolke ließ sich von Len auf den Boden setzen und lief steifbeinig in die Garage. Noch höher, und die rote Heckklappe mit dem breiten Fenster erschien, darüber das weiße Dach. Mit einem blechernen Rasseln rastete das Tor unter der Garagendecke ein.
Aimée hielt noch immer die Kastanie in der Hand. Sie sah den alten Baum am See vor sich, der jeden Herbst aufs Neue mehr Früchte getragen hatte als alle anderen Rosskastanien rundherum. Er hatte genau neben dem Bulli gestanden, was man dem Wagen durchaus ansah. Früher hatte Aimée manchmal auf dem Dach ihres Busses gelegen, die Daumen in die Beulen im Blech gedrückt und hinauf in den Himmel geschaut. Trotz der herunterfallenden Kastanien hatte sie ihn nie woanders abgestellt. Der Blick, den sie von diesem Platz aus gehabt hatte, war einfach zu perfekt gewesen, durch die Kastanien und Blutbuchen hindurch auf den See.
Sie fröstelte. Sie sollten zurück in den Garten gehen, wo die Sonne schien, statt hier in der feuchten Düsternis zu stehen.
»Ist der von uns?« Len hatte sich neben sie gestellt, und es war, als stünden sie beide an einer Schwelle.
Im Grunde war sie immer da gewesen, die Schwelle oder eher die Mauer zwischen dem, was gewesen war, und dem, was heute zählte. Und jetzt hatte sie einfach ein Tor geöffnet.
Aimée fasste nach Lens Hand. »In dem Bulli habe ich früher gewohnt.«
»Gewohnt?« Er sah zu ihr hoch.
»Bevor ich Papa kennengelernt habe.« Sie atmete tief durch. »Da war das mein Haus. Oder so was in der Art.«
Früher, nach ihrem Auszug aus dem Wohnmobil mit der gelben Tür, war ihr der Bulli riesig erschienen. Endlich hatte sie ihr eigenes Reich gehabt.
»Und bist du damit auch gefahren?«
»Ja, auch das.«
»Dann warst du ja eine Schnecke!« Len lachte, doch dabei sah er sie prüfend an, als sähe er etwas ganz Neues.
Im Inneren der Garage hörte sie Wolke umhertapsen, zu sehen war sie nicht. Die Garage war größer, als sie auf den ersten Blick schien. Schmal, aber sehr lang, mit einer Tür am hinteren Ende.
»Können wir da rein?«
Aimée nickte kaum, doch ihr Körper bewegte sich schon wie von selbst vorwärts, die Hand fest mit der von Len verbunden. Es war, als glitte sie widerstandslos in einen Traum hinein. Ein Traum, der vor langer Zeit einmal Wirklichkeit gewesen war.
Hier drinnen war es noch düsterer als draußen. Wolke stand mit glimmenden Augen auf einer blauen Plane, die über dem Boden des hinteren Teils der Garage ausgebreitet war.
Als Aimée den zweiten der beiden Schlüssel ins Schloss der Bullitür steckte, war die Katze mit einem Satz bei ihr. Mit einem Ratschen zog Aimée die Schiebetür auf. Wolke zögerte ein, zwei Sekunden, dann sprang sie in den Bulli.
Aimée konnte nur dastehen und in diesen kleinen Raum hineinschauen. Jahrelang war er ihr Zuhause gewesen. Rechts schmiegte sich der hölzerne Küchenblock an die Rückenlehnen des Fahrer- und Beifahrersitzes. Links stand die Sitzbank mit dem himmelblauen Bezug, und unter dem Fenster, zwischen Bank und Küchenblock, war eine Tischplatte, die sich hochklappen ließ.
»Das ist ja wirklich ein Haus.« Len klang tief beeindruckt. Kurzerhand machte er einen großen Schritt und zog Aimée mit sich in den Bulli.
Im Bus roch es abgestanden, aber nicht schlecht, eher so wie es auch in ihrer Werkstatt roch: nach Holzstaub und aufbrechenden Versiegelungen. Wolke lag schon zusammengerollt in ihrem alten Körbchen neben der Sitzbank. Len klappte den Tisch hoch und wieder runter, entdeckte die Gasflasche in der Klappe unter der Herdplatte und war begeistert, dass tatsächlich Wasser kam, als er den Spülhahn betätigte.
Aimée stand noch immer in der Tür und folgte seinen Bewegungen, seinem Blick, mit dem er das alles hier zum ersten Mal sah. Schließlich ließ er sich bäuchlings auf die Bank fallen, streckte einen Arm nach unten aus und streichelte Wolke. Aimée setzte sich neben ihn.
»Genauso habe ich hier auch immer gelegen und Wolke gestreichelt.«
Len drehte sich auf die Seite und sah sie an. »Gab es Wolke denn da schon?«
»Oh ja.« Aimée rechnete im Stillen nach. »Ich glaube, sie ist jetzt so ungefähr achtzehn Jahre alt. Ihre Mama, Lili, war auch schon meine Katze. Wolke ist aus ihrem letzten Wurf.«
»Wie alt werden Katzen denn?«
»Ganz unterschiedlich. Wolke wird sicher steinalt. Schau mal.« Aimée zog an dem kleinen Griff seitlich von der Bank und drückte die Rückenlehne nach hinten. Es krachte einmal kurz, als sie horizontal einrastete. »Hier habe ich immer geschlafen.«
Len legte sich quer über die Liegefläche. Aimée kitzelte ihn am Bauch. Er lachte und wand sich unter ihrer Hand. Neben ihm lachte das kleine Gesicht seiner Puppe Lenna.
»So?« Er drehte sich auf den Rücken, die Arme eng am Körper. »Hast du so geschlafen?«
»Genau so.« Sie legte sich neben ihn.
Das Laken verströmte einen trockenen, vertrauten Geruch, wie Stroh, das sehr lange unter einem strahlend blauen Himmel gelegen hatte. Das Schnurren der Katze füllte den Bulli.
»Was ist das?« Len streckte den Arm aus und berührte die dünnen Holzteile, die über ihnen baumelten. Sie waren aus unbehandeltem Birkenholz, und es existierten nur noch drei der vier Seitenwände mit großen Fenstern, zwei davon endeten oben in einem Dreieck. Gehalten wurde das Ganze von einem spitzen Dach, das mit zwei unsichtbaren Nylonfäden an einem kleinen Deckenhaken befestigt war. Das Holz des Daches hatte noch seine zarte weiß-schwarze Rinde, die aussah wie Schindeln, die mit Flechten bewachsen waren.
»Das …« Aimée räusperte sich. »Das ist ein Mobile. Ein Haus. Mein Haus der Träume.« Ihr versagte die Stimme.
»Ein leeres Haus«, stellte Len fest.
Aimée konnte nur nicken. Ihr Haus der Träume war leer.
Ursprünglich hatte es auch eine vierte Seitenwand gegeben, aber die war irgendwann verlorengegangen. Seitdem hing das Mobile schief. Aimée ließ ihre Hand nach unten zu Wolke gleiten. Sie hatte sehr lange nicht mehr an das Haus der Träume gedacht.
Len setzte sich auf. »Mama …«
»Ja?« Aimée streichelte die schlafende Katze.
»Können wir ein bisschen fahren?«
»Jetzt?«
»Warum nicht? Wir könnten einen kleinen Ausflug machen.« Len kletterte auf sie. »Bitte.«
»Ich glaube nicht, dass der noch fährt.«
Acht Jahre ohne Bewegung waren eine lange Zeit für einen alten Wagen. Der Bus war Baujahr 1979, einer der letzten aus der T2-Reihe. Die meisten Teile, die sich unter dem roten Blech verbargen, waren allerdings deutlich jünger. Aimée hatte ihn zum achtzehnten Geburtstag bekommen. Sie kraulte Wolke am Bauch und berührte dabei etwas aus Papier. Sie hielt inne. Sie wusste sofort, was das war. Dieser Umschlag war einmal so wichtig für sie gewesen. Er enthielt Geld, das sie zur Seite gelegt hatte. Geld für ein neues Leben.
Len stieg über den Küchenblock auf den Beifahrersitz. »Okay?«
Aimée schob den Umschlag zurück in sein Versteck, unter den warmen Körper der Katze. »Okay.«
Aus dem Kasten unter der Sitzbank schnappte sie sich eines der dicken, festen Kissen. Len setzte sich darauf, und Aimée schloss seinen Gurt.
Nach mehreren Versuchen sprang der Wagen tatsächlich an. Len jubelte, der Motor bullerte, die Tanknadel zeigte senkrecht in die Höhe. Aimée reichte Len die Kastanie, die er sofort in seiner Hosentasche verstaute, und drückte den langen Schaltknüppel in den Rückwärtsgang. Röhrend fuhr der Bulli aus der Garage. Sekunden später waren sie auf der Straße.
»Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen, der eiskalten Winde raues Gesicht«, sang Len. Seine Stimme war so laut, wie Aimée sie selten gehört hatte.
Auf der Landstraße kurbelte sie das Fenster hinunter. Wind blies ihnen um die Ohren. Sie musste lachen, als sie Lens tanzende Locken sah und die eigenen Haare ihr wild um den Kopf herumflatterten.
»Wohin fahren wir?«
»Keine Ahnung!«, schrie sie gegen den Wind an.
»Gut!«, schrie Len zurück.
Sie grinsten sich an. Schon flogen sie an stoppeligen Feldern vorbei, an gehäckseltem Mais, der durch die Luft geschleudert wurde, an grünen Wiesen und weidenden Pferden. Ohne abzubremsen, überholten sie einen Traktor. Len winkte dem Fahrer zu, der grüßte zurück. Sie rumpelten durch Alleen mit hohen Bäumen, die der Herbst bereits orange gefärbt hatte, vor ihnen nichts als Weite bis zum Horizont.
»Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wellen, es strafft der Wind uns’re Segel mit Macht.« Len hatte die CD letzte Woche in der Bücherei entdeckt und sie unbedingt mitnehmen wollen. Seitdem schallten ununterbrochen Lieder übers Reisen aus seinem Kinderzimmer.
Inzwischen stand die Sonne sehr tief. Die Bäume warfen lange Schatten, und ein goldener Schimmer lag auf den Feldern.
»Ich hatte vergessen, wie schön das ist.« Aimée streckte die Arme am Lenkrad durch und spürte das warme Licht auf ihrem Gesicht. Sie rutschte tiefer in den Sitz. Das braune Leder des Polsters war an einigen Stellen geflickt. Es hatte sie immer an einen Pferdesattel erinnert. Fast hätte sie das Schild am Straßenrand übersehen, ein beuliges Blechschild mit der Aufschrift Garage. Schnell bremste sie ab und fuhr den Bus auf den Seitenstreifen.
»Was ist?« Len rappelte sich auf.
»Da ist eine Autowerkstatt.« Aimée sah in den Rückspiegel. Die Straße war leer, in der Luft flimmerte Staub. Ein Feldweg führte zu einem grauen Gebäude.
»Ja, und?«
Hinten im Bus hörten sie ein Rumoren. Wolke tapste zu ihnen nach vorn und ließ sich nach einigen Umdrehungen auf Lens Schoß nieder.
»Ich dachte, ich bringe den Bulli da mal vorbei. Also, dass die ihn mal angucken und alles reparieren, was repariert werden muss.«
Der Bus fuhr zwar ganz gut, aber die Frage war, wie lange noch. Dabei war er doch irgendwie immer ein Teil von ihr gewesen.
»Jetzt?« Len drehte sich abrupt zu ihr. Ungerührt schnurrte die Katze unter seiner Hand.
Aimée fuhr ihm durchs Haar. »Irgendwann vormittags.« Wenn du im Kindergarten bist, hatte sie hinzufügen wollen. Aber Len ging nicht gerne in den Kindergarten. Und es war gerade viel zu schön, um ihn an Dinge zu erinnern, die er nicht mochte. Zum Glück kam er nächsten Sommer in die Schule, da würde er neue Kinder kennenlernen und ganz sicher bekam er auch eine nette Lehrerin.
Aimée legte die Hand um den Schalthebel. Okay, möglicherweise war es nicht richtig, ihn immer zu schonen. Per war der Meinung, Len täte es gut, mal auf die Nase zu fallen. Das würde ihn stark machen. Aber was sollte sie tun? Er war als Frühchen auf die Welt gekommen. Wochenlang hatte es so ausgesehen, als ob er es nicht schaffen würde. Die Angst von damals hatte sie nie losgelassen.
Aimée verscheuchte den Gedanken, was ihr an diesem wunderbaren Tag leichtfiel. Erneut sah sie in den Spiegel, dann setzte sie den Wagen zurück. »Ich frag da einfach mal.«
Ein Mann mit sonnengebräunter Haut wollte gerade das Werkstatttor abschließen. Aber für sie ging er noch einmal zurück an den Schreibtisch voll ölfleckiger Papiere, und Aimée machte einen Termin für die kommende Woche aus. Im Hinausgehen fiel ihr Blick auf eine alte Coca-Cola-Werbung, die neben der Werkstatttür hing, aufgedruckt auf einen Spiegel. You Can’t Beat the Feeling. Neben dem Gesicht der Cola trinkenden Frau sah Aimée ihr eigenes. Ihre Haut schimmerte, die Haare hingen ihr in wirren Strähnen ums Gesicht, in ihren grünen Augen lag ein Blitzen, das sie an früher erinnerte.
Als sie zurückkamen, war es dunkel. In der Einfahrt parkte der Wagen von Rebekka, einer Kollegin von Per, also war Per auch schon zu Hause. Er musste gesehen haben, dass die alte Garage offen stand und der Bulli weg war. Kurz überkam sie ein mulmiges Gefühl, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Sie blickte zu Len hinüber, der eng verknäult mit Wolke und seiner Puppe Lenna schlief. Auf seinem Kindergesicht lag ein Lächeln. Entschieden manövrierte sie den Bulli an Rebekkas Cabrio vorbei. Sie hatten nur einen kleinen Ausflug gemacht. Einen ganz und gar wunderbaren Ausflug.
Aimée rumpelte in die Garage und stellte den Motor ab. Mit einem Mal war es sehr still. Nur Lens tiefer Schlafatem war zu hören. Sie wollte gerade die Scheinwerfer ausstellen, als ihr Blick auf die blaue Plane fiel. Sie zog sich über den ganzen hinteren Teil der Garage, mal lag sie flach am Boden, an anderen Stellen bedeckte sie irgendetwas. Leise, um Len nicht zu wecken, öffnete Aimée die Fahrertür. Sie würde mal nachsehen, was sich darunter verbarg.
Ein kalter Luftzug wehte ihr in den Nacken. Das blaue Plastik leuchtete ihr entgegen. Aimée kniff die Augen zusammen. Sie stellte sich mit dem Rücken zu den Scheinwerfern und zog die Abdeckung ein Stück zur Seite. Mit einem Schmirgelgeräusch rutschte die Plane über den rauen Betonboden. Vor ihr blitzte ein kleiner Bilderrahmen auf. Aimée wich zurück. Sie kannte diesen Rahmen, sie kannte ihn sogar sehr gut. Sie hatte ihn mit eigener Hand vergoldet.
Wie in Trance zog sie die Plane Stück für Stück weiter zurück. Stühle, Sessel, Hocker, kleine Regale und Kommoden, Nachttische und Zeitungsständer tauchten auf, achtlos hingeworfen, ineinander verkeilt wie Sperrmüll.
Kein Laut drang in die Garage. Das Licht der Scheinwerfer strahlte mit ungebrochener Kraft. Aimée nahm den goldenen Bilderrahmen in die Hand, das letzte Stück, das sie für einen von Pers Kunden aufgearbeitet hatte. Sie hörte sich atmen. Ein, aus, ein, aus, wie ein lautes Pulsieren in ihrem Kopf. Aimée schob sich den Rahmen über den Arm, öffnete die Beifahrertür und hob ihren schlafenden Jungen hoch. Mit einem Seufzer schlang er seine dünnen Arme um ihren Hals. Wolke huschte unter ihren Beinen hindurch aus der Garage. Aimée schloss den Bulli ab, zog das rasselnde Tor hinter sich zu und sah ihre Katze zwischen den gestutzten Büschen aufs Haus zulaufen.
Schon an der Tür hörte sie Rebekkas Lachen. Rebekka war Innenarchitektin und arbeitete bei vielen Projekten mit Per zusammen. Constanze, ihre Tochter, war genauso alt wie Len. Nach Lens Geburt hatte Aimée sich ein paarmal mit ihr und den Kindern getroffen. Leise stieg sie die Treppen zu ihrer Werkstatt unter dem Dach hoch. Normalerweise trug sie Len ungern, er war ihr zu schwer, aber jetzt spürte sie sein Gewicht kaum. Sie war froh, dass er bei ihr war.
Die silberne Blechdose stand wie immer neben den Leimen und Lacken. Sie klimperte nicht, als Aimée sie einhändig aus dem Regal zog, es waren nur Scheine darin. Kurz verharrte sie neben der Werkbank, dem Küchentisch aus Apfelbaumholz, der eigentlich für etwas ganz anderes gedacht gewesen war. Auf der Tischplatte lag noch der Pultdeckel des Mahagonisekretärs, den Len und sie vorhin bearbeitet hatten.
Mit einer heftigen Bewegung fegte sie das Ding hinunter. Krachend fiel es auf die Dielen. Len zuckte kurz, aber gleich darauf entspannte sich sein Körper auf ihrem Arm wieder. Die Dielen hatte sie vor acht Jahren selbst verlegt. Per hatte ihr hier oben freie Hand gelassen. Ein bitteres Lachen stieg in ihr auf. Dieser Raum war eine einzige Lüge. Aimée klemmte sich die Blechdose unter den Arm, drehte sich um und zog die Tür der Werkstatt hinter sich zu.
Langsam stieg sie die Treppen hinab. An ihrem Ohr murmelte Len leise im Schlaf. Mit einem Mal war Aimée sehr ruhig. Sie trug Len ins Kinderzimmer im ersten Stock und legte ihn auf sein Bett. Vorsichtig zog sie ihm die Jeans aus und die Schlafanzughose an, befreite Lenna aus dem Halsausschnitt seines T-Shirts und legte sie dicht neben ihn. Sofort umschloss er sie mit seinem Arm und rollte sich zusammen wie Wolke in ihrem Körbchen. Aus seiner Jeanstasche fischte Aimée die Kastanie und legte sie auf den Nachttisch. Die braune Schale glänzte im schwachen Schein der runden Mondlampe, die immer die Nacht hindurch brannte. Sie deckte Len bis zum Kinn zu und gab ihm einen Kuss auf die warme Stirn. Es war gut, dass er nichts von dem mitbekam, was gleich passieren würde.
Rebekka lachte noch immer. Pers volle Stimme war wie eine federnde Unterlage für dieses Lachen. Sicher stand vor ihnen auf dem Tisch eine Flasche Rotwein, eine Karaffe mit Wasser, ein paar Oliven, vielleicht Baguette. Per war ein guter Gastgeber. Und Rebekka war schon immer häufig bei ihnen gewesen. Mal saßen sie zu zweit zusammen, mal zu dritt. Sie kam Aimée fast wie ein Teil des Inventars vor, auch weil sie die Innenräume des Hauses geplant und eingerichtet hatte. Aimée trat in den Lichtstreifen, der aus dem Wohnraum in den Flur fiel, die silberne Blechdose in der einen Hand, den kleinen goldenen Rahmen in der anderen.
»Aimée!« Rebekka stellte ihr Weinglas ab und stand vom Sofa auf. »Wir haben gerade von dir gesprochen.« Sie trug eine helle Hose und einen ebenso hellen, dünnen Rollkragenpullover, der ihr eine gewisse Strenge verlieh. Ihre roten Haare hatte sie tief im Nacken zu einem Dutt gebunden. Wie immer sah sie sehr aufgeräumt aus. Sie durchschritt den Raum und kam auf Aimée zu.
Aimée sah an ihr vorbei zu Per. Er saß auf dem Sofa, den Blick auf die beiden Dinge in ihren Händen gerichtet.
Rebekka hauchte ihr Küsse auf die Wangen. »Gut siehst du aus.«
Aimée fixierte weiter ihren Mann. Aufrecht saß er da, zu aufrecht, der Blick zu starr.
»Die Bluse ist wunderbar.« Rebekka berührte die dunkelblaue Seide. Die Bluse war wie eine fremde Haut, die über Aimées eigentlicher Haut saß.
Auf dem Küchentresen lag ein Brotmesser, neben Resten von aufgeschnittenem Baguette. Der rote Kissenbezug hing noch über einem der weißen Stühle. Langsam stand Per auf und kam auf sie zu. Seine Schritte in den cognacbraunen Lederschuhen waren unsicher, aber sie konnte sehen, wie er sich bereits wieder fasste und wappnete.
»Und, oh …« Rebekka besah sich den Rahmen in ihrer Hand. »Der ist ja hübsch. Per hat erzählt, dass du …«
»Aimée.« Pers Stimme war so voll wie immer. Er räusperte sich. »Es ist anders, als du denkst.«
Aimée sagte nichts. Sie wollte ihn kommen lassen, auch wenn sie wusste, dass er ihr nur Bullshit servieren würde.
Per rückte seine Brille zurecht. Sie roch sein Rasierwasser und darunter frischen Schweiß. »Der Kunde … Er hat mich gebeten, die Sachen noch mal zurückzunehmen und zu lagern, während er … umbaut.«
Unwillkürlich lachte sie auf. »All die Jahre hast du von verschiedenen Kunden gesprochen, das weißt du schon?« Sie musste es einfach laut sagen. »Aber gut, mal angenommen, es wäre jedes Mal derselbe Kunde gewesen. Was würde dieser eine Kunde wohl dazu sagen, dass du die Möbel einfach so hinschmeißt?«
»Aimée …«
»Du musst mich für bescheuert halten.«
»Ich glaube, ich fahr dann mal.« Rebekka sah zwischen ihnen hin und her, aber weder Per noch Aimée erwiderten ihren Blick.
Sekunden später fiel die Haustür ins Schloss, und Aimée hörte Rebekkas Wagen zügig aus der Einfahrt fahren.
Auf Pers Stirn lag ein Schweißfilm. Er kam ihr vor wie ein Angeklagter, der wusste, dass er im Unrecht war. Der keine Erklärung hatte. Der nicht mehr weiterwusste. So hatte sie ihn noch nie erlebt.
»Verdammt, Per, warum glaubst du eigentlich, ich bräuchte eine Beschäftigungstherapie?«
Sie konnte sehen, wie er sich um einen liebevollen Ausdruck bemühte. »Na, so würde ich das nicht nennen. Ich dachte, es tut dir gut, wenn du etwas zu tun hast.«
»Und du meinst, ich hätte nichts Eigenes gefunden?«
Sie hatte nicht ein Stück weitergedacht. Da war ja selbst ihre Mutter schlauer gewesen. Bloß nicht auf einen einzelnen Kunden setzen, klang ihr Marilous Stimme im Ohr. Breit streuen. Sie selbst hatte Pläne gehabt! Einen eigenen Laden hatte sie eröffnen wollen. Aber nein, Aimée Thaler musste es sich ja bequem machen.
Sie sah an Per vorbei zum Fenster. Ihre Körper, seiner groß und schmal, ihrer deutlich kleiner, spiegelten sich als Miniaturen im Glas. Dahinter lag die Dunkelheit. Wie oft hatte sie früher draußen vor einem Fenster wie diesem gestanden, heimlich hineingeschaut und sich hineingeträumt in das fremde Familienzuhause. Sie hatte sich nach dem Lachen gesehnt, das dort herrschte, nach der Wärme, der Geborgenheit, der Ehrlichkeit und dem Gefühl, angekommen zu sein. Entschieden ging sie zum Küchentresen. Mit einem Knall stellte sie die Blechdose ab, dann den Rahmen. Gold splitterte, das Brotmesser flog zu Boden.
»Aimée.« Per fasste sie am Arm.
Sie machte sich los.
Sein Blick bekam etwas Flackerndes. Jetzt sah er nicht mehr so aus wie jemand, den man in die Enge getrieben hatte. »Du meinst also wirklich, irgendjemand hätte den Kram gekauft?« Seine Stimme war schneidend.
Aimée machte einen Schritt zurück. Das durfte er nicht sagen. Das nicht. Es stellte alles in Frage. Was sie war, was sie beide zusammen waren.
Sie sah ihm in die Augen, die hinter den Gläsern seiner kantigen schwarzen Brille klein waren. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Wenn sie noch einen Moment länger hier vor ihm stand, würde sie entweder in Tränen ausbrechen oder etwas kaputt machen. Sie straffte die Schultern.
»Gute Nacht, Per.« Sie legte so viel Festigkeit in ihre Stimme, wie sie nur konnte.
Sie würde im Gästezimmer schlafen. Und morgen würde sie weitersehen.
Aimée schob die Tür des Bullis auf. Ihr erster Blick am Morgen galt immer dem See. Nebel waberte rund um die alte Holzbank am Ufer und über der Wasseroberfläche. Seerauchen hatte Daniel das früher genannt. Die Sonne hing noch hinter den Bäumen, nur hier und da schickte sie bereits ein paar dünne Strahlen an den Zweigen der Trauerweiden vorbei. Früher hatte ein Eisvogel jeden Morgen, wenn sie die Tür des Wohnmobils aufgestoßen hatte, auf einem bestimmten Ast der Trauerweide gesessen. Nah am Ufer hatte er gehockt und sie angeschaut, als würde er auf sie warten. Aimée zog sich ihr Sweatshirt über und schob die Bullitür hinter sich zu.
Das Gras unter ihren Füßen war feucht. Sie ging an Marilous Wohnmobil vorbei, das sich unter dem Schlafgewicht ihrer Mutter nach vorne neigte. So kam es ihr jedenfalls vor. Sie hätte gern einen kurzen Blick hineingeworfen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war, aber sie wollte Marilou nicht wecken. Dann müsste sie sich um sie kümmern, und jetzt wollte sie etwas anderes tun.
Barbaras Bauwagen hatte weiße Holzfenster, englische Fenster, die sich von unten nach oben und von oben nach unten aufschieben ließen. Schräg dahinter, zwischen zwei schwarzblättrigen Buchen, stand Daniels Wagen. Er war auf Stelzen gebaut und sah fast wie ein Baumhaus aus. Dann gab es noch den Wagen von Sanne und Lothar, bei dem sich Sanne mit den beerenfarbenen Fensterläden durchgesetzt hatte, und den großen von Silas, der als einziger statt aus Holz aus unlackiertem Blech war. Silas war geblieben, obwohl seine Eltern die Kommune längst verlassen hatten. Daniel war wiedergekommen, wegen seiner Mutter. Barbara hatte einen Herzfehler und wurde zusehends schwächer. Daniels Vater Edgar war schon vor Jahren auf und davon. Und sie selbst? Sie war auch weg gewesen, eine Zeit lang zumindest.
»Aimée!« Barbara steckte ihren Kopf aus dem Fenster. Sie trug wie immer ihr helles Turban-Kopftuch, das sie wie eine Filmdiva aus früheren Zeiten aussehen ließ. Mit einem Lächeln hielt sie ihr eine braune Papiertüte hin.
Aimée musste grinsen. Barbara kannte sie einfach zu gut. Sie wusste, dass sie an verkaufsfreien Tagen wie heute meist das Frühstück vergaß, weil sie sofort mit dem Restaurieren eines Möbelstücks loslegte. Irgendwann, Stunden später, konnte sie dann kaum noch stehen vor Hunger. Dankbar nahm sie das Goodie Bag entgegen. Der Ausdruck stammte von Barbara, die ursprünglich aus England kam. Früher war sie wie eine Mutter für Aimée gewesen, eine richtige Mutter, die kochte und darauf achtete, dass sie ihre Schulaufgaben machte.
»Und, was steht heute an, Darling?« Barbara drückte eine ihrer fliederfarbenen Tabletten aus der Packung und schluckte sie mit etwas Wasser. Die nahm sie, seit Aimée denken konnte.
»Ich glaube, ich kümmere mich mal um die Wurmlöcher in dem Apfelbaumtisch.« Der Tisch war gestern vorbeigebracht worden, ein schönes Stück, wenn auch in einem schlechten Zustand. Sein Besitzer hatte ihn ihr günstig überlassen, also würde sie den Tisch für den Verkauf herrichten.
»Guter Plan. Ich komm später mal rüber.« Sie winkte Aimée noch einmal zu, bevor sie wieder im Wagen verschwand.
Die Scheune war ein lang gezogener, zweistöckiger Backsteinbau, dessen Dachboden ziemlich morsch war, weshalb sie und die anderen immer nur das Erdgeschoss benutzten. Fünfmal die Woche, Dienstag bis Samstag, öffneten sie ihre Tore zum Verkauf. Das war schon immer so gewesen, genauso wie sie schon seit vielen Jahren hier zusammenlebten und Trödel verkauften. Wobei Aimée sich selbst nun wirklich nicht als Trödlerin sah. Sie war Restauratorin. Kurzerhand schloss sie das grüne Tor auf. Ein moderiger Geruch schlug ihr entgegen, eine Mischung aus Feuchtigkeit, Dreck, Mottenkugeln und Körperausdünstungen, so als sammelten sich in den Ecken und Nischen die Gerüche all der Lebenden und Toten, deren Sachen sie hier verscherbelten. Man sollte meinen, dass sie sich in den Jahren irgendwann an den Mief gewöhnt hätte. Doch je länger sie hier festsaß, umso weniger konnte sie das alles ertragen.
Die kleinen Fenster waren so dreckig, dass kaum Licht einfiel. Aimée schlängelte sich im Halbdunkel an Sannes und Lothars Tischen voller Glas, Porzellan und Kristall vorbei. Sammeltassen, Römergläser, Torten- und Servierplatten, Wandteller, Figuren aus Keramik standen und hingen hier dicht gedrängt. Rechts ging der große Raum von Barbara und Daniel ab, der deutlich aufgeräumter war als der Rest der Scheune. Barbara hatte sich auf Kleidung und Stoffe aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts spezialisiert, Daniel war Tischler und baute Möbel aus Balken und Bohlen, aus Eichenfachwerk und alten Torbögen.
Am anderen Ende des Gebäudes, noch hinter Silas’ Vitrinen mit den Überraschungseierfiguren, sah es am schlimmsten aus. Aimée hatte es irgendwann aufgegeben, hier für Ordnung zu sorgen. Sie konnte noch so oft die staubigen Glasvasen und den stinkenden Silberschmuck ihrer Mutter auf dem weinroten Samt drapieren und sortieren, ein Tag später lag alles wieder kreuz und quer auf Tischen und Böden. Nur weil Marilou irgendetwas gesucht hatte. Es war frustrierend. Ihre eigenen Möbel stapelte Aimée an der Wand der ehemaligen Melkkammer und arbeitete und verkaufte, wann immer es ging, draußen vor der Scheune. Dabei bräuchte sie eigentlich ein eigenes Lager, bei der Menge an Aufträgen, die hereinkamen. Was Marilou verkaufte, fiel für sie beide finanziell schon lange nicht mehr ins Gewicht.
Schnell nahm Aimée ihre Schürze vom Haken und packte das Werkzeug in einen Beutel. Heute war Montag, da kamen keine Kunden. Heute konnte sie in aller Ruhe arbeiten. Sie kippte den Apfelbaumtisch und nahm ihn hochkant. Er war schwer, aber sie war das Heben schwerer Gegenstände gewohnt. Mit den Beinen voran trug sie ihn durch die schmalen Gänge, und obwohl die Tischplatte ihr die Sicht versperrte, stieß sie nirgends an. Sie kannte jeden Millimeter dieses erbärmlichen Ortes im Schlaf.
»Guten Morgen.«
Aimée zuckte zusammen. »Hallo, Daniel.«
»Brauchst du Hilfe?« Er war frisch geduscht, feuchte Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht.
Draußen hörte sie Lothars Wagen übers Kopfsteinpflaster rumpeln. Sanne rief ihm irgendetwas zu.
»Danke, geht schon.« Aimée manövrierte den Tisch samt Werkzeugbeutel und Barbaras Goodie Bag an ihm vorbei nach draußen.
»Aimée!« Sanne winkte ihr zu. »Bist du heute den ganzen Tag hier?«
Aimée stellte den Küchentisch ab. »Ich denke schon. Mit dem Tisch habe ich wohl etwas länger zu tun.«
Silas kam mit zwei Kartons aus seinem Bauwagen und drückte sich an ihnen vorbei in die Scheune. »VHS-Kassetten.« Er klopfte auf die obere Kiste. Er war über zwei Meter groß und ziemlich breit gebaut. Als Kind hatte ihr der riesige, sieben Jahre ältere Junge Angst gemacht.
Sanne schloss die Klappe des Anhängers. »Wir sind jetzt mal für ein paar Stündchen unterwegs. Aber nachher back ich Erdbeerkuchen.«
Lothar hupte, und Sanne kletterte zu ihm in den Wagen. »Halt dir ein Eckchen im Magen frei!«
Die Tür knallte zu, Aimée winkte. Sannes Erdbeerkuchen war unschlagbar. Eigentlich waren es gestapelte Pfannkuchen mit pürierten Früchten zwischen den einzelnen Schichten, mit ganzen Erdbeeren obendrauf und einer heißen Schokosoße, die Sanne über den ganzen Stapel goss.
Aimée band sich die Schürze um und stellte den Tisch so, dass sie beim Arbeiten den See sehen konnte. Der Nebel auf dem Wasser hatte sich verzogen, die Sonne schien durch die Baumkronen. Sie fuhr mit der Hand über den Apfelbaumtisch. Das Holz war früher einmal allzu grob abgeschliffen worden, die Wurmgänge lagen frei. Sie nahm das Schraubglas mit dem Kitt aus dem Werkzeugbeutel. Lange hatte sie herumprobiert, welches Material sich am besten eignete, um solche Gänge möglichst unauffällig zu verschließen, und war letztlich auf eine Mischung aus bernsteinfarbenem Blätterschellack, Ethanol und Schleifstaub gekommen. Den Kitt hatte sie bereits gestern angesetzt. Aimée schraubte den Deckel ab und roch den Alkohol. Mit einem Messer gab sie etwas von der Masse in eine Spritze und setzte sie ans Holz.
