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In einer Londoner Kirche wird ein Mord von einem Jungen beobachtet, der daraufhin nach Zürich fliehen muss, wo er den an stehlenswerten Objekten interessierten Pfarrer Jacques kennen lernt. Während das neue Gemeindemitglied Hardy von der Stellvertretenden Hauptkommissarin Norbertina Fränk-Gröbli beschattet wird, versucht die Studentin und Haschisch-Schmugglerin Suhaila zusammen mit dem Pfarrer und einer ganzen WG, den Mörder daran zu hindern, sich den Zeugen doch noch zu schnappen.
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Denise Remisberger
Der abwegige Talisman
Ein Pfarrer Jacques Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
In der Kirche von Spitalfields war es ganz still. Der Junge mit den schlecht geschnittenen, weissblonden Haaren, der sich eine lange Weile hinter einer der im hereinleuchtenden Mondlicht gespenstisch weiss schimmernden Säulen versteckt gehalten hatte, schlich nun zu dem fremden Mann, der da auf dem kalten Boden lag, bückte sich zu ihm hinunter, fingerte an seinem Mantel herum und entwendete ihm die dicke Brieftasche. Doch gerade, als er sich wieder aufrichten und die Kirche verlassen wollte, kam der Mörder zurück. Nach einem Augenblick des gegenseitigen erschreckten Anstarrens flitzte der Junge durch den Mittelgang hinaus in die Nacht und verschwand in der Dunkelheit des Londoner East End.
„Ich gehe nach London, ich gehe nach London!“, jubilierte Pfarrerin Rosamunde in hohen Tönen, hüpfte im Kreis und klatschte in die Hände.
„Und wir kriegen für ein ganzes Jahr lang einen Neuen. Einen Anglikaner. Stellt euch das mal vor. Und alles wegen dieser komischen Ökumene“, schüttelte Pfarrer Jacques den Kopf und schenkte sich einen zweiten starken Kaffee ein.
„Aber das ist doch schön“, beschwichtigte Pfarrer Selri, der sich sicherheitshalber hinter dem Tisch im Büro der reformierten Kirchgemeinde Kreis Fünf in Zürich verschanzt hatte. Schliesslich war das mit der Ökumene seine Idee gewesen. Und nun hatte einer zugesagt.
„Und dann noch aus dieser Gegend! Das East End! Dort rennen sie alle bewaffnet bis an die Zähne herum und murksen einander ab“, ängstigte sich Pfarrer Sebastienne und löffelte noch mehr Zucker in seinen Kaffee.
„Dafür bringt er sicher einen Haufen Lebenserfahrung mit. So ein richtiger Slum-Pfarrer“, strahlte der ewig optimistische Pfarrer Kinden mit leuchtenden Augen in die Runde.
„Wir werden sehen“, sprach Pfarrer Selri. „Nächste Woche wird Pfarrer George anreisen.“
„Und ich werde abreisen“, hüpfte Pfarrerin Rosamunde hinaus in den Gang, wo drei Junkies bereits auf sie warteten und dringend Betreuung brauchten.
David geduldete sich, bis seine Mutter zur Arbeit in der Fabrik aufgebrochen war. Dann holte er die von dem Toten geklaute Brieftasche unter seiner dünnen Matratze hervor, zog alles, was sich darin befand, heraus und legte es auf dem Bett aus. Da waren mehrere auffällig neu riechende Pässe verschiedener Leute, ein Bündel Geldnoten und ein hübscher, kleiner Talisman an einer Kette, beides aus Trost versprechendem Kupfer. Der Junge legte sich den Glücksbringer sogleich um den Hals und schob ihn unter seinen Pulli. Das viele Geld verstaute er in einem Stoffbeutel, den er an einem Lederbändel um die schmale Taille trug, und steckte ihn unter den Gürtel der ausgewaschenen Blue Jeans. Dann untersuchte er die ziemlich sicher gefälschten Ausweise. Einen davon konnte er brauchen: leicht unscharfes Foto eines blonden, jungen Mannes, sechzehn Jahre alt. Das war sicher nützlich, denn er selber war erst elf, doch gross für sein Alter. Und ausserdem hatte er bereits so viel erlebt wie ein Erwachsener. Das liess ihn reifer aussehen. Dann packte er die wenigen Kleider, die ihm gehörten, in einen kleinen Rucksack und machte sich aus dem Staub. Er hinterliess keine Nachricht. Sein Vater hatte es auch so gemacht.
In der kalten Kirche beugte sich Pfarrer George mit dem Handy in der Hand über den Toten und alarmierte sofort die Polizei. Bereits beim Aufwachen heute Morgen hatte er ein komisches Gefühl im Solarplexus gehabt: Alarmstufe sehr hoch. Der Pfarrer hatte schon viel Elend gesehen, auch einige Tote, Tote, die ermordet worden waren. Normalerweise nicht gerade in seiner Kirche drin. Normalerweise aber ihm bekannte Seelen. Wie es bei diesem Mann hier der Fall war: Der falsche Seymour, wie er sich allgemein und selbstironisch genannt hatte, war ein stadtbekannter Fälscher aller Arten von Dokumenten gewesen. Und nun hatte ihn das Schicksal ereilt. Oder auch nicht das Schicksal. Wohl eher eine arme Seele aus seiner zwielichtigen Kundschaft. Na ja. Das war nicht sein Problem. Das musste die Polizei herausfinden. Er würde nächste Woche in die Schweiz reisen. Ins Künstlerquartier von Zürich. Dort ging es hoffentlich etwas weniger heftig zu als hier im Londoner East End. Wenigstens war ihm das so mitgeteilt worden. Die arme Pfarrerin Rosamunde. Hoffentlich hielt sie diese gedrückte Atmosphäre von nach Kohl riechenden Mile-End-Kästen, die sich entlang abfallübersäter Seitenstrassen auftürmten, und diesen auf no future getrimmten Kleinkriminellen, die gerne in den von Greenwich hereinrollenden Zug zustiegen, um die Fahrgäste auszurauben, ein Jahr lang aus.
„Sebastienne! Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“, rief Sabine Pfau, Mitglied der Frauensinggruppe der reformierten Kirchgemeinde Kreis Fünf in Zürich, als der Pfarrer sich schon zum dritten Mal auf dem Klavier verklimperte.
„Beim neuen Pfarrer, den wir bald haben werden. George“, intonierte der schwule Pfarrer den Namen extra lang gezogen. „Wie er wohl aussieht?“
„Wie soll er schon aussehen. Englisch halt“, meinte Marie Krug, ebenfalls honoriges Mitglied der Singgruppe, und strich sorgsam das Oberteil ihres dezent karierten Jackenkleides glatt.
„Vielleicht ist er ja hübsch?“, schwärmte das Nesthäkchen der Gruppe, Thea Semp.
„Hübscher als unser Pfarrer Jacques? Niemals!“, war Sabine überzeugt.
„Vielleicht ist er auch schwul? Was meinst du, Roland?“, fantasierte Sebastienne.
„Ich glaube, lieber Bruder, dass wir in dieser Gemeinde eher die Ausnahmen sind“, sah es Roland Merz, der als einziger Mann bei der Frauensinggruppe mitmachen durfte, auf die nüchterne Art.
Die älteste der in der Kirche vorne im Halbkreis stehenden Singenden, Eleonore Kriese, lächelte nur in sich hinein. Zum Glück war sie nicht mehr so jung. Sie hatte die Ruhe weg und lebte ausschliesslich im Hier und Jetzt, denn jeder Tag könnte der letzte sein. Also genoss sie einfach jeden Augenblick, der sich ihr bot.
Der gelobte Pfarrer Jacques hockte derweil ein paar Türen weiter im privaten Aufenthaltsraum, neben ihm auf dem kleinen Sofa Hunki Chrüter, ehemaliger Junkie und jetziger Kiffer aus der Drögeli-Gruppe der Pfarrerin Rosamunde und bald des Pfarrers George.
„Ich soll dir berichten, was er so treibt?“, lachte Hunki. „Bist wohl eifersüchtig, was?! Kann ich schon machen. Kein Problem.“
„Eifersüchtig? I wo! Ich mach mir nur Sorgen.“
„So kannst du es natürlich auch formulieren.“
„So“, strahlte Pfarrer George sein Spiegelbild an und strich sich ein letztes Mal seinen mit grossen rot-schwarzen Karos durchgemusterten Reisemantel glatt. Er war aufbruchbereit für die lange Bahnreise von London über Paris und weiter bis nach Zürich. George ergriff die prall gefüllte Reisetasche, so eine altmodische aus Schweinsleder und ganz ohne Räder, ging nach draussen und drehte sich nochmals um, damit er sich mit einem letzten Blick für ein ganzes Jahr lang von seiner Kirche verabschieden konnte. Sein Kollege Jimmy würde die Pfarrerin aus Zürich empfangen. Dann spazierte er los in Richtung Tube, die Tasche in der einen, den Regenschirm in der anderen Hand, gefolgt von einem verängstigten Jungen mit einem kleinen Rucksack, der in der Nähe der Kirche auf ihn gelauert hatte, um ihn um Hilfe zu bitten, denn der Mörder, der in dem Quartier wohnte, das der Ausreisser gerade für immer verlassen wollte, hatte David aufgestöbert und verfolgte ihn seither. Am Bahnhof St Pancras International angekommen, checkte der Pfarrer ein und kaufte sich ein Ticket Klasse Standard und David, der direkt hinter ihm anstand, kaufte sich dasselbe. Zum Glück hatte er das Geld des Ermordeten mitgenommen und den Ausweis sowieso. Wo Paris war, wusste er. Aber Zürich? In der Schweiz, hatte der Pfarrer zum Mann hinter dem Schalter gesagt, der ihn nur viel sagend angeschaut hatte. Wenn hier einer wusste, wo genau Zürich lag, dann ja wohl er, der seit über zwanzig Jahren Angestellter verschiedenster Bahngesellschaften war. Die Schweiz, dachte David, war dieses kleine Land mit den hohen Bergen. Die Alpen, genau. Davon hatte er schon gehört.
„Sind wir heute vollzählig?“, schaute sich Pfarrer Sebastienne die im Halbkreis aufgestellte Frauensinggruppe an und verweilte länger als nötig mit seinem fragenden Blick auf Margritte Zwingli, Ex-Prostituierte und jetzige Tierpflegerin.
„Ach, ein ehemaliger Kunde von mir wollte wieder mal ein paar Peitschenhiebe verpasst bekommen und bis ich es ihm ausgeredet hatte, war die letzte Singstunde vorbei gewesen.“
„Die Typen sollten es langsam, aber sicher begriffen haben!“, giftete Marie Krug in selbstgerechter Anständigkeit und stampfte mit einem ihrer beigen Halbschuhe, Stil noch vor dem Zweiten Weltkrieg, auf.
„War’s wieder der Richter vom Obergericht Zürich, wie hiess er noch gleich?“, kicherte Thea Semp.
„Hugo Himbeer, nein, der war’s nicht. Dieser war ein niederer Dienstgrad der Spezialabteilung Vier der Zürcher Kantonspolizei. Der Oberrichter hatte wenigstens was im Kopf gehabt, aber dieser über Vierzigjährige, der immer noch aussieht wie ein aufgedunsenes Milchbubi, ist strohblöd.“
„Reden die denn?“, staunte Sabine Pfau.
„Danach, ja, danach reden sie durchaus. Das hat natürlich dann auch gekostet.“
„Das hoff ich doch!“, tönte Sabine.
David hatte Wert darauf gelegt, seine Platzreservierung im selben Zugabteil wie der Pfarrer zu bekommen. Der Mörder war nirgends zu sehen, doch David spürte, dass er da war. Irgendwo in diesem Zug sass er: nicht besonders gross, breit mit feissem Gesicht, winzigen verschlagenen Äuglein, ewig feucht-glänzenden Lippen und einem Gang wie ein Käfer mit einem viereckigen Panzer auf dem Rücken, die kurzen, kräftigen Arme immer irgendwie am Rudern, der Kopf eingezogen.
„Besonders warm ist es auf diesem Boot nicht gerade“, dachte Suhaila und schob ihr Kopftuch mit der freien Hand etwas mehr nach vorne in die Stirn. „Nun seh ich sicher aus wie eine Piratin“, kicherte sie und hielt mit dem recht grossen Motorboot eines Bekannten auf die spanische Küste zu, an der er wohnte. Auf ihrer Hinreise nach Marokko waren ihre beiden Henkeltaschen noch leer gewesen. Nun, auf der Rückreise nach Spanien waren sie randvoll. Bestes Haschisch aus den Bergen, das sie über Spanien in die Schweiz bringen wollte. Andere Abschnitte der marokkanischen und andalusischen Küste lägen zwar näher beieinander, doch gerade darum machten sich Boote, die den kürzesten Weg nahmen, am verdächtigsten. Ausserdem hatte sie nun mal den Bekannten in der Nähe von Almería sitzen. Sie hatte das Mittelmeer, nahe der algerischen Grenze startend, im hellen Tageslicht überquert, was sie ebenfalls unverdächtiger erscheinen liess, als wenn sie mitten in der Nacht an irgendwelchen Patrouillen vorbeigesaust wäre. Gérard, ein Franzose, wartete bereits auf dem Landungssteg, fragte nach ihrem Befinden und half ihr aus dem Boot. Die beiden Taschen lud sie nach Entnahme einer kleinen Portion für Gérard direkt in ihr Auto, das in seiner Garage parkte, und zwar einfach auf den Rücksitz. Die Haschisch-Klötze waren in beschichtete Kühltaschen eingepackt, was den penetranten Geruch zurückhielt. Morgen würde sie weiterreisen, ausgeruht und voll des Abenteuergeistes.
