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Skrupellose Menschen treffen in einer unwirtlichen Gegend, rund um das fiktive Paradise City im Norden Nevadas, im kochenden Hochsommer 1888 aufeinander. Überleben heißt Töten oder Schatten finden. Das Gesetz wird von 6-Schüssern und Doppelläufigen bestimmt. Mittendrin: John, ein Bisonrancher, der die brutalen White Horses erzürnt und damit eine tödliche Kettenreaktion auslöst. Im Patronenrauch verblassen Gesetze, Liebe und Menschlichkeit.
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Seitenzahl: 605
Veröffentlichungsjahr: 2024
David Goliath
Der Gesetzlose
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Haftungsausschluss
Verortung
Lautschrift
Das Kartenhaus
Das Kartenhaus
Die Eisenbahn
Die Eisenbahn
Die Hure
Die Hure
Die Farm
Die Farm
Der Sheriff
Der Sheriff
Der Saloon
Der Saloon
Die Ranch
Die Ranch
Der Pakt
Der Pakt
Das Dynamit
Das Dynamit
Der Detektiv
Der Detektiv
Der König
Der König
Die Sucht
Die Sucht
Der Marshal
Der Marshal
Das Fieber
Das Fieber
Der Sturm
Der Sturm
Der Prediger
Der Prediger
Das Duell
Das Duell
Der Totengräber
Der Totengräber
Der Zeuge
Der Zeuge
Das Reservat
Das Reservat
Das Gift
Das Gift
Die Flucht
Die Flucht
Die Rettung
Die Rettung
Der Abschied
Der Abschied
Das Ende
Das Ende
Impressum neobooks
Fiktiv.
Paradise City, Nevada, USA
1888
Percheron - [pɛrʃəˈrɔ̃ː]
»Die Katze aus dem Sack zu lassen,
ist sehr viel einfacher als sie wieder zurückzupacken.«
*aus Wild West Whim-Wham, New York City, 1888
John kam auf seinem großen, schwarzen Hengst, einem Percheron, gemächlich aus der flimmernden Prärie, gerahmt von kargen, kantigen Bergen, angetrabt. Seine Hutkrempe schützte seine Augen vor den umherwirbelnden Sandkörnern und dem gleißenden Licht der Sonne. Die Hitze stach, und Staub hatte sich auf Pferd und Reiter gelegt. Neben dem schwarzen Tier trabte ein weißes Exemplar, ebenso majestätisch, verbunden durch ein Seil am führenden Rappen.
Auf dem weißen Pferd saß William Emerald, dessen Kopf sich in eine schwarze Haube ohne Sehschlitze hüllte. Getrocknetes Blut haftete am Hals unterhalb der Haube und musste seinen Ursprung weiter oben, am Schädel, haben. Seine aufgeschürften Handknöchel rieben aneinander und ergaben sich einem festverzurrten, unnachgiebigen, rauen Seil, das an Johns Sattel vertäut war. William Emerald taumelte im Sattel, als habe man ihn stundenlang durch die endlose Einsamkeit getrieben, ohne Rast oder Proviant, der sengenden Hitze schutzlos ausgeliefert.
Das Gespann passierte die Eisenbahngleise und enterte die sterbende Steppenstadt Paradise City. Vorbei am tropfenden Wassersilo, das sich wie ein riesiges Ei, neben dem verwitterten Bahnhofsgebäude, mit dem Kirchturm um die Höhe duellierte. Vorbei an verlassenen Häusern, an Ruinen, an Gerippen aus Holzbalken und Skeletten aus Holzlatten. Vorbei an aufgegebenen Geschäften und heruntergekommenen Fassaden. Vorbei an löchrigen Zäunen und schiefen Planken. Immer neben dem ausgetrockneten Dead Creek, der sich wie eine gehäutete, blutleere, verdorrte Schlange um die Stadt windete, und von kleinen Holzbrücken überwunden wurde.
Verdutzte Augenpaare hielten inne, um die Ankunft zu beobachten. Das Hufgetrappel übertünchte das Raunen der Bewohner, die sich gegen Austrocknung und Armut stemmten. Sie trugen abgewetzte, teils zerfetzte Kleidung; hatten verfilztes Haar und schmutzige Haut. Dreck, Sonne und Alltag zerrten an den Fasern und zerrieben sie unaufhaltsam. Die Mienen wirkten eingefallen, müde, zerfurcht, zerklüftet. Traurige, tote Augen starrten zu den Reitern, die Staub hinter sich aufwirbelten. Über der Stadt kreisten die Geier und in den Erdhöhlen um die Stadt herum warteten die Kojoten auf die abgemagerten Menschenleiber, die bald auf der First Street liegen würden.
Vorm letzten Saloon, Heaven Hell, brachte John die Pferde zum Stehen. Er stieg ab, band seinen Hengst an, schritt die knarzenden Holzstufen hinauf aufs Podest, riss das angeschlagene Fahndungsblatt vom Stützbalken, entfernte die lederne Schutzhülle von seinem Revolver, den er vor der Brust im Brustholster trug, und ging durch die doppelflügelige Pendeltür.
Im Heaven Hell empfingen ihn atonale Klaviermusik, Männergelächter, Sägespäne, die Alkoholpfützen und Kotze kaschierten, und vollbusige Animiermädchen in langen, dunklen, hochgeschlossenen Kleidern, die über engverschnürten Korsetts hingen. John marschierte auf den Tresen zu. Niemand im Saloon interessierte sich für den staubigen Neuankömmling, der seinen Colt Thunderer im Lederholster vor der Brust trug, statt wie üblich an der Hüfte, wo John stattdessen sein 1886er-Winchester-Gewehr wie ein drittes Bein mit sich führte – noch zum Schutz in Leder gewickelt und mit Beinbändern befestigt.
Er legte das Fahndungsblatt, das nach William Emerald verlangte und 100 Bucks Belohnung versprach, auf den Tresen und salutierte heimlich der US-Flagge darüber, mit ihren 38 Sternen und den 13 Streifen. Als der Saloonbesitzer, Friedensrichter und Schankwirt Allan Sin zu ihm kam, nickte John nach draußen. Er positionierte sich so, dass er die Tür im Blick hatte, genauso wie den restlichen Saloon. Dadurch zeigte er Allan Sin die staubige Schulter. Aber der Tür dreht man schließlich niemals den Rücken zu.
Allan Sin schluckte. Seine Augen pendelten von John, zum Fahndungsblatt und zur Tür, wohinter der Gesuchte sein sollte – im erbarmungslosen Sonnenlicht. Er gönnte sich schnell einen Schluck Whiskey und schüttelte danach mit dem Kopf.
»Nein«, nuschelte Allan Sin ablehnend. »Das ist ein Whiteman. Kann mich nicht erinnern, ihn zum Abschuss freigegeben zu haben. Verschwinde!«
Aber John pochte mit dem Finger auf das Fahndungsblatt, auf das retuschierte, selbstgefällige Schwarz-Weiß-Lächeln von William Emerald auf krisselig, beigem Papier. »100 Bucks«, sagte er mit trockener Kehle.
Allan Sin musterte Johns Brustrevolver. Dann gab er seiner Frau, Joy Sin - einer an der Treppe nach oben in den wirklich verruchten Bereich stehenden, beleibten Chinesin mittleren Alters - zu verstehen, dass sie jemanden holen solle. Joy Sin nahm widerwillig die Stufen nach oben. Sie schimpfte mit den Armen.
John signalisierte Allan Sin, er möge ihm auch einen Whiskey geben. Als dieser sich weigerte, nickte John an ein Holzbrett mit vielen kleinen Holztafeln und Namen darauf, denen wiederum unzählige Kerben innewohnten.
»100 Bucks«, raunte er, mit zusammengekniffenen Augen zu den Holztafeln, und erhielt den gewünschten Whiskey, mit dem eine weitere Kerbe in einer der heftiger geschundenen Holztafeln einherging.
Aus seiner Tasche holte er seine letzte schwarze Kaubohne. Er drehte sie verträumt, nachdenklich, kritisch. Da, wo sie war, gab es keine mehr. Er nahm die Kaubohne in den Mund, kaute darauf herum, schloss die Augen, schluckte und spülte mit Whiskey nach. Sofort trübte sich sein Geist; Schmerzen wurden betäubt; Nebel legte sich auf seine müden Pupillen.
Bisonbaron und Bürgermeister Sherman Mayor setzte sich neben ihn, noch am Zuknöpfen von weißem Hemd und grauer Weste über den dicken Bauch im Baumwollunterhemd und mit Röte im Gesicht, wegen vergangener Anstrengung und Lippenstift, und mit dem Geruch des Aktes an ihm.
»Das ist ein Whiteman!«, wiederholte Allan Sin nervös, »Einer der White Horses!«, und wies Sherman Mayor auf das Fahndungsblatt hin. »Wer hat diesen Unsinn verzapft?«
Der winkte ab, »Schon gut«, und orderte Whiskey für sich und seinen Gast. Dann wendete er sich dem Gast zu: »John, schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?«
»Mit den 100 Bucks besser.«
»Brauchst du das Geld?«, fragte Sherman Mayor fürsorglich.
John nickte und nippte am spendierten Whiskey.
»Gebe ich dir zu wenig Lohn?«
»Ich habe Pläne«, erwiderte John.
Sherman Mayor lachte. »Die haben wir doch alle. Vielleicht kann ich dir helfen.«
John lehnte ab. Sein Finger tippte auf die angeschriebenen 100 Bucks.
Sherman Mayor atmete tief durch. »Verstehe mich nicht falsch, John. Ich bin froh, dass sich jemand um das Problem gekümmert hat. Aber ich habe nicht erwartet, dass sich jemand um das Problem kümmert. Es diente eher der Abschreckung für diesen Schurken. Er sollte sich fernhalten. Ich dachte nicht, dass jemand den Mut besitzt, sich mit den White Horses anzulegen.« Besorgt schaute er zur Tür und durch den gut gefüllten Saloon, wo Würfelspiele, Kartentricks, Whiskey, Adams Ale und Animiermädchen Ablenkung vom harten Westen vorgaukelten. Zwischendrin lag der Prediger Godfrey Parson mit Kutte und Kilt zwischen eingepferchten Brüsten und schalem Bier auf seinem Dudelsack und schlief seinen Rausch aus. Sherman Mayor bekreuzigte sich bei diesem Anblick scheinheilig.
John sah zu ihm, fordernd.
»Du bringst uns in große Schwierigkeiten, John. Wo ist er?«
John deutete zur Tür.
Sherman Mayor zählte ein Geldbündel ab und reichte es ihm. Sofort wanderte ein Großteil des Geldes weiter zu Allan Sin, der Johns Kerbentafel umdrehte, damit Platz für neue Striche war.
Sherman Mayor und John traten vor die Tür, wo sie von 3 Schnauzbärten – grau, dick und länglich vom alten City Marshal Ed Five, braun und kompakt von seinen jungen Deputys Porter Point und Dave Star - abgefangen wurden.
»Bürgermeister, was soll der Unfug?«, zeterte Ed Five ungehalten durch seinen grauen Schnauzbart, mit einem zweiten, zerknüllten Fahndungsblatt in der Hand, und zeigte zu William Emerald, der sich unter der schwarzen Kopfhaube in der Sommersonnenhitze kaum noch im Sattel halten konnte. Im nächsten Moment kippte dieser um, fiel aus dem Sattel, verhedderte sich im Seil, das seine Hände abschnürte, und blieb seitlich reglos an seinem weißen Pferd hängen.
Porter Point stürzte sofort hin, schnitt das Seil durch und bettete William Emerald auf den Boden. Die Haube zog er vom Kopf, was einen halb zertrümmerten Schädel offenbarte, besprenkelt mit trockenen Blutfäden und hängenden Hautfetzen, den Ohrmuscheln beraubt - abgeschnitten. Porter Point schickte Dave Star zum Textilgeschäft Taylor‘s Clothes gegenüber, um medizinischen Beistand zu holen.
Ed Five rümpfte die Nase. »Das ist nicht gut.«
Sherman Mayor räusperte sich. »Wie hast du das angestellt, John?«
John schob den Schaft seiner 1886er-Winchester von der Hüfte nach vorn, um zu antworten. Unter dem ledernen Schutz könnte man William Emeralds Schädelblut vom Gewehrschaft abwischen.
»Dafür habe ich dir das Ding nicht gegeben«, munkelte Sherman Mayor. »Die Ohren?«
»Damit mich die Toten nicht hören«, erwiderte John.
»Bürgermeister!«, schnaufte Ed Five ungehalten, »Da haben Sie uns etwas eingebrockt! Wie sollen wir das erklären? Wie sollen wir das da den White Horses erklären?«
»Ein Schurke, der meine Emma beschmutzte«, erwiderte Sherman Mayor. »Zur Hölle mit ihm!«
Ed Five stierte in die Ferne, zum Ausgang der Stadt, wo man meilenweit nichts als staubige, steinige Prärie, kniehohe Wüstensträucher und vereinzelte, vegetationsarme Bergketten sah. »Hätten Sie uns nicht vorher einweihen können? Dann hätten wir uns vorbereiten können, hätten Männer rekrutiert, hätten Barrikaden errichtet, hätten die Armee um Hilfe gebeten.«
»Hören Sie auf zu backen, Marshal. Die White Horses sind hundert Meilen weit weg. Die werden sich nicht wegen dieses Schurken auf die Reise begeben.«
Ed Five verdrehte die Augen, denn er rechnete mit dem Schlimmsten – eine Invasion der Banditenbande.
»Papa?«
Die 3 Männer vorm Saloon drehten sich um. Emma Mayor, eine junge Dame, die eben erst empfängnisbereit und heiratsfähig geworden war, stand fassungslos hinter ihnen und starrte auf William Emerald, der gerade wie ein Häufchen Elend im Arm von Porter Point in die ewigen Jagdgründe einfuhr.
»Will!«, schrie sie und rannte entsetzt zum Sterbenden, mit der kalten Schulter für ihren Vater. Sie kniete sich weinend hin und nahm den zerschundenen Kopf ihres Angebeteten zwischen die Hände. »Papa, was hast du getan?«
Sherman Mayor biss sich auf Lippe, konnte aber seine Souveränität schnell wiedergewinnen und begradigte seinen Rücken. »Der Schurke hatte schlechten Einfluss auf dich, mein Engel. Wolltest du auf dem Rücken seines Gauls in der Steppe verdursten?« Er ballte die Fäuste. Seine Tochter hatte viel unschicklichere Dinge mit dem Mistkerl getrieben, doch das wollte er nicht in der Öffentlichkeit breittreten.
»Wir lieben uns!«, schrie Emma Mayor verheult, verzweifelt, verbittert und spuckte dabei Porter Point unbeabsichtigt ins Gesicht. Der nahm es wie ein Kavalier und ließ den Mädchensabber unkommentiert an seiner schmutzigen Wange hinabtropfen.
Dave Star kam mit Claire Taylor aus ihrem Textilgeschäft angelaufen. Sie hatte ein kleines Täschchen dabei. Bei William Emerald hockte sie sich neben Emma Mayor und untersuchte den halbskalpierten Schädel des Opfers. Nach wenigen Handgriffen sah sie zum City Marshal Ed Five und zum Bürgermeister Sherman Mayor und schüttelte sachte mit dem Kopf, damit Emma Mayor neben ihr nicht unmittelbar Wind vom unabwendbaren Tod ihrer unerwünschten Liaison bekam.
Ed Five schnalzte mit der Zunge. Ein großer Schwall aufgeheizter, trockener, staubiger Luft wanderte in ihn. »Unsere Probleme wachsen. Der Frieden ist vorbei.«
»Bellen Sie keinen Knoten an!«, entgegnete Sherman Mayor. »Diese idiotischen White Horses werden doch nie bemerken, dass einer fehlt.«
Die Augen vom City Marshal und seinen beiden Deputys, die beim Sterbenden verweilten und die gleichen Gedanken wie ihr Vorgesetzter hegten, trafen sich unheilvoll. »Bei allem Respekt, Bürgermeister, Sie unterschätzen die White Horses.«
Sherman Mayor grunzte leger. »Bis auf diesen Schurken habe ich noch keinen Whiteman hier gesehen. Die halten sich von Paradise City fern, weil sie wissen, dass wir uns wehren und dass Strang oder Kittchen auf sie warten.«
Ed Five verneinte mimisch, was Sherman Mayor nicht registrierte. »Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber die White Horses machten einen Bogen um uns, glücklicherweise. Sie hatten ja auch keinen Grund, uns heimzusuchen. Außer Dürre und Plörre gibt es hier nicht viel.«
Sherman Mayor schaute ihn herablassend an. »Meine Ranch. Aber das ist eine Festung. Und wenn die tausend Patronen meiner Leute verschossen sind, dann trampeln meine tausend Bisons diese mickrige Pferdegang nieder.«
»Das nützt der Stadt auch nichts«, sagte Ed Five. »Wir haben weder tausend Patronen noch tausend Bisons. Sie könnten uns ja etwas abgeben, wenn Sie uns schon das Wasser des Dead Creek vorenthalten.«
Sherman Mayor lachte mit geschlossenem Mund. »Meine Ranch ist sehr viel mehr wert als diese dreckige Stadt. Lieber würde ich dieses Drecksloch hier opfern als auch nur ein Gewehr von meinem Land abzuziehen. Und der Dead Creek ist Lebensgrundlage für meine Tiere. Gäbe es meine Bisons nicht, gäbe es Paradise City nicht. Die paar hundert Bürger können sich ihr Wasser aus dem Silo holen. Tausend Bisons, aber, brauchen Fläche und Fließendwasser, am Boden. Und Sie, Marshal, wollen bestimmt nicht flussabwärts nach meiner Herde aus dem Bach trinken, oder? Ohne das Fleisch für die Mäuler, das Fell für die Wärme, die Häute für das Leder, die Knochen für das Porzellan, den Kot für den Dünger und die Milch für die Kinder würde kein einziger Bürger auch nur einen weiteren Tag auf diesem gottverlassenen Stückchen Erde überleben.«
»Sie haben viel übrig für die Stadt, deren Vorsteher Sie sind, Herr Bürgermeister«, stichelte Ed Five angriffslustig.
Sherman Mayor wedelte abwertend mit der Hand. »Machen Sie kein Bison aus einer Mücke, Herr Halbsheriff. Denken Sie daran, dass ich und die Bürger, die für mich arbeiten und von meinem Geschäftssinn profitieren, den Marshal-Stern vergeben.«
»Glauben Sie, es gibt einen anderen Trottel, der das hier machen würde?«, provozierte Ed Five mit dem Fingerzeig zum 5-Zack-Stern auf seiner Brust halblaut, wurde aber von Emma Mayors herzzerreißendem Aufschrei überboten.
»Nicht!«, rief noch Claire Taylor, doch Emma Mayor sprang auf William Emeralds weißes Pferd, zerschnitt das Band zum schwarzen Hengst von John und ritt davon.
»Emma!«, zürnte Sherman Mayor, »Komm zurück!«
Aber seine Tochter donnerte durch die Stadt, um im Galopp aus dieser zu verschwinden.
Sherman Mayor biss die Zähne zusammen. »Jesses Crickets! John!«
John drehte seinen Kopf zum Bürgermeister.
»Bring mir meine Tochter wieder!«
»Nein«, versuchte Ed Five weiteres Unheil zu verhindern, »wir dürfen die Tore zur Hölle nicht noch weiter aufstoßen!«
Sherman Mayor tötete ihn mit Blicken. »Sie ist meine Tochter, verdammt! Halten Sie sich da raus!«
Er widmete sich John. »Ich verdoppele das Kopfgeld auf 200 Bucks. Lebend!«
John nickte und schloss den Lederschutz seines Revolvers, um die Funktionsfähigkeit, trotz der Strapazen aus Sand, Staub und Hitze, zu gewährleisten.
»Bring sie zurück«, flüsterte Sherman Mayor versöhnlicher, voller väterlicher Sorge.
Beim Rappen stellte sich Porter Point neben John, der gerade seine 1886er-Winchester im Sattel verstaute, einige Meter von Sherman Mayor und Ed Five entfernt, die sich gegenseitig mit bösen Augenpaaren löcherten.
»Wir wissen alle, wo Emma hinreitet«, sagte Porter Point skeptisch.
»Ja«, antwortete John, ohne ihn anzublicken.
»Das ist ein Hornissennest. Wenn sie dort ankommt, wird Paradise City unter den Hufen der White Horses zertrampelt.« Porter Point blickte über die Stadt, die schon jetzt dem prophezeiten Anblick glich. »Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sie kommt nie dort an oder sie kommt nie wieder zurück.«
»200 Bucks«, raunte John unbeeindruckt.
»Wo willst du die 200 Bucks ausgeben, wenn nichts mehr von der Stadt übrig ist?«
John blickte auf, aber nicht zu Porter Point, sondern zum ersten Stock vom Saloon, wo schwarze Vorhänge die Fenster verdunkelten. Ein sehnsüchtiger Blick.
»Sprichst du jetzt für den Marshal?«
»Ich spreche für Paradise City, dessen Gesetze ich vertrete«, sagte Porter Point und zeigte auf den 5-Zack-Stern an seiner Brust.
»Bekomme ich vom Marshal oder von Paradise 200 Bucks, wenn Emma für immer verschwindet?«
Porter Points Augen huschten zu Claire Taylor, die nicht weit von ihm stand und das Gespräch mitbekam, dann zu Dave Star, dem die Situation egal schien, dann zu Sherman Mayor, der seiner einzigen Tochter nachtrauerte, dann zu Ed Five, der bereits im Kopf zu überschlagen schien, wie man die Stadt verbarrikadieren könnte. Er zögerte mit der Antwort.
John brummte abgeneigt und stieg auf.
Er musste sich beeilen, ehe Emma Mayor zu viel Vorsprung aufbaute, denn er und sein Hengst hatten heute schon eine enorme Strecke auf sich genommen, um William Emerald aufzuspüren, halb zu skalpieren, nach Paradise City zu chauffieren und ins Totenreich zu überführen. Noch so ein Ritt durch die Gluthitze würde Mensch und Tier selbst dem Schöpfer gegenüberstellen.
John wusste, wie auch Deputy Porter Point, dass Emma Mayor nur ein Ziel kannte, das sich auch noch mit dem des Pferdes deckte. Natürlich hätte sie auch zur Ranch ihres Vaters reiten können, nur 2 Meilen vor der Stadt, dem ausgetrockneten Dead Creek bis zum künstlichen Staudamm folgend, um dort im Hass ein paar seiner wertvollen Bisons abzuknallen, doch der Umgang mit dem Schießeisen dürfte dem fein erzogenen Mädchen schwerfallen. Sherman Mayor tat alles, damit seine Tochter Lesen, Schreiben und Klavierspielen lernte, enthielt ihr jedoch das wahre Leben vor, das auf Kämpfen, Schießen und Überleben basierte. Wenigstens Reiten konnte sie, wie jeder in den Staaten, außerhalb der Industrie- und Kolonialstädte an der Ostküste. Wer aus der Wiege fällt, landet im Sattel, heißt es im Grenzland.
Eine kleine Staubwolke wanderte einige Meilen vor John weg von der Stadt. Er folgte dem Schauspiel und den frischen Spuren, die das weiße Pferd der Gang in die Steppe stanzte, ausgedörrte Wüstensalbeisträucher zertrampelnd. Sein schwarzer Percheron – ein Nachfahre des europäischen Ritterpferdes, voller Anmut, Stärke und Wucht, mit annähernd sechseinhalb Fuß Stockmaß und über 20 Zentner - musste nicht groß geleitet werden. Das Tier witterte den Artgenossen. Die Nüstern waren lüstern gebläht.
Emma Mayor schien wild entschlossen. Sie legte keine Pause ein, selbst als es dämmerte, drosselte sie keineswegs das Tempo. Mit abnehmendem Licht und zunehmender Dunkelheit fiel es John immer schwerer, ihr optisch zu folgen. Er konnte bis auf wenige hundert Yards heranreiten, gab jedoch Acht, dass er seinen Hengst nicht bis ans Limit oder darüber hinaus trieb.
Nach mehreren Stunden Verfolgung verlor er schließlich Emma Mayors Spur. Er stoppte seinen keuchenden Percheron, schloss die Augen und versuchte, mit seinen Ohren die Geräusche aus allen Richtungen zu orten. Bis auf vereinzelte Kojotenrufe, rasselnde Schlangen und das Abtragen der Landschaftsoberfläche durch den stetigen Wind, der sich an den langen Bergketten der weiten Täler brach, konnte er nichts vernehmen. Den allnächtlichen Temperatursturz nahm er erst jetzt wahr. Kälte kroch unter seine Kleidung. Einzig die Wärme des bebenden Hengstes schützte ihn vor der unerbittlichen Kälte. Zu gefährlich wäre ein Weiterreiten gewesen. Sie hätten stürzen können, mit John, der unterm Percheron begraben würde oder seinem Tier den Gnadenschuss versetzen müsste, um ihm die Qual siechender Zersetzung nach Verletzung zu ersparen. Er hätte sich Hengsthappen herausschneiden, sie überm Feuer rösten und die Flüssigkeiten – Urin und Blut – sammeln müssen, um bis zur nächsten, etwa 2 Tagesmärsche entfernten Stadt wandern zu können, wo er sich ein anderes Pferd hätte ergaunern müssen. Und das alles für 200 Bucks, die er nicht bekäme, weil ihm Emma Mayor entwischte.
Er stieg ab, suchte an den schroffen Felsen eine windgeschützte Stelle, teilte sich mit seinem Tier den letzten Rest Adams Ale aus seiner Feldflasche, und wärmte sich an die Felswand gelehnt mit der Decke, die er stets im Sattel zusammengerollt mitführte.
»Du bist nicht William«, schallte eine kratzige Stimme durch die Nacht.
Der Hengst scheute kurz, beruhigte sich aber schnell, denn John machte keine Anstalten, überhastet aufzuspringen. Unter der Decke hielt er seinen Colt Thunderer schussbereit. Seine Augen suchten in der Dunkelheit nach Schemen.
»Wer bist du?«, fragte die Stimme.
John spannte den Hahn geräuschvoll, damit es der ungebetene Gast auch hörte. Der kürzere Abzugsweg würde den ersten Vorteil im Gefecht bringen.
»Denkst du, ich nähere mich dir, ohne Rückendeckung?«, lachte die Stimme. »Noch bist du für mich lebend wertvoller als tot. Also, wo ist William?«
»Von wem sprichst du?«, fragte John düster.
Die Stimme feixte dreckig. »Du weißt genau, von wem ich spreche. Wir befinden uns hier in meinem Territorium. Wenn hier jemand nach William fragt, pissen sich die Ängstlichen ein und die Mutigen ducken sich weg.«
Der Fremde trat an John heran und stellte sich vor ihn – die Arme in die Seite gestemmt. Ein Auge ruhte auf ihm; das andere versteckte sich hinter einer weißen Augenklappe, die sich von der Dunkelheit gespenstisch abhob.
»Sag nicht, du kennst mich nicht?«
John blieb sitzen. Die verborgene Mündung zielte auf den Fremden. »Gee?«
Der Fremde lachte, was sich an den trostlosen Steilhängen brach. »So ähnlich. Robert White.« Er wartete eine Reaktion ab, doch von John kam nichts. »Robert White«, wiederholte er eindringlicher.
»Nie von dem gehört«, bluffte John unbeeindruckt.
»Der Anführer der White Horses«, versuchte es Robert White noch einmal und war ein wenig geknickt von der tatsächlichen Reichweite seines Renommees. Er zog seinen Revolver, ließ ihn aber am Arm baumeln. »Steck deine Waffe weg. Du wirst mich in der Dunkelheit ohnehin nicht treffen.«
»Lassen wir es auf einen Versuch ankommen«, konterte John.
Robert White grinste diabolisch. »Du gefällst mir. Hast du Lust an meiner Seite zu reiten?«
»Und zu plündern und zu vergewaltigen und zu morden?«
»Du kennst mich also doch?«, zeigte sich Robert White zufrieden. »Schluss mit dem Poussieren!« Er spannte seinerseits den Hahn. Sein Ton wurde grantig: »Was hast du hier verloren, Gringo?«
»Ich raste.«
Robert White schaute sich um, auch der nachtschwarze Percheron bekam wohlwollende Blicke. »Ein schönes Ross. Für unsere Streifzüge müsstest du es aber gegen ein weißes eintauschen«, er lachte schief, »sonst wären wir ja nicht mehr die White Horses.«
Dann zielte er auf den Kopf des Percherons. »Liebst du dein Ross?«
Johns Augen zogen sich zusammen. Er erhob sich langsam, immer mit dem Rücken an der Felswand. Unter der herabfallenden Decke kam der Colt Thunderer zum Vorschein, auf den Fetten Käfer gerichtet.
»Endlich auf Augenhöhe«, kommentierte Robert White, der Käfer, genüsslich. »Runter vom Meer! Du bist kein Reisender, ohne Gepäck. Du bist kein Trapper, ohne Felle. Du bist kein Soldat, ohne Uniform. Du bist kein Marshal, ohne Stern. Du bist kein Bandit, denn sonst würde ich dich kennen. Wer bist du und was, beim Ingwer, machst du hier?«
»Freunde nennen mich John.«
»Sind wir Freunde, John?«
»Feinde sind wir noch nicht«, John nickte auf den Lauf, der auf den Kopf seines Percherons zielte.
»Ok, John, der keinen richtigen Namen hat«, senkte Robert White den Lauf, »erzähl mir von William.«
John zuckte mit den Schultern. Auch er senkte den Lauf. Er roch andere Männer, die ihn eingekreist hatten: Schweiß, Mundgeruch, altes Leder, Schinken, Pferdemist, Zündrauch, Eisen, Whiskey, Schweineblut.
»Dann will ich genauer werden, Gringo. Wieso reitet mir eine kleine Hure in die Arme, auf Williams Pferd, gefolgt von einem John, der weder Soldat noch Marshal ist, aber ein brandneues 1886er-Winchester bei sich führt?«, deutete Robert White neidisch auf den Pferdesattel, an dem das Gewehr verschnürt war und aus der Schutzhülle blitzte, um schneller darauf zugreifen zu können.
»Gutes Auge«, scherzte John.
Robert White setzte fort: »Mit einem Ross, so groß und muskulös und schwarz, wie ich es noch nie sah?« Er machte eine Geste mit dem Finger, wonach sich ein paar Männer zu beiden Seiten neben John postierten. Alle Männer trugen dunkle Halstücher vor Mund und Nase, und die Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen, dass weder Mondschein noch Sternenlicht Glanz in den Pupillen erzeugen konnten.
»Gib mir Ross samt Gewehr und du kannst gehen«, offerierte Robert White. »Ich werde diese kleine Hure nicht fragen, warum sie auf Williams Pferd ritt. Ich werde sie töten und den Schweinen zum Fraß vorwerfen, William vergessen und auf dem schwarzen Ross die neugegründeten Black Hogs anführen. Du wärst ein freier Mann.«
»Wie frei kann ein Mann sein, ohne Pferd und Gewehr?«
Robert White lächelte dünn. »Dein Leben hat seinen Preis.«
Emma Mayor bäumte sich gegen Knebel und Fesseln auf, konnte aber nicht mehr als einen stummen, kindlich weiblichen Laut erzeugen. Einer der Whiteman hielt sie fest.
Robert White breitete die Arme aus. »Oder wir kommen auf mein erstes Angebot zurück und ich darf dich als neues Mitglied begrüßen.«
»Wieso bist du dir so sicher, dass ich dich nicht von hinten erschieße, wenn ich die Gelegenheit bekomme?«, brummte John.
Robert White warf den Kopf in den Nacken, mit dem Blick in den Nachthimmel, und prustete laut los – vor allem Emma Mayor zuckte zusammen. »Ein Schalk fehlt mir noch in meiner Truppe. Kannst du auch Tanzen oder Feuerspucken?«
»Ich kann das hier«, baute John Spannung auf.
Er schnalzte, als er seine Zunge am oberen, harten Gaumen abstieß. Wie vom Blitz getroffen, trat sein Percheron nach hinten aus und erwischte ein paar Banditen, dann donnerte er los, rannte Robert White um und ließ John aufspringen, der sich mit ein paar Kugeln den Weg freischoss. Die ersten Kontergeschosse folgten sogleich und trafen John im unteren, seitlichen Rücken. Er duckte sich auf seinen Percheron und gab ihm Sporen. Steinchen schleuderten hoch und wurden zu Hilfsgeschossen, die weiteres Gegenfeuer unterbanden.
Irgendwann verlor John das Bewusstsein. In letzter Geistesgegenwart hatte er sich fest am Sattel vertäut, um nicht herunterzufallen.
In den letzten Nachtstunden trabte sein schwarzer Percheron über die Gleise von Paradise City, bedacht darauf, dass die fragile Fracht nicht herunterplumpste. Das Tier hatte selbst kaum noch Kraft, steuerte aber zum Saloon Heaven Hell, in eine Nebengasse, wo es mit schier letzten Reserven wieherte und den Hufen scharrte. Nach mehrmaliger Wiederholung hörte man leise eine Kette über Holzboden schleifen und Kettenglieder aneinander klirren. Ein Fenster öffnete sich, im ersten Stock, wo schwarze Vorhänge den Tag aussperrten.
Mademoiselle Mallory schaute heraus. Sie war kein Bleichgesicht, keine Negerin, kein Schlitzauge, keine Bohnenfresserin. Sie trug Narben im Gesicht, auf der Stirn, unter den Augen, am Kinn und am Hals, gemusterten Schlangenkörpern ähnlich, die sich kreuzten. Kunstvoll gezeichnete Narben, die keinem Zufall entsprungen waren. Ihre schwarzen Haare weilten unter einem Kopftuch, das der Handkunst eines mystischen, nomadischen, naturnahen Volkes entsprang. Ihre dunklen Augen strahlten geheimnisvolle Schönheit aus, als würde sich das Feuer der Hölle mit den Wolken des Himmels in einer alles verschlingenden, dunklen Dachshöhle bekriegen. Sie erkannte umgehend, welches Pferd den sonst krähenden Hahn unterbot und welche Fracht auf dessen Rücken flach atmete.
»Sh«, machte sie flüsternd, »nicht zu mir, ich kann dir nicht helfen.«
Der Percheron schnaufte erschöpft.
Mademoiselle Mallory zeigte nach gegenüber, wo sich das Textilgeschäft befand, deren Besitzerin nicht nur Kleidungsstücke zusammennähen konnte.
»Schaff ihn darüber. Ms. Taylor muss ihm helfen.«
Sie verfolgte den schwächelnden Gang des Pferdes, selbst mit der Müdigkeit kämpfend. Als das neue Ziel erreicht war, schlüpfte sie zurück in ihr Verlies, bevor jemand sie sah und anschwärzte.
Wieder spulte der Rappe die Signale ab, mit zitternden Knien. Zwischen Taylor‘s Clothes und Smith‘s Hardware, in einer engen Gasse, die kaum breit genug für die Schultern des Tieres maß.
Claire Taylor kam herausgeschlichen, beruhigte den Percheron mit Streicheleinheiten und besah sich das menschliche Paket. Danach klopfte sie leise am Nebengebäude, das nach vorn hin als Smith‘s Hardware firmierte, ein Geschäft für Werkzeuge und Schmiedekunst. Milton Smith - ein alter, hinkender, sehniger Mann - öffnete nach ein paar Klopfversuchen.
»Claire, mein Schatz, was ist los?«, fragte er besorgt seine Tochter im über das Nachthemd geworfenen Mantel.
»Es ist John«, sagte sie.
Die 2 manövrierten den Percheron weiter nach hinten, mit dem eigenen Kopf kaum über die Rückenlinie des großen Tieres blicken könnend. Anschließend hievten sie John aus dem Sattel, wobei dieser noch mit dem Schädel gegen die Holzwand des Hauses schlug. Wie sie den Verletzten in Claires Geschäft getragen oder vielmehr geschleift hatten, kümmerte sich Milton Smith um den Boten, schaffte ihn in die Werkstatt, versorgte ihn mit Heu und Wasser, und richtete einen Schlafplatz aus Stroh ein.
Claire Taylor wässerte derweil Johns Kehle, bevor sie ihn entkleidete, um nach Verletzungen zu suchen. Im unteren Lendenbereich stieß sie auf eine Schussverletzung. Die Kugel steckte noch in ihm und hatte verhindert, dass er verblutete. Aber um einem Wundbrand oder einer Sepsis durch die bleierne Kugel vorzubeugen, musste das Geschoss entfernt werden. Um die Einschussstelle herum hatten sich Flecken und Blutschwämme gebildet.
Milton Smith stieß hinzu. Während er John mit nassen Tüchern kühlte, mit dicken Decken wärmte und Kräuterstängel unter seiner Nase zerrieb, entfernte Claire Taylor mit alkoholgeschwängertem Klöppelgeschirr die Kugel aus dem Fleisch. Unmittelbar nach der Entfernung schüttete sie Whiskey in sowie auf die Wunde, kauterisierte die verletzten inneren Gefäße mit einem glühenden Eisendraht aus Milton Smiths Werkstatt, rieb eine ominöse Tinktur ein und klammerte die offene Hautpartie mit Stecknadeln. Anschließend umwickelte sie Johns Torso um die verwundete Stelle herum.
»Das sieht nicht gut aus«, murmelte Milton Smith. »Wird er über den Schlangen bleiben?«
Claire Taylor nickte und atmete schwer aus. »Aber das muss wieder zusammenwachsen. Reißt das auf, verblutet er.«
»Wenn er seinen Widersacher nicht über den Haufen geschossen hat, wird es bald eine neue Schießerei geben.«
»Es reißt auf und bringt ihn in den Knochengarten, bevor er abdrücken kann«, stimmte Claire Taylor missmutig ein.
Beide schauten eine Weile traurig auf den schlafenden Patienten.
»Ich will nicht noch einen Sohn verlieren«, murmelte Milton Smith.
»Er ist nicht dein Sohn.«
»Er ist wie ein Sohn«, verbesserte Milton Smith, »genau wie … « Er ließ den Satz unvollendet, aber Claire wusste, wen er meinte. Sie blickten sich an und gedachten dem vor einigen Jahren verlorenen Schwiegersohn und Ehemann – Clay Taylor.
»Ich weiß noch, wie ihr zusammen nach Silber geschürft habt«, nickte Milton Smith auf den liegenden John. Ein kurzes Lächeln. »Zwei kleine Pimpfe, die sich gegenseitig übertrumpfen wollten. Am Ende war es Dreck, und trotzdem vergesse ich nie, wie stolz ihr darauf wart.«
»Am Ende verlor John seine Eltern und ich meinen besten Freund«, ergänzte Claire Taylor bedrückt und nahm Johns kalte Hand. »Dieses verdammte Silber hat alles kaputtgemacht!«
Milton Smith stimmte ein. »Wo ist er nur wieder hineingeraten?«, rätselte er.
»Nichts Gutes, wenn er verliert«, schlussfolgerte Claire Taylor, die sich an das Fortreiten erinnerte, als John Emma Mayor verfolgte.
»Wie können wir ihm helfen?«
»Vater«, mahnte sie, »hör auf, dich in seine Angelegenheiten zu mischen! Er ist alt genug und kein Kind mehr.«
»Willst du ihn sterben sehen?«
»Nein«, erwiderte Claire Taylor bestimmt, »aber ich will uns nicht neben ihm liegen sehen. Wenn er einem Schurken ans Bein pinkelt, muss er das selbst ausbaden. Du bist nicht sein Vater und ich nicht seine Frau.«
Man sah es Milton Smith an. Genau das, wünschte er sich. Er strich über den Wundverband, der sich an der Eintrittsstelle der Kugel bereits rot färbte.
»Wenn ihn Gee nicht schützen kann, braucht er unseren Schutz«, resümierte er nachdenklich.
»Willst du dich vor ihn stellen und die Kugeln abfangen, die für ihn gedacht sind?«, seufzte Claire Taylor. »Wenn er aufwacht, werden wir ihn nicht auf der Liege halten können. Er hat lauter Bienen im Hut.«
Milton Smith sah zum blutbeschmierten, halb verkohlten Eisendraht, mit dem seine Tochter in John herumgefuhrwerkt hatte. »Eisen.«
»Was?«
»Eisen«, wiederholte Milton Smith überzeugter, »Eisen könnte die Kugeln abhalten.« Er nickte und schien schon Entwürfe im Kopf durchzugehen. »Pass auf John auf! Ich muss etwas probieren.«
»Vorsichtig ist der Mann,
der nackt einen Stacheldrahtzaun besteigt.«
*aus Wild West Whim-Wham, New York City, 1888
Geschätzte 100 Meilen östlich von Paradise City grunzte es hundertfach auf einer abgelegenen Schweinefarm. Neben den Sauställen, den umzäunten Schlammwiesen und den verbeulten, verrosteten Futtertrögen gab es noch kleine Holzbaracken nebst provisorisch zusammengezimmertem Pferdestand, wo 15 weiße Pferde warteten, deren fast schon blendende Sauberkeit in hartem Kontrast zum Rest der Anlage und deren Bewohner strahlte.
Frank Brown, der Besitzer dieser bescheidenen Farm, karrte mit seinen gähnenden Gehilfen Jesse Periwinkle, Luke Celery und Bill Plum Futter an, um die Tröge zu füllen. Sofort kamen die Schweine angestürmt, umringten die Männer und stürzten sich aufs Futter.
Am Horizont färbte sich der Himmel hellorange, denn die Sonne erhob sich, vertrieb die Kälte und versprach einen neuen, heißen Sommertag.
Robert White trat aus der größten Holzbaracke mit dampfendem Kaffee im Blechbecher. Seine weiße Augenklappe funkelte in der aufgehenden Sonne. Hinter ihm folgte Emma Mayor, noch träge, taumelig, schlaftrunken. Sie war mit Robert White verbunden, durch eine Kette, an den Fußgelenken befestigt wie bei Gefangenen. Beide beobachteten die Fütterung.
»Erzähl es mir noch einmal, kleine Hure«, raunte Robert White bedrohlich durch seinen Schnauzbart, ohne sie anzuschauen.
Emma Mayor zitterte.
»Wie sah William aus, als du ihn feige zurückgelassen hast?«
»Sein Kopf«, stotterte sie, »überall war Blut. Und seine Ohren – die fehlten.«
»Atmete er noch?«, bohrte Robert White ungeduldig nach.
Um die Baracke und bei den Pferden regten sich weitere Gesellen. Die Männer furzten, rülpsten, kratzten und wuschen sich. Einige bürsteten ihre Pferde als Morgenritual; andere pissten gegen eine Zielscheibe um die Wette, um Menge, Höhe und Härte des Strahls; wieder andere kauten auf Gräsern oder ölten ihre Revolver.
Emma Mayor zuckte mit den Schultern, was Robert White nicht sah. Das Ausbleiben einer Antwort bestätigte aber seinen Verdacht. Er zog die Nase hoch, ungehalten, wobei sein Schnauzbart warnend vibrierte. Dann schnellte seine Hand hoch und packte das Mädchen derb an der Kehle. Sie röchelte erschrocken und wurde ein paar Inches von den Sohlen gehoben. Die Kette, die sie mit ihm verband, begann zu schweben. Ein paar Tropfen Kaffee schwappten über.
»William war sehr«, Robert White drehte sich zu ihr und fixierte sie dämonisch, »sehr wichtig für mich! Hätte ich geahnt, dass er einer kleinen Hure verfallen war, hätte ich diese kleine Hure schon sehr viel früher nach Halifax geschickt!«
Sein Griff wurde fester. Emma Mayor bekam keine Luft mehr. Sie zappelte in der Luft.
»Also, kannst du mir sagen, ob er noch lebt?«
Emma Mayor bewegte ihren Kopf horizontal, auf der würgenden Hand schabend. Ihre Augen weiteten sich, suchten nach Luft, verdrehten sich.
»Robert!«, rief Frank Brown, der von den Schweinen kam.
Robert White verzog den Mund, knurrte und ließ Emma Mayor auf den Boden fallen. Sie hustete, hielt sich den Hals, wimmerte. Die Kette fiel auf sie. Robert White hatte das Ding von seinem Knöchel entfernt, denn Schlafenszeit und Fluchtgefahr waren vorüber. Er nahm einen großen Schluck Kaffee, wonach seine Zunge flüssige Reste vom unteren Rand des Schnauzbartes wischte.
»Frank«, begrüßte er den Störenfried am Morgen zähneknirschend.
Frank Brown holte eine ledergebundene Bibel hervor, legte seine Hand darauf und stellte sich zwischen das Mädchen und den Anführer. »Sieh dir ihr Kleid an.«
Robert White tat, wie empfohlen, musste sich jedoch zur Seite neigen, um das neue Hindernis zu umschauen.
»Sie ist ein wertvolles Tauschobjekt. Kein Mädchen von der Straße. Sie stammt aus reichem Hause.«
Robert White grummelte.
»Gott hat sie zu uns geführt. Wir dürfen dieses Geschenk nicht einfach wegwerfen.«
»Sie ist Williams Verderben«, konterte Robert White angefressen.
»Und sie wird dein Verderben sein, wenn du sie tötest.«
Robert White schaute auf Franks Bibel und anschließend auf ihn. »Sagt dir das dein Gee?«
Frank Brown lächelte sanft. »Ihre Erscheinung sagt mir das. Ihr Kleid ist zu teuer für ein Landmädchen. Ihre Haare sind zu gepflegt für eine Bauerntochter. Ihre Sprache ist zu geschliffen für einen Hurenspross. Wenn du sie tötest, entgeht uns ein gutes Tauschgeschäft und ich denke, dass ihre Familie ein gutes Kopfgeld für denjenigen ausgibt, der sie tötete, wenn nicht sogar noch einflussreichere Dinge geschehen und wir uns letztlich dem Sheriff oder sogar der Armee gegenübersehen.«
Robert White feixte teuflisch. »Ich bin Robert White. Wer soll mich schon aufhalten?«
»Die Erste Kavallerie«, flüsterte Frank Brown ehrfürchtig und nickte zum Horizont, wo die Sonne aufging.
Robert White löcherte ihn mit einem tödlichen Blick und deutete verärgert an, dass er stinkwütend war, wegen William Emerald, Emma Mayor und Frank Browns Anmaßung, die sich nur 3 Menschen erlauben durften, wovon Frank Brown einer war. Er nickte abwesend, ließ sein Auge rotieren, blies seine Wangen auf, warf den Becher weg und presste seine Hände ineinander.
»Aufsatteln!«, schrie er.
»Was hast du vor, Robert?«, erkundigte sich Frank Brown besorgt.
Robert White näherte sich dem Bibelträger. »Vergeltung.« Und zeigte zu Emma Mayor. »Du nimmst die kleine Hure mit und passt auf, dass sie nicht türmt. Wir reiten nach Paradise City.«
»Das ist ein Tagesritt«, zweifelte Frank Brown. »Dort sind wir dem Marshal ausgeliefert, wenn wir erschöpft ankommen.«
»Keiner von uns wird gesucht«, erwiderte Robert White ruppig.
»Du schon, Robert«, erinnerte Frank Brown an die landesweite Fahndung, die Robert White tot oder lebendig forderte – für 1000 Bucks!
»Okay«, zürnte er, zog seinen Revolver und legte, an der Bibel vorbei, auf Emma Mayor an. »Dann bringst du diese kleine Hure nach Paradise City und holst William ab.«
Frank Brown schob sich vor die Mündung. »Robert«, mahnte er ruhig, seine Bibel vor die Waffe hebend, »Du kannst William nicht durch Tobsucht ersetzen. Und schon gar nicht durch das Blut der Kleinen.«
Robert White schluckte und atmete genervt. Dann hielt er seinem Adjutanten den Revolver gegen die Brust. »Wen muss ich abknallen, damit sich mein kochendes Blut beruhigt?«
»Bruder!« Sam White, ein schmächtiger, kurzgeratener Kerl mit jungenhaften Zügen und ohne den obligatorischen Schnauzbart, ging dazwischen. »Wir können diese Stadt nicht überfallen, aber wir können sie abschneiden.«
»Rede weiter, Rusty.«
»Wir schaffen keine 100 Meilen, aber 50. Und dort warten wir auf die Postkutschen oder Geldtransporte.«
Ein Grinsen zeichnete sich auf Robert Whites Gesicht ab. »Ganz mein Geschmack.«
»Williams Verlust darf nicht ungesühnt bleiben«, schaltete sich Frank Brown wieder ein. »Eine kleine Lektion dürfte Paradise City wieder das Fürchten lehren, da sie es offenbar abgelegt hat.« Er positionierte die Bibel erneut vor den Lauf, der gegen seine Brust zielte.
»Wir schneiden sie ab«, nahm Robert White aufgeregt den Faden auf, »hungern sie aus, zermürben sie und tauschen diese kleine Hure gegen William.«
»Ist er im Kittchen oder im Knochengarten?«, wollte Sam White wissen.
»Das weiß ich nicht«, fauchte Robert White mit Blick auf Emma Mayor, die sich eingeschüchtert einigelte. »Aber deine Idee gefällt mir, Rusty«, und er schrie: »Aufsatteln!«
Nach ungefähr 50 Meilen westwärts stoppte der Tross aus 14 weißen Pferden mit 13 vermummten Männern und einem verzurrten Mädchen an einsamen Eisenbahnschienen mitten im trockenen Tal, sporadisch umzingelt von rauen Felsformationen und einzelnen Wacholderstämmen sowie Pinienbäumen, die sich mit tiefen Wurzeln, hartem Holz und dünnem Grün gegen die Trockenheit wehrten.
Bis auf Jesse Periwinkle, der den kürzeren Stab zog und die Farm bewachen musste, war die komplette Bande on the road.
Robert White schaute in beide Richtungen, die ihm meilenweite Eisenträger in endloser, vegetationsarmer Wildnis zeigten, wie ein Fremdkörper in unberührter Ödnis. Als Einziger trug er ein weißes Halstuch, das nun durch den Ritt verschmutzt war, genau wie seine weiße Augenklappe. Die anderen hatten dunkle Halstücher vorm Gesicht, was sie vor Staub schützte, wie die Lederschutzhüllen, die ihre Waffen schützten.
»Planänderung!«, rief er seinen Männern zu und steuerte sein Pferd mitten auf die Gleise, wo er stehen blieb.
Sam White trabte an ihn heran. »Bruder, was hast du vor?«
»Ich habe keine Lust auf Kutschen. Ich will einen Zug!«
Sam White stierte in die Ferne, hoch zur kochenden Sonne im Zenit über ihnen, zur durstigen Bande, zu den erschöpften Pferden und zu seinem verrückten, älteren Bruder. »Hier gibt es keinen Schatten«, er wischte sich den Schweiß unter der Hutkrempe von der Stirn und zog sein Halstuch nach unten, um besser atmen zu können. »Kennst du den Fahrplan der Pacific Salt Lake Railroad?«
»Irgendwann wird einer kommen«, erwiderte Robert White überzeugt.
Sam White knaupelte auf seiner spröden Lippe herum. »Was, wenn dieses Irgendwann schon war und erst wieder heute Abend sein wird, wenn wir verbrannt im Staub liegen, unter unseren Gäulen?«
Plötzlich ein hupendes Pfeifen aus der Ferne. Jeder blinzelte zum Ursprung. Wenige Minuten später erschien eine Rauchsäule in der Verlängerung der Schienen, die irgendwo in der Weite in ein konturloses Flimmern übergingen.
Unter dem dreckigen Halstuch grinste Robert White dreckig. »Hast du immer noch kein Vertrauen in mich, Rusty? Was muss ich tun, damit du dein Bruderherz als das siehst, was er ist: der größte Bandit aller Zeiten? Habe ich euch jemals enttäuscht oder im Stich gelassen? Sieh dir meine White Horses an! Wir sind hier das Gesetz!«
Sam White zog sein Halstuch vors Gesicht. »Wollen wir nicht«, er sah sich um, nichts als karge Landschaft, nichts was man für eine Barrikade hätte verwenden können, um den Zug zum Stoppen zu zwingen oder gewaltsam zu entgleisen, »etwas anderes auf die Gleise legen?« Die weiter entfernten Pinienbäume und Wacholderstämme benötigten Schlagwerkzeug zum Fällen oder wenigstens Schaufeln, um die Bäume auszugraben und dann mit Pferdestärke zu entwurzeln. Das würde Zeit und Kraft kosten.
Robert White musterte seinen Bruder, wonach sein Auge auf Emma Mayor fiel. »Du hast Recht, Rusty. Wer sollte die White Horses führen, wenn der Lokführer nicht bremst?« Er zeigte auf den vermummten Frank Brown, der Emma Mayor bewachte, zeigte auf Emma Mayor und knickte seinen Zeigefinger mehrmals ein.
Frank Brown schüttelte den Kopf, ganz sachte, damit sein Protest nicht von den anderen wahrgenommen wurde. Aber Robert White blieb eisern. Das Schieflegen seines Hauptes und das Zusammenziehen des Auges genügten, um Frank Brown samt Geisel zu den Gleisen zu zitieren.
»Um Gottes Willen«, murmelte er beim Anführer, wo lediglich noch Sam White Wind davon bekam. »Robert, du kannst doch nicht-«
»Halt die Luft und die Klappe!«, herrschte Robert White ihn an, übernahm Emma Mayors Seil und schickte Frank Brown sowie seinen Bruder zurück in die Reihe.
»Endlich hast du einen Nutzen, kleine Hure.« Er zog das Seil zu sich, wodurch Emma Mayors Pferd zu ihm auf die Gleise schritt. Danach stieg er ab und band das Seil an eine der hölzernen Schwellen. Emma Mayor war ohnehin am Sattel festgebunden. Sie starrte ihn ängstlich an.
Er stieg wieder auf, näherte sich ihr und strich ihre Haare hübsch zurecht. Folgend nahm er seinen Revolver aus der Tasche.
»Wenn du versuchst, zu türmen, knalle ich dich ab, verstanden?«
Emma Mayor nickte eilig.
Zum Abschied streichelte er William Emeralds Pferd noch einmal, lehnte sich zu dem Tier und flüsterte: »Keine Sorge, Whitey, die Sicht ist klar, der Zug wird rechtzeitig bremsen.«
Aufgereiht wartete die Bande auf die näherkommende Eisenbahn. Man konnte die schnaufende Dampflokomotive schon sehen, inklusive der gezogenen Waggons.
»Nächster Halt: Paradise City, oder doch nicht?«, kalauerte Tom Black, der an Robert Whites linker Flanke stand, den Schaffner nachäffend. Ein Zittern brandmarkte ihn: Hände und Finger hielten nie still; der Kopf zuckte wie ein pausenlos ballernder Trommelrevolver.
An der rechten Flanke verweilte Henry Gray mit Augen, die einem Wahnsinnigen gehören könnten. »Was machen wir mit den Weibern?«, fragte er aufgegeilt. Speichel wurde vom Halstuch aufgesaugt.
»Beruhigt euch«, sagte Robert White nicht ganz so ernst. »Wir werden unseren Spaß haben. Aber das Wichtigste ist, dass diese elende Hurenstadt meinen Zorn zu spüren bekommt.«
Ein paar Meilen vor Emma Mayor hupte der Zug mehrfach, gefolgt von Gewehrschüssen, die die Lokführer und Heizer in die Luft abgaben.
Robert White lachte sadistisch und sardonisch.
Frank Brown rieb über das Leder seiner Bibel.
Als sich nichts tat, hörte man die Bremsen quietschen, die den fahrenden Zug allmählich in den Stillstand brachten. Funken flogen; Rauch hüllte die Fahrwerke ein. Emma Mayor schloss verängstigt die Augen und murmelte Gebete.
Ein paar Yards vor ihr kam der Zug zum Stehen. Aus den Kesseln stoben Dampfwolken heraus. Die Eisenräder glühten. Im nächsten Moment ragten mehrere Gewehrläufe aus den dreckverschmierten Fenstern der Lokomotive heraus, gerichtet auf die Reihe weißer Reiter.
Robert White ritt gemächlich den Läufen entgegen. Seinen Revolver hatte er wieder weggepackt. Sein Halstuch schob er hinunter. Man sollte ihn und seinen Schnauzbart sehen.
»Guten Tag, die Herren!«, rief er von seinem Sattel in das Führerfahrzeug hinein. »Entschuldigen Sie die Störung, aber wir kriegen den sturen Esel nicht von der Strecke.«
Im Hintergrund legten ein paar der Whiteman die Gewehre an, unbemerkt von den rußbedeckten Männern zwischen Kohlewagen und Kessel, die die Geschichte natürlich nicht glaubten, aber der tödlichen Unterzahl gewahr wurden. Sie stellten die Gewehre ab und hielten ihre verkohlten Hände aus den Fenstern, um sich zu ergeben. Husten und Flehen gingen einher. Robert White gab ein Zeichen, woraufhin ein Kugelhagel in die Lok einschlug, die Fenster zerbarst und den menschlichen Inhalt durchsiebte. Ein paar Querschläger prallten am äußeren Stahlkorpus ab, schlugen aber nur in die Steppe und nicht in den Anführer, der gefährlich nah am Ziel verharrte und sein Halstuch gemächlich wieder vors Gesicht zog.
Danach hallten timide Rufe der Passagiere, die mittlerweile an den Waggonscheiben den Überfall wahrnahmen. Verstecke wurden gesucht; Wertsachen wurden schon einmal vorsorglich gesammelt; kleinkalibrige Waffen erschienen in den Händen weniger Draufgänger.
Die Hälfte der Bande ritt mit Robert White zum Einstieg in den ersten Waggon, unter ihnen der zittrige Tom Black, der läufige Henry Gray, George Bone, Phil Hunter und Charlie Mauve. Sie stiegen ab, banden ihre Pferde aneinander und an den Zug, denn mögliches Kanonenfeuer könnte die reiterlosen Tiere aufscheuchen.
Robert White schickte George Bone zuerst hinein. Dieser öffnete die Tür gegen den Widerstand der aufmüpfigen Passagiere und verschaffte sich Zugang, indem er durch den Türschlitz schoss, boxte und trat. Über ein paar Verwundete kletternd enterte George Bone den Waggon. Er verteilte ein paar letale Kopfschüsse an die liegenden Widerständler, bevor er den schmalen Gang betrat, wo ein paar Kugeln an ihm vorbei surrten, eine ihn allerdings kalt erwischte. Er klappte zusammen wie die Falltür am Galgenpodest auseinander. Hinter ihm erledigte Tom Black die Schützen mit wilden Feuerstößen aus 2 Revolvern. Phil Hunter zerrte den angeschossenen George Bone aus dem Waggon.
Hinter Tom Black kamen Henry Gray und Robert White. Den ersten Waggon hatten sie schnell unter Kontrolle. Henry Gray sammelte alle Waffen ein und warf sie aus den Fenstern, die er vorher kaputtschoss. Tom Black trieb die Überlebenden zusammen und jagte Kugeln zwischen die Augen der Niedergeschossenen, um sicherzugehen.
»Sehr verehrte Damen und Herren«, palaverte Robert White durch den Stoff vor seinem Mund, »Ich heiße Sie herzlich willkommen in Nordnevada, oder Whiteland, wie ich es nenne. Behalten Sie Ihren Schmuck! Dies ist kein Raub, sondern Ihre Endstation. Bleiben Sie bitte sitzen, bis der Schaffner«, er stand neben dem toten Schaffner, den ein paar Kugeln gelöchert hatten, und schaute diesen schief an, »bis der Bahnsteig zum Aussteigen einlädt.«
Phil Hunter schloss wieder auf. Robert White befahl Charlie Mauve, er solle den Aufpasser im ersten Waggon mimen. Dann ging die Gruppe zum nächsten Waggon. Mit abnehmender Gegenwehr setzten sie die Inspektion des Zuges bis zum Ende fort, wo im Warenwaggon noch einmal ein paar Kugeln flogen, aber durch einen beherzten Schusswechsel alle Widersacher beseitigt werden konnten, ohne eigene Verluste.
Phil Hunter lief der Sabber im Mund zusammen, als er die Whiskey-Fässer taxierte. Er zog sein Halstuch ab und wischte sich über den Mund sowie durch den feuchten Bart. »Boss, das ist ein Silberschatz!«
»Nein!«, maßregelte Robert White, als Phil Hunter eines der Fässer anzapfen wollte. »Wir sind nicht hier, um uns zu besaufen.«
»Aber Boss«, insistierte Phil Hunter grantig, »ich habe ungeheuren Durst! Wir sind den halben Tag durch Bullenhitze geritten und haben Stunden unter der Sonne gewartet. Ich hörte schon die Schlangen zischeln.«
Robert White trat näher, hob seinen Revolver und ballerte Phil Hunter über den Haufen. Dann drehte er sich zu den anwesenden Banditen. »Will noch jemand ein Gelage feiern?«
Alle schüttelten die vermummten, hutbedeckten Köpfe.
Auf dem Rückweg vom letzten Warenwaggon über die Passagierwaggons bis vor zum Übergang zum Kohlewagen scheuchte Robert White jeden noch lebenden Insassen - Frauen, Männer, Kinder, Greise – hinaus, wo sie zusammengetrieben wurden. Nur eine Lady entging dem Viehtrieb, geschützt durch die gierigen, schmierigen Fittiche von Henry Gray, der sich sein Lamm ausgesucht hatte.
Wieder außerhalb schritt Robert White die Passagiere ab, die von den Gewehren der Whiteman, hoch zu Pferde, in Schach gehalten wurden. Saubere Kleidung, weiße Haut, erschrockene Blicke, manche mit dem Blut der Toten besprenkelt. Bei 3, 4 widerspenstigen Männern, denen der blanke Hass anzusehen war und die scheinbar einen Ausbruch vorbereiteten, verschenkte Robert White ein paar Patronen, damit die Geier, Kojoten und Schlangen etwas zu essen bekamen. Jeder Schuss wurde von weiblicher Hysterie begleitet. Seine Hand musste ein paar der Damen zur Besinnung schlagen.
»Dort entlang«, zeigte er nach Westen, »liegt Paradise City. Ich vermute, dass dies nicht das gewünschte Ziel ist, aber sehen Sie es als Chance für einen Neuanfang in geschätzten 50 Meilen.«
Als sich niemand bewegte, schoss er in die Luft. »Abmarsch!«, schrie er.
Die Menschen setzten sich furchtsam in Bewegung. Ein paar, vor allem die Alten, würden die Wanderung nicht überleben. Wie es eine Frau darauf ankommen ließ und sich weigerte, gar forderte, er solle sie gleich erschießen, ehe sie verdurste, verhungere, verbrenne oder ersticke, legte Robert White an und drückte skrupellos ab, woraufhin die Menschen schneller von dannen zogen, mit noch einem Maul weniger zu stopfen und noch einem Paar Füßen weniger, über die man stolpern konnte.
Vorm Waggon lag George Bone kaltschweißig, blasshäutig und schmerzvoll stöhnend. Er drückte auf die abdominale Schusswunde, deren Blut sich durch seine Finger mäanderte.
Frank Brown sah Robert White tadelnd an, der mit einer Hand eine Geste formte, die es untersagte, etwas zu sagen.
»Wo ist Phil?«, erkundigte sich Charlie Mauve, als alle Whiteman aus dem Zug und alle Überlebenden auf dem Weg waren.
»Tot«, antwortete Robert White ungerührt und schaute den Fragenden warnend an. George Bone ließ er links liegen. »Brenn den Zug nieder«, raunte er Charlie Mauve zu.
»Wie?«, fragte dieser.
Robert White nickte nach hinten zum letzten Waggon. »Mit dem Whiskey.«
Teile der Bande hielten die Luft an. Sie blickten sich verdutzt an, als habe ihr Anführer soeben befohlen, über die Klippen in den Tod zu reiten, wie es die Rothäute einst taten, um große, aufgescheuchte, angelockte Bisonherden zu erlegen und unten im Canyon gefahrlos auszuweiden.
»Wieso?«, murmelte Frank Brown, der sich der vorherigen Gestik seines Bosses widersetzte und den Unmut der Anderen deutlich spürte.
»Als Signal für Paradise City. Wer sich mit mir anlegt, wird im Fegefeuer vergehen«, zwinkerte Robert White zur Bibel in Frank Browns schweißnassen Händen.
»Wer ist das?«, wollte Robert White von Henry Gray erfahren. Er zeigte auf die Frau mit den großen Brüsten, der einladenden Hüfte, dem jungen Gesicht, den sauberen, welligen Haaren und dem hübschen Kleid.
»Eine Trophäe«, geiferte Henry Gray lüstern, seine Klauen um die Frau werfend. Auch ein paar der anderen Männer konnten die Augen nicht von der Schönheit lassen.
»Wie heißt du?«, ereiferte sich Robert White interessiert.
Die Frau sträubte sich. Tränen und Zorn mischten sich in ihren Pupillen, aber auch Neugier und Übermut.
Er trat an sie heran, öffnete seine Augenklappe für einen kurzen Moment und entlockte ihr einen Schrei. »Ich stelle Fragen ungern zweimal.«
»Viola Finch«, murmelte sie bissig und eingeschüchtert zugleich.
»Willkommen, Viola Finch. So wie es aussieht, wirst du uns eine Weile begleiten. Ein Pferd ist freigeworden«, lachte Robert White, weil er den gierigen Ausdruck seiner Männer kannte. Er lehnte sich zu ihr, um zu wispern: »Du musst als Whiskey-Ersatz herhalten. Ich hoffe, dass man mit dir genauso viel Spaß haben kann.«
Er betrachtete sie eingehend und schaute immer wieder zu dem Zug, in dem er dutzende Leichen hinterließ, und zu der Menschenhorde, die im Westen langsam kleiner wurde. »Trauern Sie nicht um Ihre Liebsten? Wollen Sie Ihnen folgen?«
Sie wollte sich erst weigern, sah dann aber ein, dass ihr Gegenüber auch mit ihr kurzen Prozess machen würde, selbst mit den Klauen des Widerlings um ihre Hüfte. »Ich reise allein.«
Die Whiteman lachten.
»Nordnevada ist kein schönes Land für eine schöne Frau«, schmeichelte Robert White.
»Kalifornien«, erwiderte Viola Finch renitent.
Robert White machte ein großes Auge. »Sacramento?«
Sie nickte widerwillig.
»Eine lange Reise.«
»Ich komme, um den Elefanten zu sehen.«
Er studierte ihr sauberes Kleid mit Schnüren, Spitze und Saum. Dann zeigte er auf den Waggon: »Brauchen Sie Ihr Gepäck, Ms. Finch?«
Keine Antwort, keine Geste. Sie klammerte sich an eine schmale Tasche, die sie sich gegen die Hüfte drückte.
»Ich schätze, Sie haben nichts dabei für einen Ritt über Stock und Stein oder das Nachtlager mit einer Horde Gesetzloser?«
Wieder schwieg sie.
»Dann brauchen Sie auch nicht Ihr Gepäck, das sicherlich vollgestopft ist mit diesen faden Lumpen.«
Charlie Mauve kam wieder, mit heruntergezogenem Halstuch und missmutigem Schnauzer. »Phil wurde hingerichtet und nicht erschossen«, beschwerte er sich.
Robert White schaute zum letzten Waggon. »Ich sehe keine Flammen.«
Charlie Mauve verneinte. »Ich lasse Phil nicht zurück.«
»Er wollte Whiskey, er bekommt seinen Whiskey. Heiß serviert«, feixte Robert White mit einem gefährlichen Unterton und zog seinerseits das Halstuch ab. »Jetzt geh zurück und brenn den verdammten Zug nieder!«
Charlie Mauve verzog das nicht mehr vermummte Gesicht samt Schnauzer und watschelte zurück.
Ein Handwisch und ein paar Banditen folgten, um den Whiskey großzügig zu verteilen und dem Feuer genügend Saft zu geben.
Wenig später fackelte der letzte Waggon als erstes. Dunkle Rauchschwaden stiegen gen Himmel.
Charlie Mauve, nach Whiskey und Brand stinkend, schleppte den toten Phil Hunter allein heraus und hievte ihn auf sein eigenes Pferd.
»Wollte dir keiner helfen?«, bellte Robert White mit Blick auf die Banditen, die einer nach dem anderen aus dem Waggon kletterten. Die Frage blieb unkommentiert, von allen Teilnehmern.
»Erteile ihm den letzten Segen«, zeigte sich Robert White gnädig, indem er Frank Brown zu Phil Hunter schickte. Als dieser wiederkam, schickte er ihn zum jammernden George Bone.
»Willst du ihn den Schlangen überlassen?«, fragte Frank Brown kritisch.
»Sie haben schon einen Namen für ihn«, entgegnete Robert White gleichgültig. »Er ist Ballast.«
»Zwei Männer und der Whiskey«, bezifferte Frank Brown die Verluste. »Dein Rachedurst wird die White Horses zerreiben.«
Robert White verdrängte die Luft zwischen sich und Frank Brown. »Mein Rachedurst bestätigt, dass ich der Anführer bin. Pass auf, dass du dich nicht weiter im Ton vergreifst, sonst wirst du George Gesellschaft leisten, bis die Schlangen über euch herfallen.«
»Was hast du nur an William, dass dich sein Fehlen so aus der Bahn wirft?«, hauchte Frank Brown skeptisch.
»Das ist nicht deine Sache, Frank. Schlag dein schlaues Buch auf und zeig ihm, wo Halifax liegt.«
Das Feuer kam näher, griff auf die nächsten, mit Whiskey gefluteten, Waggons über.
»Rusty!«, holte er seinen Bruder zu sich. »Schnapp dir Ben und reite nach Paradise City. Ich will endlich wissen, was mit William ist und wer für diese ganze verdammte Scheiße verantwortlich ist.«
Sam White deutete auf Emma Mayor. »Sollen wir sie mitnehmen?«
Robert White überlegte. »Nein. Die kleine Hure brauche ich als Faustpfand. Außerdem seid ihr ohne das quengelnde Kind schneller und unauffälliger.«
Sam White holte Ben Copper zu sich, ein ebenso kurzgeratener Mann jungenhaften Antlitzes ohne Bart. Geringe Körpergröße und geringes Gewicht der beiden eigneten sich hervorragend für schnelle, pferdschonende Ritte. Würde der Pony Express noch bestehen, wären die beiden ideale Kandidaten. Telegrafen machten die berittenen Boten zügig überflüssig und beendeten die unrentable Quälerei von Mensch und Tier.
»Ach, und Rusty«, ergänzte Robert White im Vertrauen, »sieh nach den beiden.«
Sam White wusste, wovon sein Bruder sprach. Familie unter sich, die über Familie sprach.
Die 2 leichten Reiter ritten los, um noch vor Anbruch der Dunkelheit die 50 Meilen bis Paradise City zu schaffen, vorbei an der wankenden, schwankenden Horde, die die Stadt bereichern würde.
»George kann den Schlangen entkommen«, säuselte Frank Brown, nachdem er Benanntem ein paar schöne Psalmen um die Ohren geschmissen hatte.
Robert White musterte den Verletzten aus der Distanz. »Ihm fehlt schon die Farbe und zu viel Blut ist außerhalb seines Körpers. Ich bin kein Arzt, aber das überlebt er nicht. Oder willst du den Krüppel pflegen, am Leben halten und schließlich, nach Tagen der Aufopferung, aufgeben müssen?«
Frank Brown blickte zu Boden.
»Dachte ich mir«, antwortete Robert White selbst. Er schritt auf seine Bande zu. »Whiteman! Phil ist tot und George wird ihm folgen, vielleicht nicht heute, aber in den nächsten Tagen. Wer will sich die Last aufbürden und George in den Tod begleiten?«
Niemand meldete sich. Einzig Charlie Mauve, der Phil Hunter gerade im Sattel verschnürte, horchte auf.
»Will keiner von euch den Sterbenden mit eingeweichtem Gras füttern, ihm den Wazoo abwischen und vor hungrigen Kojoten beschützen? Will keiner von euch hier bleiben, gekocht von der Sonne und dem brennenden Zug, und George den giftigen Schlangen übergeben, mit Glück nicht selbst zu den Schlangen rutschen?«
Erneut meldete sich keiner. Robert White zog seinen Revolver und drückte den Abzug nach hinten. Der Schlagbolzen krachte ins Leere. Die Kugel fehlte. George Bone zuckte kurz, mit dem Lauf vor der Visage und dem Nachhall der leeren Waffe in den Ohren. In aller Ruhe lud Robert White den 6-Schüsser nach.
»Bitte!«, flehte George Bone kreidebleich, »Es ist nur eine Fleischwunde. Morgen bin ich wieder auf den Beinen.« Dazwischen schleuderte blutiger Auswurf aus seinem Rachen.
»Ich!«, rief Charlie Mauve schließlich.
Robert White drehte sich zum Meuterer um. Sein Blick glich einem Todesurteil. »Geh nach Halifax, du verdammter Idiot! Bist du die Heilsarmee?«
»Ich bin kein Knochensammler!«
Die Whiteman hielten die Luft an, hinter ihren Halstüchern.
Robert White erzeugte eine künstliche Pause, seinen Revolver fertig ladend und die unerbittlichen Sonnenstrahlen genießend. »Okay«, sagte er dann, half George Bone hoch, der selig lächelte und erleichtert schnaufte, stützte ihn und zwang ihn in den ersten Waggon, der noch kein Feuer gefangen hatte, aber nur einen brennenden Waggon davon entfernt war.
»Nein, bitte!«, bettelte George Bone plötzlich wieder verzweifelt, als er realisierte, was ihm bevorstand.
Aber Robert White lud ihn im Waggon ab. Rauchschwaden aus den hinteren Waggons waren bereits vorgedrungen und nebelten die Szenerie ein.
»Wenn du dich aus dem Zug robbst, fängst du dir eine Kugel ein«, drohte Robert White bösartig und verdünnisierte sich, den wimmernden George Bone im Angesicht des herankriechenden Feuers, im Beisein dutzender Leichen, zurücklassend.
Draußen trat ihm Charlie Mauve entgegen. »Du Scheusal!«
Robert White schlug ihm mit der Faust gegen das Nasenbein, das dadurch knackte. Sofort schossen Blutfäden aus den Nasenlöchern. Charlie Mauve krümmte sich und hielt die Hände vors Gesicht. Hernach bekam er noch einen Fußtritt gegen die Schläfe und fiel gänzlich zu Boden. Dann kniete sich Robert White auf den weichen Hals, wodurch er wichtige Arterien und die Luftröhre abklemmte. Charlie Mauve hechelte, röchelte, keuchte, doch der Druck ließ nicht nach. Er bäumte sich auf, versuchte, sich dagegen zu stemmen, aber es half nichts. Er erstickte, bevor er das Bewusstsein verlor. Die anderen Whiteman sahen tatenlos zu.
Robert White holte Charlie Mauves Revolver aus dem Holster, klickte - von allen ungesehen - die Trommel seitlich heraus, ließ die Patronen, bis auf eine, in seiner Hand verschwinden, klickte die Trommel mit der einen Kugel nach einer schnellen Drehung wieder ein und reichte Viola Finch den Revolver, was Henry Gray verwundert quittierte und zum Schutz selbst Hand an seinen Waffengriff legte.
»Können Sie damit umgehen, Ms. Finch?«, fragte Robert White.
Viola Finch nahm den Revolver etwas ungeschickt entgegen, erstaunt über dieses Geschenk. Trotzdem bejahte sie.
»Sollte Sie ein Kojote belästigen«, er schaute zu Henry Gray, »drücken Sie ab.«
Henry Gray entfernte sich ein paar Yards und behielt sie im Auge, mit der Hand stets an der Waffe, in ihrem reizenden Rücken. Derweil holte Robert White den toten Phil Hunter wieder aus dem Sattel, um ihm im Staub, neben Charlie Mauve, verwesen zu lassen.
Viola Finch hatte ein Pferd und eine Waffe, aber sie hegte keinen Gedanken an Flucht, denn das versprochene Abenteuer im Westen begann gerade. Allein ihre Kleiderauswahl kontrastierte den Fortgang ihrer Geschichte. Der angewärmte, nach Whiskey, Urin, Zündplättchen und Eisen duftende Revolver fühlte sich ausgesprochen gut an in ihren Fingern. Sie rubbelte über das teils zerkratzte Metall.
Währenddessen fing auch der erste Waggon mit George Bone darin Feuer. Als dessen Schreie nach einem selbstbestimmten Schuss starben, machten sich die White Horses auf den Weg zu ihrer Schweinefarm, mit 2 Solopferden und 2 hübschen Damen im Schlepptau, weg von der lodernden Lok.
»Man kann nie sagen, in welche Richtung die Gurke spritzt.«
*aus Wild West Whim-Wham, New York City, 1888
Porter Point und Dave Star, beide schmutzig und verschwitzt mit 5-Zack-Stern und obligatorischem Schnauzbart für Ordnungshüter, schaufelten frisch ausgehobene Erde auf einen in schwarze Tücher eingehüllten Leib in einem 6 Fuß tiefen Grab auf dem Friedhof von Paradise City, wo einfache Holzkreuze ungeordnet einen Acker akupunktierten. Prediger Godfrey Parson stand daneben und stierte lustlos in die Ferne, wo die Sonne im Westen unterging, Bibel und Kreuzkette vorm Bauch haltend. Unter seiner Kutte quoll der Kilt hervor.
