Beschreibung

Unglaublich spannend! Seit sie mit Adrian zusammen ist, ist das Leben der 16-jährigen Siri ein einziger Rausch. Am meisten fasziniert sie, dass Adrian sich nicht um Grenzen und Verbote schert. Lebe jetzt, ist sein Motto, Denn morgen sind wir tot. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht Siris Ex-Freund Niklas, der Adrian sogar für gefährlich hält. Siri schlägt alle Warnungen in den Wind und ist bereit, für ihr Glück Eltern und Freunde zu hintergehen. Doch Niklas lässt nicht locker. Als er zur ernsten Bedrohung wird, schmieden Siri und Adrian einen Plan, der das Dunkelste in ihnen zum Vorschein bringt. Überraschende Wendungen, atemloser Thrill, unwiderstehlicher Sog: Thriller über Liebe und Verderben von Andreas Götz!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 378


So was wie ein Vorwort

ES WAR MARTINAS IDEE, dass ich alles aufschreibe. Dass es jetzt veröffentlicht wird und alle es lesen können, war nicht geplant. Hat sich irgendwie ergeben. Martina ist übrigens meine Therapeutin. Sie meinte, es würde mir helfen, mit allem besser klarzukommen. Ich komme schon klar, hab ich zu ihr gesagt, so gut, wie man mit so was halt klarkommen kann. Jedenfalls waren die Therapiesitzungen nicht für’n Arsch. Ich weiß verdammt gut, was wir getan haben und dass mich das begleiten wird, solange ich lebe. Manchmal kommt es mir so vor, als ob Martina mir das noch immer nicht ganz abnimmt. Dann frage ich mich, was sie an mir sieht, das mir selbst entgeht. Gibt es irgendwo einen blinden Fleck in meiner Wahrnehmung?

Vielleicht seht ihr ihn ja auch, diesen Fleck. Und wenn nicht (weil es nämlich keinen gibt), dann bringt mein Bericht hoffentlich die unter euch, die gerade selbst eine Dummheit planen, von dem Scheiß wieder ab. So hätte das Ganze wenigstens etwas Gutes. Obwohl ich es nicht unbedingt cool finde, als abschreckendes Beispiel zu dienen.

Ich hoffe, dass sie euch nicht zwingen, meine Story in der Schule zu lesen und hinterher darüber zu diskutieren oder einen Aufsatz zu schreiben. Das wäre echt ätzend, und dafür haben sie keine Genehmigung von mir, damit das klar ist! Aber die machen ja sowieso, was sie wollen, ich entschuldige mich schon mal im Voraus und fang einfach an …

 

 

 

 

 

 

NICHTS DEUTETE DARAUF HIN, dass dieser Sommer anders werden würde als der Sommer davor. Wir würden am Ende ein Jahr älter sein, aber, wenn wir unseren Eltern und Lehrern glaubten, höchstens ein halbes Jahr reifer, wir würden gute oder schlechte oder mittelmäßige Noten kassieren, ein paar von uns würden sitzenbleiben, andere mit Ach und Krach die nächste Runde schaffen, und der große mittelmäßige Rest würde irgendwie durchrutschen. Pärchen würden sich finden und trennen, die Hässlichen und Verklemmten auch in diesem Sommer vergeblich weiterträumen. Einige würden ihr erstes Mal erleben, mit all den Peinlichkeiten, von denen sie noch gar nicht wussten, dass es welche waren, weil ihnen schlicht der Vergleich fehlte.

Mir selbst kam es nicht drauf an, ob es in diesem Sommer passierte oder im nächsten. Es sollte bloß was Besonderes sein, das heißt, ER sollte was Besonderes sein: der Junge, mit dem ich es machte. Außerdem hätten meine Eltern mich umgebracht, wenn sie erfahren hätten, dass ich schon Sex hatte, vor allem mein Vater. Bei den meisten anderen Mädchen waren auch die Väter am schlimmsten, aber meiner toppte alle, manchmal kam es mir so vor, als würde er seine süße Siri lieber tot sehen als entjungfert. Ich konnte ihm noch so oft erklären, dass ich es nicht eilig hatte (ich war schließlich nicht Anna-Lena), aber er sagte jedes Mal nur mit todernstem Gesicht: »Gelegenheit macht Liebe«, und ich sagte jedes Mal total angepisst: »Danke für dein Vertrauen – Daddy!«

Ich liebe meinen Papa, nur damit das klar ist. Das habe ich immer getan. Und er liebt mich. Irgendwie war das wohl das Problem. Oder ein Teil davon. Manchmal wäre ich gerne wieder in die Eierschale geschlüpft, die seine Liebe immer für mich war. Sie hat mich gehalten und beschützt, schenkte mir Geborgenheit und Vertrauen, denn das Leben draußen kann einem manchmal ganz schön Angst machen. Aber wenn man zu groß wird für die Schale, dann bricht sie eben, und das Küken schlüpft, und es gibt kein Zurück mehr. Er wusste es, ich wusste es, aber weh tat es trotzdem. Uns beiden.

Doch für mich – für uns – hat sich alles auf eine Weise verändert, die niemand erwartet hat. Du weißt erst, was du hattest, wenn es verloren ist. Da ist schon was dran.

So ziemlich alle aus meiner damaligen Clique haben sich von mir zurückgezogen. Na ja, hat mich wenig überrascht. Für die war ich nur eine Mitläuferin, eine, die lacht, wenn alle lachen, die selbst aber nur selten einen Witz reißt, schon gar keinen guten, eine, die zwar bei jedem Mist dabei ist, aber nie die Initiative ergreift. Trotzdem haben ein paar von meinen sogenannten Freunden hinterher so getan, als hätten sie schon immer gewusst, dass mit mir was nicht stimmt, so nach dem Motto: Stille Wasser sind tief. Ist natürlich Quatsch. Die wissen gar nichts über mich, die wollen sich bloß wichtigmachen. Sollen sie ruhig, mir egal. Mit denen bin ich fertig.

Wirklich enttäuscht hat mich nur, dass Anna-Lena nichts mehr von mir wissen will. Wir waren seit dem Kindergarten beste Freundinnen, wir haben so viel Schönes miteinander erlebt und so viel Scheiß gemacht. Und wir haben uns alles erzählt, wirklich alles. Ich weiß, Anna-Lena, in dem Punkt hab ich dich zuerst enttäuscht, und es tut mir total leid. Ich hab dich ausgeschlossen und belogen. Aber ich war einfach in diesem krassen Film, und da bin ich nicht mehr rausgekommen. Okay, ich hab’s auch nicht gewollt, aber es war trotzdem anders, als du denkst. Das hab ich dir alles geschrieben, in jedem einzelnen meiner Briefe aus Aichach. Warum hast du keinen davon beantwortet? Kannst du mich nicht wenigstens ein bisschen verstehen? Es zumindest versuchen? Menschen machen Fehler. Und Freunde verzeihen einander. Wir haben uns doch sonst auch immer wieder versöhnt, wenn eine mal Mist gebaut hat. Warum ist das nicht mehr so?

 

 

ICH HAB ERST NICHT verstanden, warum der schöne Niklas ausgerechnet mich wollte. Er konnte jede haben, so wie er aussah, und außerdem waren seine Eltern reich. Was das anging, lebte er den Traum von uns allen, er kriegte immer, was er sich wünschte, und zwar sofort. Klamotten, Handys, Schmuck – alles kein Problem und alles nur vom Feinsten. Und zum Führerschein ein schickes Cabrio, man gönnt sich ja sonst nichts. Außerdem war er nicht nur Veganer, es hieß auch, dass er an illegalen Aktionen von Tierschützern beteiligt war. Niemand wusste was Genaues, und fragte man ihn selbst danach, kam nur ein Spruch wie: »Wenn ich dir das erzähle, müsste ich dich töten.« Das machte ihn supergeheimnisvoll, und so ziemlich alle Mädchen fanden das megacool. Sogar Anna-Lena war neidisch, als sie, noch vor mir, merkte, dass er auf mich stand. »Sieh zu, dass du ihn klarmachst«, sagte sie, »sonst schnappt ihn sich eine andere.«

Ich konnte es trotzdem nicht glauben. Sicher, er saß in der Creative-Writing-AG neben mir und empfing mich jedes Mal mit dem süßesten Lächeln, er simste viel mit mir und rief mich dauernd an, aber ich dachte, er braucht mich nur zum Reden, weil ich eine der wenigen war, die sich für Bücher und fürs Schreiben interessierten. Wir redeten ja auch meistens über solchen Kram – das heißt, er redete hauptsächlich, ich hörte zu –, aber er machte nie übertriebene Komplimente oder Annäherungsversuche oder so. Offen gesagt, habe ich fest damit gerechnet, dass er mich irgendwann fragt, wie er an Anna-Lena rankommt. Die hat ihre Schüchternheit perfekt als Arroganz getarnt, und das schreckte die Jungs ab und machte sie zugleich heiß.

Ich war nie richtig in Niklas verliebt. Das hab ich aber erst viel später kapiert. Ich war verliebt in das Drumherum. Die Aufmerksamkeit, nicht nur die von ihm, sondern auch die von den anderen. Schon irre, wie schnell man von einem Niemand in die Top Ten aufsteigen kann. Leute, die bisher nicht mal bemerkt hatten, dass ich existierte, beobachteten mich oder suchten sogar meine Freundschaft. Ich war interessant. Pausengespräch. Ich kam mir fast schon vor wie ein Schulhofpromi. Ich weiß, das ist total albern und oberflächlich, aber ich hab’s genossen. Na ja, nicht alles. Manche Gerüchte, die über mich rumgingen, fand ich ganz schön doof. Dass sich zum Beispiel alle fragten, welchen geheimen Qualitäten ich es wohl verdankte, dass ich mit dem heißesten Typen der Schule was am Laufen hatte. Dabei wusste keiner, was das genau war, was wir da am Laufen hatten. Ich auch nicht. Wir spazierten ja nicht Händchen haltend über den Pausenhof oder verdrückten uns in dunkle Ecken zum Knutschen, sondern redeten nur ohne Ende.

Fragte mich jemand direkt nach unserem Beziehungsstatus, hielt ich mich bedeckt, ohne was zu dementieren, und das machte uns natürlich erst recht interessant. Niklas war weniger zurückhaltend. Er erzählte schon bald überall rum, dass wir zusammen waren, sogar auf Facebook und WhatsApp hat er es gepostet, dabei hatten wir uns noch nicht mal richtig geküsst. Als wir uns endlich trauten, kriegte Niklas den Mund kaum auf, so als fürchte er, sich bei mir eine ansteckende Krankheit zu holen. Er drückte bloß seine Lippen auf meine, mehrmals hintereinander, und wenn ich ehrlich bin: Ein bisschen Zunge hätte ich mir schon gewünscht, denn so küsste mich auch mein Vater. (Na ja, nicht ganz.)

Im Lauf der Zeit ist es dann besser geworden, er wurde lockerer, ich wurde lockerer, die Zunge kam ins Spiel, es war schön, aber nie so, dass ich total geflasht gewesen wäre. Ich sagte mir, dass ich wohl mit zu hohen Erwartungen rangegangen war. Doch tief in mir drin wusste ich: Ich belüge mich selbst. Nur mein Herz, das ließ sich nicht belügen. All die falschen Küsse weckten in mir die Sehnsucht nach echten. Und nach noch viel mehr. Aber das würde ich nicht von Niklas bekommen.

Andere Sachen waren dagegen superschön mit Niklas. Er konnte sehr charmant und zuvorkommend sein und einfallsreich, und großzügig war er sowieso, ich durfte mein eigenes Geld nicht mal anfassen. Wir hatten einen ähnlichen Humor, mochten dieselbe Musik, dieselben Filme, und er tanzte genauso gerne wie ich, nur um einiges besser. Bloß bei Büchern – und das war komisch, weil Bücher uns ja irgendwie zusammengebracht hatten und eigentlich unser gemeinsames Ding waren – war unser Geschmack verschieden. Ich mag Geschichten, die Spaß machen und spannend sind und meinetwegen auch ein bisschen kitschig. Bücher, die einen die Welt vergessen lassen. Also Sachen wie Twilight oder noch mehr Tribute von Panem oder Rubinrot. Er las richtig ernste Romane, Bücher für Erwachsene, und er sagte dazu immer: Literatur. Zum Teil war das echt altes und langweiliges Zeug, die Dinger eben, zu denen sie uns in der Schule immer zwingen mussten. Und das machte er freiwillig!

Ich weiß nicht, ob ihn diese Schwarten wirklich interessierten oder ob er damit nur angeben wollte. Er erzählte mir jedenfalls immer, was er gerade las, und ich erwähne das überhaupt nur, weil er mir einmal von einem Buch erzählte, an das ich später immer wieder denken musste. Ich erinnere mich nicht mehr an den Titel, aber es handelt von einem Mann, der einen Mord begeht, an einer alten Frau, die er gar nicht kennt und gegen die er auch nichts hat. Er macht das aus dem Gefühl heraus, dass er ihr millionenfach überlegen ist und deshalb das Recht hat, ihr den Schädel einzuschlagen, mit einer Axt. Aber er kommt damit nicht klar und zeigt sich selbst an oder verheddert sich bei der Polizei in Widersprüche, so genau weiß ich es nicht mehr. Coole Story eigentlich, dachte ich, könnte man was draus machen.

»Der Punkt ist«, erklärte mir Niklas in diesem Klugscheißerton, der mich einerseits nervte, mir andererseits aber irgendwie auch imponierte, »dass der Mörder glaubt, es gibt eben Opfer und Täter und das Leben selbst will es so und teilt die Menschen ein. Moral oder Schuld existieren in Wirklichkeit gar nicht. Wir sind frei, zu tun, was wir wollen. Aber wir müssen dann halt auch damit leben können.«

Ich hatte damals nur so was wie »Na ja« parat, aber im Nachhinein betrachtet liegt natürlich eine krasse Ironie darin, dass er mit mir über etwas redete, das mich nicht interessierte und das ich zu der Zeit auch gar nicht richtig verstand, und zwei, drei Monate später würde er vor mir liegen, in seinem Blut, mit eingeschlagenem Schädel.

 

 

DA IST EINE SACHE, die ich richtigstellen muss. Zu einem Gerücht, das über Niklas umging, vor allem unter den Jungs, von denen später einige behauptet haben, ich hätte es in die Welt gesetzt. Das stimmt aber nicht! Wer das behauptet, lügt!

Ich hab davon zum ersten Mal über Anna-Lena erfahren. Es war nach einem Serien-Marathon, den eine Freundin bei sich zu Hause veranstaltet hatte, mit noch zwei, drei anderen Mädels. Es gab die ersten vier oder fünf Staffeln am Stück, von welcher Serie, weiß ich gar nicht mehr, dazu Chips und Cracker, und ein paar Cocktails waren auch im Spiel. Wir waren alle ziemlich gut drauf. Als Anna-Lena und ich später Arm in Arm nach Hause stiefelten, hätte die Stimmung also kaum besser sein können. Bis Anna-Lena das Sex-Thema aufbrachte. Dauernd wollte sie wissen, ob zwischen mir und Niklas in der Hinsicht schon was gelaufen war. Entweder merkte sie nicht, wie sehr mich das inzwischen nervte, oder es war ihr egal. Ich hatte mir schon überlegt, sie einfach anzulügen und ihr zu erzählen, dass es passiert war und dass es das reinste Feuerwerk gewesen war und so, aber ich war mir nicht sicher, ob ich das überzeugend rüberbringen konnte, und selbst wenn sie mir geglaubt hätte, hätten die Fragen damit nicht aufgehört. Details, hätte sie gesagt, gib mir Details – und zwar alle!

»Du musst ihn irgendwann ranlassen, Siri«, redete mir Anna-Lena an dem Abend mal wieder zu. »Die Rühr-mich-nicht-an-Nummer zieht nicht ewig.«

Ich hatte ihr bis dahin erzählt, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich schon bereit dafür war, und dass ich noch mehr Vertrauen aufbauen wollte. Was man halt so sagt, wenn man nicht zugeben will, dass eigentlich der richtige Kick fehlt. Aber es war an der Zeit, die Sache auf den Tisch zu bringen.

»Ich würde vielleicht sogar wollen«, sagte ich gewunden, obwohl das nicht stimmte. »Aber Niklas macht null in die Richtung.«

Anna-Lena guckte ungläubig. »Echt jetzt?«

Ich nickte.

Sie überlegte ein paar Momente lang, dann sagte sie betont langsam: »Dann stimmt es also doch.«

»Was?«

»Ein paar Jungs haben mir das erzählt. Ich hab’s nicht geglaubt, aber … na ja …«

»Was denn?«

»Sie sagen, er ist schwul.« Sofort schob sie nach: »Das muss natürlich nichts heißen. Das sagen sie über jeden, der nicht ein Mädel nach dem anderen anbaggert.«

Mir fiel dazu nichts ein. Stumm stand ich da und fragte mich, warum ich nicht längst selbst auf den Gedanken gekommen war.

»Obwohl …«, grübelte Anna-Lena, »Sinn machen würde es. Das würde auch erklären, warum er sich dich ausgesucht hat. Sorry, nicht falsch verstehen, Siri-Maus, du bist super, aber eher der jungenhafte Typ, und ziemlich schüchtern bist du auch. Also keine Bedrohung für ihn. Du bist perfekt als Alibi-Beziehung!«

Ich der jungenhafte Typ? Wo guckte die hin? Mein rundes Gesicht wirkte kindlich, okay, aber ich hatte Busen (nicht so viel wie Anna-Lena, aber genug, fand ich), und Hüften hatte ich auch! Und Adrian fand später, ich hätte den sinnlichsten Mund der Welt! Mir lag der Protest schon auf der Zunge, aber da blieb er auch, weil das Wort Alibi-Beziehung mich nicht losließ. Ja, genau so fühlte es sich an. Ich war ein Alibi. Und Anna-Lena hatte recht: Plötzlich fielen alle Puzzleteile an ihren Platz und ergaben ein Bild. Niklas, der so viel auf Äußerlichkeiten achtete, seinen schönen Körper trainierte und pflegte, der gerne und gut tanzte und sich für so vieles interessierte. Der Mannschaftssport hasste, sich schwertat mit dem Gehabe der Jungs und deshalb mit Mädchen besser konnte. Natürlich sind das alles Klischees, aber sie passten so schön und hätten so einiges erklärt.

Das Ganze hatte nur einen Schönheitsfehler: Es stimmte nicht. Niklas war nicht schwul. Nach allem, was noch passieren sollte, vor allem wie er mich und Adrian verfolgt hat, kann ich das mit ziemlicher Sicherheit behaupten. Damals aber bot mir Niklas’ vermeintliches Schwulsein die Erklärung, nach der ich gesucht hatte. Anna-Lena gegenüber stritt ich es allerdings ab.

»Wir wissen das nicht. Dass er schwul ist, meine ich. Und ich glaub’s auch nicht. Das hätte ich gemerkt.«

Anna-Lena grinste bloß. Ich hielt ihr den ausgestreckten Zeigefinger vors Gesicht und sagte: »Glaub, was du willst. Aber du wirst nichts rumerzählen, klar?«

»Na, logisch!« Anna-Lena zog einen virtuellen Reißverschluss über ihrem Mund zu, drehte einen ebenso virtuellen Schlüssel um und warf ihn über die Schulter.

Sie dachte wohl, dass ich maßlos enttäuscht war. War ich aber nicht. Im Gegenteil. Ich war irgendwie erleichtert. Und machte mir gleichzeitig Sorgen um Niklas. Bloß weil es in Filmen und im Internet von lustigen Schwulen nur so wimmelt, heißt das nicht, dass Schwulsein heutzutage total easy ist. Schwul ist cool – wer glaubt, dass unsere Generation so tickt, der war schon lange auf keinem Schulhof mehr. Schwul ist dort ein Schimpfwort, und wenn einer auch nur in den Verdacht gerät, er könnte schwul sein, wird er sofort gedisst. Und stellt es sich als richtig raus, ist er voll am Arsch. An so was kann ein Mensch zerbrechen. Es gab deshalb schon Selbstmorde. Nicht bei uns, aber anderswo. Ich würde nicht zulassen, dass so was mit Niklas passierte. Was sprach also dagegen, erst mal seine Freundin zu bleiben? Zumindest so lange, bis mir der Richtige über den Weg lief.

 

 

FÜR MEINE ELTERN WAR Niklas anfangs nur ein Schulfreund, der mich ab und zu nach dem Unterricht in seinem Angeberauto heimbrachte. Mein Vater traute dem Frieden zwar nicht, aber das tat er nie, deshalb machte ich mir keine großen Sorgen. Allerdings fing Niklas irgendwann an, mich zu bedrängen. Er wollte mehr. In meinen Augen tat er natürlich nur so. Oder er machte sich damit selber was vor. Jedenfalls war für mich klar, dass er auf meine Verklemmtheit vertraute und meine Leier: Ich bin noch nicht bereit dafür. Ich tat ihm den Gefallen, und wir waren beide fein raus. (Wie schnell man dafür bereit ist, wenn einen der Richtige fragt, sollte ich bald schon erfahren.) Was meine Eltern angeht: Die glaubten nicht an die Möglichkeit dauerhafter Freundschaft zwischen den Geschlechtern. Schon gar nicht bei hormongesteuerten Jugendlichen, wie mein Vater immer wieder betonte. Na ja, man muss zugeben: Die beiden wussten, wovon sie redeten. Als sie mich kriegten, waren sie erst sechzehn.

Auch an jenem Nachmittag, von dem ich jetzt erzählen will, brachte Niklas mich nach Hause. Ich hatte ihm gleich zu Beginn unserer »Beziehung« erklärt, dass meine Eltern nicht wissen durften, was zwischen uns lief, und er hatte das sogar witzig gefunden. »Verbotene Liebe«, hatte er grinsend gesagt und mich dann jedes Mal brav mit einem Wangenkuss verabschiedet. Aber an diesem Tag nahm er mich plötzlich in den Arm und drückte seinen offenen Mund auf meinen, als wollte er mich mit Haut und Haaren auffressen, wie so ein ausgehungerter Piranha. Und meine Eltern standen höchstens zehn, zwanzig Meter entfernt im Garten! Total sauer machte ich mich von ihm los, riss die Autotür auf und sprang raus. »Wir telefonieren«, rief er mir nach und düste davon.

Mein Vater war nie einer, der gleich losbrüllt, wenn ihm was nicht passt. Das Ruhige, Verschlossene habe ich von ihm, sagen alle meine Onkels und Tanten. Aber bei ihm wie bei mir ist unter diesem Ruhigen, Verschlossenen etwas Explosives. Und manchmal, wenn man schon nicht mehr damit rechnet, bricht es aus. Papa tat erst so, als hätte er nichts gesehen, und schnippelte weiter mit der Heckenschere an seinem geliebten Buchsbaum in seinem geliebten Garten herum. Er würdigte mich keines Blickes, dabei starrte mich außer seinen Augen alles an ihm an. Meine Mutter war gerade dabei, ihre teuren Höschen von der Wäschespinne zu pflücken, und lauerte auf Blickkontakt mit mir, den ich ihr natürlich verweigerte. Ich versuchte ins Haus zu gelangen, ohne mehr als nötig von den Schwingungen abzukriegen, die in der Luft lagen. Wenn ich es bis zur Tür schaffte, ohne dass mich jemand ansprach, hatte ich eine Chance. An Papa kam ich vorbei, der blieb erst mal bei seinem stummen Protest, aber meine Mutter folgte mir nach drinnen und stellte mich an der Garderobe. Sie hatte ein rosa Panty in der einen Hand und eine quietschgelbe Wäscheklammer in der anderen, und ich weiß nicht warum, aber das machte mich aggressiv.

»Was war das denn eben?«, fragte sie in diesem Große-Schwester-Ton, den ich nur peinlich fand. Es war der gleiche Ton, in dem sie mich immer bat, ihr ein Shirt oder einen Rock oder mein geilstes Paar Schuhe auszuleihen. »Ich dachte, du und Niklas, ihr seid nur Freunde?«

»Sind wir auch.«

»So sah das eben aber nicht aus.« Sie stupste mich an und säuselte, als ginge es nur um einen pikanten Tratsch: »Ach, komm, jetzt sag schon! Was läuft da?«

»Gar nichts!«

Ich ließ sie stehen und rannte nach oben in mein Zimmer, wo ich die Schultasche in die Ecke schleuderte. Ich wusste nicht, wer von beiden mich gerade wütender machte: Niklas oder meine Mutter. »Lasst mich einfach in Ruhe!«, schrie ich die Poster an den Wänden an. Na ja, am wütendsten war ich wohl auf mich selbst. Ich hatte die Situation mit Niklas falsch eingeschätzt. Ob nun schwul oder nicht – Jungs müssen immer was beweisen. Sich selbst und allen anderen. Um nichts anderes konnte es ja wohl bei der blöden Kuss-Attacke gegangen sein. Und ich durfte es ausbaden. Denn wegen dieser blöden Aktion standen mir jede Menge nervtötende Gespräche bevor, die vielleicht nicht gerade in Hausarrest münden würden, mir aber garantiert eine stasimäßige Überwachung durch meinen Vater eintrugen. Sauer, wie ich war, hatte ich große Lust, Niklas anzurufen und die Sache zwischen uns zu beenden. Machte ich aber nicht, weil mir etwas einfiel, das ausgerechnet mein Vater mal zu mir gesagt hatte: Triff nie eine wichtige Entscheidung, wenn du wütend bist!

 

 

ADRIAN LIEBKNECHT MÖCHTE MIT dir auf Facebook befreundet sein. – So fing es an mit uns. Total banal. Der Name sagte mir nichts, und das Profilfoto war ein Witz, weil das Gesicht vom Schirm eines Basecaps verdunkelt wurde. Oder kannte ich den Typ doch und erinnerte mich bloß nicht? Jemand aus der Schule vielleicht? Von einer Party? Ein Freund von einem Freund? Ich ging auf seine Seite, aber dort waren nur Links zu YouTube-Videos öffentlich, die ein paar krasse Skateboard-Stunts zeigten. Was mich neugierig machte, weil ich Skateboarder cool fand. Jungs, die nicht bei jeder Schramme heulen. Genau mein Fall. (Nicht dass ich mich jemals auf freier Wildbahn an so einen coolen Jungen herangetraut hätte.)

Adrian Liebknecht – den Vornamen fand ich schön, den Nachnamen kacke. Hörte sich irgendwie nach Vertreter oder Politiker an. Aber dafür konnte er ja nichts. Ich akzeptierte die Anfrage und war gespannt auf das Private in seiner Chronik, auf seine Einträge und Fotoalben und was er so an Musik oder Filmen oder Büchern mochte. Aber große Enttäuschung. Nicht mal wer seine Freunde waren, konnte ich sehen, ich erfuhr nur, dass wir keine gemeinsamen hatten. Der Rest war Kram, den er geteilt hatte, witzige Clips, Cartoons oder Fotos. Immerhin waren die meisten wirklich lustig, anscheinend hatten wir einen ähnlichen Humor. Pluspunkt für ihn.

Ich schrieb ihm eine Nachricht: Eigentlich stellt man sich vor, wenn man jemandem eine Freundschaftsanfrage schickt. Du hast Glück, weil ich normalerweise solche Anfragen lösche. Was nicht stimmte. Manchmal nahm ich an, manchmal lehnte ich ab, je nach Laune.

Keine zwanzig Sekunden später war Adrian eingeloggt, und er stieg sofort in den Chat ein:

Wieso hab ich Glück? Bist du das tollste Mädchen der Welt? ;-)

Frech auch noch, was? Bist du Skater?

Nicht mehr. Warum?

Dachte nur, wegen der Links. Wieso hast du aufgehört?

Bin übel gestürzt. Und zu viele Angeber unterwegs. Hatte keine Lust mehr.

Und was machst du so?

Mit dir chatten. (Was übrigens Spaß macht. ☺)

Ha-ha. Nicht jetzt. Allgemein, meine ich.

Bin in Ausbildung. Und du?

Schule. Ätzend.

Und wie!

Wie alt bist du?

Volljährig. Yeah! ☺

Cool. Ich muss noch zwei Jahre warten. Dann geht die Party ab.

Du stehst auf Party? Da bist du bei AL genau an der richtigen Adresse.

Heißt das, du willst mit mir auf Partys gehen? Wo bist du denn?

München. Du?

Tiefste Provinz. Aber Bayern.

Null Problem. Ich hab ne Karre.

Chill mal. Erst nicht mal ne Nachricht fertigkriegen und dann gleich losziehen wollen.

Klar. Versteh ich. Ein Mädchen muss aufpassen in diesen finsteren Zeiten. Aber auch nicht zu sehr. Oder?

Nee, bloß aufpassen ist auch öde. No risk, no fun.

Kann es sein, dass du in Wirklichkeit cooler bist als auf deinen Fotos?

Möglich wärs. Apropos Foto. Dein Profilbild ist ja wohl ein Scherz, oder?

Ha-ha! ☺

Im Ernst. Gibt es ein Bild von dir, auf dem man auch was von dir sieht?

Sorry, muss leider unterbrechen. Nicht weggehen. Bin gleich wieder da!

Weg war er. Und ich seltsam aufgeregt. Ich hatte schon mit Jungs gechattet, auch mit fremden, aber das eben war anders gewesen. Die meisten Jungs kriegen kaum einen geraden Satz hin, schon gar nicht schriftlich. Und jetzt der hier: ein halbwegs wortgewandter Ex-Skater – praktisch eine Unmöglichkeit! Ich las mir den Chat noch mal durch. Und noch mal. Und noch mal. Mein Gesicht wurde wärmer und wärmer und dann heiß. Wann kam Adrian endlich zurück? Bin gleich wieder da, hatte er geschrieben. Was war für einen achtzehnjährigen Jungen gleich? Fünf Minuten? Zehn? Eine halbe Stunde? Wo war er überhaupt hin? Hatte seine Mutter ihn gerufen? Oder seine Freundin? Jedenfalls war es ein Scheißgefühl, dazusitzen und zu warten. Besser, ich hörte auf, das Display anzustarren wie hypnotisiert.

Ich rief Anna-Lena an, aber die nahm nicht ab. Typisch! Immer, wenn man sie brauchte. Ein Blick auf die Uhr: Okay, Volleyball-Training. Ich lief im Zimmer auf und ab, trat ans Fenster und schaute runter in den Garten, um zu sehen, wie die Stimmung bei meinen Eltern war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Papa mich wegen Niklas in die Mangel nehmen würde. Er stand bei meiner Mutter, sie unterhielten sich angeregt. Die Gartenschere in seiner Hand zeigte mehrmals genau in meine Richtung. Kein Zweifel: Sie redeten über mich. Das hohe Gericht tagte also schon. Kriegte ich bloß lebenslänglich oder gleich den elektrischen Stuhl? Irgendwie war es mir fast schon egal. Im Moment interessierte mich nur, wann Adrian endlich in den Chat zurückkehrte.

 

 

DIE PREDIGT KAM ALS Vorspeise zum Abendessen. In zwei Teilen. Teil eins lieferte meine Mutter. Während ich noch immer auf Adrians Rückkehr wartete, wartete sie darauf, dass ich endlich den Tisch deckte. Nachdem sie mich zum dritten Mal gerufen hatte, waren alle Deadlines ausgereizt. Ich lief runter. Meine Mutter war zum Glück rausgegangen, vielleicht schaffte ich es, bevor sie zurückkam, und konnte noch mal kurz nach oben verschwinden. Ich knallte die Teller auf den Tisch, warf das Besteck daneben, riss Blätter von der Küchenrolle, faltete sie einmal und legte sie als Servietten hin. Innerhalb von einer Minute war ich fertig und schon wieder auf dem Sprung, aber in der Tür lief ich in meine Mutter rein, die meine kleine Schwester Svea auf dem Arm hatte.

»Wo willst du hin? Wir essen.«

»Papa ist auch noch nicht da«, hielt ich ihr entgegen. »Nur eine Sekunde. Will bloß was nachschauen.«

Sveas kleine Hände fassten in meine langen Haare, als wären sie das Wunderbarste und Faszinierendste auf der ganzen Welt. Sie war damals gerade drei Jahre alt, ein richtiger kleiner Engel mit ihren Löckchen und den großen blauen Kulleraugen. Immer wenn sie mich erblickte, strahlte sie übers ganze Gesicht und wollte sofort zu mir. Ich hatte nichts getan, um diese Aufmerksamkeit zu verdienen. Die Itziditzi-dududu-Nummer, die alle mit ihr abzogen, war nicht mein Ding. Ich hielt mich lieber zurück. Klar, ich fand mein Schwesterlein auch megasüß, aber ich hatte halt keinen Sinn für Puppen, Bauklötze und Kleinkindsprache. Weil meine Eltern noch so jung waren, glaubten alle meine Freunde, sie wären auch cool und wir hätten eher ein kumpelhaftes Verhältnis. War aber nicht so. Mein Vater ist bei der Raiffeisenbank Leiter der Privatkundenkreditabteilung (oder wie das heißt), meine Mutter arbeitete damals Teilzeit in einem Nagelstudio. (Was sie jetzt macht, weiß ich gar nicht.) Also, noch Fragen? Damit mich keiner falsch versteht: Im Grunde fand ich das schon richtig so. Eltern sollen Eltern sein. Drum hat es mich derart genervt, dass meine Mutter irgendwann anfing, einen auf große Schwester zu machen.

»Was läuft denn nun mit diesem Niklas?«, fragte sie mich, zum Glück wieder in ihrem normalen Mama-Ton, während sie Svea in ihren Hochstuhl setzte.

»Gar nichts«, leugnete ich wie zuvor.

Sie glaubte mir nicht. Hätte ich an ihrer Stelle auch nicht getan.

»Es ist völlig in Ordnung, wenn du einen Freund hast. Verliebt bist. Ist doch toll. Das sind so wunderbare Erfahrungen. Ihr müsst bloß aufpassen, verstanden? Du weißt, was ich meine. Sonst gibt es ein böses Erwachen.«

Kann ja sein, dass sie mich um das, was vor mir lag, beneidete. Die erste Liebe. Der erste Sex. Aber ich mochte es nicht, dass sie darüber redete wie über etwas, das so normal war wie Pickel kriegen. Was es natürlich ist, klar. Aber es deprimierte mich trotzdem. Weil ich raushörte: Was du erlebst, ist für den erwachsenen Teil der Menschheit nichts Besonderes. Nur für dich, weil du halt ein dummes, unerfahrenes Kind bist. Versteht ihr, was ich meine? Ich hatte Angst, dass die große Liebe am Ende nicht viel anders sein würde als die halb echte, die ich mit Niklas schon hatte, bloß mit ödem Sex.

»Ich finde«, legte meine Mutter nach, »du solltest dich nicht zu früh zu fest an einen Jungen binden. Probier was aus. Dich selbst. Das Leben. Die Liebe.«

Sie strich mir übers Haar, während ich mich fragte, ob sie schon vergessen hatte, wo Mädchen, die so was machten, auf der Respektskala rangierten.

»Wie gesagt, es gibt Dinge, die zu beachten sind. Verhütung ist jetzt erst mal das Thema. Wir sollten auf Nummer sicher gehen und uns nicht auf die Geschicklichkeit grüner Jungs beim Überziehen von Kondomen verlassen. Ich mach dir einen Termin beim Frauenarzt.«

»Mama!«, schrie ich empört. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Am meisten regte mich auf, dass sie dauernd »wir« sagte und »uns«. So als wollte sie auch noch danebenstehen, wenn es passierte, um mir Anweisungen zu geben. Ich hatte genug und ergriff die Flucht.

»Wo willst du hin?«, rief sie mir nach. »Wir essen!«

Ich rannte in mein Zimmer, schaffte es aber nicht, zu checken, ob Adrian online war, weil plötzlich Papa dastand.

»Was machst du?«, fragte er. Er kam aus der Dusche, seine dünner werdenden Haare klebten nass an seinem Kopf, und der künstliche Apfelduft seines Duschgels verbreitete sich im Zimmer.

»Schon mal was von Anklopfen gehört?«, sagte ich und klappte den Laptop zu.

»Die Tür war offen.«

Ich beließ es bei einem genervten Schnauben.

Er kam noch weiter rein, trat an meinen superbequemen Lesesessel, hob die Klamotten an, die dort lagen, und ließ sie gleich wieder fallen, mit diesem leicht angewiderten Blick. Okay, ich bin nicht der ordentlichste Typ, aber es war schließlich mein Zimmer, oder?

»Es gibt gleich Essen«, sagte ich.

»Mamas Bolognese kann noch ein paar Minuten köcheln«, erwiderte er. »Ich muss mit dir reden. Du weißt, worüber.«

»Ooch, Papa …!«, maulte ich.

»Was läuft da zwischen diesem Angeber und dir? Niklas. So heißt er doch, oder?«

»Da läuft gar nichts. Wir sind nur Freunde.«

»Nach Freundschaft sah der Kuss aber nicht aus.«

Ich zuckte wieder bloß mit den Schultern. Was sollte ich sagen? Der Anschein sprach gegen mich.

»Du denkst vielleicht, du weißt schon alles und hast alles im Griff. Das hast du nicht, klar? Du willst bloß Spaß haben, logisch, aber es geht um viel mehr.« Er war mit jedem Satz eindringlicher geworden. »Klar, du kannst sagen: Was willst du, Alter, du und Mama, ihr wart mit sechzehn Eltern! Du kannst mich verlogen finden oder heuchlerisch.«

»Tu ich doch gar nicht.«

»Es ist nur … man denkt, es geht um Spaß oder Romantik, aber am Ende geht es um dein ganzes Leben! Alles kann sich so schnell ändern. Die Dinge, die wir tun, haben Folgen!«

War ja nett, dass er sich bemühte, einfühlsam zu sein und nicht gleich so emotional wie sonst. Ich sah ihm an, wie schwer ihm das fiel. Anscheinend hatte meine Mutter ihn da unten im Garten ordentlich bearbeitet. Doch wenn ich was verlogen und heuchlerisch fand, dann dieses aufgesetzte Verständnis. Ich weiß nicht, wie ihr es seht, aber ich werde lieber ehrlich angebrüllt als pseudo-verständnisvoll eingelullt. Vor allem, wenn das Ergebnis dasselbe ist.

»Sag doch einfach, dass ich euer Leben versaut hab.«

»Komm mir nicht so!«, brauste er auf, zügelte sich aber sofort wieder. »Wir haben dich immer gewollt. Gegen den Widerstand einiger anderer.«

»Dann muss ich euch also gleich doppelt danken. Dafür, dass ihr mich gemacht habt, und dafür, dass ihr mich nicht gleich wieder im Klo runtergespült habt.«

Ihr hättet seine Augen sehen sollen! Seine Blicke! Wie Nadeln, die er in eine Voodoo-Puppe stieß. »Ich hätte große Lust, dir eine runterzuhauen«, sagte er mühsam beherrscht, was es noch bedrohlicher klingen ließ.

Okay, was ich gesagt hatte, war wirklich ziemlich heftig gewesen. Es tat mir auch sofort leid. Nur, er und meine Mutter hatten mir einfach ein paarmal zu oft unter die Nase gerieben, wie dankbar ich sein müsste für all die Opfer, die sie meinetwegen auf sich genommen hatten. »Wann konnten wir mal einen draufmachen?« Solche Sprüche halt. Natürlich liebten sie mich, das wusste und spürte ich, aber was ein echtes Wunschkind ist, erkannte ich erst, als ich sah, wie sie Svea behandelten. Ein Engel auf einer Wolke – so ließen sie sie ins Leben hineinschweben. Mich hatten sie eher in einem alten Buggy auf holpriger Strecke reingeschoben. Svea war ein Geschenk, ich war eine Verpflichtung gewesen. Egal, wie viele schöne Worte sie drum herum machten, genau so war es, und genau so fühlte es sich auch an.

»Wir machen uns halt Sorgen um dich, Siri«, sagte Papa, nachdem er mein böses Foul verdaut hatte, »ist das so schlimm?«

»Wieso vertraut ihr mir nicht einfach? Wäre doch auch eine Möglichkeit.«

»Wie sollen wir dir vertrauen, wenn du nicht einmal sagen willst, was mit diesem Niklas wirklich läuft?«

»Hab ich doch.«

Er zog die Brauen hoch, so als hätte er mich bei der dümmsten Lüge der Welt erwischt, einer Lüge, die seine Intelligenz beleidigte.

Okay, dachte ich bloß, das ist hoffnungslos.

Papa drückte seinen Rücken durch und verkündete: »Von jetzt an kommst du nach der Schule sofort nach Hause. Und wenn du zu einer Freundin willst, sagst du uns vorher, wo ihr seid und was ihr macht und wer dabei ist.«

Obwohl ich mit so was gerechnet hatte, traf es mich wie ein Hieb in die Magengrube. Meine Laune war am Boden.

»Also hab ich Hausarrest, oder was?«

»Nein. Hörst du mir nicht zu?«

»Und wie nennst du das dann?«

»Die elterliche Aufsichtspflicht wahrnehmen.« Er spitzte immer den Mund und machte die Lippen schmal, wenn er so was sagte. So als stünde das Gesetz, der Staat, der Papst und die ganze Welt hinter ihm. Dabei hatte er total oft nicht mal meine Mutter auf seiner Seite.

 

 

WÄHREND MEINE ELTERN AM Küchentisch ausdiskutierten, ob ich die Pille oder einen Keuschheitsgürtel kriegen sollte, verzog ich mich in mein Zimmer. Mit einer angebrochenen Tüte Chips und einem Buch fläzte ich mich aufs Sofa, schaute aber immer wieder zum Laptop, in der Hoffnung, dass wenigstens mein neuer Freund Adrian mich nicht im Stich ließ. Zum Glück, so dachte ich bockig, muss man heute nicht mehr aus dem Haus gehen, um was Verbotenes anzustellen. Weil ich zum Lesen viel zu aufgewühlt war, legte ich das Buch nach ein paar Minuten weg.

Da hörte ich ein vertrautes Blopp vom Laptop und fuhr hoch.

Bist du da, Siri?

Adrian! Natürlich wusste er, dass ich da war, er sah es ja in seiner Chatleiste. Mein Herz machte einen Satz.

Bin da! Wo warst du so lange?

Sorry. Hat doch länger gedauert.

Ja, ja. Ich schrieb: Hab gerade voll den Stress mit meinen Eltern. Ich bin praktisch eine Gefangene. Aber das löschte ich gleich wieder. Wie sah das aus? War ich ein Kleinkind, das über seine bösen Eltern jammerte? Also schrieb ich: Was ist jetzt mit einem Foto von dir? Krieg ich eins?

Es dauerte ein wenig, bis er antwortete. Dann sprang das Dialogfeld auf, und ich las: Klar. Aber nicht über fb. Bekomm ich deine E-Mail-Adresse?

Ich schrieb sie ihm.

Super. Gib mir fünf Minuten.

Es dauerte keine dreißig Sekunden, bis mein Handy klingelte. Ich erschrak, nicht bloß wegen des Klingelns, sondern weil ich mir absolut sicher war, dass es nur Adrian sein konnte. Keine Ahnung, warum. Es war natürlich nicht Adrian. Es war Niklas. Ausgerechnet jetzt! Eine Welle von Wut brandete in mir auf, weil ich seinetwegen so viel Ärger hatte. Ich überlegte einen Moment, aber da sich weder im Chat noch in meinem E-Mail-Account was tat, nahm ich das Gespräch an.

»Sag mal, spinnst du?!«, fauchte ich los, ohne Gruß oder irgendwas.

»Hä?«, machte er nur, total überfahren.

»Was sollte das? Der bescheuerte Kuss, meine ich. Ich darf praktisch nicht mehr aus dem Haus! Alles gestrichen, außer Schule!« Ich übertrieb absichtlich ein wenig.

Er brauchte zwei, drei Sekunden, bis er sich auf meine Betriebstemperatur eingestellt hatte, dann antwortete er: »Ja, sorry, aber dieses Versteckspiel mit deinen Eltern ist doch scheiße. Hey, du bist sechzehn, und sie sind echt nicht die Richtigen, um dir Jungs zu verbieten. Also, echt nicht.«

»Jetzt sei bloß nicht so arrogant. Mein Vater hat halt Angst, dass ich schwanger werde und mein ganzes Leben verpfuscht ist.«

»Wovon solltest du bitte schön schwanger werden?«

Sarkasmus war das Letzte, was ich jetzt brauchte, und schon gar nicht von ihm. Der machte es sich echt leicht. Ich fand, er sollte ruhig anfangen, sich selbst zu hinterfragen. Deshalb wurde nur mein Ton versöhnlicher, nicht meine Haltung, als ich sagte: »Na, vielleicht kommt es ja nicht so schlimm. Das Problem ist bloß mein Vater. Meine Mutter ist cool. Die will, dass ich die Pille krieg.«

Ein paar Sekunden tiefes Schweigen, dann ein Räuspern und zuletzt ziemlich kleinlaut: »Wow … echt jetzt? …«

Ha-ha, dachte ich, so viel zum Thema Versteckspiel.

»Heißt das, du willst dann gleich … loslegen?«

»Klar. Worauf sollen wir warten?«

»Aber dein Vater … und du darfst doch quasi nicht mehr weg … hast du eben gesagt …«

»Kneifst du?«

»Ich? Quatsch! Ich will nur nicht, dass du Probleme kriegst …«

So, so, auf einmal, dachte ich und gab weiter die Coole. »Da muss ich sowieso durch, früher oder später.« Ich konnte seinen Angstschweiß sogar durchs Telefon riechen.

»Das klang eben noch anders.«

In diesem Moment sah ich auf dem Display meines Laptops, dass ich eine E-Mail erhalten hatte. Von Adrian. Ohne Betreff und Text. Nur ein Bild. Ich scrollte nach unten. Meine Kehle wurde eng.

»Ich … muss … Schluss machen«, flüsterte ich ins Handy und legte auf, während ich dachte: Scheiße, was ist das denn?

 

 

IN EINER ZEITUNG HIESS ES, Adrian und ich hätten uns Pornobilder zugeschickt. Also, solche, auf denen wir selbst drauf waren und an uns rumspielten. Aber das stimmt nicht. Nicht mal das erste Foto, das mir Adrian von sich geschickt hat, hatte etwas Pornomäßiges. Schon richtig, sein Oberkörper war nackt, der oberste Knopf seiner Hose offen, und eine Hand steckte vorne im Bund, aber nur halb, und sie lag da auch bloß und machte nichts. Das war nur eine sexy Pose, die mich ein wenig anturnen sollte. Was auch funktioniert hat. Also … mir blieb voll die Luft weg. Der Typ auf dem Foto war normal gebaut, die dunklen Haare waren wuschelig und hingen ihm tief in die Stirn, ein bisschen sah er mit seinem müden Blick aus wie ein Rockstar nach einer heftigen After-Show-Party. Genau mein Fall!

Nach einer gefühlten Ewigkeit klappte ich gewaltsam meinen Laptop zu, damit ich aufhörte, das Bild anzustarren. Mein Herz hämmerte wie das eines Hamsters, der im Laufrad um sein Leben rennt. Atmete ich noch? Ich ließ mich nach hinten auf die Couch kippen und starrte an die Decke, auf dem Gesicht wahrscheinlich das dämlichste Grinsen der Welt.

Dann setzte ich mich wieder auf und öffnete vorsichtig den Laptop. Das Foto war noch da, und ich fand’s mindestens genauso geil wie zuvor. Aber es war noch was da. Eine neue E-Mail von Adrian. Ich klickte sie an und las:

Schickst du mir auch so ein Foto von dir?

Wow! Das haute mich endgültig um. Er wollte nicht irgendein Foto, er wollte so ein Foto. Von mir! Was sollte ich bloß tun?

In meiner Not rief ich Anna-Lena an. Die musste um die Zeit längst vom Volleyball zurück sein. Während es in mein Ohr tutete, kamen mir aber schon Zweifel, ob ich ihr das wirklich erzählen sollte. Wusste ich nicht auch so, was sie sagen würde? Bist du verrückt, Siri, hätte sie mich angefahren, das machst du nicht, klar! Da kannst du dein Foto gleich selbst ins Internet stellen!

»Hi, Siri, alles okay bei dir?«

»Äh … ja …«, druckste ich herum. »Das heißt … nicht ganz …«

»Was ist denn los?«

»Niklas …«

Ich erzählte ihr von dem Kuss und der Reaktion meiner Eltern, und sie lachte bloß und sagte: »Der Typ ist sexuell so was von verpeilt, das ist fast schon wieder lustig.«

Nachdem ich aufgelegt hatte, betrachtete ich lange Adrians Foto. Vielleicht war es ein Fake und Adrian in Wahrheit ein pickliger Nerd mit fettigen Haaren. Woher sollte ich das wissen? Woher sollte ich irgendwas wissen? Besser, ich ließ die Sache auf sich beruhen, solange ich es noch konnte.

 

 

MEIN ENTSCHLUSS HIELT UNGEFÄHR drei Stunden. Drei Stunden, in denen ich meine Lieblingssongs rauf und runter hörte und mir sagte, dass es richtig war, nichts weiter zu tun. Dann fing das Gedankenkarussell an, sich langsam in die andere Richtung zu drehen. Was wusste schon Anna-Lena. Die redete gern schlau daher, aber, mal ehrlich, was hatte sie schon erlebt? Sie hockte doch auch bloß rum und träumte von der großen Liebe. Ich hatte es so was von satt, dass alle Welt glaubte, mir Vorschriften machen zu müssen. Jeder quatschte in mein Leben rein. War ich nicht alt genug, meine eigenen Fehler zu begehen?

Kurz nach Mitternacht checkte ich meinen E-Mail-Account. Keine neue Nachricht von Adrian. Wartete er ab? Oder hatte er mich aufgegeben, weil von mir nichts kam? Wie auch immer, es war längst Schlafenszeit. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich mich in meinem großen Spiegel beim Ausziehen. Wenn ich doch so ein Foto machen würde, wie würde ich mich präsentieren? Allein der Gedanke sorgte dafür, dass mir auf eine schwüle Art warm wurde, so als hätte ich Dampf unter der Haut. Und erst jetzt wurde mir etwas bewusst, das Niklas’ Kuss in mir bewirkt hatte, das aber in dem ganzen Ärger untergegangen war: So geküsst zu werden, selbst von ihm, hatte mich irgendwie heißgemacht.

Da fiel mir etwas ein. Ich zog die unterste Schublade meiner Kommode auf, wo ich unter alten Slips, die ich nicht mehr trug, einen süßen Schatz vergraben hatte. Dessous. Schwarz. Spitze. Durchsichtig. Ich hatte sie vor ein paar Monaten im Schaufenster eines Wäschegeschäfts entdeckt, und weil ich nicht mehr aufhören konnte, daran zu denken, hatte ich sie mir gekauft. Getragen hatte ich sie nie. Das wollte ich in der Nacht tun, in der ich … nun ja, ihr wisst schon. Jetzt schlüpfte ich hinein. Die Spitze war so leicht, dass ich sie kaum auf der Haut spürte. Ich schaltete die Webcam ein und betrachtete mich auf dem Display. Mit schamhaftem Stolz. So durfte er mich natürlich auf gar keinen Fall sehen. Ich holte mir aus dem Bügelzimmer ein verknittertes weißes Hemd von Papa, zog es mir über, schlüpfte in meine Röhrenjeans und stellte mich erneut vor die Webcam. Das Hemd ließ ich offen, hielt es aber mit einer Hand so zusammen, dass ein kleines bisschen von meinem bloß hingehauchten schwarzen BH zu sehen war. Auch den obersten Knopf der Jeans ließ ich offen stehen. Ungefähr hundert Versuche später hatte ich noch immer kein Bild, auf dem ich halbwegs locker rüberkam. Erst mit einer Flasche Wodka-Orange im Blut wurde ich geschmeidiger in den Gelenken, und dann endlich entstand das Foto, auf dem ich mich so sah, wie ich mich fühlte.

 

 

AM NÄCHSTEN MORGEN WACHTE ich mit einem ziehenden Kopfschmerz auf. Der Wodka-Orange. Ein trüber Blick auf die Uhr – Mist! Verpennt! Ich schoss aus dem Bett und wollte ins Bad, aber meine Mutter erwischte mich im Flur.

»Willst du so in die Schule?« Sie kam einen Schritt näher. »Was hast du da drunter eigentlich an? Ist das von mir?«

Okay, peinlicher geht’s nicht. Nach meiner intimen Fotosession letzte Nacht war ich wie ein Stein ins Bett gefallen und hatte in Hemd, Röhrenjeans und Spitzendessous geschlafen. Stumm umkurvte ich meine Mutter und schlug die Badezimmertür hinter mir zu.

Zwanzig Minuten später radelte ich zur Schule, selbstverständlich in einem anderen Outfit. Heftiger Gegenwind blies mir ins Gesicht. Der Wodka-Orange hatte mich letzte Nacht nicht so hart ausgeknockt, dass ich gar nichts mehr gewusst hätte, aber ich war mir nicht über alle Details im Klaren. Ich hatte Fotos gemacht, ich hatte Adrian noch mal geschrieben, und ich war mir relativ sicher, dass ich keines der Bilder mitgeschickt hatte. Relativ – das hieß siebzig zu dreißig, dass alles gut war. Oder eher sechzig zu vierzig. Okay, fifty-fifty.

Kacke. Was hatte ich getan?

Ich hielt an. Ob ich zehn Minuten zu spät kam oder fünfzehn, war auch schon egal. Ich musste wissen, wie lächerlich ich mich gemacht hatte, und zwar sofort. Ich tastete alle Taschen nach meinem Smartphone ab. Mist! Ich hatte es in der Hektik nicht eingesteckt! Und jetzt? Den ganzen Tag wie auf Kohlen in der Schule sitzen? Wie sollte ich mich dabei auf irgendwas anderes konzentrieren? Dann konnte ich gleich zu Hause bleiben.

Meine Mutter machte große Augen, als ich nach kaum einer halben Stunde wieder vor ihr stand. »Mir ist total übel«, log ich, »ich hab eben gekotzt. Kannst du in der Schule anrufen?«