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Pfarrer Jacques wandert mit Prior Hans-Peter über den Splügenpass von Thusis nach Chiavenna und findet nicht nur mehrere Abenteuerlustige vor, die sich seiner Tour anschliessen sondern auch einen Wolf und drei Bronzebecher aus dem Alten Rom. Gleichzeitig marschiert eine Gruppe korrupter Beamte aus der Schweiz, von denen der Erste in Andeer ermordet wird, auf demselben Weg, um sich in Italien mit der Mafia zu treffen.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Denise Remisberger
Die vertauschten Bronzebecher
Ein Pfarrer Jacques Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Ritter Cuno war schon lange tot. Etwa achthundert Jahre lang. So genau wusste das der letzte Ritter von Hoch-Rialt auch nicht mehr.Im Moment schwebte er dicht über einem der Wanderwege, der durch dieViamala-Schlucht führte, und dachte über all die Schandtaten nach, die er in seinem vergangenen Leben begangen hatte.
„Wüstling!“, sprach ihn eine andereVerstorbene an, die erst seit dem Jahre 1705 hier unten weilte und nun eine kurze Strecke herangeschwirrt war. „Sieh mal, dort oben, neben den Ruinen deiner Burg, ein Pfarrer und noch so ein Saukerl.“
„Der andere ist ein Mönch. Wahrscheinlich Wanderer.“
„Saukerle!“
„Nicht jeder Pfarrer ersticht seine schwangere Geliebte und schmeisst sie dann in eine Schlucht, so wie es dein Pfarrer seinerzeit mit dir getan hat, Pfaffenliebchen.“
„Trotzdem: Saukerle!“
Pfarrer Jacques und Prior Hans-Peter machten Ferien. Wanderferien, um genau zu sein. Sie hatten vor Wochen beschlossen, den Splügenpass zu begehen.Von Thusis nach Chiavenna. Diesen Morgen war Pfarrer Jacques ganz früh in den Zug von Zürich nach Chur und dann von Chur bis Thusis gestiegen und hatte sich mit Prior Hans-Peter, der von einem Mitbruder mit dem Auto von Sankt Gallen herkutschiert worden war, am Bahnhofskiosk getroffen. Ausgerüstet mit Wanderschuhen und Rucksack hatten sie sich vorgenommen, als Erstes die schaurig-schöneViamala-Schlucht zu durchqueren.
„Ich bin es gar nicht mehr gewohnt zu wandern“, hatte Prior Hans-Peter einen wackeligen Fuss vor den anderen gesetzt.
„Das fängt ja gut an“, hatte Pfarrer Jacques geschmunzelt. „Keine Sorge, Hans-Peter, wir haben es nicht eilig.“
Die beiden waren also von Thusis aus auf derVia Spluga über eine Hängebrücke, die über den Hinterrhein führte, nach Sils gelaufen, ein hübsches Dorf mit barockem Palazzo, dann den Saumpfad hinauf, an der Burg Ehrenfels vorbei und zur Ruine Hohenrätien, wo sie nun ins Domleschg hinunterschauten und das erste Picknick abhielten.
Ritter Cuno und des Pfarrers Geliebte verliessen Cunos Stammplatz in der Schlucht unten und schwebten hinauf auf das imposante Felsplateau bis zu den beiden Klerikalen, die sich ihren Sandwiches und Feldflaschen widmeten.
„Wir sollten denen hinterhersausen“, meinte des Pfarrers Geliebte.
„Du meinst, wir sollen etwas mehr loslassen, Pfaffenliebchen? Nicht mehr so ganz erdverbunden in unserer Schlucht unten hocken? Einfach gehen?“
„Genau, Wüstling, wir sollten uns mal bewegen, nicht mehr über derVergangenheit brüten, reisen, was Neues sehen. Die wollen nachItalien, da war ich noch nie. Was meinst du?“
„Ich fühl mich hier aber sicher.“
„Na, komm schon. Für unsereins ist es überall sicher.“
„Italien. Da könnten wir wirklich hin. Doch. Ja. NachItalien also.“
„Wollen wir weiterwandern?“, fragte Pfarrer Jacques, der in römischer Liegeposition den Kopf auf die Hand stützte.
„Nach Carschenna?“, antwortete der auf dem Rücken ausgestreckte Prior Hans-Peter.
„Ja, zu den berühmten Felszeichnungen.“
„Gut, Jacqui, erheben wir uns.“
Die beiden packten ihre Sachen zusammen und liefen los. Der Weg führte hangaufwärts durch Wald und über Wiesen, was den runden Prior des Öfteren dazu bewog, seinen Strohhut in den Nacken zu schieben, um sich mit einem bestickten Stofftaschentuch die Stirn abzutrocknen. Endlich am Aussichtspunkt Crap Carschenna angelangt, hielten sie inne, liessen den Blick weit schweifen und löschten erst einmal ihren Durst. Ein angenehm kühler Waldpfad führte zu den Steinzeichen aus der vermutlich späten Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit, wo sie auf eine Frau trafen, die im Schneidersitz neben der Grossen Platte mit ihren konzentrischen Kreisen auf der Wiese auf einer Decke hockte und meditierte. Als die beiden Klerikalen ganz nah waren, öffnete sie die Augen und sagte lächelnd: „Wollt ihr einen Keks?“
„Gerne“, sagte Hans-Peter sofort und war schon beim zweiten angelangt, als Jacques immer noch vorsichtig am ersten herumknabberte.
„Willst du vielleicht ein paar Kirschen? Es ist schon Mittag“, bot ihr der Prior eine Handvoll davon an. „Ich bin übrigens Hans-Peter, katholischer Prior aus Sankt Gallen.“
„Und ich bin Jacques, reformierter Pfarrer aus Zürich.“
„Setzt euch nur neben mich.Ich bin Dorothea.“
Alle drei assen friedlich zu Mittag, die Welt um sie herum wurde immer intensiver. Und dann wurde sie noch intensiver.
„Sagt mal“, sprach Jacques, „seht ihr auch, wie die Pflanzen leben? Wie sich die Welt langsam dreht und wie alles Grüne hier ein- und ausatmet?“
Die beiden anderen fingen an zu kichern.
„Ich höre Trommeln und Gesang.Ich sehe Menschen, die hier tanzen. Sie feiern. Sie feiern denVollmond. Es ist schon Nacht. Jacques, wie spät ist es?“, lachte der Prior.
„Erst früher Nachmittag, Hans-Peter.“
„Heute istVollmond“, sagte Dorothea, „in wenigen Stunden werden wir ihn alle sehen.“
„Dorothea, was ist in den Keksen?“, wollte der Pfarrer wissen.
„Oh! Nur Pflanzen aus der Gegend. Geheimrezept. Keine Sorge, ihr werdet nicht daran sterben, nur etwas bewusster werden. Wisst ihr, ich komme von hier.Ich wohne in Sils unten.“
„Schön ist es hier oben“, war Hans-Peter absolut begeistert und streckte sich auf dem kurzen Gras aus. Er starrte in den Himmel, wo der Mond voll leuchtete und lauschte den jungsteinzeitlichen Feierlichkeiten. Jacques streckte sich ebenfalls aus und spürte, wie Mutter Erde sich drehte, stetig und scheinbar unbeeindruckt von allem, was sich auf ihr ereignete. Er sog den klaren Duft nach Wald durch die Nase ein und liess alle Sorgen Sorgen sein. Dorothea blieb in ihrem Schneidersitz und wachte über die beiden, bis es dunkel wurde.
„Der Mond“, sagte sie in die Stille hinein.
„Ja, jetzt sehe ich ihn auch“, setzte sich Jacques auf.
„Habe ich einen Hunger!“, rief Hans-Peter, setzte sich ebenfalls auf und alle drei assen zu Abend.
„Wo übernachten wir eigentlich?“, schaute sich Hans-Peter um und das einzig Lichtspendende, das er sah, war der Mond. „Der Rückweg ist sicher stockfinster.“
„Wir übernachten natürlich hier“, lachte Dorothea. „Die Decke unter uns ist auf der Rückseite mit einer isolierenden Schicht überzogen und zum Zudecken habe ich noch eine genauso riesige Thermodecke.“
„Dann hol die mal langsam hervor. Es ist schon recht kühl geworden“, knöpfte Jacques seine leichte Regenjacke bis unter die Nase zu.
Eingekuschelt in ihre Decke betrachteten sie denVollmond, sagten ab und an etwas, glitten sachte in den Schlaf hinüber. Jacques träumte. Er sah im Traum einen grossen Wolf, der ihm direkt in die Augen sah, ruhig und lange. Ein grosser graufelliger Wolf mit klarem Blick, der sich in des Pfarrers Augen festsetzte. Und dann war es Morgen.
„Ich brauche einen Kaffee!“, jammerte Hans-Peter und bewegte sich keinen Zentimeter unter der Decke hervor.
„Den habe ich hier im Thermoskrug“, zog Dorothea den Becher vom Gefäss, schraubte den Deckel ab und schenkte die stark duftende schwarze Flüssigkeit ein. „Hier“, reichte sie dem Prior die Deckeltasse zuerst. „Ist noch ganz heiss.“
„Oh ja“, nahm sie dieser und schlürfte das Getränk geniesserisch. „Das tut gut.“
„Jacques?“, füllte Dorothea den Becher wieder auf.
„Trink du zuerst.Ich bin nicht so ein Morgenmuffel wie unser Hans-Peter hier.“
„Ich habe noch nie in freier Wildbahn geschlafen. Du natürlich schon, was?!“
„Klar.Ich find’s nicht so schlimm, sich vom Mondlicht in den Schlaf wiegen zu lassen“, grinste Jacques.
„Ja, ja. Falls wir je in Andeer ankommen, springe ich sofort ins Thermalbad. Das ist garantiert. Willst du eigentlich mitkommen, Dorothea? Bis nach Chiavenna?“
„Wieso nicht?! Das wird sicher lustig, wir drei auf einer langen Bergtour.“
„Aber keine Kekse mehr, bitte“, sagte der Pfarrer.
„Ich habe gar keine mehr. Wir haben sie alle aufgefuttert.“
Nachdem sie fertig gefrühstückt und alles eingepackt hatten, brachen sie auf zu neuen Abenteuern. Am Crap Carschenna vorbei ging’s zur Ruine Sankt Albin hinunter, einer Kapelle, die wahrscheinlich im Frühmittelalter erbaut worden war und die sie ausgiebig bewunderten. Dann begaben sie sich auf einen schmalen Waldpfad, der sie zum Traversinersteg brachte, einer modernen Hängebrücke mit Treppenstufen, die über das Traversinatobel führte.Vor ihnen lümmelten sich drei Leute auf der Brücke, klopften seltsame Sprüche und blockierten den Weg. Hinter ihnen kam ein junger stiller Mann näher, der, als sie sich nach ihm umdrehten, aussah, als würde er ein ganz bestimmtes Ziel verfolgen. Doch das Ziel schien nichts mit der Wanderung an sich zu tun zu haben.
„Würden die Herren vielleicht mal weitergehen?“, unterbrach der Prior das Geplänkel und erntete drei aufgemandelte Blicke.
„Wir sind Amtspersonen in den Ferien.Ich heisse Kluser und bin Abteilungsleiter der SpezialabteilungVier der Kantonspolizei Zürich, das ist Oberrichter Heeg“, zeigte er nach rechts, „und das ist Ombudsmann Kegel“, zeigte er nach links.
„Würden die Herren trotzdem weitergehen“, wurde der Prior langsam sauer. Die drei trollten sich halbherzig bis zum Ende des Traversinerstegs und liefen dann schnell weiter.
„Was waren denn das für welche?“, konnte Ritter Cuno das eben Stattgefundene überhaupt nicht einordnen.
„DreiIdioten auf alle Fälle“, sprach des Pfarrers Geliebte.
„Die müssen immer Werbung für sich selber machen, wo sie gehn und stehn“, meinte Pfarrer Jacques.
„Hast du Erfahrung mit dieser Sorte?“, öffnete der junge Mann, der immer noch hinter ihnen stand, zum ersten Mal den Mund.
„Und ob!“, drehte sich Jacques zu ihm um. „Wir haben in unserer Kirchgemeinde eine Drögeligruppe und diese Witzfiguren von dieser sogenannten SpezialabteilungVier kriechen ständig um uns herum. Und du? Kennst du die?“
„Nur indirekt.Ich hatte eine heroinsüchtige Schwester.“
„Hatte?“
„Sie ist tot.“
„Wie schrecklich.“
„Ja.Ich heisse übrigens Theo.“
Dorothea, Hans-Peter und Jacques stellten sich ebenfalls vor und luden den jungen Mann ein, mit ihnen zu wandern. Er nahm das Angebot gerne an. Sie liefen auf gemächlichen Kurven weiter, plauderten über dies und das und atmeten den Duft des Waldes tief ein, bis sie in der Nähe der Rheinbrücke beim Nesselboden unten, eigentlich eine Weide, die den nördlichen Zugang zurViamala-Schlucht markiert, anlangten, wanderten dann auf einem schmalen Pfad, der mit jedem mühseligen Schritt uriger wurde, ziemlich steil aufwärts und endlich ein kurzes Stück abwärts, wo sie aus dem Wald und über die Postautostrasse zumViamala-Kiosk fanden.
„Meine Güte, Leute, ich bin fix und fertig“, tönte es aus dem erhitzten Prior, der sein inzwischen arg zerknittertes Stofftaschentuch hervorholte und sich an diversen Stellen damit abtupfte.
Vom Kiosk holten sie sich alles Mögliche für die Weiterreise, von Apfelsaft über gefüllte Brötchen bis hin zu süssen Riegeln, und beschlossen dann, all diese Treppenstufen hinunterzusteigen, um die Nase praktisch ins wilde Tobel tunken zu können. Noch bevor sie aber durch den Kioskladen gingen und hinabkletterten, stellten sie sich auf die alte noch übrige Wildener Brücke und liessen die Blicke tief zu den tosenden Wassern hinabgleiten, nur, um sie die steilen Felswände wieder hinaufgleiten zu lassen und mit ihnen an der in den Felsen gehauenen Römerpassage kleben zu bleiben, wo anno dazumal mehrere Legionäre des Heermeisters Stilicho mitsamt ihren Saumpferden abgestürzt waren.
