Der 21. Juli - Christian v. Ditfurth - E-Book

Der 21. Juli E-Book

Christian v. Ditfurth

4,5
5,99 €

oder
  • Herausgeber: dotbooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler gelingt. Was geschieht am 21. Juli? Die Verschwörer um Graf Stauffenberg sprengen den „Führer“ in die Luft. Durch ein Bündnis mit Himmler und der SS versuchen sie, ihre Macht abzusichern. Jahre später wird Knut Werdin, ehemaliger SS-Offizier, Überläufer und amerikanischer Atomspion, aus dem Exil zurück nach Deutschland geschickt. Sein Auftrag: Töten Sie Heinrich Himmler! "Der '21. Juli' hat alles, was ein packender Thriller braucht. Er könnte ein Bestseller in den USA werden, wäre der Autor nicht dummerweise Deutscher." Nürnberger Zeitung Jetzt als eBook: „Der 21. Juli“ von Christian v. Ditfurth. dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 651

Bewertungen
4,5 (48 Bewertungen)
31
10
7
0
0



Über dieses Buch:

Die Verschwörer um Graf Stauffenberg sprengen den „Führer“ in die Luft. Durch ein Bündnis mit Himmler und der SS versuchen sie, ihre Macht abzusichern. Jahre später wird Knut Werdin, ehemaliger SS-Offizier, Überläufer und amerikanischer Atomspion, aus dem Exil zurück nach Deutschland geschickt. Sein Auftrag: Töten Sie Heinrich Himmler!

„Der ‚21. Juli‘ hat alles, was ein packender Thriller braucht. Er könnte ein Bestseller in den USA werden, wäre der Autor nicht dummerweise Deutscher.“ Nürnberger Zeitung

Über den Autor:

Christian v. Ditfurth, Jahrgang 1953, ist Historiker, Lektor, Journalist und Autor. Seine Romane handeln von der deutschen Geschichte – teilweise mit einem alternativen Verlauf.

Die Website des Autors: www.cditfurth.de

***

Neuausgabe Oktober 2012

Copyright © der Originalausgabe 2003 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co.KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nicola Bernhart Feines Grafikdesign, München

Titelbildabbildung: © andyworks – istockphoto.com

ISBN 978-3-95520-010-7

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren Lesestoff aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Der 21. Juli an: [email protected]

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.facebook.com/dergruenesalon

Christian v. Ditfurth

Der 21. Juli

Roman

Inhalt

Prolog

Erstes Buch: Frühjahr 1953

Zweites Buch: 1944/45

Prolog

Zwölf schwarz uniformierte Männer saßen auf den zwölf Steinpodesten im Rund der Gruft, die schwarzen Schirmmützen mit dem silbernen Totenkopf auf den Knien. Schweigend starrten sie in die kreisförmige Mulde in ihrer Mitte. Darin flackerte rotgelb ein Feuer. Durch Mauerschächte drang fahles Morgenlicht in das Gewölbe. Die Männer verharrten eine Weile bewegungslos, dann erhob sich einer. Er blickte den anderen elf nacheinander in die Augen, straffte seinen Körper, schaute auf einen Punkt an der Wand und begann zu sprechen: »Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu.« Die Zuhörer nickten ernst.

Einer mit einem Jungengesicht wusste, sie würden alles in Ordnung bringen. Er hatte dem Redner vor einiger Zeit die Botschaft überbracht. Die Vorsehung verbirgt sich nicht in Donnergrollen, sondern in einer Botschaft. Diese Botschaft würde die Geschichte wenden. Sie würden ihrem Volk endlich den Platz erkämpfen, der ihm zustand. Sie würden die Chance nutzen, die ihnen die Botschaft eröffnete.

Das Jungengesicht wandte sich dem Redner zu. Heute spöttelte er nicht insgeheim über die kleine, dickliche, bebrillte Gestalt, die einem Schulmeister ähnelte. Die Geschichte findet ihre Sprecher. Er genoss die Verblüffung der anderen zehn, die dem Redner zuhörten. Ihre Augen zeigten Unglauben, dann Triumph. Auch Angst glaubte er zu erkennen. Er hatte keine Angst. Er hatte alles vorbereitet, sie würden die Welt zum Staunen bringen. Schon bald.

Erstes Buch:

I.

Die beiden Männer schwiegen, seit sie die Stadtgrenze von San Diego passiert hatten. Sie hatten in Washington die erste Maschine nach San Diego genommen und am Flughafen bei einem Autoverleiher einen Chrysler Imperial gemietet. Nur wenige Kilometer nördlich der mexikanischen Grenze steuerte der größere von beiden, Al Myers, den wummernden Achtzylinder nach Osten, Richtung Tierra del Sol. »Dieser Irre hat sich wirklich den elendsten Fleck der Welt ausgesucht«, meckerte Stan Carpati und staunte über die Kakteen am Straßenrand. Es gab große dünne und kleine dicke, krumme und krüppelige, solche mit mächtigen Ästen, wogegen andere wie Säulen nackt und gerade herumstanden. Kein Kaktus sah aus wie der andere. Lächerlich wenig Wasser und die ewig brennende Sonne reichten aus, um skurrile Formen in unendlicher Zahl zu schaffen.

Carpati schaute auf Myers. Ich hätte mich abtreiben lassen mit so einem Zinken in der Fresse, dachte er. Myers Nase war unnatürlich rot, zur Spitze hin schwoll sie leicht an und war übersät von Hunderten von kleinen Kratern. Wahrscheinlich soff er heimlich. Carpati griff aus seiner rechten Gesäßtasche einen Kamm und zog ihn durch seine schwarzen Haare, denen man ansah, dass sie von einem italienischen Friseur verwöhnt wurden.

Myers brummte etwas Unverständliches. Was sollte er mit diesem parfümierten Lackaffen groß reden? Ihn stießen dessen geölte Haare ab und die ewige Kämmerei. Was für Typen die heute einstellen, wunderte er sich. Er hatte es bald hinter sich. In einem Jahr würde er seinen Bauch in die Sonne halten, die Welt mussten dann andere retten. Wenn er an Carpati dachte, war ihm nicht wohl bei dieser Vorstellung.

Ein Pick-up vor ihnen deckte sie mit einer Staubwolke ein. Sie kurbelten die Fenster hoch, feiner Sand drang durch die Schläuche der Lüftung ins Wageninnere. Myers hustete, zog den Chrysler im Staubnebel nach links und überholte den Pick-up. Jetzt schluckt der unseren Dreck, grinste er in sich hinein. Carpati starrte beim Überholen ängstlich in die Staubwand vor ihnen und hielt sich am Griff über der Tür fest. »Wollen Sie uns umbringen?«, schimpfte er.

Myers lächelte: »Auf so einer Straße haben sich noch nie drei Autos getroffen.«

Carpati schwor sich, nie wieder einen ehemaligen Frontkämpfer an das Steuer eines Autos zu lassen, in dem er saß, auch wenn der im Dienstrang höher war. Myers hatte die Invasion in Nordfrankreich mitgemacht, in einer Sondereinheit, und seitdem glaubte er offenbar, unverwundbar zu sein. Die alten Männer mit ihren Kriegsgeschichten gingen Carpati sowieso auf die Nerven. Der Krieg war lange vorbei, jetzt waren wendige und intelligente Leute gefragt. Leute wie er.

Der Staub verklebte mit seinem Schweiß und begann auf der Haut zu jucken. Carpati kämmte sich Sand aus dem Haar. Wenn diese Tour einen Sinn hätte, würde er das alles gern auf sich nehmen. Aber sie hatte keinen Sinn. Wahrscheinlich war dieser irre Deutsche, der sich Vandenbroke nannte, getürmt, als er ihr Telegramm erhalten hatte. Carpati hatte Vandenbroke bei der letzten Vernehmung erlebt, vor ein paar Jahren. Vandenbroke hatte ausgepackt, Wissen gegen Geld. Am Ende hatte er gesagt: »Mehr weiß ich nicht. Hören Sie auf mit der Fragerei. Jetzt erfüllen Sie Ihren Teil unserer Vereinbarung. Und dann lassen Sie mich in Ruhe, für immer.« Seitdem hatte er alle Kontaktversuche abgewiesen.

Schließlich hatte die CIA es aufgegeben. »Dann soll der Bekloppte doch mit Klapperschlangen und Rothäuten spielen«, schimpfte Reginald Crowford, Chef der CIA-Europaabteilung und Carpatis Vorgesetzter. Daran hatten sie sich einige Jahre gehalten. Aber nun war alles anders. Nun musste Vandenbroke mitziehen. Das bildete sich jedenfalls Crowford ein, und er hatte Myers und Carpati in eine Gegend geschickt, in der sich Schlangen, Kojoten und Rothäute wohlfühlen mochten. Und verrückte Deutsche.

Vandenbroke saß im Schatten der Veranda und sah die Staubwolke am Horizont. Der Wagen kam aus Richtung Tierra del Sol. Sie waren pünktlich. Vorgestern hatte er das Telegramm erhalten: ICH SCHICKE ZWEI MÄNNER IN ZWEI TAGEN. SIE MÜSSEN MIT IHNEN REDEN. ES IST LEBENSWICHTIG. CROWFORD. Nach den Verhören hatte Crowford eine Chiffre vereinbaren wollen, »damit wir in Kontakt bleiben«. Vandenbroke hatte das abgelehnt. Er war überzeugt, dass Crowford ein Profi war, der ihm nicht ohne Grund seine Leute auf den Hals hetzte.

In einer halben Stunde würden die Typen aus Washington da sein. Vandenbroke schlug die Fingerspitzen der rechten Hand auf die Schaukelstuhllehne, stand auf und ging ums Haus. Er schaute auf Tomaten und Kürbisse, die er auf dem armen Boden gezogen hatte. Die Hintertür führte in die Küche, eingerichtet nur mit dem Nötigsten. Er goss sich ein Glas Wasser ein und nahm es mit in den Wohnraum. Sein Blick streifte über die Buchrücken in den Regalen. In Tierra del Sol gab es Tom McGuire’s Papierhandlung, wo man Bücher aus Katalogen bestellen konnte.

Heinrich jaulte auf, als Vandenbroke ihm auf den Schwanz trat. »Heini, du bist so schwarz, man sieht dich einfach nicht«, versuchte Vandenbroke den Kater zu beruhigen, der vor viereinhalb Jahren bei ihm eingezogen war. Heinrich zuckte mit dem linken Maulwinkel, schloss die Augen und streckte sich.

Ich hätte doch eine Weile verschwinden sollen, dachte Vandenbroke. Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Ich habe alles gesagt. Letzte Nacht hatte er sich hin und her gewälzt, fast so wie jede Nacht in seinem ersten Jahr in Amerika. Er erinnerte sich kaum an den Traum, nur an schwarze Uniformen, silberne Totenköpfe und einen langgesichtigen Blonden, der ihn mit weit aufgerissenem Mund anschrie: »Verräter! Verräter! Verräter!« Vandenbroke ärgerte sich. Ein Telegramm hatte genügt, der Albtraum war zurückgekehrt, wenn auch erst in Fetzen. Was würde er träumen, wenn die Männer bei ihm gewesen waren? Hätte im Telegramm gestanden, es wäre wichtig, dann wäre Vandenbroke heute zu einer Tour aufgebrochen durchs Indianerreservat. Aber da stand LEBENSWICHTIG. Wenn Crowford LEBENSWICHTIG schrieb, dann ging es wenigstens um den Weltuntergang.

Seltsame Gestalten, dachte Vandenbroke, ein Großer mit einer dicken Nase und ein Lackaffe mit Vorfahren in Süditalien. Den Lackaffen hatte er in Washington bei einer Befragung schon einmal gesehen. Den anderen kannte er nicht.

Vandenbroke erhob sich nicht, als Myers und Carpati die Veranda betraten. Er übersah die Hand, die Myers ihm breit lächelnd hinstreckte. Carpati nahm sich einen Stuhl und setzte sich so, dass er Vandenbroke von der Seite ansah. Myers blieb unschlüssig stehen.

Vandenbroke schaute Myers und Carpati ruhig an. »Haben Sie Dienstausweise?«, fragte er in hartem Englisch.

Myers ging zurück zum Wagen und fand die Karte in der Innentasche seines Jacketts, das er in San Diego auf die Rückbank gelegt hatte. Carpati nahm seinen Ausweis aus der Brusttasche seines Hemds. Vandenbroke studierte beide Ausweise gründlich und legte sie auf die Lehne seines Schaukelstuhls. »Ich habe es also mit den Agenten Myers und Carpati zu tun.«

»Haben Sie einen Schluck Wasser?«, bat Carpati.

Vandenbroke zeigte mit dem Daumen nach hinten, zur Küche. Carpati kam mit zwei Gläsern Wasser wieder, eines stellte er vor Myers, der sich an einem kleinen Tisch am Ende der Veranda auf einen Korbstuhl gesetzt hatte.

»Schöne Grüße von Crowford«, sagte Myers.

Vandenbroke schaute hinunter ins Tal. Hier würde er bleiben, für immer, hatte er gedacht, als er das einsame Haus zum ersten Mal sah. Hier war es so karg, dass niemand sonst auf die Idee käme, sich niederzulassen. Nach Tierra del Sol war es eine Stunde mit seinem rostigen Ford, und nicht einmal der Zufall führte jemanden zu ihm auf seinen Hof, wie er das kleine Holzhaus und das trockene Grundstück nannte, das er einem versoffenen Farmer für ein paar Dollar abgekauft hatte.

Carpati sagte: »Werdin, wir müssen mit Ihnen reden.«

Vandenbroke warf seinen Kopf herum und schnauzte Carpati an: »Wir haben eine Vereinbarung. Haben Sie das vergessen?« Nach einer Pause: »Sie sind wohl dreiundvierzig aus Italien abgehauen, Sie Held?«

»Meine Eltern hatten die Ehre, Zwangsarbeit für die großdeutsche Wehrmacht leisten zu dürfen, Herr Sturmbannführer. Ich war leider zu bequem, der freundlichen Einladung Ihres Führers ins Reich der Arier zu folgen«, erwiderte Carpati ruhig.

Vandenbroke ärgerte sich, er hatte einen Fehler gemacht. Er hatte den Lackaffen unterschätzt. Früher wäre ihm das nicht passiert, aber er war neun Jahre aus der Übung.

»Was wollen Sie?«, fragte er Myers.

»Wir wollen, dass Sie nach Washington fliegen, Crowford will mit Ihnen reden.« Er schaute Vandenbroke in die Augen. »Dulles auch.«

Vandenbroke grinste: »Mein Gott, bin ich wichtig. Sogar der große Meister will mich sprechen.«

»Ich finde das gar nicht lustig«, sagte Myers verärgert. »Von mir aus könnten Sie hier verrotten.«

Carpati, mit leiser Stimme: »Es geht um die SS, Himmler.«

»Na und«, erwiderte Vandenbroke. »Was interessiert mich die SS? Und Himmler? Sitzt der nicht in einer alten Burg und macht auf Blut und Boden?« Er hatte vor einiger Zeit einen Artikel gelesen, in dem das behauptet wurde. Zuzutrauen war es dem Reichsführer der SS.

»Schon«, sagte Carpati, »aber er hat auch für anderes Zeit.«

Vandenbroke schwieg. Was immer der Reichsheini trieb, es konnte ihm egal sein. Vandenbroke schmunzelte innerlich, als er an den Mumpitz dachte, den Heinrich Himmler so gern veranstaltete: Fackeln, Julleuchter, Ehrendolche, Totenkopfringe. Ja, er hatte sogar einen Gott bei irgendwelchen Germanen ausgegraben. »Gott minus t«, hatte Heydrich über dieses höhere Wesen gespottet, das wurde jedenfalls in SS-Kreisen erzählt. Aber Heydrich war lange tot.

»Hören Sie auf mit dem Versteckspiel«, sagte Vandenbroke. »Wenn Sie was von mir wollen, dann sollten Sie es mir sagen.«

»Es geht um Himmler und einen Plan, den er hat«, erwiderte Carpati. »Mehr wissen wir selbst nicht. Sie erfahren es von Crowford und Dulles.«

»Dann gehen Sie zu Crowford und grüßen Sie ihn von mir«, sagte Vandenbroke.

»Ich appelliere an Ihre Verantwortung«, polterte Myers.

»Kommen Sie mir nicht auf die Tour«, sagte Vandenbroke. »Ich habe meine Verpflichtungen erfüllt, alle. Können Sie das auch von sich sagen?«

»Sie leben hier auf unsere Kosten«, gab Myers zurück.

»Und Sie leben, weil ich es gewollt habe«, sagte Vandenbroke. »Ich erwarte nicht, dass Sie mir dankbar sind, aber lassen Sie mich wenigstens in Ruhe.«

»Interessiert es Sie gar nicht, was aus Deutschland wird?«, fragte Carpati freundlich.

Vandenbroke schwieg einen Moment lang und stellte zufrieden fest, dass seine Reflexe erwachten. Seine Selbstbeherrschung kehrte zurück. Er ärgerte sich, weil er aus der Haut gefahren war. In einem falschen Augenblick wäre das sein Tod gewesen. Er war acht Jahre aus Deutschland weg, lebte seit fast sieben Jahren auf dem Hof, und mangels Kontakt zu anderen Menschen war er aus der Übung gekommen. Im ersten Jahr in Amerika hatte er abends, nach den Befragungen, Holländisch gelernt, einige Brocken wenigstens. Er wollte, wenn er alles verraten hatte, eine andere Identität annehmen. Es waren viele Holländer geflohen, vor und nach dem Ende des Kriegs. Welcher Amerikaner konnte schon einen Deutschen von einem Holländer unterscheiden? So wurde aus Knut Werdin Peter Vandenbroke aus Rotterdam. In der Hafenstadt hatte Werdin Anfang der Vierzigerjahre mehrere Wochen verbracht, um ein britisches Agentennest auszuheben, es war die Operation Zigarre. Nach einer Verfolgungsjagd in den Ruinen von Rotterdam erwischten Werdin und seine Kameraden vom SD, dem Sicherheitsdienst der SS, ein paar Holländer, die für die Tommys spitzelten. Kleine Fische, die sich in der Propaganda zu Riesenhaien auswuchsen. »Britische Spionagezentrale ausgehoben« titelte der Völkische Beobachter, und Goebbels spuckte Feuer. Werdin wurde zum Sturmbannführer befördert und erhielt das EK II.

Carpati unterbrach das Schweigen: »Es ist Ihnen also gleichgültig.«

»Das geht Sie nichts an«, sagte Werdin. »Selbst wenn es nicht so sein sollte, dann wüsste ich nicht, wie ich Ihnen, Deutschland, der Welt oder dem Mann auf dem Mond helfen könnte.«

»Ihnen ist wohl alles scheißegal«, dröhnte Myers. Carpati zog die Augenbrauen hoch. Die Kavallerie griff wieder an, mit Horn und Säbel.

Werdin erwiderte gelassen: »Fast alles.«

Es hatte keinen Sinn. Carpati schaute Myers an und blickte dann zum Auto. Aber Myers reagierte nicht. Er war länger dabei, bestimmte, wie es weiterging. Carpati fürchtete, Myers würde anfangen herumzuschreien oder Werdin wieder auf die moralische Tour kommen. Dann könnten sie gleich nach Hause fahren. Es gab nur einen Weg, Werdin nach Washington zu kriegen. Carpati wusste nicht, ob es klappte, aber alles andere ginge sowieso schief. Er hatte bemerkt, wie Werdins Reflexe zurückkehrten. Carpati erinnerte sich an Kollegen, die bei vielen Befragungen dabei gewesen waren. Monatelanger Stress für Werdin. Er ließ Fangfragen, Gebrüll, Drohungen schweigend über sich ergehen und fragte freundlich nach dem Wohlbefinden seiner Vernehmer.

Carpati musste die Initiative ergreifen, Myers machte sonst noch die kleine Chance kaputt, die ihnen geblieben war. Carpati lief gemächlich zum Wagen, öffnete die Beifahrertür und holte aus dem Handschuhfach einen braunen Briefumschlag. Er ging zurück zur Veranda, stellte sich vor Werdin, legte den Umschlag auf die Lehne des Schaukelstuhls und nahm die beiden Dienstausweise an sich. »Fast hätte ich vergessen, Ihnen das zu geben«, sagte Carpati. Und an Myers gewandt: »Al, wir gehen.«

Myers stutzte, er schaute Carpati finster an, erhob sich dann und trottete zum Auto.

»Gibt es ein Hotel in Tierra del Sol?«, fragte Carpati. Werdin nickte. »Dann bis morgen.«

***

Feine Schneeflocken tanzten auf die Stadt herunter. Noch war der Winter nicht besiegt, aber sein Ende nahte. General Boris Michailowitsch Grujewitsch blickte aus seinem Büro im vierten Stockwerk der Lubjanka auf das Treiben auf dem Dserschinskiplatz. Moskau ist bunter geworden, dachte er. Er könnte keine Tatsachen aufzählen, um das zu belegen. Es war wohl eher eine Bestätigung der guten Laune, die ihn seit einiger Zeit ergriffen hatte. Seit März musste er keine Angst mehr haben, plötzlich verhaftet zu werden. Ja, auch er hatte geweint, als der Vater der Völker, der große Jossif Wissarionowitsch Stalin gestorben war, aber es war manche Freudenträne dabei gewesen. Der Mensch ist gespalten, dachte Grujewitsch, oder vielleicht sind es nur wir Russen. Wir haben Stalin geliebt wie einen gütigen Vater und wir haben seine Häscher gefürchtet wie sonst nichts auf der Welt. Mehr als die Deutschen. Grujewitsch hatte zeit seines Lebens nichts gekannt als Stalin. Jetzt war er tot, das war gleichermaßen ein Schlag und eine Befreiung gewesen. Vor einigen Tagen war der Schmerz verschwunden, die Freude geblieben.

Bis ihn eines Nachts die Angst überfiel. Und wenn die Russen nun über sie herfielen und Rache forderten für die Millionen von Vätern, Müttern und Kindern, die sie gequält, verschleppt und ermordet hatten? Und Freiheit für die Gefangenen im GULag?

Bald erkannte Grujewitsch, dass seine Angst ein schlechter Traum war. Ihr Chef, Lawrentij Berija, war nun der erste Mann. Gut, sie hatten eine kollektive Führung, eine Troika im Parteipräsidium mit Molotow und Malenkow, aber wer konnte daran zweifeln, dass Berija, Marschall der Sowjetunion, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats, Innen- und Staatssicherheitsminister, Herrscher über alle Tschekisten und Polizisten, die stärkeren Bataillone hatte? Männer wie Boris Grujewitsch. Die Sicherheitsorgane waren seit Feliks Dserschinski das Gerüst der Sowjetmacht. Und die Russen im Jahr 1953 machten keine Revolution. Also würde alles bleiben, wie es war. Fast alles.

Einige Tage lang glaubte Boris Grujewitsch, es sei der schönste Frühling seit seiner Kindheit. Er war die Angst los, er gehörte zu den Mächtigen, und er hatte Anna. Anna studierte Gesang am Moskauer Konservatorium und träumte davon, eine große Operndiva zu werden. Grujewitsch gestand sich ein, dass er sich weniger für Annas Stimme interessierte als für ihren Körper. Er dankte dem Schicksal, dass eines Nachts sein Dienstwagen nicht angesprungen war und er sich entschieden hatte, die U-Bahn zu nehmen. Anna hatte ihn versehentlich in der U-Bahn-Station Dserschinskaja angerempelt. »Sie stehen aber wirklich am falschen Platz«, hatte sie ihn schnippisch von der Seite gerüffelt, statt sich zu entschuldigen. Sie gehörte zu den wenigen Russen, die sich von Uniformen nicht einschüchtern ließen, nicht einmal von den Epauletten eines Generals des MGB. Zum eigenen Erstaunen ärgerte sich Grujewitsch nicht, sondern lachte über die Dreistigkeit der jungen Frau mit den zu einem Zopf gebundenen schwarzen Haaren. »Darf ich Sie zur Wiedergutmachung meines unverzeihlichen Fehlers heute Abend zum Essen ausführen?«, fragte er.

»Aber es muss das teuerste sein«, lachte sie zurück.

Die Nacht verbrachten sie in Annas winziger Studentenbude am Trubnajaplatz. Seine Frau Gawrina fragte nicht, Nachtdienst gab es immer wieder. Außerdem war es ihr längst ziemlich egal, ob Grujewitsch zu Hause war oder nicht. Ihr genügte es, dass ihr Mann General im MGB war. Das brachte ihr Ansehen ein, vor allem aber die Berechtigung, in den Sonderläden des Ministeriums Waren zu kaufen, die es in Moskau nicht oder nur selten gab.

Am Morgen nach einer der ersten Nächte mit Anna fand Grujewitsch auf seinem Schreibtisch eine Nachricht. Ein Funker des Ministeriums hatte sie aufgefangen, als er an der Frequenzscheibe seines Funkgeräts herumgespielt hatte, wie er ängstlich gestand. Sie war auf einer Frequenz gesendet worden, die die größte sowjetische Spionageorganisation während des Kriegs benutzt hatte; die Gestapo nannte sie Rote Kapelle, nachdem sie den Grand Chef Leopold Trepper und seine Genossen 1942 verhaftet hatte. Die nach einem alten Kode verschlüsselte Nachricht trug keine Unterschrift. Gerichtet war sie an den Direktor, den es seit einem Jahrzehnt nicht mehr gab. Die Dechiffrierabteilung des MGB hatte Tage gebraucht, um das Buch zu finden, nach dem der Text verschlüsselt war. Es war Hitlers Mein Kampf. Der letzte Satz der Nachricht bestand aus sechs Wörtern: WAS HALTEN SIE VON GESPRÄCHEN? Grujewitsch griff zum Hörer eines der schwarzen Telefone auf seinem Schreibtisch und bat seinen Stellvertreter zu sich.

»Wie findest du das, Nikolai Nikolajewitsch? Das ist doch verrückt!«, sagte Grujewitsch.

Oberst Iwanow las die entschlüsselte Abschrift des Funkspruchs. »Keine Ahnung, Boris Michailowitsch«, sagte er.

»Lass uns ein bisschen an die frische Luft gehen«, sagte Grujewitsch.

Draußen ergänzte er: »Den Wänden traue ich immer noch nicht.« Iwanow nickte.

»Die Trepper-Organisation ist längst zerschlagen. Wer ist das, der da an den Direktor funkt und den alten Kode benutzt? Weißt du was, Nikolai Nikolajewitsch? Du warst doch bei Smersch?«

Iwanow lächelte. Tod den Spionen, das war Smersch, eine wilde Zeit. Er war 1943 zur militärischen Spionageabwehr gestoßen, mitten im Krieg. »Ob uns jemand hereinlegen will? Ein Funkspiel des SD? So blöd können die doch nicht sein. Die haben doch die Trepper-Organisation zerschlagen vor gut zehn Jahren und groß herumgetönt. Trepper sitzt angeblich in Plötzensee. Wahrscheinlich hat er inzwischen alles verraten. Na ja, der Grand Chef ist auch nur ein kleiner Mensch.«

Sie kamen an verkrüppelten Kriegsveteranen vorbei, die fast unverhohlen bettelten. Betteln war verboten in der Sowjetunion, Armut galt als überwunden. Aber bei den Helden des Kriegs drückte die Miliz mehr als nur ein Auge zu. Grujewitsch wollte sich nicht gewöhnen an diesen Anblick.

»Die vernünftigste Erklärung ist, dass der SD dahintersteckt, vielleicht Himmler persönlich. Möglicherweise hatte Schellenberg die Idee, die Sache um die Ecke anzugehen. Das wäre so ganz seine Art.«

»Du hasst ihn«, sagte Iwanow.

Der Schnee hatte sich in Regen verwandelt. Sie platschten mit ihren Stiefeln durch matschige Pfützen.

»Nein, aber er ist schlau und gefährlich. Und romantisch. Das macht ihn noch gefährlicher. Und unberechenbar.« Grujewitsch gestand sich ein, er war ein wenig eifersüchtig auf den Ruhm seines Gegenspielers. »Ich glaube, die Deutschen wollen mit uns reden. Und sie fühlen vor auf diese komische Art. Wenn was dran ist an der Sache, dann ist das vielleicht die große Chance für die Sowjetunion – und für den Genossen Berija«, sagte Grujewitsch. »Stell dir vor, die würden wieder Handel mit uns treiben, uns Rohstoffe abkaufen, Industriewaren liefern. Dann könnten wir unsere Wirtschaft aufbauen und die Armut beseitigen.«

»Du warst schon immer ein Ketzer und naiv, das gehört ja auch zusammen«, lachte Iwanow. Er wurde gleich wieder ernst. »Und wenn das Ganze eine Fälschung ist, des SD oder von wem auch immer? Vielleicht wollen die Amerikaner uns hereinlegen? Der Funkspruch behauptet, Deutschland wolle politisch und wirtschaftlich wieder mit der Sowjetunion zusammenarbeiten, sei sogar bereit, sich für den Bruch des Nichtangriffspakts 1941 zu entschuldigen. Jetzt stell dir vor, Boris Michailowitsch, das wäre ein CIA-Trick. Dann streckt der Genosse Berija seine Hand aus, und die in Berlin spucken drauf. Und dann können wir im Völkischen Beobachter lesen, was für ein Trottel der Genosse Berija ist. Die Deutschen lachen sich tot, die Amerikaner lachen sich tot. Was für eine Blamage.« Iwanow blieb abrupt stehen. Er wischte sich mit dem Ärmel über die nasse Stirn. »Boris Michailowitsch, und wenn es Leute bei uns sind, die dem Genossen Berija eins auswischen wollen? Anhänger von Väterchen Stalin, denen es nicht passt, was der Genosse Berija zuletzt über Deutschland sagte?«

»Ja, möglich. Aber wenn es doch wahr ist? Wann kriegen wir dann wieder eine solche Chance? Vielleicht nie.«

Gut, dass ich wenigstens mit einem offen sprechen kann, dachte Grujewitsch. Nikolai Nikolajewitsch ist ein Freund, einen besseren kann man sich nicht wünschen. Immer wenn Grujewitsch Sorgen hatte, ging er mit Iwanow spazieren, um zu sprechen. Sie kannten sich aus dem Krieg, als Smersch und Staatssicherheit zusammenarbeiteten, um Spione und Partisanen zu vernichten. Seit dem Krieg hatten sie sich nicht mehr über diese Arbeit unterhalten. Beide ahnten, es waren nicht nur feindliche Agenten und Volksschädlinge, die sie getötet hatten.

Grujewitsch und Iwanow stritten sich nur übers Essen, wo Iwanow die schwere russische Küche über alles pries, Grujewitsch dagegen für französische Speisen schwärmte oder für das, was die russischen Köche im Restaurant des Gewerkschaftshauses dafür hielten. Iwanow trank Wodka, Grujewitsch grusinischen Weinbrand.

Iwanow beneidete seinen Freund nicht. Wenn Grujewitsch den Funkspruch unter den Tisch fallen ließ und doch was dran war, dann wurde der General als Saboteur aus dem Amt gejagt. Falls er nicht gar seine letzte Dienstreise antrat, nach Sibirien. Wenn Grujewitsch Berija empfahl, auf das Angebot der Deutschen einzugehen, und es war eine Fälschung, dann war er ein Provokateur. Wenn es eine Verschwörung in der Partei gegen Berija war und Grujewitsch ignorierte den Funkspruch, dann wurde er als Hochverräter erschossen, sollte der Staatssicherheitsminister politisch überleben. Wenn er Berija sagte, er wisse nicht, was es mit der Sache auf sich habe, dann war er untauglich als Chef der Spionageabwehr und wurde zum Teufel gejagt. Grujewitsch konnte machen, was er wollte, die Gefahr blieb an ihm kleben.

Iwanow bewunderte seinen Freund, er blickte auf die hagere, lang aufgeschossene Gestalt neben ihm, den Rücken leicht vorgebeugt. Grujewitsch schien unerschütterlich zu sein, angstfrei, fast fröhlich. Iwanow erinnerte sich an einen Feuerüberfall ukrainischer Banditen ein Jahr vor Ende des Kriegs. Während die Sondereinheit des NKWD im Feuerhagel in Deckung lag und die Verwundeten schrien, befahl Grujewitsch ruhig, fast gelassen den Gegenangriff. Es hätte schiefgehen können, aber sie hatten keine Wahl. Überrascht über die konzentrierte Gegenwehr, waren die Partisanen geflohen. Auf beiden Seiten gab es viele Tote und Verletzte. Iwanow hatte mit dem Leben abgeschlossen; dass er nicht starb, verdankte er Grujewitschs Kaltblütigkeit.

Grujewitsch hatte weniger Angst um sein Amt als davor, eine Chance zu verpassen. Wenn man eine Gelegenheit nicht gleich packte und festhielt, dann war sie verschwunden und kam nie wieder. Es ist wie mit dem Pfeil der Zeit. Die Zeit schreitet voran und nie zurück. Wir betrachten das als selbstverständlich, dachte Grujewitsch, aber es ist ein Wunder. Der Krieg hat uns furchtbare Wunden geschlagen. Minsk und Umgebung sind radioaktiv verseucht. Sie hatten zwanzig oder dreißig Millionen Tote, dazu noch die Opfer von Stalins Terror. Deutsche und Russen hatten auf ihren Rückzügen die sowjetische Erde verbrannt, Städte, Dörfer, Kolchosen, Fabriken, Kraftwerke. Nur Abrüstung und Handel konnten die Sowjetwirtschaft vor dem Untergang retten. Aber wie abrüsten, wenn man von Feinden umgeben war? Im Fernen Osten drohten die Japaner. Die hatten auch schwer gelitten im Krieg, aber sie waren nicht die einzige Gefahr. Im Westen standen die Deutschen an der ehemaligen russisch-polnischen Grenze. Hoch im Norden stieß das Sowjetreich fast an das Gebiet der USA, die dem Kommunismus feindlicher gegenüberstanden als je zuvor. Im Hass auf uns sind sie sich alle einig, Japaner, Deutsche und Amerikaner, dachte Grujewitsch. Aber die Amerikaner hassten auch die Deutschen und die Japaner, und das Bündnis zwischen Japanern und Deutschen war das Papier kaum wert, auf dem es stand, zu unterschiedlich die Interessen der einstigen Partner des Dreimächtepakts. Jetzt haben wir eine Chance, dachte Grujewitsch. Keine Ahnung, wie groß, aber haben wir eine Wahl? Nur ein paar Jahre Ruhe, und unser Land wird wieder so stark sein wie früher.

»Wir funken eine Antwort«, sagte Grujewitsch.

Iwanow lächelte: »Das war mir klar. Und was sagst du dem Genossen Berija?«

»Nichts, warum dem Genossen Minister ungelegte Eier anpreisen?«

»Du kennst das Risiko, Boris Michailowitsch«, sagte Iwanow.

»Ja.«

Am Abend ging Grujewitsch zu Anna. Sie hatte ihn anfangs für einen Feuerwehrmann oder Hotelportier gehalten. »Ach, du bist General der Staatssicherheit. Dann pass mal gut auf die Russen auf«, verspottete sie ihn. Sie hatte keine Ahnung von seiner Arbeit, Politik war ihr egal. Für sie gab es nur die Musik. Anna war weltfremd und fröhlich. Sie war anders als alle anderen Frauen, die Grujewitsch kennengelernt hatte. Er spürte, dass er sich in sie verliebte.

»Was ist mit dir?«, fragte Anna, als sie ihn hereingelassen hatte.

»Hatte viel zu tun«, erwiderte Grujewitsch und nahm sie in den Arm.

Sie entwand sich seinen Händen. »Nein, sag, was los ist. Hat deine Frau was gemerkt?«

Grujewitsch stutzte. Sie hatte ihn nie gefragt, ob er verheiratet sei. »Nein, das ist es nicht.«

Sie stand in der Ecke ihres kleinen Zimmers und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. »Was ist es dann?«

»Ärger im Büro«, sagte Grujewitsch.

»Waren die Russen nicht artig heute?«, fragte Anna.

»Die Russen schon.« Grujewitsch lächelte.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte Anna.

»Ich verstehe es selbst nicht«, sagte Grujewitsch. »Aber es ist ein Staatsgeheimnis.«

»Ich habe dich nie gefragt, was du in deinem Beruf tust, das war ein Fehler«, sagte Anna. »Erzähl mir, was du tust.«

Anna stellte eine Flasche grusinischen Rotwein und zwei Wassergläser auf den kleinen, mit einem Wachstuch bedeckten Tisch. Grujewitsch hatte die Flasche vor einigen Tagen in einem Sonderladen gekauft. Anna legte einen Korkenzieher daneben. Er öffnete die Flasche und goss beiden ein. Schweigend tranken sie einen Schluck.

Dann sagte Grujewitsch: »Ich bin Leiter der Spionageabwehr. Ich und meine Genossen müssen verhindern, dass Feinde uns auskundschaften. Wir müssen erfahren, was unsere Feinde vorhaben. Je früher wir es wissen, umso weniger Schaden können sie anrichten.«

»Wer sind deine Feinde?«, fragte Anna.

»Unsere Feinde geben sich oft nicht zu erkennen. Alle fremden Staaten können Feinde sein. Sicher ist es aber bei keinem …«

»… außer bei den Deutschen«, unterbrach Anna.

»Nicht einmal bei denen bin ich mir noch sicher. Wie einfach war die Welt, als wir genau wussten, wer uns an die Gurgel wollte und wer nicht. Heute sind Deutsche, Japaner und Amerikaner meistens Feinde, manchmal vielleicht aber auch nicht. Wenn die Engländer und Italiener sich einmal erholt haben werden, wird die Lage noch unübersichtlicher. Und die Chinesen sind die geheimnisvollsten Nachbarn überhaupt.«

»Aber das ist doch bestimmt seit Kriegsende so. Warum bist du heute so abwesend?«

Grujewitsch stutzte. Sie hatte recht, seine Umarmungsversuche waren mechanisch gewesen.

»Heute habe ich erfahren, dass unser gefährlichster Feind vielleicht gar keiner mehr ist«, sagte Grujewitsch. »Wenn ich dir mehr verrate, begehe ich ein Verbrechen, auf das die Todesstrafe steht.«

»Aber es ist doch schön, wenn man einen Feind verliert. Freu dich!«, sagte Anna unbeeindruckt.

»Vielleicht verlieren wir einen Feind, aber vielleicht will der Feind uns nur hereinlegen, um uns doch noch zu vernichten.«

Er nahm sie in den Arm und küsste sie. Diesmal wollte er es, und sie ließ es zu.

Als er neben ihr im Bett lag und einzuschlafen versuchte, lächelte Grujewitsch. Er schlief in dieser Nacht so fest wie lange nicht. Er wusste nicht, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hatte.

***

Werdin betrachtete lange den braunen Umschlag, den Carpati auf die Stuhllehne gelegt hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass er den Umschlag wegwerfen sollte. Carpati hatte sich bemüht, ein leises Lächeln zu verbergen, als er das Kuvert herausrückte, das verhieß nichts Gutes. Werdin hasste es, in anderer Leute Hand zu sein, Carpati hatte ihm dieses Gefühl gegeben. Was im Umschlag war, hatte etwas mit ihm zu tun. Der Lackaffe und der Holzkopf glaubten, er würde umfallen, wenn er den Inhalt kannte. Warum sonst waren sie nicht gleich wieder zurückgefahren nach San Diego? Warum sonst übernachteten sie in einem dreckigen Loch wie Tierra del Sol? Werdin grinste kurz, er sah Carpati im einzigen Hotel von Tierra del Sol, einer lauten Spelunke mit klebrigen Türklinken, fleckigen Betten und dem stinkenden Badezimmer im Gang. Als er damals den Hof besichtigt hatte, hatte Werdin in dem namenlosen Hotel übernachtet, und er würde lieber bei Sturm unter freiem Himmel schlafen, als es noch einmal zu tun.

Der eitle Italiener war ein Fuchs. Myers gehörte zur alten Garde, diese Haudrauftypen hatte es in Deutschland auch gegeben, viel zu viele. Bei all ihren Heldentaten in der Vergangenheit, sie waren Verlierer. Carpati aber war gefährlich.

Werdin ahnte, die Vergangenheit würde zurückkehren. Dem ersten schlechten Traum würden weitere folgen. Der Besuch der beiden CIA-Agenten hatte genügt, seine neue Identität zu zerstören. Werdin war nach einigen Jahren zu Vandenbroke geworden, die Vergangenheit schrumpfte allmählich zu einem dumpfen Gefühl. Sie war Fetzen für Fetzen aus seinen Träumen verschwunden. Werdin merkte den Übergang nicht, eines Tages fühlte er sich als Vandenbroke, und dieses Dasein befriedigte ihn. Er vergaß, warum jeden Monat viertausend Dollar auf sein Konto bei der Bank in Tierra del Sol überwiesen wurden. Es war mehr, als er brauchte, um eine Zisterne zu bauen, Tomaten und Kürbisse zu pflanzen und hin und wieder Bücher zu bestellen in Tom McGuire’s Papierhandlung. Tom hatte sich an den holländischen Kauz gewöhnt, manchmal unterhielten sie sich übers Wetter, das Indianerreservat oder den Staub.

Werdin erkannte, wie brüchig sein neues Ich war. Ein paar Kleinigkeiten würden genügen, es zu zerreißen. Er hatte keine halbe Stunde mit Myers und Carpati gesprochen und war wieder Werdin, der Verräter.

Er ahnte, dass der Inhalt des Umschlags ihm die letzte Illusion rauben würde. Die Vergangenheit zog mit aller Macht an ihm. Die Jahre auf dem Hof waren Selbsttäuschung gewesen.

Werdin nahm den Umschlag und ging in die Küche. Heinrich hatte es sich auf dem Küchentisch bequem gemacht und würdigte ihn keines Blicks. Werdin setzte sich an den Tisch und schaute aus dem Fenster ins Tal. Dann öffnete er vorsichtig den braunen Umschlag, darin befand sich ein kleineres, schmutzig weißes Kuvert mit dem Stempel Botschaft der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Mit blauer Tinte war fein auf die Vorderseite geschrieben: Knut Werdin, Vereinigte Staaten von Nordamerika. Kein Absender. Werdin nahm ein Küchenmesser und trennte den Umschlag bedächtig am Falz auf. Mit dem Zeigefinger weitete er den Schlitz. Er erkannte einen Brief und ein Foto. Er zog das Foto mit Daumen und Zeigefinger langsam aus dem Umschlag und legte es auf den Küchentisch. Einen kurzen Augenblick hörte er auf zu atmen. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Das Schwarzweißbild zeigte eine Frau und einen kleinen Jungen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Es war Irma, kein Zweifel. Als sie sich liebten in einer der letzten Bombennächte in Berlin, trug sie einen Gretchenkranz. Blond und blauäugig, sah sie fast aus wie eine Vorzeigefrau vom Bund Deutscher Mädel. Nur war sie schlanker und das Gesicht nicht bäuerlich breit, sondern schmal und fein geschnitten. Irma war tot, er hatte sie sterben sehen. Wer war die Frau auf dem Bild? Wer war der Junge? Er drehte das Foto um, auf der Rückseite fand sich nur der Stempel des Fotografen: Alfred Schmitt, Unter den Linden 67, Berlin.

Er sah seine Hand zittern, als er den Brief aus dem Umschlag zog. Wenige Zeilen nur, er schaute zuerst auf die Unterschrift: Irma. Das kann nicht sein, dachte Werdin. Das kann nicht sein. Irma ist tot. Er las:

Lieber Knut,

Du hältst mich wahrscheinlich für tot. Ich habe aber alles überlebt. Vielleicht verdanke ich es auch Josef. Du sollst wissen, dass wir einen Sohn haben. Ich würde Dich gerne wiedersehen. Vielleicht ändern sich ja die Zeiten, und wir können reisen, wohin wir wollen. Uns geht es sonst ganz gut. Die schlimmsten Zerstörungen des Kriegs sind beseitigt. Ich hoffe, Du bekommst diesen Brief. Ich werde ihn in den Briefkasten der Schweizer Botschaft werfen.

Deine Irma

In Werdins Kopf pochte das Blut. Erstarrt saß er auf dem Stuhl. Sein Magen zog sich zusammen. Er hörte die Schüsse vom Ufer, die Schreie und sah, wie Taschenlampen hektisch ihren Schein übers Wasser warfen. Er sah Irma im schwarzbraunen Wasser des Rheins verschwinden.

Er starrte lange auf das Bild. Eine Schönheit mit offenen Haaren, ihr Blick schien ihn zu fragen, ob er zurückkäme. Werdin wusste, innere Bilder schleifen sich ab in der Erinnerung, aber was er sah, war Irma. Kein Zweifel war möglich. Sein Blick wanderte zu dem Jungen an Irmas Hand. Vielleicht bildete er es sich ein, der Junge war ihm ähnlich, leicht ausgeprägtes Kinn, schlank, mit einem Anflug von Trotz oder Entschlossenheit im Gesicht. Aber war es sein Sohn?

Er nahm eine Flasche Tequila aus dem Küchenschrank und goss ein Wasserglas halb voll. Werdin leerte das Glas mit einem Schluck. Er hatte lange nichts mehr getrunken, weil er gemerkt hatte, dass er anfällig wurde. Alkohol schwächte die Selbstkontrolle. Er sehnte sich oft nach der Entspannung, die Alkohol einem verschaffte. In Berlin hatte er manchmal zu viel getrunken, obwohl er die Gefahr kannte, der er sich damit aussetzte. Wenn er trank, vergaß er den Druck und die Angst. Und erhöhte die Gefahr. Ein falsches Wort und er endete auf der Guillotine in Plötzensee oder vor einem Erschießungskommando der SS. Die Amerikaner boten ihm bei den Befragungen Whiskey an. Einmal hatte er zwei Gläser getrunken, und danach plagte ihn die Angst, zu viel gesagt zu haben. Seitdem trank er nur noch Wasser.

Das Bild in der Hand, spürte er, wie der Tequila das Zittern aus seinen Gliedmaßen vertrieb. Irma war tot. Doch sie war die Frau auf dem Foto. Und es war womöglich sein Sohn. War es eine Montage, hatte Schellenberg in die Trickkiste gegriffen? Werdin holte aus dem Wohnraum eine Lupe und setzte sich wieder an den Küchentisch. Er entdeckte keine falschen Übergänge, aber Schellenbergs Fälschungen waren besser als die Originale. Das hatte er von Heydrich gelernt, der sich rühmte, er habe mit präparierten Dokumenten Stalin vor dem Krieg dazu gebracht, Marschall Tuchatschewski und einen großen Teil des Offizierskorps der Roten Armee auszurotten. Heydrich hatte seine Rolle dabei übertrieben, wie so oft. Stalin brauchte keine Beweise für seinen Terror. Canaris und die feinen Herren der Abwehr fanden die Aktion unwürdig, aber sie beklagten sich nicht, als zu Beginn des Kriegs die durch Stalins Massenmord geschwächte Sowjetarmee ihr Debakel erlitt. Heydrich war längst ermordet, Schellenberg aber erwies sich als sein Meisterschüler, raffinierter noch als die blonde Bestie der SS.

Werdin setzte sich in seinen Ford und raste in einer Staubwolke nach Tierra del Sol. Er bremste den Wagen mit rutschenden Reifen vor dem Eingang. An der Bar, die auch als Rezeption diente, rief er: »Wo sind die Typen aus Washington?« Der Barkeeper hob die Hand, Daumen, Zeige- und Mittelfinger gestreckt. Werdin stürzte die Treppe hoch, riss die Tür von Zimmer 3 auf und brüllte: »Wo habt ihr das Foto her?«

Myers lag auf dem Bett. Er fuhr aus dem Dämmerschlaf hoch und sagte nichts. Er klopfte an die Wand zum Nebenzimmer, kurz darauf kam Carpati.

»Wo habt ihr das Foto her?«, fragte Werdin, er betonte jedes Wort. »Das wird Ihnen Crowford erzählen«, sagte Carpati. »Schon morgen.«

»Sagen Sie mir, was Sie wissen!«, forderte Werdin.

»Geht es um den Brief?«, fragte Carpati.

»Um was denn sonst!«

»Na ja«, sagte Carpati in quälender Gelassenheit, »der wurde in den Briefkasten der Schweizer Botschaft geworfen. Wir haben keine Botschaft in Berlin, die Schweizer vertreten unsere Interessen in Deutschland. Das behaupten sie jedenfalls.«

»Wann wurde der Brief eingeworfen?«

»Vor gut zwei Jahren«, antwortete Carpati.

»Warum erfahre ich jetzt erst davon?«

»Komische Frage! Sie wollten doch nichts mehr mit uns zu tun haben. Sie haben Crowford angeschnauzt, er soll Sie in Ruhe lassen. Wir haben uns daran gehalten, und jetzt beklagen Sie sich.«

Carpati hatte recht. Und doch empfand Werdin es als Schikane. Er schnaufte. »Aber jetzt haben Sie beschlossen, dass Ihnen meine Ruhe scheißegal ist. Jetzt kommen Sie hierher. Bestimmt nicht wegen des Briefs. Bestimmt nicht, um nett mit mir zu plaudern. Was wollen Sie?«

Myers schaltete sich ein. Er grinste frech. »Das wissen wir nicht. Crowford und Dulles werden es Ihnen sagen.« Myers zog ein Ticket aus der Innentasche seines über einem Stuhl hängenden Jacketts und reichte es Werdin. »Morgen Mittag geht unser Flieger.«

Sie haben gewusst, ich würde mitkommen, dachte Werdin und spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.

II.

SS-Gruppenführer Werner Krause gab sich Mühe, gefasst zu wirken. Wenn das Unternehmen schiefging, war es für eine Weile vorbei mit der Beförderung. Oder es kam noch schlimmer. Andere wären zufrieden mit seinem Rang, viele durften davon nur träumen. Aber je höher man kommt, umso höher will man hinaus. Man kann sich gegen diesen Wunsch nicht wehren, dachte Krause. Es ist ein Naturgesetz, der Mensch strebt nach Höherem.

Krause saß in seinem Büro im zweiten Stock des Hauses des Sicherheitsdienstes, Wilhelmstraße 102, Berlin. Er lehnte sich mit seinem Stuhl nach hinten, dann wieder nach vorn. Er zündete sich eine Zigarette am Stummel der letzten an. Er griff zum Hörer eines der drei Telefone auf seinem dunkel gebeizten Eichenschreibtisch. Als am anderen Ende jemand abnahm, sagte er nur: »Melden Sie sich bei mir.«

Keine Minute später ging die Tür auf. »Sturmbannführer Schmidtbaum meldet sich zur Stelle, Gruppenführer«, sagte hackenschlagend ein kleiner, dicklicher Glatzkopf in SS-Uniform.

Krause grüßte nicht zurück. »Haben Sie eine Antwort erhalten?«, fragte er in scharfem Ton.

»Das hätte ich sofort gemeldet, Gruppenführer«, antwortete Schmidtbaum laut.

»Sie sollen mir nicht sagen, was Sie getan hätten.«

»Jawoll, Gruppenführer«, brüllte Schmidtbaum. Er grinste innerlich. Immer wenn Krause unter Dampf stand, war er unerträglich. Sonst war er umgänglich, Schmidtbaum bewunderte die Intelligenz und das taktische Genie seines Chefs. Der wird mal einer wie Schellenberg, wenn nicht noch besser. Die großen Köpfe waren nun mal launisch wie Diven, es stand ihnen zu. Morgen, spätestens übermorgen würde Krause wieder einen Scherz machen oder ihm zulächeln, als Entschuldigung gewissermaßen. Nein, einen besseren Chef konnte Schmidtbaum sich schlecht vorstellen. Er betrachtete den schmächtigen Mann, dessen schwarze Haare an den Schläfen in Grauweiß übergingen. Dunkelbraune Augen blickten aus einem mageren, fast knochigen Gesicht durch die Lesebrille mit Stahlgestell. Man munkelte im Dienst, Krause sei ein Weiberheld, das Aussehen dazu hatte er. Auch unser großer Chef ist so ein Typ, Schellenberg soll ja sogar was mit Heydrichs Frau gehabt haben, zu dessen Lebzeiten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!