Der Abt und der Medicus - Peter Gruß - E-Book

Der Abt und der Medicus E-Book

Peter Gruß

0,0

Beschreibung

Als kleiner Bub wird Samuel dem Benediktinerkloster Hirsau geschenkt und im Sinne des Ordens erzogen. Er lernt und erlebt viel, wird ein bedeutender Ordensmann, zum Abt in Lorsch geweiht und erhält den Namen Erminold, der große Waltende. Auf abenteuerlichen Wegen gelangt der Medicus Marco von Salerno nach Lorsch, wo er den Abt schwer krank auffindet, ihm aber wirksam helfen kann. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine ernste Freundschaft. Erminold wird der erste Abt im Reformkloster Priefling bei Regensburg. Am Ende ereignet sich eine Katastrophe: Der Abt wird beim Gebet im Seitenchor der Kirche St. Georg angegriffen und am Kopf schwer verwundet. Der erfahrene Medicus soll ihn aber nicht operieren.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 566

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Prolog

Historische Persönlichkeiten, die im Roman wichtig sind

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

Prolog:

Liebe Leserinnen und Leser,

geboren bin ich im Januar 1940 in Dresden. Fünf Wochen nach meinem fünften Geburtstag wurde die Stadt in ein brennendes Trümmermeer verwandelt. Aufgrund ungewöhnlicher und glücklicher Umstände überstand ich das Chaos unversehrt und gelangte sogar zu bäuerlichen Verwandten nach Westfalen. In Münster konnte ich das Gymnasium besuchen und dann Medizin studieren. Nach dem Staatsexamen in Würzburg folgten Lehr- und Wanderjahre in Stuttgart, in der Pfalz und in Münster. Die Neurochirurgie hatte mich gefesselt. Ich erlernte dieses „Handwerk“ in Würzburg, wo ich 1973 akademischer Lehrer wurde. Im Herbst 1982 bekam ich den Auftrag, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg eine neue Abteilung für das Fachgebiet zu leiten und es damit in Ostbayern zu etablieren. Ich hatte die Gehirnchirurgie ohne die moderne Diagnostik (Computer- und Magnetresonanztomographie) gelernt und ausgeübt und dann den medizinhistorisch bedeutenden Aufschwung durch die neuen bildgebenden Verfahren nutzen dürfen, also selbst Geschichte erlebt, die mich faszinierte und veranlasste, in vergangene Zeiten zurückzublicken (siehe auch Literaturverzeichnis!).

1984 bezogen wir - meine Frau, unsere drei Kinder und ich - im Regensburger Westen ein schönes Haus, aus dessen Südfenstern wir die Türme der Klosterkirche St. Georg, Prüfening sehen können, wenn die Bäume nicht belaubt sind. Das Klostergelände und seine wunderschöne Umgebung sind hervorragend geeignet für Spaziergänge und kleine Laufrunden, bei denen ich den letzten Mönch des Klosters kennenlernte: Pater Emmeram von Thurn und Taxis, ein stattlicher alter Herr in der schwarzen Kutte der Benediktiner mit weißem Vollbart, aber kahlem Kopf lebte allein in dem Kloster. Er schaute oft aus dem Fenster seines Zimmers im ersten Stock neben der Fassade der Kirche und seine Mahlzeiten sowie milde Gaben zog mit einem Seil, an dem ein Korb befestigt war, zu sich hinauf.

Sein erster Vorgänger im Amt, der selige Abt Erminold liegt in Stein gemeißelt, die Heilige Schrift und den Abtstab in Händen, mit lockigem Haupthaar und ebenfalls Vollbart vor dem Altar in der Klosterkirche (siehe Buchumschlag außen!). Er ist ein Märtyrer. Im Jahre des Herrn 1121 wurde er von einem Klosterbruder erschlagen, weil er angeblich zu streng war. Sein letzter Nachfolger, Pater Emmeram, ließ sich bei gutem Wetter gern von der Abendsonne bescheinen und eventuell auch mal in ein Gespräch verwickeln, dessen Inhalte aber eher an der Oberfläche plätscherten, als in die Tiefe zu gehen. Einmal habe ich mich getraut, ihn zu fragen, warum eigentlich der Abt Erminold erschlagen wurde.

„Er war angeblich zu streng, aber das glaube ich nicht - es wird viel geredet“, hatte er geantwortet.

Auch in der Literatur wird von der Strenge des ersten Abtes berichtet, die sich wohl darauf bezog, dass er konsequent versuchte, die Ordensregeln des Heiligen Benedikt gemäß den Ansprüchen der Hirsauer Reform im neuen Kloster Priefling umzusetzen, eine Leistung, die besonders auch vom Begründer des Reformklosters, Bischof Otto von Bamberg, verlangt wurde (siehe Mönche, Künstler und Fürsten, Regensburg 2009). Welche Mittel der erste Abt im Einzelnen anwendete, konnte ich nicht eruieren. In dem Buch von V. Gufl wird der Mörder des Abtes als Schurke bezeichnet, worin außer dem Mord seine Schurkerei bestand, wird nicht beschrieben. Abt Erminold hingegen wird als untadeliger Mann dargestellt.

Der innige Wunsch seines letzten Nachfolgers, des fürstlichen Paters Emmeram, war es, einen Konvent zu gründen. Damit war er einige Jahre zuvor dem Herrn Wallraff und seinem Gehilfen auf den Leim gegangen, die sich angeboten hatten, Ordensbrüder zu werden. Er hatte ihnen die strengen Regeln des Heiligen Benedikt erläutert und versucht, sie mit langem Knien in der kalten Kirche beten zu lehren. Die angeblichen Ordensaspiranten hatten dort einen stereophonen Sound eingebaut und die Stimme Gottes ertönen lassen, die den hochwürdigen Pater aufforderte, das Kloster Obdachlosen und Bedürftigen zu öffnen und für ihr Wohlergehen zu sorgen. Der hatte aber den Betrug durchschaut und festgestellt: „Dies ist nicht die Stimme Gottes, es ist die Stimme Satans.“

Daraufhin hatten sich die Ordensanwärter zurückgezogen und den Pater Emmeram als offensichtlich streng und hartherzig bezeichnet. Herr Wallraff hatte so das Ziel erreicht, die Auflage seines sozialkritischen Buches zu steigern (siehe Engelmann und Wallraff, 1975). Behutsam und wohl auch skeptisch hielt aber der fürstliche Pater weiter hoffend Ausschau nach Ordensnachwuchs. So durften die Motorradrocker im Klosterhof verweilen, ein kleines Lagerfeuer entfachen und sogar Bier trinken. Er unterhielt sich mit ihnen, aber soweit ich es mitbekam, als ich mit meinem kleinen Hund dort spazieren ging, plätscherten die Gespräche auch hier an der Oberfläche und die wirklichen Fragen, Glaube, Religion, Lehre der Kirche, strenger Orden etc. wurden nicht erörtert. Ich selbst – konsequent streng katholisch erzogen und ausgebildet - habe viel darüber nachgedacht, studiert, gelesen, aber noch zu wenig geschrieben. Also habe ich mich konzentriert, in die vergangenen Zeiten zurückgeschaut und was ich zu sehen und zu hören glaubte, das habe ich aufgeschrieben.

Regensburg-Prüfening, im Jahr des Herrn 2014

Historische Persönlichkeiten, die im Roman wichtig sind:

Abt Erminold von Priefling, bis zu seiner Abt-Weihe hieß er vielleicht Samuel

Papst Leo IX. besuchte Hirsau 1049, ebenso Graf Adalbert von Calw

Abt Friedrich, Abt in Hirsau bis 1069

Prior Wilhelm aus Regensburg, Abt in Hirsau 1069 bis zu seinem Tod 1091

Papst Gregor VII. 1073 bis 1085, streng und autoritär

Gebhard v. Urach, Abt in Hirsau und Bischof in Speyer

Grimoaldus, Leiter der Medizinschule Salerno

Trotula, Lehrerin in der Medizinschule Salerno

Bischof Otto von Bamberg

Bischof Hartwig von Regensburg

Abt Reginhard, Kloster St. Emmeram Regensburg

Bruder Aaron, Kloster Priefling

Heinrich V. König und zeitweise Kaiser von 1106 bis 1125

Papst Paschalis II. 1099 bis 1118

Papst Calixt II. 1119 bis 1124

Romanfiguren:

Hannes und Valentin, Freunde von Samuel in Hirsau

Pater Vinzentius, Novizenmeister

Bruder Nikolaus, Buchbinder und Farbenhersteller

Bruder Bruno, Schmied und Handwerker

Rupert, Max und Ludwig, Betreuer im San Bernardino-Hospiz

Pater Adalbertus, Leiter des Skriptoriums in Hirsau

Philipp, ein Mönch und Störenfried

Die Brüder Alfonso aus Bellinzona, Lukas aus St Gallen, Theodorus aus Böhmen und Pater Musicus begleiten Abt Wilhelm und Pater Samuel nach Rom

Antonius, Freund von Alfonso

Marco, ein Kind aus Jerusalem, später: Medicus von Salerno

Renata, Mitschülerin und Freundin von Marco

Andreas, Mitschüler und Feind von Marco

Walther, Reiseführer aus Avignon

Ullrich, Wachmann im Kloster Cluny

Greta aus Tuttlingen, Marcos Frau und Mutter der drei gemeinsamen Kinder

Bruder Jordan, erster Krankenpfleger des Spitals in Priefling

Uli, Tierpfleger

1. Kapitel

Samuel wird ein Klosterschüler, erhält drei Sakramente, erlebt eine Vision und hohen Besuch.

Samuel fror jetzt nicht mehr so sehr: Sein Körper hatte den feuchten Strohsack schließlich ein wenig erwärmt und die Pferdedecke kratzte zwar, wenn sie mit der Haut in Berührung kam, hielt aber die kalte Zugluft doch einigermaßen ab. Gegen die Angst vor der Zukunft jedoch halfen weder der dünne Strohsack noch die Pferdedecke und auch nicht das gleichmäßige, leise Schnarchen von Hannes, der neben ihm in der kalten Scheune lag, in der die zwölf Alumnen des neuen Jahrgangs untergebracht waren.

Der Vater hatte dem nun achtjährigen Samuel, seinem jüngsten Kind, erklärt, das Kloster werde ihn in die Lehre des Heiligen Benedikt einführen und es sei eine Ehre für ihn, im Schutz der Klostergemeinschaft Gottes Nähe zu erfahren, zu beten und zu arbeiten, um den Allmächtigen zu verherrlichen. Auf dem großen Schlachtross hatte er ohne Sattel vor dem Vater gesessen und war durchgerüttelt worden. Beim Bergab-Gehen auf den steinigen Wegen hatte er mit gestreckten Armen die Hände in die dichte Mähne des Pferdes gekrallt, um nicht auf den Hals zu rutschen, wenn der Gaul den Kopf nach unten senkte. Der Vater war ein Ritter, aber seine Burg war klein und die zugehörigen Bauernhöfe und Ländereien zwischen den hoch gelegenen schwarzen Wäldern karg und schwer zu beackern. Samuel hatte drei Brüder, die ritterliche Soldaten werden sollten und zwei Schwestern, für deren Aussteuer die Mutter schon fleißig gesammelt und viel Mühe aufgewandt hatte. Samuel ahnte, dass ihm seine Heimat genommen war. Die Angst mischte sich mit Hoffnungen: Wenn er sehr fleißig sein, beten und sich anstrengen würde, könnte er vielleicht irgendetwas großes Geheimnisvolles erreichen.

Die Gedanken gerieten durcheinander und schwebten davon, der Schlaf nahm ihn in seine Arme.

Es war noch finster, als Samuel einen lauten Ruf vernahm: „Benedicite!“

Er staunte, dass der Hannes neben ihm schlaftrunken „Amen“ murmelte und sich die Augen rieb, als er im Licht einer Laterne einen langen, dürren Mann im schwarzen Habit mit Hakennase und perfekt geschnittener Tonsur sehen konnte.

„Alle aufstehen!“, rief der, als ein Stallknecht im Arbeitskittel, ebenfalls mit Laterne, hinzukam und einen großen, mit Wasser gefüllten Trog beleuchtete, in den er Leinenlappen hineinwarf. „Zieht alle Kleidung aus, werft sie hier auf den Haufen und wascht euch gründlich ab! Jeder bekommt Hemd, Beinkleid und einen Umhang mit Gürtel.“

Die Jungen rafften sich mühsam auf, einige schwankten noch etwas und zitterten, als sie nackt dastanden. Samuel schauderte, aber er fügte sich wie alle, die schließlich den Umhang aus grobem Wollstoff mit der vorgesehenen kräftigen Schnur gegürtet hatten. Der dürre Ordensmann mit der Hakennase schaute sie an, schüttelte ein wenig den Kopf, lächelte aber nachsichtig.

„Jetzt auf in die Kirche zum Morgengebet!“, rief er. „Danach gibt’s Frühstück - und ich bin übrigens Pater Vinzentius, der Novizenmeister für die Allerjüngsten. Ihr werdet viel zu lernen haben, besonders auch über Gehorsam, Keuschheit und Armut.“

Trotz seiner Angst und der Kälte hatte Samuel bemerkt, dass der Novizenmeister den Gehorsam zuerst genannt hatte.

Ein kurzer Gedanke, kaum wahrnehmbar, wie ein weit entfernter Blitz zuckte durch sein Gehirn: „Vielleicht werde ich selbst mal Novizenmeister“, verschwand aber sofort, als der Stallknecht ihn mit dem Ellenbogen anstieß: „Da hinaus geht's zur Kirche!“

Es war früh im Jahr, noch lange nicht Ostern, windig und sehr kühl. Die Jungen, alle etwa acht Jahre alt, folgten in der Finsternis der Laterne von Pater Vinzentius. Samuel sah Umrisse der Kirche, die die Klosteranlage als das größte Gebäude beherrschte. Sie näherten sich dem Turm, der über dem Eingang emporragte. Am anderen Ende des Kirchenschiffs machte eine zarte Helligkeit aus der Ferne des östlichen Himmels die Rundung des Chores erkennbar. Sie betraten die kalte, leere Halle der Kirche. Auf dem Altar, über dem das Kreuz mit dem steinernen Corpus Christi schwebte, waren vier Kerzen aufgestellt, deren Licht unruhig flackerte. Rechts und links im Chorraum standen Bänke für die Mönche. Die Alumnen wurden angewiesen, sich vorn im Kirchenschiff mit Blick zum Altar nebeneinander aufzustellen und die Hände zu falten. Rasch kamen ältere Schüler, Novizen und Ordensbrüder hinzu. Dann betraten durch einen Eingang von seitlich vorn die Mönche den Chorraum und nahmen auf den Bänken Platz. Sie begannen zu singen - in lateinischer Sprache, wie Samuel vermutete, der nichts verstand. Einige der Gottesdienstteilnehmer schienen zu brummen, also summte er leise mit, schon, um nicht einzuschlafen. Hannes schien noch ein wenig zu schwanken, aber keiner der Alumnen fiel um. Als Gesänge und Gebete beendet waren, spendete der Abt den Morgensegen. Pater Vinzentius winkte und führte seine Schützlinge in den Speisesaal, wo die hintere Tischreihe mit Bänken für die jungen Schüler bestimmt war. Es gab Magermilch, die säuerlich schmeckte, Graubrot mit Schweineschmalz, Rübensirup und Marmelade. Dem Samuel schmeckte es recht gut, aber Hannes verdrehte die Augen nach oben und die Mundwinkel nach unten. Alle kauten langsam und schweigend, wie es geboten war.

Nach dem Frühstück nahm der Stallmeister neun der Alumnen mit sich, die aus bäuerlichen Familien stammten. Die drei Knaben aus hohen Häusern - Samuel, Hannes und Valentin - wurden vom Novizenmeister zur Schreibstube begleitet, wo Pater Adalbertus, der Leiter des Skriptoriums sie begrüßte, ein kleiner, schmaler Mönch mit hängenden Schultern. Sein Kopf war völlig kahl, die Lippen schmal, die Wangen schlaff mit Falten seitlich am Mund senkrecht verlaufend. Aus seinen graublauen Augen musterte er aufmerksam die drei Ordensschüler.

„Seid gegrüßt, ihr Knaben“, sagte er. „Ihr könnt viel lernen, indem wir euch etwas zeigen und erklären, mindestens ebenso wichtig ist aber eure eigene sorgfältige Beobachtung.“

Er führte die drei im Saal herum, in dem Mönche und Brüder auf hohen Hockern saßen, schrieben, zeichneten, malten und lasen. Es war ruhig in dem Raum; wenn jemand umherging, den Saal verließ oder hereinkam, ging er langsam und vorsichtig. Gesprochen wurde wenig und wenn, dann sehr leise. Wenn Samuel sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte er die gestochen scharfen Buchstaben, gemalt mit schwarzer Tusche, auf dem Pergament sehen und sogar einige dieser wunderbaren Anfangsbuchstaben bestaunen, die von kleinen Gemälden umrankt waren. Samuel war beeindruckt, aber auch etwas verunsichert, weil der Pater die eigene Beobachtung für so wichtig erklärt hatte.

Vom Skriptorium gingen sie in einen fast ebenso großen Raum, in dem es lebhafter zuging. Auf Tischen und Regalen sah man tönerne Gefäße verschiedenster Größe sowie Töpfe und Kannen. Stifte, Pinsel und Federn standen in Bechern oder lagen in besonderen Schalen wie auch kleine Messer und Schaber. Ein besonders großer Tisch war nur mit Pergamentstapeln, Lederstückchen, kleinen Holzteilen, Leimtöpfen mit Holzlöffeln und allerlei Material bedeckt, dessen Bedeutung Samuel nicht erkennen konnte.

„In diesem Raum oder der Umgebung werdet ihr zunächst mal arbeiten, und dies ist der Bruder Nikolaus“, sagte Pater Adalbertus zu Samuel, Hannes und Valentin, wobei er auf einen kräftigen, noch jungen Mann hinwies, dessen Tonsur das Wachstum hellbrauner Haare kaum bändigen konnte und dessen graugrüne Augen nicht immer sichtbar waren, weil buschige Brauen vor ihnen hinunter hingen. Sein Bart war dicht, aber kurz geschnitten. Vor seinem Bauch und über dem Ordenskleid hing eine große Leinenschürze, völlig mit Klecksen und Farbspuren aller Art bedeckt.

„Bruder Nikolaus wird euch zeigen, was ihr zu tun habt. Die Arbeiten sind sehr wichtig. Sie bewahren das Wort Gottes, dienen seiner Verkündigung und helfen sogar dem Schreiber, das ewige Heil zu erlangen“, erklärte Pater Adalbertus und ging in das Skriptorium zurück.

Bruder Nikolaus wandte sich den drei Buben zu, ging mit ihnen zu dem großen Arbeitstisch und wies zwei Mitbrüder an, Hannes und Valentin mit Arbeit zu beauftragen. Den Samuel nahm er bei der Hand.

„Wir gehen jetzt hinaus. Ich zeige dir einen Haufen Kupfer, das uns der Schmied im Ort gegeben hat. Wir dürfen den Grünspan abkratzen, dann müssen wir ihm das Metall zurückbringen, es ist sehr wertvoll und er kann es noch verarbeiten“, erläuterte er während es Samuel gelang, seine Hand aus der Pranke von Bruder Nikolaus herauszuwinden.

Durch den trotz der frühen Jahreszeit schon gepflegten und reichhaltigen Klostergarten gelangten sie zu einer Scheune, in der sich eine Werkstatt mit allerlei Geräten und Holz befand, das in verschiedenen Stapeln gelagert war. Bruder Nikolaus suchte und fand zwei Schaber, einer aus Holz und einer aus Eisen mit Holzgriff. Er ging mit Samuel zur Seitenwand der Scheune, wo draußen ein ungeordneter Haufen Metall herumlag: Verbogene, meist angerostete Eisenteile und ganz unterschiedliche Kupferstücke mit Grünspan und Dreck verschmiert.

„Mit den beiden Spateln musst du kratzen und schaben, den Dreck wegwerfen und den Grünspan fein säuberlich ...“, er kramte noch einmal in der Scheune herum, kam mit einem Gefäß heraus, in das er die Schaber hineinwarf und es Samuel in die Hand drückte, „in diese Schüssel! Bis zum Elf-Uhr-Läuten, dann aufräumen, sauber machen, Hände waschen und in die Kirche!“, brummte er und verschwand.

Samuel bemühte sich, dieses grüne, krümelige Pulver zu gewinnen und von Dreck zu befreien. Seine Hände wurden klebrig, schmutzig, am rechten Zeigefinger bekam er eine Schnitt- und am linken Daumen eine Schürfwunde. Nach dem Elf-Uhr-Läuten stellte er die Schüssel auf die Arbeitsplatte in der Scheune, reinigte die Schaber an einem Grasbüschel, legte sie neben die Schüssel und trabte ganz langsam über den Klosterhof.

Vor der Scheune, wo die Alumnen untergebracht waren, traf er Hannes, der vor einem verlöschenden, noch schwelendem Feuer stand und mit einem dicken Haselnussstock versuchte, irgendwelche Kleidungsfetzen in die restliche Glut zu schieben.

„Das sind, nein, das waren die Kleidungsstücke, die wir am Körper hatten, als wir hier ankamen“, sagte er zu Samuel. „Der Bruder hat mich beauftragt, sie zu verbrennen, weil sie nicht mehr gebraucht würden. Sie wären nämlich viel zu klein, wenn wir vielleicht mal wieder nach Hause kämen.“ Er runzelte die Nase und kratzte in der Glut herum. „Ich muss jetzt auch aufhören, es hat ja schon elf Uhr geläutet“, meinte er leise. Die beiden Jungen klopften sich Schmutz und Staub von ihren Umhängen, gingen zum Wassertrog in ihrer Scheune, wuschen sich Hände, Arme und Gesicht, um langsam, wie sie es von den Brüdern und Mönchen gesehen hatten, in Richtung Kirche zu schreiten.

Das Mittagsgebet mit Gesang in lateinischer Sprache und die Predigt des Abtes, in der er auch die zwölf neu angekommenen Jungen als jüngste Schüler des Klosters begrüßte, dauerten über eine Stunde. Danach trafen sich alle im Speisesaal. Die schmalen, langen Tische und Bänke waren so ausgerichtet, dass Mönche, Brüder und Alumnen zu dem großen Kreuz an der Ostwand und dem erhöhten Pult darunter hinsehen konnten. Es gab Gemüsesuppe mit Gerstenkörnern und kleinen Fleischstückchen darin, auch Graubrot mit Schmalz, Äpfel vom Vorjahr, schon etwas schrumpelig, aber gut schmeckend wie auch Holundersirup, welchen man dem Trinkwasser in seinem Becher beimischen konnte. Als Speisen und Getränke verteilt waren, wurde gemeinsam ein Tischgebet gesprochen. Während des Essens las einer der Mönche hinter dem Pult stehend aus der Heiligen Schrift. Die Ordnung und die ruhige Sicherheit empfand Samuel als angenehm, dachte aber ein wenig ängstlich an die Möglichkeit, dass dies nicht immer so bleiben könnte und dass vielleicht doch mal Störungen und unvorhersehbare Ereignisse auftreten könnten. Das Mittagsmahl war besonders durch die Tischgebete und Lesungen zeitaufwendig und Samuel stellte bei sich selbst und seinen Tischnachbarn Anzeichen von Müdigkeit fest, die aber keinen Zweifel daran erlaubten, dass jeder nach kurzer Pause an seinen Arbeitsplatz zurückgehen musste. Samuel nahm wieder seine Schaber zur Hand. Die beiden kleinen Wunden waren trocken geworden, nicht gereizt und er nahm sich vor, etwas langsamer und vorsichtiger zu schaben. Auch fand er heraus, dass es besser war, ein zu bearbeitendes Metallstück mit einem angefeuchteten Lappen in die Hand zu nehmen, sodass es nicht so leicht wegrutschen und mit einer scharfen Kante die Hand verletzen konnte.

Auch zur Vesper trafen sich wie jeden Abend die Ordensleute, Anwärter, Schüler und Gäste in der Kirche. Langsam konnte sich Samuel schon mit den lateinischen Gesängen anfreunden, auch wenn er den Inhalt nicht verstand. Mit den wellenförmig schwingenden Melodien in oft tieferen Tonlagen übten sie eine beruhigende Wirkung aus. Beim anschließenden Abendessen gab es Graubrot, Zwiebelschmalz, Käse und Äpfel. Nach den Tischgebeten wurde in deutscher Sprache aus der Schöpfungsgeschichte vorgetragen. Das Paradies wurde dargestellt, noch ohne die ersten Menschen. Gegen Ende der Abendmahlzeit rezitierte der Lektor aus dem Buch der Psalmen: „Erhöbe ich zu den Bergen meine Augen, von keinem käme mir Hilfe. Vom Herrn kommt meine Hilfe, dem Schöpfer Himmels und der Erde.“

In der freien Zeit nach der Vesper ging Samuel mit Hannes und Valentin im Klostergarten spazieren. Dort setzten sie sich auf eine Bank und tauschten Erfahrungen des Tages aus: Hannes durfte helfen, Pergament zu schneiden und kleine Werkstücke für das Herstellen der Bücher anzufertigen. Valentin hatte schon Hilfsdienste beim Mischen der Farben geleistet, worauf er ganz stolz war. Samuel zeigte den beiden die wieder etwas gereizten Wunden an seinen Händen und berichtete vom Grünspan-Kratzen.

Das spätere Nachtgebet in der Kirche begann in deutscher Sprache, zog sich lange hin bis die Mönche die lateinischen Verse sangen, die jetzt nicht nur beruhigend, sondern so einschläfernd wirkten, dass Samuel schwankte und wohl umgefallen wäre, wenn Valentin ihn nicht kräftig angestoßen hätte. Als er schließlich auf seinem Strohsack lag, gingen ihm Abendgebete und Gebote durch den Kopf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit all deinen Kräften ...“

Er konnte sich das nicht vorstellen: Es gab zwar das steinerne Abbild Gottes am Kreuz, aber Gott war tot und der Sandstein, aus dem er gemeißelt war, schon etwas verwittert. Er war Einer von den drei Göttern, welche die Gottheit in einer Person darstellten. Wie sollte er welchen der drei lieben? Da war das mit der Mutter des Jesus schon irgendwie besser verständlich, aber sie war ja keine Göttin, sondern nur die Magd des Herrn, wie sie selbst gesagt hatte. Er spürte, dass er noch viel lernen und arbeiten musste, um das alles zu begreifen. Er wollte das auch, denn er fühlte, dass in diesem Kloster mit den Mönchen, der Kirche, den Gebeten, Gesängen und besonders den vielen Büchern Geheimnisse verborgen waren, von denen er vielleicht manche doch begreifen könnte.

Kaum war er eingeschlafen, wurde Samuel schon wieder von diesem durchdringend lauten „Benedicite!“ aus der Tiefe gerissen. Er schwankte zum Wassertrog, erfrischte sich mit dem kühlen Nass und ging zum Abtritt, wo schon zwei Buben ihr Wässerchen laufen ließen. Niemand sagte ein Wort. Dann zog er seinen Kittel an, schnürte ihn mit der Kordel und eilte zur Kirche wie die anderen Knaben auch. Es war noch dunkel und kalt. Die lateinischen Gesänge dauerten etwas länger als gestern, die Gebete waren fast gleich, der Abt hielt keine Ansprache. Nach dem Frühstück setzte sich der Novizenmeister zu den neu gekommenen Knaben, während alle anderen Ordensleute den Speisesaal verließen.

„Jetzt geht ihr an eure Arbeitsplätze, so wie gestern“, erklärte er. „Ihr werdet in verschiedenen Bereichen tätig, belehrt und ausgebildet. Je nach Begabung und Herkunft erlernt ihr ein Handwerk oder bereitet euch vor für Lesen und Schreiben, weil das für Mönche und Priester sehr wichtig ist. Die Vorstufe der Ausbildung dauert zwei Jahre, dann steigt ihr eine Stufe höher, das werdet ihr dann schon sehen.“

Er winkte in großem Bogen mit seinem rechten Arm, als wollte er auf das Kloster und dessen Umgebung hinweisen. „Also munter an die Arbeit!“, rief er.

Samuel fühlte sich überhaupt nicht munter, obwohl die Wunden an seinen Händen schon ziemlich unauffällig waren. „Zwei Jahre“, dachte er, „wie soll das denn gehen? So viel Kupfer gibt es doch gar nicht.“ Dann fiel ihm aber ein, dass es noch andere Farben als Grün gab. Das hatte er in der Werkstatt bei dem Skriptorium gesehen. Also ging er zu seiner Scheune, holte Schüssel und Schaber, suchte sich ein geeignetes Kupferstück mit Grünspan und begann zu schaben. Er wollte dabei beten, um göttlichen Trost zu spüren. Das gelang ihm aber nicht.

Stattdessen hatte er Heimweh, obwohl er zu Hause streng erzogen worden war. Er erinnerte sich, wie er mit seiner jüngeren Schwester abends im Burgkeller Marmelade genascht hatte: An einem Krug hatten sie den Öffnungsverschluss aus dünnem Pergament einfach mit dem Zeigefinger durchstoßen und das köstliche Früchtemus aufgeschleckt. Die Mutter hatte sie erwischt, beide mit einem Haselnussstock verdroschen und im dunklen Keller eingesperrt. Sie hatten Angst gehabt und geheult, bis die Mutter sie herausgelassen, aber nicht mit ihnen gesprochen hatte. In der Burg ganz oben war eine kleine Kapelle. Dreimal am Tag wurde dort gebetet und morgens wurde die Messe gelesen. Er, Samuel, war fast immer der Messdiener, weil die Brüder schlauer waren als er und sich drückten.

Jetzt rollte ihm doch tatsächlich eine Träne auf den Grünspan, der sich dort sogleich dunkel verfärbte. Samuel vermied weitere Tränen und schabte und schabte immer weiter, bis Bruder Nikolaus nach einigen Tagen abwinkte: „Morgen ist Sonntag und wir haben genügend Grünspan.“

Am folgenden Tag nach der Sonntagsmesse und dem Frühstück erklärte Pater Vinzentius den jungen Alumnen: „Morgen beginnt die Schule, zunächst mal drei halbe Tage in der Woche: Jeden Montag, Dienstag und Donnerstag vom Morgen bis zum Mittag.“

Nun war es Montag, der Schulraum befand sich im Hauptgebäude, hatte vier Bankreihen jeweils mit einem langen Tisch davor. Die Alumnen des ersten Jahrgangs hatten gut Platz in den ersten beiden Reihen, vor denen ein Pult stand, daneben ein Tisch mit allerlei Material und Samuel sah Schieferplatten, etwa so groß wie seine beiden Handflächen. Aber er sah auch eine Rute auf dem Tisch liegen, die ganz offensichtlich zur Einrichtung gehörte.

Der Pater Lektor betrat den Raum. „Guten Morgen ihr Schüler!“, sagte er. „Ihr steht jetzt alle auf und antwortet: Guten Morgen Herr Lehrer!“

Sogleich setzten sie diese Anweisung in die Tat um und der Unterricht begann: „Nehmt wieder Platz und hört gut zu! Wir unterrichten euch im Lesen und Schreiben, in Religion, Latein, Rechnen und Naturkunde. Das Evangelium Jesu Christi nach Johannes beginnt mit dem Satz: Im Anfang war das Wort. Lateinisch: In principio erat verbum. Also ist der erste Buchstabe in beiden Sprachen das i. Und das üben wir jetzt“, erklärte Pater Lektor und verteilte die kleinen Schieferplatten und Kreidesteinstifte. Sich selbst nahm er die größte Schieferplatte, malte ein kleines „i“ und ein großes „I“ darauf, stellte die Platte gut sichtbar vorn auf sein Pult und meinte: „So, das macht ihr jetzt nach!“

In den kommenden Monaten verspürte Samuel doch bisweilen Eintönigkeit oder Langeweile - und wenn die Schüler den vielen Regeln und der Strenge nicht gewachsen waren, gab es Dresche: Die Rute kam dann zum Einsatz: Das war eigentlich nichts Besonderes und die Buben hatten sich an einige Schläge auf das Hinterteil schon gewöhnt. Aber einmal erwischte es Samuel doch böse: Er hatte mit Valentin geschwätzt und dann auch noch dumm gelacht. Darüber regte sich der Pater Lektor so sehr auf, dass er Samuel mit rotem Kopf zu sich rief und ihn zwang, beide Arme mit offenen Handflächen auszustrecken. Dann packte er die Rute und schlug in die Hände des Schülers bis der heulte und zu seinem Platz flüchtete.

An der Seitenwand des Unterrichtsraumes hing das Bild der Mutter Gottes, die den kleinen Jesus im Arm hielt. Ihr blaues Kopftuch wurde von einem schmalen, goldenen Reifen gehalten. Als die Handinnenflächen noch brannten und der Unterricht sich quälend hinzog, schaute Samuel zu der Madonna hinüber. Ihre hellen Augen spendeten ihm Trost. Er wurde ruhiger und konnte das eintönige Leiern des Lektors besser ertragen. Die Demütigung belastete ihn aber noch monatelang.

Zur Arbeit wurde er im Skriptorium eingeteilt: Beim Mischen der Farben, sowie beim Herstellen von Büchern durfte er Hilfsdienste leisten, insbesondere konnte er oft zusehen, wie die erfahrenen Mönche in unendlicher Geduld Schriften kopierten, die Buchstaben mit verschiedenen Federn schrieben und die kleinen Abbildungen malten zur Verzierung der Anfangsbuchstaben nach einem Absatz oder beim Beginn eines neuen Kapitels. Er leistete auch gern Hol- und Bringdienste, weil er dann nach draußen kam, im Gelände unterwegs war und die Klosteranlage - bisweilen sogar deren nahe Umgebung - bestaunen und kennenlernen konnte.

Als nun fast zwei Jahre vergangen waren, rief der Novizenmeister die Jungen wieder zusammen, die damals gekommen waren. Deren Anzahl hatte sich ein wenig verringert: Zwei Schüler waren nach Hause geschickt worden und einer war vor einem halben Jahr weggelaufen, einfach geflohen. Seine Angehörigen hatten ihn nicht zurückgebracht.

„Ihr habt in den beiden Jahren einiges gelernt und wir sind zufrieden mit euch“, sagte Pater Vinzentius den Alumnen, die sich wunderten über dessen Feststellung. „In Kürze beginnt die Fastenzeit, ihr werdet dann das Sakrament der Buße und Vergebung erlangen. Reumütig bekennt ihr eure Sünden und Jesus selbst hat den Priester berechtigt, die Sünden zu vergeben, wie das Evangelium berichtet: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach: Empfanget den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Nach dem Sakrament der Buße und der Vergebung empfangt ihr den Leib des Herrn am Gründonnerstag. Etwa zwei Monate nach Ostern findet die Salbung, die Firmung statt, welche euch stärken und schützen soll. An jedem der kommenden Sonntage und auch immer am Mittwoch, also morgen zum ersten Mal, ist dafür Unterricht.“

Samuel war neugierig und keiner der Schüler seines Jahrgangs hatte Vorstellungen, auch nicht jene, die ein Jahr vor ihnen gekommen waren. Die noch älteren zu fragen, traute er sich nicht, es war auch nicht nötig, zumal schon am nächsten Tag nach dem Frühstück Pater Vinzentius laut und deutlich erklärte: „Die Zwei- und Dreijährigen bleiben jetzt hier im Speisesaal und nehmen die beiden ersten Reihen ein. Eure Becher dürft ihr mitnehmen. In dem großen Krug ist Wasser und der kleine enthält Waldbeerensirup, damit mir keiner verdurstet.“

Die schmalen Lippen unter seiner Hakennase verzogen sich zu einem gerade noch wahrnehmbaren Lächeln. „Und öffnet mal kurz die Fenster, ich komme gleich wieder“, sagte er noch und verschwand.

Die Jungen waren aufgeweckt, guter Dinge, taten, wie geheißen, und da kein Redeverbot war, unterhielten sie sich lebhaft miteinander. Die meisten hatten bislang, abgesehen vom Schulunterricht, nur niedrige Arbeiten verrichtet und waren doch etwas eifersüchtig auf jene wenigen Schüler, die vom Skriptorium erzählen konnten. Aber die gute Laune überbrückte dieses Problem; insbesondere tat es gut, mit den Schülern des anderen Jahrgangs mal zu reden und diese kennenzulernen.

Als sie schon fast dachten, Pater Vinzentius hätte sie vergessen, kam er zurück mit einem der Mönche, die während der Mahlzeiten aus den Büchern, meistens der Heiligen Schrift, vorlasen. Der Novizenmeister stellte sich vor die erste Bankreihe, legte den rechten Zeigefinger auf seine schmalen Lippen und bewegte die ausgestreckte, linke Hand ein wenig nach unten. Sogleich trat Ruhe ein und die Schüler nahmen Platz in den ersten beiden Bankreihen.

„Wir hören jetzt aus dem Evangelium, wie Jesus das Sakrament der Eucharistie einsetzte“, sagte Pater Vinzentius.

Der Lektor trat hinter das Pult und las mit klarer Stimme: „Als die Stunde gekommen war, begab Jesus sich mit den Aposteln zu Tisch. Und er sagte zu ihnen: 'Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.' Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: 'Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!' Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: 'Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.'“

Pater Vinzentius erklärte nun, dass dies die Worte der Wandlung seien, mit denen der Priester in lateinischer Sprache während der Messe das Brot in den Leib Christi und den Wein in das Blut Christi verwandelt.

Nachdem er seine Ausführungen beendet hatte, forderte er die Schüler auf: „Wenn ihr Fragen habt, so könnt ihr die jetzt stellen!“

Die Alumnen waren ohnehin schon beeindruckt, dass der Unterricht im Speisesaal stattfand und dass sie Wasser mit Sirup trinken durften, aber dass sie auch noch Fragen stellen konnten, machte sie jetzt sprachlos. Samuel hatte ja schon als ganz kleiner Bub in der Burgkapelle zu Hause ministriert, aber bei der Wandlung Genaues natürlich nicht sehen können, weil ihm der Priester den Rücken zukehrte, während er den Wein verwandelte und dann austrank. Dass es sich um Weißwein handelte, wusste Samuel, weil er ja dem Priester vor der Opferung den kleinen Becher reichen durfte. Jetzt saß er da und kratzte auf dem Kopf in seinen dunkelbraunen lockigen Haaren herum.

„Frage ruhig!“, forderte der Novizenmeister ihn auf.

Samuel zögerte, fasste sich ein Herz: „Kann man die Verwandlung sehen, wird der Wein rot?“, fragte er.

„Man kann es nicht sehen. Der Wein wird während der Messe in das Blut Jesu Christi verwandelt, aber er bleibt weiß. Es ist das heilige Geheimnis und unsere Glaubenspflicht, fest für wahr zu halten, was die Kirche lehrt“, antwortete Pater Vinzentius.

Samuel war enttäuscht, er schwieg. Ein Blitz aber fuhr in seinen Kopf. Er wollte fragen: „Seid Ihr die Kirche?“, erkannte aber rechtzeitig, dass diese Frage für alle Beteiligten so schwierig sein würde, dass er beschloss, sich die Frage zu merken und vielleicht später irgendwann zu stellen.

In den weiteren Unterrichtsstunden wurde viel gebetet, aus der Heiligen Schrift gelesen und auch in deutscher Sprache gesungen. Die beiden Mönche gingen mit den Alumnen in die Kirche und übten die Rituale für die Beichte und besonders für die Eucharistiefeier, welche in der Messe am Gründonnerstag vorgesehen war. Samuel erfuhr auch von Pater Vinzentius, dass seine Eltern der Einladung des Klosters zu dem Festgottesdienst folgen würden.

Er war überrascht, sehr gespannt und aufgeregt, aber zuerst wurde jetzt die Beichte vorbereitet. Dazu mussten die Knaben versuchen, in Stichworten, die Pater Vinzentius diktierte, auf ihr Tafelbrett zu schreiben, was ein zehnjähriger Bub bei seiner ersten Beichte wohl zu bekennen habe: „Zu wenig Frömmigkeit beim Gebet und in der Kirche, kein Gehorsam, Prügelei, Schamlosigkeit, Diebstahl, Lüge.“

„Ich habe nur wenige Stichworte gesagt, über die ihr nachdenken sollt. Die reichen nicht aus, ihr müsst euer Gewissen erforschen und nachdenken, ob ihr weitere Sünden begangen habt“, erklärte Pater Vinzentius und sowohl er als auch der Pater Lektor zählten noch lauter mögliche Taten und Untaten auf, die Gott beleidigt haben könnten.

Nicht nur Samuel war etwas verunsichert und geriet bei seiner ersten Beichte ins Stottern, konnte aber schließlich bekennen:

„Beim Gebet habe ich oft andere Gedanken gehabt, ich habe dem alten Klosterhund Steine hinterher geworfen, ich habe im Klostergarten Äpfel geklaut.“

„Wie viele Äpfel?“, fragte der Beichtvater.

„Habe ich vergessen“, antwortete Samuel wahrheitsgemäß.

„Waren die Äpfel noch am Baum, oder lagen sie darunter?“, wollte der Beichtvater wissen.

„Lagen darunter“, erklärte Samuel.

„Ego te absolvo a peccatis tuis“, klang es zur Erleichterung des Sünders aus dem Beichtstuhl. „Bete zur Buße andächtig drei Pater noster auf Latein in der Kirche kniend!“

Als nun wirklich der Donnerstag vor Ostern gekommen war, bemühte sich Samuel erwartungsvoll, aber nicht furchtsam, an Gott zu denken, an ihn zu glauben und auf ihn zu vertrauen. Wie aber Gott in ihn hineingelangen könnte, das überstieg seine Vorstellungskraft.

Die festliche Messe begann am Mittag in der überfüllten Kirche, wo die Erstkommunikanten vor dem Altar in breiter Reihe nebeneinander aufgestellt waren und zog sich lang hin, bis endlich der Abt den Knaben feierlich ein kleines Stück helles Brot, den Leib Christi, überreichte. Und zum Schluss sangen alle: „Großer Gott wir loben dich.“

Einige Angehörige waren zum anschließenden Abendessen im Speisesaal eingeladen darunter Samuels Eltern, welche dieser schüchtern begrüßte. Die Mutter weinte, er, Samuel, aber nicht.

Einige Wochen später während der Mittagspause spazierte Samuel im Klostergarten herum. Das Essen war recht spärlich gewesen. Er betrachtete das Kräuterbeet und schnupperte am Pfefferminz herum, zwickte mit den Fingernägeln einige der wohlriechenden Blätter ab und kaute genüsslich darauf herum, als er plötzlich einen gewaltigen Tritt in den Kniekehlen verspürte, der ihn zu Boden warf. Ein Gartenarbeiter mit schwarzen Haaren, dunklem Bart und völlig verdrecktem Kittel stand neben ihm und schwang mit der rechten Hand einen Knüppel, der auf Samuels Rücken landete. Mit der linken Hand riss der unheimliche Knecht den Umhang des Schülers hoch und schlug auf dessen nacktes Hinterteil. Samuel wand sich wie ein Wurm, aber es half nicht: Die linke Hand des bulligen Knechtes war wie ein Schraubstock in seinem Genick und der Knüppel wie ein Hammer auf seinem Rücken und Hintern bis dort blutige Striemen entstanden.

Dann drückte ihm der Knecht die Hand auf den Mund: „Wenn du was erzählst, werde ich dich verraten“, zische er leise.

„Was will er denn verraten?“, dachte Samuel trotz seiner Angst, die sich noch verstärkte, obwohl der Gartenarbeiter jetzt mit sich selbst und seinem Knüppel beschäftigt war, den er mit einem Lumpen abwischte und sich dabei von Samuel abwandte. Der ergriff seine Chance, raffte den Umhang an sich, zog ihn über den Kopf und rannte weg, wusste aber nicht wohin. In die Kirche, in das Skriptorium, in den Schlafraum für die Schüler? Seine Angst war schrecklich. Er lief an der Pforte vorbei ins Freie, wollte nach Hause, kannte aber den Weg nicht, nicht einmal die Richtung, stolperte in den Wald, hockte sich auf einen umgestürzten Baum und befühlte vorsichtig sein geschundenes Hinterteil, das sehr schmerzte. Er ordnete seine Kleidung, hielt den Umhang mit den Ellenbögen etwas nach hinten, damit die blutigen Striemen trocknen könnten, setzte sich wieder auf den Baumstamm und starrte vor sich hin.

Zwischen zwei riesigen Fichten sah er einen langsam heller werdenden Schimmer, der blieb dort, und obwohl er Tränen mit dem Handrücken aus seinen Augen wischte, wurde der Schimmer zu einem funkelnden goldenen Kranz. Darin erschien eine Frau mit blauem Umhang und schmaler goldener Krone. Die Augen der schönen Frau strahlten in das Herz des Buben, der nicht mehr weinte, nur noch staunte und überlegte, warum sie ihm irgendwie bekannt vorkam. Er konnte sie doch noch nie gesehen haben, unmöglich! Doch, das Bild an der Wand im Unterrichtsraum, das ihn schon einmal getröstet, als er Ähnliches erlitten hatte, fiel ihm ein. In Wirklichkeit war die Frau hier viel schöner als auf dem Bild und sie sprach zu dem Knaben: „Du bist Samuel, niemand kann dir ein Leid zufügen. Ich werde dich beschützen bis du ein alter Mann geworden bist.“

„Wer seid Ihr?“, flüsterte Samuel leise.

„Ich bin die Mutter!“, sagte die Frau zu Samuel, der sich wunderte, dass sie sein Flüstern überhaupt gehörte hatte. Sie lächelte ihn an, das Licht wurde schwächer und die schöne Frau verschwand.

Samuel hatte plötzlich keine Angst mehr, er fühlte, dass der Schutz dieser Mutter wirksam sein würde, obwohl ihn nichts an ihr an seine eigene Mutter erinnert hatte. Die hohe Frau, die ihn getröstet hatte, war vom Himmel gekommen, das wusste er jetzt und ging zum Kloster zurück. Am Abend bat er den Hannes um Verschwiegenheit und zeigte ihm seinen Rücken.

„Haste wohl 'ne ziemliche Schlägerei gehabt, aber warte mal 'nen Augenblick“, sagte der, als er die Striemen bestaunt hatte, lief weg, kam dann wirklich nach einem Augenblick wieder mit einem kleinen Stück Holunderholz in der Hand und murmelte: „Ist nämlich Kamillensalbe drin, muss ich noch einige Male abends aufschmieren, hast aber wohl noch Glück gehabt.“

„Kann mir schöneres Glück vorstellen, aber danke!“, murrte Samuel.

„Was war denn eigentlich los?“, ließ Hannes nicht locker.

„Dieser scheußliche Gartenarbeiter hat mich verdroschen, weil ich ein Paar Kräuter geklaut habe“, erklärte Samuel schließlich etwas zögernd.

„Willst du dich nicht beschweren, solche Prügel für ein Paar Gartenkräuter, der ist doch verrückt“, wandte Hannes ein.

„Nein, ich will mich nicht beschweren, Falläpfel Klauen wird ja auch als sündhaft bewertet“ brummte Samuel und Hannes schüttelte den Kopf.

Vorbereitungen und Feierlichkeiten für das Sakrament der Firmung, der Salbung, nach dem Fest des Heiligen Geistes, waren ähnlich, aber schlichter und einfacher als für die Kommunion, zumal die Knaben jetzt schon etwas Übung darin hatten, auch feierlichen Verpflichtungen des Ordenslebens nachzukommen. Der Abt zeichnete jedem Firmling mit dem Chrisam des Heiles ein kleines Kreuz auf die Stirn und murmelte: „Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist!“ Obwohl der Gottesdienst lange gedauert hatte, blieb Samuel noch eine Weile in der Kirche stehen und dachte dankbar daran, wie die hohe Frau ihn getröstet und gestärkt hatte.

Im Jahr des Herrn 1049 erlebte Samuel ein denkwürdiges Ereignis mit hohem Besuch im Kloster: Seine Heiligkeit Papst Leo IX. kam mit seinem Gefolge in der Absicht, die Reform des Benediktinerordens, die von Cluny ausgehen und sich weithin verbreiten sollte, nachhaltig zu fördern. In Hirsau sollte ein weiteres Zentrum für die Reform entstehen. Zunächst wurde auf seine Anweisung hin fleißig im Klostergelände gegraben mit dem Ziel, die Gebeine des Heiligen Aurelius zu finden. Am östlichen Rand des alten Friedhofs hatte Bruno, der Schmied eine große flache Grube ausgehoben, die er an einer Stelle vertiefte, an der er einen Fingerknochen entdeckt hatte. Er förderte schließlich ein Schädelskelett, einige Rippen und drei Röhrenknochen zu Tage und lief zum Abt, der sogleich den Heiligen Vater verständigte, mit dem er zum Ausgrabungsort kam.

Der Papst betrachtete aufmerksam die Skelettfunde, fiel auf die Knie und sprach: „Gnädiger Gott, wir danken Dir!“ Dann segnete er die Knochenteile mit den Worten: „Dies sind wahrlich die Gebeine des Heiligen Aurelius.“

Danach wurden die gehobenen Gebeine feierlich in einem Sarkophag beigesetzt.

Dem Abt und den wichtigen Persönlichkeiten des Klosters sowie dem Grafen Adalbert von Calw, seinem Neffen, gab der Papst den ehrenvollen Auftrag, eine neue Kirche sowie ein Klausurgebäude zu errichten und das Kloster insgesamt zu renovieren. Kaum war der Heilige Vater mit seiner Delegation abgezogen, begannen die Planungen und zügig auch die Arbeiten, für die Baumeister, Handwerker und Hilfskräfte aus der Umgebung herangezogen wurden. Der Einsatz solcher Leute von draußen war insbesondere auch deshalb notwendig, weil ja die wesentlichen Aufgaben des Klosters, Gebet, Lesen und Studieren der Heiligen Schrift, Schreiben und Gestalten der Bücher sowie auch die Seelsorge und der Unterricht für Schüler und Novizen nicht ruhen durften.

Der Lehrer für den Naturkundeunterricht hatte wieder viel über Nutzpflanzen, Giftpflanzen und Unkraut erzählt sowie auch über Samen und Früchte. Samuel hatte zwar meistens zugehört und sehr genau die Zeichnungen betrachtet, die der Lehrer auf die Schieferplatte gemalt hatte, aber er wollte das in der Natur beobachten und ging in den Klostergarten. Es war wieder Mittagspause und der Gärtner, der ihn verdroschen hatte, saß auf einem Randstein hinter der Himbeerhecke und döste vor sich hin. Kaum hatte er Samuel gesehen, schimpfte er schon: „Na du kleiner Faulenzer, was trödelst du wieder hier herum?“

„Es ist Mittagspause“, entgegnete Samuel.

„Gib keine frechen Antworten! Ich kann dir eine Tracht Prügel verpassen“, brummte der Gartenarbeiter.

„Das kannst du nicht“, erwiderte Samuel, blieb vor dem Knecht stehen und starrte ihn an, ohne mit den Wimpern zu zucken.

Der Mann stutzte, er konnte dem Buben nicht antworten und guckte in die Himbeerhecke. Samuel dachte an die Mutter Gottes, ging weiter und betrachtete die Pflanzen.

2. Kapitel

Im Jahr der Herrn 1050 baden Samuel und Hannes im kleinen Fluss und kommen zu spät zum Gebet.

Samuel war zu einem Jüngling herangewachsen, groß, schlank, beweglich mit guten Muskeln. Die braunen, dicht gewachsenen Locken waren ein wenig gekürzt, sie ließen die hohe Stirn und den Blick seiner grauen Augen in die Ferne frei. Ein zarter Flaum heller Haare sprießte an der Oberlippe und am Kinn. Er hatte viel gelernt, Religion, Geschichte und Naturkunde, konnte gut schreiben und die Heilige Schrift in deutscher und lateinischer Sprache lesen. Bei der Gestaltung der Bücher hatte er im Skriptorium und in der Werkstatt Erfahrungen gewonnen, die ihm bei den Mönchen Anerkennung eingebracht hatten.

Bruder Bruno, der Schmied, genannt „Bru Bru“, war nicht gerade beliebt bei den Schülern, weil er bisweilen hinterlistige Einfälle hatte, um diese zu ärgern. Hannes und Samuel glaubten aber, dass es jetzt wirklich um das Metall ging. Die beiden sollten ihm nämlich helfen, Alteisen und Kupfer zur Schmiede im Ort hinunterzutragen. Er hatte das mit Pater Vinzentius besprochen. Also erhielten Samuel und Hannes jeweils einen Sack, schon zugeschnürt, mit Altmetall.

„Ich glaube eher an Blei als an andere Metalle in dem Sack“, sagte Samuel zu Hannes, der dann auch seinen Sack anhob.

„Du könntest recht haben, was hat der nur da hinein getan?“, bestätigte Hannes, bückte sich tief herunter und zerrte den Sack auf seinen Rücken. Dann gingen die beiden ziemlich krumm hinter „Bru Bru“ her, der seinen Sack ganz locker über die linke Schulter geworfen hatte. Das Wetter war wunderbar, die Sonne schien hoch vom Himmel, aber obwohl es sogar leicht bergab ging, fiel Samuel bei jedem Schritt ein Schweißtropfen von der Nasenspitze. Die lockigen Haare waren verklebt und schmutzig, weil er manchmal mit seiner dreckigen Hand darüber gestrichen hatte. Die Wangen waren gerötet und sein schlanker Körper wankte bisweilen unter der Last des schweren Jutesackes, den er schließlich doch, wie auch Hannes, zur Schmiede schleppte. Der Meister dort, ein ziemlich kleiner Mann mit dicken Muskeln und großen Händen, fast so schwarz, wie sein Bart, grinste und nahm den Jungen die Säcke ab.

„Ja, das ist gut, wenn unsere zukünftigen Mönche auch mal wissen, was schwere Arbeit ist, da vorne könnt ihr Wasser trinken.“ Er zeigte auf einen Krug, neben dem ein schmuddeliger Becher stand.

Samuel und Hannes löschten ihren Durst und die beiden Handwerker unterhielten sich über Schmiedekunst. Der Dorfschmied überreichte „Bru Bru“ zwei Metallteile, eine Art Röhre und einen Zylinder mit Griff daran. Samuel hörte von „Bru Bru“ einen Satzfetzen: „Soll bessere Saftpresse bauen ...“

Er steckte die beiden Werkstücke in seinen ausgeleerten Tragesack, den er wieder über die Schulter schwang.

„Auf geht's“, knarzte er und winkte den Jungen mit seiner schwieligen Pranke. Die waren völlig erleichtert, weil sie nur ihre leeren Säcke tragen mussten.

Auf dem Rückweg kamen sie an dem kleinen Fluss vorbei, den Samuel auf dem Hinweg wegen seiner krummen Körperhaltung gar nicht gesehen hatte. An einer Biegung mit kleinem Kiesstrand war das Wasser etwas tiefer, seine Oberfläche silbrig, blau, unterbrochen von den Köpfen zweier Mädchen, eine mit langen blonden und eine mit tiefschwarzen Haaren, die zum Teil ihre Gesichter bedeckten und noch einen kleinen Ring auf der Wasserfläche um die Köpfe der Mädchen bildeten, die redeten und lachten, aber offensichtlich furchtbar erschraken, als sie den großen dunklen Mann und die beiden Jungen in ihren schmutzigen, grau-braunen Kitteln und mit verschmierten Gesichtern sahen. Jedenfalls sprangen sie mit all ihrer Schönheit aus dem Wasser, bedeckten ihre Blöße nur wenig wirksam mit ihren Umhängen und rannten davon.

Den Jungen war der Unterkiefer herabgefallen, die Augen waren nicht ganz so starr wie die Öffnung ihrer Münder. So etwas hatte Samuel noch nicht gesehen: Die schlanken, biegsamen Körper, ein zarter Ansatz von Brüsten, diese wunderschönen Pobacken, viel eleganter geformt als die seiner Mitschüler. Er fühlte eine wohlige Wärme vom Unterleib her seinen Körper erfassend, brachte schließlich den Mund wieder zu und musste schlucken.

Hannes öffnete blitzartig seine Kordel, warf den Umhang ab, zog Hemd und Beinkleid aus, sprang ins Wasser und war erst mal weg. Als er auftauchte, stöhnte er lustvoll und strampelte mit Armen und Beinen. Samuel konnte nicht anders: Er schälte sich ebenfalls aus den Kleidern und die Jungen planschten um die Wette.

„Bru-Bru“ rief: „Kommt sofort heraus. Bald ist Abendgebet!“

Die beiden lachten und tauchten unter. Ohne dass sie es verabredet hatten, hielten sie unter Wasser die Luft an. Als sie auftauchten, war „Bru Bru“ nicht mehr zu sehen.

Sie waren beide schlechte Schwimmer, konnten sich gerade eben über Wasser halten und nutzten die Gelegenheit, zu üben. Das machte zwar einen riesigen Spaß, aber die Zeit ging dahin und die Sonne näherte sich dem Horizont. Sie liefen zu ihren Kleidern und sprangen noch etwas herum, um trocken zu werden. Es war eine Wohltat: Schweiß und Dreck waren abgeschwemmt. Samuel schaute Hannes an, sah seinen hellen Körper. Nur Unterarme, Hals und Gesicht waren gebräunt, die schwarzen noch nassen Haare bedeckten die Stirn, seine dunklen Augen strahlten, er reckte die Arme hoch, in den Achselhöhlen sah Samuel kleine schwarze Haarbüschel, ähnlich wie über dem Glied mit dem Hodensäckchen.

Sie zogen Hemd, Lendenschurz und Beinkleid an, klopften Staub und Dreck aus den Umhängen, die sie mit den Kordeln gürteten und zogen hinauf zur Klosteranlage. Als sie ankamen, war die Sonne gerade untergegangen, das Abendgebet hatte längst begonnen.

„Oh, das gibt Ärger“, murmelte Samuel und Hannes nickte, als sie sich zur letzten Reihe der Betenden stellten. Nach der Andacht gingen sie langsam hinter der großen Gruppe von Mönchen, Brüdern und Alumnen zum Speisesaal. Der Novizenmeister winkte sie mit dem Zeigefinger zu sich.

„Heute gibt’s kein Abendessen sondern Arrest bis morgen früh, das hat mit Ordensgehorsam nichts, aber auch gar nichts zu tun, ihr könnt ja mal in Ruhe darüber nachdenken. Ihr wisst genau, dass die Zeiten für das gemeinsame Gebet streng einzuhalten sind.“

Er wandte sich an „Bru Bru“: „Bruno, Schweinestall“, sagte er und schritt langsam in Richtung Speisesaal.

„Bru Bru“ hatte die Lippen zusammengekniffen und schaute zu Boden. An der Wasserstelle nahm er einen Krug mit und gab ihn Samuel.

„Damit ihr nicht verdurstet“, brummte er völlig ungerührt und ging zum Schweinestall, die beiden hinter ihm her.

Eine abgetrennte, solide Kammer, die bisweilen für Jungschweine oder wild gewordene Eber verwandt wurde, war jetzt leer. Der Lehmboden war mit einigermaßen sauberem Stroh belegt, roch aber intensiv nach Schweinestall, obwohl in den dicken Hohlwänden oben einige Öffnungen vorhanden waren, etwa so groß, wie der Kopf eines kräftigen Mannes.

„Bitteschön“, sagte „Bru Bru“, als er die Tür aufhielt, wobei er offenbar keine Miene verzog, soweit Samuel das in der beginnenden Dämmerung erkennen konnte.

Als die beiden mit ihrem Wasserkrug in dem Gelass standen, hörten sie „Bru Bru“ draußen an der Tür hantieren und zweifelten nicht daran, dass er diese gut verschloss. Dann hörten sie nur noch das Grunzen der Sauen und Quieken der Ferkel aus den benachbarten Ställen.

Samuel stellte den Krug hinter die Türe in die rechte Ecke, wobei Hannes meinte: „Dann nehmen wir die gegenüberliegende Ecke zum Pinkeln. Ob es dann vielleicht etwas nach Mensch riecht?“

„Glaube ich nicht“, vermutete Samuel. „Die Schweine können ihre Duftmarken wirksamer hinterlassen als wir.“

„Weißt du ja gar nicht, sei doch nicht so pessimistisch“, entgegnete Hannes.

„Quatsch, natürlich weiß ich das, es ärgert mich bloß, dass ich nicht weiß, warum es so ist. Wir lernen ja auch so etwas nicht, stattdessen müssen wir diesen scheußlichen Kriegsbericht von Julius Cäsar übersetzen, wie er die Gallier niedergemacht hat, statt sie zu bekehren und dafür zu sorgen, dass sie den rechten Glauben bekommen.“

„Ich glaube, der Schweineduft ist dir ins Hirn gefahren“, schimpfte Hannes. „Jesus war doch noch gar nicht auf der Erde gewesen, als der Cäsar die Feldzüge machte.“

„Vielleicht hätte Jesus etwas früher kommen sollen“, brummte Samuel verunsichert und übellaunig.

„Das ist ja schon bald Gotteslästerung, so kommst du nicht weiter“, stellte Hannes fest.

„Stimmt, so komme ich nicht weiter“, musste Samuel zugeben und ging in die Ecke gegenüber dem Krug, um sich wenigstens etwas zu erleichtern.

Inzwischen konnte man in diesem Nebenstall nur noch die Löcher oben in den Wänden wahrnehmen, die verhinderten, dass die Jungen gegen die Holzwand stießen, wenn sie sich mal bewegen mussten.

„Hast du auch Hunger?“, fragte Samuel.

„Ich freue mich schon auf das Frühstück, hoffe doch, dass unsere Strafe morgen früh beendet ist“, meinte Hannes.

„Gegen die Ordensregel haben wir wohl verstoßen, aber schön war es doch, mal was anderes, und dann diese Mädchen, einfach wohltuend, der Anblick, richtig kribbelnd“, seufzte Samuel.

„Ich täte ja gerne mal eine in den Arm nehmen, die mit den schwarzen Haaren, ich glaube die hat zu mir hingeschaut, auch wenn sie wegrannte“, ahmte Hannes Samuels Seufzen nach.

„Das hast du dir nur eingebildet, und außerdem gehören wir zu der Ordensgemeinschaft und dürfen kein Mädchen berühren, Ordnung muss sein!“, belehrte Samuel seinen Freund.

„Wir sind ja erst Schüler, und gefragt hat mich niemand, was ich möchte“, antwortete der.

„Dann musst du wegrennen“, murmelte Samuel, träumte von schwarzhaarigen und blonden Mädchen, vom Wegrennen, schließlich von einem haarigen Teufel mit Hörnern, als plötzlich „Benedicite!“ in den Stall gerufen wurde.

Die Jungen rafften sich auf. Draußen stand eine große, dicke Gestalt. Auch in der Dunkelheit wusste Samuel: Es war „Bru Bru“. Sie klopften das Stroh von den Umhängen, gingen zu ihrer Scheune, wuschen Gesicht und Hände im Wassertrog, strebten aber sofort wieder ins Freie, weil ein Frühaufsteher der Alumnen gefragt hatte: „Wo wart ihr denn heute Nacht?“

Sie zogen ihre Umhänge aus, schüttelten und klopften sie und liefen umher, um sich zu lüften. Trotzdem konnte man riechen, dass sie im Schweinestall gewesen waren, was ihnen manche Seitenblicke einbrachte, die sie trotz des schwachen Lichtes in der Kirche bemerkten. Samuel hatte Hunger, betete dennoch andächtig, bat Gott um Vergebung und um Kraft bei der Bewältigung der Aufgaben und Pflichten, die das Ordensleben verlangte. Beim anschließenden Frühstück nahmen Hannes und Samuel zwei Schnitten Brot mehr als gewöhnlich, schmierten mehr Schmalz, Marmelade und Sirup darauf, und Samuel ergatterte einen besonders dicken Apfel, von dessen süßem Aroma Trost in sein armes Hirn einströmte.

Hannes raunte ihm zu: „Ich glaube, mit unserer Strafe haben wir noch Glück gehabt, „Bru Bru“ hat wohl nicht schlecht über uns geredet, sonst hätten wir vielleicht zwei Tage Karzer und noch Prügel bekommen

„Kann sein“, murmelte Samuel.

Nach der Stärkung begann wieder der Unterricht, der die Vormittage nun weitgehend ausfüllte. Aber heute wurde nicht mit Schreiben, Lesen und Lateinunterricht begonnen, sondern mit Naturkunde.

„Gott hat die Menschen erschaffen“, erklärte der noch junge Mönch, welcher zuständig war für die Erläuterung der Vorgänge in den Lebensräumen. „Er hat ihnen die Erde mit all ihren Kräften, Elementen und Lebewesen gegeben, die er sich untertan machen soll. Die Natur darf er beherrschen, wenn er es vermag, aber verantwortlich ist er vor Gott. Ihm muss er dienen und gehorchen. Der Mensch wird geboren aus dem Leib der Frau, die sich mit einem Mann vereinigt hat. Ohne Sünde und unbefleckt ist nur Jesus geboren, den die Mutter Gottes empfing vom Heiligen Geist.

Der kleine Mensch wächst ähnlich wie die Tiere. Die Jungen reifen zu Männern, wenn sie erwachsen werden, ändert sich ihr Körper, wird groß, muskulös und kräftig. Oft strömt gerade im Frühjahr Blut in die Endabschnitte des Körpers. Nase, Finger, Zehen und besonders das Glied können davon anschwellen. Dem sollt ihr keine Bedeutung beimessen und besonders nicht am Glied herum fummeln, das ist sündhaft“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger und redete dann noch allerlei über die Aufzucht und den Umgang mit Haustieren, wobei er sich besonders den Schweinen zuwandte. Samuel hörte sehr genau zu und musste feststellen, dass sein Blut weder in Zehen oder Finger, auch kaum in die Nase einströmte, sondern nur in das Glied, das er gern berührte und streichelte. Dass solches Tun klar als sündhaft bezeichnet wurde, verursachte ihm Angst und Unruhe. Weniger beeindruckte es ihn, dass der naturkundige Mönch sich heute so ausgiebig mit Schweinezucht beschäftigte. Da musste er schon darauf achten, dass niemand sein Grinsen bemerkte.

Nach der Mittagsandacht und dem Essen, das oft zeitaufwendig war wegen der Gebete und Lesungen, verbrachte Samuel die Nachmittage meistens im Skriptorium und der angrenzenden Werkstatt. Er hatte große Fortschritte gemacht beim Herstellen der Farben sowie mancher Federn und Pinsel zum Schreiben, Zeichnen und Malen. Die Herstellung von Grün aus seinem Grünspan war nicht so gut gelungen, wie Bruder Nikolaus sich das vorgestellt hatte, aber Samuel fühlte sich dadurch nicht betroffen. Die Arbeit fesselte ihn, zumal er doch zunehmend auch Inhalte verstand und die Schönheit der Schrift und der Buchmalerei ihn beeindruckte.

„Du hast schon den Umgang mit Geräten und mit Farben erlernt. Ich könnte mir vorstellen, dass dir auch das Schreiben selbst gefallen würde“, sagte Pater Adalbertus und gab ihm ein fein gezeichnetes Blatt aus einer Bibelhandschrift. „Dieses Blatt soll kopiert werden, schreib nur ganz langsam“, riet er ihm. „Du bist noch sehr jung, hast viel Zeit, schau jedes Gerät, jede Feder genau an, und wenn du Fragen hast, wende dich ruhig an mich oder auch an Bruder Nikolaus.“

Als Samuel nun eine halbe Zeile geschrieben hatte, war der Nachmittag fast herum. Er ging mit seinem Pergament zum Pult von Pater Adalbertus und schaute zu, wie der schrieb. Besondere Aufmerksamkeit widmete er den Buchstaben und Zeichen, die ihm schlecht gelungen waren. Er beobachtete mit Argusaugen, wie die Feder von Pater Adalbertus bestimmte Linien, Kurven und Ecken bewältigte, an denen er gescheitert war. Das dauerte alles lange, erforderte Geduld und seltsamerweise auch Nachsicht mit sich selbst. Er kam zu dem Schluss, dass auch Pater Adalbertus, Bruder Nikolaus und die anderen Mönche im Skriptorium diese Kunst mühselig, nach Misserfolgen langsam, schrittweise hatten erarbeiten müssen, bis sie die wunderbaren Werke schufen: Pergamentblätter mit kunstvoll in schwarzer Tusche gestalteter Schrift, nach Absätzen oder Seitenbeginn mit den verzierten, großzügig verschnörkelten Anfangsbuchstaben, die oft sogar in winzigen Bildern enthalten waren. Auch das Herstellen des Buches erwies sich als hohe Handwerkskunst der Buchbinder, die mit Leim, Leder, Metallfolien und Holzplättchen umgehen konnten. Samuel dachte auch immer mehr nach über den Inhalt dessen, was er schrieb. Nach etwa einem Jahr hatte er sich schon zu einem geschickten Buchschreiber entwickelt und wurde von den Vorgesetzten auch entsprechend anerkannt.

Das Erlebnis mit den schönen Mädchen, die nackt aus dem Fluss gesprungen und geflohen waren, geisterte oft in Samuels Träumen umher. Nicht nur nachts, sondern auch am hellen Tag schwebten die Schönen durch seine Gedanken. In der Nacht waren Samuels Erinnerungen eher lustvoll, am Tag. bisweilen sogar ärgerlich, da sie seine Hinwendung zu Gebet und Arbeit störten. Er war mit sich selbst unzufrieden, weil er es nicht besser verstand, seine Gedanken und Vorstellungen, den Erfordernissen entsprechend genau zu steuern und zu beherrschen.

3. Kapitel

Samuel übersteht eine Reise nach Burgund.

Der Sommer hatte seinen Höhepunkt überschritten. Die Getreideernte war eingebracht, die Früchte der Bäume waren geerntet, noch nicht die herbstliche Apfelsorte und noch nicht die Weintrauben, als Bruder Nikolaus mehr und mehr jammerte: „Unser Stammkloster weiß längst Bescheid. Wir haben kein Rot mehr und die Purpurfarbe, die uns der Bote versprochen hatte, ist nicht gekommen.“

Ein Mitbruder grinste etwas respektlos. „Auch die roten Schnecken gehen eben langsam“, meinte er.

„Deine dummen Witze helfen uns nicht weiter“, brummte Nikolaus verärgert. „Wir müssen selbst gehen, ich rede mit dem Abt, der will nämlich rotes Pergament und das geht nur mit der Farbe der Schnecken“, sagte er an Samuel gewandt und verließ das Skriptorium.

Nach einer knappen Stunde stand er schon wieder an Samuels Pult: „Morgen muss ich noch einige Vorbereitungen treffen, aber übermorgen geht’s los: Wir beide gehen nach Cluny. Rede mal nicht darüber, vielleicht geht noch jemand mit.“

Samuel war schon ziemlich aufgeregt und am Nachmittag des nächsten Tages winkte Nikolaus ihn zu sich. Sie gingen in die Amtsstube des Abtes, ein großer Raum mit einigen Bücherregalen und einem Kamin, neben dem „Bru Bru“ stand, der wenig geistvoll grinste, mit dem Kopf nickte, aber nicht sprach. Der Abt stand hinter seinem Pult. Nikolaus und Samuel verneigten sich, sagten „Benedicite!“ und verharrten vor dem Pult. Der Abt zeichnete mit der rechten Hand ein kleines Kreuz in die Luft.

„Morgen früh brecht ihr auf. Bruder Bruno soll euch begleiten, er kennt den Weg, weil er ja aus Cluny stammt. Außerdem ist er ein starker Mann. In diesem Beutel ist ein Brief für den Abt in Cluny, Geld für den Purpur und für alle Fälle“, erklärte er und reichte Bruder Nikolaus eine kleine Ledertasche. Mit den Worten „Gott schütze euch!“, verabschiedete er die drei und begleitete sie zur Tür.

Nach der Morgenandacht und dem Frühstück zogen sie los. Jeder hatte einen Jutesack mit etwas Proviant und einen Grasmantel, den man bei Kälte und besonders auch bei Regen umhängen konnte. Ein alter Ordensbruder aus dem Osten hatte einen solchen Grasmantel mitgebracht und solange in der Umgebung von Hirsau herum gesucht, bis er Gras gefunden hatte, das für solche Umhänge geeignet war. Dann hatte er einige dieser seltsamen Kleidungsstücke hergestellt. Wichtiger Bestandteil der Ausrüstung für alle drei war ein kräftiger Wanderstock aus Haselnussholz. Samuel sah an dem dicken Stock von „Bru Bru“ eine eiserne Spitze, verrostet und braun wie das Holz, sodass man sie kaum auf den ersten Blick erkennen konnte. Der Besitzer dieser Waffe war schon genügend furchterregend mit seiner stämmigen Gestalt, schwarzem Haar, durch die Tonsur kaum gebändigt und einem dichten Bart sowie dunklen Augenbrauen, die bisweilen seinen Blick verfinsterten.

Samuel, jetzt nach dem sechzehnten Sommer seines Lebens, war schlank aber sehnig, länger als Bruder Bruno. Seine braunen Locken waren nicht durch Tonsur beeinträchtigt und der zart beginnende Bartwuchs ließ die Gesichtszüge noch frei. Nikolaus war noch ein wenig größer als Samuel, ein stattlicher Mann, den man auf Anhieb nicht für einen gelehrten Schreiber und Buchmaler hielt.

„Bru Bru“ schritt vorn kräftig aus, hinter ihm Samuel und am Ende Nikolaus. Sie gingen entlang des Baches mit der Badebucht; ein zartes Wohlgefühl durchströmte Samuel, als er an die schönen nackten Mädchen dachte. Das Gewissen, in dem hochwichtigen Religionsunterricht geübt und beauftragt, den Charakter in Ordnung und auf Kurs zu halten, sollte wohlige Gefühle überdecken. Es verhinderte aber nicht, trotz aller Bemühungen mit Gebeten, Übungen und Arbeit, das stets wiederkehrende Lustgefühl zu unterdrücken, ausgehend von seinem Glied, das er dann berührte, umgriff und rieb, bis die warme, nach einer seltenen Pflanze riechende Flüssigkeit herausspritzte. Dieses sündhafte Verhalten entspannte seinen Körper, aber nicht seinen Geist, der unruhig blieb. Jetzt stolperte er über einen Kieselstein.

„Pass doch auf!“, rief Nikolaus hinter ihm. „Was träumst du denn in der Gegend herum?“

„In der Gegend herum“, murmelte Samuel ärgerlich, aber so leise, dass Nikolaus nichts hörte und er nahm sich vor, besser auf den Weg zu achten.

„Wir gehen zuerst an unserem Fluss entlang nach Norden, etwa bis zum Nachmittag. Dann treffen wir auf den Bruderfluss, der von links kommt, gehen ein Stück weit an seinem Ufer stromaufwärts und kommen nach Neuenburg. Dort kenne ich einen Bauern, der wird uns eine Nacht beherbergen“, erklärte Bruno.

Sie wurden freundlich aufgenommen, bekamen ein stärkendes Abendessen und in der Scheune auf trockenem Stroh ihr Nachtlager. Am folgenden Tag zogen die drei über einige flache Bergrücken in die Richtung des Sonnenuntergangs dem Tal des Rhenus entgegen.