Der Agonist - David Goliath - E-Book

Der Agonist E-Book

David Goliath

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Beschreibung

Agonist – altgriechisch: "der Handelnde" In der Pharmakologie eine Substanz, die die Signalübermittlung in einer Zelle durch Okkupierung des zugehörigen Rezeptors aktiviert. Fremde Wirkstoffe können die Transmitter überlisten, indem sie die Wirkung körpereigener Substanzen imitieren, sie mitunter ersetzen. In der Anatomie ein Muskel, der im Zusammenspiel mit dem muskulären Gegenspieler eine Balance schafft, durch die eine kontrollierte Bewegung möglich ist. Erst die Hemmung vermeidet eine Überregung. Versagt diese Regulation im zentralen Nervensystem, kann es zu einer Epilepsie kommen. Neu-Berlin, 1930. Maximus "Max" Mayerz rutscht als kleinkrimineller Polizist zwischen die Fronten, als das Verbot von Limonade die zuckersüchtige Metropole Neu-Berlin spaltet. Durch die Entführung von Frau und Kind verwässert sein moralischer Kompass, beeinflusst von einem erweckten, zweiten Ich, das ihn mit verschleierndem Halstuch und Maschinengewehr zu einem Dorn für das Auge des Gesetzes und zur Marionette der Unterwelt macht. Auf der Suche nach seiner Frau erschüttert er die brüchige Waffenruhe der komatösen, korrumpierten Stadt.

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2020

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David Goliath

Der Agonist

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Haftung

Herkunft

Habitat

Hähne

Hinterhalt

Herberge

Heimtücke

Hommage

Hülle

Havarie

Haus

Hof

Happen

Hast

Hegemon

Haue

Heckmeck

Hingabe

Hierarchie

Habe

Hilfe

Hintern

Hürde

Henker

Held

Hindernis

Honig

Hass

Hasardeur

Hospiz

Hieb

Hort

Herd

Haft

Häresie

Harn

Halle

Hall

Hühner

Hennen

Hetze

Haufen

Hund

Hamster

Herz

Hokuspokus

Hotel

Horde

Herren

Hexe

Hirn

Hain

Höhle

Hospital

Hufe

Harfe

Hauch

Hektik

Hackordnung

Hengst

Hütte

Hafen

Hirte

Hang

Heer

Hutschnur

Halunke

Hysterie

Halluzination

Herold

Hölle

Hure

Impressum neobooks

Haftung

Fiktiv.

Herkunft

Agonist – altgriechisch „der Handelnde“

In der Pharmakologie eine Substanz, die die Signalübermittlung in einer Zelle durch Okkupierung des zugehörigen Rezeptors aktiviert. Fremde Wirkstoffe können die Transmitter überlisten, indem sie die Wirkung körpereigener Substanzen imitieren, sie mitunter ersetzen.

In der Anatomie ein Muskel, der im Zusammenspiel mit dem muskulären Gegenspieler eine Balance schafft, durch die eine kontrollierte Bewegung möglich ist. Erst die Hemmung vermeidet eine Überregung. Versagt diese Regulation im zentralen Nervensystem, kann es zu einer Epilepsie kommen.

Habitat

Neu-Berlin.

1930

Hähne

Limonadenlimitierung.

Polizeidirektor Gordon Godot starrte auf die reißerische Schlagzeile der Tageszeitung. An seiner Brust funkelte eine silberne Polizeimarke, die einzig von den goldenen Knöpfen auf seinen Schultern überthront wurde. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Da schien etwas in Gang geraten zu sein, was ihn nicht erfreute. Zum einen der Mehraufwand an Polizeiarbeit, den ein jedes Verbot mit sich brachte. Zum anderen eine Illegalisierung seiner liebgewonnenen Gewohnheit. Zum jetzigen Zeitpunkt wusste er noch nicht, mit welcher neuen Sucht er die zukünftig fehlende Befriedigung seiner Leidenschaft für Zuckerwasser kompensieren konnte. Hahnenweitwurf vielleicht.

Und obwohl er den Neu-Berlin Herold schätzte, würde er das einzige Druckerzeugnis der Stadt am liebsten in der Luft zerreißen wollen. Allein die Tatsache, dass Bürgermeister Bruno Blutmond mit seinen Fingern auf der Zeitung verweilte, hinderte den Polizeidirektor daran.

»Ein herber Schlag«, murmelte der Bürgermeister zerknirscht. Angesichts der steigenden Kriminalität und dem zunehmenden Verfall wurde das Sekret des Satans per Dekret zur Sünde erklärt. Der Erlass überstieg seine Gehaltsstufe und kam von ganz oben vom Reichspräsidenten.

Neu-Berlin war mittlerweile zu einem fettleibigen Abszess von hyperaggressiven Suchtkranken verkommen, deren Exzess des flüssigen Goldes monochrome Tristesse einkehren ließ. Die Karotten verrotteten in den Auslagen der sterbenden Gemüsehändler und lockten weiteres Ungeziefer an, während den Ansässigen die Zähne ausfielen und Durchfall die Kanäle verstopfte.

»Ein bitterer Verlust«, stimmte Gordon Godot nun auch verbal in den traurigen Tenor ein.

Ein halbleeres Glas stand auf dem Schreibtisch. Das grelle Gelb der Flüssigkeit stach in die Augen, lockte aber gleichzeitig die Schwachen an. Das stetige Blubbern der spritzenden Kohlensäurebläschen klang wie ein Kinderlied. Es animierte und ließ Herzen höher schlagen. Ein süßlicher Geruch überlagerte den Gestank alter Männer und die abgestandene Luft im Raum. Die beiden Statthalter schauten wehmütig und doch lüstern auf das Glas. Speichel sammelte sich in den Mündern. Blutmond, sitzend und mit kürzerem Abstand zum Glas, griff zu und trank die Limonade auf ex. Godot, vorm Schreibtisch stehend mit einer Hand daran abgestützt wie ein debiler Schoßhund, konnte nur neidisch zuschauen. Sein Glas hatte er schon vor einer ganzen Weile geleert. Jetzt bereute er seine ungebremsten Gelüste. Hätte er sich doch noch einen Schluck aufgehoben, wie es der Bürgermeister getan hatte. Weitsichtigkeit unterschied die beiden Veteranen. Deshalb war Gordon Godot auch nur die Nummer zwei von Neu-Berlin.

»Andererseits stehen uns erträgliche Zeiten bevor«, sprach Blutmond nun lauter und selbstsicher. »Steuern werden dokumentiert und zu einem Großteil zur Deckung öffentlicher Interessen verwendet. Schmiergeld fließt direkt an uns. Wir müssen dies weder irgendwo verzeichnen noch für Straßenbau oder die Bibliothek aus dem Fenster werfen. Stattdessen kann ich mir mein Privatdomizil zu einem Schloss umbauen lassen. So wie es einem Fürst gebührt.«

Blutmond kippelte entspannt mit dem vierbeinigen Stuhl. Seine Hände waren über seiner Wampe ineinander gefaltet.

Godot wischte sich Sabber vom Mundwinkel. »Klingt gut. Aber Schmiergeld müssen wir teilen. Jeder meiner Männer hat viele Münder zu stopfen. Viel wird da für Ihr Schloss und meine Wettschulden nicht übrig bleiben.«

Blutmond hörte auf zu kippeln und lehnte sich mit Kalkül über den Tisch. »Niemand muss davon wissen. Durch die Prohibition werden wir an Transport und Verkauf verdienen. Dafür müssen wir nur Patrouillen und Razzien zu unseren Gunsten umleiten«, er machte eine abwehrende Handbewegung und schmatzte. »Wir begründen das mit anderen Gefahrenschwerpunkten oder Personalmangel. Ihnen, mein lieber Gordon, wird da schon etwas einfallen.«

Hinterhalt

Max manövrierte den Sieben-Tonnen-Fronthauber routiniert durch die engen Asphaltkapillaren der dunklen Stadt Neu-Berlin, die sich vermeintlich friedlich im Nirgendwo bettete. Vereinzelte Straßenlaternen beleuchteten die Straßen, ansonsten illuminierte der hochstehende Vollmond den Rest. Dadurch konnte Max die vereinbarte Route ohne Scheinwerfer fahren. Abgesehen vom dumpfen Stottern des Motors und des Klapperns der Achsen war er so recht unsichtbar unterwegs. Man hörte ihn zwar aus einem Kilometer Entfernung, aber was da auf einen zukam, konnte man erst sehen, wenn es schon zu spät und man zwischen Kühlergrill und Radaufhängung zu einem Klumpen zusammengestaucht wäre.

Max wusste weder was unter der Zeltplane festgeschnürt war noch welche Verbindung zwischen Versender und Empfänger bestand. Und es war ihm auch egal, solange er mit dem Geld sich und seiner schwangeren Frau Lena ein Dach über dem Kopf bieten konnte.

Neu-Berlin war seine Wiege. Er kannte jeden Schlupfwinkel, jeden Grabstein, jeden Zentimeter des Notdurftentsorgungslabyrinthes vier Meter unter den Pflastersteinen, neben der bleihaltigen Trinkwasserleitung.

Er war im Waisenhaus des rußbedeckten Arbeiterviertels aufgewachsen, wo Schornsteine wie Schachfiguren gen Himmel ragten, verlor seinen Brutkasten bereits bei seiner Entbindung und seinen Erzeuger an einen Hinterwandinfarkt im Hinterzimmer einer Hure. Auf der Suche nach einer Vaterfigur bandelte er dann immer wieder an. Die schiefe Bahn war ihm vorbestimmt. Bis ein unüberlegtes Abenteuer mit einer befruchteten Eizelle endete und er geläutert versuchte, Gesetzestreue in sein kleinkriminelles Leben zu bringen. Leider konnte man in Neu-Berlin mit Gesetzestreue kein geregeltes Leben für eine junge, vorbestrafte Familie aus dem Nichts stampfen. Deshalb der kleine Umweg mit dem unbeleuchteten Fronthauber durch die Niederungen von Neu-Berlin.

Er fuhr allein. Kein Begleitschutz. Kein Kompagnon, der ihn während der Fahrt mit Belanglosigkeiten unterhielt. Nur er und seine Stadt, und das Rattern und Rütteln der sieben Tonnen unter Arsch und Sohle, gebändigt durch mühevolles Einlenken der Handgelenke, im Einklang mit gefühlvollem Treten der Pedale. Sieben Tonnen plus minus was auch immer auf der Ladefläche.

Einen allzu großen Umweg zur Gesetzestreue stellte dieser Auftrag allerdings auch nicht dar. Schließlich fuhr er nur einen Lastkraftwagen von A nach B – mit leicht überhöhter Geschwindigkeit, des Nachts, ohne Beleuchtung, ohne Fahrgenehmigung, mit dubioser Fracht.

Sein Ziel war Teufels Stube. Eine Kneipe im Rotlichtmilieu. Mancher nannte es das beste Restaurant der Stadt, in einem Viertel, das noch etwas Zeit bräuchte.

Obwohl er sich geschworen hatte, keinen Gedanken an die Fracht zu verlieren, schweifte er allmählich ab, da sich die Strecke ellenlang quer durch seine Heimat zog. Die leeren Straßen forderten aber auch kaum Aufmerksamkeit von ihm, weshalb er seinen Geist irgendwie auf Trab halten musste.

Er ertappte sich, wie er rätselte, was hinter ihm auf der Ladefläche formschlüssig verzurrt worden war. Diese investigativen Gedanken hielten ihn wach. Der tägliche Kampf ums Überleben mit einer schwangeren Frau im Schlepptau hatte ihn sichtlich mitgenommen. Nach zehn Stunden im Straßenbau den Tag über, ist es womöglich nicht sehr ratsam, nachts noch einen vollbeladenen Lkw im Eiltempo vom einen Ende zum anderen Ende der Stadt zu gondeln. Vor der Fahrt hatte er sich zum Glück noch eine Flasche Limonade gegönnt. Ohne den Zucker im Blut wäre er schon längst Brei an einem Stahlbetonbrückenpfeiler gewesen.

Limonade. Den Gedanken vertiefte er. Er hatte vom Verbot des Süßgetränkes gelesen. Es war erst seit kurzem in Kraft getreten und pfiffige Gauner könnten sich damit eindecken, um bald gepfefferte Preise auf dem Schwarzmarkt zu verlangen. Eine einzige Lkw-Ladung wäre allerdings etwas dürftig. Es könnte aber auch eine neue Mischung mit verbesserter Rezeptur sein, mutmaßte er weiter.

Max schaute reflexartig in den kalkbefleckten Außenspiegel. Keine Verfolger. Diese Prozedur wiederholte er an den nächsten zwei Kreuzungen, bevor er sich wieder seinen Fantasien hingab. Hätte diese neue Mischung einen hohen Wert, hätte man ihn keineswegs allein fahren lassen.

Ihm quollen Schweißperlen aus dem Rückenmark. Wird die Fracht womöglich bewacht und fahre ich ein Himmelfahrtskommando durch die Gegend, fragte er sich. Hätte er sich dazu verleiten lassen, die Bordwand zu öffnen, wäre er jetzt bestimmt nur noch ein Häufchen Elend auf einem namenlosen Stück Land irgendwo vor der Stadt. Gut, dass er seiner latenten Neugier nicht nachgegeben hatte.

Affektiert griff er in die Brusttasche seines Hemdes. Leer. Verdammt, dachte er nervös. Die beruhigenden Zuckerdrops bröselten in irgendeinem Straßenkanal vor sich hin. Eine baldige Niederkunft veränderte einiges, auch den ungesunden Habitus, der in solchen Situationen von beträchtlichem Vorteil gewesen wäre. Seine Nerven lagen blank.

Statt der Drops musste er mit seinen Fingernägeln vorlieb nehmen. Eine Angewohnheit, die ihm im Waisenhaus mit Prügel exorziert wurde und sich schleichend zurück in sein Leben drängte. Das Schützenkommando brachte ihn auf eine weitere Idee, während die Kombination aus unebener Asphaltdecke und durchgerosteter Wagenfederung Pobacken und Wirbel auf eine harte Probe stellte.

Waffen.

Ein erneuter Blick in den Rückspiegel zeigte ihm jedoch, dass sich niemand dafür interessierte. Er war nach wie vor allein.

Demnach müsse es sich um eine Waffengattung handeln, kombinierte Max, die dem Besitzer einen Vorteil verschaffe, und keinen Nachteil, käme die Gegenseite in Besitz. Verdammt, er verlor sich im größten anzunehmenden Unfug, eine mögliche Detonation der Fracht hatte er bisher noch gar nicht in Betracht gezogen.

Sein Fahrstil wurde vorsichtiger. Schlaglöchern versuchte er mittels Fahrmanövern auszuweichen. Erreichbarer Fingernagelhorn verhielt sich umgekehrt proportional zu seiner Nervosität, die die noch zu fahrenden Meter als Sprungschanze nutzte.

Er überlegte, ob er bereit wäre, sich für die Ladung zu opfern. Möglicherweise um zu verhindern, dass ein noch fieserer Gauner als sein Auftraggeber das Ding in die Hände bekäme. Instinktiv presste er sich in den Sitz, um seinen Korpus im finsteren Innenraum hinter die B-Säule zu bugsieren. Plötzlich fühlte er sich wie eine fahrende Zielscheibe aller Verbrecherbanden der Stadt. Einem seitlichen Angriff, hoffte er, könne er so vielleicht entgehen. Frontal, musste er sich eingestehen, würde komplizierter werden. Das dreistrahlige Lenkrad, hinter das er sich duckte, entlockte eine verlockend rasche Befriedigung von Sicherheitsbedürfnissen. Für alles andere hatte er seinen Revolver dabei.

Als Max die Kiste in einer Seitenstraße neben Teufels Stube abgestellt hatte, wollte er sich zügig verdünnisieren. Alles was jetzt noch passieren würde, überstieg die Klauseln seines fernmündlichen Vertrages. Er hatte seine Pflicht erfüllt. Die nächste Woche wäre finanziell gesichert. Trotzdem fehlte ihm die Zuversicht ähnliche Renditen Woche für Woche zu erwirtschaften.

Mit dem Aroma der Unzucht in der Nase - Limonade, Urin, Schweiß, schweres Parfüm - steckte Max seine abgeknabberten Fingernägel in die Hosentaschen und machte sich zu Fuß auf den Heimweg.

»Du bist zu spät«, polterte es kratzig aus dem Schatten.

»Es war keine Uhrzeit vereinbart«, erwiderte Max trocken.

Ein Knurren verdeutlichte ihm, dass dies die falsche Antwort gewesen war, was ihm auch der harte Schlag eintrichterte, den sein Hinterkopf empfangen durfte. Bewusstseinsverändert sank er auf Knöchelhöhe hinab. Die fremde Person kniete sich neben ihn und zählte eine Hand voll Münzen ab, indem jede einzelne Münze auf Max geschnipst wurde.

»Dein Anteil hat sich soeben verringert, Bastard«, lachte die Stimme, als die Hälfte der abgemachten Summe klirrend im Mantel des Schattenmannes verschwand.

Ein paar Münzen lagen in einer kleinen Blutpfütze, die sich aus Max’ Kopfplatzwunde speiste. Als er wieder beisammen war, war der komische Kerl bereits verschwunden. Er hatte ihn zwar nicht sehen können, aber diesen markanten Parfümduft und dieses süffisante Lachen würde er immer wieder erkennen. Der Lastwagen war ebenfalls nicht mehr da. Unter Schmerzen schwankte und wankte er heim.

Herberge

»Bitte, Max«, bettelte Lena besorgt, während sie seine Wunde am Kopf mit einem Tuch und etwas Wasser reinigte. Der kugelrunde Bauch der Schwangerschaft machte die Sache nicht gerade komfortabler. Ihr Nachthemd war schon mit Max’ Blut besudelt. Müdigkeit sprach aus ihren Augen.

Es war mitten in der Nacht. Ein paar Kerzen spendeten Licht. Vielmehr besaßen sie nicht. Ein alter Tisch, zwei Stühle, eine Spüle, ein kleiner Schrank. In der Ecke eine kleine Kochnische mit Feuerstelle. Die Küche war der größte Raum in dem kleinen Haus und gleichzeitig Mittelpunkt für alles. Mehr als diese verfallene Ruine konnten sie sich nicht leisten. Es genügte, denn so waren sie zumindest vor Wind und Wasser geschützt. Kälte drang trotz allem durch jede Ritze.

»So kann es doch nicht weitergehen. Was, wenn du nicht mehr nach Hause kommst?« Sie musste innehalten. Obwohl sie sich oft mit dieser Frage befasste, hatte sie es bisher noch nie ausgesprochen. Die Hormone hatten sie fest im Griff.

Max bemerkte ihr Zurückweichen und fasste ihre von seinem Blut rotgefärbte Hand. Dabei drehte er sich zu ihr.

»Ich könnte zurück in die Fabrik«, überlegte Lena.

»Und unterm Webstuhl entbinden?«, warf Max zynisch ein. »Da würde der Zwerg wenigstens weich landen.«

Lena tupfte die Platzwunde trocken. Sie wich dem eindringlichen Blick ihres Mannes aus.

»Fäden durch Ösen ziehen ist nicht deine Bestimmung, Lena«, sagte Max.

»Sondern einsam und verarmt sterben, bevor unser Kind zur Welt kommt?«

»Einsam?«

»Weil du vor mir stirbst. Bei irgendeiner krummen Sache.« Lena atmete schwer aus.

Das Wasser im Bottich war bereits blutrot. Ein behelfsmäßiger Verband mit einem Tuch musste genügen, bis die Wunde von selbst zuwuchs. Bis dahin musste man hoffen, dass es sich nicht infizierte.

Lena nahm Max’ Hand und legte diese auf ihren kugelrunden Bauch. »Wir brauchen dich!«

»Ich lass mir etwas einfallen. Ich will nicht, dass du diese krude Textilfabrik noch einmal von innen sehen musst«, antwortete Max nach längerer Stille.

Er wusste, was zu tun war. Als ungelernter Verbrecher, der Ordnung in sein Leben bringen möchte, der dunklen Seite den Rücken kehren wollte, sich für nichts zu schade war und dem ein geregelter Lohn mehr bedeutete als abgekartete Geschäfte unter der Ladentheke, gab es nur eine Anlaufstelle: die Polizeidirektion.

Heimtücke

Entgegen der ausdrücklichen Eindringlichkeit ihres Ehemannes stattete Lena der feuerroten Backsteinstätte am nächsten Werktag einen unangekündigten Besuch ab. Es war eine eher kleine Textilfabrik im Vergleich zu den Kolossen, die gerade im neueren Industrieviertel gebaut wurden. Die Scheiben waren teils verkleistert und Unkraut eroberte das Gebäude ganz langsam vom Sockel her. Ein einzelner Schornstein blies pechschwarzen Rauch in die Luft. Der daran angeschlossene Generator versorgte die gesamte Fabrik. Er war schon von weitem zu hören und versetzte zusammen mit den laufenden Webmaschinen das nähere Umfeld in leichte Vibration.

Unterleibschmerzen bremsten Lenas Gang. Anscheinend hatte nicht nur Max Einwände gegen ihr Vorhaben. Ihr Gewissen verbündete sich gerade mit der umsichtretenden Frucht in ihrem Leib.

Trotz der warnenden Fassade, an der der Firmenname Teufels Zwirn genagelt war, trotzte sie der Vorahnung, die sie unablässig quälte. Sie wollte es sich und vor allem Max beweisen, der die Rolle des Beschützers manchmal zu verbissen vertrat.

Ich bin stark, hämmerte sie sich pausenlos ein. Ihre festen Schritte täuschten kaum über die Unsicherheit hinweg. Zum einen krankte sie am eingeschränkten Bewegungsradius, zum anderen wusste sie, dass Max Recht hatte und des Teufels Spinnerei nicht der richtige Platz für sie war. Doch sie brauchten das Geld.

Am Gebäude musste sie sich erst einmal anlehnen. Sie hatte ihrem Körper einfach zu viel zugemutet. Sie würde keine volle Stunde am Webstuhl aushalten. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Lena schaute verdrossen zum Nebengebäude. Dieser mickrige Verschlag diente dem Oberaufseher Ludwig Lustig als Büro. Gleichzeitig beherbergte diese unscheinbare Hütte die Geschäftsbücher, den Tresor und gerüchteweise ein 200 Meter langes Goldgarn, das dieser Ludwig von seiner Reise ans andere Ende der Welt mitgebracht hatte. Man munkelte, dass er dieses faustgroß aufgewickelte Goldgarnpaket einem wohlhabenden Kaiser entwendet haben soll. Lena wusste nicht, ob das der Wahrheit entsprach. Was sie aber wusste, war, dass jeder Meter dieses Goldgarns für eine kleine Familie für ein Jahr reichen würde. Ein Jahr Miete. Ein Jahr Essen. Ein Jahr gut leben.

Wem würde schon auffallen, wenn statt der 200 nur noch 199 Meter Goldgarn übrig blieben? Sie schmunzelte. Oder sagen wir 195 Meter. Immerhin müsse sie ihrem Kind einen angenehmen Start ins Leben ermöglichen. Sollte Max kein Geld mehr auftreiben können, würde ihnen etwas mehr Spielraum helfen.

Auch wenn sie nur gesponnen hatte, der Gedanke ließ sie auf einmal nicht mehr los. Sie hatte von den anderen Frauen in der Fabrik gehört, dass der Oberaufseher Lustig zu viel Angst habe, auch nur einen Zentimeter des Garns irgendwo feilzubieten. Und um es dem Fabrikeigentümer Theodor Teufel zu verheimlichen, lagere Lustig das goldene Garn auch nicht im Tresor, sondern unter einer Holzbohle. Die Geschichte ging sogar soweit, dass eine der Frauen behauptete, die vermeintliche Bohle knarze beim Darübergehen.

Die Tür stand offen. Erst in diesem Moment bemerkte Lena, dass die Tür offen stand. Die Tür hatte nie offen gestanden, als sie noch hier gearbeitet hatte. Sie lehnte nun auch schon einige Minuten an der Mauer, ohne jemanden gesehen zu haben. Vielleicht wollte Ludwig Lustig ein wenig frische Luft in sein Büro bringen. Oder er war kurz austreten. Sie spielte weiter mit dem Gedanken, etwas von dem Garn zu nutzen, bevor dieser verschwenderisch verstaubte und niemandem etwas nützte.

Der Raum war stickig. Lena erschrak. Wie kam sie hierher? Hatten sich ihre Beine von selbst bewegt? Fahles Licht durchschnitt den Raum – das Büro des Oberaufsehers. Staubiger Nebel waberte von den Holzbohlen aufwärts. Außer ihr befand sich niemand in dieser Einraumhütte. Der Schreibtischstuhl war verwaist und auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Buch mit lauter Zahlen in Tabellen. Sie blickte auf den großen Tresor mit dem Drehschloss. Ansonsten war der Raum trostlos und trist. So wie das Gemüt des Oberaufsehers, nur, dass dieser Frauen gegenüber noch dazu unnachgiebig und streng sein konnte. Im stillen Kämmerlein solle er sogar körperliche Züchtigung ausüben, tuschelte man durch die Blume hinter vorgehaltener Hand.

Lena stand in der Mitte des Raumes. Sie schaute nach unten auf den Holzboden. Eine dieser Bohlen versteckte ein paar sorgenfreie Jahre für sie, ihren Mann und das ungeborene Kind. Schon mit dem unbefugten Zutritt hatte sie sich strafbar gemacht. Nicht auszumalen, was geschehen würde, wenn man sie dabei erwischen würde, wie sie eine knarzende Holzbohle nach oben hebelte, einen Goldgarn hervorholte, diesen um fünf Meter kürzte, zurücklegte, die Bohle vorsichtig wieder in den Freiraum klemmte und sich das kleine Stück Garn unter das Kleid schob.

Ihr Puls trommelte durch die Halsschlagader und gegen die Schläfe. Ihre Sicht verschwamm und sie zitterte. Ihr Herz pochte so stark gegen ihren Brustkorb, dass sie kaum atmen konnte. Allein die Vorstellung dieser Straftat lähmte sie.

»Frau Mayerz!«

Lena zuckte zusammen und drehte sich zur Tür. Dort stand Oberaufseher Ludwig Lustig und grinste schelmisch. Ein kleiner, untersetzter Mann mit einem Rohrstock am Gürtel und schwieligen Händen.

»Was machen Sie in meinem Büro?« Seine Stimme wurde innerhalb eines Wimpernschlags schneidend. Er kippte seinen Kopf zur Seite und musterte sie. Halb zornig, halb erregt.

Lena bekam keinen Ton heraus. Sie war wie versteinert.

»Haben Sie mich vermisst? Wollten Sie mir einen Besuch abstatten? Oder brauch Ihr Gatte noch einen Auftrag? Der letzte lief ja nicht so gut für ihn. Hab von dem Zwischenfall gehört.« Lustig grinste ihren Bauch an. Es war ein diabolisches Grinsen. »Nicht von mir, oder?«

Es stimmte also. Lena hatte Gerüchte vernommen. Ludwig Lustig verging sich an den Frauen. Offenbar hatte er schon öfter einen Treffer gelandet. Aus der Fassung brachte ihn der Schwangerenbauch nicht. Im Gegenteil, er wirkte vorbereitet. Seine Körpersprache verriet, dass er Übung mit solchen Situationen hatte.

Lustig schaute zum Brieföffner auf dem Schreibtisch. Ein langer, spitzer Metallstab, der an der oberen Seite eine scharfe Schneide besaß. Metaphorisches Blut klebte an diesem Brieföffner. Getratscht wurde über viel Blut. Uterus- und Fötusblut, meinten die Frauen einhellig.

Gemächlich schritt er auf seinen Schreibtisch zu. Die Blicke des ungebetenen Gastes verfolgten ihn. Er strich mit der Hand über den Tisch und am Brieföffner vorbei. Dann setzte er sich mit einem Stöhnen, als habe er stundenlang harte Arbeit verrichtet.

Lustig fühlte sich so überlegen, dass er Lena den Weg aus der Tür freigab. Sie hätte einfach hinaus und weglaufen können. Er hätte sich nicht aufgerappelt, um ihr hinterher zu laufen. Sie war ihm einerlei.

»Sind Sie verstummt?«, fragte Ludwig in lautem Tonfall.

Lena schüttelte schnell den Kopf. Das Geräusch, das sie dabei mit dem Gaumen und etwas Ausatemluft stoßweise fabrizierte, erinnerte an ein unausgesprochenes Nein. Der Lichteinfall von der offenen Tür erleuchtete eine Gesichtshälfte von ihr. Die andere blieb im Halbschatten.

Als Ludwig Lustig wieder ihren Bauch anstarrte, fiel sein Blick kurz auf die Stelle, wo er das Goldgarn versteckt hielt. Lena befand sich lediglich einen halben Schritt davon entfernt. Er wurde stutzig. Seine Hand legte sich unweigerlich auf den Griff des Rohrstocks, der noch an seinem Gürtel baumelte.

»Wenn Sie noch weiter meine Zeit stehlen und nicht unverzüglich mit der Sprache rausrücken, warum Sie hier sind, muss ich grob werden, befürchte ich, Frau Mayerz.«

Erneut fiel sein Blick auf die geheimnisvolle Holzbohle. Sie schien unverändert zu schlummern.

Kurz bevor Lena etwas sagen wollte, vernahm sie einen stechenden Geruch, der den Raum plötzlich füllte. Herbes Moschusparfüm. Wie ein wildes Tier aus dem Wald, das hier sein Revier markierte. Auf ihrer vormals beleuchteten Gesichtshälfte war nur noch Dunkelheit. Jemand stand in der Tür. Aber sie traute sich nicht, zu der Silhouette zu blinzeln. Stattdessen fixierte sie Lustig mit ängstlich geöffneten Augen.

»Wer ist das?«

Lena hörte eine merkwürdige, kratzige Stimme. Und die Tür wurde verschlossen. Zu allem Überfluss spürte sie die Anwesenheit eines dritten Mannes, der zusammen mit dem anderen in der Dunkelheit des Raumes verweilte. Sie bekam Panik. Ihre Knie schlotterten und sie konnte sich nur schwer auf den Beinen halten. Sie war offenbar zu tief in des Teufels Spinnerei vorgedrungen.

»Nur eine kleine Hure, die mich erpressen will«, war sich Lustig sicher. Er konnte sich zwar nicht daran erinnern Magdalena Mayerz benutzt und beschmutzt zu haben, aber Bestandteil seiner Fantasien war sie des Öfteren gewesen. Er zuckte mit den Schultern. Bei der Vielzahl an Huren war es nur eine Frage der Zeit, bis er eine unbeabsichtigt unterschlagen würde.

»Sollen wir uns darum kümmern?«, fragte einer der Männer aus der Schwärze der Kammer.

Lena schmeckte Eisen. Blut. Ihr Blut. Sie hatte sich vor lauter Körperspannung in die Unterlippe gebissen.

»Entschuldigen Sie die Störung«, presste Lena apathisch und monoton hervor. »Ich komme später wieder.«

Als sie sich umdrehte und zur Tür torkelte, stellte sich ihr einer der Schattenmänner entgegen und versperrte ihr den Weg.

»Moment«, tönte Lustig argwöhnisch. Er schaute auf die Holzbohle, die seinen gestohlenen Reichtum bedeckte. Als Lena darüber gelaufen war, hatte es kein Knarzen gegeben. Jemand musste sich daran zu schaffen gemacht haben. Er erhob sich flink und stellte sich hinter die schweißgebadete Schwangere. Auch sein Gewicht brachte die Bohle nicht mehr zum Knarzen. Etwas stimmte nicht und das hatte mit dieser Frau zu tun, war er überzeugt.

Lena war umstellt. Ihre stockende Stoßatmung kam ihrem angeschlagenen Kreislauf nicht zugute. Sie fühlte wie sich eine Ohnmacht anbahnte. Und sie konnte es nicht verhindern. Was mit ihr und vor allem mit ihrem ungeborenen Kind geschehen würde, lag nicht mehr in ihrer Macht.

Hommage

Max begrüßte den Häuptling der Polizeidirektion, Gordon Godot, dermaßen herzlich, wie es sich für einen Bittsteller gehörte, ohne anmaßend zu klingen oder gar unverfroren. Obwohl Impertinenz genau die Form der Begrüßung gewesen wäre, die er diesem Heuchler gerne an den Kopf geworfen hätte. In einer Spiegelwelt, einem Paralleluniversum, hätte er das ohne zu zögern getan.

»Max Mayerz. Schön, dass Sie ihrem Vater folgen. Er war ein großartiger Polizist«, eröffnete Godot gönnerhaft.

Max’ Vater war zwar Ordnungshüter gewesen, aber bei seinem eigenen Sohn hatte sein Helfergen versagt. Er hatte Max die Schuld am Tod der Mutter gegeben und war nie darüber hinweggekommen, dass sie ihr Leben geben musste, um einem Bengel das Leben zu schenken. Diabetes und Dirnen waren daraufhin die Begleiter auf seinen letzten Metern bis zum Hinterwandinfarkt.

Den stümperhaften Kopfverband von Max und etwaige verletzungsbedingte Einschränkungen überging Godot, denn er kämpfte um jeden Mann. Gesetzeshüter waren schlecht bezahlt, schlecht ausgebildet und schlecht ausgerüstet. Letztlich bildeten sie nur die Zielscheibe für besser bezahlte, besser ausgebildete und besser ausgerüstete Verbrechersyndikate. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum überhaupt noch jemand den Beruf machen wollte, war aber froh, verzweifelte Trottel wie Mayerz zu finden, die bereitwillig als Kanonenfutter herhielten.

Weil er glaubte, Max wie eine Spinne im Netz einwickeln zu müssen, ihn zu umgarnen, es ihm schmackhaft zu machen, damit dieser nicht das Weite suchte, verstrickte sich Godot immer weiter in den alten Geschichten, die Max’ Vater noch erleben durfte, wo Revolverhelden mit dem Stern auf der Brust auf staubigen Straßen im Duell schneller ziehen mussten oder romantische Verfolgungsjagden auf dem Pferd ausgefochten wurden. Nebenbei holte er aus, um Dienstmarke und Pistole von einem kürzlich ausgeschiedenen Anwärter aus seiner Schublade vor Max’ malmenden Kiefer zu knallen, bevor sich die Hexe Hocapontas bei der Nadelprobe in den Inquisitor verknallte.

Max interessierte das herzlich wenig. Er hörte zwar nur mit halbem Ohr hin, die Erkenntnis kam aber trotzdem: manchmal hilft auch keine Limonade.

»Melden Sie sich morgen bei Wachtmeister Walter Wolfram zum Dienst«, beendete Godot seine Ausführungen.

Hülle

Das blutige Laken mit der undefinierbaren Masse entsorgte Max im Metallkübel vorm Haus. Der zyanotische Hautschwamm, das schleimige Fruchtgewebe und das viele Blut brannten sich in seinen Schädel. Soetwas hatte er noch nie gesehen. Soetwas wollte er nie wieder sehen.

Als er nach Hause gekommen war, lag Lena in der Küche. Sie weinte, hielt sich den Bauch und blutete stark, nicht imstande einen klaren Satz zu formulieren.

Über 35 Wochen hatte Lena ihr Kind in sich getragen und nun ist es ihr geraubt worden. Was Max zu Gesicht bekommen hatte, war lediglich die Nachgeburt. Doch konnte ein Mann ohne medizinischen Hintergrund im Schockzustand keinen Unterschied zwischen einer Nach- und einer Fehlgeburt erkennen. Zudem war es ohnehin irrelevant. Seiner Frau wurde Leid angetan. Etwas war passiert mit seinem Kind. Etwas Grausames.

Schwerer Regen prasselte auf das Dach, während Blitze die Nacht für einen Bruchteil erhellten, bevor Donner das Geschirr im Schrank zum Klappern brachte und den Boden zum Beben. Alle paar Minuten zuckte die nächste Entladung durch die stürmische Schwärze zwischen Sonnenuntergang und -aufgang, gefolgt vom tosenden Schwingen der Luftmassen.

Eine gefühlte Ewigkeit lagen Max und Lena inzwischen auf dem kalten Fußboden in der Küche. Er presste sie fest an sich. Obwohl sie mehr als nur Blut und Tränen verloren hatte, schlief sie völlig erschöpft. Ihr Brustkorb hob sich kaum. Sie atmete sehr flach. Max starrte ab und an krampfhaft auf ihren Oberkörper, um festzustellen, ob sie noch am Leben sei. Manchmal hielt er einen Finger unter ihre Nase, damit er den kurzen Lufthauch ihrer Ausatmung spüren konnte. Ein fremder Duft haftete an ihr. Dieser war aber so schwach, dass Max ihn kaum wahrnahm. Aus dem Bauch heraus würde er diesen als Moschus definieren. Ganz sicher war er sich nicht.

Eine Kerze brannte noch. Die übrigen waren längst verloschen. Selbst der letzte flammende Docht flatterte nervös. Das ausdampfende Wachs ging langsam zur Neige. Außerhalb dieses kleinen Lichtschimmers herrschte unangenehme Dunkelheit, auch weil der Niederschlag von außen gegen die Fenster schlug. In dem kleinen Umkreis aus versiegendem Licht harrten die beiden aus, in einer vertrockneten Blutlache.

Max starrte in die Dunkelheit. Seine Gedanken kreisten, während er sich sein Hirn zermarterte. Was war geschehen? Wie konnte die Situation derart eskalieren? Wieso hörte seine Frau nicht auf ihn? Und wer wagte es, Hand an sie zu legen? Er wusste zwar nicht, was geschehen war, aber ihre reumütigen Blicke, als er sie gefunden hatte, sagten ihm, dass sie in seiner Abwesenheit etwas getan hatte, was ihm missfiel. An ihren schlammigen Stiefeln hatte er erkannt, dass sie auf einem Fabrikgelände unterwegs gewesen sein musste. Eins und zwei konnte er zusammenzählen.

Jeder neue Gedanke zerfurchte seine Stirn aufs Neue, weil er seine Augenbrauen wütend gen Boden zog. Er bemerkte erst sehr spät, dass er in Rage Lena ungeheuer kraftvoll an sich drückte. Umgehend lockerte er seinen Griff und sah entschuldigend auf sie herab. Lena rührte sich nicht, bis auf das stetige Heben und Senken ihres Brustkorbes.

Seine Wut überflügelte den Tadel, den sie verdient hatte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass irgendeine Aktion Gewalt gegen eine Frau, eine schwangere Frau, provozieren könnte. Sei der Mensch auch noch so barbarisch, ethische und moralische Grenzen kennt selbst das verlogenste Scheusal. Er bekam Zweifel. Seine Bekanntschaften im Untergrund waren Abschaum, doch selbst der fieseste Widerling befolgte den ungeschriebenen Kodex, Frauen und Kinder mit Respekt zu behandeln, egal wie schlimm das Vergehen auch war. Max streichelte über den geschwollenen Bauch seiner Frau. Diese Tat musste vom dreckigsten aller Bastarde begangen worden sein. Ein so abgekochtes Schlitzohr, das fehlende verbale und non-verbale Schlagfertigkeit mit eiskalter Skrupellosigkeit wettmachen musste. Diesen Wichser würde Max schnell finden. Doch jetzt musste er sich erst einmal um Lena kümmern.

Nach einer weiteren Weile des Grübelns und mit dem Erlöschen der letzten Kerze trug er sie ins Bett. Das viele Blut an ihr und an seinen Händen würden sie am nächsten Tag bei Helligkeit abwaschen. Der derbe Eisengeruch des getrockneten Lebenssaftes und der nachlassende Regen schickten ihn schnell in die Laken. Die exorbitante Exhaustion katapultierte ihn tief in den Schlaf und sorgte dafür, dass er ohne Albträume regenerieren konnte.

Havarie

Walter Wolfram und sein neuer Kollege Max Mayerz tuckerten in einem grünmelierten Polizeiwagen durch die Stadt. Das altgediente Fahrzeug entstammte einer ausgemusterten Modellreihe der August & Cie. Automobilwerke. Auf den Seitentüren prangte das Wappen der Polizeidirektion Neu-Berlin und prangerte die hinterherhinkende Notlage im Fuhrpark der Ordnungshüter an. Es war ein feuerspuckender Drache mit ausgebreiteten Flügeln, der sich mit seinen Krallen in die fetten Letter PDNB bohrte. Da es sich um ein einfarbiges Wappen in schwarz-korrodiertem Silber handelte, hätte man auch deuten können, dass sich dieses Urzeitfossil über die plakativen Buchstaben der Polizeidirektion Neu-Berlin erbrach. Ohne die seitlich montierte Sirene, die neuerdings elektrisch betrieben wurde und nicht mehr mit Handkurbel, würde die Unterscheidung zur Müllabfuhr noch schwerer fallen.

Die verlegten Schienen in der Mitte der breiten Straße wurden von offenen, geländerlosen Straßenbahnen genutzt, wo der uniformierte Tramführer Schulter an Schulter mit den Fahrgästen verkehrte. Reger Vehikelverkehr füllte die Straßenzüge der Stadt. Auf den Gehwegen herrschte hektisches Gedränge. Nahezu einheitlich gekleidete Herren mit schwarzen Schuhen, schwarz-grau gestreiften Hosen, schwarzen Jacketts, hellgrauen Westen, weißen Hemden und silbergrauen Krawatten dominierten den korpulenten Passantenstrom. Da Neu-Berlin statistisch an zwei von drei Tagen von Regen mit kaltem Ostwind beherrscht wurde, bedeckten mausgraue Wettermäntel aus geschorener Sterblingswolle die adrette Männerwelt. Gedeckelt wurde das Erscheinungsbild von konformen Filzhüten, die Anonymität als auch moderne Mode vereinten, und den obligatorischen Regenschirmen, die bei seltener Trockenheit zum Gehstock umfunktioniert wurden.

Zwischendurch verirrten sich in die dominanten Herrengruppen einzelne weibliche Geschöpfe, die sich für die seltenen Gelegenheiten in der Stadt besonders auftakelten. Perlenketten und Federboas betonten den frisch frisierten Kopf, während enge Korsetts hübsch anzusehende Dekolletees erschufen und die eine oder andere Speckrolle offenbarten. Ein flatternder Rocksaum bildete den Übergang zu neckischen Strümpfen und Stöckelschuhen mit auffälligen Verzierungen. Diese Dirnen genossen die entrückten Blicke. Für jeden Lüstling mit Karies und Parodontitis war ein passendes Format in Form und Farbe dabei. Das kalte Wetter tat der zeigefreudigen Balz keinen Abbruch.

Saxophondominierte Treibjagdmusik drang leiernd aus den Läden auf die Straße. Meistens von Plattenspielern, seltener von bezahlten Musikern, die sich in einer engen Ecke der kleinen Milchbars zusammenpferchen mussten. Zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Rußpartikel aus Schornsteinen und Auspuffrohren strapazierten die Lungen, weshalb Konversation mit ständigem Husten betrieben wurde. Fahrzeughupen tröteten im Kanon. Pfennigabsätze klapperten einen wilden Rhythmus. Der Ostwind pfiff um die Gebäudekanten und verstärkte sich in den Gebäudeschluchten.

Diese melancholische Melodie der Metropole bekamen Walter und sein adoptierter Filius allerdings lediglich am Rande mit, denn das Funkradio, das in einem Stahlchassis am Armaturenbrett montiert war, rauschte ununterbrochen. Walter klopfte einige Male entnervt darauf – ohne Erfolg.

Max zuckte zwar zusammen, als Walter seine alten Knochen blitzschnell bewegte, um dem Rauschen ein Ende zu bereiten, doch die Miene verzog sich nicht. Dafür hatte dieses eine Ereignis einen zu großen Graben hinterlassen. Es fühlte sich an wie eine frische Wunde, die nicht verheilen wollte und immer wieder aufriss, ihn auffraß. Lena hatte seitdem das Haus nicht mehr verlassen; Max musste des Geldes wegen, auch wenn er nur wie ein Geist umherwandelte.

Bequeme Schaftstiefel in Schützengrau wärmten die Füße der beiden Polizisten. Der Uniformjackenrock in preußischem Jägergrün wickelte die Gendarmen ein wie Fladenbrot Schawarma. Aufgenähte Patten an den Kragenenden spiegelten die Dienstränge wie Ornamente wider – Walter hatte viele, Max keine. An ihren Leibriemen aus porösem Leder steckten die Pistolenholster, die mit ihren gummispuckenden Schmuckstücken bestückt waren, daneben schlummerten die Achter. Um den Hals hing das Halsband der Trillerpfeife, die in der Brusttasche steckte. Zwischen den Sitzen klemmten die Schlagstöcke. Auf ihren Schädeldecken ruhte der Husarenhelm, der sie durch den frontalen Polizeistern autoritär als Gesetzeshüter ankündigte, Kopfläusen ein Rückzugsgebiet bot und die Bewegungsfreiheit entscheidend dezimierte, vor allem wenn man am Fahrzeughimmel entlangschrammte. Wenigstens schützte der Augenschirm des Husarenhelms vor der seltenen Sonneneinstrahlung. Überdies musste der Kinnriemen so festgezogen werden, dass man den Unterkiefer kaum noch bewegen konnte, weswegen die meisten Polizisten im Dienst wegen des erzwungenen Lallens nur schwer verstanden wurden.

»Helden sterben.« Der weiße Schnurrbart von Walter bewegte sich kurz, als er die Worte nuschelte. »Merk dir das, mein Junge!«

Walter sondierte stoisch die Umgebung. Nicht die Art von geschärftem Blick, wie man es von einem erfahrenen Mann des Gesetzes erwartete, wenn er breitbeinig wie ein läufiger Rüde und aufrecht wie ein Brückenpfeiler mit in die Seite gestemmten Armen nach Gefahren Ausschau hielt und diese mit seiner bloßen Präsenz im Keim erstickte. Sondern eher ein vorsichtiger, zurückhaltender Blick, der abzuschätzen versuchte, ob man den Dingen ihren Lauf lasse oder überflüssigerweise eingreife, und dann auch nur mit maximaler Passivität aus einer sicheren Defensive heraus.

»Meine Bertha«, er tippte auf seine Pistole im Holster, »musste noch keinem Strolch ins Gesicht blicken. Sie fühlt sich sehr wohl an meiner Hüfte. Und bis zur Pensionierung soll das auch so bleiben.«

Er schaute zu Max. Ein Versuch, herauszufinden, wie dieser tickte. Walter hatte keine Lust auf Ärger oder einen umtriebigen Jungspund, der ihm den Feierabend vergeigen würde. Sein neuer Kollege machte keine Anstalten irgendetwas zu machen.

»Nicht sehr gesprächig, mh?« Walter nickte mit dem Kopf. »Kommt mir entgegen.«

Ein paar Meter beherrschten wieder das Rauschen des Funkradios und das Potpourri der städtischen Melodie den Geräuschpegel.

»Dieses verdammte, neumodische Ding«, fluchte Walter in Richtung Funkradio und versetzte dem Stahlchassis einen erneuten Hieb. Das Rauschen erstarb endgültig. Eine Delle zeugte vom plötzlichen Tod. »Na bitte, geht doch.«

Nun hörte man nur noch die Stadt und den sich verschluckenden Motortakt.

Ein Räuspern glitt durch den weißen Schnurrbart.

»Bertha war meine Frau. Sie ist tot. Gestorben an einer Infektion«, gab er im Stakkato zu Protokoll und ergänzte, »Lange her.« Wieder streichelte er über die Waffe an seiner Seite. Dass er auf hölzernen Bänken im Angesicht teurer Fresken dafür gebetet hatte, ihr folgen zu dürfen, verschwieg er.

Langsam wurde ihm die Stille allerdings unheimlich. Er klopfte sanft auf das Lenkrad und schien zu überlegen wie er das Eis brechen konnte.

»Verheiratet?«

Ein Kloß blieb in Max’ Kehle stecken. Für ein paar Sekunden hörte er auf zu atmen. Dass sich seine Hand in den Sitz krallte, registrierte er erst, als seine Fingerkuppen kribbelten.

»Ja«, antwortete er karg, in einer Art, die darum bat, nicht weiter zu bohren.

Walter verstand und glättete sich den Schnurrbart von der Mitte nach außen mit Daumen und Zeigefinger. »Warum Polizist?«, startete er einen neuen Versuch.

Max atmete schwer aus. Dieser alte Mann hatte ein Händchen für Fettnäpfchen, resignierte er.

»Mein Vater.«

Walter nickte. »Ehrenhaft.«

Die Männer setzten ihre Fahrt schweigend fort. Der eine, weil er keine Lust mehr auf eintönige Antworten hatte. Der andere, weil er keine Lust mehr hatte.

Eine Lichtzeichenanlage schaltete auf Rot. An der Haltelinie blieben sie als vorderstes Fahrzeug stehen. Die Fensterscheiben isolierten sie von der Umgebung.

Max holte seine Taschenuhr hervor und blinzelte gedankenverloren darauf. Er wusste zwar noch nicht wen, wie oder wann, aber er wusste, dass er wie eine Kobra zubeißen, vergiften und würgend verschlingen würde. Seine Wut wurde allmählich chronisch, wenn auch nach wie vor latent. Schock und Trauer überwogen noch, allerdings machten sie langsam Platz. Er stieß einen Schwall verbrauchter Luft aus und stierte durch die Seitenscheibe, wo ihm eine Mutter ins Auge stach, die mit einem okkupierten Kinderwagen ihrem anderen, autonomen Balg beim Kiesel vom Gehweg scharren zuschaute. Apathisch trommelte Max mit seinen Fingern einen polyrhythmischen Auftakt auf seinen Oberschenkeln und schielte zum Mutterglück.

Die Ampelphase zog sich. Nicht nur die Fußgängerüberwege querten hier die Kreuzung, auch die Bahnen des öffentlichen Personennahverkehrs schlängelten sich hier quietschend über die in den Asphalt gestanzten Schienen, während sie Vorfahrt genossen.

Walter unternahm einen letzten Anlauf. Polizeidirektor Gordon Godot hatte ihm aufgetragen, den Jungen Max Mayerz unter die Fittiche zu nehmen und zügig straßentauglich zu machen, obwohl Walter nicht gerade als Pädagoge punkten konnte.

»Wenn du Fragen hast, mein Junge, frag. Ansonsten schau zu und lerne.« Innerlich klopfte er sich für diesen guten Vorstoß auf die Schulter. Seines Erachtens hatte er damit für den Anfang genug Umsicht walten lassen.

»Ok«, erwiderte Max zweisilbig emotionslos, ohne seinen Blick vom Kinderwagen zu lösen.

Ein guter Konstabler muss kein guter Redner sein, dachte Walter bei sich. Es genüge, wenn er die richtigen Worte im richtigen Moment fände.

Rot erlosch und Grün blinkte. Der Polizeiwagen setzte sich in Bewegung und bog in die Kreuzung ein. Plötzlich raste eine Limousine quer über die Straße und erfasste den Polizeiwagen am Heck. Durch den Zusammenstoß geriet dieser ins Schlingern. Er rotierte mehrmals um die eigene Achse, sprang über die Bordsteinkante und krachte mit der Fahrerseite gegen einen Laternenpfahl. Das Verursacherfahrzeug rauschte derweil ungebremst mit einer total zerbeulten Front durch zwei große Schaufenster in einen Lebensmittelladen. Nach lautem Krawall kam es schließlich zum Stehen.

Als beide Fahrzeuge in den Ruhezustand übergegangen waren, verharrte die Szenerie. Auf der Straße tummelten sich Scherben und Karosserieteile wie mit einer Pfeffermühle verstreut. Menschen standen ringsum. Manche versuchten zu begreifen, andere wollten ihre voyeuristische Sensationslust sättigen.

Max hustete. Der Aufprall kam so überraschend, dass er sich an seinem eigenen Speichel verschluckt hatte. Leicht benommen versuchte er die Lage zu überblicken. Anscheinend war die Ölleitung gerissen. Die dampfenden Rauchschwaden aus dem völlig verbeulten Motorraum verrieten jedenfalls nichts Gutes. Glassplitter bedeckten ihn. Die Scheiben hatten dem Druck nicht standgehalten. Schnittwunden überzogen seine Hände. Er wollte gar nicht wissen, wie sein Gesicht aussah. Das Adrenalin übertünchte jegliches Schmerzempfinden. Seinen Kopf konnte er problemlos bewegen. Es fühlte sich sogar unglaublich frei an, als wäre ihm eine Last genommen worden. Ein Blick nach unten verriet ihm auch warum. Der Husarenhelm war von seinem Kopf gerutscht und lag im Fußraum. Neben Max keuchte Walter wie ein Greis im letzten Stadium.

»Verflucht«, knurrte er einem hungrigen Köter gleich. Eine Schimpfworttirade folgte und verwandelte sich in ein langes, gleichbleibendes Surren, das die Luft zum Vibrieren brachte.

Walter klopfte angepisst gegen das Blech der Fahrertür, was den Wortschwall unterbrach und auch Max wieder ins Diesseits zurückholte. So sehr Walter dieses Funkradio auch verabscheute, in diesem Moment hätte er es benötigt, um einen Notruf abzusetzen, denn zumindest er klemmte zwischen verformter Tür, Sitz und Lenkrad wie eine Sardine in der Büchse.

»Jetzt bist du an der Reihe, mein Junge. Ruf Verstärkung, sicher die Unfallstelle, kümmer dich um Verletzte und hol mich aus dieser verfluchten Kiste raus!«

Max besann sich, nickte, befreite sich von Glassplittern, die zum Glück nicht durch den dichtgewebten Uniformjackenrock gedrungen waren, und hievte sich umständlich aus der Schrottkiste, indem er durch das nun scheibenlose Fenster auf seiner Seite kletterte. Verwunderte Menschen standen um ihn herum. Wahrscheinlich fragten sie ihn auch nach seiner Konstitution, aber er vernahm lediglich dumpfe Töne. Er hatte sich zu schnell aus dem Wrack geschält. Sein Kreislauf insistierte. Trotzdem sah er die Limousine im Lebensmittelladen gegenüber deutlich. Wackelig machte er sich auf den Weg, den fürsorglichen Aufforderungen der Umstehenden zum Trotz. Nach ein paar Schritten fiel er auf den Boden. Mit zitternden Armen hielt er sich auf allen Vieren, den Blick gen Laden gerichtet.

Max erkannte, wie sich ein Mann auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig der Limousine näherte. Dieser Mann verhielt sich wie ein Fremdkörper. Während alle anderen Personen wirr umherliefen oder einfach nur starr an Ort und Stelle verweilten, marschierte dieser Herr schnurstracks und ohne Interesse für sein Umfeld auf das Trümmerfeld im Erdgeschoss zu. Ein hagerer, gut gekleideter Herr, in dessen Hand ein Messer herumwirbelte als wäre es ein Spielzeug.

Der einsetzende Regen spülte das Blut aus Max’ Gesicht und hinterließ ein Narbenfeld voller kleiner Glassplitter.

Walter konnte sich kaum bewegen. Das zerknirschte Auto machte es ihm unmöglich, sich eigenständig aus der misslichen Lage zu befreien. Selbst seinen auf halb acht hängenden Husarenhelm konnte er sich nicht richten, weil sein linker Arm bündig verkeilt war und sein rechter Arm zwischen Lenkrad und Bein irgendwie taub. Er glaubte, dass die Taubheit aus einem Bruch herrührte. Lediglich seinen Kopf konnte er leicht drehen, um das Schauspiel zu verfolgen.

Sein junger Kollege lag inzwischen auf der Straße, gestützt auf allen Vieren, die gegenüberliegende Straßenseite fest im Blick. Dort war erst einmal nichts Ungewöhnliches, bis auf die versteinerten Menschen und die dunkle Limousine, die die Front eines Lebensmittelladens demoliert hatte.

Plötzlich erkannte Walter warum Max die Augen nicht abwenden konnte: Samor Nimmersatt. Mit grazilen Bewegungen und verrückten Zuckungen von Gestik und Mimik hielt Samor auf den Unglücksort zu, so als würde er tanzen oder durch den Regen stolzieren. Vorbei an all den menschlichen Statuen, die sich unter ihre Regenschirme flüchteten. Walter wusste, dass unter dem schicken Anzug ein Abort der Gesellschaft verborgen war. Er wollte etwas rufen, aber ein Kapazitätsengpass im gequetschten Brustkorb und vom Glasstaub angeschlagene Stimmbänder produzierten nur einen heiseren, stillen Seufzer. Max musste gewarnt werden, er wusste aber noch nicht wie. Der Junge hatte vermutlich keine Ahnung, wer Samor Nimmersatt war.

Samor Nimmersatt, ein magersüchtiger Draufgänger mit hässlich grinsender Fratze, bildete mit seinem Bruder Namron Nimmersatt ein kongeniales Duo in Sachen Bestechung, Einschüchterung und Brausepulver. Wenn all das nicht half, wurden gröbere Methoden eingesetzt. Walter kannte die beiden aus Erzählungen in der Direktion. Er war froh, bisher von einem Kontakt verschont geblieben zu sein. Derart viel krimineller Energie konnte er nichts entgegensetzen, ohne seinen Kopf zu gefährden. Und das sollte sich heute auch nicht ändern, war er überzeugt. Die Trillerpfeife in seiner Brusttasche könnte die Lösung sein, um Max zu warnen. Er musste nur irgendwie daran kommen.

Währenddessen beobachtete er das Schauspiel aus der Entfernung. Es musste sich um Streitigkeiten im organisierten Milieu handeln und der Unfall war wahrscheinlich rein zufällig passiert. Solange die beiden Konstabler ihre Nase nicht in den Pfeffer tauchten, würden sie nicht niesen müssen.

Samor Nimmersatt befand sich mittlerweile vor dem Haufen Schrott aus Karosserieblechteilen, Kaki, Kiwi und Kumquats. Ein Fruchtfleischkonglomerat aus Äpfeln und Birnen vermischte sich hedonistisch mit einer Saftsymbiose aus Gurke und Tomate, was als rutschiges Schlachtfeld den Bereich vorm Lebensmittelladen säumte.

Vor Samors Füßen, die ekelhaft edel in penibel gepflegtes, braunes Krokodilleder geschnürt waren, kroch ein Mann ohne Geldsorgen aus dem Laden. Der maßgeschneiderte Anzug mit exquisiten Seidenapplikationen hatte durch den Unfall und den Obstgemüseschlamm viel an materiellem Wert verloren. Samor spuckte ein Lutschbonbon aus und zerbröselte es unter seiner Sohle vor den Augen des am Boden liegenden Mannes. Das Messer in Händen des Schlächters war gut versteckt in der Faust, weshalb niemand ein schreckliches Verbrechen vorherzusehen wagte.

Als Max im Streubesitz seiner mentalen Kräfte vorsichtshalber seinen Revolver aus dem Holster holte und die Trommel prüfte, die ihm sechs abschreckende Nattern in Bereitschaft zeigte, bückte sich Samor über das Opfer und trieb das latente Fleischermesser lateral in dessen Hals, um den Schnittkanal bilateral zu vollenden. Das Gekreische des Publikums, das sich keineswegs anmaßte das Spektakel zu stören, beeinflusste den Täter nicht. Seelenruhig reinigte er seine Tatwaffe am Hemdkragen des Toten, bevor er sich anschickte, den Tatort gelassen zu verlassen, stets mit einem schiefen Grinsen, das möglicherweise von einer auffällig genähten Narbe am Kiefer herrührte.

Der andauernde Kampf mit seinem geschwächten Körper raubte Max die Aufmerksamkeit. Krampfige Nackenschmerzen zwangen seinen Blick zu Boden, sodass es ihm entging, wie Samor sich ihm näherte.

Unvermittelt hörte er Walters Trillerpfeife trällern, doch einen Moment später wurde es schwarz.

Kurze Zeit später erwachte Max blinzelnd, neben sich einen Mann registrierend, der einen Tischtennisschläger locker in der Hand drehte. Auf der Schlagfläche befanden sich alte, längst eingetrocknete, dunkle Blutreste, die eine lange Geschichte dieses Sportgerätes erzählen könnten. Er ärgerte sich, dass er so leichtsinnig gewesen war. Das erinnerte ihn an die Geschichte vom verletzten Irbis, der den hungrigen Moschushirsch nicht bemerkte. Um sich der Tamariskenzweige zu bemächtigen, schaltete dieser den Irbis kaltblütig aus. Die Moral von der Geschichte: rieche, höre, sichte. Der Husarenhelm, der im Auto lag, hätte ihn vor Kopfschmerzen bewahrt.

»Du hast Glück, dass ich keinen Polizisten grundlos kaltmache«, raunte der unbekannte Mann mit ziemlich geschmacklosen Krokodillederschuhen. Er bückte sich zu Max, schnappte sich die Trillerpfeife und blies hinein. Dabei lachte er schrill und kratzig, sah sich um und nickte wie zur Bestätigung. »Wie es aussieht, wird keiner kommen, um dir zu helfen, Bastard.«

Ein unangenehmer Geruch nach schwerem Parfüm stieg Max in die Nase. Er kannte diesen Geruch und wagte einen Blick ins Gesicht des Frevlers. Bastard, wiederholte Max in Gedanken. Es machte Klick. Er sah seinem Peiniger direkt in die Augen. Samor Nimmersatt war der Mann, der ihn nun schon zweimal auf die Bretter geschickt hatte. Die frische Narbe am Kiefer des Mannes, die fachmännisch genäht worden war, triefte etwas.

Ein lauter Pfiff griff sich Samors Aufmerksamkeit. Max verfolgte Samors Blick zur geschrotteten Limousine in der zerstörten Schaufensterfront. Dort wartete ein fülliger Mann, der Samor zu sich winkte. Samor pustete genervt die Luft aus seinen Wangen und lies den Kopf traurig hängen.

»Ich habe leider keine Zeit mehr. Mein Bruder gönnt mir aber auch keinen Spaß«, sagte er sichtlich enttäuscht, den Tischtennisschläger auf einem Finger balancierend. »Wir sehen uns wieder!« Dann folgte er dem Ruf seines Bruders.

Benommen stemmte sich Max an einer Litfaßsäule hoch, vorbei an dem mehrfach angeschlagenen Aushang, der die Prohibition der Limonade proklamierte. Erst jetzt merkte er, dass seine Hand schmerzte. Sie krampfte sich um den Revolver. Er hatte ihn die ganze Zeit schussbereit parat gehabt, seine Physis aber nicht zum Tee geladen.

Mit wummerndem Schädel steuerte er den entblößten Kofferraum des Verursacherfahrzeuges an. Zerbrochene Flaschen hatten ihren süßen Inhalt spendabel verteilt. Einen Aufdruck suchte er vergebens. Dem leckeren Geruch nach zu urteilen, dürfte es sich um Limonade handeln, urteilte er mit der durstigen Zunge an der Oberlippe.

Als er sich umdrehte, um nach Walter zu sehen, detonierte eine pralle, glatzköpfige Panzerbeere, die an der Ladendecke zur Schau gestellt worden war, neben der Limolimo, und löste eine Kettenreaktion aus, die die gesamte Stafette an Hängefrüchten gen klebrigen Boden schickte. Kürbisschalenteile, beschleunigt von der Energie und getragen von der Detonationswelle, flogen wild umher. Endlich bewegten sich die schaulustigen Menschen und duckten sich verängstigt weg. Auch Max warf es bäuchlings von den Füßen, hauptsächlich vor Schreck. Umherschleudernde Kerne fragmentierten Einmachgläser, die daraufhin barsten. Eine Saftwalze züngelte aus dem Laden. Die Fruchtpräsenz befruchtete die Luft und erschuf ein urfarbiges, schmackhaftes Meer.

Aus dem Fahrzeughinterteil schleuderte es die Überreste einer zerbrochenen Limonadenflasche hinaus in die Welt, auf die Straße. Fliegende Zukost auf die Motorhaube, bugseitig nachgiebige Karosseriefederung und ein offener Kofferraum erwiesen sich als geeignetes Katapult. Dies markierte den Schlussakkord der Fruchtkanonade, die mit ein paar tatkräftigen Besen schnell beseitigt werden konnte.

Max war plakatiert mit Fallobst. Aus allen Ritzen tropfte matschiges Mus. Der naturgemäße Niederschlag hatte nachgelassen und half ihm nicht bei der Vorreinigung. Ein seitlicher Tritt gegen die Fahrertür ließ Walter vor Schmerz aufheulen, befreite ihn jedoch aus dessen Zwangslage. Auf eine Schramme mehr kam es nicht an. Die beiden Männer schauten sich verdutzt an.

»Was, zur Hölle, ist hier eben passiert?« Max reichte seinem Mentor eine Hand.

Walter hievte sich vorsichtig aus dem Sitz und nahm seinen Husarenhelm ab. Der Kinnriemen hatte sich in seinen Unterkiefer eingeschnitten. Ein fetter Striemen brandmarkte den Wachtmeister.

»Anscheinend nichts«, antwortete Max fassungslos auf seine eigene Frage.

Die Menschen begannen mit den Aufräumarbeiten als wäre nichts geschehen. Sie unterhielten sich, schäkerten und säuberten innerhalb weniger Minuten den Straßenzug. Selbst Leichnam nebst Vehikel waren nach ein paar Lidschlägen in einer Seitenstraße verschwunden. Holzbretter sicherten die zerstörten Schaufenster.

»Die Leute haben Angst.« Da nahm sich Walter nicht heraus. »Sie halten lieber den Mund und schauen unbeteiligt zu als unter die Räder zu kommen. Ein gesunder Selbsterhaltungstrieb.« Er schaute an Max herab, in dessen Hand er den Revolver erblickte. »Was hattest du damit vor? Wolltest du dich einmischen? Du kannst froh sein, dass du noch am Leben bist. Kannst du damit überhaupt umgehen?«

»Zielen, abdrücken, fertig.« Max krümmte den Abzugfinger in der Luft.

Unbeeindruckt stützte Walter seinen rechten Arm mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Haus

Mit der Abenddämmerung schlurfte Max mit abgewetzter Schiebermütze und dunklem Jackett an aufgereihten Häusern in der Vorstadt vorbei. Die einen entsprangen einem urbanen Postkartenmotiv, die anderen vertrugen etwas Pflege, trotz des provinziellen Charmes. In den kiesbedeckten Auffahrten warteten Karossen der August & Cie. Automobilwerke auf den nächsten hereinbrechenden Morgen, der ihrem Dasein den wahren Sinn vermittelte, wenn die Herrschaften in aller Herrgottsfrühe mit Glukose im Blut ihrem tristen Alltag nachgingen indem sie erst einmal fuhren.

Je näher er seinem Haus kam, desto zögerlicher wurden seine Schritte. Der Einschnitt belastete das eheliche Dasein. Man weiß zunächst nicht, wie man weitermachen soll. In einigen Momenten zweifelt man daran, überhaupt weiterzumachen. Und dann gibt es die Momente, in denen der Zorn waghalsige Pläne schmiedet.

Viele Familien in der Nachbarschaft waren um diese Uhrzeit am Tisch versammelt und saßen während sie aßen. Seichtes Licht drang auf die Straße. Die Schornsteine zeigten, dass die Kamine die vier Wände wärmten.

Max schlängelte sich am Licht vorbei. Er bevorzugte das Zwielicht. Die frischen Kratzer in seinem Gesicht pochten. Mittlerweile wusste er, wie viele es waren und wie tief. Nichts für die Ewigkeit, lediglich temporär. Diese Wunden würden verheilen, auch wenn zum Andenken Narben zurückblieben. Er zog die Mütze weiter nach unten. Niemand sollte bei seinem Anblick erschrecken.

Stumm betrat er sein Haus, das wie die Gartenhütte eines richtigen Hauses anmutete. In zweiter Reihe, im Schatten der richtigen Häuser. Er entledigte sich seiner Schiebermütze und streifte das schwarze Jackett ab. Düsternis empfing ihn herzlich. Kalte Stille ummantelte ihn. Er begann zu frösteln. Die undichten Fenster hatten der Kälte von draußen kaum taugliches Material entgegenzusetzen.

Wie so oft in den letzten Tagen verharrte er lautlos. Er wartete auf einen Ton – Klirren von Geschirr, Knarren von Schranktüren, ein Atemgeräusch, ein Räuspern, ein Schluchzen. Und jedes Mal stellten sich seine Nackenhärchen auf, wenn er nichts von alledem hörte. Aus der Küche drang schwacher Kerzenschein hervor. Erleichtert und doch angespannt tastete sich Max dem Licht entgegen.

Lena schlief mit vergrabenem Haupt im Schoß ihrer Arme auf dem Tisch in der Küche. Dicke Wollsocken wärmten ihre Füße. Einen kurzen Moment verharrte Max, um die schlechten Gedanken abzustreifen und seine wunderschöne Frau zu beobachten. Lenas Haar glänzte im Schein des verdampfenden Stearins der Kerze. Narben überzogen ihre Arme. Einige oberflächliche Kratzer schienen frisch verkrustet, andere tiefe Krater waren bereits verwachsen. Bedrückt stierte Max auf die Mahnmale. Nun verbanden ihn auch körperliche Aspekte mit seiner Angetrauten. Bisher teilten sie lediglich seelische Narben. Die offenen Risse in seinem Gesicht pulsierten, glühten und brannten wie Feuer. Es schmerzte umso mehr, den leibhaftigen Spiegel auf dem Küchentisch zu sehen. Er wusste nicht einzuordnen, ob ihre Schnitte Missgeschick oder Vorsatz waren. Er wusste nicht, ob sie Hilferuf, Katharsis oder Absolution darstellten.

Als er Lena behutsam schulterte, streifte eine ihrer zarten Hände eine leere, konisch geformte Flasche mit verdächtigem Aufdruck. Abgebildet war eine goldene Blume. Das tänzelnde Glas versprühte ein bitteres Duftaroma, leicht krautig im Nachgang. Mit der freien Hand nahm Max die Flasche und kostete die letzten Tropfen, die sich im Flaschenboden gesammelt hatten. Trotz der Verdünnung durch Lenas Speichel konnte er seinen Verdacht bestätigen: Limonade. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er wollte mehr, konnte die Gier aber schnell herunterwürgen. Neben seiner schwindenden Kraft, Lena weiter auf der Schulter im Gleichgewicht zu halten, raste sein rastloser Geist. Nicht nur, dass sich seine Frau ritzte. Sie hatte eine Quelle für Limonade gefunden und schien diese eifrig zu nutzen. Gleich nachdem er sie ins Bett getragen hätte, würde er das Haus nach weiteren Flaschen durchsuchen. Erstens, weil er kein geregeltes Leben mit Schmugglerware im Keller führen konnte. Zweitens, weil er wahnsinnig Appetit bekommen hatte.

Hof

Ein Schuss hallte durch den Hinterhof der Polizeidirektion. Das Projektil schlug in eine künstliche Wand aus dicken Getreideballen ein und wurde verschluckt. Davor waren fünf Konservendosen in einer Reihe auf einem flachen Holzregal positioniert. Dutzende Scharten überzogen die Stirnseite des Regals. Dellen im Blech zeigten, dass die Dosen auch schon getroffen wurden. Dieses Mal jedoch nicht.

»Keine Bange, bleib bei der Stange, mein Junge«, raunte Walter gutmütig. Sein Arm war in dicken Gips gepackt und an seinem Hals mit einem Tuch befestigt. Bis auf den Husarenhelm glänzte er in Uniform, wie auch sein jüngerer Tutand.

Max feuerte erneut, konnte aber wieder keinen Treffer landen. Wütend schnaufte er.

»Du denkst zu viel. Steck die Pistole ein. Dreh dich weg. Dann drehst du dich wieder zum Ziel, holst die Pistole hervor und schießt. Das alles innerhalb weniger Sekunden.« Walters Hand lag locker auf seinem Holster. Da sein Waffenarm gebrochen war, hatte er sich seine Bertha auf links gelegt, in der Hoffnung, nie ziehen zu müssen. Er bezweifelte, dass er sein Schmuckstück überhaupt aus der Halterung bekam. Außer zum Pinkeln war seine linke Hand zu nichts zu gebrauchen.

Der junge Kadett befolgte den Rat und spielte den Ablauf durch. Er steckte die qualmende Waffe ins Holster, drehte sich weg, um sich gleich wieder dem Ziel zu widmen, zog die Waffe und feuerte ohne großartig anzuvisieren. Tatsächlich traf er diesmal nicht die Schutzwand, sondern das Holzregal. Ein paar Holzsplitter flogen durch die Luft und die äußerste Dose wackelte kurz.

Walter nickte zufrieden im Einklang mit dem Schall, der noch eine Weile an den Häuserwänden sein Unwesen trieb. »Gleich nochmal.«

Der nächste Schuss. Haarscharf vorbei.

»Nochmal.«

Peng. Ein zweiter Treffer ins Holzregal. Aus Mitleid fiel eine der Dosen um.

»Und nochmal«, trieb Walter seinen Schützling unerbittlich an.

Mit Erfolg. Das Gummigeschoss erwischte die mittlere Dose und riss sie vom Regal. Max leerte zwar noch das Magazin, konnte aber keinen weiteren Abschuss verbuchen. Trotzdem schien er von seinen Künsten überzeugt zu sein.

»Wenn es zu einer Schießerei kommt, geht es nicht darum, so viel wie möglich rumzuballern. Du musst mit wenigen Schüssen die Kontrolle erlangen. Jeder Schuss muss sitzen. Verfehlst du einen, wird er dich abknallen«, monologisierte Walter. »Wenn du die Pistole in die Hand nimmst, musst du bereit sein zu schießen. Und du musst dir sicher sein, dass du triffst. Ansonsten solltest du schnell weglaufen.«

Max ließ die Trommel etwas auskühlen und lud dann nach. Irgendwie gefielen ihm das austarierte Gewicht der Waffe in seiner Hand und die Macht, die diese spuckende Ingenieurskunst verlieh. Der Geruch des beschleunigten Kautschuks versetzte ihn außerdem in einen leichten Höhenflug. Mit Hochgefühl.

Walter zeigte auf die vier übrigen Dosen, die sich ungefähr zwölf Meter entfernt von beiden befanden. »Es sind noch vier. Du hast noch sechs Schuss.« Er zeigte in die entgegengesetzte Richtung. »Jetzt gehst du ein paar Schritte zurück und drehst dich um. Wenn ich Angriff rufe, holst du deine Pistole hervor, drehst dich zu den Dosen, gibst den ersten Schuss ab. Dann läufst du ein paar Schritte auf die Dosen zu und gibst den zweiten Schuss ab. Dann folgt ein Zickzack. Auf jeder Seite gehst du in die Hocke und schießt, bis du vorn angelangt bist, dein Magazin leer ist und du hoffentlich alle Ziele vom Regal geholt hast. Das Ganze im Stechschritt.«

Max nickte, steckte die Waffe in das Holster und ging ein paar Schritte zurück. Er schloss die Augen. Plötzlich brandete verdrängter Zorn in seinen Kopf. Nicht an die Blechdosen zu denken bedeutete an alles andere zu denken. In seinem Fall war das Lena, Kummer, Schmerz. Und Vergeltung.

»Angriff!«

Max öffnete die Augen, hob die Waffe und schoss daneben. Er hastete ein paar Schritte auf das Ziel zu und schoss abermals. Daneben. Mit dem ersten Richtungswechsel verlor er die Dosen kurz aus den Augen. Als er sich wieder den verdellten Konservenbüchsen zuwandte, sah er statt des geriffelten Bleches vier Schatten, die die Form von markanten Männergesichtern hatten. Nur noch drei. Einen konnte er ausschalten. Aus der Hocke sprintete er zur anderen Seite und bückte sich. Einer pfiff, der andere lachte und tänzelte, der dritte schwieg. Der dritte kullerte vom Brett.

Bastard